Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Love Out Loud – Best of SONiA disappear fear

25. Juni 2020

Die amerikanische Singer-Songwriterin legt hörenswerten Rückblick auf 30 Jahre Musikkarriere vor

Ich erwische Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear am Telefon in North Carolina. „Ich bin da bei meiner Familie für eine Woche“, sagt sie. „Danach geht es wieder nach Baltimore.“ Und damit wieder zurück in einer der vielen US-Metropolen, die momentan gekennzeichnet sind von Massendemonstrationen und Aktionen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Karriere-Retrospektive in aufwühlenden Zeiten
SONiA, die ihre gesamte Karriere über eingetreten ist für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung aufgrund von sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft oder religiöser Überzeugung fühlt sich natürlich als Teil der Bewegung: „Armut, Rassismus, Corona – das Land ist voller Unsicherheit, Trump spaltet nur und im Land steigt der Zorn.“ Sie hofft natürlich darauf, dass Trump im November abgewählt wird.

Inmitten dieser aufwühlenden Zeiten hat sie nun mit „Love Out Loud“ eine Karriere-Retrospektive veröffentlicht. Zwar ist auf ihrer Website „SONiA’s most loved LGBT Songs“ zu lesen, aber im Gespräch versichert sie, dass die Bedeutung ihrer Musik natürlich viel universeller ist: „Ich trete mit meiner Musik ganz allgemein gegen Ausgrenzung und ‚Othering“ ein.“

Und wie gut sie das über Jahrzehnte schon tut, zeigt dieses Album wieder einmal mehr. Zwölf Songs sollen 30 Jahre dokumentieren? „Es war wirklich schwierig, die Songs auszuwählen, die drauf kommen, aber war einfach eine pragmatische Entscheidung dieses kompakte Format zu wählen. Ganz bestimmt werde ich auch irgendwann „Love Out Louder“ veröffentlichen“, kündigt sie lachend bereits ein Volume 2 an.

Songs gegen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus
„Die Auswahlkriterien waren“, so sagt sie, „bestimmt durch die politische Verbindung der Songs mit den Themen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.“ Als einen zentralen Song des Albums nennt sie hierzu „Who’s So Scared“, der auf einem Poem des schwulen afroamerikanischen Dichters Countee Cullen fußt und der genau diese drei Themen in sich vereinigt.

Aber natürlich sind die Songs, die sie ausgewählt hat, auch verbunden mit ihrer eigenen Entwicklung als lesbische Frau und politischer Mensch. Ob „Fix My Life“ über die Entwicklung ihrer sexuellen Identität oder „Gangsters Of Love“: „Man muss verstehen, dass, als ich „Gangsters Of Love“ geschrieben habe, gleichgeschlechtliche Ehen noch verboten waren“, erinnert sie daran, dass unterschiedliche sexuelle Orientierungen noch gar nicht all zulange gesellschaftlich und juristisch akzeptiert sind und dies immer wieder neu verteidigt werden muss.

Fröhlich und zart, optimistisch und kämpferisch
Das besondere an SONiA Disappear Fear wird auf dieser Kompilation wieder in wunderbarer Weise deutlich. Wie kaum jemand anders versteht sie, diese ernsten Anliegen in zarte, optimistische und fröhliche Worte und Musik zu kleiden. „Love Out Loud“ ist daher nicht nur eine kämpferische Platte, sondern auch ein Album, dass Laune macht und dadurch Kraft gibt. Und daher auch genau richtig für diese Zeiten ist.

Denn als Mensch ist Sonia Rutstein – und das macht sie so sympathisch – eine schier hoffnungslose Optimistin, die man fast nur frohgelaunt erlebt. Auch wenn die Corona-Zeiten mit den Konzertausfällen sie finanziell und mental beeinträchtigen. Insbesondere die notgedrungene Absage ihrer liebgewonnen jährlichen ausführlichen Deutschland-Tour bedauert sie sehr, denn sie hat hierzulande über die Jahre viele Fans und Freunde gewonnen: „Ich vermisse Deutschland. Ich möchte, sobald es wieder möglich ist, so schnell wie es geht auch wiederkommen“, bekräftigt sie das besondere Verhältnis zu ihrem deutschen Publikum.

Viele Aktivitäten ins Netz verlegt
Bis das wieder möglich ist, kann man sich dieses Album besorgen und regelmäßig ins Netz schauen: „Ich habe ja meine Deutschland-Tour damals ins Netz verlegt und an jedem Konzerttermin ein Online-Konzert gegeben. Nun gebe ich jeden Dienstag unter den Titel „Terrific Tuesdays“ ein Online-Konzert, bei denen ich viele gute alte Songs wie ‚Corrina, Corrina‘ spiele.“ Zudem veröffentlicht sie unter dem Titel „Fideo Friday“ jeden Freitag ein Video auf youtube-Kanal. Wer sie dabei unterstützen möchte, hier Einnahmen zu generieren, der kann den Kanal abonnieren. Ehrensache, oder?

Und bis die ersten Auftritte vor Publikum möglich sind, übt sie auch fleißig Gitarre und schreibt an einem Buch und an einem Musical gleichzeitig. Die Frau ist einfach nicht zu bremsen- und schon gar nicht von Corona!

Love Out Loud – Trackliste:
1. Fix My Life
2. Who’s So Scared
3. Me, Too
4. Ride This Ride
5. Be The One
6. Gangsters Of Love
7. Michelangelo
8. Priceless
9. Fallin
10. Grass For The Lamb
11. Who I Am
12. Love Out Loud

Infos und Links:
Website:

https://soniadisappearfear.com
Youtube-Kanal:
https://www.youtube.com/channel/UC63FZOoQdbZ6MffqW_dYuVQ
Facebook:
https://www.facebook.com/disappear.fear/

Uncle Nearest

8. Juni 2020

Was Leslie Riddle für die Carter Family und Rufus Paine für Hank Willams waren, das war Nathan „Nearest“ Green für den Whiskey-Mogul Jack Daniel. Der Erfolg von Jack Daniel’s gründete auf dem Wissen und der Hilfe eines Afroamerikaners.

Copyright: Uncle Nearest Premium Whiskey

Ich mag das zwar eigentlich nicht, aber hier passt es so gut: Ich gehe davon aus, dass Leute, die gerne Countrymusik hören, zu einem großen Teil auch gerne mal einen amerikanischen Whiskey trinken. Und wie heißt die meistverkaufte amerikanische Whiskeymarke weltweit? Richtig, Jack Daniel’s! Da ich an dieser Stelle gerne mal zu Themen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft schreibe, musste dieser Eintrag zur Trink-Kultur einfach sein. Denn Countrymusik und Jack Daniel’s haben noch mehr gemeinsam als gedacht.

