Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Es ist alles im Fluss

21. Januar 2022

Lebensadern und Wasserstraßen: Der amerikanische Mythos „River“ hat auch in Bob Dylans Werk seinen Platz und wird von ihm vermischt mit der antiken Flusslehre

Copyright: Columbia Records

Ein weitere Folge zu den archetypischen Motiven der amerikanischen Folkmusik. Diesmal: Der „River“.

Flüsse sind Naturräume, die sich über unendliche Zeiten ihren Weg durchs Land gebahnt haben. Die Menschheit hat sie zu Kulturräumen gemacht. Wasserstraßen, die dem Transport von Menschen und Gütern dienen. Und die dann über diese profane alltägliche Nutzung hinaus wiederum in Kunst Eingang finden. Als Referenzobjekte und identitätsstiftende Merkmale bis hin zur mythischen Überhöhung. In der Volkskunst der populären amerikanischen Musik, insbesondere der Folk, Country- und Bluesmusik sind sie natürlich auch zu einem zentralen Bestandteil geworden. In Ablösung der Mythen der Native Americans, die als Naturvölker mit den Flüssen lebten.

Mythos Mississippi

Der größte amerikanische Mythos ist natürlich der Mississippi, der sich vom nördlichen Minnesota bis zum Golf von Mexiko erstreckt. Immer wieder besungen. Eines der bekanntesten Werke dürfte hier von Johnny Cash stammen. Dessen „Big River“ ist die Kulisse für eine Geschichte, in der Protagonist seiner großen Liebe entlang des Flusslaufs des Mississippi folgt. Die sehnsuchtsvolle und am Ende unglückliche Reise beginnt in St. Paul, Minnesota und führt über die Stationen Davenport (Iowa), St. Louis (Misssouri), Memphis (Tennessee), Baton Rouge (Louisana) schließlich nach New Orleans.

Wir nähern uns Dylans Flussgeschichten über die Verbindung zu Big River an. „Tangled Up In Blue“ ist auch eine unglückliche Verfolgungsjagd nach der großen Liebe (Siehe meinen letzten Betrag: https://cowboyband.blog/2022/01/07/bob-dylan-still-on-the-road-heading-on-a-train-riding-on-a-car/). Auch hier zieht der Sänger von Nord nach Süd, ist am Ende in Louisiana erst in Delacroix, dann in New Orleans angekommen. Der River spielt hier aber nur mittelbar eine Rolle. Aber wie er auch hier die amerikanische Landschaft und die traditionellen Folkmythen mit seiner ihm eigenen vertrackten Songmalerei – auch hier wird von Schauplatz zu Schauplatz gesprungen und die Erzählebenen und -perspektiven gewechselt – zusammenbringt ist faszinierend.

Der mächtige, unheilvolle Fluss

Zwei zentrale River-Motive spielen in seinen Songs eine Rolle. Da ist zum einen das immer wiederkehrende Bild des unheilbringenden unzähmbaren mächtigen Flusses. Vom 1967er „Crash On The Levee (Down In The Flood)“ über „High Water(For Charley Patton)“ von 2001 bis zu „The Levee’s Gonna Break“ von 2006 erzählt er von dieser Gefahr und orientiert sich dabei an den afroamerikanischen Songs dazu, die besonders voller Unheil waren, weil die Schwarzen ungleich mehr unter den Folgen solcher Flutkatastrophen leiden mussten. Siehe auch meinen Cowboy Band Blog-Eintrag „High Water Everywhere“: https://cowboyband.blog/2021/02/12/highwater-everywhere/

Der stoische Fluss

Und dann steht der Fluss bei ihm als Metapher für das stoische. Dylan interessiert nicht der Fluss als Wasserstraße, als Mittel, um unterwegs zu sein. Der Fluss ist da und er sitzt da und schaut ihm beim Fließen zu. Das ist das stärkste Bild dafür, nicht aktiv zu sein. Der Fluss ist aktiv. Aber ohne sich Gedanken zu machen – er fließt halt. Das ist seine Natur. Dylan selber ist reflexiv, ohne daraus unmittelbar Aktivität abzuleiten. Das scheint seine Natur.

Der Fluss steht in „Watching The River Flow“ aber auch für die Zeitläufte. 1971, als der Song geschrieben und aufgenommen wird, sind die Zeiten in Amerika hoch politisch. Alle wollen sie, dass Dylan wieder zum Anführer wird – was er ja nie sein wollte. Also verweigert er sich ein weiteres Mal. Er bleibt passiv und schaut den Dingen zu. Und erntet natürlich wieder Entrüstung.

Es ist so eine Art weiteres Manifest von Dylan, das dafür steht, sich vor keinen Karren spannen zu lassen. Ihn zu etwas zu zwingen, bringt nix. Er entscheidet wann und wofür er sich engagiert. Umso mehr erst die Überraschung über seinen Song „George Jackson“ 1971 und dann die Enttäuschung, dass wieder jahrelang kein politisches Engagement Dylans folgt. Erst 1975 sollte er sich für den schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter einsetzen.

Der Song vom „Big River“ durfte hier natürlich nicht fehlen. Copyright: Columbia Records

Panta Rhei

„Watching The River Flow“ ist über die Jahre immer wieder Teil des Live-Programms. In den jüngsten Konzerten – seit seinem großartigen „Shadow Kingdom“ spielt es auf der Bühne eine zentrale Rolle. Nicht mehr „Things Have Changed“ ist der programmatische Opener, sondern „Watching The River Flow“. Der alte Dylan sitzt wieder am Fluss. Er hat alles schon gesehen, Er macht sich nicht auf den Weg zu den Dingen, sondern wartet bis sie an ihm vorbeiziehen. Stoisch wie ein alter Häuptling der Native Americans. Dylan beobachtet, schwelgt in Erinnerungen an und den in Selbstverständigungen über seine „Rough And Rowdy Ways“, die das aktuelle Bühnenprogramm bestimmen.

Dylan weiß, dass alles im Fluss ist: „Panta Rhei“. Der alte Dylan mischt den Mythos River mit der Flusslehre Heraklits, Platons und Ovids. Dylan kennt seinen Ovid, der die Gedanken Heraklits als Fundament in seinen Metamorphosen darlegt. Er hat ihn in den letzten Jahren immer wieder in seinen Texten bemüht. Alles verändert sich, alles ist endlich. Auch Dylan selbst. Und das weiß er. Und kündigt uns gleich mal eine World Tour 2021 – 2024 an. Typisch Dylan!

Bob Dylan – Still On The Road, Heading On A Train, Riding On A Car

7. Januar 2022

Typisch amerikanisch ist auch Bob Dylan in seinem Werk immer unterwegs und würdigt Züge, Straßen und Autos

Copyright: Columbia Records

Es gibt eine Reihe von archetypischen Motiven im amerikanischen Folksong. Gott und Bibel, Mutter und Vater, die Range und die Ranch, die Liebe und die Eifersucht, Prediger und Mörder, Outlaws und Helden, Berge & Flüsse & Täler. In loser Folge gehe ich künftig den Spuren dieser Motive im Dylan’schen Werk nach. Heute geht es um das Grundmotiv des Unterwegs-seins.

