Archive for the ‘Singer-Songwriter’ Category

Bob Dylans Traum von Amerika

18. Oktober 2015

Sarbrücken erliegt der Magie eines amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstlers

Bob Dylan war schon frühzeitig nicht mehr der Name eines Künstlers sondern ein von Robert Zimmerman erfundenes und von ihm nach seinem Belieben immer wieder neu gestaltetes amerikanischea Kunstwerk.

Der High-School-Rock’n’Roller und abgebrochene Kunststudent Zimmerman traf erst in der Folkszene in Cambridge dann in New York ein, als das Folk-Revival und die kritische Jugendbewegung sich anschickte, den verwässerten Limonaden-Rock wegzuspülen. Dylan war intelligent und saugte alles Mögliche an Musik, Lyrik, Belletristik, historDylanConcert2015ischen Abhandlungen und Dramatik auf, und setzte es in Folk und Bluesmusik um. Später vollzog er immer wieder historische Wendungen und eignete sich die anderen amerikanischen Roots-Musik-Stile an: Rock, Country, Gospel. Und ganz nebenbei erfand er mit „The Band“ im Keller seines Hauses das Americana.

Wenn Bob Dylan dieser Tage – wie nun an einem Herbstabend in Saarbrücken – als 74-jähriger auftritt, dann hat Songs im Gepäck, die von seiner neuesten Wendung künden. Dylan hat sein öffentliches Spektrum nun um das „Great American Songbook“ erweitert. Er hat die Grenzen der ruralen amerikanischen Volksmusik verlassen und sich dem Urban-Pop der 30er und 40er Jahre zugewandt: Cole Porter, Frank Sinatra, Bing Crosby. Seine aktuelle Tournee ist quasi der Showroom von Dylans endgültiger Metamorphose zum amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstler.

Bob Dylan croont mit großer Lässigkeit, aber dennoch voller Engagement und Hingabe diese Songs. Er streut sie in sein Programm so ein, dass Sie zusammen mit den Songs seines bedeutenden Alterswerkes „Tempest“ das Gerüst und Rückgrat seines derzeitigen Konzertformats bilden. Und so springt er von Folk zu Blues zu Country zu Swing und zurück. Hier und da ein bisschen Bluegrass und Rock’n’Roll – und fertig ist Mr. Dylans musikalische amerikanische Klanglandschaft.

Das Bühnenbild und die Mitmusiker inszenieren die Erinnerung an die dunklen Jazzclubs der amerikanischen Großstädte in den 1940ern. An diesem Abend in Saarbrücken konterkariert Dylan dies, indem er einen schmucken Cowboy-Showanzug trägt. Auch hier ist wieder klar. der alte Dylan überlässt nichts mehr dem Zufall, alles ist detailliert geplant.

So auch die Setlist, die unverändert durch Europas Hallen wandert. Inhaltlich ist Dylans Alterswerk auch als Performer auf die wesentlichen Themen fokussiert: Zeit, Liebe, Tod. Alle dargebotenen Songs variieren dies: „Things Have Changed“ und „Long And Wasted Years“, „She Belongs To Me“ und „I’m A Fool To Love You“, „Highwater Everywhere“ und „Scarlett Town“, „Tangled Up In Blue“ und „Why Try To Change Me Now“, „Autumn Leaves“ und „Love Sick“.

Dylan wirkt dabei so beseelt und ist gut bei Stimme wie selten. Auch physisch wirkt er stabiler als beispielsweise noch vor zwei Jahren. Er steht öfters ausgiebig in der Mitte der Bühne und setzt sich seltener an den Flügel. Scheint wieder besser auf den Beinen zu seinen derzeit. So entsteht ein unterhaltsames, abwechslungsreiches musikalisch hervorragendes Konzert, das nur mit einem ganz großen Hitklassiker auskommt und gerade deswegen die Größe dieses Künstlers abbildet. Denn mit diesem Programm begeistert er die Leute mit großer Leichtigkeit.

So detailliert Dylan aber an seiner Performance arbeitet, umso großzügiger versteht er sich nur noch als Meister des großen Wurfs. Mit den großen Alltagsproblemen unserer Welt beschäftigt er sich vordergründig nicht. Wer aber genau hinhört, weiß um die Botschaften, die dieser Künstler dennoch im Subtext sendet. Dylans Amerika ist das ideelle Amerika als Freiheits- und Glücksversprechen. Neu und verstärkt begründet in der Zeit, aus der auch seine neuen Lieder stammen und in der auch Dylan geboren wurde: In den USA der 1930er und 1940er Jahre, als Roosevelts New Deal vielen Amerikanern endlich die Hoffnung gab, wirklich am Reichtum des Landes partizipieren zu können. Dass dies heute weiter denn je entfernt ist von der amerikanischen Realität, ist Dylan bewusst, und so hat er schon vor Jahren Wasser in den Wein gegossen, als er nicht in den großen Obama-Hype miteinstimmte und vor allzu großen Erwartungen warnte. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben.