Die Geschichte der Countrymusik ist auch eine Geschichte des Rassismus
Der Rolling Stone hat es gerade wieder aufgegriffen: Die Geschichte der Countrymusik hat auch eine starke rassistische Komponente: https://www.rollingstone.com/music/music-country/country-music-racist-history-1010052/ . Bis heute soll die Countrymusik als rein weißes Musikgenre gesehen werden. Ihre afroamerikanischen Wurzeln jedoch werden systematisch ausgeblendet. Dabei gäbe es ohne das ursprünglich afrikanische Banjo, ohne die schwarzen Stringbands und ohne Blues keine moderne Countrymusik. Und viele Country-Stars hatten schwarze Helfer, Lehrer und Mentoren, ohne die ihr Erfolg kaum vorstellbar wäre. Ohne Leslie Riddle keine Carter Family, ohne Rufus Payne kein Hank Williams und ohne Arnold Shultz kein Bill Monroe. Doch die werden gerne vergessen. Und der einzige Künstler in der Grand Ole Opry , DeFord Bailey, wurde rausgemobbt.

Die Afroamerikaner hören und spielen seit jeher gerne Countrymusik. Doch mit Charley Pride und Darius Rucker gibt es gerade mal zwei Afroamerikaner, die Mitglied der Grand Ole Opry sind. Und Kollege Franz-Karl Opitz erinnerte gerade wieder auf country.de daran, dass Mickey Guyton die einzige schwarze Countrysängern ist, die zurzeit bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag steht. Und wenn Lil Nas X einen musikalischen Hybriden, der auf einem klaren Country-Riff fußt und mit Hip Hop-Tönen gemischt ist, zum Mega-Hit macht, dann überschlägt sich das Countrybusiness förmlich darin, zu sagen, das sei kein Countrysong und schiebt ihn in die Pop-Charts.

Doch die Zeiten ändern sich. So wie heute weiße und schwarze Menschen gemeinsam gegen Rassismus aufstehen, so haben sich nicht nur Mickey Guyton und Darius Rucker zum Tod von George Floyd und gegen Rassismus geäußert, sondern auch eine Reihe von Country-Künstlern. Und Charley Pride, Rhiannon Giddens, Darius Rucker, Mickey Guyton, Yola, Lil Nas X, Dom Flemons, Blanco Brown, Swamp Dogg – sie alle zeigen: Die Countrymusik gehört schwarzen und weißen Menschen gemeinsam!

Der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskey-Kultur
Doch wer weiß eigentlich, dass der Begründer und Namensgeber des Whiskey-Imperiums aus Lynchburg, Tennessee auch einen schwarzen Lehrer hatte? Erst 2016, im 150. Jahr des Bestehens, gab die Firma zu: Nicht der Whiskeyhändler und -Brenner Dan Call hatte Jack Daniel das Whiskeybrennen beigebracht, ihm die spezielle Brenntechnik gelehrt, sondern sein Sklave Nathan „Nearest“ Green. Und als Daniel dann 1866 seine Whiskey-Distillery eröffnete, waren auch Nearest als Blendmaster und zwei seiner Söhne als Mitarbeiter dabei. Doch mit der Zeit und insbesondere unter den Jim Crow-Gesetzen wurde auch dieser afroamerikanische Beitrag zur US-Kultur verleugnet. Nichts erinnerte noch vor zehn Jahren in der Distillery in Lynchburg an Nearest Green. Erst seit der Offenbarung – sei es aus ernster Überzeugung oder als Marketingmittel, um die Millenials, die heute mit den Schwarzen zusammen gegen Rassismus auf die Straße gehen, nicht als Käufer zu verlieren – wird Green in Führungen, auf dem Gelände und in Firmenpublikationen erwähnt. Und trotzdem wirkt die Firma Jack Daniel’s Tennessee Whiskey nicht so richtig glücklich damit.

Vielleicht hätte man noch offensiver vorgehen sollen und eine Spezialabfüllung oder Eigenmarke nach Nearest Green benennen sollen. Doch soweit wollte man die Marke Jack Daniel’s und dessen Image als Meister des Tennessee Whiskey wohl nicht „verwässern“. Da ging die afroamerikanische Schriftstellerin Fawn Weaver 2017 viel entschlossener zu Werke. Nachdem sie im Vorjahr von Nearest Green in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, wollte sie dessen Verwandte für ein Buchprojekt interviewen. Doch je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde ihr: Das Vermächtnis des profunden Whiskeybrenners Nearest Green und der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskeytradition konnte nur durch die Kreierung einer gleichnamigen Whiskeymarke erfolgen. Jack Daniel und Jim Beam, aber vor allem die Sklavenhalter Elijah Craig und Henry McKenna bekamen nun durch „Uncle Nearest Premium Whiskey“ Konkurrenz. Mit Hilfe der Green-Familie und von Investoren launchte sie den neuen Brand und der entwickelte sich auch prompt in den wenigen Jahren seines Bestehens zu dem Whiskey mit dem am steilsten steigenden Marktanteil, der noch dazu immer wieder hochdekoriert wird. Ein Erfolg auch der Blendmasterin Victoria Eady Butler, die die Ur-Ur-Enkelin von Nearest Green ist. September letzten Jahres wurde in Shelbyville, Tennessee ,die „Nearest Green Distillery“ auf dem Gelände einer früheren Pferdefarm eröffnet. Und auch in anderer Weise fühlt sich Fawn Weaver der Familie Green verbunden: Die „Nearest Green Foundation“ bezahlt jedem direkten Verwandten von Nearest Green eine College-Ausbildung.

Und es gibt auch eine Verbindung von Fawn Weaver zur Musik: Sie ist die Tochter des Motown-Songwriters und Produzenten Frank Wilson!