Die Amerikaner sind immer unterwegs

In seinem wunderbaren Buch „Meine Reise mit Charly“ spießt John Steinbeck u.a. das „Nomadentum“ der Amerikaner auf, das „unterwegs-sein-wollen“: „In ihren Augen sah ich etwas, das ich wieder und wieder in allen Teilen Amerikas sehen sollte – ein brennendes Verlangen los­zu­ziehen, sich aufzumachen, egal wohin, nur weg. Sie sprachen leise darüber, wie gern sie eines Tages fort­gehen würden, los­ziehen, frei und ungebunden, nicht zu etwas hin, sondern einfach weg. Ich sah diesen Blick und spürte dieses Verlangen überall, egal wo ich hinkam, in jedem Staat. Fast jeder Amerikaner hungert danach, loszuziehen.“

Steinbecks Eindrücke sind nicht von der Hand zu weisen. Denn das Herumziehen, die Herumtreiber, aber auch die Verkehrswege und Transportmittel spielen seit jeher auch  eine große Rolle in der amerikanischen Folkmusik. Trails & Trecks, Cowboys & Hobos, Trains & Railroads, Cars & Trucks. Route 66 und Highway 61: Die Amerikaner sind seit der Pionierzeit immer unterwegs gewesen. Sie haben das Land erobert und die Vereinigten Staaten nicht nur mit Kriegen gegen die Ureinwohner, sondern auch mit Trecks, Rindertrails und Eisenbahnen immer weiter ausgedehnt. Die Sklaven sind mit der „Underground Railroad“ aus dem Sklavenhalter-Süden geflohen. Die durch die Sandstürme Entwurzelten der Dust Bowl Area der Great Plains zogen in den 1930er Jahren nach Kalifornien. Die Great Depression ließ viele Amerikaner auf die Suche nach Arbeit gehen. Der Highway 61 war für entlaufene schwarze Sklaven von Süd nach Nord der Weg in die Freiheit, mit dem Zug ging es später in der „Great Migration“ in den Norden zu einem besseren Leben.

Unterwegs auch weil sie müssen

Nach Jahrzehnten einer gewissen Domestizierung in der nivellierten Mittelstandgesellschaft der 1950er bis 1980er Jahre, haben die neoliberalen Exzesse in Politik und Wirtschaft in den letzten 40 Jahren zu einer Armut und Perspektivlosigkeit breiter Teile der Bevölkerung geführt. Aufgrund des Widerspruchs zwischen dem Streben nach dem eigenen Häuschen und der durch Hire und Fire-Kultur erzwungenen Mobilität sind „Mobile Homes“, Trailer und Wohnmobile zum fahrenden Domizil vieler Amerikaner geworden. Hobos und Wanderarbeiter sind wieder wie zu Zeiten der Great Depression eine nicht zu übersehende Realität in den USA geworden. Der Film „Nomadland“ zeigt dieses unstete Leben, immer auf der Suche nach dem nächsten Job. Die amerikanische DNA des Unterwegs-seins hat also klare ökonomische und gesellschaftliche Ursachen. Der American Folk Song modelliert daraus einen Mythos mit vielfältigen Ausprägungen.

Dylan ist auch immer unterwegs: Tangled Up in Blue

All dies findet sich auch im Werk Dylans wieder, der wie kein anderer die alten Folkversatzstücke mit Beatpoesie und -rhythmus vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre neu zusammensetzte. Von „Down The Highway“ bis „Tangled Up In Blue“ – auch Dylan ist immer unterwegs. Hat sich erst sein eigenes Nomadenleben ausgedacht, dann das Thema in sein Werk integriert und ist schließlich auf seiner Never Ending Tour zu einem Show- Business-Jet-Set-Hobo geworden.

Dylan wichtigstes Werk zum Thema „Unterwegs-sein“ ist natürlich besagtes „Tangled Up In Blue“. Die Road Movie-Geschichte von zwei Menschen, die sich stets anziehen, aber doch nie zusammenbleiben können und daher für immer gezwungen sind, auf Wanderschaft zu gehen. Und sich dabei in allerlei Jobs verdingen müssen. Der Sänger arbeitet erst im Norden bei den Holzfällern als Koch, dann heuert er im Süden auf einem Fischkutter an, er trifft sie wieder, als sie in einer „Oben-ohne-Bar“ arbeitet. Die Romanze ohne Happy End ist hier der Antriebsgrund, nicht ohne Eigenheiten der amerikanischen Geschichte und Gesellschaft aufzuspießen wie Sklaverei im Süden, Fischerei in Lousiana, Holzwirtschaft im Norden, Stimmungen in New Orleans. Und er geht auf seine Generation ein, die sich Mitte der 1970er doch von der Protestgeneration, die etwas Neues schaffen wollte zum gut verdienenden sesshaften Mittelstand gewandelt hat:

„All the people we used to know
They’re an illusion to me now
Some are mathematicians
Some are carpenter’s wives
Don’t know how it all got started
I don’t what they do with their lives“

Aber der Sänger tut dies nicht, er ist weiter „On The Road“:

„But me, I’m still on the road
Heading for another joint“

Copyright: Columbia Records

Dieser Zug hat’s in sich: Slow Train Coming

Doch auch die Züge und die Straßen hat Dylan besungen. In „It Takes Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ fährt der Sänger im Postzug und singt sein Lied zur Angebeteten. Und so wie der Zug im amerikanischen Folksong immer auch ein Synonym für politische Entwicklungen und Bewegungen war – vom abolitionistischen „Get Off The Track“ der Hutchinson Family bis zu Woody Guthries „Farmer Labor Train“ – so ist auch Dylans „Slow Train Coming“ eine amerikanische Zustandsbeschreibung. „Da kommt was Böses auf uns zu“. Eine recht dunkle Gesellschaftssicht, die suggeriert, es stehe nicht gut um Amerika. Für mich ist der Song in Anbetracht seiner damaligen evangelikalen Konversion und dem sich ankündigenden gesellschaftlichen Roll-back Reagans recht ambivalent. Er hat durchaus starke Bilder, greift durchaus reale Probleme auf, schlägt aber auch recht derbe nationalistische Töne an. Die Zeilen

„Sheiks walkin‘ around like kings, wearing fancy jewels and nose rings
Deciding America’s future from Amsterdam and to Paris“

sind nationalistisch, nicht patriotisch, da sie sich über andere Nationalitäten erheben und recht ruppig den angeblichen Verlust der Souveränität Amerikas beklagen. Auch ein Bob Dylan liegt mal daneben und der Song ist auch über die Jahre für mich keinesfalls besser geworden.

Vom Highway 61 auf die Desolation Row

Und natürlich besingt er auch immer wieder mal die Straßen. Ob puristisch-klassisch in „Down The Highway“ oder ausladend bildstark in „Highway 61“. Hier hat er den Blues-Highway, eine der „Schicksalsstraßen Amerikas“ zum Schauplatz der absurden Moderne auserkoren. Auch ein schönes Spiegelbild der Zeiten. Auch „Desolation Row“ ist eine Straße, die für Dylan zum Kristallisationspunkt der zivilisatorischen Widersprüche des 20. Jahrhundert wird, wenn er sowohl von Einstein und Robin Hood als auch von rassistischen Lynchmorden erzählt.

Der späte Dylan: Unterwegs in Cadillac und Chrysler

Dylan reichert also die alten amerikanischen Themen an, in dem er ihnen neue Wendungen gibt, die zu seinen Zwecken nutzt. Der späte Dylan schafft dies gemäß seiner Arbeit am idealtypischen Amerika vor allem durch Historisierung. Seine Theme Time Radio Hour von 2006 bis 2009 hat natürlich Episoden, in denen es um „Cars“, „Trains“ und „More Trains“ geht. Sogar dem Cadillac hat er eine eigene Sendung gewidmet, spielt das Gefährt, in dem Hank Williams starb, doch eine nahezu mystische Rolle in der Popkultur. Und er hat sogar Werbung für die Automarke gemacht. Ebenso wie für Chrysler.

Copyright: Sony Music Promo

Der alte Dylan: Watching The River Flow und „Like A Rolling Stone“

Der alte Dylan macht dagegen nur noch die allernotwendigsten Wege. Der sitzt eher wieder am Ufer: „Watching The River Flow“. Der Song war feste Säule seiner Herbstkonzerte 2021. Er macht sich nicht auf den Weg zu den Dingen, sondern wartet bis sie an ihm vorbeiziehen. Er erinnert sich dann an „Jimmie Reed“ und die Great Migration, an den Weg Caesars über den Rubicon und sinniert ansonsten über die letzten Wege des Menschen.

Dass er aber als Performer weiterhin vorhat, unterwegs zu sein, hat ja die Ankündigung der Herbsttournee gezeigt: „World Wide Tour / 2021-2024“ heißt es da. Seine Freude am Live-Auftritt scheint ja gemäß dem, was man von den jüngsten Konzerten hört, größer denn je.

