Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Die schwarzen Wurzeln des „King Of Rock’n‘Roll“

1. Juli 2022

Baz Luhrmanns Film „Elvis“ ist nicht nur ein rasanter Ritt durch Presleys Leben, der in opulenten Bildern schwelgt, er nimmt auch die afroamerikanischen Wurzeln dessen Werkes so ernst wie kein anderer Film vorher.

Copyright: Warner Bros. Pictures

Wenn selbstbewusste, gesellschaftskritische afroamerikanische Roots-Musiker wie Gary Clark Jr. und Yola im neuen Elvis-Biopic mitspielen, dann tun sie das, weil sie die Rolle der afroamerikanischen Musiker für die Entstehung des Rock’n’Rolls und die Karriere dessen Königs, Elvis Presley, in diesem Film endlich hinreichend gewürdigt sehen. Und tatsächlich: Selten wurden so klar diese Voraussetzungen für die Entstehung des Musikers Elvis Presley gezeigt wie hier.

Zwischen Juke Joint und Zeltgottesdienst

Nachdem sein Vater ins Gefängnis kommt, ist die Familie finanziell notleidend und gezwungen, als weiße Familie in eine schwarze Gegend zu ziehen. Auf die andere Seite der Gleise sozusagen. Und hier im Schwarzen-Viertel lernt der kleine Elvis Blues und Gospel kennen. Feiner Kniff des Regisseurs, die Nähe von Blues und Gospel bildlich durch die räumliche Nähe von Juke Joint und Zeltgottesdienst darzustellen. Und beides fasziniert Elvis. Die laszive, körperlich befreiende Kraft des Blues (hier singt Gary Clark Jr. als Arthur Crudup) und die spirituelle Extase im Gospel-Gottesdienst. Wenn dort auch noch „I’ll Fly Away“ gesungen wird, das ja auch von den Weißen als Country-Gospel gesungen wird, dann wird endgültig klar, wie durch die Vermischung von weißen und schwarzen musikalischen Traditionen der Rock’n’Roll geboren wurde. Und nebenbei wird klar, dass Erweckungsgottesdienste und religiöse Extase der Südstaatenkirchen, den Baptisten und den Pfingstlern, ebenfalls Wurzeln des Rock’n’Roll sind.

„Musikalischer Direktor“ des Films ist Dave Cobb, Produzenten-Wunderkind aus Nashville (Chris Stapleton, Brandi Carlile, Jason Isbell), der hier absolut gute Arbeit geleistet hat. Zu den faszinierendsten Szenen des Films gehören Elvis‘ Eintauchen in die afroamerikanische Kultur in der Beale Street. Hier singen Big Mama Thornton, Sister Rosetta Tharpe und Little Richard und B.B. King ist für Elvis eine Art Freund und Lotse durch diese Welt. Der Rock’n’Roll kam aus dem Rythm & Blues und der war afroamerikanisch und auch weiblich. Insofern ist dieser Film starke Musikgeschichtsschreibung.

Der „Einseifer“

Nicht so gut kommt im Film die Welt der Countrymusik weg. Hank Snow wird als bornierter, weißer Südstaatler dargestellt, während sein Sohn Jimmie Rodgers (!) Snow schnell merkt, welch musikalische Revolution sich da mit Elvis ankündigt. Der merkt, dass da auch Country-Wurzeln drin sind, während Vater Snow das trennende, die Farben der Akteure, betont. Im richtigen Leben wurde übrigens Sohn Snow nach einer kurzen Musikkarriere evangelikaler Prediger. Dass aber auch Afroamerikaner Countrymusik mögen und Elvis immer wieder auch Countrysongs spielte, kommt im Film leider nicht vor, schmälert aber die wichtige Musikgeschichtsschreibung des Streifens nicht.

Die zentrale Rolle des Erzählers nimmt im Film Elvis‘ Manager Colonel Tom Parker alias Andreas Cornelius van Kuijk ein. Er ist ein schmieriger Geschäftemacher, der vom „Einseifer“ auf dem Jahrmarkt zum Countrymusikmanager wird und erst Hank Snow managt und ihn dann zugunsten von Elvis fallenlässt. Er merkt sofort, welche monetären Chancen ein weißer Junge bietet, der die schwarze Musik für ein großes, weißes Publikum marktförmig macht. Dass dies auch zur Folge hat, dass die weißen Kids bei Elvis‘ Musik die Körperlichkeit und die sexuelle Extase für sich entdecken und damit die reaktionäre Obrigkeit der Südstaaten auf den Plan gerufen wird, kann dem einst illegal eingewanderten Holländer nicht gefallen. Seine Existenz steht auf dem Spiel. Also nimmt er Elvis aus dem Spiel und schickt ihn zum Militär nach Deutschland.

Das Establishment schlägt zurück

Was dieser Film ebenfalls deutlich macht, ist dass das was heute so selbstverständlich als Mainstream und Konsens angesehen wird, nämlich der Rock’n’Roll, in den 1950er Jahren auf erbitterten Widerstand des Establishments traf. Rassismus, Prüderie und Menschenfeindlichkeit führten dazu, dass die erste Rock’n’Roll-Generation abdanken musste. Elvis ging zur Army, Chuck Berry und Jerry Lee Lewis wurden wegen Unzucht mit Minderjährigen belangt. Daran gibt es natürlich nichts zu beschönigen. Allerdings muss man auch davon ausgehen, dass FBI und weiße Sheriffs den Rock’n’Rollern systematisch auf den Fersen gewesen waren.

Ganz wichtig für alle, die hierzulande mit amerikanischer Kultur aufgewachsen sind: Rock’n’Roll, Blues und Jazz sind hier immer als Synonyme für amerikanische Kultur gesehen worden. Das idealtypische Amerika-Bild eines vielfältigen „Melting Pots“, dem auch ein Bob Dylan in seiner Kunst folgt, entsprach – wenn überhaupt – nur phasenweise den wirklichen Verhältnissen in den USA. Was ab den 1980er Jahren folgte, war eine Symbiose von reaktionären, angelsächsischen, rassistischen Republikanern mit evangelikalen Eiferern seit der Präsidentschaft Ronald Reagans und eine Veränderung der Grand Old Party von der Honoratiorenpartei in eine semi-faschistische Partei wildgewordener weißer Wutbürger unter der Führung von Donald Trump. Diese Leute sind Feinde dieses vielfältigen Amerikas, das Blues, Jazz und Rock’n’Roll hervorgebracht hat.

Leben und Karriere nie selbst im Griff gehabt

Doch zurück zu Elvis. Der spielte nach seinem Militärdienst in seichten Filmen, während erst der Limonaden-Rock die Musik verwässerte, dann das Folk Revival, Bob Dylan und die Beatles ihn alt aussehen ließen. 1968 war das letzte Mal, dass Presley aus den Fängen Parkers ausbrechen wollte. Doch es sollte nur beim Zucken eines erfolgreichen TV-Specials bleiben, das Parker am Ende auch noch für sich reklamierte.

Presley war ein großartiger Musiker, aber hatte weder sein Leben noch seine Karriere wirklich selbst im Griff. Ihm fehlten die intellektuellen Möglichkeiten und die charakterliche Stärke. Sein Vater war schwach, seine Mutter dominant. Er war ein Muttersöhnchen, der von seiner Mutter leider die Disposition für Suchtprobleme geerbt hatte. Sie war alkoholkrank, Colonel Parker, eine Art Vaterfigur für ihn, trieb ihn in die Medikamentenabhängigkeit.

All diese Facetten eines tragischen Künstlerlebens spiegelt Luhrmanns Film wieder. Ein Biopic, das zum Besten gehört, das es in diesem Genre gibt.

Prädikat: Sehenswert!

Patti sings Bob

13. Juni 2022

Bei ihrem Konzert in Frankfurt zeigt sich Patti Smith unverändert kraftvoll und voller Lust an der Performance und an der Verbreitung ihrer Botschaft. Und sie zollt mit zwei Songs ihrem Freund Bob Dylan Tribut.