Mehr zu Fawn Weaver und „Uncle Nearest Premium Whiskey“ gibt es hier zu lesen:

Fawn Weaver: The Whiskey Benefactor

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Und ein Fernsehbericht:

The Death of George Floyd

28. Mai 2020

Bild: Black Lives Matter

„They’re selling postcards of the hanging“ singt Bob Dylan in seinem Jahrhundertsong „Desolation Row“ und erinnert damit an die Lynchmorde an drei schwarzen Zirkusarbeitern in Duluth, Minnesota, im Juni 1920. Fast genau hundert Jahre später ist in Minnesota wieder ein farbiger Mensch – George Floyd – getötet worden. Getötet am 25. Mai 2020 von einem weißen Cop, der sechs Minuten lang mit seinem Knie auf dem Nacken Floyds diesen auf den Boden presste, sein Flehen nach Luft überhörte, und ihn kaltblütig sterben ließ. Drei weitere Cops schauten zu. Trotz protestierender Passanten wurde George Floyd auf offener Straße von dem Polizisten Derek Chauvin umgebracht.

„The Death Of Emmett Till“, „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, Only A Pawn In Their Game“, „George Jackson“, „Hurricane“ – Bob Dylan hat einige der stärksten und wichtigsten amerikanischen Songs über Rassismus, Mord und Gewalt geschrieben. Sie sind heute aktueller denn je. George Floys musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und ein Weißer ihn umbrachte. Der 14-jährige Emmett Till musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und zwei Weiße ihn umbrachten. Ahmaud Arbery musste vor wenigen Wochen sterben, weil er schwarz war und zur falschen Zeit am falschen Ort war und zwei Weiße ihn umbrachten.

Das Grundprinzip bleibt immer dasselbe. Dylan hat es längst besungen und sagte vor wenigen Jahren in einem Interview sinngemäß dazu, die Songs wären unvermindert aktuell, man müsse nur die Namen austauschen. Dylan weiß genau, was in den USA vor sich geht, und er hat es bereits hinreichend beschrieben. Man sollte diese Songs täglich mehrmals in Heavy Rotation in den US-Radiostationen spielen.

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ hat William Faulkner einmal gesagt. Der Rassismus in den USA war nie weg, ist nie vergangen. Doch er wird immer stärker und unverhohlener, weil ein Mann im Weißen Haus offen rassistisch agiert und Leute wie den Cop aus Minneapolis das Gefühl geben, seine rassistische Gewalt wäre damit legitimiert. Derek Chauvin ist bereits vor dem Tod von George Floyd durch brutale Polizeigewalt aufgefallen.

Trump kündigt die gerechte Sühne für diesen Mord an. Doch das ist keine Einsicht und kein Eintreten für die schwarze Sache. Er will Ruhe im Wahlkampf und er will vor allem seine Omnipotenz beweisen. Gerechtigkeit für George Floyd wird es erst geben, wenn Amerika sich seinen offenen strukturellen Rassismus eingesteht, wenn Justiz und Polizei sich ihren Rassismus eingestehen.

Der Mord an George Floyd sorgt unterdessen für schwere Ausschreitungen in Minneapolis bei denen bereits mindestens ein Mensch ums Leben gekommen ist.

„Now’s The Time For Your Tears“ singt Bob Dylan am Ende von „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“. Erzürnt über die lächerlich milde Strafe für einen rassistischen Mord. Hoffen wir, dass in Minneapolis im Jahr 2020 ein klares Exempel gegen rassistische Polizeigewalt statuiert wird.

Bucky Baxter (1955 – 2020)

26. Mai 2020

Es war eine traurige Nachricht, die ich zuerst auf expectingrain.com las: Bucky Baxter, langjähriges Mitglied von Bob Dylans Tourband in den 1990ern, ist tot.

Er hat mich zum Fan der Pedal Steel gemacht. Dylan hat ihn gehört, als er in Steve Earls Band war, und ihn dann 1992 in seine Band „berufen“. Bucky hat mit seiner Pedal Steel den Sound Dylans in den 1990er Jahren entscheidend mitgeprägt. Bei großartigen Live-Konzerten – sei es in Woodstock oder in Aschaffenburg – und auf erfolgreichen Alben – „MTV Unplugged“ und „Time Out Of Mind“ hat er mitgespielt.

Bucky umgab immer – soweit man das von der Bühne oder aus Erzählungen einschätzen konnte – die Aura eines ruhigen, sympathischen Menschen und eines im besten Sinne sehr professionellen Musikers.

Mit Dylan hat er bis 1999 rund 750 Konzerte bestritten, hat später u.a. mit Ryan Adams und der Old Crow Medicine Show zusammengearbeitet.

Am 25. Mai ist er nach einem Schlaganfall gestorben. RIP, Bucky Baxter!

Ein amerikanisches Gesamtkunstwerk

24. Mai 2020

© Sony Music

Der legendäre Songpoet und Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan wird heute 79 Jahre alt und veröffentlicht im Juni das erste Album mit Originalsongs seit acht Jahren.

Mitten in der Corona-Krise veröffentlicht die unergründliche Sphinx des Pop plötzlich den ersten neuen Originalsong seit 2012. Bob Dylan schenkt der Welt „Murder Most Foul“ und ein paar Grüße, ganz der Situation angemessen:“ Greetings to my fans and followers with gratitude for all your support and loyalty across the years. This is an unreleased song we recorded a while back that you might find interesting. Stay safe, stay observant and may God be with you. Bob Dylan“.

Wortmeldungen während der Corona-Krise
Das epische Werk von gut siebzehn Minuten hat die Ermordung John F. Kennedys zum Thema, lässt uns spüren, welch Verlust für Amerika und die Welt das war, und wird im weiteren Verlauf zu einer Reminiszenz an die popkulturellen Mythen des amerikanischen Jahrhunderts, dessen Sohn Bob Dylan als amerikanischer Singer-Songwriter mit globaler Wirkung war und ist. Ohne Zweifel: Ein Great American Song!

Gut drei Wochen später erneut eine Veröffentlichung: „I Contain Multitudes“. Der amerikanische Künstler beruft sich auf den literarischen Urahn Walt Whitman, der in seinem „Song Of Myself 51″ schreibt: Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.).“ Dylan bekräftigt hier, er bestehe aus Vielfalt und aus Widersprüchen. Eben ganz wie sein Land.
Noch einmal drei Wochen später erscheint erst eine weitere Single, „False Prophet“ und dann wird sogar ein ganzes Album für den 19. Juni angekündigt: Rough And Rowdy Ways“.

Und schon nehmen die Spekulationen ihren Lauf. Sowohl das Cover der Single – ein Skelett mit Spritze in der Hand vor dem Schatten eines gehängten Mannes, in dem viele Donald Trump sehen wollen, als auch Verse wie „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain.“ lassen viele auf einen Kommentar zur aktuellen Situation in den USA und der Welt schließen, angesichts einer Corona-Pandemie und einem US-Präsidenten, der nur noch ein Deal-Maker ist, der Spaltung, Streit und Ausgrenzung forciert.