Auch im hohen Alter bleibt Dylan immer noch „Like A Rolling Stone“.

Er malt sein Meisterwerk

29. Dezember 2021

Von Shadow Kingdom zur Rough And Rowdy Ways World Tour 2021-24: Innerhalb weniger Monate zeigt der 80-jährige Musik-Großmeister zwei ganz unterschiedliche Gesichter und schafft auf seinen Konzerten weiter große Kunst

Official Announcement, Copyright: http://www.bobdylan.com

Manchmal braucht es seine Zeit. Da ist man mit so vielen wichtigen Dingen im Alltag beschäftigt, da ist man nicht in der Lage, sich wirklich in Ruhe und ausführlich anderen wichtigen Dingen zu widmen. Mit Bob Dylans Herbsttour ging es mir so. Ich vernahm die Kunde, hörte in die Musik rein und war einfach erfreut, dass er wieder auf Konzertreise ging. Zu einer systematischen Beschäftigung aber kam ich erst jetzt, in den ruhigen Tagen zwischen den Jahren.

Aber kaum hörte ich wieder seine aktuelle Musik, las und hörte Konzerteindrücke und Musik der Auftritte in Milwaukee, Bloomington, Chicago, New York und Washington, da waren das alte Gefühl und vor allem die Einsicht wieder da: Er ist und bleibt für immer der bedeutendste Musiker in meinem Leben. Die Auseinandersetzung mit ihm als Person der Zeitgeschichte und mit seinem künstlerischen Werk ist unvermindert spannend und lohnend. Also hilft es nichts. Ich muss mich mit seinen aktuellen öffentlich konzertanten Leistungen auseinandersetzen und darüber schreiben.

Shadow Kingdom

Das Konzertevent kam für mich 2021 ungefähr genauso überraschend wie 2020 „Murder Most Foul“. Wer hatte damit gerechnet, dass Bob Dylan, während die meisten anderen schon wieder von Stream-Konzerten Abstand genommen hatten, nun plötzlich ein Online-Konzert ankündigte? Und streng genommen tat er es ja auch nicht. Denn das, was wir im Juli dieses Jahres sehen konnten, war die Mischung aus einem überlangen Video und einem kurzen Konzertfilm. Zu den typisch dylanesken Versatzstücken dieses durch und durch Sehens- und hörenswerten Werks – Schatten, Masken, Juke Joint, Zeitlosigkeit, Vielfältigkeit – habe ich in zeitlicher Nähe zur Ausstrahlung schon einiges bemerkt:
https://cowboyband.blog/2021/07/20/wo-viel-rauch-ist-ist-auch-viel-schatten/

Dann machten irgendwann im Spätsommer Gerüchte die Runde, Dylan würde zur Herbsttour aufbrechen. Es ploppten Termine auf, die wieder verschwanden, und just als die meisten die Hoffnung begraben hatten, war sie plötzlich da: Die Herbsttour. 21 Termine in knapp vier Wochen an 17 Orten. An Dylans langjährigen ausschweifenden Tour-Eskapaden gemessen ist das kurz und kompakt, für einen 80-jährigen jedoch absolut stark.

Rough And Rowdy Ways World Tour 2021-24

Und auch wenn ich bei keinem Konzert persönlich anwesend war. Was ich gelesen und vor allem gehört habe, reicht, um mir nach gut 45 Jahren eigener Bob-Geschichte, eine Meinung zu dieser „Rough And Rowdy Ways World-Tour“ zu bilden. Also dann!

Ich kann es mir nicht verkneifen, es zu fragen: Wird Dylan altersmilde? Selten war er so gesprächig wie heute. Stellt alle Musiker vor, reagiert schlagfertig auf Zuschauer und hat für jeden Konzertort ein Sprüchlein und nette Worte parat. Noch dazu ist die Bühne hell erleuchtet – sogar vom Boden aus – und damit  bieten die Konzerte visuell durchaus ein Kontrastprogramm zu Shadow Kingdom. Wird Dylan jetzt zum lieben Onkel Bob, zum verbindlichen Entertainer? Keine Sorge, die Performance, die Musik und die Texte sprechen immer noch eine andere Sprache.

„Rough And Rowdy Ways“ ist ein Album zu dem Dylan so sehr steht wie er schon lange nicht mehr zu einem Album gestanden hat. Wahrscheinlich so sehr wie seit der kontroversen Gospel-Phase nicht mehr. Also zelebriert er dieses Album mit acht Songs davon, dazu ein paar ältere Juwelen wie „Every Grain Of Sand“ oder „When I Paint My Masterpiece“, ein Sinatrastück. Es fehlen aber genau die, worauf er immer noch oftmals reduziert wird: die Protestsongs.

Bilanzierende Selbstverständigung und idealtypisches Amerika

Stattdessen webt Dylan seit Anfang dieses Jahrtausends stetig am Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerikas. Und wenn es bei „Rough And Rowdy Ways“ auch um vielerorts um Alterseinsichten, Selbstbesinnung und sein Verhältnis zu Gott geht, so ist auch diese Dimension voll da. Sei es mit „Key West“ als Sehnsuchtsort der amerikanischen Freiheit und Toleranz oder mit „Goodbye Jimmy Reed“ als Song, der amerikanische Themen wie Religion, Rassismus und populäre Musik verhandelt. An letzterem hat er auch mit der Song- und Künstlerauswahl seines „Theme Time Radio Hour“-Nachklapps zum Thema „Whiskey“ angeknüpft. Der überwiegende Anteil afroamerikanischer Künstler war sein Kommentar zum Rassismus in den USA und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nach der Ermordung George Floyds im Frühjahr 2020 in Minneapolis.

Bob Dylan live on stage 2021, Copyright: Wikimedia Commons

Beide Songs sind ebenso im Live-Programm wie „False Prophet“, sein „It Ain’t Me Babe“ des neuen Jahrtausends, oder „My Own Version Of You“, dessen absurd überspitzte Darstellung von Marx und Freud ja nur eine ironische sein kann, weiß Dylan doch genau, warum gerade die Mächtigen vor den Einsichten der beiden jüdischen Intellektuellen schon immer so vehement warnen.

Songs wie „I Contain Multidudes“ und „Mother Of Muses“ von RARW haben aber das Terrain vorgegeben, das Dylan nun auch in seinen Konzerten beackert: Selbstverständigungen, Erklärungen, Bilanzen. Was man im Spätherbst seiner Karriere wohl eben so macht. Aber natürlich macht das keiner so gut wie Dylan.

Textrevisionen

Martin Schäfer hat in seinem lesenswerten Aufsatz für „Key West“ im Frühling diesen Jahres auf die Textrevisionen Dylans sowohl auf www.bobdylan.com als auch in den letzten Buchausgaben dessen „Lyrics“ hingewiesen: https://keywestmagazin.com/2021/05/13/dylaneske-poetologie/ .

Auf der Bühne ist Dylan stets frei mit seinen Texten umgegangen, hielt sich aber im Großen und Ganzen an die Vorgaben. In jüngster Zeit hat er jedoch ziemliche Textrevisionen unternommen. So bei „To Be Alone With You“ oder auch „When I Pain’t My Masterpiece“. Und „Gotta Serve Somebody“ hat außer den ersten beiden Zeilen einen gänzlich neuen Text bekommen. Hier hat wiederum Laura Tenschert in ihrem spannenden Konzertbericht vom Dezemberkonzert in Washington auf ihrem Podcast „Definitely Dylan“ herausgearbeitet, dass die dichotomische Message bei GSS sich nicht geändert hat – „Entweder bist Du auf der Seite des Guten oder des Bösen“ – während „To Be Alone With You“ von einem lieblichen Liebessong zu einem düsteren (Alb-)Traum geworden ist und sich in eine Reihe, so Tenschert mit „Early Roman Kings“ und „My Own Version Of You“ einfügt. Wobei ich hier den Vergleich mit „Soon After Midnight“ noch passender finden würde, dessen Zeilen wirklich die „dünne Linie zwischen Liebessong und Mörderballade“ (Tenschert) beschreiten.

