Archive for the ‘Uncategorized’ Category

„Hard Rain“ Forever!

12. September 2020

Bob Dylans Live-Album von 1976 bleibt für mich immer etwas besonderes und ist definitiv eines seiner aufwühlendsten Werke

In Großbritannien war der Musikjournalismus schon immer ein bisschen anders. Schräger, lauter und oftmals recht nahe an dem Boulevard für den „The Sun“ steht, deren Niveau zu Recht berüchtigt ist. Jetzt durch die Online-Welt kann ja jeder sich seine Homepage basteln und seinen Unsinn in die Welt hinausblasen (So auch der Schreiber dieser Zeilen). Sollen sie doch. Oft liest man auch interessante und fundierte Darstellungen.

Problematisch wird es aber, wenn wie jetzt bei „Far Out“ geschehen, schon mal Geschriebenes, eine stramme Zahl von Klischees und eine gesunde Halbbildung ordentlich faschiert, pürriert und dann nochmals aufbereitet werden. Das Stück über „Hard Rain“ im „Far Out Magazine“ ist wie ich finde so ein problematischer Beitrag. Das ist kein Journalismus, sondern Ergebnis eines seelenlosen, hingehuddelten Content Managements. Man halte der Musik-Ikone einfach mal zwei, drei Nullnummern aus dem Back-Katalog vor, schreibe hier und da ab und fertig ist die Laube. „Self Portrait“ hat man sich als die eine Nullnummer – wie originell, gähn! – herausgepickt.

Aber vor allem hat man sich „Hard Rain“ ausgesucht. Und tatsächlich: Die Tournee von der die Live-Aufnahme stammt – die zweite Rolling Thunder Revue von 1976 (RTR II) – war in der Abwärtsbewegung, irgendwo gestrandet im mittleren Westen. Die künstlerische Kraft hatte sie verloren, das magische Band zwischen den Musikern war dünn geworden. Auch die Verfilmung des Konzerts war vergleichsweise dünn und uninspiriert.

Ohne Maske
Ganz anders aber ist der Eindruck, den das dazugehörige Live-Album hinterlässt. Wenn ich mir jetzt wieder das Album anhöre, so ergreift mich das Ding immer noch so stark wie damals. Dylans Schwarz-Weiß-Bild auf dem Cover ist eines der stärksten und berührendsten von ihm, dass ich kenne. Der Maskenmann scheint uns hier tatsächlich ungeschützt anzusehen. Na, ja, vielleicht ein bisschen viel Mascara unter den Augen, aber das verstärkt den traurigen und nachdenklichen Ausdruck. Und tatsächlich: Dylan weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wo es hingehen soll. Beschwingt vom Rolling Thunder-Erlebnis schaute er auf dem „Desire-Cover“ noch optimistisch nach vorne. Jetzt scheint er ratlos zu sein. Die Tour, die so triumphal begonnen hat, ist versandet. Seine Ehe und die „Menage Aux Trois“ mit Sara und Joanie im Film auf der Tour zu Ende. Was nun? Also stürzt er sich in sein Filmprojekt und wirft wohlüberlegt und absichtsvoll produziert diese Platte noch auf den Markt.

Dylan ist darauf verletzt und wütender denn je. „Hard Rain“ knüpft daher fast unmittelbar an „Blood on The Tracks“ an. Drei Songs alleine von dem Album, insgesamt sieben Songs von neun, die man in Relation zu seinen Beziehungsproblemen stellen könnte. Doch war „Blood On The Tracks“ noch die Auseinandersetzung mit künstlerisch geschliffener Feder, so haut uns Dylan jetzt die Worte scheinbar mit dickem, fettem Textmarker um die Ohren. Und jault und greint und faucht und schreit und wütet: „Like a cork ccrew in my heaaart!“ oder „You’re an idiot, babe, It’s a wonder that you still know how to breathe“ – Hahaha!

Agressiv, Wütend, Verstört
Dazu die Musik: Roh und ungeschliffen und laut und mitreißend, mancher sagt Dylan hätte hier Punkmusik gemacht. Und tatsächlich – Dylans Musik, die auf „Desire“ und „Rolling Thunder“ noch von Folk-Rock und Melodik geprägt war – ist hier ein ziemlicher „hau drauf“. Dylans Haltung ist aggressiv, empört, verstört – voller zorniger Trauer und selbstgerechter Anklage. So spielt er auch „Maggies Farm“ und „Stuck Inside Of Mobile“, die zwei, die in keiner Beziehung zum Liebesleid zu stehen scheinen. Aber auch die sind Ausdruck von der Unzufriedenheit mit der Welt.

„Hard Rain“ ist Dylan’scher Existenzialismus in Höchstform. Ist auch ein bisschen nihilistisch, erzählt aber vor allem von einem Verlorenen in einer bedrohlichen Welt. Und Dylan weiß momentan keinen Ausweg. Wo er in jungen Jahren altersweise schien, oder einfach hoffnungsvoll, voller Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten war, scheint er jetzt tatsächlich angeschlagen. Private und künstlerische Misserfolge – RTR II – zehren an ihm. Er reagiert wie ein angeschlagener Boxer.

Heute wissen wir natürlich wie Dylan das auflöste. Erst mit einem großartigen Mummenschanz und der Schubidu-Welttournee 1978, dann voller Hoffnung im freien Fall unter die Gottesanbeterinnen und fundamentalen evangelikalen Prediger. Es folgen die Selbstbefreiung, ein Jahrzehnt in künstlerischer Krise und dann das Comeback wie Phoenix aus der Asche.

Damals aber, im September 1976, legte er eines seiner eindringlichsten, aufwühlendsten und stärksten Alben vor: „Hard Rain“. Ich höre mir es mir gleich nochmal an. Und nicht vergessen: „Play It Fucking Loud!“

Hard Rain – Trackliste:
„Maggie’s Farm“
„One Too Many Mornings“
„Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“
„Oh, Sister“ (Dylan, Jacques Levy)
„Lay Lady Lay“
„Shelter from the Storm“
„You’re a Big Girl Now“
„I Threw It All Away“
„Idiot Wind“

Country, Kapitalismuskritik und Bob Dylan

28. August 2020

Die Berliner Americana-Band Rodeo FM spannt einen interessanten Bogen

Americana aus Berlin: Rodeo FM, Foto Rodeo FM Promo

„Wenn es Country klingt, ist es das, es ist ein Country-Song. Das hat Kris Kristofferson gesagt. Der Schriftsteller, der über die einfachen Leute sprach, als die einfachen Leute noch nicht von 40 Jahren Neoliberalismus niedergeschlagen wurden.“ Das schreibt die Berliner Band Rodeo FM und zeigt damit sehr deutlich auf wohin sie will: Countrymusik mit politischer Haltung und klaren Aussagen. Und, um das deutlich zu sagen: Rodeo FM macht „Left Wing Countrymusik“.

