Archive for April 2021

Populär sein reicht nicht

10. April 2021

Ein neues Buch zeichnet den Weg von Joan Baez als politische Aktivistin nach

Beide feiern in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag. Der eine- Bob Dylan (24. Mai) – mit großem Medienecho und einer wieder einmal großen Welle von Buchneuveröffentlichungen, die andere – Joan Baez (9. Januar) – eher im Hintergrund, die medialen Wellen sind ungleich kleiner. Denn während Bob Dylan fortwährend Musikgeschichte schreibt – 2016 Literatur-Nobelpreis für einen Songpoeten, 2019 neues Album, 2020 bis zur Absage durch Corona weitere Konzerttouren geplant – hat sich Joan Baez bereits 2019 für immer von den großen Bühnen verbschiedet.

Copyright: ibidem-Verlag

Interpretin und Aktivistin, keine Songwriterin

Joan Baez ist eine wichtige musikhistorische Figur, da sie als musikalische Repräsentantin einer ganzen Generation für den politischen Veränderungswillen in den 1960er Jahren steht. Im engeren Sinne hat sie musikalisch wenig Bleibendes hinterlassen. Sie ist auch nie eine große Songwriterin gewesen. Gerade mal eine Handvoll von ihr selbst geschriebene Songs haben wirklich überdauert wie „Diamonds & Rust“ (über Bob Dylan), „Sweet Sir Galahad“ (über Richard Farina, den tödlich verunglückten Mann ihrer Schwester Mimi) oder „A Song For David“ (über ihren Ehemann David Harris, der als Anti-Kriegs-Aktivist in den USA im Gefängnis saß). Stattdessen war sie aber eine große Interpretin mit großer Stimme und großem Charisma. Und vor allem: Sie war und ist mit großer Glaubwürdigkeit, Integrität und Vehemenz ausgestattet, mit der sie für ihre politischen Ziele eintritt. Diese besondere, im Grunde fast einzigartige Mischung aus musikalischer Künstlerin und politischer Aktivistin trug sie durch die Jahrzehnte ihrer Karriere und schuf ihre historische Bedeutung.

Und nun endlich, im Jahr ihres 80. Geburtstages, ist die längst überfällige systematische Darstellung ihres Lebens als politischer Aktivistin in Buchform erschienen. Eines der wenigen neuen Bücher über sie in diesem Jahr. Dem österreichischen Auto Markus Jaeger gebührt der Verdienst dies angegangen zu sein. „Popular Is Not Enough. The Political Voice Of Joan Baez“ heißt das im Stuttgarter ibidem-Verlag auf Englisch erschienene Werk.

Eine politische Lebenslinie

Also endlich mal eine Darstellung, die sie nicht auf die „Queen Of Folk“ oder auf ihre komplizierte Verbindung mit Bob Dylan reduziert, sondern sachlich und kenntnisreich von ihren Wurzeln in Quäkertum und Pazifismus über die Einflüsse von Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Henry David Thoreau und Ira Sandperl bis hin zu ihren Aktivitäten insbesondere gegen Kriege und für die unter ihnen leidenden Menschen in aller Welt eine politische Lebenslinie zieht.

Dabei wird auch nicht verschwiegen, dass sie Teile ihrer Karriere in der Tat als Nostalgie-Nummer verbringen musste und sie in den Reagan-Jahren in den 1980ern in den USA zeitweise keine Plattenfirma unter Vertrag nahm. Umso stärker hat sie sich dann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für die unteilbare Freiheit engagiert. Sie war auf der Seite der Freiheitsbewegungen gegen den Poststalinismus in Polen und der Tschechoslowakei ebenso wie in Lateinamerika im Kampf gegen Militärdiktaturen und politischer Reaktion.

Weiterhin kritisch

Jaegers Buch schließt denn auch nicht bei der sattsam bekannten Geschichte aus den 1960ern, sondern zeigt uns auch die jüngsten politischen Aktivitäten. Gegen die Kriegspolitik von George W. Bush, die sogar zu Auftrittsverbot führte und ihre Opposition zu Donald Trump, die u.a. mit „Nasty Man“ zu einem der ersten frechen und bösen Protestsongs gegen den orangefarbenen Autokraten führte.