Oberthema: „Rough And Rowdy“

Dylan ist also keineswegs der harmlose joviale Unterhalter, wie die Äußerlichkeiten der Herbstkonzerte suggerieren. Nein, Dylan verfolgt auch hier ein klares künstlerisches Konzept. Seine „Rough And Rody Ways Tour“ versammelt eine ganze Menge „Rough And Rowdy Way-Songs“. Vielschichtige düstere Balladen wie „Black Rider“, My Own Version Of You“ oder „False Prophet“. Dazu kommen jüngere Songs, die schon zu diesem Label passen wie „Early Roman Kings“ oder eben den textlich völlig veränderten Song „To Be Alone With You“.

Selbst „When I Paint My Masterpiece“ – es gehört schon immer zu seinen „Selbstverständigungs-Songs – ist verändert. Jetzt lässt er kein Mädchen aus Griechenland mehr bei sich sein – nein er kehrt der Welt den Rücken, wenn er sein Meisterwerk malt. Und er muss vorher gründlich seine Kleider waschen und alles Fett abkratzen. Sprich: sich völlig von der Welt lösen. Dylan ist mit 80 Jahren entschiedener denn je.

Denn mit 80 Jahren bekennt er sich nochmal neu zu seinem Selbstverständnis als Künstlerpersönlichkeit: „I Contain Multitudes“, „False Prophet“, „Mother Of Muses“. Und zu seinem idealtypischen Amerika: „Key West“, „Goodbye Jimmie Reed“. Und zu seinem Glauben: „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“, Gotta Serve Somebody“, Every Grain Of Sand“.

Die Setlist als Summe der künstlerischen Einsichten und Bekenntnisse

Dylan zeigt uns als Summe seiner Karriere keine Setlist der größten Charterfolge, sondern eine Setlist, die seine künstlerischen und möglicherweise auch ein paar menschliche Einsichten sowie seine grundlegenden Bekenntnisse wiederspiegelt. Das kann nur Bob Dylan. Denn welcher Künstler außer Dylan würde es sich wagen, keinen einzigen seiner großen Hits zu spielen. Stattdessen nimmt er uns mit auf die Reise in sein künstlerisches „Hier und Jetzt“. Nicht der Entertainer als „Hit-Jukebox“, sondern der unvermindert kreative wie künstlerisch-potente Song-Bildhauer und Textmaler tritt da auf die Bühne nimmt uns jeden Abend mit in seine Werkstatt.

Im Spätherbst seiner Karriere ist Dylan mehr denn je ein Gesamtkunstwerk und seine eigene Erfindung. Ob der Maler, der Schöpfer von kunstvollen Gartentoren, der Whiskey Blendmaster Supervisor, der Radiomacher, der Songpoet und Live-Performer- alles nur verschiedene Aggregatzustände eines Elements: des großen Jahrhundertkünstlers Bob Dylan und seiner unstillbaren Kreativität, die fast nicht zu stoppen ist – „Sometimes I feel like my cup is running over“ (Masterpiece 2019/2021).

Musikjournalist, Blogger, Konzert-Kurator: Thomas Waldherr. Copyright: Cowboy Band Blog

All dies bekommt noch einmal eine besondere Qualität dadurch, dass Dylan mit 80 Jahren weitaus besser singt als mit 50. Und dass er sein Können als Arrangeur und Veränderer seiner Songs mittlerweile so perfektioniert hat, dass jeder neue Tourabschnitt große musikalische Überraschungen bietet. Und die Konzerte heute unterhaltsamer denn je sind.

Es ist daher nur zu hoffen, dass es die pandemische Entwicklung im Jahr 2022 ermöglicht, dass dieser Bob Dylan, dieser immer wieder aufs Neue großartige Künstler, weiter auf Tour geht. Wenn nicht, wäre das ein großer Verlust. Wir hoffen unvermindert das Beste!

Guten Rutsch und auf Wiederlesen in 2022!

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr. Auch wenn die pandemische und die politische Weltlage nicht unbedingt ein tolles und friedliches neues Jahr versprechen: Die Hoffnung bleibt!

Für das Interesse an diesem Blog bedanke ich mich sehr. Auch 2022 werde ich weiter an dieser Stelle meine Gedanken rund um Bob Dylan und Americana veröffentlichen. Es bleibt spannend!

Herzliche Grüße
Thomas Waldherr

John Mellencamp – immer noch unermüdlich, kreativ und engagiert

17. Dezember 2021

Der Heartland-Rocker wurde im Oktober 70 Jahre alt, hat eine starke Bindung zu Bob Dylan und bringt Anfang nächsten Jahres ein neues Album heraus

John Mellencamp, Copyright Wikimedia Commons

Er ist neben Bob Dylan, Bruce Springsteen und Neil Young der wichtigste lebende Vertreter der amerikanischen Rockmusik. Während Dylan dem Rock zu Hirn verhalf und den Rockstar als Maskenmann kreierte, Springsteen einen Sound erfand, der wie die gut geölten Maschinen des amerikanischen Arbeiters klang und Texte über die Underdogs singt und Neil Young immer wieder Folk mit Hippieträumen und Garagen-Grunge-Rock zusammenbringt, ist John Mellencamp der Heartland-Rocker. Aus dem mittleren Westen, irgendwo in Indiana, stammend, hat er sich über die Jahre vom Radio-Hit-Rocker – „Jack & Diane“, „Hurts So Good“, „Pink Houses“, „White Nights“ zum Folk- und Americana-Künstler entwickelt. Zwar hatte er immer schon Folk-und Roots-Einsprengsel mit Violine in seiner Musik, doch spätestens ab Ende der 1990er Jahre wird das zu seiner bestimmenden musikalischen Ausdrucksform.

Americana mit politischen Botschaften

2003 erscheint sein sinnstiftendes, stil- und genreprägendes Roots-Album „Trouble No More“ mit neu aufgenommenen und neu interpretierten klassischen Songs von Woody Guthrie bis Robert Johnson. Doch überstrahlt wird das Ganze von dem Skandal um seine Version des alten Charlie Poole-Klassikers „From Baltimore To Washington“, die eine Abrechnung mit Präsident George W. Bush darstellt. Die Folge: Viele konservative Country-Radiostationen boykottieren ihn. Doch dies ficht den überzeugten Demokraten nicht an. Mit Alben wie „Freedom’s Road“ und Songs wie „Our Country“ versucht er unermüdlich, das gute, das andere Amerika zum Leben zu erwecken.

Doch wo „Our Country“ 2007 noch wie der Song zum Optimismus der frühen Obama-Ära klang, so ist seine Musik in den letzten Jahren deutlich dunkler und ernüchterter geworden. Mit seinem Song „Easy Target“ kritisierte John Mellencamp zum Amtsantritt von Donald Trumps 2017 die gesellschaftlichen Zustände in den USA und geißelte unter anderem Waffengewalt, ethnische Ungerechtigkeit und Armut uns sagte im Interview:  „Das Land verändert sich langsam durch die Männer, die wir an die Spitze stellen, und ich habe Angst davor. Das Land hat sich verändert, durch das was passiert ist.“ 2020 auf dem Höhepunkt der Black Lives Matter-Proteste schließlich veröffentlichte er mit „A Pawn in the White Man’s Game“ einen Anti-Rassismus-Song in Anlehnung an Bob Dylans Klassiker „Only A Pawn In Their Game“.

Enge Beziehung zu Bob Dylan

Überhaupt hat Mellencamp eine starke Verbindung zu Bob Dylan. Denn er hat in jungen Jahren als „Bob Dylan-Jukebox“ angefangen. „Ich konnte jeden Bob Dylan-Song“ hat er mal in einem Interview gesagt. Heute ist der Mann aus Midwest mit dem großen Bob, der in diesem Jahr 80 geworden ist, befreundet. Und der sagt ihm schon mal unangenehme Wahrheiten wie „diese Aufnahme ist Scheiße, John“, wie Mellencamp in einem Interview zugab.

