Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Julius and Ethel

27. September 2021

Endlich haben wir eine offizielle Veröffentlichung: Dylans Song gegen die politische Paranoia in den USA der 1950er Jahre

Ethel und Julius Rosenberg, Copyright Wikimedia Commons

Endlich gibt es neben den vielen anderen aus den Archiven geborgenen Schätzen der Infidels-Sessions, auf „Springtime in New York“ – der neuesten Ausgabe der Bootleg Series –  nun auch eine offizielle Veröffentlichung von „Julius and Ethel“.

Julius und Ethel Rosenberg wurden 1951 wegen Rüstungsspionage für die Sowjetunion der Prozess gemacht. Ihnen wurde unterstellt, maßgeblich zum Bau von sowjetischen Atombomben beigetragen zu haben. Letzteres konnte nie bewiesen werden. Spioniert hatten die bekennenden Kommunisten wohl schon, aber der Inhalt der Anklage, die Art des Prozesses und der „Beweisführung“ und dann erst Recht das Todesurteil führten zu weltweiten Protesten. Unter anderem setzten sich Papst Pius XII., Jean-Paul Sartre, Albert Einstein, Pablo Picasso, Fritz Lang, Bertolt Brecht und Frida Kahlo für die beiden ein. Dennoch wurde das Urteil am 19. Juni 1953 vollstreckt.

Opfer der antikommunistischen Umtriebe

An beiden wurde ein Exempel statuiert. Sie waren die einzigen US-amerikanischen Zivilisten, die während des Kalten Krieges wegen Spionage angeklagt wurden. Sie sind bis heute die einzigen, die in den USA in Friedenszeiten wegen Spionage hingerichtet wurden. Sie waren Opfer des Höhepunktes der antikommunistischen Umtriebe in den USA in den 1950er Jahren. Hinter der präsidialen, jovialen, väterlichen Fassade des Kriegshelden Dwight D. Eisenhower herrschte die hässliche Fratze der Verfolgung und Zerstörung vermeintlicher Kommunisten durch Senator Joseph McCarthys Ausschüsse, die zu einem vergifteten Klima in den USA führten und die andere Seite der Medaille des heile Welt-Klischees zwischen Doris Day und Familienidyll in den Suburbs waren.

Dylan interessiert sich wieder für die Welt

Dreißig Jahre später greift Dylan die Geschichte auf und spielt im Rahmen der „Infidels“-Sessions den Song „Julius and Ethel“ ein. Das Album war die Abkehr von monothematischer Gottespreisung und fundamentalistischer Bekehrung. Der Freigeist Dylan ließ sich einfach nicht in einer Kirche oder Sekte einsperren. Dylan ist ein gläubiger Mensch und auch durchaus spirituell empfänglich. Aber er ist gleichzeitig eben auch an der Welt und ihren Widersprüchen interessiert. Und das beweist er wieder auf „Infidels“.

Und so spießt er die Geschichte dieser beiden Opfer der antikommunistischen Paranoia in den USA in diesem Song auf. In Dylans Riesen-Oeuvre sind Geschichten über konkrete Menschen eindeutig in der Minderheit. In seiner Frühzeit hat er Songs über Emmett Till, Hattie Caroll, den Mörder von Medgar Evers oder Davey Moore gesungen. Später dann über George Jackson, Rubin „Hurricane“ Carter und auch über Sara. 1981 folgt Lenny Bruce und 1983 dann Julius and Ethel. Doch er veröffentlicht das Lied nicht.

Musikalisch ist er ein hübscher, treibender Rocksong. Inhaltlich ergreift er Partei für die beiden. „They were never proven guilty beyond a reasonable doubt“ singt er. Oder

Endlich ist Julius and Ethel im Rahmen der Bootleg Series offiziell erschienen, Copyright: Columbia Records, Legacy

„The people thought they were guilty at the time,
Some even said there hadn’t been any crime“

Und auch hier findet er wieder ein paar treffende Wortbilder, um die Zeitläufte zu beschreiben, zeigt, dass er das noch immer beherrscht:

„Eisenhower was president, Senator Joe was king,
Long as you didn’t say nothing, you could say anything“

und

„Someone said the 50s was the age of great romance,
I say that’s just a lie, it was when fear had you in a trance“

Dylans Statement gegen Reagans Amerika

Dylan ist ein Kind der 1940er und des New Deal. War Teil der linken Folkszene, kannte die Geschichte von Pete Seeger, der von den McCarthy-Ausschüssen auf die schwarze Liste gesetzt wurde. Evangelikaler Spuk hin, nostalgische Anwandlungen im Spätwerk her – Dylan war nie ein Konservativer, ist keiner und wird auch keiner mehr werden.

Mit diesem Song beweist er dies überdeutlich. Die „heile Welt“ der 1950er Jahre ist nicht seiner. Er war auf der Seite der Beatniks, der Folkies, der Schwarzen, war auf der „falschen Seite“ der Eisenbahngleise geboren. So war auch diese Song im Grunde ein Statement gegen Ronald Reagans konservatives Roll-Back.

Es ist schade, dass „Julius and Ethel“ nicht auf „Infidels“ – die Platte hätte ja eigentlich den viel treffenderen Titel „Surviving In A Ruthless World“ heißen sollen – kam. Möglicherweise hätte das noch einmal zu einer anderen Wahrnehmung Dylans durch die Öffentlichkeit geführt.

Warum er den Song nicht veröffentlicht hat, weiß man nicht. Dylan, die ewige Sphinx. Um so schöner, dass wir ihn jetzt haben. Ein Beispiel mehr dafür, dass Dylan auch in den 1980ern etwas zu sagen hatte.

Neustart der Darmstädter Americana-Reihe mit „Romie“ am 23. September

17. September 2021

Vier Veranstaltungen in der Bessunger Knabenschule/ Auch in dieser Herbstsaison spielt Bob Dylan bei Thomas Waldherrs Konzertreihe wieder eine wichtige Rolle

Romie“ verzaubern mit schönen Melodien und feinem Harmoniegesang, Foto: Ruth Buchert

Wenn am Donnerstag, 23. September, das Frankfurter Folk-Duo Romie die Bühne der Bessunger Knabenschule betritt, dann beginnt das erste Konzert der Darmstädter Americana-Reihe von Thomas Waldherr nach fast einem Jahr Pause. Am 24. Oktober letzten Jahres fand sich unter dem Titel „Love Songs For The Other America – Revisited“ eine illustre Musiker-Runde zusammen, um musikalisch vor der US-Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump Partei zu ergreifen. Kurz danach kam der Lockdown und auch die für dieses Frühjahr geplanten Veranstaltungen fielen der Corona-Lage zum Opfer. Doch im Herbst wird es endlich soweit sein. Drei Veranstaltungen der Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ und ein Abend in Kooperation mit dem Veranstalter Volkshochschule Darmstadt finden dann mit einem der Lage entsprechenden Hygienekonzept in der Bessunger Knabenschule statt.