In ihren Texten zielen sie auf die Widersprüche des Kapitalismus und die Hoffnung auf eine andere, gerechte Gesellschaft. Und nicht einen kleinen Moment lang geraten sie in Gefahr, Agit Prop zu machen. Da sind ihre Songwriter-Vorbilder schon vor. Der schon erwähnten Kristofferson und Bob Dylan haben die Band gelehrt, dass Gesellschaftskritik im Song am besten über die Songpoesie subjektiver Betrachtungen geht und nicht über das Deklamieren sogenannter objektiven Wahrheiten.

Zu Bob Dylan sagt Leadsänger und Songwriter Patrick: „Seine Art zu mäandern und Gedanken schweben zu lassen, hat mich sicher schon beeinflusst, siehe auch „Summer Rain“… eine abgeschlossene Story zu präsentieren, das ist schon ziemlich advanced. Ich arbeite da eher oft wie „Stuck inside of mobile“ (auch ein bisschen der Summer Rain-Ansatz), mit kleinen Episoden, die aber irgendwie auf ein gemeinsames Thema einzahlen. Also geprägt auf jeden Fall, andere Texter und Komponisten sind aber sicher zugänglicher…“

Kein Wunder, dass daher auch Bob Dylan-Songs in ihrem Repertoire sind. Das von Patrick erwähnte textlich-atmosphärische wilde „Stuck Inside of Mobile“ passt ebenso bestens in ihr Oeuvre wie das verliebte „I Want You“.

Ja, sie haben viel von ihren Leitfiguren gelernt und ihre neue Single zeigt dies exemplarisch und die Band beweist dabei Bestform. „Summer Rain“ erinnert im elegischen Intro an Dylans „Workingman’s Blues #2 (wir bleiben beim Thema!) und gewinnt dann aber eine eigene starke Form. „Summer Rain“ ist ein wunderbar melancholischer Song, der recht drastisch davon erzählt, wie es ist, in dieser Gesellschaft einen eigenen kritischen Weg zu gehen. Einen Weg, der die Probleme und Ungerechtigkeiten klar benennt und wie schwer es ist, dies auszuhalten. Doch immer wieder findet man die Liebe und damit Kraft, diesen schweren Weg weiterzugehen.

Die Musik von „Rodeo FM“ ist Neo-Folk-Country-Americana mit Einflüssen von Tom Petty und Gram Parsons und damit absolut radiotauglich. Denn die Jungs von Rodeo FM wollen auch immer unterhalten und wie sie auf ihre Website schreiben: „immer, immer Leute auf die Tanzfläche ziehen.“

Im Dezember erscheint ihr neues neues Album „Upgrade To Truth“. Das wird ein frohes Fest!

Die Muse Amerika

10. Juli 2020

Und noch mehr Notizen zu Rough And Rowdy Ways“: Dylan singt in „Mother Of Muses“ auch über sein Land

General William T. Sherman, Foto: Wikimedia Commons

Der Song klingt erst wie eine alte Folk-Ballade aus dem US-Bürgerkrieg, dann noch älter. Als würde Homer sein Lied singen und die Laute anschlagen. Denn Dylan ruft die alten griechischen Musen an: Mnemosyne und Calliope.

Wie ein uraltes Lied
Doch die dritte Strophe führt aus der Antike mitten in das 19. und 20. Jahrhundert, als die Grundlagen des amerikanischen Jahrhunderts gelegt wurden:

Sing of Sherman, Montgomery and Scott
And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved the path for Martin Luther King
Who did what they did and they went on their way
Man, I could tell their stories all day

Sherman ist natürlich der legendäre General aus dem US-Bürgerkrieg, Montgomery ein amerikanischer General des Unabhängigkeitskrieges und Winfield Scott war ein US-General, der die US-Armee im 19. Jahrhundert bis in den Bürgerkrieg hinein prägte. Zhukov war der oberste russische Militär im 2. Weltkrieg und Patton ein legendärer amerikanischer Haudegen in diesem Krieg.

Die ersten drei stehen für die Entwicklung und Ausdehnung der USA mittels teilweise grausamer Kämpfe gegen die Briten, die Indianer, die Mexikaner und die US-Südstaaten. Die letzten beiden für den Sieg über den Faschismus und die Befreiung Europas.

Dylan sang über den Aufstieg des Landes…
Bei aller Fragwürdigkeit mancher Feld- oder Charakterzüge dieser Männer sieht Dylan diese Siege als Voraussetzung des amerikanischen Jahrhunderts an. Diese Kämpfe sind die Voraussetzung für den Sieg Amerikas und Russlands über den Faschismus, für Elvis und eine globale Rock- und Jugendkultur und für Martin Luther King und dem Glücksversprechen, Rassismus und Ungleichheit zu beenden.

Dylan weiß um die Widersprüche im Kampf für die Freiheit. Er weiß um die Widersprüche seines Landes. Er hat in frühen Jahren mit „With God On Our Side“ schon einmal den Aufstieg der Vereinigten Staaten besungen. Hat ihre Kriege aufgezählt. Er weiß, dass Amerika eine einzigartige Populärkultur hervorgebracht hat, aber auch Gewalt, Indianerkriege und Rassismus. Dies beschäftigt ihn seinem Alter in diesen Zeiten um so stärker.

Elvis Presley, Foto: Wikimedia Commons

Dylan bringt exemplarisch ja auch mit „Murder Most Foul“ die zwei Seiten Amerikas poetisch zum Klingen. Und nicht von ungefähr spricht Dylan im die Veröffentlichung des Albums begleitenden Interview über das Sand-Creek-Massaker an den Cheyenne und Arapahos im Jahr 1864 und über den Tod George Floyds dieser Tage. Dylan hat die schwarzen Märtyrer Emmett Till und George Jackson besungen und hat vor wenigen Jahren erst gesagt, man müsse nur die Namen austauschen, diese Songs hätten noch immer ihre Gültigkeit.