Dass Dylan aber trotzdem große Stücke auf John hält, beweist die exponierte Erwähnung in Dylans berühmter Musicares Speech 2015: „Und so wie mein Freund John Mellencamp singen würde – weil John heute etwas Wahres gesungen hat – eines Tages wirst Du krank und es geht Dir nicht besser.“

Neues Album – erstes Alterswerk?

Und nun also sein neues Album „Strictly One Eyed Jack“. Als Auskopplungen aus dem Album sind bislang „Chasing Rainbows“ und „Wasted Years“ erschienen. Letzteres ist eins von drei Duetten mit Bruce Springsteen, die auf der Platte sind. Der Song ist schon ein etwas resignativer Rückblick aufs Leben. Klar, wer für solche Ideale wie die beiden alten Knaben lebt, der kann nicht frohgemut sein ob der Zustände auf dieser Welt. Und besonders Bruce, der im September bereits 72 Jahre wurde sieht irgendwie alt aus. Auch „Chasing Rainbows“ ist ein altersweiser Song und erklärt Wahrheiten  über die Suche nach dem Glück. Man darf gespannt sein auf die anderen Songs, im Moment sieht es so aus, als wäre das neue Album die erste wirkliche Altersplatte des ehemaligen „Cougar“.

Abschiede ins Unbekannte

28. November 2021

„Gone“, das aktuelle Album von Tim Grimm, US-Folksänger aus Indiana, ist ein ruhiges, schönes Werk über Träume und Verluste

Copyright: Cavalier Recordings

Eigentlich wollte Tim Grimm – einer der wichtigsten zeitgenössischen Folksänger Amerikas, der auch schon Gast der Darmstädter Americana-Reihe war – in diesem Jahr gar kein Album veröffentlichen. Doch das Jahr 2020 mit Corona-Pandemie und einer immer größer werdenden sozialen Spaltung in der US-Gesellschaft, mit rassistischer Polizeigewalt und der Präsidentschaft Trumps ließen Songideen sprießen und ein Album wollte aufgenommen werden.

„Dieses Album ist … ernst, melancholisch und manchmal düster…. Aber ich betrachte diese Beschreibungen durch eine Linse, die auch das „Licht“ zulässt. Einer folgt dem anderen. Ich bin mit traurigen Liedern aufgewachsen – das waren die Lieder, die mir im Gedächtnis geblieben sind, die mich dazu bringen konnten, etwas zu „fühlen“. Das ist jetzt auch Teil meines Ziels als Songwriter“, beschreibt Tim die Grundstimmung seines Albums.

Was der USA verloren gegangen ist

Der Titelsong „Gone“ erzählt in bitterschönen, stimmigen Bildern davon, was in den USA verloren gegangen ist. Der Zusammenhalt, das Gefühl, ungeachtet der Herkunft, es zu etwas bringen zu können. Der amerikanische Optimismus, der Zusammenhalt – alles weg. Wegen Corona, wegen der immensen sozialen Ungleichheit, wegen des Rassismus, wegen Trump. Gegangen ist auch mit Tim Grimms Vorbild und Freund John Prine, einer der größten Songwriter Amerikas.

Tim veröffentlichte den Titeltrack im vergangenen Herbst als Single und er stieg schnell zum Nummer-Eins-Song des Jahres 2020 in den Folk-DJ-Charts auf. „Gone“ wurde auch als Song des Jahres bei den International Folk Alliance Awards 2021 nominiert. Der Titeltrack gibt die Richtung dieses melancholischen Albums vor, in dessen Zentrum neben „Gone“ zwei Abschiedssongs für verstorbene Menschen stehen. Für die junge Laura Pearl aus der Perpektive der Eltern gesungen und für den alten native American Joseph Cross, geschrieben vom ebenfalls 2020 verstorbenen Songwriter Eric Taylor.

Träume und Wehmut

Neben den Verlusten stehen die Träume in Mittelpunkt des Albums. „A Dream“ heißt denn auch der erste Song. Der Traum von einem Kind, das es nicht gibt. Vielleicht das Kind, das man wollte und das dann nie kam oder aber eine Vorahnung von dem was noch kommen kann. Tims Song schwebt hier über den klaren Antworten. Danach folgt „Carry Us Away“. Eigentlich ein klassisches amerikanisches Bild des Aufbruchs um es an einem Ort besser zu haben. Ein Weg, der im heutigen Amerika verbaut scheint,  in dem es entweder keinen Aufbruch mehr geben kann, zu hoffnungslos erscheint die Situation überall im Land, oder kein Ankommen mehr, wie der Film Nomadland über die Wanderarbeiter eindrucksvoll aufzeigt. So wird der Film eine Art wehmütiger Rückgriff. 

Zwei Songs fallen aus dem melancholischen Grundton des Albums heraus. Da ist zum einen „25 Trees“. Ein leichtfüßiger Song über das Auflisten von Buch- und Baumbeständen als stoische Antwort auf die Einsamkeit der Pandemie. Völlig ausgelassen aber ist der Talking Blues „Cadillac Hearse“. Eine Geschichte aus der Jugendzeit in den 1960ern, an dessen Ende der15-jährige einer Frau bei der Geburt geholfen hat. Sicher steht auch dieser Song für das Vergangene, aus dem aber Neues entstehen kann, und wie einen das überfordern kann.

Wohin geht die Reise?

Das Album ist mit seinen Erzählungen über Verluste und Träume ein Album, dass gut in diese Zeit passt. Es eine Zeit der Veränderungen, in der man von vielem Abschied nehmen muss, ohne konkret zu wissen wohin die Reise geht. Dies führt dazu, dass Träume und Albträume sich abwechseln und das Album stets in der Schwebe bleibt. Tim Grimm ist einfach ein großartiger Beobachter und feinsinniger Storyteller, der stimmige Metaphern ausbreitet. Begleitet wird er auf diesem feinen Folk-Album wieder von seiner Familie sowie zusätzlich von Susan Lindfors, der Witwe von Eric Taylor und seinen Freunden James Gilmer (Percussion) und Marco Feccio (E-Gitarre), die beide mit Eric spielten und Aufnahmen machten.

Ein Album mit dem Tim Grimm wieder einmal mehr seinen Status als einer der bedeutendsten Folksänger der USA unterstreicht. Ein melancholisches, manchmal leises, aber stets weises und sehr menschliches Album.

Tim Grimm: Gone

Erscheinungsdatum: 10. September 2021

Label: ‎Cavalier Recordings (Broken Silence)

Trackliste:

A Dream                                

Carry Us Away                     

Cadillac Hearse                   

25 Trees                               

Laurel Pearl                          

Joseph Cross                       

Gone                                     

Dreaming of King Lear     

A Dream (Reprise)            

What A Wonderful World…

26. November 2021

SONiA disappear fears wohltuendes und wärmendes Konzert beendete den diesjährigen Konzertreigen von „Thomas Waldherr präsentiert Americana“. Bei dem war Bob Dylan irgendwie immer auch dabei.

SONiA diappear fear beim Americana-Konzert in Darmstadt am 25. November, Copyright: Thomas Waldherr präsentiert Americana

Wundervoll. Wohltuend. Wärmend. Sonia Rutsteins (aka SONiA disappear fear) Konzert war genau das richtige zur richtigen Zeit. Wenn die Pandemie wieder anzieht und die Menschen sich wieder sorgen, da war SONiAs Konzert der Lichtblick, der Hoffnungsschimmer und die Ablenkung, die wir alle brauchen, um durch diese Zeiten zu kommen.

Allein ihre wundervolle Klavierversion des Klassikers „What A Wonderful World“ berührte schon die Herzen. Ebenso wie ihr zärtliches „The Princess & The Honeybee“. Sie ist eine wunderbare Menschenfreundin und Menschenfischerin, schnell hatte sie das Publikum in ihrem Bann und wechselte stets zwischen gefühlvollem und engagiertem Liedgut. Kaum einer beherrscht das so wie die mehrfach Grammy-nominierte US-Singer-Songwriterin, deren Cousin Bob Dylan und ihr wichtigster Einfluss Phil Ochs ist. Und so spielte sie John Lennons „Imagine“ ebenso wie ihren eigenen Protestsong „The Banker“, streute politische Mahnungen wie „By My Silence“ (nach Martin Niemöller) ebenso ein wie Songs über die eigene Identität („Me Too“).