Fast ein Jahr Pause

„Ich freue mich unheimlich, dass es wieder losgeht. Einen herzlichen Dank an das Team der Knabenschule. Schön, dass die Americana-Reihe hier ihr Domizil gefunden hat“, so Thomas Waldherr. Die Herbstveranstaltungen drehen sich um Folk, Blues und Folk-Rock. „Wir wollen in Darmstadt weiter zeigen, wie vielfältig das Americana-Genre ist. Es spiegelt in sich das vielfältige Amerika und überwindet gleichzeitig dessen Zerrissenheit, ganz wie der ‚Vater‘ des Genres, Bob Dylan“, erklärt der Amerika- und Americana-Kenner. „Daher wird auch in dieser Americana-Herbstsaison Bob Dylan und seine Musik in der einen oder anderen Weise präsent sein.“

Romie beginnt die Reihe mit melodiösem Folk und Harmoniegesang

Ihre Darmstädter Americana-Premiere erleben dann also am 23. September (20 Uhr) endlich Romie. Das Frauen-Folk-Duo hätte schon im März letzten Jahres in der Americana-Reihe spielen sollen. Sie sind so etwas wie die Shooting Stars der Folk- und Americana-Szene in Rhein-Main. Sie verbinden feine Folkmelodien mit wunderschönem Harmoniegesang. Nach einigen regionalen Open-Air-Auftritten im Sommer darf man sich nun auf einen intensiven Auftritt in intimer Atmosphäre freuen. Mit dabei -neben vielen feinen eigenen Songs – werden sie sicher auch ein Bob Dylan-Cover haben.

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Volkshochschule Darmstadt lädt zum Bob Dylan-Tribute

Am Freitag, 8. Oktober (19 Uhr) steht dann Bob Dylan ganz im Mittelpunkt, denn dann wird sein Geburtstag nachgefeiert. Ursprünglich wollte die Volkshochschule Darmstadt am 18. Oktober bereits Bob Dylans 80. Geburtstag feiern. Doch auch hier machte Corona einen Strich durch die Rechnung. In Kooperation mit „Thomas Waldherr präsentiert Americana“, der Bessunger Knabenschule und dem Asta der Hochschule Darmstadt wird nun im Oktober dem großen Songwriter und Literatur-Nobelpreisträger Tribut gezollt. Mit dabei sind Klaus Walter und Thomas Waldherr mit Multimedia-Vorträgen zu Bob Dylans Wurzeln in der Jewish Community und seiner Beziehung zu Black America, für Livemusik sorgen Martin Grieben (Ex-Jay), der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich, Wolf Schubert-K. & Friends, das Folk-Duo Hannah & Falco sowie das Darmstädter Indie-Pop-Duo „Woog Riots“. Schirmherr der Veranstaltung ist Darmstadts Oberbürgermeister und Kulturdezernent Jochen Partsch.

Blues und Dylan-Cover von „Sir“ Oliver Mally

„Sir Oliver Mally, Foto: Promo

Für Bluesmusik von internationalem Rang steht der Östereicher „Sir“ Oliver Mally, der am Donnerstag, 28. Oktober (20 Uhr), dann zu Gast sein wird. Der österreichische Bluesman und Singer-Songwriter wird in seiner Heimat u.a. als der „beste Blues-Sänger des Landes“ („Die Presse“)bezeichnet und sogar zu den Vertretern des „besten Blues Europas“ (Musikzeitschrift

„Concerto“) gezählt. Musik von internationaler Klasse, vorgetragen mit Kraft und Herzenswärme. Zudem hat auch Mally hat stets ein paar Dylan-Songs im Gepäck.

Engagierter und temperamentvoller Solo-Folk-Rock-Abend mit „SONiA disappear fear“

Und dann freut sich Thomas Waldherr zum Abschluss des Herbstprogramms am 25. November (20 Uhr) auf einen ganz besonderen Gast: „Unsere gute Freundin Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear wird wieder bei uns sein. Sie gehört mittlerweile ganz fest zur Darmstädter Americana-Reihe und wird nach erstmals nach 2018 wieder mit einem Soloprogramm bei uns an den Start gehen. Sie verkörpert mit ihrer Musik und ihrer Person die Haltung, für die unsere Americana-Reihe steht. Das wird ein stimmungsvoller Abend“, blickt Waldherr mit großer Vorfreude nach vorne.

Die mehrfach Grammy-nominierte Singer-Songwriterin ist eine Cousine der Musiklegende Bob Dylan. Sie steht für eingängige Folk-Rock-Melodien und eine temperamentvolle, energiegeladene Performance, in ihren Liedern wendet sie sich gegen Homophobie, Rassismus und Gewalt. 

Anmeldungen für den Bob Dylan-Abend unter http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur/Musik), Tickets und weitere Infos zu allen anderen Veranstaltungen: http://www.knabenschule.de .

Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans Anderes Amerika

10. September 2021

Volkshochschule Darmstadt und Kooperationspartner würdigen den „Tambourine Man“ zum 80. Geburtstag. Lange Darmstädter Bob Dylan-Nacht am Freitag, 8. Oktober 2021, in der Bessunger Knabenschule.

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

In diesem Jahr, am 24. Mai 2021, wurde der „Picasso of Song“, der legendäre Singer-Song-Writer und Literaturnobelpreisträger von 2016, Bob Dylan, 80 Jahre alt. Die Volkshochschule Darmstadt wollte den Meister anlässlich seines runden Geburtstags bereits am Freitag, 14. Mai 2021, ehren. Wegen der damaligen Pandemielage musste die Veranstaltung jedoch verschoben werden. Die Hommage „Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans anderes Amerika“ geht nun am Freitag, 8. Oktober (Beginn 19.00 Uhr), über die Bühne. Veranstaltungsort des besonderen Bob Dylan-Abends ist die Bessunger Knabenschule.

Die Volkshochschule Darmstadt bietet in Kooperation mit der Bessunger Knabenschule, dem AStA der Hochschule Darmstadt (HDA) und der Konzertreihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ in der Halle der Bessunger Knabenschule ein facettenreichen, nachträgliches Geburtstags-Programm zu Ehren Bob Dylans: Ein Mix der besonderen Art, zwischen Politik und Kultur, mit viel Live-Musik und informativ-unterhaltsamen Multimediavorträgen rund um Bob Dylan.

Kein anderer Künstler hat die Ära der Rockmusik und der Song-Poesie überdie letzten fünf Jahrzehnte so nachhaltig, ausdauernd und einfallsreich bestimmt wie der 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth (Minnesota)geborene US-Musiker jüdischen Glaubens. Bob Dylans Songs wie »Like a Rolling Stone«, »Blowin‘ in the Wind« oder »Knockin‘ on Heaven’s Door« gerieten zu Welthits, prägten eine ganze Generation, gelten bis heute als unsterblich. Der Dylan-Experte Heinrich Detering sieht in Dylan als den wahren Historiker amerikanischer Traditionen. Als erster Musiker nahm Dylan gar den Literatur-Nobelpreis 2016 entgegen.

Hannah & Falco werden neben Martin Grieben, Dan Dietrich und Wolf Schubert-K. & Friends eigene Interpretationen von Dylan-Songs spielen, Copyright: Pascal Weisenberger

Sein Credo formulierte Dylan einmal so: „Nichts ist so beständig wie die Veränderung“.Vor genau 60 Jahren, 1961, bekam der Meister seinen allerersten Plattenvertrag bei Columbia Records – dank seines Mundharmonikaspiels auf Carolyn Hesters drittem Album. Zu Beginn seiner Laufbahn sang Dylan oft mit der Folk-Sängerin und Aktivistin Joan Baez auf der Bühne. Dylan avancierte schon bald zur Ikone des Folk, seine Single „Blowin‘ In The Wind“ brachtes zum Welterfolg, seine ungewöhnliche Gesangs-Phrasierung und Rhythmik wirkten stilprägend – und schrieben Musikgeschichte.Von 1964 an brachte Bob Dylan mehr Rock-Einflüsse in seine Folk-Songs ein, ging daher mit der Rockband The Band eine Liaison ein. Wenngleich manche Folk-Fans sich darüber mokierten, seine Single „Like A Rolling Stone“ geriet dennoch zum Evergreen.Die beiden Klassiker-Alben „Blood On The Tracks“ (1975) und „Desire“ (1976) entpuppten sich als seine bestverkauften Werke. Insgesamt veröffentlichte Bob Dylan mehr als 30 Studio- und elf Live-Alben, dazu diverse Compilations und Live-Aufnahmen.

