Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

Bob Dylan und „Black Music“

11. Mai 2018

Dass Bob Dylan seine Wurzeln auch im Blues hat, ist hinlänglich bekannt. Seine Beziehung zu Gospel, Soul und Rap lohnt aber einer genaueren Betrachtung

Die Generation aus der Bob Dylan stammt hat den Blues der Schwarzen aufgesogen, war doch die Musik der unterdrückten Afroamerikaner für diese rebellische Jugend ein perfektes Ausdrucksmittel gegen die Kultur ihrer Eltern, die musikalisch in den Zentren Classic Urban Pop und im ländlichen Raum Country Music hörte. Das war bei Dylan auch nicht anders, jedoch hat der schon früh in seinem Werk auch die Verbindungslinien vom Blues zum Country offengelegt. So ist „Only A Hobo“ beispielsweise von Jimmie Rodgers beeinflusst, der Blues und Hillbilly-Elemente zusammenführte und somit zum „Vater“ der klassischen Countrymusik wurde.

An der Seite der Bürgerrechtsbewegung
Dylan hat seine ganze Karriere über Blues gespielt und ist somit – ohne dieses Label direkt zu tragen – im Grunde einer der wichtigsten und einflussreichsten weißen Bluesmusiker überhaupt. Zudem ist er schon in jungen Jahren ein Bewunderers der Gospel Music der Staple Singers gewesen, mit Mavis Staples war er eine Zeit lang liiert, seinen Heiratsantrag in jungen Jahren lehnte sie ab. Dylan gehörte der jungen weißen Generation an, die ganz selbstverständlich mit den Schwarzen als ihnen gleichberechtigte Menschen umging und sich für deren Rechte einsetzte. Er spielt in seiner Frühzeit in New York im Vorprogramm von John Lee Hooker. Er reiste im Juli 1963 mit Pete Seeger und Theodore Bikel in den Süden, um die Bürgerrechtsbewegung zu unterstützen und er spielte mit Joan Baez bei „March to Washington“ im August 1963, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt.

Die schwarze Community wurde natürlich auf den jungen weißen Freiheitssänger aufmerksam. Insbesondere natürlich die schwarzen Musiker. Sie ließen sich von ihm inspirieren wie Sam Cooke, dessen „A Change Is Gonna Come“ eine direkte Antwort auf „Blowin In The Wind“ darstellt. Oder sie sangen seine Lieder. So wie die schon erwähnten Staple Singers. Oder Odetta oder Nina Simone oder Jimi Hendrix. Sie alle spielten bereits in den 1960ern Dylans Songs. Und 1969 nahm ein von Lou Adler zusammengestellter Gospel-Chor Dylan-Songs unter dem Titel „Dylan’s Gospel“ auf. Mit dabei Clydie King, die in den frühen 1980ern dann Dylans Backgroundsängerin und Freundin werden sollte. Doch dazu später mehr. Die Linie der schwarzen Musiker, die Dylan geschätzt und gecovert haben führt über die O’Jays, Solomon Burke und Bobby Womack bis hin zu Bettye LaVette, die soeben unter dem Titel „Things Have Changed“ ein Soul-Album mit Dylan-Songs veröffentlicht hat. Eine schöne Sammlung zu diesem Thema ist unter dem Titel „How Many Roads. Black America Sings Bob Dylan“ erschienen.

Und Dylan blieb der schwarzen Community und deren Problemen wie Kriminalisierung und Rassimus auch in den 1970ern treu. Nicht von ungefähr stellen seine beiden einzigen wirklichen Protestsongs dieser Dekade schwarze Protagonisten in den Mittelpunkt. 1971 den erschossenen Black Panther-Führer George Jackson und 1975 den zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxer Rubin „Hurricane Carter“. Zum großen Benefizkonzert kam dann auch Muhammad Ali in den Madison Square Garden. Übrigens war Black Panther-Mitbegründer Huewy Newton ein großer Dylan-Fan. Wobei er sich weniger von den Bürgerrechtssongs, also von Dylans Rockmusik begeistert zeigte. Letztlich hat sich Dylan aber wohl – es soll bei einem Treffen zu einem Disput zwischen den Panther-Funktionären und dem Sänger gekommen sein – wegen der Gegnerschaft der Panther zu Israel sich dann nie wirklich für sie verwendet.

Dylan entdeckt den Gospel für sich
Eine tiefere, systematische Beschäftigung mit der schwarzen Musik jenseits vom Blues jedoch begann für Dylan dann mit seiner Welt-Tournee 1978 und den darauf folgenden „Born Again“-Jahren. „Street Legal“ war schon gekennzeichnet durch Soul- Rhythm & Blues sowie Gospel-Elementen, und es wurde erstmals bei Dylan ein Background-Chor schwarzer Sängerinnen eingeführt. Verstärkt wurde das dann durch seinen Übertritt zum Christentum. Denn Bob spielte fortan schwarzen Gospel, keinen weißen Country-Gospel. Und es war die schwarze Schauspielerin Mary Alice Artes, die ihn bei seiner Konvertierung zum Christentum unterstützte.