Doch Dylan wäre nicht Dylan, wenn es so eindeutig wäre. Dylan ist ein Meister, des Tricksens, des Haken-Schlagens und des falsche-Fährten-Legens. Denn vom Text her ist „False Prophet“ beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Diebstahl aus Liebe
Dylan zieht Bilanz auf der Grundlage dessen, was heute passiert: Über Amerika, die Welt und sein eigenes Leben. Er tut dies musikalisch auf der Grundlage von „If Lovin‘ Is Believing“, einem alten Rythm & Blues-Songs von Billy „The Kid“ Emerson“ aus dem Jahre 1954, von dem er sich scheinbar musikalisch ein bisschen was ausgeborgt hat. Da ist es wieder- eines der Grundmotive seines Alterswerks – „Love & Theft“ hieß sein Album von 2001, „Diebstahl aus Liebe“ das künstlerische Prinzip dahinter. Der bedeutende Dylan-Kenner Heinrich Detering hat dieses Prinzip des „Diebstahls aus Liebe“ ja für die Texte des Spätwerks in „Die Stimmen aus der Unterwelt: Bob Dylans Mysterienspiele“ (2016) in einzigartiger Weise herausgearbeitet.

Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass der Albumtitel „Rough And Rowdy Years“ einem alten Jimmie Rodgers-Song entlehnt ist. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die drei bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Plattencover wiederum zeigt eine Tanzszene, die an einen schwarzen Juke-Joint erinnert, und in Realiter 1964 in einem schwarzen Tanzlokal im Ost-Londoner Stadtviertel Whitechapel aufgenommen wurde. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, sie in seiner Person aufzuheben.

Vielstimmige Projektionsfläche
Dylan lässt in seinem Alterswerk viele Stimmen für sich sprechen. Denn Dylan – „die menschlichste aller Stimmen und der unstimmigste aller Menschen“ (Günter Amendt) – ist Medium und Resonanzboden für viele Stimmen, ist eine Projektionsfläche für viele Haltungen und Hoffnungen. Wie kaum ein anderer der modernen Singer-Songwriter-Zunft versteht er es, die Erzählperspektiven mitten im Song zu wechseln. Er nimmt in den Texten wie im künstlerischen Leben verschieden Rollen ein. Trägt verschiedene Masken. Spielt mit Musikgenres, ändert seine Singstimme wie es ihm gefällt. Dylan das Chamäleon.

Er geht schon seine ganze Karriere lang den universellen Fragen nach. Auf der Suche nach Antworten, auf der Suche nach Sinn. Wird Protestsänger, Folk-Rocker, Acid-Rocker, Country-Landlord, Big Band-Leader, wiedergeborener Christ und Gospelsänger, alternder, zielloser Rockstar, Southern Gentleman, Swing-Crooner, Fragender der letzten Fragen. Er komponiert sein Werk und die Kunstfigur Bob Dylan aus Homer, Ovid, Shakespeare, Bibel und aus ganz viel amerikanischer Populärkultur. In seiner legendären Radio Show hat er daraus den Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerika geknüpft. Wohl wissend, dass die Wirklichkeit draußen eine andere war.

Dieses idealtypische Amerika, dieser Sehnsuchtsort, konnte aber nur aufrechterhalten werden, solange die Widersprüche Amerika nicht versucht wurden, destruktiv aufzulösen. Solange es zumindest an der Oberfläche ein Amerika gab. Seit Trump ist diese Selbsttäuschung endgültig beendet.

Überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche
Bob Dylan weiß um die Dämonen seines Landes. Er weiß um den Rassismus: „Dieses Land ist einfach zu abgefuckt, was die Hautfarbe angeht… Leute gehen sich gegenseitig an die Kehle, nur weil sie verschiedene Hautfarben haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und wirft jede Nation – oder Nachbarschaft – zurück“ (Rolling Stone, 2012). – Genauso wie er um Gewalt und Spaltung weiß. Er hatte Hoffnung für seine Nation mit John F.Kennedy, Martin Luther King und Robert Kennedy und er hat sie alle sterben sehen. Als jüdischer Junge hat er von seinem Vater die Geschichte des Lynchmords an drei jungen Schwarzen 1920 in Duluth Minnesota erzählt bekommen. Als junger, wissbegieriger Mann hat er sich eingehend mit Ursachen, Verlauf und Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs beschäftigt. Er sang über die Morde an Emmeth Till, Hattie Caroll und Medgar Evers, er sang über den schwarzen Aktivisten George Jackson und über das Opfer der Rassenjustiz Rubin „Hurricane“ Carter.

Ob „The Ballad Of Hollis Brown“, sein Engagement für die amerikanischen Farmer, das zu Farm Aid führte oder „Workingman’s Blues #2“- Bob Dylan hat zudem einen feinen Seismograph für soziale Ungerechtigkeit. Er ist in der Iron Range unter hart arbeitenden Menschen groß geworden und in den 1940ern in die Jahre des New Deal hineingeboren worden.

Trotz seines Glaubens, den er auch nach der Abkehr von der Rolle des wiedergeborenen Christen nicht ablegte, folgte er nie der in den USA vieler Orts verbreiteten religiösen Überzeugung, dass die geschäftlich Erfolgreichen besonders hoch in der Gunst Gottes stehen und dass Armut der Ausdruck moralischen Versagens sei. Im Gegenteil: Mit „Gotta Serve Somebody“ las er den Besitzenden die Leviten und mit „Tempest“ beförderte er die oberen Zehntausend gleich mal mit der sinkenden Titanic auf den Meeresgrund.

Dylan ist wie viele andere Amerikaner ein gläubiger Mensch. Aber er ist im „Land der 1000 Kirchen“ schon lange an keine mehr gebunden. Er ist bis heute ein kritischer, unabhängiger Freigeist geblieben.

Falsche Propheten
Bob Dylan besitzt Empathie für die Menschen und ist ein überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche. 2018 hat er sogar einen Song für ein Album mit Hochzeitsliedern für gleichgeschlechtliche Ehen eingespielt. Seine Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan ist gleichgeschlechtlich verheiratet.