Und dennoch singt Dylan gegen Ende ein ganz aufgeräumtes, fast schon fröhlich klingendes „Blowin‘ In The Wind“. Denn irgendwo ganz versteckt, glaubt er wohl immer noch an seinen amerikanischen Traum.

Eine erneute Selbstverständigung: Mein Sehnsuchtsort „Amerika“

13. Oktober 2015

DSC01792Angesichts der Vehemenz und Unübersichtlichkeit der aktuellen Krisenthemen „Ukraine“, „Flüchtlinge“, „Naher Osten“ und TTIP versuchen sich die Menschen wieder an einfachen Erklärungsmustern. Wahlweise sind es die Russen, die Ausländer oder die Amerikaner. Letzteres ist gerade auch unter vielen Linken eine gern verwendete Denkfigur.

Man muss die amerikanische Politik angesichts von Drohnenkrieg, global-strategischen Wirtschaftsinteressen und den aktuellen Weltkrisen kritisch sehen. Was man aber nicht darf, ist in plumpen Antiamerikanismus verfallen. Dieses Land ist groß und widersprüchlich. Und es gibt ein Amerika jenseits der engen Verflechtung zwischen Politik, Konzernen und Militär, abseits von Tea Party und christlichem Fundamentalismus. Es lohnt sich, gerade heute dieses „andere“ Amerika wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Diesem „anderen“ Amerika haben wir Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan zu verdanken. John Steinbeck und Jack Kerouac. Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Black Panther und Angela Davis. Robert Redford, Tim Robbins und Michael Moore. Hier gab es mit dem Roosevel’tschen New Deal den ersten demokratischen Sozialstaat. „Sit- in“ und andere Protestformen der aufbegehrenden Jugend der 1960er Jahre haben hier ihren Ursprung. Und auch die deutsche Liedermacher-Bewegung wäre nicht zu denken, ohne das amerikanische Folk-Revival. Ob Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Sie alle fanden hier während der Nazizeit Zuflucht und kamen mit den Befreiern 1945 zurück.

Die amerikanische Jugendkultur war die frische Alternative zur belasteten Deutschtümelei der Nazis. Jazz, Rock’n’Roll und auch Countrymusik floss in die deutsche Alltagskultur ein. Ganz abgesehen von James Dean, Bonanza, Flipper und Lassie. Als in den 1960er Jahren Geborener ist man in der alten Bundesrepublik mit einer klaren Westbindung aufgewachsen. Auch im Protest gegen die Gefahren von Krieg und Umweltzerstörung in den 70er und 80er Jahren waren die Jugendbewegungen stets kulturell transatlantisch geprägt. So wurde damals auch bei den Jungkommunisten der SDAJ weitaus mehr Zappa gehört und gekifft, als schwermütig bei Wodka russische Weisen gesungen.

Währenddessen bleiben alle diese Musiker, ob Protestsänger oder Rocker doch bei aller Kritik an ihrem Land und dessen Regierungen stets leidenschaftliche Amerikaner. Woody war ein kommunistischer Patriot, Pete Seeger trat mit Bruce Springsteen bei Obamas Inauguration auf, und auch der kritische Filmemacher Michael Moore steht zu seinem Amerika. Bob Dylan spielte 1966 in Paris vor einem riesengroßen Sternenbanner. John Mellencamp beschwört mit Neil Young und Willie Nelson jedes Jahr bei Farm Aid den amerikanischen Geist. Steilvorlage lieferte ihnen Dylan, der beim Live Aid-Konzert für die Hungernden Afrikas schon 1985 die Globalität der die Armut schaffenden Strukturen erkannt hatte, als er um Hilfe für die amerikanischen Farmer bat. Karitative Hilfe für die Dritte Welt reicht nicht aus, wenn sie nicht von gesellschaftsverändernden Demokratisierungsprozessen überall begleitet wird.

Und alle diese Musiker – ob die Rock-Klassiker Dylan, Springsteen, Mellencamp und Young oder die heutigen Szenevertreter von den Avett Brothers und Mumford & Sons, bis zu Jack White, Gaslight Anthem und den Felice Brothers, schöpfen aus dem Reservoir der Tradition ihrer amerikanischen Musik: Folk, Blues, Gospel, Country und früher Rock’n’Roll. Robert Johnson und Jimmie Rodgers. Die Mississippi Sheiks und die Carter Family. Ernest Tubb und Muddy Waters, Hank Williams und Howlin‘ Wolf. Elvis und Chuck Berry. Ray Charles und Johnny Cash. Mavis Staples und Loretta Lynn. Sie alle und noch viel mehr machen die Vielfalt dieser amerikanischen Musik aus. Diese amerikanische Musik ist von ihrem Ursprung her die Musik des armen und des anderen Amerika. Sie steht für das alte unheimliche Amerika und für das, welches das Unrecht anhand der guten amerikanischen Werte überwinden will. Sie steht für die Klasse an sich und die Klasse für sich. Das macht sie für mich so spannend und fordert so die Beschäftigung mit ihr immer wieder aufs Neue hinaus. Von den ersten Anfängen mit Bob Dylan, der bis heute eine wichtige Konstante in meinem Leben darstellt bis heute, wenn ich nach den Verbindungen von gesellschaftlichen Veränderungen in den USA und der Weiterentwicklung des Americana forsche.