So ist ein unschätzbar wichtiges Werk entstanden, der frische Einblicke in ihr Leben und ihrer Karriere während 60 Jahren USA- und Weltgeschichte gewährt. Es soll ja Dylan-Fans geben, die mit dem Aktivismus von Baez auf Kriegsfuß stehen. Gerade jenen sei dieses Buch empfohlen. Dass Dylan und Baez zwei unterschiedliche künstlerische Konzepte haben, die beide ihre Berechtigung haben und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, habe ich hier an dieser Stelle vor wenigen Wochen bereits vermerkt. Hier also die spannende Geschichte einer dezidiert politisch-aktivistischen Musikerin. Respekt vor Joan Baez, Respekt aber auch vor dem Autor, diese Geschichte endlich aufgeschrieben zu haben.

Popular Is Not Enough: The Political Voice Of Joan Baez: A Case Study In The Biographical Method, Stuttgart 2021, 260 Seiten, 34,90 Euro.

Nobody sings the blues like … Blind Boy Grunt!

9. April 2021

Vor dreißig Jahren: The Bootleg Series Volumes 1-3 erscheint

Copyright: Columbia Records

Die Dylan’sche Zeitrechnung kann sehr wohl in die Zeit vor der Bootleg Series und nach dem Erscheinen der ersten drei Teile der mittlerweile legendären Serie unterteilt werden. Ende März 1991, wenige Wochen vor seinem 50. Geburtstag, erschien die drei CD-Box.

War Biograph 1985 noch eine Karriere-Retrospektive, bei der die bis dato unveröffentlichten Songs in der Minderzahl waren, so war die Bootleg Series tatsächlich ein Eldorado von offiziell Unveröffentlichtem. Endlich gab es das, was es bis dahin sehr oft nur auf obskuren Aufnahmen in minderer Qualität gab, in bestmöglicher Klangqualität und sorgsam editiert. Für die Liner-Notes zeichnete der großartige John Bauldie verantwortlich, der wenige Jahre später bei einem Hubschrauberabsturz tragisch starb.

Die Auswahl eines der führenden Dylanologen seiner Zeit war wohlüberlegt. Strategie von Dylan und/oder seines Managements und seiner Plattenfirma war es, zum einen der großen Nachfrage nach Dylan-Live-Aufnahmen nachzukommen und gleichzeitig etwas Kultiges zu kreieren. Denn keiner glaubte wirklich, dass dadurch die Schatten-Platten-Industrie, die durch das Dylan-Bootleg „Great White Wonder“ das Licht der Welt erblickt hatte, angreifbar gewesen wäre. Im Gegenteil. Dylan wurde auch durch die schweren Jahre durch die Loyalität seiner Fans getragen, die seine Konzerte besuchten und die Tapes sammelten. Im Gegenteil: Für die Komplettisten gab es nun begehrte Aufnahmen offiziell und die Hinzuziehung Bauldies war auch ein Zeichen dafür, dass das Dylan-Camp sehr wohl verstand, wer den Star durch die Jahre der Krise begleitete. So entstand eine noch engere Bindung der Fans zu ihrem Idol.

1991 als Wendepunkt?

Das Jahr 1991 kann rückwirkend wirklich so etwas wie ein Wendepunkt in Dylans Karriere angesehen werden. Auch wenn das künstlerisch erst nach der Veröffentlichung seiner beiden Folk-Alben „Good A I Been To You“ zutrifft. Aber der Beginn einer wichtigen Konstante seiner Karriere, den Bootleg Series, der erneute Beweis für seinen Freigeist mit seiner „Masters Of War“-Adaption bei der Grammy-Verleihung während der Operation „Desert Storm“ und seine dramatischen Live-Auftritt dieser Zeit entfachten bei vielen die Dylan-Leidenschaft neu.

So auch bei mir. Klar hatte ich mir auch die schlechten Dylan-Alben gekauft, aber nach den Desastern 1985 bei Live Aid und 1987 in der Frankfurter Festhalle war ich doch etwas ernüchtert. Wie gut, dass meine große Liebe so klug war, mich mit der CD-Box und Tickets für Offenbach zu versorgen. In der dortigen Stadthalle war sie es übrigens auch, die uns mit Hartnäckigkeit und Begeisterung den Platz in der ersten Reihe sicherte.

Doch zurück zur Bootleg Series. Sie war vor allem der eindrucksvolle Beweis welch tolle Musik Dylan abseits seiner Platten machte. Ob „John Birch“ oder „Only A Hobo“, die beide in seiner Frühzeit unter dem frechen Pseudonym „Blind Boy Grunt“ erschienen oder „Catfish“, „Foot Of Pride“ und „Blind Willie McTell“, die in späteren Jahren Outtakes waren, die jeder andere voller Stolz auf seinem Album präsentiert hätte. Was bekam man stattdessen: „Death Is Not The End“. Oh, Mann!