Patti Smith auf der Bühne der Jahrhunderthalle Frankfurt, Foto: Cowboy Band Blog

Da ist sie wieder: Die Punk-Poetin, Rock-Schamanin, Schriftstellerin, Lyrikerin und Fotografin Patti Smith. Nun 75 Jahre alt. Aber kein bisschen müde. Wieder auf Tour. Und Kritik und Publikum sind begeistert. Auch an diesem Sonntagabend in der Frankfurter Jahrhunderthalle ist sie voller Lust am Singen, Tanzen, performen. Sie singt sich durch alle Stationen ihrer Karriere und wird nie müde, ihre Botschaft, ihr Anliegen zu verbreiten: „Ihr habt die Kraft etwas zu verändern. Seid mutig und geht an gegen an die großen Konzerne, gegen Umweltzerstörung und anderes Unrecht.“

Zwei Dylan-Songs

Mit im Gepäck hat sie auch zwei Dylan-Songs. „The Wicked Messenger“, den sie auf ihrem Comeback-Album „Gone Again“ 1996 erstmals aufnahm. Ende 1995 hatte ihr Dylan nach Fred „Sonic“ Smiths Tod geholfen, den Weg zurück ins Musikbusiness zu finden. Sie spielte als Support Act bei seinen Konzerten und sie sangen ein wunderschönes Duett von Dylans „Dark Eyes“.

„Wicked Messenger“ wird zu einem der Höhepunkte des Konzerts. Er kommt in einem Arrangement daher, dass die apokalyptische Stimmung des Liedes betont. Man möchte die schlechte Botschaft nicht hören. Daraus folgt, dass die Warnung nicht befolgt wird. Wie aktuell das ist, hat ja erst kürzlich der großartige Film „Don’t Look Up“ auf böse und gleichzeitig humorvolle Art gezeigt. Hier bei Patti stehen die tragischen Töne im Mittelpunkt. Man will sich nicht stören lassen, einfach so weiter machen. Und so wird aus dem Song ein Gewitter mit Endzeitstimmung.

Man möchte die schlechte Nachricht nicht hören

Ja, man will sich nicht stören lassen. So wie man es in Sachen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit seit langem tut. Trotz massiver Warnungen von Experten, NGOs, Betroffen-Organisationen: Die politische Klasse ist in ihrer Eingefahrenheit, Phantasielosigkeit und Beschränktheit nicht in der Lage gegenzusteuern, obwohl die Probleme sichtbar sind. Ein von Menschen gemachtes Wirtschaftssystem das auf massenhafter Produktion und privater Profitaneignung beruht, wird von ihnen als natürlich und unveränderbar angesehen. Auch von denen, die es sozial etwas erträglicher machen wollen, oder denen, die als Partei sich Umwelt und Klima auf die Fahnen geschrieben haben. Ganz zu schweigen von den Parteien, die seit jeher die Interessen der Profiteure vertritt. Wenn sich da nichts dran ändert, schlittern die westlichen Gesellschaften in die Klimakatastrophe und es kommt gleichzeitig zu schweren sozialen Verwerfungen. Die Folgen sind große Legitimationskrisen der Demokratien und die Gefahr des Autoritarismus.

„The Wicked Messenger“ ist denn auch ein zentraler Song für Pattis Botschaft des Abends. „Kämpft, mischt Euch ein!“ Auch wenn erstmal keiner zuhören will.

Einer der Höhepunkte: Patti rezitiert Allen Ginsberg, Foto: Cowboy Band Blog

Neue Kraft für eine alte, traurige Geschichte

Der zweite Dylan-Song ist das traurige „One Too Many Mornings“ über das Ende einer Liebe. Über Zwei, die sich geliebt haben, aber jetzt einfach nicht mehr zusammenkommen. Pattis kraftvolle, ausdrucksvolle, aber eben nicht im herkömmlichen Sinne „schöne“ Stimme ist genau das richtige für die ungeschönte Geschichte, die hier erzählt wird. Als Dylan-Fan hat man den Song schon so oft gehört, aber Patti schafft es, ihm neue Kraft zu geben. Der Song erreicht die Herzen des Publikums. Zweimal nennt sie danach den Namen des Songwriters, als wollte sie sagen, „hört gut hin, wer solche großartigen Lieder schreibt“.

Patti lässt auf Bob nichts kommen, die beiden stehen sich sehr nah, das hat ja spätestens auch ihre Vertretung für Bob beim Nobelpreis 2016 gezeigt. Seine Kunst ist ein wichtiger Einfluss, ein wichtiger Antrieb. Wunderschön die Szenen, die im Scorsese Film über die Rolling Thunder Revue zu sehen sind, als Bob und Patti in einem Club im Greenwich Village unter der Treppe sich ganz intensiv im Gespräch austauschen. Man sich vorstellen, wie die beiden wichtigen Songwriter-Größen über Musik und Lyrik parlieren, diskutieren, debattieren. Bob wollte Patti gerne bei der Rolling Thunder Revue dabei haben, aber irgendwie klappte das nicht. Sie wäre genau richtig dort gewesen und hätte der Tour gleichzeitig diesen leider vorhandenen Hauch der 1960er-Nostalgie genommen.

Zwei Ausnahmekünstler

Mit Nostalgie haben aber anno 2022 weder Dylans noch Smiths Konzerte irgendetwas zu tun. Auch wenn Patti bei der Songauswahl bei den Greatest Hits bleibt, während Bob nur die neuesten Songs spielt. Beide beweisen Zeitlosigkeit. Dylan, indem er sie ohnehin zum Thema macht, weil er die zentralen Menschheitsfragen immer wieder neu verschlüsselt zum Gegenstand seiner Songs werden lässt. Smith, indem sie die Überlebensfragen der Menschheit immer wieder klar an- und ausspricht und dabei stets human und voller Achtsamkeit gegenüber dem Individuum bleibt.

Patti Smith und Bob Dylan: Zwei Ausnahmekünstler voller Respekt füreinander.

Vor 25 Jahren: Bob Dylans „Wiederauferstehung“

11. Juni 2022

Wie eine Herzbeutelentzündung und Songs über Vergänglichkeit zum Gründungsmythos des Dylan-Comebacks wurden

Copyright: Columbia Records

Ich kann mich noch gut erinnern: Wie waren zum zweiten Mal auf der wunderschönen griechischen Insel Zakynthos. Es war Ende Mai, Anfang Juni 1997 und wir lauschten einem der vielen Sänger, die in Urlaubsorten mit altbekanntem Songmaterial die Touristen unterhalten. Natürlich spielte er auch einen Bob Dylan-Song. Ich weiß nicht mehr welchen, aber die Ansage des Songs ist mir im Gedächtnis geblieben: „Der Song ist von Bob Dylan, der ist wohl gerade gestorben“, hieß es auf Englisch. Wie waren sichtlich aufgeregt. Wir hatten tatsächlich in der Zeitung gelesen – das war bei uns noch die Vor-Internet-Zeit und Smartphones gab es noch keine – dass Dylan an einer Herzbeutelentzündung erkrankt sei. Aber gestorben war er nicht. Im Gegenteil, wie wir schon bald danach lesen konnten, erholte er sich zusehends und ließ sich mit den Worten zitieren: „Ich dachte schon, ich würde Elvis wieder sehen“.

Bob Dylan als Figur von gestern

Und doch, wenn man in diesen Jahren sagte, man höre Bob Dylan und würde seine Konzerte besuchen, erntete man ungläubiges Staunen: „Wie, der lebt noch? Kann der denn noch singen“. Dylan war bis Ende der 1990er für viele einer von gestern. Einer, der mal groß war. „Das war doch der, der nicht singen konnte. Der gute Songs geschrieben hat, die aber andere besser spielen als er selbst“ und so weiter und so weiter.

Dylans Tour führte jedes Jahr verlässlich nach Deutschland und füllte die 3000er Hallen mit seinen treuen Fans. Aber eine wirkliche öffentliche Wirkung erzielte er damit nicht. Das sollte sich im Laufe des Jahres 1997 ändern.