Auf dem Programm des Dylan-Abends der Volkshochschule stehen Bild-Vorträge des preisgekrönten Musikjournalisten Klaus Walter und des Darmstädter Dylan-Experten und Amerika-Kenners Thomas Waldherr über den „Picasso of Song“ zwischen Judentum und Black America, Politik, Pop und Poesie. Es sind dies zwei Multimedia-Vorträge, die sich der Wechselwirkung zwischen Politik- und Gesellschaftsgeschichte Amerikas widmen, von Migration und US-Populärkultur sowie Dylans jüdischem Glauben bis hin zu seiner engen Verbindung zur afroamerikanischen Kultur und Community.

Die Woog Riots werden als Special Guests ihren Song „Bob Dylan“ vortragen, Copyright: Promo

Für Live-Musik ist während des Bob Dylan-Abends der Volkshochschule Darmstadt mit Kooperationspartnern auch gesorgt: So bieten Dan Dietrich, Martin Grieben und das Folk-Duo „Hannah und Falco“, aber last but not least auch „Wolf Schubert-K & Friends“ eigene Interpretationen bekannter Bob Dylan-Songs dar. Special Guests sind die „Woog Riots“. Offizieller Schirmherr der langen Darmstädter Bob Dylan-Nacht ist Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch.

Der Eintritt der Veranstaltung beträgt 15 Euro, Voranmeldung zu dieser Veranstaltung erfolgt über die Volkshochschule Darmstadt: http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur / Musik). Bereits erworbene Karten durch Voranmeldung behalten ihre Gültigkeit. Hinweis: Voranmeldung ist unbedingt erforderlich, es gelten die AHA-Regeln zum Schutz vor der Corona-Pandemie (Mund-Nasen-Bedeckung, Abstand, Hygieneregeln).

Brief an ein zerrissenes Land

3. September 2021

Eric Bibbs Album „Dear America“ erscheint in wenigen Tagen. Der in der Greenwich-Village Szene um Bob Dylan groß gewordene Sänger legt ein unter die Haut gehendes Album vor.

Copyright: Mascot Label Group

„Von wegen der Delta-Blues ist eher eine ernste und traurige Angelegenheit. Da Eric Bibb ihn mit viel Gospel-Soul und spirituellem Optimismus anreichert, bringt er so fast jeden Blues zum fröhlichen Hüpfen. Somit ist die Betriebstemperatur des Konzerts am Mittwochabend im vollbesetzten Saal der Centralstation von Anfang an wohlig. Der Mann hat sein Publikum im Griff. Schon nach wenigen Augenblicken klatschen die Besucher im Saal der Centralstation mit und lassen sich von Eric Bibb auf eine Reise in die Welt des Folk, Blues und Gospel mitnehmen“. Dies schrieb ich in einer Konzertkritik über Eric Bibbs Gastspiel in Darmstadt im Dezember 2013.

In der Tat habe ich diesen Mann damals als optimistischen und fröhlichen Menschen wahrgenommen. Seit vielen Jahrzehnten begeistert er weltweit mit seinen Folk- und Bluessongs und ist mittlerweile in Europa heimisch geworden.

70 Jahre alt geworden

Nun ist dieser temperamentvolle Folk- und Bluessänger im vergangenen Monat siebzig Jahre alt geworden. Und am 10. September erscheint sein neues Album „Dear America“. Aufgenommen wurde es im New Yorker Stadtteil Brooklyn im November 2019, als Bibb aus seiner Wahlheimat Schweden in die alte Heimat Amerika zurückkam. Und „Dear America“ trägt denn auch das Gefühl einer Heimkehr in sich und gehört, und das kann man jetzt schon sagen, sicherlich zu den allerbesten Alben seiner Karriere.

Wurzeln im Greenwich Village

Bibb, die Geschichte ist bekannt, stammt aus der progressiven Künstlerszene des Greenich Village in New York. Sein Vater, Leon Bibb, war schon Folksänger und war u.a. mit Pete Seeger gut befreundet, Erics Patenonkel war der legendäre Paul Robeson. Der junge Bob Dylan ging in diesem Haus ein und aus. Wie die meisten progressiven Amerikaner ist Bibbs Beziehung zu seinem Heimatland nicht frei von Brüchen. Als Afro-Amerikaner hat er den Rassismus am eigenen Leibe kenngelernt und kennt die gesellschaftliche Entwicklung in den USA von Sklaverei über Bürgerkrieg und Befreiung, Ku Klux Klan und Bürgerrechtsbewegung bis hin zu Black Lives Matter nur zu gut. Trotzdem liebt er dieses Land für dessen Glück- und Freiheitsversprechen, für den Optimismus, für die Hoffnung für die Amerika auch immer stand.

Und so macht er sich auf seinem neuen Album „Dear America“, das am 10. September erscheinen wird, viele Gedanken über dieses zerrissene Land. Bibb steht dabei ganz klar in einer Folktradition, die auch von Bob Dylan geprägt ist. Nicht umsonst hat Bibb über die Jahre immer wieder Dylan-Titel eingespielt. Von der Jugend-Hymne der 1960er, „The Times They Are Changin'“ bis hin zum religiös verorteten „Gotta Serve Somebody“. Und so wie Dylan auch macht sich Bibb unerlässlich Gedanken über  dieses Amerika.

Amerika zwischen dunklen Befürchtungen und unerschütterlichem Optimismus

Er geht dabei zurück zu den dunklen Kapiteln dieses Landes, indem er in einem Song „Emmetts Ghost“ beschwört. Den Geist von Emmett Till, der 1955 im Alter von 14 Jahren von weißen Rassisten im Süden ermordet wurde. Bob Dylan hat darüber ebenso ein Lied geschrieben wie Emmylou Harris. Nun ist es Eric Bibb der dafür sorgt, dass dieser Mord nicht vergessen wird. Till wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden.

Zu dem düsteren „Whole World’s Got The Blues“ sagt: „Man braucht nur die Nachrichten einzuschalten, und schon sieht man einen Konflikt nach dem anderen. Ich spreche von gewaltsamen Konflikten, die man natürlich auch Global sehen kann.“

Aber es gibt auch leichtere Kost, denn Bibb ist einfach einer, der immer wieder Optimismus versprüht.  Da ist das froh vorwärtstreibende Tuckern des Lokomotiv-Themas „Talkin‘ ‚Bout A Train“ oder der Opener „Whole Lotta Lovin'“, eine Hommage an die amerikanische Roots-Musik. „Es ist liebevoll und verspielt“, sagt er über letzteres. Ich wollte, dass „Whole Lotta Lovin'“ das Album eröffnet, denn wenn ich eine Sache an Amerika auswählen müsste, die ich für ein ungetrübtes und strahlendes Geschenk halte – ist es die Musik.“

Die Quintessenz des Americana

Und so legt Bibb mit 70 Jahren ein Album vor, das die Quintessenz allen Americanas sein könnte: Der immer noch vorhandene Glaube an das Glück und die Freiheit in Amerika und das Wissen, um all die Kräfte, die dafür sorgen, dass dies immer wieder auf’s Neue in Frage gestellt wird. Und das mit allen Mitteln. „Dear America“ erscheint am 10. September.