Dylan verband übrigens mit einigen seiner schwarzen Backgroundsängerinnen mehr als nur die Musik. so war er eine Zeit lang mit besagter Clydie King liiert – es gibt ein wunderschönes Video der beiden, wie sie Abraham, Martin & John singen und die tiefe Zuneigung überhaupt nicht zu übersehen ist. Und mit Carolyn Dennis war er dann Mitte der 1980er verheiratet und hat mit ihr auch ein Kind.
Bis in die frühen 1990er Jahre spürt man in seiner Musik den Einfluss von Rhythm & Blues, Soul und Gospel. Insbesondere sein 1985er Album „Empire Burlesque“ atmet – unabhängig von den bekannten Qualitätsproblemen bei Songs und Produktion – viel Soul und Funk. 1986 nimmt er zur Verblüffung vieler bis heute einen Song zusammen mit dem Rapper Kurtis Blow auf. Was von vielen als künstlerische Desorientierung Dylans in den 1980ern angesehen wird, ist meiner Meinung nach ein Zeugnis für die Hochachtung Dylans vor der schwarzen Musik in all ihren Ausprägungen. 1986 und 1987 tritt er zusammen mit den Queens Of Rhythm als Background-Sängerinnen auf, Gospel-Einflüsse halten sich weiterhin in seiner Musik.

Blues und Jazz
Mit seinen Alben „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ erinnert er sich dann wieder an seine Blueswurzeln. Aber diesmal auch an die schwarze Musik, die es fernab dem typischen Delta-Blues gab. Er spielt „Frankie & Albert“, einem Stoff, der u.a. auch von den Songsters – nicht Bluesern! – Leadbelly und Mississippi John Hurt bekannt ist. Und „World Gone Wrong“ ist auch eine Reminiszenz an die Mississippi Sheiks, einer Gruppe von Unterhaltungsmusikern aus dem Süden, deren Repertoire weit über den klassischen Blues hinausging.

Bis heute sind all diese Einflüsse – Blues, Soul, Funk, Rythm & Blues – in seiner Musik vorhanden. Sogar Ausflüge in den Jazz gibt es zu notieren. Wie zum Beweis ist gerade „United We Swing: Best of The Jazz at Lincoln Center Galas“ erschienen, auf dem Dylan mit dem Winston Marsalis Septet „It Take A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry singt und dabei Mundharmonika spielt. Die ebenfalls auf einer dieser Galas Anfang der 2000er Jahre verjazzte Version von Don’t Think Twice“ hat es leider nicht auf die Platte geschafft.

Und wenn man sich heute seine Konzerte anhört, dann hat „Blowin‘ In The Wind“ mittlerweile einen starken Gospel-Soul-Touch. Bob Dylan ist bis heute ein kultureller Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß geblieben. Auch das ist eine Qualität für sich im heutigen Amerika.

The O’Jays sing Bob Dylan:

Bob Dylan sings Solomon Burke:

Dylans feiner Brand

4. Mai 2018

Warum Dylan und Whiskey eine logische Verbindung sind

Photo Credit: Heaven’s Door

Jawoll, jetzt kann man endlich mit höchstem Segen Whiskey trinken. Nach dem Bob Dylan seinen „Heaven’s Door“-Whiskey auf den Markt hat, ist man als Whiskey-Trinker geadelt. Erst der Nobelpreis, der einen als Dylan-Fan gleich mit ausgezeichnet hat, nun der Dylan-Whiskey, der aus dem schnöden Schnapstrinker einen Connoisseur amerikanischen Kulturguts macht.

Aber im Ernst. Dylan und Whiskey ist eine logische Verbindung. Da sind die vielen Reverenzen zum „Wasser des Lebens“ wie die Kelten den Whiskey nannten im Dylan’schen Oeuvre. In „Cooper Kettle“ liefert er die Anleitung zum Whiskeybrennen: “ Get you a copper kettle, get you a copper coil. Fill it with new made corn mash and never more you’ll toil“. In „Moonshiner“ singt er „For seventeen long years, I’ve spent all my money, On whiskey and beer“. „Moonshine-Whiskey“ ist ja bekanntermaßen der schwarzgebrannte Schnaps. Und der Begriff „Bootleg“ für eine unautorisierte Schallplatte stammt ja aus der Prohibitionszeit, als der Whisky im Stiefelschaft geschmuggelt wurde. „Bootleg-Whiskey“ in his hand“, heißt es in „Blind Willie McTell“. Und mit “Might like to drink whiskey, Might like to drink milk” preist er ja auch im ansonsten fürchterlich bigotten „Gotta Serve Somebody“ das geistige Getränk ganz selbstverständlich an. Dylan ist ein wirklicher Whiskey-Afficionado, keiner der aus Langeweile noch irgendein Feld für Investitionen sucht. Daher ist die in Deutschland mal wieder bemühte Gehässigkeit in der Berichterstattung nur als lächerlicher Anti-Dylan-Reflex zu werten.