Bob Dylan hat also entgegen aller Annahmen einen genauen Blick auf die Verhältnisse. Kein Wunder daher, wenn er – natürlich in der ihm eigenen Art – universell und nicht konkret- die Lage der Welt und der Nation negativ beschreibt. Bob Dylan distanziert sich in „False Prophet“ von den falschen Propheten, vom Verrat, vom Streit, vom Leben ohne Sinn: „I’m the enemy of treason – the enemy of strife, I’m the enemy of the unlived meaningless life, I ain’t no false prophet – I just know what I know, I go where only the lonely can go.“ Konkreteres darf man von ihm nicht erwarten.

Aber das reicht schon, denn der Referenzrahmen ist klar: Es sind die falschen Propheten und zwielichtigen Prediger, die stets für Amerika gefährlich waren und die Entsprechungen in der amerikanischen Populärkultur fanden: „Hier spricht John Doe“, „Das Gesicht in der Menge“, „Die Nacht des Jägers“ oder „Weißer Terror“ hießen die Filme dazu, Dylan ließ sie in Songs wie „Man Of Peace“, „Man In The Long Black Coat“ oder TV Talkin‘ Song“ auftreten. Und: „Even the president of the United States sometimes must have to stand naked“. Der Bezug zum Automanen und Dauerwahlkämpfer im Weißen Haus stellt sich da schnell von ganz alleine her.

Vertonung des Auseinanderbrechens
Doch allen falschen Propheten zum Trotz: Bob Dylan aber weiß um seine eigene Bedeutung und seine Zeitlosigkeit und bekräftigt seinen frühen Schwur „It Ain’t Me Babe“ indem er uns nun in „False Prophet“ zuruft: „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain…I ain’t no false prophet – I’m nobody’s bride, Can’t remember when I was born and I forgot when I died.“

Bob Dylan, der heute 79 Jahre alt wird, ist das letzte amerikanische Gesamtkunstwerk. Doch sein Amerika gibt es nicht mehr, er kann ihm beim auseinander brechen zusehen. Und vertont dieses Auseinanderbrechen auf seine ganz eigene Weise.

Yannick Monot – Botschafter der Cajunmusik

17. Mai 2020

„Americana“ hat auch französische Wurzeln: Auf seinem neuen Album „Fais á ton idée“ führt der weitgereiste Musiker Klänge aus Louisiana und der Bretagne zusammen

Einer der größten Hits der Country-Ikone Hank Williams ist der Song „Jambalaya“. Er machte im Grunde die Cajunmusik weltbekannt. Der Song basiert auf dem französischsprachigen Cajun-Song „Gran’ Texas“ von Fiddler Chuck Guillory & The Rhythm Boys aus dem Jahr 1948. Im Jahr1952 nahm Williams seine Version mit neuem Text voller Cajun-Gerichte und französischen Worten mit seiner Band „The Drifting Cowboys“ auf. Jambalaya ist bis heute von unzähligen Künstlern gecovert worden.

Die Cajuns: Vom Nordwesten Frankreichs nach Kanada nach Louisiana
Die Cajuns sind die Nachfahren der Franko-Kanadier aus der ostkanadischen Provinz Acadie, die 1755 von den Briten nach deren Sieg im Britisch-Französischen Krieg vertrieben wurden. Diese Franko-Kanadier wiederum waren Nachkommen von Einwanderern aus dem Nordwesten Frankreichs, insbesondere aus der Bretagne.

Ebenfalls aus der Bretagne stammt Yannick Monot. Am Mississipi Delta Louisianas und in Kanada hörte er Anfang der 70er zum ersten Mal die Cajun & Zydeco Music seiner Vorfahren. Damals noch in Stockholm lebend, veröffentlichte er bei CBS seine erste Cajun-Platte mit dem legendären schwedischen Roots Music-Pionier Jack Downing aus den USA. Der französische Gesangs-Star Jo Dassin war davon so begeistert, dass er einen der Titel selbst interpretierte und damit Yannick Monot und Jack Downing in die französischen Charts katapultierte. Der erste große Erfolg für den jungen französischen Musiker. Doch bald darauf verließ Yannick Monot Schweden und gründete – in Deutschland – seine erste Cajun-Band.

„Fais á ton idée“
Seit dieser Zeit lebt Monot in Deutschland und ist über die Jahre so etwas wie ein Botschafter der Cajun & Zydeco Music hierzulande geworden. Er spielt Solo und in verschiedenen Duo- und Bandprojekten. Nun hat er mit „Fais á ton idée“ ein neues Album veröffentlicht. Es ist eine unterhaltsame, abwechslungsreiche Reise zur Cajun Musik und ihrer bretonischen und keltischen Wurzeln. Der Longplayer enthält aber auch Einsprengsel anderer Musikgenres. In seinen Liner Notes zum Album schreibt Yannick Monot: „Der Titel bezieht sich auf einen Ausdruck im typischen Louisiana-Französisch: Mach, wie es Du es für richtig hältst!“

Los geht es mit „Le Petite De Bayou Gris“, einem flotten, feinen, kleinen Liebeslied im Cajun-Style mit der franko-amerikanischen Version der alten Lebensweisheit „Warum denn in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah“. Es folgt eine hübsche verträumte Flötenweise, gespielt von Mitmusikerin Christiane Meffert mit dem Sehnsuchtstitel „Marinas Jungle Garden“. Dass Yannick Monot auch die melancholischen Töne beherrscht, zeigt dann das „Chanson Du Marianne“, das von einer jahrelangen wechselvollen Liebe handelt.

Der Dreierpack gibt dann auch die Richtung für dieses Album vor. Stimmungs- und Tempowechsel und eine vielfältige Instrumentierung der Songs macht die Stärke des Albums aus. Und Monot beweist wieder einmal was für ein großartiger Musiker und Musikant er ist. Eben noch singt er das traurige Cajun-Lied „Hier Encore“ von einem verlassenen Mann, dann spielt er schon wieder mit „GrisGris“ zum Tanz auf mit einer Musik die irgendwo an der Schnittstelle zwischen afrikanischem Soukous und kreolischem Zydeco liegt. Und schlägt danach die melancholischen Töne von „Le dernier des bigoudens“, einem Lied für seinen Vater, an. Musik verbindet die Menschen und die Welt – auch das ist eine wichtige Botschaft dieses Albums.

Ein lebenskluges Album
Dass Yannick Monot eine unumstrittene Elder Statesman-Rolle in der deutschen Musikszene hat, zeigt sich auch darin, welche tollen Mitmusikanten er für dieses Album gewinnen konnte. Der Multi-Instrumentalist Jens Kommnick ist auf zwei Stücken dabei, für andere Songs spielen Helmut Graebe an der Orgel, Edzard Model die Geige und Yannicks langjähriger Partner beim „International Cajun Trio“, Biber Herrmann, die Gitarre.