Wenn Weggefährten und Zeitgenossen gehen

27. August 2021

In diesen Tagen sind neben Charlie Watts auch einige Folk- und Country-Größen von uns gegangen. Allesamt waren sie in irgendeiner Weise mit Bob Dylan verbunden. Eine Generation kommt an ihr Ende

Vor wenigen Tagen mussten wir den Tod von Charlie Watts beklagen. Vor ihm starben vor kurzem auch Tom T. Hall und Don Everly. Und vor knapp zwei Wochen verstarb Nanci Griffith. Wir haben die texanische Folk- und Countrymusikerin und ihr Verhältnis zu Bob Dylan Ende der vergangenen Woche an dieser Stelle gewürdigt.

Die Everly Brothers spielten auch Dylan-Songs

Phil und Don Everly, Copyright Wikimedia Commons

Mit Don Everly ist im Alter von 84 Jahren nun auch der zweite – nach seinem Bruder Phil im Jahr 2014 – der „Everly Brothers“ gestorben. Die mit Hits wie „Bye, bye love“ bekannt gewordenen Grenzgänger zwischen Country, Rock’n’Roll und Pop, deren Charakteristikum der wohlklingende Harmoniegesang war, würde auf den ersten Blick kaum jemand als wichtigen Einfluss für die Folk-Rock-Legende Bob Dylan bezeichnen. Und auch wenn in seinem Werk selbst nicht viel dafür zu sprechen scheint: Die Everlys faszinierten ihn und er die Everlys.

Ein Blick zurück auf 1969. Don erzählte aus diesem Jahr laut „Rolling Stone“ folgendes: „Es war alles sehr seltsam. Ich nahm LSD – das beste, Owsleys orangen Sonnenschein –, trug aber gleichzeitig Smokings. An einem Abend spielten wir eine Country-Show, dann am nächsten den Fillmore West, mit den Sons of Champlin oder so. Habe endlich auch das Bitter End gespielt. Habe dort Bob Dylan eines Abends getroffen. Wir waren auf der Suche nach Liedern und er schrieb damals „Lay Lady Lay“. Er hat Teile davon gesungen, und wir waren uns nicht ganz sicher, ob er es uns anbot oder nicht. Es war einer dieser ehrfürchtigen Momente. Wir haben den Song ungefähr fünfzehn Jahre später geschnitten.“

1984 nahmen sie also endlich „Lay, Lady, Lay“ auf und 1985, also diesmal nur zehn Jahre nach seinem Entstehen, spielten sie ihre Version von „Abandoned Love“ ein, der aus den „Desire Sessions“ stammt. Man kann sich vorstellen, wie stolz Dylan gewesen sein muss, als die Everlys seine Songs aufnahmen. Er selber hatte mit George Harrison von den „Beatles“ – auch begeisterte Fans der „Everly Brothers“ – 1970 im Studio den Everly-Hit „All I Have To Dream“ eingespielt, der aber erst im vergangenen Jahr auf dem Sampler „Bob Dylan 1970″ mit den Dylan/Harrison“- Sessions veröffentlicht wurde. Für ihn wie für seine Weggefährten wie eben den Beatler, Paul Simon oder Neil Young waren die Everlys prägend für das Verständnis des inneren Zusammenhangs von Folk, Country und Rock. Und so hat Dylan dann auch einmal über die Everly Brothers voller Wertschätzung gesagt: “We owe these guys everything – they started it all”.

Dylans harsche Tom T. Hall-Schelte

Tom T. Hall, Copyright Wikimedia Commons

„Wertschätzung“ ist jetzt nicht gerade die Vokabel, die einem bei Dylans Passagen über den kürzlich im Alter von 85 Jahren gestorbenen Tom T. Hall bei seiner MusiCares-Rede von 2015 einfällt. Im Gegenteil: Bob hält voll dagegen und kritisiert die Songwriter-Legende folgendermaßen:

„Manche mögen jetzt sagen, Tom sei ein großartiger Songwriter, und daran werde ich nicht zweifeln. Damals, während seines Interviews, hörte ich tatsächlich ein Lied von ihm im Radio im Tonstudio. Es hieß „I Love“. Und es sprach über all die Dinge, die er liebt. Ein Jedermanns-Song. Der Versuch, mit Menschen in Kontakt zu treten. Er versucht, dich glauben zu lassen, er sei genauso wie du und du bist genau wie er. Wir alle lieben die gleichen Dinge. Wir sind alle im selben Boot. Tom liebt kleine Babyenten. Langsam fahrende Züge und Regen. Er liebt große Pickup-Trucks und kleine Flüsse auf dem Land. Schlafen ohne Träume. Bourbon im Glas. Kaffee in einer Tasse. Tomaten an einer Rebe und Zwiebeln. Hören Sie, ich werde nicht einen anderen Songwriter herabsetzen. Ich werde das nicht tun. Ich sage nicht, dass das ein schlechtes Lied ist, ich sage nur, dass es vielleicht ein wenig überkocht ist.“

Und als er über über Kris Kristoffersons Song “Sunday Morning Coming Down” spricht, holt er erneut zum Schlag aus: „Dieser eine Song hat die Welt von Tom T. Hall in die Luft gesprengt. Es könnte ihn ins Irrenhaus geschickt haben. Gott bewahre, dass er jemals eines meiner Lieder gehört hat. Wenn ‚Sunday Morning Coming Down‘ Toms Käfig durcheinander gebracht und ihn in den Mülleimer geworfen hätte, hätte er sich bei meinen Liedern sicherlich das Gehirn aus dem Leib gepustet.“

Dylans Kritik im Kern richtig

Warum ist der gute Bob so auf Tom T. Hall losgegangen? Sein Vorgehen ist keinesfalls persönlich gemeint oder entspricht Bösartigkeit und Arroganz. Was er richtigerweise sagen will ist, dass Kristofferson und er in der Country Music eine ganz andere Sicht der Dinge im Songwriting etablierten. Hall konnte gut Geschichten erzählen und ist dafür zu Recht geehrt worden. Aber er durchbrach nie den Common Sense über den hart arbeitenden, im Grunde gottesgläubigen Südstaatlers, der aber auch trinkfest, handfest und bauernschlau ist. Und er, Tom T. Hall, war natürlich einer von ihnen. Die doppelbödige Lyrik, die kritische und distanzierte Sichtweise auf die Gesellschaft und die Verlorenheit des Individuums in der verwalteten Welt brachte Dylan erst in die Nashville-Welt ein. Er ebnete damit den Weg für die gebrochenen Schicksale, die verstörenden Geschichten und die Gewalt, die Kristofferson und die Outlaws zu Themen ihrer Songs machten. Tom T. Hall war gut, aber zu gefällig, während Dylan, The Band und die Outlaws wieder an die Songtradition des alten unheimlichen Amerikas anknüpften. Schade, dass Dylan sich hier ein bißchen zu sehr an der eigenen, guten Pointe berauschte und sich im persönlichen vergallopiert hat. Damit nahm er dem inhaltlichen Argument die Schärfe.

Charlie Watts, Copyright Wikimedia Commons

Freund der Rolling Stones

Charlie Watts war – das ist sehr oft gesagt worden – das Rückgrat und die Seele der Rolling Stones und vor allem der notwendige Ausgleich zwischen Jagger und Richards. Auch wenn Keith Richards und Ron Wood Dylan sicher näher standen (Live Aid 1985!) so verband ihn auch eine respektvolle Zuneigung zu Charlie. Dylan konnte mit ihm und dessen cooler Unaufgeregtheit sicher besser als mit dem immer zappeligen und extrovertierten Jagger. So gibt es sehr sympathische Bilder von Bob und Charlie hinter den Kulissen des Desert Trip-Konzerts von 2016.