…nun singt er über den Niedergang
Dylan singt auf diesem Album den Schwanengesang auf Amerikas vermeintliche Größe, er singt im fortgeschrittenen Alter über den Niedergang Amerikas. Er kassiert den amerikanischen Traum ein, weil der schon immer auch den Albtraum inkludiert hatte. Dylan argumentiert dialektisch. Und wie bei Dylan üblich liefert er auch hier nur die Analyse. Denn den Reim darauf, also den Weg um diese Widersprüche zu überwinden, den müssen wir selbst finden.

Das Lied zu Shermans „March Through Georgia“:

Und Elvis‘ erster Hit:

Love Out Loud – Best of SONiA disappear fear

25. Juni 2020

Die amerikanische Singer-Songwriterin legt hörenswerten Rückblick auf 30 Jahre Musikkarriere vor

Ich erwische Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear am Telefon in North Carolina. „Ich bin da bei meiner Familie für eine Woche“, sagt sie. „Danach geht es wieder nach Baltimore.“ Und damit wieder zurück in einer der vielen US-Metropolen, die momentan gekennzeichnet sind von Massendemonstrationen und Aktionen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Karriere-Retrospektive in aufwühlenden Zeiten
SONiA, die ihre gesamte Karriere über eingetreten ist für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung aufgrund von sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft oder religiöser Überzeugung fühlt sich natürlich als Teil der Bewegung: „Armut, Rassismus, Corona – das Land ist voller Unsicherheit, Trump spaltet nur und im Land steigt der Zorn.“ Sie hofft natürlich darauf, dass Trump im November abgewählt wird.

Inmitten dieser aufwühlenden Zeiten hat sie nun mit „Love Out Loud“ eine Karriere-Retrospektive veröffentlicht. Zwar ist auf ihrer Website „SONiA’s most loved LGBT Songs“ zu lesen, aber im Gespräch versichert sie, dass die Bedeutung ihrer Musik natürlich viel universeller ist: „Ich trete mit meiner Musik ganz allgemein gegen Ausgrenzung und ‚Othering“ ein.“

Und wie gut sie das über Jahrzehnte schon tut, zeigt dieses Album wieder einmal mehr. Zwölf Songs sollen 30 Jahre dokumentieren? „Es war wirklich schwierig, die Songs auszuwählen, die drauf kommen, aber war einfach eine pragmatische Entscheidung dieses kompakte Format zu wählen. Ganz bestimmt werde ich auch irgendwann „Love Out Louder“ veröffentlichen“, kündigt sie lachend bereits ein Volume 2 an.

Songs gegen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus
„Die Auswahlkriterien waren“, so sagt sie, „bestimmt durch die politische Verbindung der Songs mit den Themen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.“ Als einen zentralen Song des Albums nennt sie hierzu „Who’s So Scared“, der auf einem Poem des schwulen afroamerikanischen Dichters Countee Cullen fußt und der genau diese drei Themen in sich vereinigt.

Aber natürlich sind die Songs, die sie ausgewählt hat, auch verbunden mit ihrer eigenen Entwicklung als lesbische Frau und politischer Mensch. Ob „Fix My Life“ über die Entwicklung ihrer sexuellen Identität oder „Gangsters Of Love“: „Man muss verstehen, dass, als ich „Gangsters Of Love“ geschrieben habe, gleichgeschlechtliche Ehen noch verboten waren“, erinnert sie daran, dass unterschiedliche sexuelle Orientierungen noch gar nicht all zulange gesellschaftlich und juristisch akzeptiert sind und dies immer wieder neu verteidigt werden muss.

Fröhlich und zart, optimistisch und kämpferisch
Das besondere an SONiA Disappear Fear wird auf dieser Kompilation wieder in wunderbarer Weise deutlich. Wie kaum jemand anders versteht sie, diese ernsten Anliegen in zarte, optimistische und fröhliche Worte und Musik zu kleiden. „Love Out Loud“ ist daher nicht nur eine kämpferische Platte, sondern auch ein Album, dass Laune macht und dadurch Kraft gibt. Und daher auch genau richtig für diese Zeiten ist.

Denn als Mensch ist Sonia Rutstein – und das macht sie so sympathisch – eine schier hoffnungslose Optimistin, die man fast nur frohgelaunt erlebt. Auch wenn die Corona-Zeiten mit den Konzertausfällen sie finanziell und mental beeinträchtigen. Insbesondere die notgedrungene Absage ihrer liebgewonnen jährlichen ausführlichen Deutschland-Tour bedauert sie sehr, denn sie hat hierzulande über die Jahre viele Fans und Freunde gewonnen: „Ich vermisse Deutschland. Ich möchte, sobald es wieder möglich ist, so schnell wie es geht auch wiederkommen“, bekräftigt sie das besondere Verhältnis zu ihrem deutschen Publikum.

Viele Aktivitäten ins Netz verlegt
Bis das wieder möglich ist, kann man sich dieses Album besorgen und regelmäßig ins Netz schauen: „Ich habe ja meine Deutschland-Tour damals ins Netz verlegt und an jedem Konzerttermin ein Online-Konzert gegeben. Nun gebe ich jeden Dienstag unter den Titel „Terrific Tuesdays“ ein Online-Konzert, bei denen ich viele gute alte Songs wie ‚Corrina, Corrina‘ spiele.“ Zudem veröffentlicht sie unter dem Titel „Fideo Friday“ jeden Freitag ein Video auf youtube-Kanal. Wer sie dabei unterstützen möchte, hier Einnahmen zu generieren, der kann den Kanal abonnieren. Ehrensache, oder?

Und bis die ersten Auftritte vor Publikum möglich sind, übt sie auch fleißig Gitarre und schreibt an einem Buch und an einem Musical gleichzeitig. Die Frau ist einfach nicht zu bremsen- und schon gar nicht von Corona!

Love Out Loud – Trackliste:
1. Fix My Life
2. Who’s So Scared
3. Me, Too
4. Ride This Ride
5. Be The One
6. Gangsters Of Love
7. Michelangelo
8. Priceless
9. Fallin
10. Grass For The Lamb
11. Who I Am
12. Love Out Loud

Infos und Links:
Website:

https://soniadisappearfear.com
Youtube-Kanal:
https://www.youtube.com/channel/UC63FZOoQdbZ6MffqW_dYuVQ
Facebook:
https://www.facebook.com/disappear.fear/

Uncle Nearest

8. Juni 2020

Was Leslie Riddle für die Carter Family und Rufus Paine für Hank Willams waren, das war Nathan „Nearest“ Green für den Whiskey-Mogul Jack Daniel. Der Erfolg von Jack Daniel’s gründete auf dem Wissen und der Hilfe eines Afroamerikaners.