Und so ist dieses Album genau das richtige für diese Zeiten. Es ist wie das Leben – traurig, froh, ausgelassen – und es feiert das Leben und die Musik, die die Menschen verbindet. Ein lebenskluges, wunderschönes Album von Yannick Monot!

Zu beziehen ist das Album über http://www.yannick-monot.de und info@yannick-monot.de .

Dylan und die Old Time Connection

15. Mai 2020

Bildrechte: BACM

So geht die Dylanologie: Von einem Albumtitel kommt man auf zig Querverweise und dann wieder zu Dylan zurück: Dylan, Cox, Darby & Tarlton.

Ich kann mich nur wiederholen. Die Aussicht auf das neue Album elektrisiert mich und es gibt bereits jetzt so unheimlich viel zu forschen, zu deuten, zu denken und vor allem Querverweise zu finden, dass es eine wahre Freude ist. Und es lässt sich einiges finden und unter dylanologischen Gesichtspunkten gibt es da immer wieder schöne Entdeckungen.

Dixie Songbird
Zum Beispiel diese hier. Kommen wir nochmals auf den Albumtitel „Rough And Rowdy Ways“ zurück. Der fußt ja bekanntermaßen auf dem Jimmie Rodgers-Song „My Rough And Rowdy Ways“ von 1929. Als ich dann auf expectingrain.com eine Version des Songs von Doc Watson fand, machte ich mich auf die Suche nach weiteren Interpreten des Songs. Neben späteren Countrymusikern, die sich auf Jimmie Rodgers beriefen wie Lefty Frizzell oder Merle Haggard, fiel mir ein Zeitgenosse von Rodgers auf: Bill Cox. Und da fiel mir wieder ein, den kannte ich von meinen „Musik & Politik“-Seminaren. Dieser Bill Cox, der „Dixie Songbird“, hatte zusammen mit seinem Partner Cliff Hobbs 1936 eine wunderbare Old Time Hymne auf die Wiederwahl von Franklin D. Roosevelt gesungen: „Franklin Roosevelt’s Back Again“. Er war so etwas wie ein musikalischer Botschafter des New Deal und schrieb u.a. zwei weitere Topical-Songs dazu: „The Democratic Donkey {Is In His Stall Again}“ und den „NRA-Blues“. Die „National Recovery Administration“ war eine Roosevelt geschaffene Wirtschaftsbehörde.

Ich beschäftigte mich also nochmal ausgiebig mit Bill Cox und stellte fest, dass er tatsächlich am Anfang seiner Plattenkarriere Jimmie Rodgers-Songs coverte. Seine Version von „My Rough And Rowdy Ways“ hat sogar einer CD-Sammlung von obskuren alten Country-Songs und einer weiteren Bill Cox-Kompilation als Titel gedient. Und es gibt einen Dylan-Link. In der Folge 10 in der 3. Staffel seiner „Theme Time Radio Hour“ – Titel „Famous People“ spielte Dylan den Bill Cox-Song „Fate of Will Rogers & Wiley Post“, der vom tödlichen Flugzeugabsturz des Schauspielers Will Rogers und dem Flugpionier Wiley Post handelt. Von Rogers „lieh“ sich sich übrigen Roy Rogers, der „Singing Cowboy“ seinen Künstlernamen.

Mexican Rag

Bildrechte: JSP Records


Und dann ging von Jimmie Rodgers und Bill Cox über Bücher und Kompilationen, in denen sie zusammen Erwähnung finden, ein „Link“ ab zu „Darby & Tarlton“ einem seinerzeit berühmten und vor allem stilbildenden Old Time Duo – sicher war ihr Einfluss ein Grund, warum sich Bill Cox mit Cliff Hobbs 1936 zusammentat. Und dann fand ich den „Link“ von „Darby & Tarlton“ zu Dylan. Dessen „Nashville Skyline Rag“ von 1969 lehnt sich an Darby & Tarltons „Mexican Rag“ von 1928 an. Und noch mehr: In seinen Chronicles erzählt Dylan über seine Zeit in Dinkytown, als er an der University of Minneapolis eingeschrieben war: „Ich habe jedoch Tom Darby und Jimmy Tarlton im Haus eines Vaters vor irgendwem gehört, der eine alte Platte von ihnen besessen hatte. Ich dachte immer, dass „A-wop-bop-a-loo-lop a-lop-bam-boo“ alles gesagt hatte, bis ich hörte, wie Darby und Tarlton „Way Down in Florida on a Hog“ machten. Auch Darby und Tarlton waren nicht von dieser Welt.“ Der gerade verstorbene Little Richard hatte Dylan in seiner Jugend zum Rock’n’Roll gebracht, später entdeckte er den Rock’n’Roll in der Old Time Musik.

Love And Theft
Unglaublich wie tief das Wissen Bob Dylans um die amerikanische Populärmusik in all seinen Verästelungen ist. Seit über 60 Jahren befasst er sich mit ihr. Da ist es kein Wunder, wenn man nun herausbekommt, dass Dylan bei „False Prophet“ von Billy „The Kid“ Emersons Song “If Lovin‘ Is Believing“ von 1954 sich die Melodie geborgt hat. Der Mann ist immer quecksilbrig, weiß wie in der Musik Dinge verbunden sind und wo man etwas finden kann. Und immer wieder „Love And Theft“ – Liebe aus Diebstahl.

Und deshalb sollte man sich nicht wundern, was da noch alles in den nächsten Wochen rund um Wurzeln, Bezüge und Quellen der Songs des neuen Dylan-Songs zu entdecken ist. Festwochen für Dylanologen!

Der Schatten an der Wand

8. Mai 2020

Bildrechte: Columbia, Sony Music

So mögen wir ihn: Viele Fragen rund um Bob Dylans neuen Song „False Prophet“ und sein neues Album „Rough And Rowdy Ways“.

Er hat es wieder getan. Und noch viel mehr. Erst hat er ganz im Zeitplan erneut nach drei Wochen Pause einen Song im Internet veröffentlicht. Und wenige Zeit später wird verkündet: Neues Album am 19. Juni!