Wie auch immer – rund um Bob Dylan sterben Weggefährten und Zeitgenossen. Da kommt eine Generation an ihr Ende. Und anhand des Todes dieser Künstler wird auch noch einmal deutlich, welche Kunst sie hervorgebracht haben. Wie prägend sie für die Musikgeschichte der letzten 50-60 Jahre waren. Dass Dylan noch am Leben ist und kreativ ist, beruhigt uns schon. Hoffen wir, dass diese Stimme noch sehr lange nicht verstummt. 

Nanci Griffith (1953 – 2021)

20. August 2021

Sie war eine der schönsten Stimmen der Country- und Folkmusik und sang eine der wunderschönsten Versionen von „Boots Of Spanish Leather“. Mit 68 Jahren ist sie nun viel zu früh verstorben.

Nanci Griffith (1953 – 2021), Copyright Wikimedia Commons

Vielleicht symptomatisch für eine ganze Karriere. Als 1992 das große Jubiläumskonzert für Bob Dylan zum 30-jährigen bei Columbia gegeben und weltweitübertragen wurde, da war ihr Auftritt mit Carolyn Hester bereits beendet. Ihr „Boots Of Spanish Leather“ wurde gesehen, gehört und bejubelt von den 20.000 Menschen im Madison Square Garden, doch die Millionen Menschen an den Fernsehern kamen nicht in den Genuss. Die beiden Sängerinnen waren sozusagen das Vorprogramm. Heute ist ihr Auftritt wenigstens auf der DVD des Ereignisses zu sehen. Nanci Griffith, war immer die, die den ganz großen Erfolg nicht fand, nie wirklich im großen Rampenlicht stand, obwohl sie alles mitbrachte.

Nanci war gebürtige Texanerin, wuchs in Austin auf und changierte stets zwischen Country und Folk. Sie war als Songwriterin für andere erfolgreicher als sie es als Sängerin war. Dabei ist ihre helle, immer jugendlich anmutende Stimme einer der schönsten on der Welt des Americana gewesen. Ihre Performance, so beschreiben es Augenzeugen, war stets  perfekt und voller Professionalität. Sie war voller natürlichem Charme, doch ihre Kunst war auch stets Ergebnis harter Arbeit.

So kam der späte Erfolg mit ihrem Album „Other Voices, Other Rooms“ nicht von ungefähr. Für das Album, das ein Tribut an die sie beeinflussenden Singer-Songwriter war – sie sang u.a. Bob Dylans „Boots Of Spanish Leather und der spielte Mundharmonika dazu – erhielt sie 1994 einen Grammy als bestes zeitgenössisches Folkalbum.

Doch sie hatte auch immer wieder mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde zweimal hintereinander bei ihr Krebs diagnostiziert. In der zweiten Hälfte der 2010er Jahren litt sie unter einem schweren Writer’s Block. Doch immer wieder kämpfte sie sich zurück.

Sie engagierte sich auch in sozialen und politischen Fragen und positionierte sich. 2004 kritisierte sie als Texanerin ihren Landsmann Präsident Bush, und stufte ihn schlimmer ein als den ohnehin schon verhassten Nixon. Auf einem Konzert trug sie dann sowohl einen Nixon-Button, als auch einen  Lyndon B. Johnson-Button. Letzteres aus Verehrung für den ebenfalls aus Texas stammenden früheren US-Präsidenten und dessen Engagement für die Bürgerrechte.

Am 13. August ist sie in Nashville, Tennessee, gestorben. Eine große Künstlerin ist von uns gegangen. Rest In Peace, Nanci Griffith.

Bob Dylan, der Maler

5. August 2021

Bereits sein ganzes künstlerisches Leben malt und zeichnet der Singer-Songwriter auch. Vier Ausstellungen seiner Bilder sind in Deutschland noch bis Ende Oktober zu sehen.

Vor den Ausstellungsräumen im Schloß Hohenstein

Als Dylans Songtexte erstmals zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurden, hieß das Werk „Writings And Drawings“. Und in der Tat, seine ganze Karriere über hat der Singer-Songwriter gezeichnet und gemalt. U.a. die Cover von The Band’s „Music From Big Pink“ und seinem eigenen „Self Portrait“. 1994 hatte er unter dem Titel „Drawn Blank“ einen Band mit Zeichnungen herausgegeben. Doch richtig wahrgenommen wurde seine Malerei erst seit 2007, als erstmals in Chemnitz seine Bilder veröffentlicht wurden. Ingrid Mössinger, damalige Direktorin der Kunstsammlung Chemnitz, hatte sich für Dylans Werke begeistert, und sich unerschrocken daran gemacht, Dylans Management davon zu überzeugen, eine Auswahl von Dylans Bilder ausstellen zu dürfen.

Mittlerweile sind während der Jahre einige Ausstellungen mit Dylans Werken veranstaltet worden. Dylan malt flüchtige Ansichten, malt Porträts, malt Blicke und Ausblicke auf Häuser und Landschaften. Seine Bilder und Zeichnungen sind mal abstrakter, mal gegenständlicher. Dylan changiert in seiner malerischen Ausdrucksweise, so wie er seine Musik und sogar seine Texte immer wieder verändert.

On The Road

Als der Schreiber dieser Zeilen von den vier Ausstellungen in Köln, Fulda, Coburg und Heilbronn mit dem Titel „On The Road“ erfuhr, die noch bis Ende Oktober zu sehen sind, war schnell die Entscheidung gefallen, sich Dylans Bilder einmal näher anzuschauen. Die Wahl fiel auf Coburg, hier waren wir noch nicht gewesen. Und es hat sich gelohnt: Coburg ist ein schönes Städtchen und die Ausstellung in Schloss Hohenstein ist klein, aber fein. Wir wurden sachkundig geführt, ein Film zum Einstieg zeigt die Bandbreite Dylans als bildender Künstler. Und auch wenn wir keine Experten für bildende Kunst oder gar Kunstsammler sind – auch das einer der Hintergründe dieser Ausstellungen – so hat uns die Malerei immer einmal eingefangen. Wie auch Dylans Bilder.

Wer denkt, dass diese Bilder Dylans in ihrer Verfasstheit und ihren Inhalten ähnlich komplex sind wie seiner Lieder, der irrt sich. In einem Beitrag anlässlich seiner Ausstellung „The Beaten Path“ in der Halcyon Gallery im Jahr 2016 schrieb er: „Ich wollte die Dinge möglichst einfach halten und nur das behandeln, was man auf den ersten Blick sehen kann…Es gibt keine Fantasiewelten, keinen religiösen Mystizismus oder doppeldeutige Inhalte. Der Betrachter muss sich bei keinem der Bilder fragen, ob es sich um ein reales Objekt oder ein Fantasiegebilde handelt. Wenn der Betrachter den Ort besucht, von dem das Bild stammt, würde er oder sie genau dasselbe beobachten. Diese Gemeinsamkeit verbindet uns alle.“ (Vice Magazine, 15.11.16)

Diners, Tankstellen, Motels, New Yorker Brücken

Diese Bilder bilden auch den Grundstock der Ausstellung „On The Road“. Alle diese Bilder bzw. die Skizzen, die ihnen zugrunde liegen, sind bei Dylans ewiger Konzertreise quer durch die USA entstanden. Er hat den Blick für das traditionelle Americana im Landschaftsbild oder in der Stadt und Kleinstadt. Da gibt es keine Amazon-Hauptquartiere oder modernistische Hochhäuser. Stattdessen sehen wir Diners, Tankstellen, Motels, die Manhattan Bridge und die Brooklyn Bridge. Klassiker für Dylan als Kind seiner Generation.