Sieben Jahre hatte Bob Dylan keinen neuen Song mehr veröffentlicht. Sein letztes Album mit Originalsongs – „Under The Red Sky“ – hatte nicht wirklich eingeschlagen und Dylan schien an sich selbst zu zweifeln. Zur Selbstfindung veröffentlichte er 1992 und 1993 Alben mit traditionellen Folk- und Bluessongs. In Interviews fragte er sich, ob es nicht ohnehin schon genug Songs von ihm gebe. Er ging stattdessen unverdrossen seiner Bühnenarbeit nach, veröffentlichte sein Unplugged-Greatest Hits-Album und schien weiter denn je davon entfernt, neue Songs zu veröffentlichen. Der größte Songwriter aller schien vom Writer’s Block betroffen.

Der Legende nach änderte sich das, nachdem Dylan auf seiner Farm in Minnesota im Winter 1996 eingeschneit wurde. Und was macht ein Songwriter-Papst in solch einer Lage? Der löst natürlich nicht Kreuzworträtsel, sondern schreibt Songs. Im Januar 1997 geht er mit seiner Tourband, ein paar Gastmusikern und Daniel Lanois, der schon bei „Oh Mery“ der Produzent war, ins Studio. Die Veröffentlichung ist für den Herbst vorgesehen.

„Time Out Of Mind“: Gründungsmythos eines Comebacks

Copyright: Columbia Records

Im Juni erkrankt Dylan dann, und als die Songs im September an die Öffentlichkeit dringen, entsteht schnell der Mythos der in Todesahnung geschriebenen Platte. Denn die Songs handeln von der Vergänglichkeit, der Einsamkeit, der Hoffnungslosigkeit und der verlorenen Liebe. Es herrscht eine düstere Stimmung auf dem Album. Aber Fehlanzeige: Als Dylan die Songs schrieb und aufnahm war er bester Gesundheit. Möglicherweise beförderte die Einsamkeit in der eingeschneiten Farm in Minnesota seine dunklen Stimmungen. Doch der „Gründungsmythos“ dieser Platte hält sich bis heute.

Als Dylan dann nach längst überstandener Krankheit „Time Out Of Mind“ am 30 September 1997 veröffentlichte und zur gleichen Zeit erstmals seit der Genesung wieder auf Tour lag der öffentliche Fokus bald so sehr auf ihm wie lange nicht mehr. Kein Wunder, führte in doch der erste Auftritt gleich zum Papst. Dylan trat beim Katholischen Eucharistischen Weltkongress vor Johannes Paul II. auf. Songwriter-Papst trifft Katholiken-Papst. Das passte doch und war doch wieder umstritten genug, um öffentlichkeitswirksame Aufregung zu produzieren.

Dylan wirkte – und so sahen wir ihn auch am 5. Oktober 1997 in der Londoner Wembley Arena – bei all dem doch noch nicht gänzlich fit. Man merkte ihm die Anstrengungen an.

„The Old, Weird America“: Dylans ungebrochene popkulturelle Relevanz

Copyright: Picador

Doch noch etwas gehört in die Geschichte rund um Dylans Comeback 1997. Im selben Jahr wurde auch die Anthology Of American Folk Musik 45 Jahre nach ihrer Ersterscheinung auf sechs CDs neu aufgelegt. Die Anthology war für Dylan genauso wie für viele andere Musiker seiner Generation eine Art Heiliger Gral, die Bibel des Songwriting sozusagen. Und es erschien Greil Marcus‘ Buch „Invisible Republic“, das 30 Jahre nach der Entstehung von Dylans „Basement Tapes“ diese in direktem Zusammenhang und auf eine Stufe mit den Songs der Anthology stellte. Der Terminus „The old, weird America“, den Marcus auf die beiden Werke anwendete, wurde zum geflügelten Wort (und später zum Titel des Buches) und Dylans Bedeutung als amerikanisches Gesamtkunstwerk war endlich wieder fassbar und leuchtet seitdem stärker denn je.

Bob Dylan war wieder da. Eine Art „Wiederauferstehung“ sozusagen, um ein zu bei Dylan passendes Bild zu bemühen. Und „Time Out Of Mind“ wurde zu einem seiner erfolgreichsten Alben überhaupt. Es wurde von unzähligen Gazetten zum „Album des Jahres“ ernannt und es regnete Anfang 1998 drei Grammy für Dylan. Sein weltweit gesehener Live-Auftritt bei den Grammy-Verleihungen war dann der endgültig letzte Beweis für die wiedererlangte Reputation und Relevanz Bob Dylans. Und was sollte danach noch alles kommen.

25 Jahre nachdem man ihn schon totgesagt hatte, ist er nun gerade wieder auf Tour und steht mit abendlich auf Konzertbühnen an der US-Westküste. 81 Jahre alt und kreativer denn je…

Sonny & Brownie, Taj & Ry und … Bob!

3. Juni 2022

Anlässlich der Veröffentlichung des Albums „Get On Board“ von Taj Mahal und Ry Cooder: Zur Bedeutung von Sonny Terry und Brownie McGhee für die klassische Folk- und Bluesmusik und für Bob Dylan

Copyright: Folkway Records

Der Blues fächert sich bekanntermaßen auf in drei regionale Hauptlinien. Dem (Mississippi) Delta Blues, der in seiner archaischen Country-Blues-Form oftmals als das Synonym für Blues überhaupt wahrgenommen wird. Dem Piedmont Blues, benannt dem Gebirgszug im Südosten der USA, bei dem Fingerpicking und Ragtime-Verwandschaft typisch sind. Und dem Texas Blues, der keine regionalen musikalischen Besonderheiten aufweist, aber für eine starke Bluesszene steht.

Sonny und Brownie

Sonny Terry und Brownie MgGhee lernen den Blues in North Carolina, also im Piedmont Blues-Gebiet. Der eine Harmonika-Spieler, der andere Gitarrist, gehörten sie zu den wichtigsten Bluesmusikern seit den 1940er Jahren. Nach dem Tod des legendären Blind Boy Fuller 1941 – er wird als „King of Piedmont Blues“ bezeichnet und von der Bedeutung her mit der Delta Blues Legende Robert Johnson vergleichbar – wollte dessen Manager J.B. Long den jungen Brownie McGhee zu dessen Nachfolger aufbauen. Er ließ ihn erstmals 1942 bei einem Konzert von Paul Robeson mit Sonny Terry, der zuvor auch mit Blind Boy Fuller gespielt hatte, zusammen auftreten. Fast vierzig Jahre sollten die beiden fortan als Duo gemeinsam spielen.

Während das Folk Revival erst Anfang der 1960er einige Bluesmusiker wiederentdeckte, die seit der Great Depression in den 1930ern nicht mehr einem größeren Publikum zugänglich waren, waren Sonny und Brownie in dieser Zeit durchgehend als Berufsmusiker aktiv und mischten munter in den 1940ern in der Folkszene mit Woody Guthrie und Pete Seeger mit. Auch auf einem der beiden einzigen existierenden Bewegtbildschnipsel von Woody Guthrie wirken die beiden mit. Die drei singen zusammen John Henry, den Song über den legendären Bahnarbeiter.

Taj & Ry: Get On Board

Copyright: Nonesuch Records

Kein Wunder, dass sie für die Folk-Kids der 1960er so interessant waren. So auch für die jungen bluesbegeisterten Ry Cooder und Taj Mahal. 1962 sah der 15-jährige Ry die beiden im Folkclub „Ash Grove“ in Los Angeles und spürte, dass die beiden was ganz besonderes waren. Ry gründete dann mit einem ebenfalls jungen Blueser, der sich Taj Mahal nannte, die Gruppe „Rising Sons“, die Mitte der 1960er nur ein Jahr existierte, bevor sie auseinanderfiel. Die beiden blieben aber über die Jahre in Kontakt. Nun haben erstmals seit ihren Aufnahmen für die Rising Sons, die erst Anfang der 1990er erstmals veröffentlicht wurden, wieder zusammen ein Studio betreten und ein gemeinsames Album aufgenommen, das vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde.

