Archive for the ‘Soul’ Category

„The Queen Of The City“

26. Juli 2019

Anita Honis-Bohländer (Standbild aus „The Queen Of The City“ von Lorelay)

Im Dezember 2018 verstarb die Sängerin und Gastwirtin Anita Honis-Bohländer. Nun hat ihr die Frankfurter Singer-Songwriterin Lorelay eine filmische Hommage gewidmet. „The Queen Of The City“ hat am 27. Oktober Premiere.

Sie war der Fixpunkt einer bunten Künstlerszene. In ihrem Lokal Balalaika in Sachsenhausen gaben sich viele Musiker aus der Mainmetropole ein Stelldichein und bis zuletzt war sie eine Art Mutterfigur dieser Szene. Abend für Abend war sie nicht nur die großherzige und verständnisvolle Gastgeberin, sondern liebte es, auch zur Gitarre zu greifen, um Blues- Soul- und Jazzsongs zu singen.

Ihr Tod im Dezember vergangenen Jahres machte viele traurig, weil dies für viele Menschen einen großen Verlust darstellte. Auch für die mittlerweile in Berlin lebende Frankfurter Singer-Songwriterin Lorelay. Die junge Frau hat nun ihren eigenen Weg gefunden, diese Trauer zu verarbeiten und diesen Verlust einzuordnen. Sie hat eine filmische Hommage an Anita Honis erstellt, die am 27. Oktober in Frankfurt Premiere hat.

„Ich hatte für mich selbst das Gefühl, dass Anita trotz einer wunderschönen Trauerfeier mit vielen Gästen nicht die Ehre zuteil geworden war, die sie verdient hatte. Ich hatte das Bedürfnis mit Menschen die sie ebenfalls kannten über sie zu sprechen, mehr zu erfahren.“ Das war der Ausgangspunkt für die junge Musikerin und dem Projekt „The Queen Of The City“. Ich wand mich an die in Berlin lebende Elisabeth Ok, die einige Jahre zuvor über Anitas Ehemann, Carlo Bohländer, einen Film gedreht hatte. Zu meiner großen Freude besaß Elisabeth Ok noch filmisches Archivmaterial von Anita und war so großzügig mir dieses zur Verfügung zu stellen.“

Mit diesem Grundstock begann sie, Bekannte und Freunde von Anita zu interviewen, unter anderem deren langjährige Freundin Sylvia Wunderlich. Man erfährt in dem Film einiges über den Menschen Anita Honis, der stets einen Rat oder ein freundliches Wort für ihre Schützlinge und Gäste hatte. In ihrer Balalaika- Bar, die für viele Künstler zum Treffpunkt wurde. Und man erfährt viel davon, wie sehr sie die Menschen verehrt haben und was für diese Menschen das Besondere an Anita Honis war.

„Und so wurde aus einem sehr persönlichen Lied, einem letzten Gruß an meine ganz persönliche Schlüsselfigur in die Welt der Musik und des Jazz, ein Film, „The Queen of the City“. Benannt nach meinem Lied für Anita“, beschreibt Lorelay die Entstehung des Films.
Lorelay selbst hatte in der Balalaika-Bar einen ihrer ersten Auftritte und ist ihr bis heute verbunden: „Die Balalaika ist an sich schon ein besonderer Ort, aber wir alle kamen dort wegen Anita hin. Sie war es, die uns ermutigte zu spielen, sie war es, die uns das Gefühl von Zugehörigkeit gab, davon willkommen und wertvoll zu sein. Wir kommen alle heute noch immer in ihre Bar, weil wir ihrem Geist nahe sein wollen. Und weil wir John, ihren Sohn sehen wollen. Es ist immer noch wie zu Hause, auch wenn sie sehr fehlt.“

Der Film von Lorelay, der am Sonntag, 27. Oktober, in der Frankfurter Art-Bar Premiere hat, wird diesen Verlust thematisieren, aber mehr noch: Er ist eine Hommage an eine Frau, die neben ihrer Persönlichkeit auch ihre musikalischen Wurzeln in Blues und Soul an den Main gebracht hat. Wer den Film sieht, wird erahnen, was Frankfurt mit ihr verloren hat.

Und hier der Trailer zu „The Queen of the City“:

Besser geht’s nicht mehr – nur anders!

11. Juli 2019

Promo: Jazz Open Stuttgart

Bob Dylans außergewöhnliches Konzert bei den Jazz Open in Stuttgart.

Ich habe – u.a. auch am letzten Sonntag in Mainz – unter den fast 40 Bob Dylan-Konzerten, die ich über die Jahre gesehen habe – viele gute bis sehr gute Konzerte gesehen. Das aber vom Sonntagabend im Stuttgarter Schlosspark ist wirklich eines der schönsten Dylan-Konzerte gewesen, das ich je gesehen habe. Es war ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert.

Nach einer schieren Ewigkeit mit „Things Have Changed“ als Opener stand mit „Ballad Of A Thin Man“ ein anderer Song am Anfang des Abends. Und das in einer eindringlichen, packenden Fassung, die – ohne dass man es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte – geradewegs in einen fantastischen Auftritt mündete, in dem Dylan seine Songs mit klarer Stimme und ausdrucksstark prononciert, sie geradezu auslebt. Seine Stimme ist an diesem Abend laut und kräftig, seine Stimme ist sanft und fein, aber sie kann auch quietschen und gedehnt sein – ganz wie er es will und für notwendig hält.

Sein Vortrag ist aufrüttelnd bei „Can’t Wait“ und bitterböse bei „Scarlett Town“, die er beide in der Mittte der Bühne singt. Stehend und – in Begleitung des Mikrofonständers – auch tänzelnd. Sein Vortrag ist anrührend und emotional bei „Simple Twist Of Fate“ und „Girl From The North Country“. Da kamen einem wirklich die Tränen, so sehr glaubhaft berührend sind die Erinnerungen des alten Mannes an Liebe und Verlust in jungen Jahren. „Girl From The North Country“ gelingt ihm mit dieser mild-resignativen, leicht zweifelnden und durchaus sentimentalen Haltung – „trügt mich die Erinnerung oder war es wirklich so damals“ – überirdisch schön. Der stärkste Dylan-Moment, den ich je in einem Konzert erlebt bzw. gefühlt habe.

Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.

War „When I Paint My Masterpiece“ in Mainz nur als schräge Walzernummer eher in der Abteilung „Kuriositäten“ beheimatet, gelingt sie ihm in Stuttgart als ironische Selbstentlarvung. Damals mit 30 Jahren hat er mit dem Song nach vorne geblickt und hat auf seine künstlerische Vollendung geschaut. Nun ist er amüsiert über damalige Situation und die irrige Annahme irgendwann sei man vollendet. Solche trivialen Annahmen gehören einfach mit einem gemütlichen Walzertakt unterlegt. Apropos amüsiert. Aufmerksame Konzert-Zuschauer wissen, dass Dylan mit dem Rücken zum Publikum mit seinen Musikern scherzt und lacht, aber sobald er sich uns zuwende,t seine stoische Buster Keaton-Maske aufsetzt. Doch in Stuttgart wurden Schranken eingerissen und dem Publikum öfters mal ein Lächeln geschenkt. Und bei der ebenfalls fantastischen Version von „Love Sick“ lacht er laut.

Und so ist dieses Konzert so dicht und überwältigend, dass es überhaupt keinen Abbruch tut, dass das Publikum diesmal auf „It Takes A Lot To Love, It Tages A Train To Cry“ als zweite Zugabe verzichten muss. Zwingend fand ich diesen Song an dieser Stelle nie. Und so verbeugt sich Bob Dylan auch das ist neu auf diesem Tourabschnitt) womöglich selbst ergriffen von seinem Auftritt, steht noch etwas gagelig da und verschwindet wieder in die Nacht.

Dieses Konzert war so schön, dass man darüber traurig werden kann. Denn irgendwann werden diese ewigen Konzerttouren enden. Aber wir wünschen uns – und die Zeichen, die wir gestern sahen lassen leise Hoffnung aufkommen – dass Bob Dylan uns noch eine Zeit lang zu seinen Konzerten einlädt. Auch wenn diese nach dem gestrigen Abend kaum noch besser werden können. Aber dass sie anders gut sein werden, das reicht doch als Anlass allemal, neuen Auftritten Bob Dylans entgegenzufiebern.

Chicago Bluesfestival

19. Juni 2019

Größtes „Umsonst und Draußen“-Bluesfestival der Welt – breite Angebotspalette von traditionellem Blues über Soul bis hin zu Americana

Das wunderbare an den Ausgangsbedingungen dieser Reise war, dass in unser einziges Zeitfenster für diese Reise sowohl die World of Bob Dylan Conference (30. 5. – 2. Juni) als auch das Chicago Bluesfestival (7.- 9. Juni) fielen. Nach dem Bericht über Tulsa, Oklahoma nun also die Eindrücke vom Bluesfestival in der „Windy City“.

Betty LaVette

Am Freitag besorgten wir uns erst einmal einen Eindruck vom Gelände. Drei Open-Air-Bühnen, eine Zeltbühne und das große Amphitheater mit dem phänomenalen Pritzker-Pavillon werden an drei Tagen bespielt. Das Programm bot heuer neben traditionellem Blues, Electric Blues und Bluerock, auch Folk, Soul und Americana. Und genau das – wir sind keine Hardcore-Bluesfans – machte das Festival für uns attraktiv. Neben „The American Songster Dom Flemons (hierzu später mehr an anderer Stelle), interessierte uns besonders Dave Alvin (den konnten wir letztlich dann doch nicht sehen), die Bluesrock-Schwestern „Larkin Poe“, die große alte Dame des Soul, Betty LaVette sowie Ruthie Foster, die wir beim Bluesfest in Lahnstein 2017 kennen- und schätzen gelernt hatten.

Das Publikum des Festivals ist nicht so bunt wie gedacht. Schwarze sind im Publikum seltener als gedacht vertreten. Die jungen Afroamerikaner hören Rap und HipHop, R&B und Soul. Blues scheint da eher etwas für Spezialisten und die ältere Generation zu sein. Gut siebzig Prozent sind der Besucher sind weiß, darunter auch einige Freak und Hippie-„Veteranen“, die aussahen, als wäre sie schon in Woodstock dabei gewesen. Wir deckten uns an diesem Freitag mit den offiziellen Festival-Shirts ein und besuchten das „Visit Mississippi“-Zelt, in dem nochmals viele Bluesdevotionalien und auch hübsche blaue „Mississippi Blues Trail-Rucksäcke“ zu bekommen waren.

Betty LaVette
Am Samstag spielte Dom Flemons nachmittags hintereinander auf zwei Bühnen, ehe wir nach einem Abendessen im Außengelände des Park Grill Restaurants, uns im Pritzker Pavillon Betty LaVette anschauten. Ich gebe zu, dass sie mir erst durch ihre großartige Platte mit Dylan-Coverversionen bekannt wurde. Von diesem Album – „Things Have Changed“ – spielte sie eine ganze Reihe von Songs, neben dem Titeltrack u.a. auch „Do right to me baby (Do unto others)“ und „Going, Going, Gone“. Die Show der mittlerweile 73-jährigen war ganz klar als Retrospektive angelegt und zwischen den fetzigen Soul-Rhytmen erzählte die Diva von den wichtigsten Stationen ihrer Karriere. Es war ein beeindruckendes Konzert und ein ganz starker und souveräner Auftritt, begeistert gefeiert vom Publikum, dessen Herz ihr schon vor dem ersten Ton gehörte.