Copyright: Columbia Records

Großartige Fundstücke

Aber das war jetzt vorbei, denn was man da in Zukunft noch alles erleben würde. Wie zum Beispiel die beste Ausgabe der gesamten Serie bis heute: „Tell Tale Signs“. Ein wahrer Koloss von Album. So hat uns die Serie eigentlich nie enttäuscht – vielleicht mal zu überdimensioniert für meinen Geschmack („The Cutting Edge“) – doch im Gegenteil: Die Plätze 2 und 3 meiner „Bootleg Series-Hitparade“ sind für mich wahre Fundgruben. Die Basement Tapes Complete war großartig, aber vor allem „Another Self Portrait führte zu nicht mehr und nicht weniger als zu einer Neubewertung der Schaffensphase Dylans in den frühen 1970ern.

Ob die nun zu erwartende nächste Ausgabe rund um „Infidels“ auch zu einer Neubewertung führt? Ich glaube eher nicht. Trotzdem führt sie bestimmt zu interessanten Einsichten rund um eines der unterschätzteste Dylan-Alben. Und damit ist Sinn und Zweck der Bootleg Series auch in ihrer x-ten Inkarnation wieder mehr als erfüllt.

Bob Dylan als Messias

2. April 2021

Über einen gefährlichen Irrtum an den Schnittstellen von Kunst, Politik und Religion. Ein Zwischenruf zu Ostern.

Bob Dylan 1976, Copyright: Wikimedia Commons

Juden und Christen glauben an den Messias, der die Menschen von Unterdrückung und Verfolgung befreit und sie ins Reich der Freiheit führt.

Im Jargon des Politischen bezeichnet man damit eine Retter-, eine Leitfigur. Bedenkt man bei der Linken den Text der Internationale: „Es rettet uns keine höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun, uns von dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun“ dann wird deutlich, wie dämlich es ist, wenn Linke eine unantastbare Führerfigur, einen Messias ausrufen. Ob Che Guevara als „Jesus mit der Knarre oder Fidel Castro als „Maximo Leader“. Das passt einfach nicht zusammen. Das eigene Schicksal im wirklichen Leben in die Hände einer Führerfigur zu legen ist ein autoritärer Charakterzug. Vorgemacht haben es innerhalb der Linken Stalin und seine Kommunisten, als sie für ihren autoritären Sozialismus in einem Land eine starke strafende Vaterfigur konstruierten. „Väterchen Stalin“ war der Messias und dieser Stalin forcierte den Personenkult, um die Partei und das Land zu beherrschen.

Messias wider Willen

Wie schwierig es allerdings ist, wenn man zum Messias wider Willen ausgerufen wird, davon kann Bob Dylan ein lebenslanges Lied singen. Die linken amerikanischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich von der Generation ihrer Väter, die in Kriege und Konsumismus verstrickt waren, lossagten, brauchten gleichaltrige Anführergestalten. Mit Pete Seeger eine väterliche Leitfigur zu haben, reichte nicht. Dylan, der sich mit starken Songs ins öffentliche Bewusstsein gespielt hatte, schien der richtige dafür zu sein. Mehr noch, sie wollten in Dylan ein Idol haben, das jederzeit politisch eindeutig, künstlerisch potent und menschlich integer sein sollte. Dass das für gerade mal 22-jährigen Dylan 1963/64 eine ungeheure Bürde bedeutete, ist zu verstehen. Dylan schrieb zwar Songs von politischer Wirkung, die zu den Auseinandersetzungen der Zeit passten, aber er war von Grund auf ein Künstler. Im künstlerischen Bereich sollte er im Laufe seiner Karriere immer wieder beweisen, dass er ein Anführer sein kann. Aber politische Botschaften und Programme für eine politische Jugendbewegung zu formulieren und sie anzuführen, das war nie sein Ansinnen.

Wie eine bedingungslose Hingabe bei enttäuschten Erwartungen in ein barsches Mobbing entgleiten kann, hat dann Dylan ebenfalls seit 1964 erfahren. Erst die fast-schon Beschimpfung von Irwin Silber in der von ihm herausgegebenen Folk-Zeitschrift „Sing Out!“, dann die Buhrufe in Newport 1965 als er seine Musik elektrisch verstärkte und der Höhepunkt der – wunderbar im religiösen Sujet bleibende – „Judas“-Ruf in Manchester 1966.