„Get On Board“ heißt der Longplayer und zollt schon mit dem Titel den Bluesvorbildern Respekt. Denn „Get On Board“ heißt auch ein Album, das Sonny Terry und Brownie McGhee 1952, also vor siebzig Jahren zusammen mit Coyal McMahan bei Folkways Records veröffentlicht haben. Wobei der Untertitel „Negro Folksongs“ heute sicher keine Anwendung mehr finden würde.

Auf dem 2022er Album, das auch optisch dem alten Vorbild nachempfunden ist sind denn auch einige Titel vertreten, die schon auf dem Originalalbum waren: „The Midnight Special“, „Pick A Bale Of Cotton“ und „I Shall Not Be Moved“. Das Album ist ein wunderbares Zeugnis der Freude an dieser Musik und des Zusammenspiels der alten Blues-Haudegen Ry Cooder und Taj Mahal.

Bobby Zimmerman entdeckt Sonny & Brownie

Copyright: Columbia Records

Ein ganz früher Einfluss waren Sonny Terry und Brownie McGhee auch für den jungen Bob Dylan, als der noch Robert Zimmerman hieß. Der, so geht die Geschichte, hörte damals das Album „Get On Board“ 1960 bei seiner damaligen Freundin Bonnie Beecher in Minneapolis. Er hatte sicher auch ein Auge auf sie geworfen, weil sie eine stattliche Sammlung obskurer alter Blues und Folkplatten hatte. Und diese Platten hörte er bei Bonnie und sog diese Musik auf wie ein Schwamm. Und als er dann 1961 ins Greenwich Village in New York kam, da gehörten sie zu der dortigen Musikszene und er nahm Songs von ihnen in sein Repertoire auf. Sie sollten ihn seine ganze Karriere über auf die ein oder andere Weise begleiten. 1978 verpflichtete er die beiden als Teil des Vorprogramms für sein legendäres Open Air-Konzert in Nürnberg, 1985 erwähnte er sie ausdrücklich als Teil der alten Musik- und Boheme-Szene im Village in den Liner Notes zu „Biograph“. Und als er 1992 mit „Good As I Been To You“ sich selbst mittels alter Folksongs wiederfindet, da ist mit „Step It Up And Go“ auch ein Titel von Sonny und Brownie dabei. Und Trivia: Als die beiden 1973 das Album „Sonny & Brownie“ aufnahmen, da wirkte auch Dylans spätere Sängerin und Freundin Clydie King mit.

Bob und Ry

Bob wiederum ist auch mit Ry Cooder, wenn auch nicht so eng – befreundet. Bob würde ihn nur alle 10 Jahre mal anrufen, hat Ry Cooder einmal zu dem Musikjournalisten Andreas Waechter gesagt. Und in der Tat, gemeinsame Aufnahmen oder Auftritte haben Seltenheitswert. Und doch wissen beide einander zu schätzen. So spielten sie auf Wunsch Bobs zusammen mit Van Dyke Parks 2009 in einem Theater in Los Angels für das TV Special „The People Speak“ eine schöne Version von Woody Guthries „Do Re Mi“ ein. 1994 standen sie in Japan zusammen auf der Bühne beim „Great Music Experience“ und spielten „Ring Them Bells“. Und 2018 in Ostende hat Cooder im Konzert sogar einen Scherz auf Kosten Dylans gemacht. Er bewarb den Merchandising-Verkauf im Foyer und hob hervor, dass Dylan ein großer Anhänger und Experte des „Merch“-Verkaufs sei. Die Baby Doll T-Shirts seien immer als erstes ausverkauft, habe ihm die Singer-Songwriter-Legende mit auf den Weg gegeben, erzählte Cooder schmunzelnd.

Bedeutende amerikanische Musiker

Alle drei – Ry Cooder, Taj Mahal und Bob Dylan sind auf ihre eigene Weise bedeutende amerikanische Musiker. Bob Dylan ist der Singer-Songwriter-Papst, Nobelpreisträger und Vater des Americana. Ry Cooder ist musikalischer Weltenbummler und Innovator, der immer wieder Grenzen überwunden hat und doch ganz klar in Blues, Folk und Country geerdet ist und Taj Mahal ist selber mittlerweile ein großer, alter Bluesman. Und alle drei wissen, dass sie ohne die Wegbereitung durch Künstler wie Sonny und Brownie nicht da wären, wo sie heute sind.

Vom schwierigen Verhältnis zweier Musiklegenden

20. Mai 2022

Der Bühnenabend „Lennon & Dylan“ von und mit Martin Grieben und Thomas Waldherr begeistert das Publikum in der Knabenschule

Waldherr und Grieben bei „Lennon & Dylan“, Foto: Americana

Wenn man eine ganze Zeit lang an einem Thema arbeitet, etwas auf die Bühne bringen will, dann ist man von der Grundidee überzeugt, weiß aber noch nicht, ob das alles so richtig funktioniert. Dieses Spannungsgefühl beflügelt ebenso, wie es Respekt vor der Aufgabe schafft.

Doch wenn man während des gestrigen Abends in der gut gefüllten Halle der Bessunger Knabenschule immer wieder in vergnügte und aufmerksame Gesichter schaut, immer wieder zusammen mit dem Publikum lacht, mit dem Bühnenpartner immer mehr Leichtigkeit im Hier und Jetzt gewinnt, weil es im Moment nicht schöneres gibt, als diese gemeinsame Zeit auf der Bühne und mit den Menschen im Saal zu verbringen, dann hat man alles richtig gemacht, dann waren alle Grundannahmen und Ideen und deren Umsetzung einfach richtig.

Und da dies so war, war das gestern in der Bessunger Knabenschule mit „Dylan & Lennon“ ein grandioser Abend. Martin Grieben und Thomas Waldherr erzählten ebenso informativ wie kurzweilig über das schwierige Verhältnis der beiden Musik-Ikonen John Lennon und Bob Dylan. Immer wieder Gelächter des Publikums, das aufmerksam den Erzählungen und voller Freude den Songdarbietungen folgte.

Martin Grieben, Foto: Americana

Man erfuhr von den unterschiedlichen Kindheiten der beiden Ausnahmekünstler, davon wie sich gegenseitig inspirierten, neideten und auch schon mal der eine den anderen barsch kritisierte. In der Zeit seines Todes waren sie Welten voneinander entfernt und doch hätten sie sich möglicherweise auch wieder angenähert.

Von „Blowin In The Wind“ über „Norwegian Wood“ bis hin zu „You’re A Big Girl Now“ und „Just Like Starting Over“ reichte der Reigen der ausgewählten Lieder. Martin Grieben riss als fantastischer Lennon- und Beatles-Interpret das Publikum mit und Thomas Waldherr überzeugte an diesem Abend gesanglich als Dylan-Inkarnation.

Und so entließ das Auditorium die Bühnenpartner nicht ohne Zugabe. „I Shall Be Released“ war dann auch so etwas wie ein Wunsch für beide Musiklegenden. Und als das Saallicht anging schaute man nur in frohe Gesichter. Denn Martin Grieben und Thomas Waldherr hatten in diesen weit über zwei Stunden das Publikum auf eine Reise zu zwei sich inspirierenden Musik-Solitären mitgenommen, auf der es gerne und mit Begeisterung gefolgt war.

Zur Musealisierung Bob Dylans

13. Mai 2022

Der neue Bob Dylan Center in Tulsa ist mehr als eine Devotionalien-Sammlung, im Zusammenspiel mit dem Dylan-Institut der Universität Tulsa fördert er einen Dylan-Diskurs im gesellschaftlich-kulturellen Kontext.