Und im CD-Spieler laufen die Neo-Western-Swinger der 90er Jahre, BR 549, mit Dylan-Sideman Donnie Herron an Geige, Mandoline und Steel-Guitar. Es gibt einfach kein Ende…

„The Cutting Edge“ – Die Transformation des Folkies zum Rockpoeten

26. September 2015

Cutting EdgeNa klar. Die muss ein Dylan-Fan haben. „The Cutting Edge – The Bootleg Series Vol. 12“ wird einen atemberaubender Einblick in eine der wichtigsten Phasen in der Geschichte der populären Musik geben. Wir erleben die Transformation des Folksängers und Songwriters Bob Dylan zum Rockpoeten, Performer und Superstar. Ohne die drei Alben „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ wäre Dylan sicher ein anerkannter Songwriter geblieben und als wackerer Folksänger heute zumeist in Gemeindesälen, kleinen Hallen und auf Kleinkunstbühnen unterwegs. Doch mit diesen drei Alben zeigte sich Dylans Ausnahmestellung. Vier gute Gründe dafür:

  1. Die Risikobereitschaft. Er hat Erfolg, er hat sein Publikum. Die anderen folgen ihm. 1965 ist die Protestsongwelle auf dem Höhepunkt: Barry McGuires „Eve Of Destruction“ und Donovans Version von „Universal Soldier“ wären ohne Dylan gar nicht denkbar. Doch Dylan verlässt die eingetrampelten Pfade und verstört seine Fans. Dies sollte bei ihm ein durchgängiges Karriereprinzip werden.
  2. Die Songpoesie. Themen und Bilder der Songs dieser Zeit liegen förmlich auf der Straße. Dylan absorbiert die unruhige Atmosphäre und die offenen Widersprüche der westlichen Welt wie keiner vor und nach ihm. Subterranean Homesick Blues, Mr. Tambourine Man, Ballad Of A Thin Man, It’s Alright Ma, Desolation Row – Allesamt geniale Werke, die sowohl einen aktuellen Bezug, als auch eine universelle Bedeutung besitzen. Mit stimmigen Bildern wird der Kampf des Individuums um Autonomie im Kapitalismus beschrieben. Ein Kapitalismus, der sich heute längst zur globalen Macht aufgeschwungen hat und in seiner neoliberalen Form zur Gefahr für Frieden, Umwelt und Demokratie geworden ist. Denn die Gewinner des Neoliberalismus wollen ihre Pfründe und ihre Art des Wirtschaftens erhalten und nehmen keine Rücksicht auf Demokratie und der notwendigen sozialen Gerechtigkeit und die Verlierer der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowohl in den Zentren, als auch an der Peripherie agieren desparat, irrwitzig oder gewalttätig und suchen wieder einmal Zuflucht in falschen Heilslehren und bei obskuren Führern. Den einen oder anderen damaligen Song von Dylan heute neu gelesen, lässt einen erschaudern, so aktuell klingt er.
  3. Die Musik. Der quecksilbrige Klang. Die Verschmelzung von folkorientierter Songaufbau mit rockorientierter Instrumentierung und Performance. Und Dylans, wie ich meine, bis heute unterschätzte Begabung, Melodien zu schreiben, die im Ohr bleiben. „Like A Rolling Stone“, „I Want You“, „Just Like A Woman“, „Mr. Tambourine Man“ zeichnen sich durch prägnante Melodien aus, die wiedererkennbar sind. Auch dies ist ein Grund für Dylans Erfolg.
  4. Das Bewusstsein für die eigene Musiktradition. Dylan war 1965 und 1966 eindeutig Avantgarde. Durch die Verschmelzung verschiedener amerikanischer Musiktraditionen – weißem Country und schwarzem Blues aus dem Süden, Folk von der Ostküste – und seiner Songpoesie, seinen Themen und seiner exaltiert-arroganten Haltung schuf er etwas bis dahin nicht dagewesenes. Er war die Sonne, um die die Planeten kreisten und rieb sich mit einem anderen Avantgardisten – Andy Warhol. Doch Dylans Musik ist nicht nur nach vorne gewandt, sie ist auch geerdet, hat Wurzeln. Jimmie Rodgers und Robert Johnson, Woody Guthrie und Hank Williams, Pete Seeger und Muddy Waters – ihr Echo hallt in dieser Musik nach. Doch das bemerken damals nur wenige. Umso verwunderter sind sie daher später darüber, welche Musik Dylan dann ab 1967 spielt.