Dass das wiederum auch schon ein biblisches Vorbild hatte und dem „Hosianna“ wohl stets das „Kreuziget ihn“ folgt, hat er in „Shelter From The Storm“ verarbeitet, in dem er seine Frau Sara als den Menschen beschreibt, der ihm Zuflucht vor den Anwürfen der Öffentlichkeit gegeben hat. Die Bildsprache zeigt, wie sehr ihn seine Messiasgeschichte beschäftigt und wie er damit auch ganz bewusst spielt: „She walked up to me so gracefully and took my crown of thorns“ singt er da.

Enttäuschte Liebhaber

Weil für die Folkies jede elektrische Verstärkung schon ein Schritt in den kommerziellen Verrat und jede dandy-hafte Attitüde des Künstlers etwas Klassenfeindliches war, sollte Dylan lebenslang Arbeiterhemd und Akustikgitarre tragen. Unglaublich was man sich da heraus nahm. Künstlerkollegen wie Phil Ochs und Johnny Cash äußerten ihr Verständnis für den Veränderungsdrang eines kreativen Künstlers, für andere wurde Dylan dadurch aber zur lebenslangen Hassfigur.

Dass dieses Phänomen in den Zeiten vor Internet und Social Media in anderen Ländern ein merkwürdig verzögertes Echo haben konnte, bewiesen die Ausfälle von Teilen des Publikums bei Dylans Deutschland-Konzerten 1978 in Dortmund und Berlin. Und in rigoroser Ignoranz gegenüber amerikanischen kulturellen Traditionen giftete ein Zeitungs-Chronist 1981 zu Dylans damaligen Deutschland-Konzerten: „Wir brauchen hier keine gospelsingende Mickymaus“.

Messias glaubt an den Messias

Ende der 1970er Jahre folgte Dylan dem Zug des christlichen Messias, Copyright: Columbia Records

Für eine weitere Volte in Dylans Messiasgeschichte sorgte er wiederum selbst, als er Ende der 1970er vom Judentum – für die ist der Messias noch nicht gekommen – zum Christentum -die feiern Jesus als Messias seit fast 2000 Jahren – übertrat. Und als richtiger übereifriger Konvertit auch schlimmes evangelikales Zeug auf den Bühnen predigte. Zwar fand Dylan aus dieser Kirche wieder heraus, machte jedoch keine Anstalten, öffentlich über diesen Schritt zu kommunizieren. Auch hier galt wieder: „Wer Ohren hat, der höre.“ Seine Musik war ab 1983 wieder weltlicher, sein Glauben persönlicher und nicht mehr mit missionarischem Eifer nach außen getragen.

Die Tatsache dass Dylan dieser Form des Glaubens nicht öffentlich abgeschworen hatte, führte dazu, dass bis heute evangelikale fundamentalistische Christen versuchen, Dylan für sich zu vereinnahmen. Auf die groteske Spitze trieb dies die Sekte der „Zwölf Stämme“, die jahrelang auch in Deutschland im Umfeld von Dylans Konzerten auftauchte. So wie 2013 am Rande seiner Deutschland-Konzerte, als sie mit einer obskuren Flugschrift präsent waren. Weil sie in späteren Jahren wegen Kindesmisshandlung in Deutschland strafrechtlich verfolgt wurden, setzte sich die deutsche 12-Stämme-Sektion 2015 nach Tschechien ab.

Kein Messias, für niemanden

„Don’t follow leaders, watch the parking meters“ sagt ja Dylan selber zur Problematik. Und wird damit allzu oft von selbst erklärten Nonkonformisten zur Leitfigur erkoren. Weil sich der Künstler Dylan nicht zum stetigen öffentlichen politischen Engagement verpflichtet fühlt, wird er dann gerne von all jenen zur Leitfigur konstruiert, die schlichtweg jedes gesellschaftliche und politische Engagement als sinnlos betrachten. Aber auch dazu taugt er nicht. Denn Dylan weiß bei aller Kritik an der politischen Sphäre nur zu genau -und Songtexte als auch Interviews oder seltene Aussagen auf der Bühne belegen das – dass nur Politik die herrschenden gesellschaftlichen Zustände verändern kann. Und Dylan hat sensible Antennen für gesellschaftliche Probleme wie Armut oder Rassismus.

Günter Amendt hat es bis heute am treffendsten formuliert als er Dylan als „menschlichste aller Stimmen und unstimmigsten aller Menschen“ bezeichnet hat. Das ist sein Faszinosum, und nicht über ihn als Messias zu phantasieren.

Bob Dylan „In The Garden“

Die DoubleDylans „Ersatzreligion“