Copyright: Walter Steffek

„Kein anderer Altstar, dessen Karriere in den 1960ern begonnen hat, wehrt sich so mit Haut und Haaren zu einem musealen Nostgalgie-Act zu werden, wie Bob Dylan, der auch mit fast 81 Jahren immer wieder neue Ideen hat und Fans und Kritiker damit immer wieder verblüfft. Und trotzdem: Seit diesem Dienstag (10. Mai) ist ein Museum geöffnet, das sich ausschließlich dem Werk und Wirken Bob Dylans verschrieben hat.  Es ist der Bob Dylan Center in Tulsa, Oklahoma.“ Soweit meine Worte in meiner News auf country.de: https://www.country.de/2022/05/10/bob-dylan-center-tulsa-oklahoma/

Ausgerechnet das Werk und Wirken dieses Künstlers, der sich nie einordnen ließ, der Zeit seiner Karriere mit immer neuen Wendungen, Stilbrüchen und Umorientierungen verblüffte, verwirrte und damit oftmals Ratlosigkeit, aber auch schroffe Ablehnung erntete ist nun sorgsam archiviert, katalogisiert. Auch kanonisiert?  

Dylans Kanon?

Mit dem Kanon in Literatur und Musik ist es so eine Sache. Wer legt fest, welche Werke zeitüberdauernde Bedeutung haben? Die Werke von Shakespeare und Goethe haben bis heute ihre Bedeutung, weil sie Fragen und Themen zum Inhalt haben, die zeitlos sind. „Herrschaftskonflikte und die Verteilung von Macht spielen in seinem Werk eine zentrale Rolle, aber auch die wachsende Bedeutung des Individuums in einer Zeit großer Umbrüche“, sagt Joachim Frenk, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft der Saar-Uni zu Shakespeare. (Quelle: Campus, Webmagazin der Uni Saarland) und weist damit dessen Aktualität nach. Das gleiche ließe sich auch von Goethe sagen.

Und auch von Dylan. Dessen 60 Jahre alten Songs wie „Masters Of War“, A Hard Rain Is A-Gonna Fall“ oder „Blowin In The Wind“ sind in einer Welt voller Kriege, Konflikte und Klimakatastrophen aktueller denn je.

Sie werden Dylan über seine Lebenszeit hinaus überdauern. Doch auch seine spätere Musik, in der es immer um die Autonomie des Individuums in der verwalteten Welt oder die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Spätkapitalismus auf den Einzelnen geht, werden solange aktuell sein, solange es Rassismus und Klassismus gibt, solange diese Gesellschaft sozial ungerecht ist, die Umwelt verschmutzt wird und Konflikte nicht friedlich gelöst werden.

Fazit: Alle Dylan-Songs gehören zum Kanon seiner Werke oder keines.

Dylan-Bilder

Und welches Dylan-Bild soll hier vermittelt werden? Auf den Dylan, wie ich ihn oben charakterisiert habe, der „nicht fassbare Dylan“ können sich im Grunde alle einigen. Weil es auch impliziert, dass er eigentlich gar nicht zu verstehen ist. Damit kommen alle zurecht.

Diejenigen, für die Popmusik sowieso keine Bedeutung über die zweiminutendreißig eines guten, hedonistischen Popsongs hinaus hat oder auch haben darf. Weil Dylan nervt, weil seine Songs Botschaften und Anliegen haben. Dylan war in den 1980er und 1990er Jahren in der breiten Öffentlichkeit fast bedeutungslos, weil erst Reaganomics und Thatcherismus in der Konservativen und dann die Blairs und Schröders in der sozialdemokratischen Variante eine Welt der entfesselten Märkte und des individuellen finanziellen Glücksversprechens predigten. Da gab es nur Positivismus. Jeder ist seines Glückes Schmied und der Weg geht immer nur nach oben. Wer wollte da schon Zeilen wie „We live in a political world, Love don’t have any place, We’re living in times where men commit crimes, And crime don’t have a face“ hören?

Erst als der Krieg gegen den Terror ab 2001, der ja auch mit Lügen (Irak-Krieg) geführt wurde und die Finanzkrise ab 2008 aufzeigen, dass die Politik in den westlichen Länder und Russland seit den 1990er dramatische, gesellschaftlichen Folgen hat, hört man Dylan wieder zu. Verarmung, Gewalt und Drogenseuchen in den USA, Oligarchenherrschaft und Autoritarismus in Russland. Und über all dem die Gefahr des Trumpismus als Abschaffung der Demokratie in den USA, um die Interessen und Besitzstände der alten, fossilen Kapitalfraktionen, des weißen, angelsächsischen Bevölkerungsteils und der religiösen Fundamentalisten gegen jede gesellschaftliche Veränderung zu verteidigen – die Welt ist wieder einmal aus den Fugen.

Und Bob Dylan ist wieder derjenige, der dazu mächtige Song-Epen schafft. „Workingmans Blues“ erzählt 2006 von der sterbenden Arbeiterklasse, in „Mother Of Muses“ (2020) erwähnt Dylan die Kämpfe im Bürgerkrieg (gegen die Sklaverei) und zweitem Weltkrieg (gegen den Faschismus), die gesellschaftlichen Fortschritt und ihre populären Entsprechungen – Bürgerrechte und Rock’n’Roll – erst möglich machten.

Doch auch viele die es mit Dylan halten, wollen auch das nicht hören, folgen lieber Dylan als vermeintlichem Poeten der Unentschiedenheit, ob damit einen quasi unwiderlegbaren Leumund für ihr Nicht-Engagement zu haben. Doch Dylans entschiedene Ablehnungen von Führerkult – „Don’t Follow Leaders““ und selber politischer Anführer zu sein – „It Ain’t Me Babe“ – heißt ja nicht, dass er uns dazu auffordert, jedes gesellschaftliches Engagement als sinnlos und nutzlos anzusehen. Gerade Leute, die ihn gleichermaßen wegen seiner Ablehnung von Autoritäten feiern, huldigen ihm als überlebensgroße Autorität. Vertrackt, ich weiß.

Copyright: Bob Dylan Center

Musikmuseen all überall – warum Dylan in Tulsa?

Auf unseren Reisen durch den Süden der USA haben wir festgestellt, dass dieser Landstrich ganz offensiv mit seinem Pfund „Musik“ wuchert. Der Staat Mississippi nennt sich selbst „Birthplace Of American Music“. Weil hier der Blues und seine Musiker wie Robert Johnson oder B.B. King ebenso geboren wurden wie der King of Rock’n’Roll Elvis Presley oder der „Father Of Country Music“ Jimmie Rodgers. Und so findet sich fast in jedes Städtchen im Mississippi Delta ein oder mehrere Bluesmuseen, wie beispielsweise in Clarksdale, wo Robert Johnson an den Crossroads der Highways 61 & 49 seine Seele an den Teufel verkauft haben soll. So hat Meridian sein Jimmie Rodgers- Museum und Tupelo hat das Geburtshaus von Elvis schön herausgeputzt.

Aber auch in den anderen Südstaaten ehrt man seine Musik und seine Musiker:innen. Nashville, Tennessee ehrt die Countrymusik und Johnny Cash und in Montgomery, Alabama befindet sich das Hank Williams-Museum. Letzteres ist didaktisch so ziemlich das schlimmste. Eine uninspirierte und ungeordnete Ansammlung von Devotionalien. Ganz anders dagegen eines, das wir eher zufällig gefunden haben. Das Earl Scruggs-Museum in Shelby, North-Carolina, ist didaktisch sehr gut konzipiert. Es erzählt die Lebensgeschichte des großen Bluegrassmusikers in Verbindung mit den Zeitumständen und bietet sogar die Möglichkeit, selber Banjo zu spielen.

Die bislang beste Ausstellung war jedoch die große Schau „Dylan, Cash & The Nashville-Cats“, die wir 2015 besucht haben. Sie zeigte auf, wie Nashville durch die popkulturelle Verbindung von Rockmusik mit Country eine ganz andere Stadt wurde. Und dies am Bespiel der bahnbrechenden Zusammenarbeit von Bob Dylan mit den Nashville-Studiomusikern und Country-Ikone Johnny Cash. Die zu Recht erfolgreichste Ausstellung in der Geschichte der „Country Music Hall Of Fame And Museum“.