Der Song „False Prophet“
Typischer Dylan. Langsamer Blues-Rock, der ein bisschen an „Early Roman Kings“ oder My Wife’s Home Town“ erinnert. Auch von der Stimme her klingt das eher wie „Tempest“ oder „Together Through Life“ als nach dem sonoren Crooner-Gesang der letzten Jahre. Auch vom Text her ist es beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Für mich persönlich sind auf den ersten Blick zwei Verse besonders interessant:

Well I’m the enemy of treason
Enemy of strife
Enemy of the unlived meaningless life
I ain’t no false prophet
I just know what i know
I go where only the lonely can go

Das ist zum einen sehr friedvolle Aussage gegenüber anderen auch in diesem Song vorhandenen Statements von Dylan. Zum anderen ist das auch der erneuerte Schwur „It Ain’t Me Babe“: „Ich bin kein Anführer, ich locke Euch nicht mit falschen Versprechungen, ich weiß nur, was ich weiß und ich gehe einen einsamen Weg.“ Die Ablehnung von Verrat und Streit führt direkt zu der anderen Strophe, die ich meine:

Hello stranger
A long goodbye
You ruled the land
But so do I
You lost your mule
You got a poison brain
I’ll marry you to a ball and chain

Wer steht derzeit weltweit für Streit und Spaltung sowie dem Verrat an amerikanischen Idealen? Richtig, Donald Trump! Ein Song, oder Teilaussagen des Songs gegen Donald Trump? Dylan hat sich öfters über die US-Präsidenten – wie 1974 mit „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ zu Nixon – geäußert. Kennedy hat er ja gerade in „Murder Most Foul“ schon in einer gewissen Form gehuldigt. Über Obama hat er sich zumindest vor dessen ersten Wahl in einem Interview lobend geäußert. Und hier kann man schon auf Trump kommen, denn – und jetzt sind wir beim Artwork – der Schatten hinter dem Tod sieht doch ziemlich nach dem amtierenden US-Präsidenten aus.

Wieder einmal hat Dylan – wie beim Album „Knocked Out Loaded“ von 1986 -das Cover eines „Schund-Roman-Heftes“ – benutzt. Das Skelett – also der Tod – ist der Original-Titelseite von „The Shadow“ vom 15. Juli 1942 entnommen. Hinzugefügt wurde der erhängte Schatten-Mann (Trump?) und die Spritze in der Hand des Skeletts. Und schon sind in der Diskussion über zwei zentrale Themen: Trump und die Corona-Krise. Spricht sich hier Bob Dylan gleichzeitig gegen Trump und gegen Impfungen aus? Der Trump-Aspekt kann sich im Song und auf dem Cover aufdrängen, von Spritzen und Impfungen ist dagegen nichts herauszulesen.

Verschiedene Dylan-Afficionados haben zudem darauf hingewiesen, dass der Song auch aus einer mephistophelischen Perspektive heraus einen Abgesang auf Gott oder Jesus Christus darstellen könnte.
Natürlich liegt in Bob Dylans Alterswerk eine religiöse Deutung immer im Bereich des Möglichen. Aber der Meister ist hier wieder einmal mehr die große Sphinx der Popkultur und eine eindeutige oder besser eindimensionale Erklärung ist bei ihm auch mit 79 Jahren nicht zu finden.

Veröffentlicht wurde dieser Song übrigens Dylans Social Media mit den Worten „What are you lookin’ at — there’s nothing to see.” Einer Zeile des Songs aus der vierten Strophe.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Das Album „Rough And Rowdy Ways“
Entgegen anderer Auffassungen, so die Meinung des Autors dieses Blogs, kommt das Album zum jetzigen Zeitpinkt überraschend, es hätte einen nicht gewundert, hätte Dylan sich nicht zu einem weiteren Longplayer aufraffen können. Dylans Handlungen sind (fast) immer überraschend, zu wankelmütig und tricky ist unser Lieblingsmusiker, wie wir in den inzwischen mehr als vierzig Jahren Anhängerschaft gelernt haben.

Das Album ist ein Doppel-Album, auch als CD, obwohl die 70:36 auch auf eine Scheibe gepasst hätten. Der Album-Titel lehnt sich an den Jimmie Rodgers-Titel „My Rough And Rowdy Ways“ an. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Album-Cover zeigt eine Tanzszene, die den Blogger spontan an einen Blues-Juke Joint erinnert haben. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, die Trennung in seiner Person aufzuheben.

Soweit also das, was wir im Moment an Infos haben. Genug, um zu spekulieren, zu wenig, um es ganz genau zu wissen. Aber das ist dich eigentlich das beste Feeling für den Dylan-Fan. Dylan legt uns was hin und wir haben einen unerschöpflichen Quell an Rätseln, Fragen und Mysterien und wir erfreuen uns am Forschen, Suchen, Deuten und Erklären.

Danke, Bob, wir haben spannende Wochen vor uns.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (22)

14. April 2020

Turn The Radio On!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

der Darmstädter Dylan-Tag goes Radio!

Wie so viele Veranstaltungen dieser Tage fiel ja auch der Darmstädter Dylan-Tag der Corona-Krise zum Opfer. Ursprünglich geplant für den kommenden Samstag, 18. April, soll er jetzt im nächsten Jahr direkt am 80. Geburtstag des Meisters am 24. Mai stattfinden. Noch breiter und vielfältiger soll er dann sein, haben Marco Demel und ich uns vorgenommen.

Doch auch jetzt am Samstag muss man nicht ganz auf Informationen, Denkanstöße und viel Musik rund um Musiklegende und Nobelpreisträger Bob Dylan verzichten: Vier Stunden lang geht dann nämlich ab 15 Uhr die Sonderausgabe der „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt auf Sendung. „Wir freuen uns sehr, dass uns diese Sonder-Sendezeit von Radio Darmstadt und den Kollegen von anderen Sendungen geschenkt worden ist“, sagt Marco.

2016 hatten wir zusammen die Sendung aus der Taufe gehoben, die sich mittlerweile zum Dauerbrenner entwickelt hat. Zwar musste ich, weil ich aufgrund vieler anderer Verpflichtungen meine regelmäßige Verfügbarkeit nicht mehr garantieren konnte, vor einiger Zeit schweren Herzens aussteigen, doch zu besonderen Anlässen findet wir uns als „Dream-Team“, wie Marco so schön sagt, immer wieder einmal vor dem Mikrofon zusammen.

So auch dieses Mal. Allerdings konnte wegen Corona natürlich auch keine gemeinsame Live-Sendung über den Äther gehen. Also bastelte Marco quasi im Heimstudio mit entsprechender Software und Aufnahmetechnik die Sendung, meine Texte und Ansagen wurden durch die Mitschnitte von gemeinsamen Telefonaten integriert. Das hat wieder einmal riesigen Spaß gemacht!