Copyright: Uncle Nearest Premium Whiskey

Ich mag das zwar eigentlich nicht, aber hier passt es so gut: Ich gehe davon aus, dass Leute, die gerne Countrymusik hören, zu einem großen Teil auch gerne mal einen amerikanischen Whiskey trinken. Und wie heißt die meistverkaufte amerikanische Whiskeymarke weltweit? Richtig, Jack Daniel’s! Da ich an dieser Stelle gerne mal zu Themen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft schreibe, musste dieser Eintrag zur Trink-Kultur einfach sein. Denn Countrymusik und Jack Daniel’s haben noch mehr gemeinsam als gedacht.

Die Geschichte der Countrymusik ist auch eine Geschichte des Rassismus
Der Rolling Stone hat es gerade wieder aufgegriffen: Die Geschichte der Countrymusik hat auch eine starke rassistische Komponente: https://www.rollingstone.com/music/music-country/country-music-racist-history-1010052/ . Bis heute soll die Countrymusik als rein weißes Musikgenre gesehen werden. Ihre afroamerikanischen Wurzeln jedoch werden systematisch ausgeblendet. Dabei gäbe es ohne das ursprünglich afrikanische Banjo, ohne die schwarzen Stringbands und ohne Blues keine moderne Countrymusik. Und viele Country-Stars hatten schwarze Helfer, Lehrer und Mentoren, ohne die ihr Erfolg kaum vorstellbar wäre. Ohne Leslie Riddle keine Carter Family, ohne Rufus Payne kein Hank Williams und ohne Arnold Shultz kein Bill Monroe. Doch die werden gerne vergessen. Und der einzige Künstler in der Grand Ole Opry , DeFord Bailey, wurde rausgemobbt.

Die Afroamerikaner hören und spielen seit jeher gerne Countrymusik. Doch mit Charley Pride und Darius Rucker gibt es gerade mal zwei Afroamerikaner, die Mitglied der Grand Ole Opry sind. Und Kollege Franz-Karl Opitz erinnerte gerade wieder auf country.de daran, dass Mickey Guyton die einzige schwarze Countrysängern ist, die zurzeit bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag steht. Und wenn Lil Nas X einen musikalischen Hybriden, der auf einem klaren Country-Riff fußt und mit Hip Hop-Tönen gemischt ist, zum Mega-Hit macht, dann überschlägt sich das Countrybusiness förmlich darin, zu sagen, das sei kein Countrysong und schiebt ihn in die Pop-Charts.

Doch die Zeiten ändern sich. So wie heute weiße und schwarze Menschen gemeinsam gegen Rassismus aufstehen, so haben sich nicht nur Mickey Guyton und Darius Rucker zum Tod von George Floyd und gegen Rassismus geäußert, sondern auch eine Reihe von Country-Künstlern. Und Charley Pride, Rhiannon Giddens, Darius Rucker, Mickey Guyton, Yola, Lil Nas X, Dom Flemons, Blanco Brown, Swamp Dogg – sie alle zeigen: Die Countrymusik gehört schwarzen und weißen Menschen gemeinsam!

Der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskey-Kultur
Doch wer weiß eigentlich, dass der Begründer und Namensgeber des Whiskey-Imperiums aus Lynchburg, Tennessee auch einen schwarzen Lehrer hatte? Erst 2016, im 150. Jahr des Bestehens, gab die Firma zu: Nicht der Whiskeyhändler und -Brenner Dan Call hatte Jack Daniel das Whiskeybrennen beigebracht, ihm die spezielle Brenntechnik gelehrt, sondern sein Sklave Nathan „Nearest“ Green. Und als Daniel dann 1866 seine Whiskey-Distillery eröffnete, waren auch Nearest als Blendmaster und zwei seiner Söhne als Mitarbeiter dabei. Doch mit der Zeit und insbesondere unter den Jim Crow-Gesetzen wurde auch dieser afroamerikanische Beitrag zur US-Kultur verleugnet. Nichts erinnerte noch vor zehn Jahren in der Distillery in Lynchburg an Nearest Green. Erst seit der Offenbarung – sei es aus ernster Überzeugung oder als Marketingmittel, um die Millenials, die heute mit den Schwarzen zusammen gegen Rassismus auf die Straße gehen, nicht als Käufer zu verlieren – wird Green in Führungen, auf dem Gelände und in Firmenpublikationen erwähnt. Und trotzdem wirkt die Firma Jack Daniel’s Tennessee Whiskey nicht so richtig glücklich damit.

Vielleicht hätte man noch offensiver vorgehen sollen und eine Spezialabfüllung oder Eigenmarke nach Nearest Green benennen sollen. Doch soweit wollte man die Marke Jack Daniel’s und dessen Image als Meister des Tennessee Whiskey wohl nicht „verwässern“. Da ging die afroamerikanische Schriftstellerin Fawn Weaver 2017 viel entschlossener zu Werke. Nachdem sie im Vorjahr von Nearest Green in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, wollte sie dessen Verwandte für ein Buchprojekt interviewen. Doch je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde ihr: Das Vermächtnis des profunden Whiskeybrenners Nearest Green und der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskeytradition konnte nur durch die Kreierung einer gleichnamigen Whiskeymarke erfolgen. Jack Daniel und Jim Beam, aber vor allem die Sklavenhalter Elijah Craig und Henry McKenna bekamen nun durch „Uncle Nearest Premium Whiskey“ Konkurrenz. Mit Hilfe der Green-Familie und von Investoren launchte sie den neuen Brand und der entwickelte sich auch prompt in den wenigen Jahren seines Bestehens zu dem Whiskey mit dem am steilsten steigenden Marktanteil, der noch dazu immer wieder hochdekoriert wird. Ein Erfolg auch der Blendmasterin Victoria Eady Butler, die die Ur-Ur-Enkelin von Nearest Green ist. September letzten Jahres wurde in Shelbyville, Tennessee ,die „Nearest Green Distillery“ auf dem Gelände einer früheren Pferdefarm eröffnet. Und auch in anderer Weise fühlt sich Fawn Weaver der Familie Green verbunden: Die „Nearest Green Foundation“ bezahlt jedem direkten Verwandten von Nearest Green eine College-Ausbildung.