Immer wieder kommt sie gerne nach Deutschland und so sang sie selbstverständlich auch in Darmstadt „Wandering Jew“, ihr Lied über ihre starke Beziehung zu Deutschland und vor allem zu den Menschen, die sie dort kennengelernt hat. Nachdem dann auch der Kurator der Konzert-Reihe zum Gesangsauftritt auf die Bühne gerufen wurde und SONiA ihn zu Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“ begleitete, endete das Konzert dann mit der Zugabe und den Klängen von Leonard Cohens „Hallelujah“. Es folgten Jubel und Applaus und einige wollten gar nicht nach Hause. Wir sehen uns wieder, liebe Sonia, wir freuen uns sehr darauf!

„Wenn wir spielen können, spielen wir“

Mit diesem Konzert geht also die Herbstsaison 2021 zu Ende. Wir sind froh, dass wir dieses Konzert noch stattfinden konnte. Oder wie ich zur Begrüßung gestern sagte: „Solange wir spielen können, spielen wir auch“. Möglicherweise kommen demnächst doch noch mal ein Lockdown oder schärfere Kontaktbeschränkungen. Dennoch bleibt die Hoffnung bestehen, dass wir Ende Januar ins Programm 2022 starten können. Absagen kann man, wenn es sein muss, immer noch. Aber dem Publikum und den Künstlern zu zeigen, wir haben was vor, wir wollen was bieten, wir planen was, das ist uns schon wichtig. Daher liegt der Programmflyer für das 1. Halbjahr 2022 auch schon vor und wird verteilt.

2022 etwas weniger Dylan im Programm

Bob Dylan ist eine der Stifterfiguren der Darmstädter Americana-Reihe. Neben Woody Guthrie, Pete Seeger oder Johnny Cash. Darum war es auch sehr passend, dass alle Künstler der Veranstaltungen im Jahr seines 80. Geburtstages eine Beziehung zu Dylan hatten bzw. aufbauten. So wie Romie mit ihrem wunderschönen Cover von „Don’t Think Twice“. Oder die Woog Riots mit ihrem Bob Dylan-Song und Hannah & Falco, die neben Künstlern wie Dan Dietrich, Wolf Schubert-K. oder Martin Grieben – allesamt bekannt als Dylan-Afficionados – sich Dylan wunderbar annäherten. Von Oliver Mally mit seinem Dylan-Cover-Album oder Sonia Rutstein als Cousine des großen Songpoeten ganz abgesehen.

SONiA am Flügel auf der Bühne der Bessunger Knabenschule, Copyright: Thomas Waldherr präsentiert Americana

2022 werden wir uns erst einmal etwas von Dylan entfernen. Wobei ein Dylan-Song eigentlich für jeden Künstler, der in der Americana-Reihe auftritt „Pflicht“ ist. Na, ja, jedenfalls wünscht sich das der Kurator immer. Mal schauen. Wir werden mit Sofia Talvik und Menna Mulugeta starke Frauen erleben, Hannah & Falco, das junge Folk-Duo aus Würzburg, bekommt einen eigenen Abend und wir werden mit einem musikalischen Vortragsabend mit Cuppatea und Steffen Lehndorff zum „New Deal“ in den USA auch wieder einmal eine etwas politischere Veranstaltung durchführen. Um dann doch mit Dylan das Halbjahr zu beschließen. Aber mit einer etwas anderen Perspektive. Martin Grieben und ich gehen mit einem Bühnenabend dem komplexen Verhältnis zwischen John Lennon und Bob Dylan auf den Grund.

Mehr zu alldem zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt verschnaufen wir erstmal und schauen, was die nächsten Tage bringen. Aber wie auch immer: Die Musik bleibt und wir stehen bereit, sie auf die Bühne zu bringen.

Zwei Videos von SONiAs Darmstädter Konzert:

Bernie Conrads (1950 – 2021)

19. November 2021

Am 17. November ist Bernie Conrads gestorben. Mit „Bernies Autobahn Band“ und als Songwriter für Peter Maffay, Stefan Stoppok und andere hat er deutsche Musikgeschichte geschrieben.

Bernie Conrads, Copyright: Folk Freak

Ich hatte gerade Bob Dylan für mich entdeckt, da sah ich Ende der 1970er erstmals Bernies Autobahn Band als Straßenmusiker in der Darmstädter Fußgängerzone. Die Musik war Folk-Rock mit einem Schuss Country, die gefiel mir sehr, war ich doch über die Musik des Albums „Desire“ und dem Song Hurricane zu Dylan gekommen. Tatsächlich hatte Bernie viel mit Dylan am Hut. Damals spielten sie immer wieder „Is Anybody Goin‘ To San Antone“, den u.a. ja auch Doug Sahm mit Dylan aufgenommen hatte und ich dachte lange fälschlicherweise das sei ein Dylan-Song. Ich sah BAB noch mehrmals in den 1980er Jahren, u.a. beim Folk-Fest im Darmstädter Schlosshof, das es schon lange nicht mehr gibt.

Bernie Conrads Songwriting auf Deutsch und sein markant-lässiger Gesang öffneten Tore für viele andere. Sie adaptierten amerikanische Folk-Rock-Elemente und mischten sie mit Liedermacherkunst. Damit unterschieden sie sich von manch allzu pathetischer Ernsthaftigkeit in deutschen Liedermacherkreisen. Und trotzdem waren Bernie Conrads‘ Songs auf subtile Weise politisch und die Band war in den bewegten 1980er Jahren eine ganz klar engagierte Band. Gegen Startbahn West, gegen Nachrüstung, gegen Ausländerfeindlichkeit.

Wie gesagt, Bernie Conrads hatte mit Dylan viel am Hut. Trotzdem beschränkte er sich bei deutschen Dylan-Adaptionen. Er hatte selber viel zu sagen und wollte wohl auch nie zum Dylan-Cover-Artist werden. Aber wenn er es machte, dann war es stets richtig gut. Nach „Weit weg, lange her“ (Long Ago, Fa Away) und „Wenn es Nacht wird in der Stadt“ (Just Like Tom Thumb’s Blues) ließ er vor ein paar Jahren noch „Schicksal“ folgen, eine wunderschöne Version von „Simple Twist Of Fate.

Er war einer der besten Songwriter, den dieses Land je hervorgebracht hat. Ruhe in Frieden, Bernie Conrads.

Temperamentvoll, quirlig, engagiert

5. November 2021

SONiA disappear fear kommt am 25. November wieder in die Darmstädter Americana-Reihe

SONiA disapper fear, Copyright Lea Morales

Sie ist ein gern gesehener, regelmäßiger Gast der Darmstädter Americana-Reihe und verkörpert wie kaum ein anderer Künstler die Haltung der Konzertserie auf der Seite eines friedlichen, vielfältigen und solidarischen Amerikas: Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear. Am Donnerstag, 25. November, tritt die mehrfach Grammy-nominierte Singer-Songwriterin und Cousine Bob Dylans nun erstmals in der neuen Spielstätte von Thomas Waldherrs Reihe, in der Bessunger Knabenschule auf. Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 12 Euro (ermäßigt 10 Euro). Tickets gibt es unter www.knabenschule.de . Die Künstlerin steht für eingängige Folk-Rock-Melodien und eine temperamentvolle, energiegeladene Performance, in ihren Liedern wendet sie sich gegen Homophobie, Rassismus und Gewalt.

Gerne in Deutschland

Die kleine, ebenso zierliche wie quirlige Musikerin ist trotz der immer noch akuten Pandemie nach Deutschland gekommen. Dort gibt sie nicht nur Konzerte, sondern ist auch anderen Aktionen beteiligt. „Ein weiterer wirklich toller Grund, warum ich auf dieser Tour bin, sind Songwriting-Workshops“, sagt sie. „Sowohl in Rosenheim als auch in Hof habe ich Songwriter-Workshops mit je 22 zuvor ausgewählten 22 Schüler:innen geleitet. Daran teilzuhaben, wie aus nichts ein gemeinsames Werk entsteht, war und ist eine großartige Erfahrung. Das waren sehr spannende Tage.“

Für den 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, ist ein globales, virtuelles Livestream-Konzert in einer Synagoge in Freudental geplant. Der kostenlose, globale Livestream wird auf der Facebook-Seite SONiA disappear fear übertragen. Sie tritt ganz bewusst als amerikanische Jüdin an diesem Abend in einer Synagoge in Deutschland auf. „Ich liebe und vertraue Deutschland jetzt. Ich fühle mich hier willkommen und sicher. Deutschland war auch die Heimat meiner Vorfahren“, erklärt die in Baltimore lebende Künstlerin. Und setzt eine ganz klare programmatische Aussage als Überschrift zu diesem Konzert: „Wir müssen uns daran erinnern, was passiert ist, um es niemals wieder zuzulassen.“

Überhaupt ist die Beziehung Sonia Rutsteins zu Deutschland mittlerweile sehr eng, sie hat über die Jahre viele Freunde hier gewonnen. „Ich fühle mich hier sehr zu Hause. Das Tolle ist, dass meine Freunde hier mich voll und ganz unterstützen“, bestätigt sie.

Vorbild Phil Ochs

Zwar ist sie die Cousine von Bob Dylan – ihre gemeinsame Tante Harriet Rutstein lehrte den jungen Bobby Zimmerman das Klavierspiel – und verehrt den Künstler und seine Musik sehr (ein Dylan-Cover ist meistens im Gepäck), musikalisch beeinflusst hat sie aber vor allem Dylans Zeitgenosse Phil Ochs. „Ich fühle mich so verbunden mit seinen Liedern. Es waren wirklich seine Lieder, die ich im Alter von 16 Jahren entdeckte, die mir das Gefühl gaben, nicht allein auf dieser Welt zu sein“, erinnert sie sich. Und bis heute begleiten sie diese Lieder. „Viele seiner Lieder habe ich schon ganz früh in meinem Gitarrenleben gelernt. Obwohl die meisten von ihnen recht politisch sind, durchdringen Themen wie Rassismus, Ungleichheit, faschistische Regierungen und Gewalt unsere Gesellschaften noch heute. Seine Lieder müssen also immer noch gehört, überdacht und genossen werden.“

Überhaupt ist ihr humanitäres und gesellschaftliches Engagement sehr wichtig. Sie engagiert sich seit langem gegen Rassismus und Homophobie und seit einigen Jahren für die Freilassung von Nudem Durak. „Nudem Durak ist eine junge Frau aus der Türkei, die brutal behandelt und eingesperrt wurde, nur weil sie auf Kurdisch gesungen hat. Ich glaube, das eigentliche Verbrechen ist das Gesetz gegen die Freiheit, sich auszudrücken. Also schrieb ich ein Lied auf Kurdisch und Englisch, um Nudems Kurdisch lebendig zu halten. Der Text von ‚A Voice for Nudem Durak‘ erklärt alles in nur vier Zeilen: ‚Wir werden für dich singen / Deine Stimme wird gehört / Wir sind eine Familie / Wir sind eine Welt‘.“

Auch zur Situation in den USA hat sie eine ganz klare Haltung: „Ich bin eine progressive Demokratin. Ich unterstütze Bidens Agenda. Die amerikanische Freiheit und der Fortschritt scheinen im Todesgriff festgehalten zu werden. Wir werden von eiskalten, narzisstischen Republikanern erwürgt, die das Feuer der Unwissenheit und des Hasses anheizen. Es ist barbarisch.“

„Wärme des Darmstädter Publikums“

Kein Wunder, dass sie da immer gerne zu ihren Freunden nach Deutschland kommt und dabei seit einigen Jahren auch immer wieder nach Darmstadt: „Ich liebe es total, Teil dieser besonderen Musikserie zu sein. Ich fühle mich geehrt, daran teilzunehmen. Da ist eine Wärme des Publikums, die ich von meinem ersten Auftritt in Darmstadt an gespürt habe.“

Americana-Kurator Thomas Waldherr blickt voller Vorfreude auf SONiAs Auftritt: „Sie ist eine gute Freundin. Sie war zuletzt 2019 Teil des großen Pete Seeger-Abends und wird nach erstmals nach 2018 wieder mit einem Soloprogramm bei uns an den Start gehen. Sie verkörpert mit ihrer Musik und ihrer Person die Haltung, für die unsere Americana-Reihe steht. Das wird ein stimmungsvoller Abend.“

Du kannst den Teufel nicht schlagen

29. Oktober 2021

Blues, Dylan und viel Humor: „Sir“ Oliver Mally begeistert bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“

Es war ein funkensprühender, fantastischer Abend: „Sir“ Oliver Mally eroberte am Donnerstag die Herzen des Publikums in der vollbesetzten Halle der Bessunger Knabenschule im Sturm, und legte ein in der Darmstädter Americana-Reihe wirklich denkwürdiges Konzert hin. Mit eigenen Blueskompositionen, Blues-Klassikern und ein paar Dylan-Covern – vorgetragen mit Kraft, Feinheit, Herzenswärme und viel Humor – hielt er die Zuhörerschaft mehr als zwei Stunden in seinem Bann.

„Sir“ Oliver Mally, Foto: Americana

Virtuosität und Humor

Dabei lotet Mally die Grenzen des Blues bewusst aus, spielt virtuos sowohl mit den musikalischen Bluesmotiven, als auch mit den ewigen Bluesthemen von Liebe, Verlust, Einsamkeit und Alkohol. Er meint sie ernst, aber er persifliert sie gelegentlich. Er nimmt sie auf die Schippe, aber er kompromittiert sie nie. Sagenhaft wie er in „You Can Beat The Devil“ die Szene eines Trinkenden an der Bar bis zum letzten auskostet, dabei in komödiantischer Art das Kazoo spielt. Überhaupt ist dieser Oliver Mally aus der Steiermark ein Komödiant. Ebenso unterhaltsam wie seine Musik sind auch seine Sprüche und Erzählungen zwischen den Songs. Besonders schön seine Geschichte aus Bielefeld, als das nur fünfköpfige Publikum bei schnellen Stücken keine Regung, um dann aber beim ganz sentimental-leisen „Sweet And Fine“ plötzlich auf der Tanzfläche abzugehen. Dies führt zu großem Amüsement des Darmstädter Publikums.

Den Menschen zugewandt

Und das alles tut er ganz den Menschen zugewandt, er genießt den Zuspruch des Publikums, und gibt ihn immer wieder zurück. Da ist einer auf der Bühne ganz in seinem Element. Wenn er zu sdeinen Gitarrenläufen immer wieder einmal seufzt oder kurze Rufe der Begeisterung ausstößt, dann merkt man, wie sehr er in seiner Musik aufgeht. Aber Mally ist nicht nur die Rampensau, sondern auch ein sensibler Sänger und Poet. Das beweist er beispielsweise auch in seinen Verneigungen vor dem Songwriter-Papst himself, Bob Dylan. Wie zärtlich Mally „Simple Twist Of Fate“ spielt, rührt einen an. Der „Sir“ hat zum schwierigen Feld der Dylan-Covers die richtige Einstellung gefunden. Den eigenen Stempel aufdrücken, ohne die großen Werke zu zerdrücken. Es gelingt ihm großartig.

Umjubeltes Konzert

Seine Stücke wie „21st Century Blues“ oder „Butterfly Girl“ sind Blues und Folk auf hohem musikalischen Niveau, daneben spielt er immer wieder mal ein Cover, so auch das wunderbare „My Old Friend, The Blues“ von Steve Earle, ebenfalls einer der Höhepunkte des Abends. Am Ende spielt er „Like A Rolling Stone“ und dann noch ein paar Zugaben und schließt mit „Time“, einem langsamen und leisen Stück von Tom Waits dieses Konzert der Extraklasse ab. Der Rest ist Jubel. Der „Sir“ hat wieder einmal alle für sich gewonnen!

