Archive for the ‘Singer-Songwriter’ Category

They Are Younger Than That Now!

15. Juli 2019

Neil Young und Bob Dylans gemeinsamer Auftritt in Kilkenny

Promo: Veranstalter

Nein, das wird nicht passieren! Träumer, die da denken Bob Dylan und Neil Young würden sich zum Tour-Abschluss die Bühne für einen gemeinsamen Song teilen. Niemals wird das geschehen! So oder ähnlich dachte ich wie so manch anderer vermeintlicher Realist auch. Zu oft hatte Dylan solche Chancen trotz gemeinsamer Touren mit Willie Nelson, John Mellencamp oder Merle Haggard ausgelassen.

Dadurch hatte man fast vergessen, dass Dylan 2013 bei der Americanarama-Tour tatsächlich gemeinsam mit Wilcos Jeff Tweedy, My Morning Jackets Jim James, und Ryan Bingham zusammen den „Band“-Klassiker „The Weight“ gespielt hatte. Aber das war die große Ausnahme von der Regel.

Aber irgendwie passte dieser gemeinsame Auftritt am Sonntagabend im irischen Kilkenny zu dieser staunenswerten Dylan-Tour im Sommer 2019. Hatte Dylan im Frühjahr schon begeistert durch frische, neue Arrangements seiner Songs – „Don’t Think Twice“ am Klavier nur von Tony zart mit Bass und Bogen begleitet war der Höhepunkt im April in Augsburg – kam bei dieser Tour nun eine für Dylan überbordende Spiel- und Ausdrucksfreude dazu. Selten hat man ihn so entspannt im hier und jetzt gesehen, schon lange nicht mehr so voller Energie und der Lust und dem Spaß an der Performance. Die Konzerte 2017 und 2018 waren sehr gut, die Frühjahrstour auch, doch jetzt steigerte sich Dylan gegen Ende seiner diesjährigen Europatour zu einer beachtlichen Form empor.

Diesmal war „Girl From The North Country“ der Höhepunkt. Ganz zart, ganz langsam, ganz eindringlich hat der 78-jährige sein frühes Lied über eine Jugendfreundin gesungen. Mit so viel Melancholie, dass einem die Tränen kommen. Fast ebenso melancholisch kommt auch „Simple Twist If Fate“ in diesen Tagen daher. Erinnerungen des alten Mannes an vergangene Liebschaften voller Sehnsucht, voller Hingabe und voller Einsicht, dass das lange zurückliegt aber immer zu diesem Leben dazugehören wird.

Dylan scheint sich der eigenen Bedeutung in diesen Tagen sehr bewusst zu sein und reagiert mit Stolz und der Selbstverpflichtung, etwas Gutes abzuliefern darauf. Kein Auto-Pilot, nicht eine Zeile wird da weg genuschelt. Während Bob mit immer neuen Verfremdungen seiner Songs durch Deutschland reiste, war Neil Young indes als ton- und wortgetreuer Apologet seiner selbst unterwegs. Herausgefordert von der jungen Truppe um Willie Nelsons Sohn Lukas, treibt er die Jungen an, spielt seine Songs wie man sie halt kennt, nur eben live. Mit noch längeren und noch brachialeren Soli die Rocknummern, weich und geschmeidig die zarten Folknummern. Das macht richtig Spaß, ist sicher leichter zugänglich wie die Dylan-Methode, sollte aber nicht – wie in der britischen Presse geschehen- gegen Dylans Art der Performance ausgespielt werden.

Denn beide sind in ihrer Art einzig und besonders. Dass sie sich nun zusammen die Bühne zum Abschluss ihrer beider Touren in Kilkenny teilten, ist auch etwas Besonderes. Wie gesagt, beide sind sich ihrer Stellung bewusst. Und so singen sie aus vollem Herzen das alte Traditional „Will The Circle Be Unbroken“, das schon von so großen und wichtigen Interpreten wie der Carter Family oder den Staple Singers angestimmt wurde.

Dylan und Young hatten in jungen Jahren die Nachfolge der alten Folkmusiker mit ihren eigenen musikalischen Mitteln angetreten, nun im Herbst ihres Lebens nehmen sie die jenseitige Hoffnung des alten, überlieferten Liedes auf. Ein Lied, das auch immer dazu dient, einem die Last vom Leben zu nehmen, weil es verheißt, dass da noch etwas Besseres kommt.

Doch wer Dylan und Young im Sommer 2019 im Konzert erlebt hat, der hat alles andere als Künstler gesehen, die eine Last zu tragen haben. Im Gegenteil: Da konnte man zwei spielfreudige alte Haudegen sehen, die wir weiterhin gerne regelmäßig hierzulande zu Besuch hätten. They Are Younger than that now!

So eine richtige Bob Dylan-Geschichte

16. Juni 2019

Scorseses Film ist eine kongeniale Rückschau auf ein großes Folk-Rock-Ereignis. Und macht riesig Spaß.

Wer erwartet hätte, Martin Scorsese würde sich mit einer braven Dokumentation der Rolling Thunder Revue begnügen, der hat beide nicht verstanden. Weder das ursprüngliche anarchische Folk-Rock-Event aus dem Jahre 1975, noch den preisgekrönten Filmemacher. Eine lineare Dokumentation dieses chaotischen Verwirrspiels mit unzähligen Akteuren wäre schlichtweg dem Stoff nicht angemessen und auch nicht nötig. Durch die Bücher von Ratso Sloman und Sam Shepard sowie unzähliger Sekundärliteratur ist diese Tour eigentlich ganz gut dokumentiert. Konzertaufnahmen sind hör- und sehbar zugänglich. Allein Dylans kompliziertes Filmwerk rund um die Tour, „Renaldo & Clara“, ist der Öffentlichkeit derzeit vorenthalten.

Was Scorsese stattdessen leistet, ist eine historisch-popkulturelle Einordnung dieser Tour. Und das macht er ganz fantastisch durch Verfremdung, Erfindung, Verdrehung und Verwirrung. Bereits im Titel und in der Ankündigung des Films hätten die ewigen Sucher nach Authentizität, die bekanntermaßen ja keine künstlerische Kategorie ist, merken müssen, was da kommt. „Rolling Thunder Revue. A Bob Dylan Story“ heißt der Film, der im Vorfeld als „teils Dokumentation, teils Konzertfilm, teils Fiebertraum“ bezeichnet wurde. Eine Bob Dylan-Geschichte muss mit Rollen, Identitäten und Zeiten spielen, sonst wäre sie keine.

Spiel mit Klischees
Scorsese tut dies auf drei Ebenen. Er spielt mit den Klischees des Popbusiness. Der im Film auftretende Jim Gianopulos hat diese Tour niemals promotet. Diese Tour war Dylans Ding und er wollte es eben genau nicht wie seine gigantische Comeback-Tour haben. Es war ja seine Art der „Magical Mistery Tour“. Warum sollte er sich da einen holen, der genau so tickt: Große Hallen, gute Gagen, viel Profit? Stattdessen organisierte Dylans alter Minnesota-Buddy Lou Kemp, die Tour. Und Sharon Stone war natürlich nicht als junges Groupie mit dabei. Ebenso wenig hatte die weiße Schminke Dylans irgendetwas mit „Kiss“ zu tun, sondern bekanntermaßen ließ sich Dylan bei der Ästhetik vom französischen Filmklassiker „Kinder des Olymp“ beeinflussen. Auch die Figur Stefan van Dorp ist reine Fiktion. Der deutsche Pop- und Psychedelic-Regisseur mit dem Heinrich Greif-Preis – den gab es wirklich und wurde für „hervorragende Leistungen der sozialistisch-realistischen Film- und Fernsehkunst der DDR“ verliehen – ist eine der köstlichsten Erfindungen des Films. Die Idee aber, die Tour zu verfilmen, stammte von Dylan selbst. Er beauftragte für die Filmarbeiten Howard Alk und fürs Drehbuch Sam Shepard. Und der erfundene Politiker Tanner – ausgeliehen von Scorsese aus dem Personenfundus des große Kollegen Robert Altman – ist eine großartige Projektionsfläche, um die Entwicklungen in der amerikanischen Politikerklasse in den 1970ern zu beschreiben. Man ist gefangen in den herkömmlichen Politik-, Denk- und Verhaltensmustern, möchte aber freigeistig und hip sein, und den Anschluss an die neuen Zeiten halten, da man es als opportun empfindet. Ein spätes Echo auf Bill Clinton, zu dessen Inauguration Dylan 1993 spielte?

Blick auf die USA in den 1970er Jahren
Scorsese verknüpft das kulturelle Ereignis mit Politik und die Gesellschaft. Er legt einen zeitgeschichtlichen Rahmen. Amerika leidet kurz nach dem Scheitern in Vietnam und kurz vor der Zweihundertjahrfeier mental und wirtschaftlich unter einer Depression. Während beispielsweise New York in den 1970ern als heruntergekommen, gefährlich und kriminell gilt, erlebt es eine so nie wieder da gewesen subkulturelle Blüte. In die sich auch Dylan und seine Folkies und Rocker einreihen. Dylan und Punk-Poetin Patti Smith nähern sich an, letztendlich entscheidet sich Patti aber gegen eine Teilnahme an der Revue. Der Brückenschlag zur neuen Generation gelingt hier nicht. Dennoch breiten Dylan und sein Tross mit ihrer Tour und dem Einsatz für den schwarzen Boxer „Hurricane“ Carter und die Sache der Indianer die Utopie eines anderen, friedlichen, poetischen und anarchischen Amerikas aus. Das ist ihr Auftrag, sie wollen den Geist der Bewegung und der Veränderung aus den Sixties weiter tragen. Gegengeschnitten dazu sind die leeren, staatstragenden und pathetischen Phrasen der Republikaner Nixon und Ford. Großartig! Für kurze Zeit scheint mit Jimmie Carter auch ein besseres Amerika möglich – auch Carter kommt im Film mit Pathos daher – doch im Hintergrund haben die neokonservativen Think Tanks längst ihre Schlüsse aus den Sixties gezogen. Jimmie Carter wird scheitern und mit Ronald Reagan der „New Deal“ zugunsten eines ungezähmten, neoliberalen Kapitalismus beendet.

Ein Film, der Spaß macht
Und Scorsese spielt mit den Erinnerungen. Die Erinnerung spielt eine ganz eigentümliche Rolle in diesem Film. Erst mokiert sich Dylan schelmisch, dass er sich eigentlich an gar nichts mehr erinnern könne, um am Ende auf die Frage was denn bliebe von Rolling Thunder zu antworten: „Nichts, Asche!“. Dazwischen äußert er sich aber seltsam kleinteilig, detailreich und wunderbar verschmitzt an einzelne Protagonisten des Projekts. Dass Ramblin‘ Jack Elliott ein besserer Seemann als Sänger gewesen sei, dass Scarlett Rivera im Verborgenen seltsame Dinge gemacht hätte, oder dass Allen Ginsberg ein toller Tänzer gewesen sei. Doch einmal auch, nur einmal, schwankt der Rezipient und Dylan-Kenner hinsichtlich der Frage authentisch oder fiktiv? Die Szene, als sich Joan Baez und Dylan über das Ende ihrer Beziehung und ihre neuen Liebschaften austauschen, wirkt wie eine wahre Begebenheit in einem Strom aus Spiel. Oder ist sie das Spiel in seiner Perfektion?

Zur filmischen Konzeption von Scorsese gehören neben der neuen Konstruktion und Komposition des vielfältigen Filmmaterials, das rund um die Tour entstanden ist, auch eine Reihe von bislang unbekannten Konzertaufnahmen, die in ihrer Qualität schlichtweg fantastisch sind. Denn schließlich geht es hier um ein musikalisches Event.

Und so ist dieser Film ein großer Spaß geworden, der mit leichter Hand Zeitgeschichte, Popkritik und die künstlerische Ausdrucksform Dylans zusammenbringt und den Mythos „Rolling Thunder Review“ durch Verfremdung und Fiktion weiter befeuert, ohne irgendein Rätsel wirklich zu lösen. So eine richtige Bob Dylan-Geschichte eben.

Drei Engel für Bob – Teuflisch gut!

25. Mai 2019

Dylan-Doppelgeburtstag in der Frankfurter Denkbar wird zu einem funkensprühenden Abend

Es ist noch hell und die Luft fühlt sich angenehm an, doch die Musik spielt an diesem Abend in der kleinen, proppenvollen Denkbar im Frankfurter Nordend. Die Gemeinde feiert den 78. Geburtstag von Bob Dylan und gleichzeitig das 20-jährige Bestehen der Doubledylans.

Thomas Waldherr – Präsentator des Abends – hält die Laudatio auf die Geburtstagskinder, in der er auf die humoristischen Seiten der Protagonisten eingeht und den Meister und seine Apologeten als Brüder im Geiste der Hoffnung und des Humors würdigt. Seine Erwähnung und Würdigung findet auch der kürzlich verstorbene Satiriker und Polemiker Wiglaf Droste. Auch er war ein Dylan-Freund gewesen.

Dann geht es an die Instrumente und die DoubleDylans spielen eine Auswahl ihrer besten Songs. Da dürfen „Silvio“ und „Abnießen“ ebenso wenig fehlen wie ihr großartiges Werk über den „Blinden Wilhelm Tell“. Am Ende werden die Soli und die Gitarrenduelle von Matze und Robert immer ekstatischer und funkensprühender, die Stimmung im Saal kocht und dazwischen Uli , der wie immer als Fels in der Brandung alles zusammenhält.

Und zu den Zugaben darf dann auch der Laudator mitsingen und dann alle „Whoowee, ride me high, Tomorrow’s the day, My bride’s gonna come, Oh, oh, are we gonna fly, Down in the easy chair“ und „I see my light come shining, From the west unto the east, Any day now, any day now, I shall be released“, und alle sind froh und ganz, ganz, ganz zum Schluss gibt es noch einen „Shot Of Love“ für alle aus der Mitte des Raumes und dann ist es vorbei für diesen Abend.

Davon wird man sich noch lange erzählen und das Beste ist: Es geht weiter, immer weiter!

Kleine Frau ganz groß!

11. Mai 2019

Sonia Rutsteins Album „By My Silence“

Beim großen Pete Seeger Tribute von „Americana im Pädagog“ zeigte sie, was sie ausmacht, und warum sie immer mehr Freund*innen gerade auch hierzulande gewinnt. Sonia Rutstein ist eine großartige Musikerin und dazu ein ganz bescheidener und unprätentiöser Mensch. Sie ist eine Teamplayerin und fügte sich ganz selbstverständlich in die große Musikerschar ein. Solche Leute braucht man, um solche Konzerte erfolgreich durchführen zu können.

Sonia sang an diesem Abend mit bei „Where Have All The Flowers Gone“, „Turn! Turn! Turn!“ und „We Shall Overcome“ und brachte Solo „Rainbow Race“, mit Unterstützung von Cuppatea „Wimoweh“, und vom gesamten Ensemble begleitet „Guantanamera“. Ganz selbstverständlich wollte sei dabei sein, wenn der Mann geehrt wird, mit dem sie beim Clearwater-Festival zusammen gesungen hat, und der auch ihr ein großes Vorbild ist. Man spürt das bei ihrem Engagement. Ganz selbstverständlich verbindet sie Musik mit politischem Engagement. Und dabei steht stets der Mensch im Mittelpunkt und keine Parteitaktik.

Ihr aktuelles Album „By My Silence“ ist ein Ausdruck dessen. Gleich der erste Song zeigt auf, wie irre diese Welt ist, wenn politische Systeme Menschen brechen wollen, die etwas angeblich unbotmäßiges getan haben. So ist die junge sunnitische Muslima Nudem Durak in der Türkei zu 19 1/2 Jahren Haft verurteil worden, weil sie kurdisch gesungen hat. „A Voice For Nudem Durak“ braucht dann auch nicht viel Text um diesen Wahnsinn anzuprangern und um Nudem zuzurufen: „Wir singen für Dich, Deine Stimme wird gehört. Wir sind eine Familie, wir sind eine Welt.“

Schon länger im Programm von Sonia Rutstein und nun endlich auf Platte ist „By My Silence“, ein Song, der von den berühmten Worten Martin Niemöllers inspiriert ist: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ In ihren Liner Notes sagt sie über das Lied, das von Nick Annis und Ellen Bukstel stammt, es sei ein Wecker: „Es ist Zeit aufzuwachen und Widerstand zu leisten!“

Neben den Protestsongs setzt sie sich auf diesem Album auch ganz intensiv mit ihrer jüdischen Herkunft auseinander. So hat sie für den Nachbarsjungen mit „Light In You“ einen Hanukka-Song geschrieben, singt mit „Eleh Chamda Libi“ und „Oseh Shalom“ zwei israelische Folksongs und mit „Hatikva“ sogar die israelische Nationalhymne.

Und dann gibt es noch den fröhlichen Song „Wandering Jew“. Der Song ist der Ausdruck der mittlerweile tiefen Verbundenheit mit Deutschland. Mit dem Deutschland bzw. der Menschen in Deutschland, die um die dunklen Seiten der Vergangenheit des Landes wissen und sowohl ihr als Jüdin als auch Geflüchteten in Not eine Heimstatt bieten wollen. Immer länger werden Ihre Tourneen in Deutschland. Kein Wunder, singt sie doch „Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew Wandering in Germany, Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew wondering in Germany“. Und hier ist dann auch die Würdigung von Pete Seeger platziert: „Seeger said this was a rainbow race, nobody here is out of place“. Für Sonia Rutstein gibt es nur eine Welt und alle Menschen sind eine Familie. Auch sie singt mit Verve gegen das „Othering“ an.

Bleiben noch zwei langsame Songs zu erwähnen. Das eine, „Hallelujah“, ist eine Verbeugung von Sonia, der Cousine des Songwriter-Papstes Bob Dylan, vor einem anderen großen Songwriter – Leonard Cohen. Und ganz zum Schluss dieses wunderschönen Albums stellt sie sich Fragen. Alte Fragen zwar, die aber immer wieder kehren. Warum bin ich lesbisch? Warum, warum, warum? Auch Jahre nach dem Coming-Out bewegt sie das. Und sie lässt uns an den Sorgen teilhaben und an ihren Zweifeln, geht aus der Deckung, ist ungeschützt. Um dann aber doch mit großer Bestimmtheit festzustellen „Es ist okay, dass ich der bin, der ich bin“. Und auch das macht diese kleine, zierliche Frau zu der großen Künstlerin, Sängerin und Songschreiberin und dem großartigen Menschen Sonia Rutstein!

Klaviervariationen

22. April 2019

Bob Dylan unterzieht in Augsburg seine Werke wieder einmal einer Revision und ist dabei dem Publikum äußerst zugewandt

Seit einigen Jahren spielt Bob Dylan im Konzert nur noch Tasteninstrumente und Mundharmonika, wenn er nicht völlig ohne Instrument „nackt“ vor den Mikrofonständer tritt. Man munkelt, dies habe gesundheitliche Gründe – wegen Rückenproblemen könne er die Gitarre nicht mehr über längere Zeit halten. Dylan hat aber aus der Not eine Tugend gemacht, sitzt Abend für Abend mal ein paar Jahre an der Orgel, dann am Flügel und hat sich in diesen Jahren tatsächlich immer mehr quasi dem klassischen Konzertieren zugewandt. In Baden-Baden im letzten Jahr fiel uns auf, wie stark und streng der Abend orchestriert war. Jeder hatte seinen Part, kaum Raum für Improvisation. Dylan höchst selbst dirigierte all die Jahre sein Orchester von der Seite aus. Zeigte dem Publikum sein Profil, wer Pech und die falschen Plätze hatte, sah ihn sogar nur von hinten.

Alte Songs mit neuen Lyrics
Doch während sich an der Setlist im Vergleich zum letzten Jahr so gut wie nicht geändert hat, ist das Setting diesmal ein ganz anderes. Dylan zeigt uns sein Gesicht. Er sitzt frontal dem Publikum gegenüber, auf der rechten Bühnenseite. Und sogar gut ausgeleuchtet. Das Konzert ist kaum lauter ausgesteuert als im Vorjahr, aber die Musik hat mehr Groove und Drive und vor allem: Eine Reihe von Songs sind völlig neu arrangiert und daher wieder einmal schwierig zu erkennen. Zudem hat er auch textlich in die Songs eingegriffen. „Simple Twist Of Fate“ – recht nah am Original arrangiert – hat teilweise neue Verse und „When I Paint My Masterpiece“ hat das „pretty little girl from greek verloren und „Gondola“ reimt sich auch nicht mehr auf „Coca Cola“, sondern auf „Oh, sometimes I think that my cup is running over“.

Mit „Things Have Changed“ beginnt das Konzert recht unscheinbar, die typische erste Nummer zum Einsingen und Regler nachjustieren. Die Fassung von „It Ain’t Me Babe“ist ganz hübsch, „Highway 61“ dann eher routiniert. Mit „Simple Twist Of Fate“ nimmt das Konzert dann erst richtig Fahrt auf. Wie gesagt, nah am Original arrangiert, aber noch ein bisschen langsamer und Dylan singt das Lied als alter Mann, der sich an ein lange zurückliegendes Abenteuer erinnert. Manchmal stockt die Erinnerung, stolpert nur voran und manchmal klingt es auch zweifelnd. War es wirklich so? Anyway, Schulter zucken, so könnte es gewesen sein! „Cry A While“ und „Honest With Me“ sind dann fast gar nicht mehr zu erkennen, aber verlieren nichts von ihrer Präsenz, es sind starke Rock-Bluesnummern voller musikalischer Americana-, Blues- und Vaudeville-Referenzen.

Dazwischen „When I Paint My Masterpiece“, das ihm an diesem Abend wirklich meisterlich gelingt. Einer der absoluten Höhepunkte des Abends ist aber Scarlet Town, dieser unheimliche Song über eine Kleinstadt in den Südstaaten, der nichts Abgründiges, Grausames und Tragisches fremd zu sein scheint. Als langsame Appalachen-Ballade mit Banjo vorgetragen, ermuntert der Song Dylan zum einzigen Ausflug in die Bühnenmitte, sein Mikrofonständer mutiert zu einer Art Spielzeug, das er fest in den Griff nimmt und hinter sich herzieht. „Make You Feel My Love“ kommt dann ordnungsgemäß sanft und schwelgerisch daher, während „Pay In Blood“ einmal mehr zur Dylan zur Konfrontation eines süßen, fast harmlos fröhlichen Arrangements mit der bitterbösen Message herausfordert. „Like A Rolling Stone“ wird vom Midtempo kurz vor dem berühmten „How Does It Feel?“ von Dylan so heruntergebremst, dass die Fragen und Wahrheiten, die er der Frau im Song an den Kopf wirft, nur noch bohrender werden und das Objekt seines Zorns noch verlorener aussieht. Ein großartiges Stilmittel. Dylan hat nicht mehr heiße Wut, sondern nur noch kalte, gehässige Verachtung. Klar, nach all den Jahren…

Faszinierender Solo-Klaviervortrag
„Don’t Think Twice“ ist der zweite absolute Höhepunkt des Abends. Dylan spielt Klavier, wie der Chronist es auf einem Konzert von ihm noch nie live erlebt hat. In der Regel bettet sich Dylans Klavierspiel in den Bandvortrag ein. Ab und zu hört man mal ein paar Klavierfiguren oder Kirmesorgeltöne. Böse Zungen behaupten sogar, das Klavier wäre doch sehr dezent in den Hintergrund gemischt. Derzeit jedoch spielt Dylan so offen und expressiv Klavier wie lange nicht mehr. Und „Don’t Think Twice“ wird fast zum Kammermusik-Erlebnis, wenn Dylan den Song ganz alleine am Klavier vorträgt, nur von Tony am begleitet, der sanft mit dem Bogen über die Saiten des Standbasses streicht. Wow! So etwas haben wir noch nicht erlebt, so was kennen wir nur von den Filmaufnahmen von Toronto 1980. Und auch bei diesem besteht Dylan auf der Konfrontation. Der hämische Anti-Lovesong, voller Slang und Blues-Poetry, gespielt in der Form europäischer Klassik. Dylan überschreitet auch mit fast 78 Jahren immer wieder aufs Neue Grenzen.

Am Ende dann „Early Roman Kings“, das ganz fantastisch in die Fuggerstadt passt, sowie „Thunder On The Mountain“ und „Gotta Serve Somebody“ in neuen Arrangements, während „Blowin‘ In The Wind“ in dem Arrangement gespielt wird, das im Grunde so schon seit mehr als 10 Jahren aufgeführt wird. Ein starkes, sehr bluesiges „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ beschließt dann als zweite Zugabe und Dylan und seine Gang verbeugen sich diesmal sogar, bevor sie wieder in die Nacht enteilen.

Ungebrochene Lust am Experimentieren
Das war wirklich ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert. Dylan hat eine ungebrochene Lust am Experimentieren, er spielt intensiv und stark Klavier und Mundharmonika, und wirkt gesundheitlich für sein Alter sehr fit und reagiert sichtlich auf das Publikum. Scheinbar hat die klare Ansage in Wien die Luft gereinigt, kein Handy ist zu sehen, dafür wird von ihm die Verbeugung wieder eingeführt. Mal schauen, was wir im Sommer (Mainz und Stuttgart) hören und wie wir dann Dylan erleben werden.

Setlist
Augsburg, Germany
Schwabenhalle
April 20, 2019

1.Things Have Changed
2.It Ain’t Me, Babe
3.Highway 61 Revisited
4.Simple Twist Of Fate
5.Cry A While
6.When I Paint My Masterpiece
7.Honest With Me
8.Tryin‘ To Get To Heaven
9.Scarlet Town (Bob center stage)
10.Make You Feel My Love
11.Pay In Blood
12.Like A Rolling Stone
13.Early Roman Kings
14.Don’t Think Twice, It’s All Right
15.Love Sick
16.Thunder On The Mountain
17.Soon After Midnight
18.Gotta Serve Somebody
(encore)
19.Blowin‘ In The Wind
20.It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

So oft gekreuzigt und immer wieder auferstanden

15. April 2019

Wenn Bob Dylan am Karsamstag (20. April) in Augsburg spielt, dann passt das bestens zu Mythos und Legende des weltbekannten Songpoeten. Erklärungsansätze.

Bob Dylan war für seine Jünger aus der Folk-Rock-Generation der 1960er Jahr fast so etwas wie ein Messias. Der Singer-Songwriter wurde zur Leitfigur einer Jugendbewegung auserkoren, die er gar nicht sein wollte. Also wurde die Verweigerung zu einer der Konstanten seiner nunmehr 57 Jahre andauernden Karriere. Jede Verweigerung führte indes zu einer Art Kreuzigung. Jeder seiner Auftritte mit einer elektrischen Kapelle nach dem Newport-Folkfestival 1965 mündete in Kämpfen mit seinem Publikum. Man pfiff ihn aus und beschimpfte die Musiker auf der Bühne. Das war Levon Helm, die spätere Drummer-Legende von „The Band“ zu viel. Er quittierte Ende 1965 die Arbeit. So musste er auch nicht miterleben, dass Dylan auf seiner World Tour in Manchester als „Judas“ bezeichnet wurde.

„Der Messias der Rockgeschichte“
Dylan selber setzte die Ruhelosigkeit des Tour-Hamsterrades so zu, dass er die gesundheitliche Rekonvaleszenz nach seinem Motorradunfall im Spätsommer 1966 nutzte, um aus diesem Rattenrennen zu entfliehen. Doch während er sich eine Pause nahm, wurde sein Mythos nur noch größer. Die Gegenkultur hatte mittlerweile den Rock akzeptiert und adaptiert, linke militante Aktivisten nannten sich „The Weathermen“ nach einer Textzeile aus „Subterranean Homesick Blues“, den Black Panter-Anführern gefiel Dylans Mittsechziger- Rockmusik und ganz verstiegene Apologeten trampelten den Vorgarten seines Hauses in Woodstock kaputt. Also wieder Verweigerung und wieder Kreuzigung: während Psychedelic, Pop und Woodstock spielte Dylan Countrymusik und schwänzte das dreitägige Love & Peace-Festival, das man nicht zuletzt wegen ihm in Woodstock veranstaltet hatte, zugunsten eines Auftritts auf der Insel of Wight. Wieder allgemeines Zeter und Mordio.

Noch mehrmals in seiner Karriere sollte Dylan seine Jünger verprellen – 1978 spielt er seine Musik im Big Band Sound, 1979 wird er wiedergeborener Christ, später seine Songs an die Werbung verkaufen und sie in den Konzerten zur Unkenntlichkeit verändern – all dies führt zur Kreuzigung und doch steht er immer wieder auf, erfindet sich neu und zieht mit die Menschen mit einer neuen Karriere-Volte und durch großartige Songs und Alben in den Bann, um gleich darauf wieder Erwartungen zu unterlaufen und zu irritieren. Zuletzt nahm er fünf CDs mit Sinatra-Songs auf und kreierte seine eigene Whiskeymarke.

Am Karsamstag steht in der religiösen Überlieferung die Trauer über den Tod Jesu im Vordergrund. „Traditionell ist der Karsamstag ein stiller Tag. Die Kirchenglocken schweigen, es finden keine Gottesdienste statt, in der Regel werden keine Sakramente gespendet und der Altar ist völlig schmucklos“. Es werden aber Karmetten gefeiert, heißt es auf der Internetseite vivat.de. Dazu passt, dass Rockpapst Zimmermanns Konzerte sich schon seit längerem dadurch auszeichnen, dass eher laidback musiziert wird und die Beschallung nicht allzu laut gedreht wird. Zudem spendet Dylan keine Sakramente: Kein Wort, kein Gruß und seit diesem Tourabschnitt schleicht er sich sogar am Ende des Konzerts im Dunkeln von der Bühne, und lässt seine Apostel allein auf der Bühne werkeln bis die Messe gelesen ist.

Augsburg als Kristallisationspunkt des Dylan’schen Universums
Wenn Dylan am Karsamstag in der Fugger-, Brecht- und Puppenkistenstadt Augsburg spielt, dann decken Auftrittsdatum und Ort bereits fast alles wesentliche des Dylan-Universums ab. Das dramatische Theater Brechts, dessen Bilder und Prinzipien in seine frühe Songpoesie einflossen, die „Political World“, in der die Fugger wegen ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Macht Kaiser- und Königsmacher waren, Strippen zogen und Politik beeinflussten, sowie das unterhaltende traditionelle Marionetten-(Volks-)theater der Puppenkiste, das zwar mit seinen Kinderstücken bundesweit bekannt wurde, aber bis heute auch Stoffe für Erwachsene auf die kleine Puppenbühne bringt, die sich mit den ewigen Fragen der Menschen nach Weisheit, Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit, Verderben und Tod beschäftigen. Sei es Brecht, den Faust-Stoff oder Dürrenmatt.

Also ist der Boden bestens bereitet für Dylans Songs, Masken und Mysterienspiele um Odyseen und Vergänglichkeit, Liebe und Tod und einer Welt, die so viel besser sein könnte, wenn sich an den Jahrhunderte alten grundlegenden Menschheitsbedingungen von politischer und wirtschaftlicher Macht endlich mal was ändern würde. Aber es tauschen sich nur die Gangs aus – „Early Roman Kings“ statt Fugger – nicht die Verhältnisse. Also muss Dylan solange er kann weiter gegen den Irrsinn der Welt ansingen.

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/

Grieben singt Dylan – Ein Abend mit Songs von & rund um Bob Dylan

11. März 2019

Martin Grieben, Copyright Theater Alte Brücke Frankfurt

Samstag, 30. März, Theater Alte Brücke, Frankfurt-Sachsenhausen, 19.30 Uhr

Wenn in den 1990er Jahren das Thema auf Bob Dylan kam, wurde ich meist mitleidig belächelt. Lebt der denn noch, kann der denn noch singen? Veranstaltungen zu Bob Dylan waren selten, dafür dann aber von großer Sachkenntnis geprägt. Bis heute faszinieren mich die damals gehörten Lesungen von Paul Williams, Greil Marcus und Günther Amendt, die geistreich über Bob Dylan erzählten und dies in einen ästhetischen, historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang stellten.

Als dann Dylan in den 200oern eine wahre Schaffensexplosion hinlegte mit hochkarätigen Alben, Film und Buch und Malerei und Radio-Show, da wurden die Veranstaltungen über Dylan dann immer mehr. Und nach dem Nobelpreis erst recht. Es gab und gibt Theaterstücke in Heidelberg und Lübeck, Ausstellungen in Fulda und Liederabende in Saarbrücken und und und…

Und wie überall gibt es solche und solche. Veranstaltungen bei denen man merkt, dass es den Leuten ernst ist, und solche, die sich einfach an den Ruhm anhängen. Ich habe mal einen Dylan-Abend vorzeitig verlassen, weil da mit Halbwissen und Klischees nur so um sich geworfen wurde, und die deutschen Übersetzungen das Niveau von Jugend-Gottesdiensten beim Kirchentag hatten. Sowas brauche ich nicht.

Ganz anders aber bei Martin Griebens Bob Dylan-Programm. „Martin Grieben verfolgt die verschlungenen Wege der Karriere des Bob Dylan seit 40 Jahren mit wachsender Faszination. Währenddessen war er Leader von Rock’n’Roll Bands, Sänger und Gitarrist, Komponist und verhinderter Popstar, Produzent, Tonstudiobetreiber und überzeugt inzwischen als „Mein-Mann“-Band in der Theater-Talkshow „Melli redet mit“ – nur Stimme, Gitarren, Ukulele und dunkle Sonnenbrille. „Grieben singt Dylan“ – ein Abend mit Songs von und rund um Dylan aus beinahe sechs Jahrzehnten. Keine gerührte Nostalgie-Veranstaltung, sondern die schräge Welt des Bob Dylan als unterhaltsamer, musikalischer Trip.“

Soweit der Pressetext. Hier und in der Korrespondenz mit ihm wurde mir die Ernsthaftigkeit seines Anliegens klar. Und wenn ich die Liste seiner Dylan-Songs anschaue, die er so Repertoire hat – z.B. „Po‘ Boy“, „Abraham, Martin und John“ oder „Meet Me In The Morning“, so sind das Songs, die der Spezialist des Abends, den ich dringend verlassen musste, wahrscheinlich überhaupt nicht kennt.
Und so verlässt Martin Grieben die ausgetrampelten Dylan-Pfade. Etwas, dass auch die DoubleDylans und ich immer wieder versuchen.

Sehr schön beschreibt Grieben, was alles in Dylan steckt: „Denn in Dylans Songs ist so viel Spaß, Weh, Ironie, Traurigkeit, Verzicht, Irrsinn, Blut, Liebe, Horror, Herzschmerz, Verwirrung, Weisheit, Vertrauen, Bescheidenheit, Märchenhaftes, Blödsinn, Blues, Sinnsuche, Selbstzerfleischung, Hoffnung, Verzweiflung, Betrug, Gier, Kitsch, Ablehnung, Sehnsucht, Hybris und was nicht noch alles drin.“

So sehe ich das auch! Und deswegen freue ich mich, Martin Griebens Programm hier anzukündigen und es auch zu besuchen. Tun Sie’s einfach auch!

https://theater-alte-bruecke.reservix.de/tickets-grieben-singt-dylan-ein-abend-mit-songs-von-rund-um-bob-dylan-in-frankfurt-am-main-theater-alte-bruecke-am-30-3-2019/e1357167

„Wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“

21. September 2018

In „More Blood, More Tracks“, der 14. Ausgabe der „Bootleg Series“ von Bob Dylan, dreht sich alles um die Aufnahmesessions zum 1974/75er Album „Blood On The Tracks“

Für die einen ist es lapidar Dylans „Trennungsalbum“, für die anderen ein komplexes Werk, das Dylans Standortbestimmung als Ehemann, Künstler und Familienvater in einer Zeit ist, als er Veränderungen aufziehen kommt, als die Familienphase zu Ende geht und der unstete, immer sich auf Reisen befindende Künstler wieder aus ihm herausbricht: Bob Dylans 1974 entstandenes und Anfang 1975 veröffentlichtes Album „Blood on The Tracks“.

Die Veränderungen gehen einher mit Verwerfungen. Die schöne Zeit mit Sara scheint vorbei und wo steht er als 33-jähriger Mann eigentlich? Und die Veränderungen und Verwerfungen sind schmerzhaft. Und selten leidet man so persönlich mit, wie bei diesem Album. Der Verlust der Liebe von/für Sara, der Verlust von Sara, die Trennung von Sara – all das tut höllisch weh. „Wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“, singt er in „You’re Big Girl Now“. Der Song gehört mit „If You See Her, Say Hello“ und „You Gonna Make Me Lomesome When You Go“ zu den offensichtlichsten und persönlichsten Trauerverarbeitungen des Albums, während „Tangled Up In Blue, „Simple Twist Of Fate“ und „Idiot Wind“ dann wieder Geschichten erzählen, die nicht unbedingt immer für bare Münze genommen und auf den Sänger bezogen werden müssen. Denn auch wenn persönlicher Trennungsschmerz die Triebfeder dieses Albums ist, so versteht Dylan es auch hier, die Perspektiven zu wechseln, mit Verfremdungen zu arbeiten und einfach sich gute Stories auszudenken. So wie „Lily, Rosemary And The Jack Of Hearts“, das wieder einmal die Vorlage für einen Western abgeben könnte.

All diese Songs werden wir auf „More Blood; More Tracks“, das am 2. November erscheint, in ihrem Entstehen kennenlernen. Denn die Platte entstand ja bekanntermaßen auf Sessions im September 1974 in New York und Dezember 1974 in Minneapolis. Auf der DeLuxe-Version werden auf 6 CDs alle bis heute erhaltenen Tracks zu hören sein.

Ein großes Werk von Bob Dylan wird somit nach gut 45 Jahren vielleicht erst jetzt seiner Vollendung zugeführt.

Der Orchester-Chef

27. April 2018

Bob Dylans Konzert in Baden-Baden ist ein musikalischer Genuss

Ja, das Festspielhaus in Baden-Baden war ein absolut würdiger Rahmen für das, was Bob Dylan da am vergangenen Montagabend veranstaltete. Zwar waren aufgrund der Location, der Preise, dem Image des Ereignisses als Event und der Stadt Baden-Baden selber einige gekommen, die ihr Großverdienertum offensiv zur Schau stellten, aber das minderte nicht das Vergnügen über die musikalische Performance Dylans, die am Ende durchaus in die Kategorie „Triumph“ eingestuft werden kann.

Wenn man sich ein paar Jahre zurück erinnert, so waren Dylans Konzerte von einer ständig wechselnden Setlist, Proben auf offener Bühne sowie dem Nichtgesang der Hauptfigur geprägt. Dennoch entstand vor den Augen und Ohren des Publikums immer wieder große Kunst. Seit einigen Jahren nun schon spielt Dylan Abend für Abend das Gleiche. Dass sich die Konzerte dennoch von Tour zu Tour deutlich unterscheiden, liegt an der ungebrochenen Lust des Künstlers, unablässig an den Songs zu arbeiten. Immer wieder neue Arrangements und längst ist das, was man da geboten bekommt, nicht mehr mit dem Begriff „Rock-Konzert“ zu beschreiben. Die Aneignung der Klassiker des Great American Songbook hat das Talent als Arrangeur, das Dylan ohnehin immer besaß – man denke an die 78er-Tour „Big Band-Tour“ – nochmals auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. Mittlerweile rangiert der musikalische Rahmen, den Dylan seinen Konzerten setzt, irgendwo zwischen Jazz- und Klassik-Konzert. Tatsächlich: Was man hört sind Rock, Folk, Country, Blues, Gospel und Soul, also populäre Musik – aber der formale Rahmen stammt aus der Welt der Kunstmusik. Dylan orchestriert seine Musik. Da sind die Soli, die Gesangsparts und das Zusammenspiel klar verteilt und geplant, so dass die Musik immer perfekter wird. Das vermindert den improvisatorischen Anteil, aber das tut dem während des Konzerts immer größer werdenden Vergnügen keinen Abbruch.

Denn die Neu-Arrangements sind stimmig. Außer bei „Tangled Up in Blue“, dessen Arrangement ich immer noch nicht nachvollziehen kann. Aber „Pay In Blood“, das ein dem blutrünstigen Titel angemessenes musikalisches Kleid – voller „Suspense“ wie Hitchcock gesagt hätte – verpasst bekam, Thunder On The Mountain – der großartige Höhepunkt des Konzerts – oder „Tryin To Get To Heaven“ gewinnen deutlich. Dylan gibt den Orchester-Chef am Klavier, der Lust am Pianospiel hat und oftmals damit auch die Melodielinien vorgibt. So verbringt er denn auch die meiste Zeit am Klavier stehend oder sitzend und traut sich nur viermal in die Bühnenmitte ohne Instrument an den Mikrofonständer. Und die Mundharmonika – das typische Hillbilly-Instrument – kommt in seinem jetzigen musikalischen Konzept auch gar nicht vor.

Stattdessen singt er wie bereits auch im letzten Jahr so gut und verständlich wie lange nicht mehr. Um so wichtiger, denn sonst wäre es ja noch schwieriger so manchen Titel zu erkennen. Was nicht für die Klassiker „Don’t Think Twice“ oder Ballad Of A Thin Man“ gilt, die man deutlich an der doch für Dylan’sche Verhältnisse recht großen Nähe zum Original erkennt. Dabei sind die Lieder keineswegs zugunsten irgendeiner Altersmilde textlich gezähmt. Da revidiert sich Dylan nicht. Die Grundaussagen bleiben, wenn auch Dylan wie bei „Simple Twist Of Fate“ – am Montag ebenfalls in einer wunderschönen Fassung zu hören – oder bei „Tangled Up In Blue“ durchaus immer wieder mal neue Lyrics einstreut. Für Dylan sind seine Songs immerwährende Aufgaben. Der Mann lebt seine Songs.

So wie seine Konzerte, die er auch mit nun fast 77 Jahren immer noch voller Disziplin – er beginnt auf die Minute pünktlich und endet fast genau nach 100 Minuten – und voller Leidenschaft und Spielfreude absolviert. Und so endet dann dieser große orchestrale Abend als Triumph mit Standing Ovations und der Freude, dass Dylan auch im hohen Lebensalter immer noch zu überraschen weiß. Und dass er überhaupt nicht den Anschein erweckt als sei für ihn – wie es derzeit Altersgenossen und Weggefährten wie Joan Baez oder Paul Simon – die Sache mit den Tourneen nun vorbei. Im Gegenteil: das erste Konzert für den Sommer ist bereits angekündigt. Die Kreise, die er zieht, werden auch nicht kleiner – es geht wieder einmal nach Japan!