Und es gibt auch eine Verbindung von Fawn Weaver zur Musik: Sie ist die Tochter des Motown-Songwriters und Produzenten Frank Wilson!

Mehr zu Fawn Weaver und „Uncle Nearest Premium Whiskey“ gibt es hier zu lesen:

Fawn Weaver: The Whiskey Benefactor

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Und ein Fernsehbericht:

The Death of George Floyd

28. Mai 2020

Bild: Black Lives Matter

„They’re selling postcards of the hanging“ singt Bob Dylan in seinem Jahrhundertsong „Desolation Row“ und erinnert damit an die Lynchmorde an drei schwarzen Zirkusarbeitern in Duluth, Minnesota, im Juni 1920. Fast genau hundert Jahre später ist in Minnesota wieder ein farbiger Mensch – George Floyd – getötet worden. Getötet am 25. Mai 2020 von einem weißen Cop, der sechs Minuten lang mit seinem Knie auf dem Nacken Floyds diesen auf den Boden presste, sein Flehen nach Luft überhörte, und ihn kaltblütig sterben ließ. Drei weitere Cops schauten zu. Trotz protestierender Passanten wurde George Floyd auf offener Straße von dem Polizisten Derek Chauvin umgebracht.

„The Death Of Emmett Till“, „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, Only A Pawn In Their Game“, „George Jackson“, „Hurricane“ – Bob Dylan hat einige der stärksten und wichtigsten amerikanischen Songs über Rassismus, Mord und Gewalt geschrieben. Sie sind heute aktueller denn je. George Floys musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und ein Weißer ihn umbrachte. Der 14-jährige Emmett Till musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und zwei Weiße ihn umbrachten. Ahmaud Arbery musste vor wenigen Wochen sterben, weil er schwarz war und zur falschen Zeit am falschen Ort war und zwei Weiße ihn umbrachten.

Das Grundprinzip bleibt immer dasselbe. Dylan hat es längst besungen und sagte vor wenigen Jahren in einem Interview sinngemäß dazu, die Songs wären unvermindert aktuell, man müsse nur die Namen austauschen. Dylan weiß genau, was in den USA vor sich geht, und er hat es bereits hinreichend beschrieben. Man sollte diese Songs täglich mehrmals in Heavy Rotation in den US-Radiostationen spielen.

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ hat William Faulkner einmal gesagt. Der Rassismus in den USA war nie weg, ist nie vergangen. Doch er wird immer stärker und unverhohlener, weil ein Mann im Weißen Haus offen rassistisch agiert und Leute wie den Cop aus Minneapolis das Gefühl geben, seine rassistische Gewalt wäre damit legitimiert. Derek Chauvin ist bereits vor dem Tod von George Floyd durch brutale Polizeigewalt aufgefallen.

Trump kündigt die gerechte Sühne für diesen Mord an. Doch das ist keine Einsicht und kein Eintreten für die schwarze Sache. Er will Ruhe im Wahlkampf und er will vor allem seine Omnipotenz beweisen. Gerechtigkeit für George Floyd wird es erst geben, wenn Amerika sich seinen offenen strukturellen Rassismus eingesteht, wenn Justiz und Polizei sich ihren Rassismus eingestehen.

Der Mord an George Floyd sorgt unterdessen für schwere Ausschreitungen in Minneapolis bei denen bereits mindestens ein Mensch ums Leben gekommen ist.

„Now’s The Time For Your Tears“ singt Bob Dylan am Ende von „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“. Erzürnt über die lächerlich milde Strafe für einen rassistischen Mord. Hoffen wir, dass in Minneapolis im Jahr 2020 ein klares Exempel gegen rassistische Polizeigewalt statuiert wird.

Bucky Baxter (1955 – 2020)

26. Mai 2020

Es war eine traurige Nachricht, die ich zuerst auf expectingrain.com las: Bucky Baxter, langjähriges Mitglied von Bob Dylans Tourband in den 1990ern, ist tot.

Er hat mich zum Fan der Pedal Steel gemacht. Dylan hat ihn gehört, als er in Steve Earls Band war, und ihn dann 1992 in seine Band „berufen“. Bucky hat mit seiner Pedal Steel den Sound Dylans in den 1990er Jahren entscheidend mitgeprägt. Bei großartigen Live-Konzerten – sei es in Woodstock oder in Aschaffenburg – und auf erfolgreichen Alben – „MTV Unplugged“ und „Time Out Of Mind“ hat er mitgespielt.

Bucky umgab immer – soweit man das von der Bühne oder aus Erzählungen einschätzen konnte – die Aura eines ruhigen, sympathischen Menschen und eines im besten Sinne sehr professionellen Musikers.

Mit Dylan hat er bis 1999 rund 750 Konzerte bestritten, hat später u.a. mit Ryan Adams und der Old Crow Medicine Show zusammengearbeitet.

Am 25. Mai ist er nach einem Schlaganfall gestorben. RIP, Bucky Baxter!

Ein amerikanisches Gesamtkunstwerk

24. Mai 2020

© Sony Music

Der legendäre Songpoet und Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan wird heute 79 Jahre alt und veröffentlicht im Juni das erste Album mit Originalsongs seit acht Jahren.

Mitten in der Corona-Krise veröffentlicht die unergründliche Sphinx des Pop plötzlich den ersten neuen Originalsong seit 2012. Bob Dylan schenkt der Welt „Murder Most Foul“ und ein paar Grüße, ganz der Situation angemessen:“ Greetings to my fans and followers with gratitude for all your support and loyalty across the years. This is an unreleased song we recorded a while back that you might find interesting. Stay safe, stay observant and may God be with you. Bob Dylan“.

Wortmeldungen während der Corona-Krise
Das epische Werk von gut siebzehn Minuten hat die Ermordung John F. Kennedys zum Thema, lässt uns spüren, welch Verlust für Amerika und die Welt das war, und wird im weiteren Verlauf zu einer Reminiszenz an die popkulturellen Mythen des amerikanischen Jahrhunderts, dessen Sohn Bob Dylan als amerikanischer Singer-Songwriter mit globaler Wirkung war und ist. Ohne Zweifel: Ein Great American Song!