Under The Bridge, Copyright Bob Dylan (aus der Ausstellung „On The Road“ in Schloss Hohenstein)

So wie seine Songs eher Gemälde sind – man erinnere sich an das Südstaatenpanorama „Blind Willie McTell“ – so erzählen auch seine eine Bilder keine Geschichten. Sie sind Schnappschüsse in verschiedensten Farben, die möglicherweise mit Stimmungen zu tun haben. Diese Bilder würden, wären sie nicht von Bob Dylan, Songwriter-Legende und Nobelpreisträger, sicher nicht so gehypt, von Relevanz als Darstellung des klassischen Amerika wären sie aber allemal.

Der Geist der amerikanischen Mobilität

Sie verströmen diesen Geist der immerwährenden amerikanischen Mobilität. Dylan verbringt bzw. verbrachte einen großen Teil seines Lebens auf der Straße, auf dem Weg von Konzert zu Konzert. Abseits der Metropolen und Küstenränder hat er den Mittleren Westen, die Südstaaten und den Südwesten immer wieder bereist. Was er eingefangen hat, die oben genannten Objekte, sind immer wiederkehrende Einrichtungsgegenstände dieser amerikanischen Landschaften.

Doch diese amerikanische Mobilität, wie sie schon von John Steinbeck beschrieben wurde, hat sich schon immer nicht nur als positive Utopie, sondern mehr als purer Überlebenskampf dargestellt. Von Steinbecks „Früchte des Zorns“ bis Frances McDormands „Nomadland“ führt eine gerade Linie. Und mitten drin Bob Dylan mit „Hollis Brown“ und „Tangled Up In Blue“. Wer nicht sterben will oder einsam bleiben will, wer nach Arbeit oder nach der Liebe sucht, der muss sich bewegen. Amerika zwingt einen dazu, sich für das Glücksversprechen abzustrampeln. Denn irgendwie geht es immer darum, einen Job zu erledigen. Wer da nicht mithalten kann, hat oftmals Pech gehabt.

Dylan zeigt uns, was zu sehen ist

Dylan erledigt den Job des Malers auf elegante, unprätentiöse Weise, in dem er nicht in die Falle des „Was will uns der Künstler sagen“ tritt, sondern das zeigt, was vermeintlich zu sehen ist. Das auch dies mitunter komplex und von Mensch zu Mensch verschieden sein kann, legt er ganz bewusst zur Seite und betont die verbindende Gemeinsamkeit der Beobachtung. Gleichzeitig ist er weit entfernt von der Beschönigung, wie sie der naiven Malerei innewohnt.

Darum lohnen sich all die Bildbände und Ausstellungen. Wer sich mit Amerika ernsthaft und tief beschäftigen will, der sollte sich nicht nur seinen Songs beschäftigen. Auch seine Bilder sind ein relevanter Beitrag zur amerikanischen Selbstverständigung.

Mehr zu den vier Ausstellungen: https://bobdylan2021.de/

Frühling in New York

23. Juli 2021

Die nächste Ausgabe von Bob Dylans Bootleg-Series beleuchtet die erste Hälfte der 1980er Jahre. Es gibt einiges Gutes zu entdecken.

Copyright: Columbia/Legacy/Sony Music

Die 1980er waren das Jahrzehnt von Ronald Reagan und Michael Jackson. Neoliberalismus traf sich mit Hedonismus. Bob Dylan hatte es von den äußeren Umständen schon schwer in dieser Zeit, gehört zu werden. Doch zu allem Überfluss verlor er seinen künstlerischen Kompass, trudelte mehr und mehr ziellos dahin.

Das dies nicht von Anfang an so war, und dass Bob Dylan gerade auch in der ersten Hälfte der 1980er auch richtig gute Musik machte, dies dokumentiert die Bootleg Series Vol 16, „Bob Dylan – Springtime in New York“, die am 17. September als 2-CD und 5-CD-Box erscheint. Die Abkehr vom einengenden evangelikalen Glauben führte zu freieren Geisteshaltungen und Dylan war wieder offen für andere Themen. Mit Spannung werden daher auch die Liner Notes zum Album erwartet, die der Musikjournalist Damien Love beigesteuert hat.

Viele interessante Outtakes

Schon bei den Proben zur Herbsttournee 1980 gliedert Dylan wieder seine älteren Songs aus der Vor-Born Again-Zeit wieder ein. Auf dieser Zusammenstellung sind davon u.a. „Senor“ und „To Ramona“ vertreten. „Shot Of Love“ ist dann das Album, das christliche mit weltlichen Inhalten mischt. Jesus-Hymnen wie „Property Of Jesus“ neben einem Song über Lenny Bruce, einem bösen, subversiven, anzüglichen Comedian, das schafft auch nur Dylan. Aber das Album hat mit „In The Summertime“ und „Every Grain Of Sand“ zwei der schönsten Dylan-Songs ever vorzuweisen. Und auch die Outtakes haben Format: „Angelina“ ist wieder vertreten, aber auch „Let It Be Me“ und „Was It Worth It?“.

„Infidels“ steht für Selbstbespiegelung und Liebesschmerz – „I And I“, Don’t Fall Apart On Me Tonight“, Sweetheart Like You“ – vor allem aber auch mit der Beschäftigung mit dem Reagan-Amerika. In Dylan-Art wohlgemerkt. „Jokerman“, „Union Sundown“ und „License To Kill“ sind Songs über Lüge, Täuschung und Blendung (Reagan als Jokerman, der große Kommunikator und Verkäufer), der USA in der globalen Wirtschaft, und den immerwährenden amerikanischen Kriegen. Dass dann aber „Jokerman“ auch Züge von Papa Legba und Dylan selbst, also zwei weiteren Trickstern trägt, zeigt in welchem Kontext Dylan gesellschaftliche Fragestellungen verhandelt. Das kann man als unkonkret verwerfen, öffnet aber weitaus mehr den Geist und ist daher eindeutig subversiver, als nur politische Argumentationszusammenhänge zu vertonen. Und mit „Neighborhood Bully“ war auch eine entscheidene Parteinahme für den Staat Israel auf dem Album.

Man darf auf die Outtakes wirklich gespannt sein, insbesondere freuen sich viele auf eine technisch gute Aufnahme von Julius And Ethel. Der Song ist eine Rehabilitierung des kommunistischen jüdischen Ehepaares Rosenberg, das 1953 wegen angeblicher Rüstungsspionage für die Sowjetunion trotz massiver internationaler Proteste hingerichtet wurde. Aber auch hier bleibt Dylan textlich im Vagen, Kryptischen. Schade, hier hätte man sich einen Song á la Hurricane vorstellen können, aber der Dylan dieser Zeit konnte sich nicht dazu aufraffen. Also bescheinigen wir ihm guten Willen für den Song und finden es richtig, dass dieser Song nicht auf das Album kam. Die große Fehlentscheidung war ja stattdessen Blind Willie McTell. Das großartige Panorama des amerikanischen Südens sollte noch ein paar Jahre im Archiv verharren müssen, bis es 1991 bei der Premiere der Bootleg Series dann veröffentlicht wurde. Nun ist es, zum Jubiläum „30 Jahre Bootleg Series wieder mit dabei.

Another Side of Empire Burlesque?

Von der großartigen Europatournee 1984 hat es leider nur ein Song in die Zusammenstellung geschafft, „Enough Is Enough“. Und vom denkwürdigen Auftritt mit The Plugz bei Letterman leider nur „License To Kill“. Empire Burlesque war dann schon die erste Platte an der sich die Geister schieden. Das Ding war von Arthur Baker völlig überproduziert worden. Auch hier Vorfreude auf die Alternate Takes, die hoffentlich vermitteln, was möglich gewesen wäre. Denn „Tight Connection To My Heart“, „Clean „Cut Kid“ oder „I’ll Remember You“ sind gute Songs. Und nicht umsonst entfaltet der am einfachsten produzierte Song, „Dark Eyes“, die stärkste Wirkung auf diesem Album.

Am 10. Juni 1985 erschien Empire Burlesque, das von Januar bis März aufgenommen wurde und damit endet der musikalische Rückblick. Nicht enthalten in dieser Bootleg Series-Ausgabe sind die Ereignisse im zweiten Halbjahr mit dem Live-Aid-Desaster vom 13. Juli und dem Phoenix-gleichen Auftritt mit Tom Petty & The Heartbreakers bei Farm Aid am 22. September. Die wirkliche Schaffenskrise der 1980er fand ja dann nach Dylans triumphaler 1986er-Tour mit Tom Petty statt. Platten wie „Knocked Out Loaded“, „Down In The Groove“ und „Dylan & The Dead“ waren fade Angelegenheiten, die Europatour 1987 eine harte Prüfung für jeden Fan.

In diesem Sinne zeigt uns diese neue Sammlung, dass man über Dylans 1980er nicht pauschal urteilen sollte. Es gibt doch einige Perlen zu entdecken.

Wo viel Rauch ist, ist auch viel Schatten

20. Juli 2021

Bob Dylan faszinierender und vielschichtiger Konzertfilm „Shadow Kingdom“. Regie führte Alma Har’el, die vor ein paar Jahren mit dem Dokumentarfilm Bombay Beach für Aufsehen sorgte. Erste Eindrücke.

Copyright: Veeps

Es ist dunkel, es ist verraucht, es ist Schwarz-Weiß. Bob Dylans neuer Konzertfilm „Shadow Kingdom“ unter der Regie von Alma Har’el ist ein Kontrapunkt zu all den glatten, bunten, hochglanz-special-effect Digitalprodukten des heutigen Showbusiness. Es ist das künstlerische Konzept der beiden, die expressionistische Ästhetik des Film Noir mit der eines Konzertfilms zu vereinen. Es könnte ein Club, ein Juke Joint in den 1940ern sein. Ist es aber nicht. Dazu ist das gecastete Publikum zu divers. Afroamerikaner, Weiße, Native Americans geben als Zuschauer Feedback durch Wippen, Wiegen und Tanzen. Und es tanzen „interracial couples“ wohlgemerkt. Auch wieder so ein subtiler Kommentar Dylans zur Lage im Land.

Wieder einmal Kontroversen

Es gibt zwei verschiedene filmische Grundeinstellungen. Einen Teil der Songs bestreitet Dylan mit Publikum und Gitarre im Juke Joint Setting. Und er ist als Crooner nur mit der Band auf einem Schachbrettmuster-Bühnenboden zu sehen. Also kein in einem Rutsch abgefilmtes Konzert, auch kein Film, der diesen Anschein erweckt, sondern ganz klar zwei verschiedene Settings. Es ist somit kein Live-Konzert, auch kein Konzertfilm, eher ein sehr langes Musikvideo von 50 Minuten.

Ob der Länge bzw. Kürze des Films und seine Machart wird wieder richtig schön diskutiert und gestritten in der Dylan-Welt. Oh je, die Musiker haben gar nicht wirklich gespielt, das ist alles nur gestellt, die Musik ist im Tonstudio entstanden, Dylan singt mal live dazu, mal nicht. Und überhaupt, wie sich der Dylan da wieder bereichert! 25 Euro für ein Video. Ja, wenn die Obsession und die wahren Gefühle des Fans enttäuscht werden, dann wird zum Gegenschlag ausgeholt. In Foren, sogar in Zeitungsmedien wird dann lamentiert, als hätte der Preis hier irgendeine Beziehung zu den Produktionskosten. Die Nachfrage ist da und der Preis wird bezahlt. 

Man meint, manche Dylan-Fans machen immer den selben Fehler. Sie wollen irgendetwas auf Dylan projizieren, um ihn dann wegen ihrer enttäuschten Erwartungen zu beschimpfen. Das war 1966 in England so, 1978 in Deutschland usw. Das wird sich nicht mehr ändern.

Genauso wenig, dass bei Dylan immer Geld ein Thema von Medien und einem bestimmten Teil der Öffentlichkeit ist. Bei anderen wie Clapton, McCartney oder Elton John ist das nicht so. Ich habe an anderer Stelle schon einmal den Verdacht geäußert, hier könnten – vielleicht auch unbewusst – antisemitische Stereotypen greifen.

Überagieren und Konzertsituation überzeichnen

Wer sich von Dylan eine eins zu eins-Konzertdarbietung wie auf der Tourbühne erwartet hat, dessen Erwartungen hat Dylan wieder einmal unterlaufen. Daran hat Dylan gar kein Interesse. Musikalisch will er seine Songs im neuen Gewand vortragen. Filmisch wollen er und Har’el die Konzertsituation und die Club-Atmosphäre durch Überagieren aller Teilnehmenden überzeichnen und damit ihren Kern herausarbeiten. Die Musiker übertreiben ihre Bewegungen beim Spielen, sie „posen“ ein bisschen zu viel, das Publikum raucht und trinkt zu viel, der Club ist ein bisschen zu düster, die Frauen ein bisschen zu lasziv. Bewusst und gekonnt wird hier zwischen Expressionismus und Klischeeüberzeichnung changiert.

In diese Szenerie fügt er die Songs ein, die er durch besonders expressiven Gesang und redizierten Vortrag ihrer Oberfläche beraubt und zum Kern vordringt. Dylan aber ist der einzige, der hier nicht überagiert, sondern hier gekonnt seinen gewohnt performativen Minimalismus überwindet, indem er die Songs durch sachte Gestik unterstreicht.

Der alte Dylan singt den jungen Dylan

Copyright: Veeps

„The Early Songs Of Bob Dylan“ heißt der Untertitel. Und reichen nach Dylan’scher Zeitrechnung bis in die späten 1980er. Denn „What Was It You Wanted“ stammt vom 1989er Album „Oh Mercy“. Trotz der Schattenspiele ist Dylan immer gut zu erkennen, er singt expressiv ans Publikum gerichtet. Mit feinster Stimme, die in den letzten Jahren immer besser geworden ist, so dass er mittlerweile besser singt als vor 30 Jahren. So versteht man auch jede Silbe, jeden Vers. Und das ist auch wichtig, denn einige der Songs hat er neue Lyrics verpasst. Insbesonders bei „Masterpiece“ und „To Be Alone With You“. Ganz wichtig: Sämtliche 13 Songs haben ein neues Arrangement verpasst bekommen. Meist langsam, ohnehin nur sparsam akustisch instrumentiert: Gitarren, Bass, Akkordeon, Tasteninstrumente, Dylans Mundharmonika. Die jungen Musiker, die hier anstatt Dylans sturmerprobter Tourband zu sehen, sind heißen Alex Burke, Janie Cowan, Joshua Crumbly, Shahzad Ismaily, und Buck Meek.

Die Arrangements sind akustisch, sparsam, oftmals zurückgenommen, es gibt kein Schlagzeug. Der Untertitel „The Early Songs Of Bob Dylan“ sorgt genau für richtige die Spannung. Wie singt denn der alte Dylan diese Songs heute? Auch wenn einige  wie „What Was It You Wanted“ von 1989 und Forever Young aus dem Jahre 1973 gewiss keine ausgesprochen frühen Songs sind. Aber bei 60 Jahren Karriere immerhin noch aus der ersten Hälfte.