Wenn die Dauerausstellung im neuen Bob Dylan Center ähnlich gut ist, kann man sich freuen. Die Vorberichterstattung zur Eröffnung hatte ja vor allem die Anzahl der Artefakte und den Umstand, warum der Center in Tulsa seine Heimat gefunden hat.

Der Dylan, der hier ausgestellt wird, ist erstmal sicherlich ein Dylan dessen Wegen man äußerlich gefolgt ist und die man anhand von Song-Manuskripten, Musikinstrumenten und Bühnenbekleidung auch wunderbar bildhaft und unterhaltsam darstellen kann.

Dass Dylan aber eben ganz im Stile Walt Whitmans für die Vielfalt Amerikas steht, das beweist erst einmal auch die Standortwahl Tulsa. Hier sitzt die „George Kaiser Family Foundation“, die mit dafür gesorgt hat, dass Tulsa, dessen Wahrnehmung lange zwischen verschlafenem Südstaaten-Städtchen und Ort einer der verheerendsten rassistischen Pogrome (Massaker von Tulsa 1921) changierte zu einer bedeutenden Kulturstadt gewandelt hat. Sie finanzierte den Woody Guthrie Center ebenso wie den neuen Bob Dylan Center. Dylan hat der George Kaiser Family Foundation einen Großteil seines Archivs verkauft. Dies bildet die Grundlage des Museums. George Kaiser ist ein philantropischer Multimillionär, dessen Eltern als Juden aus Nazi-Deutschland fliehen mussten und der seinen Reichtum im Öl-Geschäft erworben hat. Heute steckt er seine Millionen in seine Stiftung, die sich vor allem auch gegen Kinderarmut einsetzt.

In Tulsa gibt es auch ein Institut für Dylan-Forschungen an der dortigen Universität, was schon einmal für ein hohes Niveau der Auseinandersetzung mit Dylan garantiert. Guthrie- und Dylan-Center befinden sich im Tulsa Art District, wo sich auch einige Theater und Cain’s Ballroom, die Wiege des Western Swing, angesiedelt. Tulsa beherbergt daneben aber auch die „Oklahoma Jazz Hall Of Fame“, die gerade die afroamerikanische Tradition dieser Musik ehrt, und das Gilcrease Museum, das Kunst und anderen Objekten des amerikanischen Westens und der Ureinwohner Nordamerikas zeigt. Möglicherweise hat das alles den Ausschlag für Dylan gegeben, sein Archiv der Stiftung mit Sitz in Tulsa anzuvertrauen.

Doch Dylan – siehe oben – und die Musealisierung, das geht nicht zusammen. Dylan war in keinster Weise an der Konzipierung von Center und Ausstellung beteiligt und kam auch nicht zur Veröffentlichung. Bob Dylan hat sich schon immer lieber mit seiner aktuellen Arbeit beschäftigt, als mit seiner eigenen Vergangenheit. Und wenn er alte Songs spielt, dann erfindet er sie immer wieder neu. Und im Moment verzichtet er bei seinen Konzerten fast völlig auf seine alten Hits und legt den Schwerpunkt auf die Songs seines aktuellen Albums von 2020, „Rough And Rowdy Ways“.

Skyline von Tulsa, Copyright: Wikimedia Commons

Musealisierung ist nicht gleich Verklärung

Doch Musealisierung muss weder Historisierung noch Verklärung bedeuten. Dylans Werk und Wirken weist immer Gegenwartsbezüge auf, weil es universell ist. Das gute Zusammenspiel von Uni und Dylan-Center sorgen dafür, dass hier nicht nur das Großgenie Dylan abgefeiert wird, sondern dass man Werk, Wirken und Leben in gesellschaftlich-politisch-kulturelle Zusammenhänge stellt. Dafür steht zudem auch, dass das Museum der Lokalgeschichte Rechnung trägt und an das Massaker von Tulsa erinnert. Schließlich ist Dylan als einer der wichtigsten weißen US-amerikanischen Künstler in vielfältiger Weise der afroamerikanischen Kultur und Community verbunden. Die Erinnerungen seines Vaters an einen rassistischen Lynchmord 1920 in Duluth, Minnesota, dürften mit ursächlich für seinen lebenslangen Anti-Rassismus sein.

Und so ist die Musealisierung Dylans gar nichts schlechtes, weil es, fern der Ebene von Plattensammlern, Setlist-Nerds und Dylan-Imitatoren jeglicher Art, sich mit Dylan und seiner Kunst in deren gesellschaftlichen Verschränkung, mit seinen Wurzeln und mit seiner Wirkung beschäftigt.

Gut, dass es nun auch ein Bob Dylan-Museum gibt.

Inside The Museum:

Lennon & Dylan

29. April 2022

Ein Bühnenabend von und mit Martin Grieben und Thomas Waldherr beleuchtet mit viel Musik und interessanten Texten die Beziehung zwischen den beiden Ausnahmekünstlern

Lennon & Dylan (Foto: Americana)

Ein unterhaltsamer und informativer Bühnenabend mit viel Musik von und spannenden und oft humorvollen Geschichten über John Lennon und Bob Dylan ist am Donnerstag, 19. Mai, die nächste Veranstaltung in der Darmstädter Americana-Reihe in der Bessunger Knabenschule. Ausgedacht und umgesetzt haben ihn der Beatles und Lennon-Experte Martin Grieben und der Dylan- und Americana-Kenner Thomas Waldherr.

Ikonen der Gegenkultur

Lang, lang ist’s her als John Lennon und Bob Dylan Ikonen der Gegenkultur waren. Als „Imagine“ und „Give Peace A Chance“ oder „Masters Of War“ und „Blowin‘ In The Wind“ Hymnen einer Generation war, die ihr Nein zum Krieg mit gesamtgesellschaftlichen Gegenentwürfen verband. Während John Lennon 1980 ermordet wurde, hat Dylan überlebt, ist Literatur-Nobelpreisträger und scheinbar Common Sense der Feuilletonkultur geworden.

Gemeinsame Idee

Doch das, wofür die beiden künstlerisch und gesellschaftlich standen und stehen, ihre Gemeinsamkeiten, ihre Konflikte und Gegensätzlichkeiten sind – gerade auch vor dem Hintergrund der weltweiten Krisenherde Russland & Ukraine, weltweite Corona-Pandemie und Klimakatastrophe – heute aktueller denn je. Warum das so ist, wie sich das äußert und wie es dazu kam, steht im Mittelpunkt des Bühnenabends „Lennon & Dylan“.

Autoren und Protagonisten des Abends sind der Musiker und Pädagoge Martin Grieben und der Musikjournalist und Kulturvermittler Thomas Waldherr. „In der Zeit um Lennons 80. Geburtstag herum entstand bei uns beiden die Idee, das spezielle Verhältnis der beiden Ausnahmekünstler zum Thema eines Bühnenabends zu machen“, erinnert sich Grieben. „Denn es ist ein faszinierendes Verhältnis zwischen Künstlerfreundschaft und Hassliebe“, ergänzt Waldherr.

Texte über und von Lennon & Dylan

Die beiden haben seitdem stetig an dem Thema gearbeitet und sind derzeit intensiv mit der Finalisierung beschäftigt. Der Abend wird bestehen aus Lesungen von Texten über Dylan und Lennon, Texten von Dylan und Lennon sowie natürlich viel Musik – live und aus dem off. „Besonders Lennon hat sich stets ziemlich am anderen abgearbeitet. Erst hat er Dylan verehrt und dessen Songwriting adaptiert. Dann war er enttäuscht, als Dylan nicht mehr Sprachrohr einer Bewegung sein wollte. Zum Schluss hat er ihn wegen dessen Born Again-Phase verspottet“, beschreibt Martin Grieben Lennons Verhalten.