Video: „One Too Many Mornings“

Video: „You Can’t Beat The Devil“

The Ballad of Bessie and Bill

22. Oktober 2021

Liebe im bigotten US-Süden der 1950er Jahre: Die komplexe Geschichte von Bessie Lee Mauldin und Bill Monroe. Einer ihrer wichtigsten Bluegrass-Gospels fand auch den Weg in Bob Dylans Repertoire

Bessie Lee Mauldin und Bill Monroe, Copyright: Jim Pleva, Golden Stars

Zwei Dinge vorneweg. Es geht mir hier nicht darum, Menschen rückwirkend anzugreifen und auch nicht darum einen großen „Scoop“ zu landen. Motto: „Wusstet Ihr schon?“ Wenn ich hier eine Geschichte aufgreife, die auch die „private“ Seite zweier Künstler betrifft, dann deswegen, weil sie beispielhaft steht für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Countrymusik im letzten Jahrhundert. Rahmenbedingungen, die leider keineswegs überwunden sind, sondern Teil des Kulturkampfes sind, in denen die USA derzeit gefangen sind. Doch der Reihe nach.

Eine Frau bei den Bluegrass Boys

Im Rahmen meines jährlichen Seminars „Musik ist politisch“ in Malente stellte ich vor ein paar Wochen den Bluegrass als eine spezielle Variante der Countrymusik vor und spielte ein Stück von Bill Monroe an. Auf die Frage, wer denn hier bei Bill Monroe & His Bluegrass Boys den Bass spiele, antwortete ich nach kurzer Recherche selbst erstaunt: „Eine Frau! Bessie Lee Mauldin.“ Eine Frau bildete das musikalische Rückgrat der Bluegrass-Buben. Und das nicht nur für ein paar Stücke. Nein, von 1953 bis 1964 spielte sie den Stand Up-Bass in Monroes Band.

Doch mehr als das. Bessie und Bill waren lange Jahre ein Paar. Und schrieben zusammen Gospels wie „A Voice From On High“, den sogar Bob Dylan einige Zeit lang in seinem Live-Repertoire hatte. Sie waren ein Paar, obwohl Bill zeitgleich mit Carolyn Brown verheiratet war. Noch habe ich nicht Richard D. Smiths Monroe-Biographie „Can’t You Hear Me Callin‘: The Life of Bill Monroe, Father of Bluegrass“ gelesen, die im Jahr 2000 erschien und deren Beziehung breiten Raum gibt. Ja, erstmals im Jahr 2000 gab man dem Raum, denn Bessie und Bills Beziehung spielte und spielt in Publikationen oder Dokumentationen über Monroe sonst keine Rolle.

Bessie – die vergessene Musikerin und Partnerin

So ist Bessie namentlich im 1993er Filmspecial „Bill Monroe – Father Of Bluegrass“ überhaupt nicht erwähnt. Etliche ehemalige Mitmusiker von Monroe kommen in dem Film vor. Sogar Arnold Shultz, der schwarze Musiker von dem der junge Bill viel gelernt hat, wird kurz auf einem Foto gezeigt. Bessie aber, die vier Jahrzehnte mit Bill zusammen war, fast zwölf Jahre für ihn spielte, seine Co-Autorin war, und ihn zu seinen großen Bluegrass-Songs wie „Blue Moon Of Kentucky“ inspirierte, kam nicht vor. Warum?

Es muss ein schwieriges Leben für die beiden gewesen sein. Da machte man zusammen Musik und war jahrelang im Tourbus zusammen unterwegs und musste sich ständig kontrollieren, damit nichts ruchbar wurde. Da sang man fromme Lieder und war damit im bigotten Süden gezwungen, auch die christlichen Moralvorstellungen zu leben. Wenigstens nach außen. Offiziell verheiratet war Bill mit Carolyn Brown. Seine Frau wohnte auf seiner Farm. Auf einer weiteren Farm, die er kaufte, lebte er mit Bessie zusammen. Doch es kam nie zum Skandal. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte? Noch nicht einmal ein schwerer Autounfall, dass das Paar nach der Teilnahme (gemeinsam oder getrennt?) an einer Fuchsjagd hatte, führte nicht zu öffentlichem Wirbel über ihrer Beziehung. Heute kaum vorstellbar.


Copyright: Little, Brown and Company

Auch die Scheidungsklage von Carolyn Brown 1960 änderte nichts allgemeinen Stillschweigen. Carolyn beschuldigte Bill des Ehebruchs und ließ sich 1960 von ihm scheiden. Das Scheidungsurteil -auch wieder eine spezielle Südstaatennummer – verbot Monroe, Mauldin zu heiraten, solange Carolyn Brown lebte. Also führte man die „wilde Ehe“ fort, doch 1964 verließ Bessie die Band. Noch fast zwanzig Jahre dauerte ihre Beziehung an, dann starb Bessie 1983 an einem Herzanfall. Nur wenige Monate später starb Carolyn. 1996 dann Bill.

Noch bis in die jüngste Vergangenheit wurde darauf gedrungen, dass diese Seite Monroes nicht öffentlich ausgebreitet wird. So wurde das Biopic „Blue Moon Of Kentucky“, für dessen Umsetzung sich der Produzent Trevor Jolly nun schon seit mehr als zehn Jahren engagiert, von den Nachlassverwaltern von Monroes Childhood-Home in Rosine, Kentucky, nicht gern gesehen, weil darin auch Bessie und Bills Beziehung zentral thematisiert werden sollte. Bill Monroe sollte nicht als normaler Mensch, sondern als fromme, unbefleckte musikalische Ikone gesehen werden. Ob der Film je zustande kommt, steht übrigens weiter in den Sternen.

Die wichtige Rolle der Frauen in Country und Folk

Es ist nicht nur der menschliche Aspekt, der einem dabei so frösteln lässt. Dass die große Liebe seines Lebens, weil sie nicht zu den herrschenden Moralvorstellungen passt, verschwiegen wird und wurde- auch von Monroe selbst – ist tragisch. Doch die wichtige Rolle, die Bessie als Bassistin, Co-Autorin und Inspirationsquelle für Bill und damit für den frühen Bluegrass gespielt hat, wird damit gleich mitverschwiegen. Auch die Bluegrassmusik, die von der schottisch-irischen Tradition des Appalachen-Folk abstammt, dessen „High Lonesome Sound“ ja der von Frauen war, ist keine reine Männergeschichte. Neben Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Flatt & Scruggs sind eben auch Frauen wie Hazel Dickens, Alice Gerrard, Bessie Lee Mauldin und Sally Ann Forrester für das Entstehen und den Aufstieg des Bluegrass mitverantwortlich. Das dies weiterhin gerne vergessen wird, liegt an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Denn die bigotten christlichen Moralvorstellungen des Südens und die Disqualifizierung von Frauen finden sich nicht nur immer noch in konservativen und reaktionären Kreisen im Süden, sie sind sogar wieder auf dem Vormarsch. Man denke nur an die frauenfeindlichen Abtreibungsgesetze in Texas, eine der bedenklichsten Auswüchse des oben genannten Kulturkampfes.

Es lohnt sich, einmal ausführlicher auf die wichtige Rolle der Frauen im frühen Country und Folk zu schauen. Ein erster Beitrag von mir hierzu ist diese Geschichte, ein weiterer mein Artikel zu Frauen wie Sara & Maybelle Carter, Aunt Molly, Alice Gerrard, Kitty Wells, Patsy Cline oder Jean Ritchie in der nächsten Ausgabe von Key West, dem deutschsprachigen Dylan und Americana-Magazin. Denn auch Bob Dylan ist von dieser Musiktradition beeinflusst. Wie „A Voice From High On“ ja deutlich zeigt.

Bill Monroe & His Bluegrass Boys -Blue Moon Of Kentucky

Bill Monroe & His Bluegrass Boys – A Voice From On High

Bob Dylan – A Voice From on High (ab 1:40 min)