Larkin Poe
Am Sonntagnachmittag dann standen „Larkin Poe“ auf dem Programm. Die beiden Schwestern Rebecca und Megan Lovell gründeten die Band 2010 und benannten sie nach einem Vorfahren von ihnen, der ein Cousin von Edgar Allan Poe war. Spielten die beiden von 2010 zusammen mit ihrer älteren Schwester Jessica noch Folk und Bluegrass, entdeckten sie fortan den Blues für sich und wurden als Southern Bluesrock-Kapelle öfters auch als „kleine Schwestern der Allman Brothers“ tituliert. An diesem Nachmittag spielten sie über eine Stunde lang Power-Bluesrock und begeisterten das Publikum. Natürlich spielten auch sie eine ganze Reihe von Stücken ihres aktuellen Albums „Venom & Faith“ wie Sometimes, Beach Blonde Bottle Blues oder Blue Ridge Mountains. Dabei sind die Rollen der Schwestern klar verteilt. Für Kommunikation und Show ist „Sonnenschein“ Rebecca zuständig. Die musikalischen Akzente auf Lap Steel und Dobro setzt die ältere, introvertiertere Megan. Am Ende war ein überzeugendes Plädoyer, dass auch anno 2019 der Blues-Rock immer noch lebt und in den beiden Mädels Atlanta, Georgia, eine Zukunft hat.

Copyrigt: Chicago Blues Festival

Ruthie Foster
Am Abend dann zum Abschluss trat dann Ruthie Foster auf. Sie bekam vor ihrem Konzert auch noch flugs einen Preis überreicht, ehe sie mit ihrer Band auf die Bühne trat. 2017 beim Lahnstein Bluesfestival gehörte noch Samantha Banks zu ihren Musikern. Die Drummerin starb am 25. April 2018 an den Folgen eines Schlaganfalls. Samantha war ein ganz wichtiger Teil der Seeler der Band und irgendwie hat sie eine wirkliche Lücke hinterlassen. Brannen Temple ist auch ein guter Drummer, doch Samantha war mehr. So gerät die Band etwas in Schieflage, weil Tastenspieler Scottie Miller etwas zu exaltiert rüberkommt, aber eben nicht dieses Soul-Blues-Charisma besitzt. Er wirkt eher wie der ehrgeizige Musterschüler, der mit überlangen Soli nervt. Und Ruthie? Die gibt die nachsichtige, souveräne Lehrerin und weiß, dass ihre Bühnenpräsenz die Gruppe zusammenhält. Sie spielt eigene Stücke, Songs von Lucinda Williams und Mavis Staples und spielt einen ordentlichen, sehr unterhaltsamen Set, der allerdings nie die Dichte, die Power und die Magie von Lahnstein erreicht.

Unterm Strich ist das Chicago Bluesfestival eine absolut lobenswerte Einrichtung, die gut daran tut, auch anderen verwandten Stilrichtungen Platz zu geben. Wir haben es sehr genossen.

Chicago 1: Das Chicago Bluesfestival

26. April 2019

Start und Zielpunkt unserer diesjährigen USA-Rundreise wird Chicago sein. Wie es der Zufall so will, wird unsere Tage in der „Windy City“

Copyrigt: Chicago Blues Festival

das 36. Chicago Bluesfestival (Riesenprogramm, freier Eintritt!)stattfinden. Eine schöne Fügung. Und noch schöner, dass bei diesem Bluesfestival neben klassischen Blues-Acts auch Musikerinnen und Musiker spielen, die eher zum Americana- oder Folk-Genre zählen. Oder dem Soul folgen. Letzteres ist sicher für Betty LaVette zu sagen, die mit „Things Have Changed“ 2018 eines der interessantesten Dylan-Cover-Alben ever herausgebracht hat.

Dom Flemons, dessen Weg ich schon seit seiner Zeit bei den Carolina Chocolate Drops verfolge, der sich ganz bewusst „Songster“ und nicht „Bluesman“ nennt, weil für ihn afroamerikanische Musik mehr als Blues und Jazz ist und mit dem Album „Black Cowboys“ eine wegweisendes Werk vorgelegt hat, ist ebenso mit dabei wie Dave Alvin, einer meiner langjährigen Americana-Heroen oder Ruthie Foster, die uns 2017 beim Lahnstein Bluesfestival begeistert hat.

Und am Vorabend des Bluesfestivals spielt dann auch noch Trapper Schoepp in Chicago, der jüngst auf alte Dylan-Lyrics eine Melodie geschrieben hat und nun mit Mr. Bob Dylan gemeinsam die Autorenschaft für „On Wisconsin“ inne hat. Großartig!

Chicago war und ist eine Musikstadt. Hier hat sich der Jazz fortentwickelt, hier wurde durch die Migration der schwarzen aus dem Süden der Country-Blues zum elektrischen Blues und zum Rythm & Blues. Aber Chicago hat noch einiges mehr zu bieten. Davon erzähle ich dann in Kürze.

Klaviervariationen

22. April 2019

Bob Dylan unterzieht in Augsburg seine Werke wieder einmal einer Revision und ist dabei dem Publikum äußerst zugewandt

Seit einigen Jahren spielt Bob Dylan im Konzert nur noch Tasteninstrumente und Mundharmonika, wenn er nicht völlig ohne Instrument „nackt“ vor den Mikrofonständer tritt. Man munkelt, dies habe gesundheitliche Gründe – wegen Rückenproblemen könne er die Gitarre nicht mehr über längere Zeit halten. Dylan hat aber aus der Not eine Tugend gemacht, sitzt Abend für Abend mal ein paar Jahre an der Orgel, dann am Flügel und hat sich in diesen Jahren tatsächlich immer mehr quasi dem klassischen Konzertieren zugewandt. In Baden-Baden im letzten Jahr fiel uns auf, wie stark und streng der Abend orchestriert war. Jeder hatte seinen Part, kaum Raum für Improvisation. Dylan höchst selbst dirigierte all die Jahre sein Orchester von der Seite aus. Zeigte dem Publikum sein Profil, wer Pech und die falschen Plätze hatte, sah ihn sogar nur von hinten.