„Dylan hat sich da gegenüber Lennon eher nicht so aus dem Fenster gelehnt, zeitweise war er aber genervt von John und Yokos Friedensaktionen. Sein Tod hat ihn aber sehr betroffen gemacht und vor 10 Jahren hat er mit „Roll On, John“ ein spätes Requiem veröffentlicht“, berichtet Thomas Waldherr.

Waldherr & Grieben (Foto: Americana)

Viel Musik – live und aus dem Off

Der Bühnenabend erzählt die Geschichte der beiden Pop-Ikonen chronologisch von deren Kindheit und ersten musikalischen Gehversuchen, über den künstlerischen Durchbruch von Dylan und den Beatles bis hin zu den spannungsgeladenen 1970er Jahren, als Lennon sich im Umfeld der Rock Liberation Front tummelte und Rockstar Dylan wieder für den politischen Aktionismus gewinnen wollte. Da werden zentrale Alben und Songs der beiden gegenübergestellt und der Frage nach künstlerischer Autonomie und politischem Engagement nachgegangen. Eine Frage, die sich immer wieder stellt, und gerade jetzt wieder aktuell ist.

Eine ganze Reihe von Songs werden an diesem Abend live gespielt und gesungen. Während Beatles und Lennon-Spezialist Grieben zuständig für die Musik der Jungs aus Liverpool ist, wird Dylan-Kenner Waldherr auch den einen oder anderen Song des Meisters intonieren.

„Wir wollen Fragen aufwerfen, wir wollen zwei der größten Künstler unserer Zeit würdigen und wir wollen vor allem auch unterhalten. So wird an diesem Abend auch der Humor nicht zu kurz kommen“, versprechen Waldherr und Grieben.

Donnerstag, 19. Mai, 20 Uhr, „Lennon & Dylan“, Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, Ludwigshöhstrasse 42, 64285 Darmstadt. Tickets: www.knabenschule.de

Fragen, die beklemmend aktuell sind

15. April 2022

60 Jahre „Blowin‘ In The Wind“: Ein eigentlich schon abgenudelter Song bekommt – wenn man ihn des Pathos beraubt – eine neue Dringlichkeit

Copyright: Columbia Records

Was habe ich und andere sich schon über diesen Song lustig gemacht: „Blowin In The Wind“. Der Liedermacher und DKP-Parteigänger Franz-Josef Degenhardt nannte es seinem bemüht-proletarischen Roman „Brandstellen“ die „Hymne der Herumtreiber“ und konstruierte fein den Gegensatz zum proletarischen Liedgut der absoluten Wahrheiten. Dylan-Biograph Liederschmitt nannte es ironisch das „Kirchenlied der Freaks“ und der geniale, aber mitunter sich an zu vielen Fronten aufreibende, zu früh verstorbene Wiglaf Droste war es so leid, dass er die Verballhornung „Musse Feife Inne Wind“ verfasste und aufnahm.

Einst: Der große Hit für Lagerfeuer und Kirchentag

Das war die Zeit, als dieser Song an keinem Lagefeuer, auf keiner Demo, bei keiner Lichterkette fehlen durfte. Totgenudelt mit Gitarrengeschrammel, aufgeblasen mit Kirchentagspathos und in Beliebigkeit ertränkt, weil zu jeder Gelegenheit passend. Ich mochte es fast gar nicht mehr hören und der Meister selbst spielte es oft nur widerwillig. Wenn er es nicht völlig vernölte, wie beim „Live Aid“ 1985, dann spielte er es entweder mal als flotten Country-Shuffle mit Tom Petty 1986 oder ab 2008 in einer ironischen Gospel-Schlagerversion mit viel zu viel Streicherseligkeit.

Das Licht der Welt erblickte der Song am 16. April 1962 bei Dylans Auftritt in „Gerde’s Folk City“. Er spielte fünf Songs. Einer von ihnen war „Blowin‘ In The Wind“, der wenige Wochen später im „Broadside“-Folk Magazin veröffentlicht wurde. Dylan hatte ganz folkmäßig auf die Melodie des afroamerikanischen Sprituals „No More Auction Block“ neu getextet. Für den Musikjournalisten Andy Gill war der Song für Dylans Songwriting der Übergang vom reinen Reportagesong konkreter Begebenheiten („The Death of Emmett Till“, „The Ballad Of Donald White“) hin zu allgemeineren Aussagen.

Dylan nahm „Blowin In The Wind“ im Juli 1962 für seine zweite LP auf, „The Freeheelin‘ Bob Dylan erschien dann im Mai 1963. Doch den großen Singlehit machten Peter, Paul & Mary daraus, die den Song bereits im Juni 1963 coverten. Später jedoch setzte sich Dylans Aufnahme als der Song-Klassiker durch.

Copyright: Warner Bros.

Über die Jahrzehnte ist die Liste der Coverversionen unübersehbar groß geworden. Marlene Dietrich sang eine deutsche Version, Stevie Wonder machte eine R&B-Nummer draus, Bobby Bare ein Country-Stück und die Hollies sangen schön konsumierbar „Blooowoowowowowin‘ in the wind“. So manch einer tat es eben dann in den letzten nur noch als Peinlichkeit ab.

Jetzt: Fragen statt Antworten

Angesichts aber einer Gegenwart, die den politischen Diskurs um den Krieg zwischen den scheinbar absoluten Wahrheiten „Zeitenwende“ versus „Pazifismus“ ohne jedwede wirkliche Debatte ins analytische Nirwana abdriften lässt, ist ein Song wie „Blowin‘ In The Wind“ genau der richtige. Denn er stellt Fragen, statt Antworten zu liefern, gibt daher auch nicht vor allwissend zu sein. Er entspricht daher auch der Befindlichkeit vieler Zeitgenossen, deren „Beendet den Krieg“ in einem Zug mit dem ratlosen „Ja klar, aber wie?“ artikuliert wird.  

Diese Ratlosigkeit und diese Ungläubigkeit und Verwunderung hat beispielsweise der deutsche Folk- und Bluesmusiker Biber Herrmann in den Mittelpunkt seiner aktuelles Bühnenversion von „Blowin In The Wind“ gelegt und den Song damit von jeglichem Pathos und Ballast befreit. Es ist eine genial- verhaltene, verwunderte Meditation geworden. So bekommt der Song eine neue Aktualität.

„Blowin‘ In The Wind“ indes sei auch allen ins Stammbuch geschrieben, die zu schnell und willfährig die Seiten wechseln. Die zwar noch in zivilem Grün unterwegs sind, aber schon längst im militärischen Oliv denken und handeln. Die in schnellster Zeit von Tauben zu Falken geworden sind.

Copyright: Electrola

Die sollten sich einfach mal in einer stillen Stunde, abseits von Medien und Lobbyisten, diese Fragen stellen: „Yes, and how many times must the cannonballs fly, Before they’re forever banned?“ oder „Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows, That too many people have died?“.  

Wichtig ist es, dem Sog der allzu wohlfeil-schnellen, einfachen Logik des Krieges zu entgehen, und diesen auf seinen inhaltlichen Kern zu reduzieren: Tot, Verderben, Zerstörung. Und das muss beendet werden und zwar schnellstmöglich. Ob Hochrüstung und schwere Waffen wirklich dazu taugen, ist auch so eine Frage, die gestellt werden muss. Verhandeln, politisch-wirtschaftlicher Druck und Diplomatie sollten weiterhin eigentlich die wichtigsten Optionen sein, oder?

Wer aber weiter unbedingt nach klaren Antworten sucht, dem sei „Masters Of War“ empfohlen. Das Lied, das erklärt, wer am Ende immer jeden Krieg gewinnt. Und damit auch eine wichtige Erklärung dafür gibt, warum es immer wieder Kriege gibt.

„Nature Punk“

10. April 2022

Was Alynda Segarra macht, das tut sie ganz. Da frisst sie sich rein, da stürzt sie sich Hals über Kopf hinein und wenn es sie Haut und Haar kosten würde. Sie macht keine halben Sachen. Auch nicht bei ihrem aktuellen Album „Life On Earth“.