Gut drei Wochen später erneut eine Veröffentlichung: „I Contain Multitudes“. Der amerikanische Künstler beruft sich auf den literarischen Urahn Walt Whitman, der in seinem „Song Of Myself 51″ schreibt: Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.).“ Dylan bekräftigt hier, er bestehe aus Vielfalt und aus Widersprüchen. Eben ganz wie sein Land.
Noch einmal drei Wochen später erscheint erst eine weitere Single, „False Prophet“ und dann wird sogar ein ganzes Album für den 19. Juni angekündigt: Rough And Rowdy Ways“.

Und schon nehmen die Spekulationen ihren Lauf. Sowohl das Cover der Single – ein Skelett mit Spritze in der Hand vor dem Schatten eines gehängten Mannes, in dem viele Donald Trump sehen wollen, als auch Verse wie „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain.“ lassen viele auf einen Kommentar zur aktuellen Situation in den USA und der Welt schließen, angesichts einer Corona-Pandemie und einem US-Präsidenten, der nur noch ein Deal-Maker ist, der Spaltung, Streit und Ausgrenzung forciert.

Doch Dylan wäre nicht Dylan, wenn es so eindeutig wäre. Dylan ist ein Meister, des Tricksens, des Haken-Schlagens und des falsche-Fährten-Legens. Denn vom Text her ist „False Prophet“ beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Diebstahl aus Liebe
Dylan zieht Bilanz auf der Grundlage dessen, was heute passiert: Über Amerika, die Welt und sein eigenes Leben. Er tut dies musikalisch auf der Grundlage von „If Lovin‘ Is Believing“, einem alten Rythm & Blues-Songs von Billy „The Kid“ Emerson“ aus dem Jahre 1954, von dem er sich scheinbar musikalisch ein bisschen was ausgeborgt hat. Da ist es wieder- eines der Grundmotive seines Alterswerks – „Love & Theft“ hieß sein Album von 2001, „Diebstahl aus Liebe“ das künstlerische Prinzip dahinter. Der bedeutende Dylan-Kenner Heinrich Detering hat dieses Prinzip des „Diebstahls aus Liebe“ ja für die Texte des Spätwerks in „Die Stimmen aus der Unterwelt: Bob Dylans Mysterienspiele“ (2016) in einzigartiger Weise herausgearbeitet.

Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass der Albumtitel „Rough And Rowdy Years“ einem alten Jimmie Rodgers-Song entlehnt ist. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die drei bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Plattencover wiederum zeigt eine Tanzszene, die an einen schwarzen Juke-Joint erinnert, und in Realiter 1964 in einem schwarzen Tanzlokal im Ost-Londoner Stadtviertel Whitechapel aufgenommen wurde. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, sie in seiner Person aufzuheben.

Vielstimmige Projektionsfläche
Dylan lässt in seinem Alterswerk viele Stimmen für sich sprechen. Denn Dylan – „die menschlichste aller Stimmen und der unstimmigste aller Menschen“ (Günter Amendt) – ist Medium und Resonanzboden für viele Stimmen, ist eine Projektionsfläche für viele Haltungen und Hoffnungen. Wie kaum ein anderer der modernen Singer-Songwriter-Zunft versteht er es, die Erzählperspektiven mitten im Song zu wechseln. Er nimmt in den Texten wie im künstlerischen Leben verschieden Rollen ein. Trägt verschiedene Masken. Spielt mit Musikgenres, ändert seine Singstimme wie es ihm gefällt. Dylan das Chamäleon.

Er geht schon seine ganze Karriere lang den universellen Fragen nach. Auf der Suche nach Antworten, auf der Suche nach Sinn. Wird Protestsänger, Folk-Rocker, Acid-Rocker, Country-Landlord, Big Band-Leader, wiedergeborener Christ und Gospelsänger, alternder, zielloser Rockstar, Southern Gentleman, Swing-Crooner, Fragender der letzten Fragen. Er komponiert sein Werk und die Kunstfigur Bob Dylan aus Homer, Ovid, Shakespeare, Bibel und aus ganz viel amerikanischer Populärkultur. In seiner legendären Radio Show hat er daraus den Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerika geknüpft. Wohl wissend, dass die Wirklichkeit draußen eine andere war.

Dieses idealtypische Amerika, dieser Sehnsuchtsort, konnte aber nur aufrechterhalten werden, solange die Widersprüche Amerika nicht versucht wurden, destruktiv aufzulösen. Solange es zumindest an der Oberfläche ein Amerika gab. Seit Trump ist diese Selbsttäuschung endgültig beendet.

Überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche
Bob Dylan weiß um die Dämonen seines Landes. Er weiß um den Rassismus: „Dieses Land ist einfach zu abgefuckt, was die Hautfarbe angeht… Leute gehen sich gegenseitig an die Kehle, nur weil sie verschiedene Hautfarben haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und wirft jede Nation – oder Nachbarschaft – zurück“ (Rolling Stone, 2012). – Genauso wie er um Gewalt und Spaltung weiß. Er hatte Hoffnung für seine Nation mit John F.Kennedy, Martin Luther King und Robert Kennedy und er hat sie alle sterben sehen. Als jüdischer Junge hat er von seinem Vater die Geschichte des Lynchmords an drei jungen Schwarzen 1920 in Duluth Minnesota erzählt bekommen. Als junger, wissbegieriger Mann hat er sich eingehend mit Ursachen, Verlauf und Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs beschäftigt. Er sang über die Morde an Emmeth Till, Hattie Caroll und Medgar Evers, er sang über den schwarzen Aktivisten George Jackson und über das Opfer der Rassenjustiz Rubin „Hurricane“ Carter.

Ob „The Ballad Of Hollis Brown“, sein Engagement für die amerikanischen Farmer, das zu Farm Aid führte oder „Workingman’s Blues #2“- Bob Dylan hat zudem einen feinen Seismograph für soziale Ungerechtigkeit. Er ist in der Iron Range unter hart arbeitenden Menschen groß geworden und in den 1940ern in die Jahre des New Deal hineingeboren worden.

Trotz seines Glaubens, den er auch nach der Abkehr von der Rolle des wiedergeborenen Christen nicht ablegte, folgte er nie der in den USA vieler Orts verbreiteten religiösen Überzeugung, dass die geschäftlich Erfolgreichen besonders hoch in der Gunst Gottes stehen und dass Armut der Ausdruck moralischen Versagens sei. Im Gegenteil: Mit „Gotta Serve Somebody“ las er den Besitzenden die Leviten und mit „Tempest“ beförderte er die oberen Zehntausend gleich mal mit der sinkenden Titanic auf den Meeresgrund.

Dylan ist wie viele andere Amerikaner ein gläubiger Mensch. Aber er ist im „Land der 1000 Kirchen“ schon lange an keine mehr gebunden. Er ist bis heute ein kritischer, unabhängiger Freigeist geblieben.

Falsche Propheten
Bob Dylan besitzt Empathie für die Menschen und ist ein überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche. 2018 hat er sogar einen Song für ein Album mit Hochzeitsliedern für gleichgeschlechtliche Ehen eingespielt. Seine Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan ist gleichgeschlechtlich verheiratet.

Bob Dylan hat also entgegen aller Annahmen einen genauen Blick auf die Verhältnisse. Kein Wunder daher, wenn er – natürlich in der ihm eigenen Art – universell und nicht konkret- die Lage der Welt und der Nation negativ beschreibt. Bob Dylan distanziert sich in „False Prophet“ von den falschen Propheten, vom Verrat, vom Streit, vom Leben ohne Sinn: „I’m the enemy of treason – the enemy of strife, I’m the enemy of the unlived meaningless life, I ain’t no false prophet – I just know what I know, I go where only the lonely can go.“ Konkreteres darf man von ihm nicht erwarten.

Aber das reicht schon, denn der Referenzrahmen ist klar: Es sind die falschen Propheten und zwielichtigen Prediger, die stets für Amerika gefährlich waren und die Entsprechungen in der amerikanischen Populärkultur fanden: „Hier spricht John Doe“, „Das Gesicht in der Menge“, „Die Nacht des Jägers“ oder „Weißer Terror“ hießen die Filme dazu, Dylan ließ sie in Songs wie „Man Of Peace“, „Man In The Long Black Coat“ oder TV Talkin‘ Song“ auftreten. Und: „Even the president of the United States sometimes must have to stand naked“. Der Bezug zum Automanen und Dauerwahlkämpfer im Weißen Haus stellt sich da schnell von ganz alleine her.

Vertonung des Auseinanderbrechens
Doch allen falschen Propheten zum Trotz: Bob Dylan aber weiß um seine eigene Bedeutung und seine Zeitlosigkeit und bekräftigt seinen frühen Schwur „It Ain’t Me Babe“ indem er uns nun in „False Prophet“ zuruft: „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain…I ain’t no false prophet – I’m nobody’s bride, Can’t remember when I was born and I forgot when I died.“

Bob Dylan, der heute 79 Jahre alt wird, ist das letzte amerikanische Gesamtkunstwerk. Doch sein Amerika gibt es nicht mehr, er kann ihm beim auseinander brechen zusehen. Und vertont dieses Auseinanderbrechen auf seine ganz eigene Weise.

Yannick Monot – Botschafter der Cajunmusik

17. Mai 2020

„Americana“ hat auch französische Wurzeln: Auf seinem neuen Album „Fais á ton idée“ führt der weitgereiste Musiker Klänge aus Louisiana und der Bretagne zusammen

Einer der größten Hits der Country-Ikone Hank Williams ist der Song „Jambalaya“. Er machte im Grunde die Cajunmusik weltbekannt. Der Song basiert auf dem französischsprachigen Cajun-Song „Gran’ Texas“ von Fiddler Chuck Guillory & The Rhythm Boys aus dem Jahr 1948. Im Jahr1952 nahm Williams seine Version mit neuem Text voller Cajun-Gerichte und französischen Worten mit seiner Band „The Drifting Cowboys“ auf. Jambalaya ist bis heute von unzähligen Künstlern gecovert worden.

Die Cajuns: Vom Nordwesten Frankreichs nach Kanada nach Louisiana
Die Cajuns sind die Nachfahren der Franko-Kanadier aus der ostkanadischen Provinz Acadie, die 1755 von den Briten nach deren Sieg im Britisch-Französischen Krieg vertrieben wurden. Diese Franko-Kanadier wiederum waren Nachkommen von Einwanderern aus dem Nordwesten Frankreichs, insbesondere aus der Bretagne.

Ebenfalls aus der Bretagne stammt Yannick Monot. Am Mississipi Delta Louisianas und in Kanada hörte er Anfang der 70er zum ersten Mal die Cajun & Zydeco Music seiner Vorfahren. Damals noch in Stockholm lebend, veröffentlichte er bei CBS seine erste Cajun-Platte mit dem legendären schwedischen Roots Music-Pionier Jack Downing aus den USA. Der französische Gesangs-Star Jo Dassin war davon so begeistert, dass er einen der Titel selbst interpretierte und damit Yannick Monot und Jack Downing in die französischen Charts katapultierte. Der erste große Erfolg für den jungen französischen Musiker. Doch bald darauf verließ Yannick Monot Schweden und gründete – in Deutschland – seine erste Cajun-Band.

„Fais á ton idée“
Seit dieser Zeit lebt Monot in Deutschland und ist über die Jahre so etwas wie ein Botschafter der Cajun & Zydeco Music hierzulande geworden. Er spielt Solo und in verschiedenen Duo- und Bandprojekten. Nun hat er mit „Fais á ton idée“ ein neues Album veröffentlicht. Es ist eine unterhaltsame, abwechslungsreiche Reise zur Cajun Musik und ihrer bretonischen und keltischen Wurzeln. Der Longplayer enthält aber auch Einsprengsel anderer Musikgenres. In seinen Liner Notes zum Album schreibt Yannick Monot: „Der Titel bezieht sich auf einen Ausdruck im typischen Louisiana-Französisch: Mach, wie es Du es für richtig hältst!“

Los geht es mit „Le Petite De Bayou Gris“, einem flotten, feinen, kleinen Liebeslied im Cajun-Style mit der franko-amerikanischen Version der alten Lebensweisheit „Warum denn in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah“. Es folgt eine hübsche verträumte Flötenweise, gespielt von Mitmusikerin Christiane Meffert mit dem Sehnsuchtstitel „Marinas Jungle Garden“. Dass Yannick Monot auch die melancholischen Töne beherrscht, zeigt dann das „Chanson Du Marianne“, das von einer jahrelangen wechselvollen Liebe handelt.

Der Dreierpack gibt dann auch die Richtung für dieses Album vor. Stimmungs- und Tempowechsel und eine vielfältige Instrumentierung der Songs macht die Stärke des Albums aus. Und Monot beweist wieder einmal was für ein großartiger Musiker und Musikant er ist. Eben noch singt er das traurige Cajun-Lied „Hier Encore“ von einem verlassenen Mann, dann spielt er schon wieder mit „GrisGris“ zum Tanz auf mit einer Musik die irgendwo an der Schnittstelle zwischen afrikanischem Soukous und kreolischem Zydeco liegt. Und schlägt danach die melancholischen Töne von „Le dernier des bigoudens“, einem Lied für seinen Vater, an. Musik verbindet die Menschen und die Welt – auch das ist eine wichtige Botschaft dieses Albums.