Alte Songs mit neuen Lyrics
Doch während sich an der Setlist im Vergleich zum letzten Jahr so gut wie nicht geändert hat, ist das Setting diesmal ein ganz anderes. Dylan zeigt uns sein Gesicht. Er sitzt frontal dem Publikum gegenüber, auf der rechten Bühnenseite. Und sogar gut ausgeleuchtet. Das Konzert ist kaum lauter ausgesteuert als im Vorjahr, aber die Musik hat mehr Groove und Drive und vor allem: Eine Reihe von Songs sind völlig neu arrangiert und daher wieder einmal schwierig zu erkennen. Zudem hat er auch textlich in die Songs eingegriffen. „Simple Twist Of Fate“ – recht nah am Original arrangiert – hat teilweise neue Verse und „When I Paint My Masterpiece“ hat das „pretty little girl from greek verloren und „Gondola“ reimt sich auch nicht mehr auf „Coca Cola“, sondern auf „Oh, sometimes I think that my cup is running over“.

Mit „Things Have Changed“ beginnt das Konzert recht unscheinbar, die typische erste Nummer zum Einsingen und Regler nachjustieren. Die Fassung von „It Ain’t Me Babe“ist ganz hübsch, „Highway 61“ dann eher routiniert. Mit „Simple Twist Of Fate“ nimmt das Konzert dann erst richtig Fahrt auf. Wie gesagt, nah am Original arrangiert, aber noch ein bisschen langsamer und Dylan singt das Lied als alter Mann, der sich an ein lange zurückliegendes Abenteuer erinnert. Manchmal stockt die Erinnerung, stolpert nur voran und manchmal klingt es auch zweifelnd. War es wirklich so? Anyway, Schulter zucken, so könnte es gewesen sein! „Cry A While“ und „Honest With Me“ sind dann fast gar nicht mehr zu erkennen, aber verlieren nichts von ihrer Präsenz, es sind starke Rock-Bluesnummern voller musikalischer Americana-, Blues- und Vaudeville-Referenzen.

Dazwischen „When I Paint My Masterpiece“, das ihm an diesem Abend wirklich meisterlich gelingt. Einer der absoluten Höhepunkte des Abends ist aber Scarlet Town, dieser unheimliche Song über eine Kleinstadt in den Südstaaten, der nichts Abgründiges, Grausames und Tragisches fremd zu sein scheint. Als langsame Appalachen-Ballade mit Banjo vorgetragen, ermuntert der Song Dylan zum einzigen Ausflug in die Bühnenmitte, sein Mikrofonständer mutiert zu einer Art Spielzeug, das er fest in den Griff nimmt und hinter sich herzieht. „Make You Feel My Love“ kommt dann ordnungsgemäß sanft und schwelgerisch daher, während „Pay In Blood“ einmal mehr zur Dylan zur Konfrontation eines süßen, fast harmlos fröhlichen Arrangements mit der bitterbösen Message herausfordert. „Like A Rolling Stone“ wird vom Midtempo kurz vor dem berühmten „How Does It Feel?“ von Dylan so heruntergebremst, dass die Fragen und Wahrheiten, die er der Frau im Song an den Kopf wirft, nur noch bohrender werden und das Objekt seines Zorns noch verlorener aussieht. Ein großartiges Stilmittel. Dylan hat nicht mehr heiße Wut, sondern nur noch kalte, gehässige Verachtung. Klar, nach all den Jahren…

Faszinierender Solo-Klaviervortrag
„Don’t Think Twice“ ist der zweite absolute Höhepunkt des Abends. Dylan spielt Klavier, wie der Chronist es auf einem Konzert von ihm noch nie live erlebt hat. In der Regel bettet sich Dylans Klavierspiel in den Bandvortrag ein. Ab und zu hört man mal ein paar Klavierfiguren oder Kirmesorgeltöne. Böse Zungen behaupten sogar, das Klavier wäre doch sehr dezent in den Hintergrund gemischt. Derzeit jedoch spielt Dylan so offen und expressiv Klavier wie lange nicht mehr. Und „Don’t Think Twice“ wird fast zum Kammermusik-Erlebnis, wenn Dylan den Song ganz alleine am Klavier vorträgt, nur von Tony am begleitet, der sanft mit dem Bogen über die Saiten des Standbasses streicht. Wow! So etwas haben wir noch nicht erlebt, so was kennen wir nur von den Filmaufnahmen von Toronto 1980. Und auch bei diesem besteht Dylan auf der Konfrontation. Der hämische Anti-Lovesong, voller Slang und Blues-Poetry, gespielt in der Form europäischer Klassik. Dylan überschreitet auch mit fast 78 Jahren immer wieder aufs Neue Grenzen.

Am Ende dann „Early Roman Kings“, das ganz fantastisch in die Fuggerstadt passt, sowie „Thunder On The Mountain“ und „Gotta Serve Somebody“ in neuen Arrangements, während „Blowin‘ In The Wind“ in dem Arrangement gespielt wird, das im Grunde so schon seit mehr als 10 Jahren aufgeführt wird. Ein starkes, sehr bluesiges „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ beschließt dann als zweite Zugabe und Dylan und seine Gang verbeugen sich diesmal sogar, bevor sie wieder in die Nacht enteilen.

Ungebrochene Lust am Experimentieren
Das war wirklich ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert. Dylan hat eine ungebrochene Lust am Experimentieren, er spielt intensiv und stark Klavier und Mundharmonika, und wirkt gesundheitlich für sein Alter sehr fit und reagiert sichtlich auf das Publikum. Scheinbar hat die klare Ansage in Wien die Luft gereinigt, kein Handy ist zu sehen, dafür wird von ihm die Verbeugung wieder eingeführt. Mal schauen, was wir im Sommer (Mainz und Stuttgart) hören und wie wir dann Dylan erleben werden.

Setlist
Augsburg, Germany
Schwabenhalle
April 20, 2019

1.Things Have Changed
2.It Ain’t Me, Babe
3.Highway 61 Revisited
4.Simple Twist Of Fate
5.Cry A While
6.When I Paint My Masterpiece
7.Honest With Me
8.Tryin‘ To Get To Heaven
9.Scarlet Town (Bob center stage)
10.Make You Feel My Love
11.Pay In Blood
12.Like A Rolling Stone
13.Early Roman Kings
14.Don’t Think Twice, It’s All Right
15.Love Sick
16.Thunder On The Mountain
17.Soon After Midnight
18.Gotta Serve Somebody
(encore)
19.Blowin‘ In The Wind
20.It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

Menna Mulugeta begeistert bei „Americana im Pädagog“

2. März 2019

Ausverkauftes Haus bei „Von Billie bis Beyoncè. Black Women in American Music“

Starke Stimme: Menna Mulugeta

Sie hat es geschafft. Als erster Einzel-Act der Reihe „Americana im Pädagog“ war Menna Mulugetas Konzert im Darmstädter Pädagogtheater ausverkauft. Dies war vorher nur mit den großen Line-ups bei den Tribute-Konzerten gelungen. Ihr Programm „Von Billie bis Beyoncè. Black Women in American Music“ brachte die Leute auf die Beine. Und von Anfang an berührte sie, bewegte sie, begeisterte sie das Darmstädter Publikum. Durch ihre großartige, kraftvolle und zugleich facettenreiche Stimme, durch ihre enorme Bühnenpräsenz, durch ihre Ausstrahlung und nicht zuletzt durch ihre kenntnisreichen Erzählungen über Sängerinnen, Songs und Zeitumstände. Das war einer der ganz großen Glanzpunkte in der nun fünfjährigen Geschichte von „Americana im Pädagog“.

Es tut immer wieder gut, wenn Ideen funktionieren. So wie der große Dylan-Geburtstag 2016, die „Lovesongs for the other America“, das Woody Guthrie-Tribute und jetzt eben die Idee, Menna mit ihrem Programm zu den großen weibliche afroamerikanischen Stimmen ins Pädagog zu holen. Von Anfang an, als wir die ersten Überlegungen zu diesem Abend anstellten, wusste ich, das wird ein besonderer Abend. Sie begeisterte die Teilnehmenden der Ingelheimer Musik & Politik-Seminare und in mir wuchs der Wunsch, dieses Programm mit ihr in der Reihe „Americana im Pädagog“ auf die Bühne zu bringen. Und Menna und ihr musikalischer Partner Gernot Blume haben ein fantastisches Programm entwickelt. Bessie Smith, Billie Holiday, Sister Rosetta Tharpe, Etta James, Nina Simone, Aretha Franklin, Tina Turner, Whitney Houston, Rhiannon Giddens, Beyoncé Knowles – was für ein Reichtum an starken Stimmen. Und wie beeindruckend die erst 27-jährige Menna sie interpretiert und dabei zeigt, welch starke Stimme sie hat. Menna hat sich dazu tief in die Biographien der Sängerinnen und in die gesellschaftlichen Hintergründe eingearbeitet. Auch davon lebt dieses Programm, das hoffentlich nach dieser gelungenen Premiere noch öfters zu hören sein wird.

Bei „Americana im Pädagog“ geht es weiter am Donnerstag, 28. März mit der südhessischen Bluegrass-Formation „Grass Unlimited“, bevor dann das erste Halbjahr mit den beiden großen Pete Seeger Tribute-Konzerten beendet wird. Infos und Karten gibt es hier:
https://paedagogtheater.de/kalender/

„Einen ganzen Abend mit der Musik dieser Frauen zu gestalten, ist für mich eine besondere Freude“

22. Februar 2019

„Black Women in American Music“ am 28. Februar bei „Americana im Pädagog“ in Darmstadt/ Menna Mulugeta im Interview

Menna Mulugeta

Ohne die Beiträge der afroamerikanischen Frauen wäre die US-Populärmusik nicht denkbar. Ihre Perspektive im Spannungsfeld zwischen Rassismus, Frauenfeindlichkeit und dem Kampf um soziale Teilhabe hat großartige Musikerinnen und starke Songs hervorgebracht. Von Billie Holidays „Strange Fruits“ über Nina Simones „Mississippi Goddamn“ bis hin zu Aretha Franklins „Respect“. Heutzutage sind es Künstlerinnen wie Beyoncé, die mit ihrer Musik den Soundtrack für die Bewegung „Black Lives Matter“ liefern.

Mit ihrem Programm „Von Billie bis Beyoncé. Black Women in American Music“ wird Menna Mulugeta am kommenden Donnerstag (28. Februar, 20 Uhr) diese Musik im Rahmen der Konzertreihe „Americana im Pädagog“ auf die Bühne des Darmstädter „Theater im Pädagog“ bringen. Die Sängerin aus der Nähe von Bingen begeistert seit einigen Jahren mit ihren Konzert- und Fernsehauftritten. Mit ihrem musikalischen Partner Gernot Blume hat sie diesen besonderen Abend für die Reihe „Americana im Pädagog“ entwickelt. Americana-Kurator Thomas Waldherr hat sie zu diesem Programm und ihrem Werdegang befragt.

Was hat Dich an der Idee begeistert, einen Abend mit der Musik der großen afroamerikanischen Sängerinnen zu gestalten?
Für mich sind afroamerikanische Sängerinnen schon immer eine große Inspirationsquelle gewesen. Als Kind habe ich mir Videos von beispielsweise Whitney Houston angeschaut und war verzaubert, wie wunderbar sie singen konnte. Natürlich konnte ich mich auch wegen der Hautfarbe mit ihnen identifizieren. Nun einen ganzen Abend mit der Musik dieser Frauen zu gestalten, ist für mich eine besondere Freude.

Wie bist Du zur Musik gekommen?
Im Alter von 10 fand ich nach musikalischen Stationen bei der Blockflöte, dem Horn und dem Keyboard zu meinem Lieblingsinstrument, der Stimme. In der Grundschule spielte ich Theater und mit dem Wechsel aufs Gymnasium gab es dann eine Musical – AG. Da musste ich auf einmal singen:)

Was sind Deine wichtigsten musikalischen Einflüsse? Welches sind Deine Lieblingsmusikerinnen und -musiker?
Wichtige Einflüsse sind Gospel, Soul, Pop und R’n’B. Wichtige Künstler in meinem Aufwachsen: Beyoncé, Toni Braxton, Whitney Houston, Alicia Keys, Gregory Porter.

Hast Du als Tochter von äthiopischen Eltern in Deutschland Rassismus erfahren?
Bis jetzt kaum direkten, offenen Rassismus. Jedoch immer wieder begegnen mir unterschwellige, latente Vorurteile.

Du strahlst im Leben wie auf der Bühne stets Power und Optimismus aus? Woher kommt das?
Vielen Dank:)! Das ist glaube ich einfach mein Naturell. Es fällt mir leicht, positiv zu sein und mich über mein Leben und die Musik zu freuen. Trotzdem ist es auch immer wieder eine Entscheidung sich aufzurappeln.

Welche Ziele verfolgst Du mit der Musik? Wo willst Du in zehn Jahren sein?
Mhmm. Gar nicht zu einfach. Ich versuche immer im hier und jetzt zufrieden und glücklich zu sein. Mir gefällt, wohin sich meine Karriere seit dem Abitur entwickelt und wünsche mir für die Zukunft größere Hallen, die ich bespielen darf und interessante Kollaborationen mit Musikern aus aller Welt:)

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf im Darmstadt-Shop im Luisencenter sowie online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Ry Cooder live in Oostende

28. Oktober 2018

Der Meister der Slide-Gitarre liefert ein starkes Konzert ab/ Viele Blues und Gospeltöne

Er ist eigentlich ein Musician’s Musician und als Solokünstler nicht in der ersten Reihe. Mit ihm werden Projekte wie „Buena Vista Social Club“ verbunden oder die Filmmusik zum Wim Wenders-Film „Paris, Texas“. Als Slide-Gitarrist ist er auch ein gefragter Sideman für die Stars der allersten Reihe. Und dennoch hat er auch als Solo-Künstler ein so beachtenswertes Oeuvre geschaffen, dass seine Tourneen auf große Resonanz stoßen.

So auch am Freitag, 12. Oktober, im Nordseebad Oostend in Belgien. Der Kursaal war ausverkauft und wir waren gegen 19.58 Uhr auf den Plätzen, nachdem Zugausfälle, Streckensperrungen und Umleitungen unsere Anreise erschwert hatten. Das was wir dann zu hören und sehen bekamen, war mehr als eine Entschädigung. Es war ein ganz starkes Konzerterlebnis. Was man jedoch vom Vorprogramm mit Ry Cooders Sohn Joachim nicht sagen konnte. Sphärische Weltmusikklänge, die einen nie wirklich gepackt haben. Haken wir das mal als väterliche Unterstützung ab.

Ry Cooder jedoch ist in großer Form an Slide- und E-Gitarre und hat eine Klasse Band und das fantastische Gospel-Soul-Sangestrio The Hamiltones dabei. Cooder spielt knüpft an sein letztes Album „The Prodigal Son“ an und spielt hauptsächlich alte Traditionals und mit „The Very Thing That Makes You Rich (Makes Me Poor)“ nur einen eigenen Song. Die Musik ist blues- und gospelgetränkt. Er steigt ein mit zwei Coverversionen von Songs des texanischen Blues- und Spiritualmusikers Blind Willie Johnson ein: „Nobody’s Fault But Mine“ und „Everybody Ought to Treat a Stranger Right“. Damit ist Abend programmatisch umrissen. Später folgt noch mit „Jesus In The Mainline“ von Mississippi Fred McDowell ein Klassiker eines Delta-Blues-Veterans. Cooder geht ganz auf in dieser alten Musik aus den 1940er Jahren. Und spielt auch Stücke von weißen Musikern. Das Stock der Stanley Brothers – Harbor Of Love“ wird von ihm zu einem schwarzen Gospel umarrangiert. Und er spielt einen Titel von Woody Guthrie, „Vigilante Man“ und natürlich „The Prodigal Son“, den Titeltrack seiner gleichnamigen neuen Albums. Ihm geht es um die Musik der armen und beladenen Amerikaner, der Schwarzen wie der Weißen. Und die Aussage dahinter, um die es ihm geht, ist die Erinnerung an das andere Amerika. Denn ohne dass Cooder explizit politische Reden führt, ist das Konzert eine einzige Liebeserklärung an das andere Amerika.

Cooder ist gut aufgelegt, sein Gitarrenspiel launig und inspiriert, dabei wie immer technisch perfekt. Wenn man sich die Setlist und seine neue Platte anhört, könnte man meinen, der Mann müsse Trübsal blasen. Doch im Konzert zeigt sich ein ganz entspannter, selbstironischer und humorvoller Ry Cooder. Er ist sogar zu Scherzen aufgelegt. So bewirbt er den Merchandising-Verkauf im Foyer und hebt hervor, dass Dylan ein großer Anhänger und Experte des „Merch“-Verkaufs sei. Die Baby Doll T-Shirts seien immer als erstes ausverkauft, habe ihm die Singer-Songwriter-Legende mit auf den Weg gegeben, erzählt Cooder schmunzelnd.

Das Konzert nimmt zum Schluss immer mehr Fahrt auf, wofür auch die „Hamiltones“ sorgen, die mit viel Gospel-Soul-Power die Betriebstemperatur im Kursaal mächtig steigen lassen. Nach Cooders klasse Version von Elvis‘ „Little Sister“ gehören die Lead-Vocals im letzten Song dann den „Hamiltones“. „I Can’t Win“ ist ein triumphaler Abschluss eines ganz starken Konzertes. Ein Abend, der im Gedächtnis bleiben wird.

Bob Dylan und „Black Music“

11. Mai 2018

Dass Bob Dylan seine Wurzeln auch im Blues hat, ist hinlänglich bekannt. Seine Beziehung zu Gospel, Soul und Rap lohnt aber einer genaueren Betrachtung

Die Generation aus der Bob Dylan stammt hat den Blues der Schwarzen aufgesogen, war doch die Musik der unterdrückten Afroamerikaner für diese rebellische Jugend ein perfektes Ausdrucksmittel gegen die Kultur ihrer Eltern, die musikalisch in den Zentren Classic Urban Pop und im ländlichen Raum Country Music hörte. Das war bei Dylan auch nicht anders, jedoch hat der schon früh in seinem Werk auch die Verbindungslinien vom Blues zum Country offengelegt. So ist „Only A Hobo“ beispielsweise von Jimmie Rodgers beeinflusst, der Blues und Hillbilly-Elemente zusammenführte und somit zum „Vater“ der klassischen Countrymusik wurde.

An der Seite der Bürgerrechtsbewegung
Dylan hat seine ganze Karriere über Blues gespielt und ist somit – ohne dieses Label direkt zu tragen – im Grunde einer der wichtigsten und einflussreichsten weißen Bluesmusiker überhaupt. Zudem ist er schon in jungen Jahren ein Bewunderers der Gospel Music der Staple Singers gewesen, mit Mavis Staples war er eine Zeit lang liiert, seinen Heiratsantrag in jungen Jahren lehnte sie ab. Dylan gehörte der jungen weißen Generation an, die ganz selbstverständlich mit den Schwarzen als ihnen gleichberechtigte Menschen umging und sich für deren Rechte einsetzte. Er spielt in seiner Frühzeit in New York im Vorprogramm von John Lee Hooker. Er reiste im Juli 1963 mit Pete Seeger und Theodore Bikel in den Süden, um die Bürgerrechtsbewegung zu unterstützen und er spielte mit Joan Baez bei „March to Washington“ im August 1963, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt.

Die schwarze Community wurde natürlich auf den jungen weißen Freiheitssänger aufmerksam. Insbesondere natürlich die schwarzen Musiker. Sie ließen sich von ihm inspirieren wie Sam Cooke, dessen „A Change Is Gonna Come“ eine direkte Antwort auf „Blowin In The Wind“ darstellt. Oder sie sangen seine Lieder. So wie die schon erwähnten Staple Singers. Oder Odetta oder Nina Simone oder Jimi Hendrix. Sie alle spielten bereits in den 1960ern Dylans Songs. Und 1969 nahm ein von Lou Adler zusammengestellter Gospel-Chor Dylan-Songs unter dem Titel „Dylan’s Gospel“ auf. Mit dabei Clydie King, die in den frühen 1980ern dann Dylans Backgroundsängerin und Freundin werden sollte. Doch dazu später mehr. Die Linie der schwarzen Musiker, die Dylan geschätzt und gecovert haben führt über die O’Jays, Solomon Burke und Bobby Womack bis hin zu Bettye LaVette, die soeben unter dem Titel „Things Have Changed“ ein Soul-Album mit Dylan-Songs veröffentlicht hat. Eine schöne Sammlung zu diesem Thema ist unter dem Titel „How Many Roads. Black America Sings Bob Dylan“ erschienen.

Und Dylan blieb der schwarzen Community und deren Problemen wie Kriminalisierung und Rassimus auch in den 1970ern treu. Nicht von ungefähr stellen seine beiden einzigen wirklichen Protestsongs dieser Dekade schwarze Protagonisten in den Mittelpunkt. 1971 den erschossenen Black Panther-Führer George Jackson und 1975 den zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxer Rubin „Hurricane Carter“. Zum großen Benefizkonzert kam dann auch Muhammad Ali in den Madison Square Garden. Übrigens war Black Panther-Mitbegründer Huewy Newton ein großer Dylan-Fan. Wobei er sich weniger von den Bürgerrechtssongs, also von Dylans Rockmusik begeistert zeigte. Letztlich hat sich Dylan aber wohl – es soll bei einem Treffen zu einem Disput zwischen den Panther-Funktionären und dem Sänger gekommen sein – wegen der Gegnerschaft der Panther zu Israel sich dann nie wirklich für sie verwendet.

Dylan entdeckt den Gospel für sich
Eine tiefere, systematische Beschäftigung mit der schwarzen Musik jenseits vom Blues jedoch begann für Dylan dann mit seiner Welt-Tournee 1978 und den darauf folgenden „Born Again“-Jahren. „Street Legal“ war schon gekennzeichnet durch Soul- Rhythm & Blues sowie Gospel-Elementen, und es wurde erstmals bei Dylan ein Background-Chor schwarzer Sängerinnen eingeführt. Verstärkt wurde das dann durch seinen Übertritt zum Christentum. Denn Bob spielte fortan schwarzen Gospel, keinen weißen Country-Gospel. Und es war die schwarze Schauspielerin Mary Alice Artes, die ihn bei seiner Konvertierung zum Christentum unterstützte.

Dylan verband übrigens mit einigen seiner schwarzen Backgroundsängerinnen mehr als nur die Musik. so war er eine Zeit lang mit besagter Clydie King liiert – es gibt ein wunderschönes Video der beiden, wie sie Abraham, Martin & John singen und die tiefe Zuneigung überhaupt nicht zu übersehen ist. Und mit Carolyn Dennis war er dann Mitte der 1980er verheiratet und hat mit ihr auch ein Kind.
Bis in die frühen 1990er Jahre spürt man in seiner Musik den Einfluss von Rhythm & Blues, Soul und Gospel. Insbesondere sein 1985er Album „Empire Burlesque“ atmet – unabhängig von den bekannten Qualitätsproblemen bei Songs und Produktion – viel Soul und Funk. 1986 nimmt er zur Verblüffung vieler bis heute einen Song zusammen mit dem Rapper Kurtis Blow auf. Was von vielen als künstlerische Desorientierung Dylans in den 1980ern angesehen wird, ist meiner Meinung nach ein Zeugnis für die Hochachtung Dylans vor der schwarzen Musik in all ihren Ausprägungen. 1986 und 1987 tritt er zusammen mit den Queens Of Rhythm als Background-Sängerinnen auf, Gospel-Einflüsse halten sich weiterhin in seiner Musik.

Blues und Jazz
Mit seinen Alben „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ erinnert er sich dann wieder an seine Blueswurzeln. Aber diesmal auch an die schwarze Musik, die es fernab dem typischen Delta-Blues gab. Er spielt „Frankie & Albert“, einem Stoff, der u.a. auch von den Songsters – nicht Bluesern! – Leadbelly und Mississippi John Hurt bekannt ist. Und „World Gone Wrong“ ist auch eine Reminiszenz an die Mississippi Sheiks, einer Gruppe von Unterhaltungsmusikern aus dem Süden, deren Repertoire weit über den klassischen Blues hinausging.

Bis heute sind all diese Einflüsse – Blues, Soul, Funk, Rythm & Blues – in seiner Musik vorhanden. Sogar Ausflüge in den Jazz gibt es zu notieren. Wie zum Beweis ist gerade „United We Swing: Best of The Jazz at Lincoln Center Galas“ erschienen, auf dem Dylan mit dem Winston Marsalis Septet „It Take A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry singt und dabei Mundharmonika spielt. Die ebenfalls auf einer dieser Galas Anfang der 2000er Jahre verjazzte Version von Don’t Think Twice“ hat es leider nicht auf die Platte geschafft.

Und wenn man sich heute seine Konzerte anhört, dann hat „Blowin‘ In The Wind“ mittlerweile einen starken Gospel-Soul-Touch. Bob Dylan ist bis heute ein kultureller Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß geblieben. Auch das ist eine Qualität für sich im heutigen Amerika.

The O’Jays sing Bob Dylan:

Bob Dylan sings Solomon Burke:

Der Orchester-Chef

27. April 2018

Bob Dylans Konzert in Baden-Baden ist ein musikalischer Genuss

Ja, das Festspielhaus in Baden-Baden war ein absolut würdiger Rahmen für das, was Bob Dylan da am vergangenen Montagabend veranstaltete. Zwar waren aufgrund der Location, der Preise, dem Image des Ereignisses als Event und der Stadt Baden-Baden selber einige gekommen, die ihr Großverdienertum offensiv zur Schau stellten, aber das minderte nicht das Vergnügen über die musikalische Performance Dylans, die am Ende durchaus in die Kategorie „Triumph“ eingestuft werden kann.

Wenn man sich ein paar Jahre zurück erinnert, so waren Dylans Konzerte von einer ständig wechselnden Setlist, Proben auf offener Bühne sowie dem Nichtgesang der Hauptfigur geprägt. Dennoch entstand vor den Augen und Ohren des Publikums immer wieder große Kunst. Seit einigen Jahren nun schon spielt Dylan Abend für Abend das Gleiche. Dass sich die Konzerte dennoch von Tour zu Tour deutlich unterscheiden, liegt an der ungebrochenen Lust des Künstlers, unablässig an den Songs zu arbeiten. Immer wieder neue Arrangements und längst ist das, was man da geboten bekommt, nicht mehr mit dem Begriff „Rock-Konzert“ zu beschreiben. Die Aneignung der Klassiker des Great American Songbook hat das Talent als Arrangeur, das Dylan ohnehin immer besaß – man denke an die 78er-Tour „Big Band-Tour“ – nochmals auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. Mittlerweile rangiert der musikalische Rahmen, den Dylan seinen Konzerten setzt, irgendwo zwischen Jazz- und Klassik-Konzert. Tatsächlich: Was man hört sind Rock, Folk, Country, Blues, Gospel und Soul, also populäre Musik – aber der formale Rahmen stammt aus der Welt der Kunstmusik. Dylan orchestriert seine Musik. Da sind die Soli, die Gesangsparts und das Zusammenspiel klar verteilt und geplant, so dass die Musik immer perfekter wird. Das vermindert den improvisatorischen Anteil, aber das tut dem während des Konzerts immer größer werdenden Vergnügen keinen Abbruch.

Denn die Neu-Arrangements sind stimmig. Außer bei „Tangled Up in Blue“, dessen Arrangement ich immer noch nicht nachvollziehen kann. Aber „Pay In Blood“, das ein dem blutrünstigen Titel angemessenes musikalisches Kleid – voller „Suspense“ wie Hitchcock gesagt hätte – verpasst bekam, Thunder On The Mountain – der großartige Höhepunkt des Konzerts – oder „Tryin To Get To Heaven“ gewinnen deutlich. Dylan gibt den Orchester-Chef am Klavier, der Lust am Pianospiel hat und oftmals damit auch die Melodielinien vorgibt. So verbringt er denn auch die meiste Zeit am Klavier stehend oder sitzend und traut sich nur viermal in die Bühnenmitte ohne Instrument an den Mikrofonständer. Und die Mundharmonika – das typische Hillbilly-Instrument – kommt in seinem jetzigen musikalischen Konzept auch gar nicht vor.

Stattdessen singt er wie bereits auch im letzten Jahr so gut und verständlich wie lange nicht mehr. Um so wichtiger, denn sonst wäre es ja noch schwieriger so manchen Titel zu erkennen. Was nicht für die Klassiker „Don’t Think Twice“ oder Ballad Of A Thin Man“ gilt, die man deutlich an der doch für Dylan’sche Verhältnisse recht großen Nähe zum Original erkennt. Dabei sind die Lieder keineswegs zugunsten irgendeiner Altersmilde textlich gezähmt. Da revidiert sich Dylan nicht. Die Grundaussagen bleiben, wenn auch Dylan wie bei „Simple Twist Of Fate“ – am Montag ebenfalls in einer wunderschönen Fassung zu hören – oder bei „Tangled Up In Blue“ durchaus immer wieder mal neue Lyrics einstreut. Für Dylan sind seine Songs immerwährende Aufgaben. Der Mann lebt seine Songs.

So wie seine Konzerte, die er auch mit nun fast 77 Jahren immer noch voller Disziplin – er beginnt auf die Minute pünktlich und endet fast genau nach 100 Minuten – und voller Leidenschaft und Spielfreude absolviert. Und so endet dann dieser große orchestrale Abend als Triumph mit Standing Ovations und der Freude, dass Dylan auch im hohen Lebensalter immer noch zu überraschen weiß. Und dass er überhaupt nicht den Anschein erweckt als sei für ihn – wie es derzeit Altersgenossen und Weggefährten wie Joan Baez oder Paul Simon – die Sache mit den Tourneen nun vorbei. Im Gegenteil: das erste Konzert für den Sommer ist bereits angekündigt. Die Kreise, die er zieht, werden auch nicht kleiner – es geht wieder einmal nach Japan!