Die Zeit steht still

Einige Songs wie eben „What Was It You Wanted“ oder „It’s All Over Now Baby Blue“ sind dann mittlerweile fast schon bilanzierend zu verstehen. Bei „Tombstone Blues“ „deklamiert“ Dylan den Text so langsam, als würde er sich wundern was sein jüngeres Ich da einstmals geschrieben hat. Wenn Dylan, für den es immer nur das „Vorwärts“ und das „Don’t Look Back“ gab, nun alt wird, und er weiß, dass seine Zeit endlich ist, dann ist er gezwungen zurückzuschauen. Die Bewegung und die Gegenbewegung neutralisieren sich, die Songs kommen schleppend, werden fast angehalten, weil die Zeit still steht. Und endgültig bekommt man Gänsehaut, wenn Dylan „Forever Young“ so sorgfältig und expressiv und mit fingerpointing singt wie nie zuvor in seiner Karriere. Abschiedsstatement? Testament? Hoffentlich nicht.

Jeder Song ist nicht nur musikalisch arrangiert, auch filmisch. Eine der schönsten Szenen enststeht so bei „I’ll Be Your Baby Tonight“. Dylan singt es zwischen zwei Frauen stehend, einer Afroamerikanerin und einer Weißen. Während die Afroamerikanerin einen stoischen Blick hat, und sie Dylan einmal fürsorglich den Staub von der Schulter klopft, spielt, kokettiert und umgarnt die weiße Frau die Kamera mit Blicken. Ironischer Kommentar Dylans zum eigenen Liebesleben? Eine gesellschaftliche Botschaft? Dylan-typische Ambivalenz, die uns trefflich unterhält und die in ihrer augenzwinkernden Vitalität dem sentimentalen „Forever Young“ den Wind aus den Segeln nimmt.

Und so zeigt uns Dylan auch mit diesem unter der Regie von Alma Har’el – Regisseurin des großartigen Films Bombay Beach von 2012 und langjährige Kooperationspartnerin von Bobs Sohn Jesse – entstandenen Musikfilm wieder mehrere Gesichter.

Man kennt diese Gesichter nur zu gut. Darum sieht man sie auch im Halbdunkel. 

Setlist

1. „When I Paint My Masterpiece“
2. „Most Likely You Go Your Way and I’ll Go Mine“
3. „Queen Jane Approximately“
4. „I’ll Be Your Baby Tonight“
5. „Just Like Tom Thumb’s Blues“
6. „Tombstone Blues“
7. „To Be Alone With You“
8. „What Was It You Wanted“
9. „Forever Young“
10. „Pledging My Time“
11. „The Wicked Messenger“
12. „Watching the River Flow“
13. „It’s All Over Now, Baby Blue“

Chrissie und Bob

16. Juli 2021

Über viele Jahre begleitet Chrissie Hynde Bob Dylans Karriere und greift immer wieder sein Werk auf. Nun erscheinen ihre im letzten Jahr entstandenen Dylan-Cover am 20. August endlich auf CD und Vinyl.

Copyright: Bmg Rights Management

Wenn ein Zitat über das spezielle Verhältnis von Chrissie Hynde zu Bob Dylan etwas aussagt, dann das über den zum Entstehungsprozess ihres neuen Bob Dylan-Cover-Albums „Standing In The Doorway“. Zum Online-Musikmagazin „Clash“ sagte sie: „Ein paar Wochen nach dem ersten Lockdown im letzten Jahr schickte mir James den neuen Dylan-Song ‚Murder Must Foul‘ zu. Als ich ihn hörte, änderte sich alles für mich. Ich wurde sofort aus dieser mürrischen Stimmung, in der ich mich befand, herausgerissen. Ich weiß noch, wo ich an dem Tag saß, als Kennedy erschossen wurde und verstehe jede Anspielung in dem Song. Was auch immer Bob macht, er schafft es jedes Mal, Dich zum Lachen zu bringen, denn er ist vor allen Dingen ein Komiker. Er ist immer lustig und hat immer etwas zu sagen. Also rief ich James an und sagte: ‚Lass uns ein paar Dylan-Cover machen‘, und damit fing alles an.” Besagter James ist ihr Bandgitarrist James Walbourn mit dem sie die Songs zusammen aufgearbeitet und aufgenommen hat.

Von Ohio nach London

Chrissie Hynde ist Jahrgang 1951, in Ohio geboren und natürlich mit Dylans Musik aufgewachsen. So wie sie sich noch genau an Kennedys Ermordung erinnern kann, so ist auch das berühmt-berüchtigte Kent State Massaker vom 4. Mai 1970, als protestierende Studenten von der Polizei erschossen wurden, ihr für immer gegenwärtig. Sie erlebte es mit, der Freund einer ihrer Freundinnen war unter den vier Opfern. Vielleicht ein Grund für ihre lebenslange politisch-aktivistische Ader. So engagiert sie sich schon seit vielen Jahrzehnten für Umwelt und Tierschutz.

Da sie von der Musik der britischen Rockbands begeistert ist, lässt sie sich in London nieder, taucht dort wegen der sich bietenden vielfältigen Möglichkeiten in die Punkszene ein und gründet schließlich ihre eigene Band „The Pretenders“. 1980 heiratet sie den Kinks-Sänger Ray Davies, trennt sich nach ein paar Jahren von ihm, 1984 heiratet sie den Simple Minds-Sänger Jim Kerr und trennt sich auch von ihm wieder. Von beiden Partnern hat sie je eine Tochter. Auch ein drittes Mal heiratet sie, doch auch die Ehe mit dem Künstler Lucho Brieva scheitert.

Dylan als lebenslange Inspiration

Bob Dylan (Copyright Wikimedia Commons) und Chrissie Hynde (Copyright Matt Holyoak)

Als Rockmusikerin mit amerikanischen Wurzeln und kritischem Geist war Dylan für sie über all die Jahre stets eine wichtige musikalische Inspiration. 1984 in London und 1992 in New York stand sie dann auch bei denkwürdigen Konzerten zusammen mit Dylan auf der Bühne. Und obwohl sie um die Krux weiß – „Jeder Singer-Songwriter der Welt covert die Lieder des Meisters, und es gibt unendlich viele davon“, so ihre Aussage- hält sie das nicht davon ab, diesem Riesen-Oeuvre mit James Walbourn neue wunderbare Coverversionen hinzuzufügen. Und besonders gut: Sie hat nicht die ganz bekannten Dylan-Songs genommen. Auch das zeigt: Chrissie kennt ihren Dylan und hat hier u.a. Versionen von „You’re A Big Girl Now“, „Sweetheart Like You“ oder eben dem Titeltrack „Standing In The Doorway“ eingespielt. Musikalisch originell, die Songs bestens adaptiert und letztlich auch etwas Eigenes daraus gemacht – einfach stark!

Möglicherweise brauchte Chrissie Hynde all die Jahre ihres bewegten Lebens zwischen Rockbusiness um Polit-Aktivismus, um nun endlich mit fast Siebzig (am September hat sie Geburtstag) diese Songs zu adaptieren, aufzunehmen und zu veröffentlichen. Ein weiterer Meilenstein in der Karriere einer der wichtigsten und interessantesten Rockkünstlerinnen unserer Zeit.

Standing in the Doorway: Chrissie Hynde sings Bob Dylan

VÖ 20. August/ BMG Rights Management

Tracklist:

01. In the Summertime

02. You’re a Big Girl Now

03. Standing in the Doorway

04. Sweetheart like You

05. Blind Willie McTell

06. Love Minus Zero / No Limit

07. Don’t Fall Apart on Me Tonight

08. Tomorrow Is a Long Time

09. Every Grain of Sand