Ein lebenskluges Album
Dass Yannick Monot eine unumstrittene Elder Statesman-Rolle in der deutschen Musikszene hat, zeigt sich auch darin, welche tollen Mitmusikanten er für dieses Album gewinnen konnte. Der Multi-Instrumentalist Jens Kommnick ist auf zwei Stücken dabei, für andere Songs spielen Helmut Graebe an der Orgel, Edzard Model die Geige und Yannicks langjähriger Partner beim „International Cajun Trio“, Biber Herrmann, die Gitarre.

Und so ist dieses Album genau das richtige für diese Zeiten. Es ist wie das Leben – traurig, froh, ausgelassen – und es feiert das Leben und die Musik, die die Menschen verbindet. Ein lebenskluges, wunderschönes Album von Yannick Monot!

Zu beziehen ist das Album über http://www.yannick-monot.de und info@yannick-monot.de .

Dylan und die Old Time Connection

15. Mai 2020

Bildrechte: BACM

So geht die Dylanologie: Von einem Albumtitel kommt man auf zig Querverweise und dann wieder zu Dylan zurück: Dylan, Cox, Darby & Tarlton.

Ich kann mich nur wiederholen. Die Aussicht auf das neue Album elektrisiert mich und es gibt bereits jetzt so unheimlich viel zu forschen, zu deuten, zu denken und vor allem Querverweise zu finden, dass es eine wahre Freude ist. Und es lässt sich einiges finden und unter dylanologischen Gesichtspunkten gibt es da immer wieder schöne Entdeckungen.

Dixie Songbird
Zum Beispiel diese hier. Kommen wir nochmals auf den Albumtitel „Rough And Rowdy Ways“ zurück. Der fußt ja bekanntermaßen auf dem Jimmie Rodgers-Song „My Rough And Rowdy Ways“ von 1929. Als ich dann auf expectingrain.com eine Version des Songs von Doc Watson fand, machte ich mich auf die Suche nach weiteren Interpreten des Songs. Neben späteren Countrymusikern, die sich auf Jimmie Rodgers beriefen wie Lefty Frizzell oder Merle Haggard, fiel mir ein Zeitgenosse von Rodgers auf: Bill Cox. Und da fiel mir wieder ein, den kannte ich von meinen „Musik & Politik“-Seminaren. Dieser Bill Cox, der „Dixie Songbird“, hatte zusammen mit seinem Partner Cliff Hobbs 1936 eine wunderbare Old Time Hymne auf die Wiederwahl von Franklin D. Roosevelt gesungen: „Franklin Roosevelt’s Back Again“. Er war so etwas wie ein musikalischer Botschafter des New Deal und schrieb u.a. zwei weitere Topical-Songs dazu: „The Democratic Donkey {Is In His Stall Again}“ und den „NRA-Blues“. Die „National Recovery Administration“ war eine Roosevelt geschaffene Wirtschaftsbehörde.

Ich beschäftigte mich also nochmal ausgiebig mit Bill Cox und stellte fest, dass er tatsächlich am Anfang seiner Plattenkarriere Jimmie Rodgers-Songs coverte. Seine Version von „My Rough And Rowdy Ways“ hat sogar einer CD-Sammlung von obskuren alten Country-Songs und einer weiteren Bill Cox-Kompilation als Titel gedient. Und es gibt einen Dylan-Link. In der Folge 10 in der 3. Staffel seiner „Theme Time Radio Hour“ – Titel „Famous People“ spielte Dylan den Bill Cox-Song „Fate of Will Rogers & Wiley Post“, der vom tödlichen Flugzeugabsturz des Schauspielers Will Rogers und dem Flugpionier Wiley Post handelt. Von Rogers „lieh“ sich sich übrigen Roy Rogers, der „Singing Cowboy“ seinen Künstlernamen.

Mexican Rag

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Und dann ging von Jimmie Rodgers und Bill Cox über Bücher und Kompilationen, in denen sie zusammen Erwähnung finden, ein „Link“ ab zu „Darby & Tarlton“ einem seinerzeit berühmten und vor allem stilbildenden Old Time Duo – sicher war ihr Einfluss ein Grund, warum sich Bill Cox mit Cliff Hobbs 1936 zusammentat. Und dann fand ich den „Link“ von „Darby & Tarlton“ zu Dylan. Dessen „Nashville Skyline Rag“ von 1969 lehnt sich an Darby & Tarltons „Mexican Rag“ von 1928 an. Und noch mehr: In seinen Chronicles erzählt Dylan über seine Zeit in Dinkytown, als er an der University of Minneapolis eingeschrieben war: „Ich habe jedoch Tom Darby und Jimmy Tarlton im Haus eines Vaters vor irgendwem gehört, der eine alte Platte von ihnen besessen hatte. Ich dachte immer, dass „A-wop-bop-a-loo-lop a-lop-bam-boo“ alles gesagt hatte, bis ich hörte, wie Darby und Tarlton „Way Down in Florida on a Hog“ machten. Auch Darby und Tarlton waren nicht von dieser Welt.“ Der gerade verstorbene Little Richard hatte Dylan in seiner Jugend zum Rock’n’Roll gebracht, später entdeckte er den Rock’n’Roll in der Old Time Musik.

Love And Theft
Unglaublich wie tief das Wissen Bob Dylans um die amerikanische Populärmusik in all seinen Verästelungen ist. Seit über 60 Jahren befasst er sich mit ihr. Da ist es kein Wunder, wenn man nun herausbekommt, dass Dylan bei „False Prophet“ von Billy „The Kid“ Emersons Song “If Lovin‘ Is Believing“ von 1954 sich die Melodie geborgt hat. Der Mann ist immer quecksilbrig, weiß wie in der Musik Dinge verbunden sind und wo man etwas finden kann. Und immer wieder „Love And Theft“ – Liebe aus Diebstahl.

Und deshalb sollte man sich nicht wundern, was da noch alles in den nächsten Wochen rund um Wurzeln, Bezüge und Quellen der Songs des neuen Dylan-Songs zu entdecken ist. Festwochen für Dylanologen!