„The Cutting Edge“ wird es in drei Versionen geben. Als „Essential“ auf zwei Scheiben. Als „Best Of“ auf sechs Silberlingen und als „Complete“ auf 16 Discs. Da ist dann quasi jeder Ton, der im Studio aufgefangen wurde, zu hören.

Ich bin gespannt. Natürlich sind viele der Aufnahmen in der Dylan-Welt schon lange bekannt. Aber so eine offizielle Veröffentlichung ist immer noch was anderes. Und doch würde ich mir nun nach den vielen Bootleg-Series Veröffentlichungen aus den 60ern nun auch mal was aus anderen Schaffensperioden des Meisters wünschen. Aus den 70ern, 80ern und 90ern gibt es noch recht viele Schätze zu heben. Voraussetzung der Meister macht das mit.

Biber Herrmann

6. September 2015

Biber_Cover_1523Es gibt Künstler deren Namen hat man schon so lange und schon so oft gehört. Hat immer mal wieder mit Interesse über sie gelesen. Man hat schon gewusst, dass sie gut und wichtig sind, aber aus irgendeinem Grund hat man bislang nicht zu ihnen finden können.

Biber Herrmann war bis Samstag, 29. August 2015, so einer für mich. Natürlich hatte ich die Lesungen von Fritz Rau mitbekommen, bei denen Biber für die musikalische Begleitung sorgte. Aber obwohl oder gerade weil ich Fritz Rau kurz vor seinem 80. Geburtstag interviewen durfte, schaffte ich es nicht auf eine seiner Lesungen. Heute weiß ich, dass ich nicht nur seine großartigen Erzählungen versäumt habe, sondern auch die Auftritte eines der „wichtigsten und authentischsten deutschen Folk- und Blueskünstler“, so Rau über Biber.

Beim Germanicana-Folkfestival in Darmstadt war es aber dann soweit. Biber, weit über die Rhein-Main-Region hinaus bekannt, war unser Headliner. Und was für einer. Ein sympathischer Künstler und Mensch. Und ein fantastischer Musiker. Ein großartiger Instrumentalist und feiner Songwriter.

Ein gutes Beispiel dafür ist seine aktuelles Album „Grounded“. Da stehen eigene Songs lässig neben Coverversionen von Songs aus der Feder von Robert Johnson, Leadbelly oder Bob Dylan. Denn Biber unterzieht sie seiner fürsorglichen, respektvollen Anpassung an seinen eigenen Stil. Musikalisch virtuos interpretiert, mit einer eigenen Lässigkeit und Lakonie gesungen, behalten sie ihre Seele und ihre Aussage. Denn Biber ist keiner, der das alte Bluesschema überstrapaziert. Er lehnt sich an, geht aber eigenständige Wege.

Wie kein anderer versteht es Biber, als Solokünstler Melodieführung, Umspielen der Melodielinie und Rhythmusbegleitung auf nur einem Instrument miteinander so stimmig zu vereinbaren, dass es einen in den Bann zieht. Ich möchte nur einen Song von diesem wunderbaren Album hervorheben, weil er beispielhaft für Bibers Werk ist.

Biber Herrmanns Version von Bob Dylans „Maggies Farm“. Dem alten Mitsechziger Klassiker, der Dylans Rebellentum unterstreicht. Nein, er möchte kein Lohnsklave für irgendjemand sein. Dylan hat seinen Song wie es ihm eben eigen ist, im Laufe seiner Karriere immer wieder in neue Arrangements gesteckt. Tuckerte das Original noch recht solide herum, war die 1976er Rolling Thunder viel entschiedener und lauter in der Ansage, war die 1978er Budokan-Version eine Breitwand-Rockfassung mit japanischen Verzierungen, während die 1984er Version wieder eher konventionell straight nach vorne gespielt war.

Bibers Version ist Blues in seiner besten Form. Leid mischt sich mit Protest, die Musik treibend und wandernd. Denn wer nicht auf Maggies Farm arbeiten will, der muss das Weite suchen. So wie die Schwarzen, die nicht mehr irgendeinem Herren dienen wollten, sich auf den Highway nach Norden begaben.

Biber Herrmanns Version von Maggies Farm – eine der schönsten, die ich kenne – ist es alleine schon Wert, dieses Album in seiner Sammlung zu haben. Aber auch die dreizehn anderen Stücke wie „Angels In The Rain“, „Going Up The Country“ (ebenfalls großartig!), oder „Sweet Nun“ verführen zum bewussten Musik hören. Also: Platte besorgen, CD in den Player und auf Endlosschleife laufen lassen. Endlos schön!