Marco Demel bastelte die Sendung im Heimstudio zusammen

In der Sendung kommen dann auch alle Inhalte und alle Musik – sofern sie auf Tonträgern dokumentiert ist – des Tages an die Reihe. So sind u.a. Dan Dietrich, die „DoubleDylans“ und der Meister selbst zu hören, Manfred Maurenbrecher hat eigens eine Grußbotschaft geschickt und Heinrich Detering hat eine Besprechung des sensationellen 17-minütigen neuen Dylans-Songs „Murder Most Foul“ beigesteuert.
Neben der Idee den Darmstädter Dylan-Tag auf diese Art und Weise hochzuhalten, dient die Sendung aber auch einem guten Zweck. Wir möchten auch die Möglichkeit nutzen, noch einmal verstärkt auf unsere Spendenaktion für das Theater im Pädagog hinzuweisen.

Durch die Corona-Krise ist auch das Kellertheater in schweres Wasser geraten. Auf der Internetseite http://www.startnext.com/unterstuetzt-das-paedagog kann für das Theater von Klaus Lavies gespendet werden. Spender können aus einer Reihe von Dankeschön-Paketen wählen.

Nachdem die Sendung nun im Kasten ist und am Samstag ausgestrahlt wird, freuen wir uns nun aber richtig auf das nächste Jahr. Denn bei Musik, Lesungen und Vorträgen ist die Live-Atmosphäre einfach nicht zu ersetzen.

Also schon mal notieren und sich nichts anderes vornehmen: Die Sendung ist am kommenden Samstag, 18. April, von 15 – 19 Uhr bei Radio Darmstadt auf 103,4 MHz oder http://www.radiodarmstadt.de zu hören!

In diesem Sinne „keep on keepin‘ on“!

Best
Thomas

DoubleDylans: Blowin‘ In The Wind

Dan Dietrich & Besidos: Just Like A Woman

Manfred Maurenbrechers Version von Desolation Row

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (19)

11. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht’s nach Texas!

Aber weder in das Texas der Rinder- und Ölbarone oder des der Texas-Country-Singer-Songwriter, sondern es geht nach Ost-Texas. Das an der Staatsgrenze zu Louisiana und Arkansas gelegene Landesteil unterscheidet sich vom restlichen Teil von Texas doch beträchtlich. Sowohl die Landschaft als auch die regionale Kultur ähneln dem Deep South. Es ist waldiges, hügeliges Land, es sind die Piney Woods, die die Landschaft prägen. Auch die Kultur ist dem tiefen Süden näher als dem westlichen Teil von Texas. Die weiße Bevölkerung ist vorwiegend angelsächsischer Herkunft, die Kultur der Latinos spielt hier keine so große Rolle wie im Westen und Süden des Staates. Die Schwarzen sind die größte Minderheit und Ost-Texas spielte auch eine wichtige Rolle bei er Entwicklung des Blues. So stammen u.a. Blind Lemon Jefferson und T-Bone Walker hier her und Leadbelly, den wir unten mit einem Cowboysong hören, ist hier aufgewachsen. In einem der nächsten Einträge werde ich natürlich auch auf Bob Dylans Song „Blind Willie McTell“ und seinem Bezug zu Ost-Texas eingehen.

In diesem armen Landstrich spielen sowohl die Romane von Joe R. Lansdale, als auch die Krimis von Attica Locke. Während bei Lansdale insbesondere die beiden verkrachten Privatschnüffler Hap (weißer Kriegsdienstverweigerer) und Leonard (schwarzer, schwuler Vietnamveteran) bereits in etlichen Romanen und im TV für reichlich Furore sorgten, ist von Attila Locke mit „Heaven, My Home“ nun erst das zweite Buch mit ihrer Hauptfigur, dem schwarzen Texas Ranger Darren Matthews erschienen.

Beide, sowohl der weiße ältere Lansdale, als auch die schwarze, jüngere Locke zeichnen ein realistisches Bild dieser durch Armut und Rassismus gekennzeichneten Gegend. Doch während Lansdale gerne dem Affen Zucker gibt und manche Fälle heftig und die Dialoge oftmals hanebüchen komisch sind, gehen die Bücher von Locke eher in Richtung psychologisches Kammerspiel. Während Hap und Leonard wie im Comic scheinbar unkaputtbar sind, ist Darren innerlich zerrissen zwischen seiner Ehe und einer möglichen Affäre, zwischen der Solidarität der Schwarzen und seinen Pflichten als Texas Ranger und er ist getrieben von der belasteten Beziehung zu seiner Mutter. Er trinkt zuviel und er ist der Arischen Bruderschaft auf der Spur. Der Roman, den ich gerade begonnen haben zu lesen, verspricht schon wie sein Vorgänger Bluebird, Bluebird viel Spannung mit dem Lokalkolorit von Ost-Texas.

Wenn bei Lansdale der schwarze Leonard Ernest Tubbs‘ „Walking The Floor Over You singt, dann gehört das auch zum Lokalkolorit von Ost-Texas. Den wie überall im Süden mögen die Schwarzen die Musik, die angeblich ja so weiß ist. Erstens ist sie das natürlich, weil ihre Wurzeln auch in der schwarzen Old Time-, Hillbilly- und Bluesmusik liegt. Und zweitens schätzen sie die Erzählweise der Songs von armen Südstaatlern, die entweder arm und from sind – die Black Community im Süden ist genauso stark an ihre konservativen Kirchen angelehnt wie die weiße – oder aber liebeskrank. Und dabei aber immer züchtiger sind als die Songs der derben Bluesmen.

Allerdings hat dies den Chancen von schwarzen Countrymusikern nicht genutzt. Country ist weiß und viele Jahre haben die Farben das nur gestört. Charley Pride und Darius Rucker sind die beiden einzigen schwarzen Countrystars, die in die Grand Ole Opry aufgenommen wurden. Beide werden wir unten hören. Ein Achtusgserfolg und vielleicht eine Trendwende schien Lil Nas X im letzten Jahr mit seinem Country-Hip Hop-Hybriden Old Toen Road, der einer größten Hits überhaupt im Jahr 2019 wurde. Wie sich das nach der Corona-Krise entwickeln wird, an der natürlich die Schwarzen überproportional leiden, steht aber nun in den Sternen.

Leadbelly – When I Was A Cowboy

Charley Pride – Is Anybody Goin‘ To San Antone? (Marty Stuart Show)

Darius Rucker – Wagon Wheel

Lil Nas X – Old Town Road