1980/81 – Dylan befreit sich aus der Kirche

Mit der Sommertour in Europa und dem Album „Shot Of Love“ wendet sich Dylan wieder weltlicheren Sichtweisen zu/ Neues Buchprojekt

Bob Dylan, Toronto 1980, Copyright: Wikimedia Commons

Natürlich war es für die Dylan-Welt ein Schock, als ausgerechnet der große Individualist und Verwirrkopf Bob Dylan, sich ab 1979 freiwillig in ein festes Glaubens- und Gedankengebäude einmauern ließ. Ausgerechnet einer der großen kritischen und nonkonformistischen Stimmen der westlichen Welt fügte sich voll und ganz in die fundamental-evangelikale Vineyard Fellowship ein und ordnete sein gesamtes künstlerisches Schaffen der öffentlichen Darstellung seines neu gefundenen Gottesglaubens unter. 1979 und auch zu Beginn des Jahres 1980 erklangen nur neue, religiöse Songs auf Dylans-Konzerten.

Absatzbewegungen im Frühjahr 1980

Doch Dylan wäre nicht Dylan und wäre heute wohl ein zweifelhafter Sakro-Pop-Held in der evangelikalen Szene, wenn ihm dann nicht doch irgendwann das ganze Gedanken- und Organisationsgebäude der Evangelikalen zu einengend geworden wäre. „1980…hatte er die Fesseln der evangelikalen Orthodoxie bereits gelockert mit den beiden Songs, die er in jenem Frühjahr in jedem Konzert aufführte – „Ain’t Gonna Go To Hell“ und „Cover Down“. Nun war es an der Zeit, die Fesseln vollends zu zerreißen und die Empfindungen der Vergangenheit mit seiner neugefundenen Glaubensgewissheit zu verschmelzen“, schreibt Clinton Heylin in „Dylan.Gospel. Die rauen Töne der wahren Geschichte“.

Neue Themen im Sommer

Copyright: Lippmann+Rau

Den Sommer 1980 verbringt er zu einem großen Teil in der Karibik wo er bei den Bahamas mit seinem Boot segelt. Möglichweise eine wohl kalkulierte Absatzbewegung von der Enge der Vineyard Fellowship. Dort schreibt er mit „Caribbean Wind“ eines der zentralen Werke, dass seine Abkehr vom evangelikalen Fundamentalismus und dessen engstirniger Songmoral kennzeichnet. „Ich habe damit in St. Vincent begonnen, als ich in der heißen Sonne aus einem seltsamen Traum erwachte … Ich habe aus den falschen Gründen darüber nachgedacht, mit jemandem zusammenzuleben“, sagt Dylan in einem Interview für die Album-Box Biograph von 1985 zu Cameron Crowe. Und Paul Robert Thomas schreibt auf seinem Blog dazu: „Die Synthese aus apokalyptischer Einbildung und seinem vertrauten Thema der unzufriedenen Liebe war für seine Fans ein vertrauteres Terrain als alles, was er auf seinen beiden vorherigen Alben erkundet hatte, was darauf hindeutet, dass er zumindest lernte, seine Arbeit vor „Born Again“ zu assimilieren, anstatt sie zu ignorieren.

Alte und neue Lieder nebeneinander

Und Ende 1980 geht er schließlich mit seiner Band und den Sängerinnen auf die erste Retrospective-Tour. Er mischt neue und alte Songs. Danach schreibt Dylan wieder Songs und nimmt von März bis Mai 1981 das Album „Shot Of Love“ auf. Es ist gerade, weil es so merkwürdig zweigeteilt wirkt, ein Dokument des Übergangs. Songs wie „Heart Of Mine“, der Titelsong „Shot of Love” oder das für Dylan recht luftige “Watered-Down Love” künden von seinen Gedanken rund um falsche und echte Liebe, Lügen und Begehren. Und der Song „Lenny Bruce“ zeigt auf, dass er sich wieder an seine jüdisch-intellektuellen Wurzeln besinnt. Doch ausgerechnet das oben genannte „Caribbean Wind“ nimmt er nicht auf das Album. Stattdessen sind mit „Property Of Jesus“ und „Dead Man, Dead Man“ auch hier noch selbstzufrieden-religiöse Songs mit dabei.

„Shot Of Love“ als Wendepunkt”

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Aber wie auch immer: „Jedenfalls markierte ‚Shot of Love‘ Dylans ‚Wendepunkt‘, die langsame Abkehr von allzu rascher Bekehrung“, attestiert Dylan-Kenner Günter Amendt Dylans 1981er Album (in: The Never Ending Tour, Hamburg 1991, S. 42). Denn hier zeigt Dylan endlich nicht mehr die Selbstzufriedenheit und Absolutheit des Finders, sondern den Zweifel und die Zerbrechlichkeit des Suchers. Er sucht den Trost bei Gott. Gott ist seine persönliche Angelegenheit. Dylan will uns hier nicht mehr missionieren. Das spürt man in seinem schönsten christlichen Song „Every Grain Of Sand“. Und das ist allemal besser, als der Duktus „Ich habe Gott gefunden und wenn Du das nicht auch tust, wird es Dir schlecht ergehen“ seiner vorangegangen Platte, und leider auch noch der Hälfte von „Shot Of Love“. Dylan wendet sich nun wieder anderen Geisteshaltungen zu, scheint sich wieder kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und entdeckt seine Empathie für die Menschen wieder.

Neues Buch im Laufe des Jahres

Mit dieser Haltung geht er dann auf seine nächste Tour, die ihn nach ein paar Warm Up-Gigs in den Staaten, dann im Juni und Juli 1981 nach Europa und schließlich auch nach Deutschland führt. Was er da so spielte, mit welcher Haltung und künstlerischer Ambition er da auftrat, wie Fritz Rau das alles organisierte, wie man ihn hierzulande aufnahm und rezipierte – all das das wird Thema meines neuen Dylan-Buches über die Deutschland-Tour 1981 sein, das im Laufe des Jahres erscheinen soll. Seid gespannt!

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