Country, Folk und Blues aus Rhein-Main

18. August 2015

Das „Germanicana-Folkfestival“ hat am 29. August in Darmstadt PremiereGermanicana_Plakat A2_5

Der Geist von Musik-Ikonen wie Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Townes van Zandt liegt in der Luft, wenn am Samstag, 29. August, in Darmstadt zum ersten Mal das „Germanicana Folkfestival“ stattfindet.

„Es war die Idee und Initative von Wolf Schubert-K und wir freuen uns, Geburtshelfer und Paten dieser großartigen Sache zu sein“, erklären Theater-Chef und Sommerblüten-Organisator Klaus Lavies und Thomas Waldherr, Initiator und künstlerischer Leiter der Reihe „Americana im Pädagog“, zur Premiere des „Germanicana Folkfestival“ im Rahmen der Reihe „Sommerblüten 2015“. „Country, Folk, Blues and more aus Rhein-Main“ verspricht das Line-Up dieser Veranstaltung. „Für mich war das ein lang gehegter Herzenswunsch und ich bin froh und dankbar, dass er in Darmstadt endlich in die Tat umgesetzt wird“, so Musiker und Americana-Urgestein Wolf Schubert-K.

Und es hat sich gelohnt, denn das Publikum erwartet ein Americana-Programm vom Feinsten. Mit dabei sind an diesem Tag (Beginn 17 Uhr) im Hof des Hoffart-Theaters (Lauteschlägerstraße 28) der weit über die Region hinaus bekannte Folk- und Blues-Künstler Biber Herrmann, Americana Singer-Songwriter Markus Rill, Wolf Schubert-K & The Sacred Blues Band, die Frankfurter Band „Die DoubleDylans“, sowie die Darmstädter Lokalmatadoren „Candyjane“ und Vanessa Novak. Zwischen den musikalischen Acts wird Roger Jones die Zuhörer mit Poetry unterhalten.

Die Künstler in der Kurzvorstellung

Über Biber Herrmann hat Konzertveranstalter-Legende Fritz Rau einmal gesagt, er sei „einer der authentischsten und wichtigsten Folk-Blues-Künstler in unserem Lande und darüber hinaus. Den traditionellen Blues spielt er mit einer Lebendigkeit, die Herz und Seele berührt.“

Markus Rill ist ein großartiger Storyteller. Rill hat die Gabe, die ganze breite Palette menschlicher Empfindungen in Worte und Musik zu kleiden. Mal voller Humor und Optimismus, mal nachdenklich, mal traurig. Er lernte sein Handwerk in Austin/Texas und wurde schon mit mehreren internationalen Songwriterpreisen ausgezeichnet.

Wolf Schubert-K. war bereits in den 90er Jahren als Pionier des Alternative Country unterwegs. Mit der Sacred Blues Band haben sich gestandene Musiker zusammengetan die was zu sagen haben: Folksongs, Country, Gospel und Roots-Rock Elemente bilden das Fundament für die Geschichten zwischen Zusammenbruch und Aufbruch.

Die DoubleDylans sind Deutschlands außergewöhnlichste Bob Dylan-Coverband. Seit 1999 haben sie auf stets originelle Art ohne falsche Scheu, aber dafür mit viel Sinn für grotesken Humor die Songs des Meisters in ihren Frankfurter Mikrokosmos zwischen Taunus und Ebbelwoi, Gallus und Marrakesch überführt.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound, teils mit traditionellen Songs, teils mit Eigenkompositionen, die dem Regen huldigen, sehnsüchtige Wasserschnecken besingen oder von alltäglichen Fußangeln und schwarzen Löchern handeln, von Ungeziefer und erloschener Liebe.

Angelehnt an die Americana-Folk Tradition spielt die Deutsch-Amerikanerin Vanessa Novak eine eigene Mischung aus Folk-Blues und Country. Geboren in Detroit und aufgewachsen mit der Musik von Johnny Cash und Dolly Parton ist Vanessa Novak aus Darmstadt eine der authentischsten Songwriterin der deutschen Folk und Americana-Szene.

Und zwischen den Music-Acts slammt sich Poet Roger Jones durch die Americanische Musikgeschichte: bildhaft, schnell und poetisch!

Ein Festival für die Americana-Singer-Songwriter-Szene der Region

„In Rhein-Main gibt es eine rege Americana-Singer-Songwriter-Szene. Mit dem „Germanicana-Folkfestival soll sie sich in regelmäßigen Abständen treffen. Der Charakter soll irgendwo zwischen Festival und Jam-Session angesiedelt sein, so wird ein Schwerpunkt auch darauf liegen, dass die unterschiedlichen Acts auch in verschiedenen Kombinationen auf der Bühne stehen werden. Die Musik, das Publikum und unsere gegenseitige Wertschätzung stehen für uns im Mittelpunkt“, erläutert Schubert-K. die Intentionen der Veranstaltung.

Klaus Lavies und Thomas Waldherr indes freuen sich auf einen guten Zuschauerzuspruch. „Wer hier lebt und Country, Folk und Blues mag, der darf das „Germanicana-Folkfestival“ nicht versäumen“, wünscht sich Waldherr viele Besucher aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Tickets gibt es im Vorverkauf online unter http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html oder in Darmstadt im Darmstadt-Shop im Luisencenter, Luisenplatz 5, 64283 Darmstadt, Tel. 06151-134513.

AustroBob

23. April 2015

AustrobobJa, auch ich hatte einmal Berührungspunkte mit dem Wiener Kreis der österreichischen Dylan-Freunde. Wobei Wiener Kreisel auch keine schlechte Bezeichnung wäre, ob der spielerischen Leichtigkeit, der Eleganz und dem Schmäh, mit dem sie ihre Dylan-Thesen zirkulieren ließen und ihre gekonnten intellektuellen Steilvorlagen stets treffsicher einnetzten.

1998 schrieb ich einen Artikel für die Zeitschrift „Parking Meter“ – auf den ich sehr stolz war und für dessen Veröffentlichung ich den „Parking Meter“-Leuten immer noch dankbar bin – und verbrachte ein Dylan-Wochenende auf der berühmten Burg Plankenstein. Mir war dort damals die permanente Beschäftigung mit Dylan, das permanente Reden über Dylan dann aber irgendwann zu viel. Ich wurde etwas mitleidig angeschaut, weil ich vorzeitig abreiste, und lieber den Meister bei Rock im Park in Nürnberg sehen und hören wollte. Aber damals fand ich einfach keine rechte Bindung zum Spiel des Wiener Dylan-Teams. Schade, aber die Zeit war wohl einfach nicht danach, man kann es nicht mehr ändern.

Nun – viele Jahre, viele Dylan-Konzerte, viele eigene Dylan-Artikel, die Erfahrung des Frankfurter Dylan-Symposiums, eine Reihe eigener Dylan-Abende, einen eigenen Blog und eine eigene Buchveröffentlichung weiter – ist nun AustroBob erschienen. Das ultimative Buch über die österreichische Dylan Rezeption. Und siehe da, die Lektüre war ein großes Vergnügen.

Auf kluge Art und Weise erzählt der Band die verspätete Entdeckung Dylans in Österreich. Stellt die vielen bekannte Dylan-Platte von Wolfgang Ambros in diesen Zusammenhang. Literaten, Musiker und Intellektuelle wie Michael Köhlmeier, Ilse Aichinger, Andreas Spechtl und eben Wolfgang Ambros schreiben teils in sehr persönlichen Geschichten und Beiträgen über ihre Beziehung zum Bob und dessen Bedeutung für sie. Es ist ein teilweise brillantes, teilweise anrührendes und teilweise einfach unterhaltsames Buch. Ein Muss für jeden Dylan-Freund, der sich ernsthaft mit der Wirkung und der Bedeutung des Künstlers auseinandersetzt.

Und am Ende entdeckte ich auch den Beitrag zu „Parking Meter“ und die Abbildung des Titelbilds, auf dem mein Name und mein Artikel aufgeführt war. Die Zeitung gibt es nicht mehr, aber die Protagonisten sind weiterhin aktiv. Die Wiener Traditionsmannschaft spielt also noch. Gut so, denn vielleicht kann ich ja doch nochmal irgendwann eingewechselt werden.

AustroBob, Falter Verlag Wien, 216 Seiten, EUR 29,90.

„Just A Picture From Life’s Other Side“

15. März 2015

Seminar untersucht die gesellschaftlichen Hintergründe von Country, Folk & AmericanaBroschüre 1

Ein besonderes Bildungsangebot für Country & Folk-Freunde veranstaltet das Fridtjof-Nansen-Haus in Ingelheim in Zusammenarbeit mit der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V. und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli. Zwei Tage lang beleuchtet der Country.de-Redakteur und Bob Dylan & Americana-Experte Thomas Waldherr unter dem Titel „Just A Picture From Life’s Other Side“ die soziokulturellen und politischen Hintergründe von Folk, Country & Americana vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.

Wie sich die politische Entwicklung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, die Politik des New Deal, der Kalte Krieg und der Aufbruch der 1960er Jahre auf die Folk- und Countrymusik ausgewirkt hat, wird dabei ebenso anhand vieler Musikbeispiele nachgezeichnet, wie ein Blick nach vorne gewagt wird, in dem auf die aktuelle Americana-Szene im Zusammenhang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA eingegangen wird.

In Workshops können dann die Teilnehmer ausgewählte Songs besprechen oder selber unter der Anleitung von Country.de-Redakteur und Johnny Cash-Kenner Bernd Wolf und Elisabeth Erlemann („Sweet Chili) Folk- und Countrysongs schreiben und einüben. Am Samstagabend endet dann das Seminar mit einem Konzert von „Sweet Chili“ und Workshopteilnehmern.

Die Teilnahmegebühr beträgt für Erwachsene 55 Euro, ohne Übernachtung 35 Euro. Für Jugendliche, Referendare und Studierende 35 Euro mit Übernachtung und 20 Euro ohne Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in Doppelzimmern, für Einzelzimmer wird ein Zuschlag von 25 Euro berechnet. Anmeldung bei: Anmeldung bei: Stefanie Fetzer, Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim, Tel. (06132) 79003-16, Fax (06132) 79003-22, E-Mail fna@wbz-ingelheim.de, Internet http//www.fna-ingelheim.de/Anmeldung.

Und hier geht’s zum detaillierten Programm: http://www.atlantische-akademie.de/folk-seminar-2015

 

Two Ol‘ Blue Eyes

10. Dezember 2014

Bob-Dylan-Shadows-in-the-NightJetzt ist es also amtlich. Bob Dylans kommendes Studioalbum heißt „Shadows In The Night“ und erscheint am 3. Februar 2015. Es enthält nur Sinatra-Songs. Wir sind gespannt, inwieweit es geklappt hat, die Arrangements für 30 Personen-Bands auf die Dylan’sche Five Piece Band umzuschreiben und wie zu allem Dylans Stimme harmoniert. Einen kleinen, zu wenig aussagekräftigen Vorgeschmack haben wir schon bekommen. So durften wir doch schon mit „Full Moon And Empty Arms“ als erste Auskopplung sowie „Stay With Me“ als Zugabe auf der letzten Tour hören.

Dylan und Sinatra – da war doch was. Richtig. Auch wenn Bobby Blue Eyes als Singer-Songwriter das Musikbusiness revolutionierte und die Tin Pan Alley gleichsam ruinierte, seine Ehrfucht vor dem Great American Songbook als eine – wenn auch die am wenigsten hörbare – Wurzel seiner Musik begleitet ihn schon über lange Zeit. Die Verehrung für Sinatra ist ehrlich. Ein bewegendes Dokument ist die große TV-Show zu Frankies 80. Geburtstag, bei der Dylan eine wunderschöne Fassung seines „Restless Farewell“ zu Ehren des großen Sängers intoniert.

Musikalisch war von einer Beziehung zu Swing- und Jazzschlager in Dylans Werk bislang wenig zu spüren. Allein das für ihn äußerst ungewöhnliche „If Dogs Run Free“ von 1970 (LP „New Morning“) mit jazziger Melodieführung und mit Frauen-Scatgesang als zweite Stimme lässt sich bis in die jüngste Zeit als Beleg anführen. Seine Weihnachtsplatte „Christmas in The Heart“ 2009 und seine Radio Show waren dagegen echte Zeichen dafür, welche Pläne bei Dylan reiften.

Nun also „Bob sings Frank“. Der erfolgreichste Sänger mit der umstrittensten Stimme der Rockgeschichte singt die Songs von dem, der so unangefochten war, dass man ihn nur „The Voice“ nannte. Ganz schön selbstbewusst, der alte Bob. Dylan spricht davon die „totgecoverten“ Songs wieder auszugraben: „Sie wurden begraben, um ehrlich zu sein. Meine Band und ich graben sie wieder aus. Heben sie aus ihrem Grab und bringen sie zurück ans Tageslicht.“

Wirklich ganz schön selbstbewusst, der alte Bob. Und das ist auch gut so. Es gab Zeiten, da traute er sich gar nichts mehr und am Ende kam auch nur Halbgares raus. Nun traut er sich seit geraumer einfach wieder, seinen Weg mit seiner Vorstellung von Musik zu  gehen. Das kann eigentlich nichts Schlechtes werden.

Hören wir hier nun den Beitrag von Dylan zum Sinatra-Geburtstag sowie „Full Moon And Empty Arms“:

 

 

Deutscher Talking Blues Master

6. Dezember 2014

Was Hannes Wader mit Americana verbindet

Hannes_Wader_Sing„Nein, ich bin nie ein Rocker gewesen“, sagt die mittlerweile 72-jährige deutsche Liedermacher-Legende Hannes Wader über sich. Und tatsächlich ist er auch nie über Bob Dylans „The Freewheelin“ herausgekommen, ist schon der Folk-Rocker ihm fremd geblieben, so dass er schlecht als deutscher Dylan-Epigone durchgeht. Das haben andere später nach ihm gemacht. Leider allzu trivial, doch das wäre ein anderes Thema.

Wenn der Ostwestfale, der schon vor langer Zeit Norddeutschland als seine Heimat entdeckt hatte, nun Anfang nächsten Jahres mit „Sing“ ein neues Album vorlegt, dann lohnt es doch genau hinzuhören. Sicher, die französischen Wurzeln seines Liedermachertums waren stets größer. Eben Francois Villon. Oder das Vermächtnis des Schweden Carl Michael Bellman. Aber schon mit dem zweiten Song auf dem Album beweist er, dass er ein Folkie ist, der unzweifelhaft auch seine Americana-Wurzeln kennt. „Wo ich herkomme“ ist ein meisterhafter Talking Blues. Wader beherrscht dieses Subgenre wie kein zweiter in unseren Landen. John Lee Hookers „Tupelo“, Woody Guthries „Talking Dust Bowl Blues“, oder Dylans “Talking World War III Blues“ – hinter alldem müssen sich Waders „Tankerkönig“ oder „Rattenfänger“ nicht verstecken. Wader entwickelte das Genre weiter, durch politische Konkretheit, irrwitzige Geschichten und seinen derben schwarzen Humor.

Auch wenn die Burg Waldeck ein sehr deutsches Phänomen gewesen ist. Auch sie wäre nicht ohne das US-amerikanische Folk-Revival möglich gewesen. Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan lieferten den musikalisch-politischen Resonanzkörper für Sänger wie Wader oder Hein und Oss. Am entferntesten von der US-Kultur waren sicherlich Leute wie  Degenhardt oder Süverkrüp, schon damals Parteigänger der Kommunisten. Und doch – bei aller berechtigten Amerika-Kritik bezüglich Vietnam-Krieg und Rassismus – war doch Amerika auch – konkret das „andere“ Amerika – ein Einfluss, der schwer zu leugnen ist.

So auch bei Wader. Von ihm gibt es ein paar Dylan-Songs auf Deutsch, vor allem aber die Zusammenarbeit mit den Dylan-Zeitgenossen Deroll Adams und Ramblin‘ Jack Elliott auf den legendären CDs „Folk Friends“. So halten sich die Country, Folk und Blues-Einflüsse sowie die irischen die karibischen (!) – da hat der alte Knorrer bestimmt viel Spaß gehabt – auf „Sing“ auch die Waage.

„So wie der“ ist ein starker Auftakt. Über die Begegnung mit einem alternden Straßensänger gerät Wader in die Erinnerungen seines Folkie-Lebens. „Folksinger’s Rest“ erzählt von einer musikalischen Einkehr in Irland. „Morgens am Strand“ erzählt über fröhlich-karibischen Urlaubsklängen wie eine tote schwarze Frau an den Touristenstrand gespült wird. Und „Arier“ ist dann wieder ganz die einfach nicht totzukriegende – weil immer noch und immer wieder geschehende – Geschichte vom Grauen hinter den idyllischen Fassaden.

„Sing“ ist ein weiteres, schönes Alterswerk von Hannes Wader, der wohl, so zeigt es sein Live-Programm auf, sich immer stärker seinen amerikanischen Einflüssen stellt. Denn immer wieder mal beendet er sein Programm mit einem lupenreinen und für ihn wunderbar programmatischen alten Countryhit: Roger Millers „King Of The Road“.

„Things Have Changed“ & „Observations Of A Crow“

4. Oktober 2014
Bob & Marty, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Bob & Marty, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Vor einiger Zeit hatte ich hier an der Stelle über die Beziehung von Bob Dylan zu Marty Stuart, dem „Spiritus Rector“ der Countrymusik, geschrieben. Ein Aspekt war damals die große Ähnlichkeit von Bobs „Things have Changed“ zu Martys „Observations Of A Crow“. Manche in den Verschwörungstiefen des Internets waren damals schnell an der Hand, Bob des Diebstahls zu bezichtigen.

Marty hat nun dem Online-Magazin „American Songwriter“ erklärt, wie normal so etwas in der Roots Music ist und wie es wirklich war. “Ich lud ihn in mein Lagerhaus ein, damit er all meine Countrymusik-Schätze sehen konnte. Da sagte Bob: „Hey, ich mag diesen ‚Crow-Song‘. Vielleicht leih ich mir von dem Mal was aus“. „Klar, sagte ich, möglicherweise habe ich es ja von Dir zuerst ausgeliehen, mach nur!“

Wo die Musik auf drei Akkorden und den Wurzeln aus Folk, Country und Blues basiert, da kommt es notwendigerweise ständig zum sich aneignen vorhandenen Materials. Songs wandern von Künstler zu Künstler. Stuart schickte eine Zeit lang dem bekannten Nashville-Songwriter Harlan Howard sogar jedes Jahr im Januar 100 Dollar. „Für alles was ich von ihm gestohlen habe. Es war ein ‚Running Joke‘ zwischen uns.“

Und Stuart geht sogar noch weiter: „Die Fülle der Songs, die hier (Nashville) geschrieben wurden und werden. Wie kann man es da vermeiden, immer wieder in die Fußstapfen des anderen zu treten, so wie wir es tun?“

„Love And Theft“ hieß Dylans Album von 2001. Eines der Grundsätze des American Folk ist damit treffend beschrieben. Diebstahl aus Liebe und keiner regt sich auf. Denn ohne dieses Prinzip kann es schlichtweg keine Folkmusik geben. Allzu schnell Empörten sei dies ins Stammbuch geschrieben.