Copyright: None Such Records

Kennengelernt haben wir Alynda Segarra, als sie Folk und Americana spielte. Ursprünglich aus der Bronx stammend, war sie einige Jahre mit einem Straßenmusikerkollektiv unterwegs und ließ sich dann in New Orleans nieder. Beeinflusst von Sam Doores wandte sie dem Americana zu, aber nicht ohne auf dem Album „Small Town Heroes“ 2014 die inhaltlichen Genregrenzen weiter zu entwickeln. Ihr „The Body Electric“ ist die ultimative Ent-Romantisierung und Anklage einer jeden frauenfeindlichen Mörderballade. Und mit diesen und anderen Songs hatte sie uns für sich eingenommen und noch heute denken wir mit großer Freude an ihren Auftritt bei einem Open Air in Utrecht im Sommer 2016 zurück.

Mit ihrem nächsten Album „The Navigator“ wandte sie sich dann schon dem Indie-Rock zu, war Patti Smith näher als Johnny Cash, entdeckte ihre Latino-Wurzeln wieder und wandte sich gegen Gentrifizierung. Ein starkes Album.

Das war 2017. Bis zum 18. Februar 2022 sollte es dauern, bis das Nachfolgewerk „Life On Earth“ erscheinen sollte. Dazwischen hier und da Live-Auftritte, man hörte Alynda hätte das „Lee“ aus ihrem Namen gestrichen und durch „Mariposa“ ersetzt. Zudem sei sie in dem fast nirgends zu sehenden Biopic von Ethan Hawke über den Countrymusiker Blaze Foley aufgetreten.

Dann Anfang des Jahres die neue Wendung. Obwohl immer klarer ist, dass „Hurray For The Riff“ keine organische Band mehr ist, sondern alleine ihr Projekt, behält sie den Namen und veröffentlicht das Album „Lif On Earth“. „Nature Punk“ nennt sich das ganze jetzt. Alynda singt mit Titeln wie „Wolves“, „Rhododendron“ oder „Pointed At The Sun“ über Natur, Klima, Mensch und Flucht gegen das Unheil und den negativen Wandel der Welt an. Sie schmettert uns das mit drastisch und derb entgegen und gefällt sich in den Videos dazu, in denen sie entweder kostümiert ist wie ein Faun in der Sommernachts-Traum-Aufführung des Open-Air-Theaters oder sich lasziv und frech auf Betten räkelt.

Das Album hat gewiss seine Momente, seine melodischen Akzente, aber die Songs entfalten wenig Eigenleben, stehen hinter dem großen Ganzen des Konzept-Albums zurück. Das aber leider dadurch auch etwas blass und bemüht bleibt, aller farbenfrohen Kostüme Segarras zum Trotz. So ist es denn auch kein weiterer Karriere-Peak für Alynda sondern eher ein Ausrufezeichen, dessen Wert sich erst mit der weiteren künstlerischen Entwicklung zeigen wird.

Dass Alynda Segarra sich hier eine künstlerische Autonomie herausnimmt, die fast ebenso dylanesk ist wie ihr Gesang in Rhododendron, lässt wenigstens weiterhin hoffen, dass da noch weiterhin bemerkenswertes folgen wird. Die Frau hat einfach so viel Talent, da sollte noch was Gutes kommen.

Musik für die Seele

10. April 2022

Biber Herrmann spielt – unterstützt von Anja Sachs – in Jugenheim ein ganz feines Folk- und Blueskonzert und trifft dabei im doppelten Wortsinn genau die richtigen Töne in Zeiten von Krieg und Pandemie

Copyright: Thomas Waldherr

Man dachte schon, man könne es gar nicht mehr hören: „Blowin‘ In The Wind“. Bob Dylans Meisterwerk, über die Zeit dermaßen an Lagerfeuern zerschrammelt oder andernorts pathetisch aufgeladen, so dass es der Meister selbst jahrelang nur ironisch gebrochen oder gar lustlos nölend zum Besten gegeben hat. Dass dieser Song dennoch zu einem der vielen Höhepunkte in Biber Herrmanns Konzert am vergangenen Samstag in Jugenheim wurde, liegt alleine an der Intention und dem musikalischen Können des Interpreten.

Melancholie und ein Schuss Ungläubigkeit

Biber Herrmann verschob nur ein paar Töne und Akkorde, und hatte die in diesen Zeiten richtige Haltung zum Song entwickelt. Nicht triumphal, pathetisch, selbstvergewissernd, auch nicht lyrisch-messianisch wie auf einem Kirchentag. Nein, Herrmann, einer der besten und wichtigsten Folk- und Bluesmusiker hierzulande, spielte es leise, mit Melancholie und einem Schuss Ungläubigkeit. Immer wieder Kriege, Blutvergießen, Verbrechen und Rüstungsspirale wegen Machtspielen, Territorialansprüchen, geo-politischen und wirtschaftlichen Interessen. Man hält es einfach nicht mehr aus und ist ein Stück weit ratlos.

„Last Exit Paradise“

Copyright: Happy Owl Records

Der aus dem Rheingau stammende Herrmann stellte Songs aus seinem neuen Album „Last Exit Paradise“ vor, welches wie so vieles, in der durch die Pandemie bedingte Konzertpause entstanden ist. Der Gitarrenvirtuose Herrmann scheint in dieser Zeit noch besser geworden zu sein, und ist gleichzeitig als Songwriter, als Texter, auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Und geht neue Wege. Spielt zwei Songs erstmals am Klavier. Seine Songs scheinen ein Stück weit persönlicher geworden zu sein. So erzählt er auf Englisch in „Place To Die“ über seine Mutter und leitet “Wie ein Leuchten in der Ewigkeit“ mit Erinnerungen an den Vater ein. Das seine Eltern aus der Kriegsgeneration stammen und sein Vater im Krieg traumatisiert war und wie so viele Väter dieser Zeit ihre Gefühle nicht teilen konnten, bekommt unter den Umständen des Krieges in Europa beklemmende Aktualität.

Mal nachdenklich, mal fröhlich

Aber Herrmann schafft es mit seiner ruhigen, freundlichen und humorvollen Art aber auch die Menschen im Saal für zwei Stunden raus aus der Welt zu holen und zu unterhalten. Sein fröhlicher Blues über die Krötenwanderung (!), „Toddy’s Toad Migration“, lässt die Leute schmunzeln und sein Song „Northern Light“ über einen gemeinsamen Urlaub in Dänemark mit seiner Partnerin Anja Sachs gibt einem die Freude an der Welt zurück. Liedermacherin Anja Sachs hatte mit drei Stücken ihres aktuellen deutschsprachigen Albums „Mu“ das Konzert eröffnet und mit ihren schönen, mal nachdenklich, mal fröhlichen Songs den Boden bestens bereitet. Später unterstützte sie Biber Herrmann dann auch bei ein paar Stücken gesanglich.

Copyright: Thomas Waldherr

Neben den eigenen Songs spielt der Sänger an diesem Abend auch Stücke von Bluesgrößen wie Robert Johnson, Muddy Waters und Willie Dixon, erzählt von seinen Jahren auf Lesereise mit Fritz Rau, und lässt sein ganzes musikalisches Können aufblitzen, wenn er nur mit Gitarre, Mundharmonika und Gesang eine ganze sechsköpfige Band erklingen lässt.

Musik für die Seele

Es war genau das richtige Konzert in diesen Zeiten. Humorvoll und unterhaltsam, ohne zu laut zu sein und menschlich und nachdenklich angesichts der Krisen unserer Zeit, ohne in absolute Wahrheiten zu verfallen.

Auch an diesem Abend hat Biber Herrmann wieder bewiesen, warum ihn Fritz Rau zu Recht einmal als „Soulbrother“ bezeichnet hat. Denn Biber macht Musik für die Seele.  

Biber Herrmann spielt am Donnerstag, 29. September, bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt.