Archive for the ‘Gospel’ Category

Die Schwester, die uns den Rock’n’Roll gab

14. November 2018

Vor 45 Jahren starb Sister Rosetta Tharpe, Gospel-Sängerin und zugleich Pionierin des Rock’n’Roll

Nein, ich glaube ich muss hier nicht mehr erklären, dass weder Elvis noch Jerry Lee den Rock’n’Roll erfunden haben. Nein, der Rock’n’Roll war schon vorher da, wurde u.a. von Chuck Berry gespielt, hieß da aber noch Rhythm & Blues. Die weißen Jungs waren dafür gut, diesem Musikstil ein zahlungskräftiges, weißes Publikum zuzuführen. Die wirklichen musikhistorischen Leistungen haben dagegen Chuck Berry und eine ganz besondere Frau erbracht.

Sister Rosetta Tharpe, geboren 1915 als Rosetta Nubin im armen Arkansas, kam mit sechs Jahren nach Chicago. Zeit ihres Lebens blieb sie eine Grenzgängerin zwischen dem Gospel und der schwarzen weltlichen Musik. Sie trat schon früh als Sängerin und Gitarristin in kirchlichen Zusammenhängen auf – ihre schwarze Pfingstlergemeinde erlaubte den expressive musikalischen Ausdruck und dass Frauen sangen und lehrten – und nahm mit 23 den Bühnennamen Sister Rosetta Tharpe an, eine Variation des Namens ihres geschiedenen Mannes, mit dem sie nur wenige Jahre zusammen war. „Rock Me“ und andere Songs, die sie 1938 einspielte, machten sie über Nacht zum Star und beeinflussten alle wichtigen weiteren Rhythm & Blues und Rock’n’Roll-Pioniere.

Ihre Einzigartigkeit bestand im expressiven Gesangsvortrag gepaart mit dem Spiel der elektrischen Gitarre, der sie oftmals im Slide-Stil die Töne hervorlockte. Zwar waren es oftmals inhaltlich Gospel, die sie sang, die aber waren mit einer solchen weltlichen musikalischen Wucht vorgetragen, dass sie das religiöse Publikum ebenso schockierten wie das weltliche Publikum elektrisierten. So wurde sie in den 1940er zu einer Künstlerin, die die Grenzen überwand. die Grenzen zwischen schwarzer religiöser und weltlicher Musik ebenso wie die die Rassenschranken, in dem sie schwarze Gospel vor einem größeren weißen Publikum spielte.

In den 1950ern war sie eine Sensation, spielte in ausverkauften Arenen und beeinflusste direkt die weißen Rock’n’Roller. Just als sie wegen deren Erfolg in den Hintergrund gerückt war, wurde sie durch das europäische Interesse am Blues wiederentdeckt und sie trat auf einer Tour durch den alten Kontinent auf.

1970 erlitt sie einen Schlaganfall und beendete deswegen ihre Konzertaktivitäten. Sie hatte Diabetes und verstarb am 9. Oktober 1973 an den Folgen eines erneuten Schlaganfalles.

In den vergangenen Jahren wurde ihr enormer Beitrag zur Geschichte von Rock und Blues durch die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall Of Fame und die Blues Hall Of Fame gewürdigt. Eine BBC-Dokumentation nannte sie „The Godmother Of Rock’n’Roll“. Ihre Einflüsse reichen heutzutage bis hin zu so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Rosanne Cash, Mary Chapin-Carpenter oder Rhiannon Giddens. Und Bob Dylan sagte über sie: „Schwester Rosetta Tharpe war alles andere als gewöhnlich und schlicht. Sie war eine große, gutaussehende Frau und göttlich, ganz zu schweigen von der Erhabenheit und Pracht. Sie war eine mächtige Naturgewalt. Eine Gitarre spielende, singende Evangelistin.“

Es lohnt sich also mit der Musik dieser großen Künstlerin zu beschäftigen. In einer besseren Welt hätte sie die Lorbeeren und die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die andere einheimsten. Daher ist es nur gerecht an sie und ihre Musik zu erinnern.

Zwei Videos. Sister Rosetta Tharpe 1964 bei einem Konzert auf einem Bahnhof in Manchester und Rhiannon Giddens mit Sister Rosetta Tharpes „Up Above My Head“:


Ry Cooder live in Oostende

28. Oktober 2018

Der Meister der Slide-Gitarre liefert ein starkes Konzert ab/ Viele Blues und Gospeltöne

Er ist eigentlich ein Musician’s Musician und als Solokünstler nicht in der ersten Reihe. Mit ihm werden Projekte wie „Buena Vista Social Club“ verbunden oder die Filmmusik zum Wim Wenders-Film „Paris, Texas“. Als Slide-Gitarrist ist er auch ein gefragter Sideman für die Stars der allersten Reihe. Und dennoch hat er auch als Solo-Künstler ein so beachtenswertes Oeuvre geschaffen, dass seine Tourneen auf große Resonanz stoßen.

So auch am Freitag, 12. Oktober, im Nordseebad Oostend in Belgien. Der Kursaal war ausverkauft und wir waren gegen 19.58 Uhr auf den Plätzen, nachdem Zugausfälle, Streckensperrungen und Umleitungen unsere Anreise erschwert hatten. Das was wir dann zu hören und sehen bekamen, war mehr als eine Entschädigung. Es war ein ganz starkes Konzerterlebnis. Was man jedoch vom Vorprogramm mit Ry Cooders Sohn Joachim nicht sagen konnte. Sphärische Weltmusikklänge, die einen nie wirklich gepackt haben. Haken wir das mal als väterliche Unterstützung ab.

Ry Cooder jedoch ist in großer Form an Slide- und E-Gitarre und hat eine Klasse Band und das fantastische Gospel-Soul-Sangestrio The Hamiltones dabei. Cooder spielt knüpft an sein letztes Album „The Prodigal Son“ an und spielt hauptsächlich alte Traditionals und mit „The Very Thing That Makes You Rich (Makes Me Poor)“ nur einen eigenen Song. Die Musik ist blues- und gospelgetränkt. Er steigt ein mit zwei Coverversionen von Songs des texanischen Blues- und Spiritualmusikers Blind Willie Johnson ein: „Nobody’s Fault But Mine“ und „Everybody Ought to Treat a Stranger Right“. Damit ist Abend programmatisch umrissen. Später folgt noch mit „Jesus In The Mainline“ von Mississippi Fred McDowell ein Klassiker eines Delta-Blues-Veterans. Cooder geht ganz auf in dieser alten Musik aus den 1940er Jahren. Und spielt auch Stücke von weißen Musikern. Das Stock der Stanley Brothers – Harbor Of Love“ wird von ihm zu einem schwarzen Gospel umarrangiert. Und er spielt einen Titel von Woody Guthrie, „Vigilante Man“ und natürlich „The Prodigal Son“, den Titeltrack seiner gleichnamigen neuen Albums. Ihm geht es um die Musik der armen und beladenen Amerikaner, der Schwarzen wie der Weißen. Und die Aussage dahinter, um die es ihm geht, ist die Erinnerung an das andere Amerika. Denn ohne dass Cooder explizit politische Reden führt, ist das Konzert eine einzige Liebeserklärung an das andere Amerika.

Cooder ist gut aufgelegt, sein Gitarrenspiel launig und inspiriert, dabei wie immer technisch perfekt. Wenn man sich die Setlist und seine neue Platte anhört, könnte man meinen, der Mann müsse Trübsal blasen. Doch im Konzert zeigt sich ein ganz entspannter, selbstironischer und humorvoller Ry Cooder. Er ist sogar zu Scherzen aufgelegt. So bewirbt er den Merchandising-Verkauf im Foyer und hebt hervor, dass Dylan ein großer Anhänger und Experte des „Merch“-Verkaufs sei. Die Baby Doll T-Shirts seien immer als erstes ausverkauft, habe ihm die Singer-Songwriter-Legende mit auf den Weg gegeben, erzählt Cooder schmunzelnd.

Das Konzert nimmt zum Schluss immer mehr Fahrt auf, wofür auch die „Hamiltones“ sorgen, die mit viel Gospel-Soul-Power die Betriebstemperatur im Kursaal mächtig steigen lassen. Nach Cooders klasse Version von Elvis‘ „Little Sister“ gehören die Lead-Vocals im letzten Song dann den „Hamiltones“. „I Can’t Win“ ist ein triumphaler Abschluss eines ganz starken Konzertes. Ein Abend, der im Gedächtnis bleiben wird.

Stoischer Sänger, tanzendes Publikum

3. August 2018

Der bekanntermaßen introvertierte nordirische Blues- und Soulbarde Van Morison braucht keine flotten Mitklatsch-Ansagen, um im Schlosspark Schwetzingen die Leute zum Tanzen zu bringen. Es reicht seine wundervolle Musik.

Welch ein Kontrastprogramm. Setzte noch vor dem Konzert von Joan Baez am 1. August der Regen ein, der zumindest die Stimmung in den ersten 30 Minuten etwas dämpfte, so war der 2. August an derselben Stelle, dem Schlosspark Schwetzingen, geprägt durch fetten Sonnenschein und knallheiße Temperaturen. Und dennoch: Auch das Konzert von Van Morrison benötigte eine gewisse Anlaufzeit. Die ersten Stücke waren noch nicht so richtig zupackend vorgetragen, auch wenn Van Morrisons Stimme von Anfang an voll dar war und er auch körperlich einen besseren Eindruck hinterließ wie beispielsweise bei seinem Frankfurter Gastspiel vor 10 Jahren. Und auch damit ergeht es ihm wie seinem stoischen „Bruder im Geiste Bob Dylan, der heutzutage so fit wirkt und gut singt wie lange nicht.

Mit dem dritten Song – dem Sister Rosetta Tharpe-Cover „How Far from God“ – kam Bewegung in die Sache. Und mit einem schönen Bluesmedley aus „Baby Please Don’t Don’t Go“, „Parchman Farm“, „Don’t Start Crying Now“ und „Got My Mojo Working“ war dann endgültig der Boden bereitet. Denn jetzt folgten die ersten Klassiker wie „Moondance“ und „Carrying A Torch“. Dazwischen musikalisch besonders reizvoll „Broken Record“, das Morrison mit seinem unnachahmlichen Talent für Phrasierung und Prononcierung zu einem kleinen Meisterwerk machte. Ab „Precious Time“ war es dann geschehen, immer wieder kamen Leute nach vorne und wollten tanzen. Zuerst wurden sie von den Ordnern mehr oder minder freundlich auf ihre Plätze zurück komplimentiert, bis Sir Van eine klare Ansage machte, man solle bloß nicht glauben, sie hätten etwas gegen tanzende Menschen, sie würden gerne tanzende Menschen sehen. Nun gab es kein Halten mehr, das Publikum drängte nach vorne und in die Seitenwege, und alle standen an ihren Plätzen und tanzten und bewegten sich freudig bis zum Schluss. Großartig!

Nun fielen die Höhepunkte dem Publikum vor die tanzenden Füße wie reifes, süßes Obst. Der vor allem in der Fassungen der „Beach Boys“ und des „Kingston Trios“ bekannte Folk-Gassenhauer „Sloop John B.“ wurde „Van The Man“ in einer verlangsamten, intensiven Skiffle-Version gespielt, inklusive Steel Guitar-Klängen. Und dann folgten auf der Zielgrade natürlich auch noch „Real, Real Gone“ und „Brown Eyed Girl“. Nach anderthalb Stunden verließ Van Morrison mit „Gloria“ die Bühne und ließ sich seine starke Band noch mehr als zehn Minuten mit mehreren Soli so richtig austoben bis das Konzert dann endgültig vorbei war.

Ein starker Abend mit einem sehr wachen und agilen und für seine Verhältnisse fast schon extrovertierten Van Morrison. Fantastisch!

Voices of Mississippi

1. Juni 2018

Von dieser CD/DVD-Box konnte ich bislang nur Kostproben hören. Aber die haben es in sich. Beste schwarze Blues- und Gospelmusik, dazu Wortbeiträge wie die von Ray Lum – seines Zeichens weißer Maultierhändler und Geschichtenerzähler – zeichnen ein lebendiges Bild der Populärkultur der US-Südstaaten. Alle Aufnahmen sind Field Recordings des US-Folkloristen William R. Ferris. Dazu eine DVD mit Filmen über die Kunst und Musik aus Mississippi.

Der heute 76-jährige Ferris war der Mitbegründer des „Center For Southern Folklore“ in Memphis, Tennessee und Gründungsdirektor des „Center For The Study Of Southern Culture“ an der University Of Mississippi. Er hat sich um die Erforschung der Alltags- und Populärkultur der Südstaaten verdient gemacht. Und dabei hat er die im Süden immer noch landläufige Spaltung in Schwarz und Weiß geflissentlich ignoriert. Ihm war stets das verbindende wichtig. Dass in Mississippi so unterschiedliche und für die Musikgeschichte so wichtige Künstler wie Jimmie Rodgers, Elvis Presley oder B.B. King geboren wurden. Dass man in der Old Time Musik von Plattenaufnahmen nicht unterscheiden konnte, ob Weiße oder Schwarze hier Singen und Musizieren. Dass sich die Musiken der Weißen und der Schwarzen mischten. Ferris selber ist als Sohn einer weißen Pflanzerfamilie geboren worden, die auf einer Farm zusammen mit anderen schwarzen Familien das Land bewirtschaftete. Da gab es keine Segregation. Beste Voraussetzungen also, um ohne Rassismus aufzuwachsen.

Für viele Europäer sind der US-Süden und der Staat Mississippi eine große Unbekannte. Die Touristen zieht es nach New York, nach Kalifornien, Florida, in die Nationalparks oder auf die Route 66. Mississippi liegt da ab vom Schuss, ist jedoch so etwas wie der Geburtsort der amerikanischen Musik. Im Mississippi Delta wurde der Blues geboren. Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, brachte weiße Hillbillymusik und schwarzen Blues zusammen und wurde dadurch zum „Vater der Countrymusik“.

Aber dennoch: Auch uns blieb auf unseren Reisen in den Süden vieles dort fremd. Wir erinnern uns an die windschiefen Holzhäuser der Schwarzen in Clarksdale, Mississippi. Dort wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen. Wir erinnern uns an fremde Tänze in Morgan Freemans Blues Club und das Geheimnisvolle eines noch ursprünglicheren Juke Joints im Ort.

Diese Box erscheint in einer Zeit, in der die herrschende politische Klasse in den USA die Gräben der Spaltung wieder tiefer zieht. Der Kampf um den Referenzrahmen tobt. Gerade ist Roseanne Barr richtigerweise wegen eines rassistischen Tweets gefeuert worden. Man wünschte diese Box würde gerade den Weißen aufzeigen, dass Weiße und Schwarze mehr eint als trennt.
Vielleicht eine der wichtigsten musikalischen Neuerscheinungen dieses Jahres.

Ein kleine Kostprobe von der DVD: Vier Künstlerinnen aus Mississippi

Bob Dylan und „Black Music“

11. Mai 2018

Dass Bob Dylan seine Wurzeln auch im Blues hat, ist hinlänglich bekannt. Seine Beziehung zu Gospel, Soul und Rap lohnt aber einer genaueren Betrachtung

Die Generation aus der Bob Dylan stammt hat den Blues der Schwarzen aufgesogen, war doch die Musik der unterdrückten Afroamerikaner für diese rebellische Jugend ein perfektes Ausdrucksmittel gegen die Kultur ihrer Eltern, die musikalisch in den Zentren Classic Urban Pop und im ländlichen Raum Country Music hörte. Das war bei Dylan auch nicht anders, jedoch hat der schon früh in seinem Werk auch die Verbindungslinien vom Blues zum Country offengelegt. So ist „Only A Hobo“ beispielsweise von Jimmie Rodgers beeinflusst, der Blues und Hillbilly-Elemente zusammenführte und somit zum „Vater“ der klassischen Countrymusik wurde.

An der Seite der Bürgerrechtsbewegung
Dylan hat seine ganze Karriere über Blues gespielt und ist somit – ohne dieses Label direkt zu tragen – im Grunde einer der wichtigsten und einflussreichsten weißen Bluesmusiker überhaupt. Zudem ist er schon in jungen Jahren ein Bewunderers der Gospel Music der Staple Singers gewesen, mit Mavis Staples war er eine Zeit lang liiert, seinen Heiratsantrag in jungen Jahren lehnte sie ab. Dylan gehörte der jungen weißen Generation an, die ganz selbstverständlich mit den Schwarzen als ihnen gleichberechtigte Menschen umging und sich für deren Rechte einsetzte. Er spielt in seiner Frühzeit in New York im Vorprogramm von John Lee Hooker. Er reiste im Juli 1963 mit Pete Seeger und Theodore Bikel in den Süden, um die Bürgerrechtsbewegung zu unterstützen und er spielte mit Joan Baez bei „March to Washington“ im August 1963, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt.

Die schwarze Community wurde natürlich auf den jungen weißen Freiheitssänger aufmerksam. Insbesondere natürlich die schwarzen Musiker. Sie ließen sich von ihm inspirieren wie Sam Cooke, dessen „A Change Is Gonna Come“ eine direkte Antwort auf „Blowin In The Wind“ darstellt. Oder sie sangen seine Lieder. So wie die schon erwähnten Staple Singers. Oder Odetta oder Nina Simone oder Jimi Hendrix. Sie alle spielten bereits in den 1960ern Dylans Songs. Und 1969 nahm ein von Lou Adler zusammengestellter Gospel-Chor Dylan-Songs unter dem Titel „Dylan’s Gospel“ auf. Mit dabei Clydie King, die in den frühen 1980ern dann Dylans Backgroundsängerin und Freundin werden sollte. Doch dazu später mehr. Die Linie der schwarzen Musiker, die Dylan geschätzt und gecovert haben führt über die O’Jays, Solomon Burke und Bobby Womack bis hin zu Bettye LaVette, die soeben unter dem Titel „Things Have Changed“ ein Soul-Album mit Dylan-Songs veröffentlicht hat. Eine schöne Sammlung zu diesem Thema ist unter dem Titel „How Many Roads. Black America Sings Bob Dylan“ erschienen.

Und Dylan blieb der schwarzen Community und deren Problemen wie Kriminalisierung und Rassimus auch in den 1970ern treu. Nicht von ungefähr stellen seine beiden einzigen wirklichen Protestsongs dieser Dekade schwarze Protagonisten in den Mittelpunkt. 1971 den erschossenen Black Panther-Führer George Jackson und 1975 den zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxer Rubin „Hurricane Carter“. Zum großen Benefizkonzert kam dann auch Muhammad Ali in den Madison Square Garden. Übrigens war Black Panther-Mitbegründer Huewy Newton ein großer Dylan-Fan. Wobei er sich weniger von den Bürgerrechtssongs, also von Dylans Rockmusik begeistert zeigte. Letztlich hat sich Dylan aber wohl – es soll bei einem Treffen zu einem Disput zwischen den Panther-Funktionären und dem Sänger gekommen sein – wegen der Gegnerschaft der Panther zu Israel sich dann nie wirklich für sie verwendet.

Dylan entdeckt den Gospel für sich
Eine tiefere, systematische Beschäftigung mit der schwarzen Musik jenseits vom Blues jedoch begann für Dylan dann mit seiner Welt-Tournee 1978 und den darauf folgenden „Born Again“-Jahren. „Street Legal“ war schon gekennzeichnet durch Soul- Rhythm & Blues sowie Gospel-Elementen, und es wurde erstmals bei Dylan ein Background-Chor schwarzer Sängerinnen eingeführt. Verstärkt wurde das dann durch seinen Übertritt zum Christentum. Denn Bob spielte fortan schwarzen Gospel, keinen weißen Country-Gospel. Und es war die schwarze Schauspielerin Mary Alice Artes, die ihn bei seiner Konvertierung zum Christentum unterstützte.

Dylan verband übrigens mit einigen seiner schwarzen Backgroundsängerinnen mehr als nur die Musik. so war er eine Zeit lang mit besagter Clydie King liiert – es gibt ein wunderschönes Video der beiden, wie sie Abraham, Martin & John singen und die tiefe Zuneigung überhaupt nicht zu übersehen ist. Und mit Carolyn Dennis war er dann Mitte der 1980er verheiratet und hat mit ihr auch ein Kind.
Bis in die frühen 1990er Jahre spürt man in seiner Musik den Einfluss von Rhythm & Blues, Soul und Gospel. Insbesondere sein 1985er Album „Empire Burlesque“ atmet – unabhängig von den bekannten Qualitätsproblemen bei Songs und Produktion – viel Soul und Funk. 1986 nimmt er zur Verblüffung vieler bis heute einen Song zusammen mit dem Rapper Kurtis Blow auf. Was von vielen als künstlerische Desorientierung Dylans in den 1980ern angesehen wird, ist meiner Meinung nach ein Zeugnis für die Hochachtung Dylans vor der schwarzen Musik in all ihren Ausprägungen. 1986 und 1987 tritt er zusammen mit den Queens Of Rhythm als Background-Sängerinnen auf, Gospel-Einflüsse halten sich weiterhin in seiner Musik.

Blues und Jazz
Mit seinen Alben „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ erinnert er sich dann wieder an seine Blueswurzeln. Aber diesmal auch an die schwarze Musik, die es fernab dem typischen Delta-Blues gab. Er spielt „Frankie & Albert“, einem Stoff, der u.a. auch von den Songsters – nicht Bluesern! – Leadbelly und Mississippi John Hurt bekannt ist. Und „World Gone Wrong“ ist auch eine Reminiszenz an die Mississippi Sheiks, einer Gruppe von Unterhaltungsmusikern aus dem Süden, deren Repertoire weit über den klassischen Blues hinausging.

Bis heute sind all diese Einflüsse – Blues, Soul, Funk, Rythm & Blues – in seiner Musik vorhanden. Sogar Ausflüge in den Jazz gibt es zu notieren. Wie zum Beweis ist gerade „United We Swing: Best of The Jazz at Lincoln Center Galas“ erschienen, auf dem Dylan mit dem Winston Marsalis Septet „It Take A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry singt und dabei Mundharmonika spielt. Die ebenfalls auf einer dieser Galas Anfang der 2000er Jahre verjazzte Version von Don’t Think Twice“ hat es leider nicht auf die Platte geschafft.

Und wenn man sich heute seine Konzerte anhört, dann hat „Blowin‘ In The Wind“ mittlerweile einen starken Gospel-Soul-Touch. Bob Dylan ist bis heute ein kultureller Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß geblieben. Auch das ist eine Qualität für sich im heutigen Amerika.

The O’Jays sing Bob Dylan:

Bob Dylan sings Solomon Burke:

Der Orchester-Chef

27. April 2018

Bob Dylans Konzert in Baden-Baden ist ein musikalischer Genuss

Ja, das Festspielhaus in Baden-Baden war ein absolut würdiger Rahmen für das, was Bob Dylan da am vergangenen Montagabend veranstaltete. Zwar waren aufgrund der Location, der Preise, dem Image des Ereignisses als Event und der Stadt Baden-Baden selber einige gekommen, die ihr Großverdienertum offensiv zur Schau stellten, aber das minderte nicht das Vergnügen über die musikalische Performance Dylans, die am Ende durchaus in die Kategorie „Triumph“ eingestuft werden kann.

Wenn man sich ein paar Jahre zurück erinnert, so waren Dylans Konzerte von einer ständig wechselnden Setlist, Proben auf offener Bühne sowie dem Nichtgesang der Hauptfigur geprägt. Dennoch entstand vor den Augen und Ohren des Publikums immer wieder große Kunst. Seit einigen Jahren nun schon spielt Dylan Abend für Abend das Gleiche. Dass sich die Konzerte dennoch von Tour zu Tour deutlich unterscheiden, liegt an der ungebrochenen Lust des Künstlers, unablässig an den Songs zu arbeiten. Immer wieder neue Arrangements und längst ist das, was man da geboten bekommt, nicht mehr mit dem Begriff „Rock-Konzert“ zu beschreiben. Die Aneignung der Klassiker des Great American Songbook hat das Talent als Arrangeur, das Dylan ohnehin immer besaß – man denke an die 78er-Tour „Big Band-Tour“ – nochmals auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. Mittlerweile rangiert der musikalische Rahmen, den Dylan seinen Konzerten setzt, irgendwo zwischen Jazz- und Klassik-Konzert. Tatsächlich: Was man hört sind Rock, Folk, Country, Blues, Gospel und Soul, also populäre Musik – aber der formale Rahmen stammt aus der Welt der Kunstmusik. Dylan orchestriert seine Musik. Da sind die Soli, die Gesangsparts und das Zusammenspiel klar verteilt und geplant, so dass die Musik immer perfekter wird. Das vermindert den improvisatorischen Anteil, aber das tut dem während des Konzerts immer größer werdenden Vergnügen keinen Abbruch.

Denn die Neu-Arrangements sind stimmig. Außer bei „Tangled Up in Blue“, dessen Arrangement ich immer noch nicht nachvollziehen kann. Aber „Pay In Blood“, das ein dem blutrünstigen Titel angemessenes musikalisches Kleid – voller „Suspense“ wie Hitchcock gesagt hätte – verpasst bekam, Thunder On The Mountain – der großartige Höhepunkt des Konzerts – oder „Tryin To Get To Heaven“ gewinnen deutlich. Dylan gibt den Orchester-Chef am Klavier, der Lust am Pianospiel hat und oftmals damit auch die Melodielinien vorgibt. So verbringt er denn auch die meiste Zeit am Klavier stehend oder sitzend und traut sich nur viermal in die Bühnenmitte ohne Instrument an den Mikrofonständer. Und die Mundharmonika – das typische Hillbilly-Instrument – kommt in seinem jetzigen musikalischen Konzept auch gar nicht vor.

Stattdessen singt er wie bereits auch im letzten Jahr so gut und verständlich wie lange nicht mehr. Um so wichtiger, denn sonst wäre es ja noch schwieriger so manchen Titel zu erkennen. Was nicht für die Klassiker „Don’t Think Twice“ oder Ballad Of A Thin Man“ gilt, die man deutlich an der doch für Dylan’sche Verhältnisse recht großen Nähe zum Original erkennt. Dabei sind die Lieder keineswegs zugunsten irgendeiner Altersmilde textlich gezähmt. Da revidiert sich Dylan nicht. Die Grundaussagen bleiben, wenn auch Dylan wie bei „Simple Twist Of Fate“ – am Montag ebenfalls in einer wunderschönen Fassung zu hören – oder bei „Tangled Up In Blue“ durchaus immer wieder mal neue Lyrics einstreut. Für Dylan sind seine Songs immerwährende Aufgaben. Der Mann lebt seine Songs.

So wie seine Konzerte, die er auch mit nun fast 77 Jahren immer noch voller Disziplin – er beginnt auf die Minute pünktlich und endet fast genau nach 100 Minuten – und voller Leidenschaft und Spielfreude absolviert. Und so endet dann dieser große orchestrale Abend als Triumph mit Standing Ovations und der Freude, dass Dylan auch im hohen Lebensalter immer noch zu überraschen weiß. Und dass er überhaupt nicht den Anschein erweckt als sei für ihn – wie es derzeit Altersgenossen und Weggefährten wie Joan Baez oder Paul Simon – die Sache mit den Tourneen nun vorbei. Im Gegenteil: das erste Konzert für den Sommer ist bereits angekündigt. Die Kreise, die er zieht, werden auch nicht kleiner – es geht wieder einmal nach Japan!

Zwischen SONiA und Bob

15. April 2018

Mit Sonia Rutstein auf der Bühne, bei Bob Dylan im Publikum – das sind die Dylan-Wochen des Jahres!

Nein, das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte es irgendwann wohl mal als Wunsch geäußert, es aber im Eifer des Gefechts rund um das Konzert vergessen. Aber dann passierte es tatsächlich: Sonia Rutstein, die Cousine von Bob Dylan holte mich bei ihrem Konzert im Pädagogtheater zur Zugabe auf die Bühne. „Like A Rolling Stone“ als Duett von SONiA und mir hört sich gar nicht so schlecht an, man kann sich mittels eines Videos, das unten anzuschauen ist, davon überzeugen. Da sang also der „Dylan-Experte“ zusammen mit Dylans Cousine Sonia Rutstein dessen Klassiker „Like A Rolling Stone“. Das war schon toll und ein unvergessliches Erlebnis. So wie jeder Auftritt von Sonia Rutstein bei der immer mal wieder eine gewisse Familienähnlichkeit durchschlägt: Sie ist nicht sehr groß, sie ist quirlig und hat wilde Haare, spielt Mundharmonika und Gitarre. Und setzt die Worte wunderschön.

Sonia Rutsteins Poesie ist mal zärtlich, mal entschlossen, mal verständig, mal anklagend und stets human. Sie ist eine starke Stimme des anderen Amerika, für Frieden, Freiheit, Gleichheit, sexuelle Selbstbestimmung. Wohl auch deshalb nimmt sie sich mittlerweile im Frühjahr eine scheinbar immer länger währende Auszeit von „Trumpland“ und tourt ausgiebig durch die Bundesrepublik. Und hinterlässt eine Spur der Freude, der Wärme, des Mut Schöpfens gegen die Gefahren dieser Welt.

Zeitgleich mit Sonia mit Sonia tourt auch ihr Cousin namens Bob Dylan durch die bundesdeutschen Lande. Der, der von ihrer gemeinsamen Tante Harriet Rutstein, das Klavier spielen lernte. Und es nun Abend für Abend scheinbar immer perfekter zu Intonierung seiner Songs nutzt. Die Nachrichten über seine Konzerte in Österreich hören sich gut an. Er scheint mit großer Form direkt an die Konzerte aus dem vergangenen Jahr anzuknüpfen. Gut bei Stimme, verständlich in der Artikulation, voller Spielfreude. In Madrid hat er Ende März mit dem Publikum das gesamte „Desolation Row“ rhythmisch durchgeklatscht. Wir sehen ihn am 24. April in Baden-Baden. Man darf gespannt sein.

Ansonsten zieht dieser Dylan derzeit mal wieder alle Register. Erschien Ende des Jahres erstmals eine Zusammenstellung mit Live-Mitschnitten seiner Gospel-Jahre bei denen er ja durchaus fragwürdiges predigte, so hat sich Dylan dieser Tage nun an einem ungewöhnlichen Projekt beteiligt. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte. Auch dies kann man sich unten anhören.

Auch der Dylan im Jahr 2018, fast 77-jährig, schafft es noch, und zu überraschen. Was will man mehr?


Love Songs

9. Februar 2018

Woody Guthrie Tribute in Darmstadt

Dreimal hat nun schon ein Musikernetzwerk aus dem Rhein-Main-Gebiet mit großem Line-Up die Songs des anderen Amerika auf die Bühne gebracht. Was aus der Wut über die Präsidentschaft Donald Trumps zum ersten Mal im Januar letzten Jahres bei „Americana im Pädagog“ unter dem Titel „Love Songs Für The Other America“ so hervorragend angenommen wurde, ist in diesem Jahr beim großen Woody Guthrie-Tribute erneut im Darmstädter Pädagogkeller und mit den „Love Songs For Freedom & Equality“ im Frankfurter „Bett“ fortgeführt worden. Zweimal ausverkauftes Haus im Darmstädter TIP und ein gut gefülltes „Bett“ zeigen: Die Lieder treffen den Nerv der Menschen.

In Zeiten, in denen Autokraten und Rechtsextreme auf dem Vormarsch sind und die SPD – bzw. besser gesagt ihr Führungspersonal – die Partei inhaltlich nicht erneuern will (Absolute Ignoranz gegenüber den politischen Ansätzen von Jeremy Corby, Bernie Sanders oder den portugiesischen Sozialisten) – und sich stattdessen mit dem „Weiter so!“ mit ein paar Pflastern auf den neoliberalen Wunden in eine erneute großen Koalition flüchtet, sind die Lieder für eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft aktueller denn je.

Sichtlich ergriffen und bewegt lauschen die Menschen der Musik und geduldig und interessiert hören sie dann im Pädagogkeller und im Bett auch den Vorträgen zu. Wissend, dass diese Musik für etwas steht. Für eine Haltung, für eine gesellschaftliche Sichtweise, die eben auch ausgesprochen werden muss, genauso wie es sich lohnt auf die Umstände der Entstehung dieser Songs hinzuweisen. Die Linie führt von den Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Kentucky über die gewerkschaftliche Organisierung in den 1930er und 40er Jahren und den Songs gegen Kriegstreiberei und Rassismus aus den 1960ern bis zu den heutigen Liedern gegen Sexismus und Umweltzerstörung. Der enthemmte Kapitalismus hat für kein Problem dieser Zeit eine Lösung, denn er ist ihre Ursache.

Musikalisch sind die Konzerte vom feinsten. Da treffen „alte“ Fahrensleute von Folk und Americana in Deutschland wie Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Helt Oncale auf Newcomer wie Brian Kenneth oder Dana Maria. Allen gemeinsam ist das Americana als ihr musikalischer Ausdruck. Country, Blues, Folk, Gospel. Harmoniegesang, Fiddle, Banjo. Fingerpicking und Gitarren-Duelle. Liebe und Respekt für alte und neue Songs. Dazu eigenes Songwriting auf höchstem Niveau. Da tut sich was in der deutschen Americana-Szene! Verbreiten wir es weiter, lassen wir nicht locker. Wir sind auf dem richtigen Weg!

Ruthie Foster und das 37. Lahnsteiner Bluesfestival

1. Oktober 2017

Nein, ich bin eigentlich kein Blueser. Von Hause aus bin ich wegen Bob Dylan Folk-Rocker, dann kam über die Jahre die Liebe zum Alternative Country, zur Old Time Hillbilly-Musik und zum Bluegrass dazu. Doch für all diese Musik hat der Blues eine immense Bedeutung. Als ich dann nach regelmäßigem Austausch über Bob Dylan und die Americana-Musik mit Tom Schroeder, einem „Elder Statesman“ der deutschen Folk- und Bluesmusikszene, von ihm zum 37. Lahnsteiner Bluesfestival eingeladen wurde, fuhren wir sehr gerne hin.

Dort bemerkte ich dann, dass Tom Schroeder im Programmheft meine Gedanken zum Thema „Americana und Protestsongs in den Zeiten von Trump“ aufgenommen hatte und mich sogar dort namentlich erwähnt hatte. Wow!

Albert Castiglia und Mike Zito

Guitar Champs
Erster Act des Abends waren dann die „Guitar Champs“, Mike Zito und Albert Castiglia, die beide Meister ihres Fachs sind, und auch mich begeisterten. Ich bin kein Bluesrock-Fan und kann stundenlangen Blues-Rock-Gewittern nicht viel abgewinnen. aber was die beiden eine knappe Stunde lang da veranstalteten, war allererste Sahne. Beide spielen lange virtuose Bluesgitarrensoli und doch könnte ihre Spielweise nicht unterschiedlicher sein. Wo Zito eher lickt und perlt, da zieht und zwingt Castiglia die Töne, und beide holen das letzte aus sich und ihren Instrumenten heraus. Und wo Zito eine gute Rockstimme hat, hat Castiglia eine Blues-Röhre. Und wenn die beiden dann noch miteinander spielen und jeder den anderen zu noch größeren Höchstleistungen anstachelt, dann gibt es kein Halten mehr. Allerhöchste Spielfertigkeit – ein Genuß!

Joja Wendt und Stefan Gwildis

Stefan Gwildis


Nun kommt der Teil des Abends, der eher dem leichteren Mainstream-Blues gewidmet ist. Joja Wendt, der laut Laudatorin Andrea Ballschuh ein wirklich sympathischer Mensch ist, bekommt den Blues-Louis 2017. Zusammen mit seinem Kumpel Stefan Gwildis bringt er dann ein paar Songs zum Klingen und insbesondere Gwildis‘ Hit „Spiel das Lied in Dir“ sorgt für Riesenstimmung im Publikum.

Ruthie Foster

Ruthie Foster
Ich gebe zu, ich hatte sie vor dem Abend nicht auf dem Schirm. Umso begeisterter war ich nach dem Auftritt der Texanerin, die in großartiger Weise Folk, Gospel, Soul und Blues mischt und damit bestes Americana erschafft. Bei ihrer Musik und ihren Texten ist der Süden präsent. Die kleinen Käffer aus denen man fliehen will, die Herzlichkeit der Leute, ebenso wie der Rassismus, Armut und privaten Katastrophen ebenso wie die Liebe und der Gottesglaube. Mit im Gepäck hat sie auch Songs musikalischer Vorbilder wie Sister Rosetta Tharpe oder Mavis Staples.

Mit der Unterstützung ihrer tollen Band – Scottie Miller an Tasteninstrumenten und Mandoline, Samantha Banks an Drums, Percussion und Spoons sowie Larry Fulcher, ganz zurückhaltender Bassist, der aber viel für den Zusammenhalt der Band tut – nimmt sie das Publikum mit auf eine Reise durch den Süden mit. Unglaublich, mit wieviel Energie und Stimme die nicht sehr große Frau in der Lage ist, ihren Songs Aus- und Nachdruck zu verleihen.
Die Frau hat noch dazu so ein natürliches, sympathisches Cahrisma, dass ihr die Herzen in der Lahnsteiner Stadthalle im Nu zufliegen. Ihr viel umjubelter Auftritt endet erst nach einer so im Zeitplan nicht vorgesehenen Zugabe. Und kaum ist sie von der Bühne, ist sie auch schon auf der anderen Seite der Halle am Verlaufsstand und signiert CDs und ist zu jedem Selfie bereit. Eine fantastische Künstlerin.

Danach ist dann die „Latvian Blues Band“ eher als Partyband zu werten. Doch im Anbetracht der Uhrzeit und dem Nachhauseweg entscheiden wir uns aufzubrechen und auf Party und After Show-Meeting zu verzichten. Doch warum nicht nächstes Mal? Denn nach diesem tollen Erlebnis werden wir ganz sicher nochmals nach Lahnstein kommen.

Rückblick auf die Gospel-Phase

21. September 2017

Die nächste Ausgabe der Bootleg Series von Bob Dylan führt zurück in die späten 1970er und frühen 1980er Jahre als die Musiklegende sich ganz dem Gospel-Rock verschrieb

Bei vielen Dylan-Fans sind die religiösen Gospeljahre des Ausnahmekünstlers bis heute umstritten. Sicher, die Musik war richtig gut und die Performance des Meisters leidenschaftlich und engagiert. Aber die Inhalte – die wollten so gar nicht zu dem sonst so freigeistigen Dylan passen. Konservative Moral- und Politikansichten gepaart mit düsteren, voller alttestamentarischem Zorn aufgeladenen Predigten auf der Bühne: Dylan wurde Ende der 1970er zum wiedergeborenen Christ. Das war dann doch einigen zu viel. Umso größer war dann die Freude, dass ein Bob Dylan sich eben doch nicht über längere Zeit vom Dogmatismus gefangen nehmen lässt. Denn Anfang der 1980er war die Liaison mit dem fundamentalistischen Christentum dann schon wieder vorbei.Ausgerechnet dieser Phase widmet nun Columbia den 13. Teil der Bootleg Series. „Trouble No More“ heißt das Werk, das sowohl als 8-CD-De Luxe-Version, als auch als 2-CD-Version auf den Markt kommt und Live-Aufnahmen von 1979 – 1981 enthält.

Und tatsächlich klingt die erste Aufnahme, die auf youtube aufgetaucht ist. großartig. Und schon sind sie wieder da- die Bilder, die Klänge. „Slow Train Coming“ und „When You Gonna Wake Up“ mit ihren düsteren Aussagen. „Gotta Serve Somebody“, dessen bayerische Version „Nix Minemmma“ von Ringsgwandl mir immer noch besser gefällt als das Original. Aber auch die geilen Riffs und Licks von Mark Knopfler, der musikalisch dafür sorgte, dass „Precious Angel“ bis heute mein liebster Song aus dieser schwierigen Phase ist. Textlich konnte ich mir dabei schon was Nettes denken, denn ebenso wie auch bei „I Believe In You“ waren diese Songs immer auch doppeldeutig. Preist er hier Gott oder eine Frau? Oder ist Gott für Ihn eine Frau?: Oder zumindest manchmal? Ich jedenfalls interpretierte sie mir immer als Liebeslieder an Frauen. Diese Songs jedenfalls halfen mir, dranzubleiben in meiner frühen Dylan-Phase.

Ebenso wie das Mannheimer Konzert1981, das mein erstes Dylan-Live-Erlebnis war. Da mischte er schon wieder neue und alte Songs. Mit dieser großartigen gestenreichen Version von „Ballad Of A Thin Man“, von der auch der Schnappschuss auf dem Cover stammt. Und „Heart Of Mine“, diesem wunderschön einfachen, rumpelndem Lovesong. Und „Mr. Tambourine Man“ war wieder voll da. Und dann hatte er sich nur kurze Zeit später tatsächlich wieder ins Weltliche begeben und seine nächste Platte sollte ja dann „Infidels“ heißen.

Erst viele Jahre später habe ich noch andere interessante, hörenswerte Dinge entdeckt. Wie wunderbar er den schwarzen Gospel für sich adaptiert hat: „Pressing On“, „When He Returns“ oder „In The Garden“. Denn es war der schwarze Gospel, nicht dfer weiße Country-Gospel, den er hier für sich entdeckt hatte. So sehr, dass er in großartiger Manier das als weißen Country-Gospel von Porter Wagoner bekannte „Satisfied Mind“ am Anfang von „Saved“ in genialer Art und Weise in einen schwarzen Gospel überführte. Ein ganz starkes Stück Musik ist das, wenn er mit „Satisfied Mind“ die Spannung ansteigen lässt, und mit „Saved“ dann die Auflösung, die Befreiung, die Erlösung von der Spannung kommt. Wie in einem afroamerikanischen Gottesdienst. Fantastisch!

Und auch wenn diese Phase Dylans glücklicherweise nur kurz währte und eben nicht meine Lieblingsphase ist, so bin ich doch gespannt auf die Konzerttaufnahmen, auf die Liner Notes und auf den Film „Trouble No More“. Die Bootleg Series haben damit wieder einmal eine Lücke im offiziellen Dylan-Katalog geschlossen. Und das ist immer wieder gut, egal wie nahe einem der Dylan jener Zeit gewesen ist. Etwas Lohnendes zu entdecken gibt es für Dylan-Freunde dabei immer.

„Bob Dylan Trouble No More – The Bootleg Series, Vol. 13 / 1979-1981“ erscheint am 3. November.