Bleiben wir da doch lieber beim schönen, wahren, wohlschmeckenden Getränk. Schließlich gibt es ja da noch die schöne Geschichte, dass Bob Dylan ja Mitglied der Scotch Malt Whisky Society ist, seit er sich absolut begeistert über einen Singleton Malt Whisky gezeigt hat. Und dass dann auch noch Nashville der Ort ist, wo Dylans Destillery eröffnen soll, ist natürlich ein Grund mehr der Music City mal wieder einen Besuch abzustatten.

Und trotzdem bei aller Begeisterung für den Brand, der demnächst – sobald er hier erhältlich ist – dann auch bei „Americana im Pädagog“ zur Konzert-Nachlese ausgeschenkt wird: Eine Album mit neuen Dylan-Songs wäre jetzt aber auch ganz schön!

Und hier geht’s zur Homepage des feinen Dylan-Stöffchens:
https://www.heavensdoor.com/whiskey/

Der Orchester-Chef

27. April 2018

Bob Dylans Konzert in Baden-Baden ist ein musikalischer Genuss

Ja, das Festspielhaus in Baden-Baden war ein absolut würdiger Rahmen für das, was Bob Dylan da am vergangenen Montagabend veranstaltete. Zwar waren aufgrund der Location, der Preise, dem Image des Ereignisses als Event und der Stadt Baden-Baden selber einige gekommen, die ihr Großverdienertum offensiv zur Schau stellten, aber das minderte nicht das Vergnügen über die musikalische Performance Dylans, die am Ende durchaus in die Kategorie „Triumph“ eingestuft werden kann.

Wenn man sich ein paar Jahre zurück erinnert, so waren Dylans Konzerte von einer ständig wechselnden Setlist, Proben auf offener Bühne sowie dem Nichtgesang der Hauptfigur geprägt. Dennoch entstand vor den Augen und Ohren des Publikums immer wieder große Kunst. Seit einigen Jahren nun schon spielt Dylan Abend für Abend das Gleiche. Dass sich die Konzerte dennoch von Tour zu Tour deutlich unterscheiden, liegt an der ungebrochenen Lust des Künstlers, unablässig an den Songs zu arbeiten. Immer wieder neue Arrangements und längst ist das, was man da geboten bekommt, nicht mehr mit dem Begriff „Rock-Konzert“ zu beschreiben. Die Aneignung der Klassiker des Great American Songbook hat das Talent als Arrangeur, das Dylan ohnehin immer besaß – man denke an die 78er-Tour „Big Band-Tour“ – nochmals auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. Mittlerweile rangiert der musikalische Rahmen, den Dylan seinen Konzerten setzt, irgendwo zwischen Jazz- und Klassik-Konzert. Tatsächlich: Was man hört sind Rock, Folk, Country, Blues, Gospel und Soul, also populäre Musik – aber der formale Rahmen stammt aus der Welt der Kunstmusik. Dylan orchestriert seine Musik. Da sind die Soli, die Gesangsparts und das Zusammenspiel klar verteilt und geplant, so dass die Musik immer perfekter wird. Das vermindert den improvisatorischen Anteil, aber das tut dem während des Konzerts immer größer werdenden Vergnügen keinen Abbruch.

Denn die Neu-Arrangements sind stimmig. Außer bei „Tangled Up in Blue“, dessen Arrangement ich immer noch nicht nachvollziehen kann. Aber „Pay In Blood“, das ein dem blutrünstigen Titel angemessenes musikalisches Kleid – voller „Suspense“ wie Hitchcock gesagt hätte – verpasst bekam, Thunder On The Mountain – der großartige Höhepunkt des Konzerts – oder „Tryin To Get To Heaven“ gewinnen deutlich. Dylan gibt den Orchester-Chef am Klavier, der Lust am Pianospiel hat und oftmals damit auch die Melodielinien vorgibt. So verbringt er denn auch die meiste Zeit am Klavier stehend oder sitzend und traut sich nur viermal in die Bühnenmitte ohne Instrument an den Mikrofonständer. Und die Mundharmonika – das typische Hillbilly-Instrument – kommt in seinem jetzigen musikalischen Konzept auch gar nicht vor.

Stattdessen singt er wie bereits auch im letzten Jahr so gut und verständlich wie lange nicht mehr. Um so wichtiger, denn sonst wäre es ja noch schwieriger so manchen Titel zu erkennen. Was nicht für die Klassiker „Don’t Think Twice“ oder Ballad Of A Thin Man“ gilt, die man deutlich an der doch für Dylan’sche Verhältnisse recht großen Nähe zum Original erkennt. Dabei sind die Lieder keineswegs zugunsten irgendeiner Altersmilde textlich gezähmt. Da revidiert sich Dylan nicht. Die Grundaussagen bleiben, wenn auch Dylan wie bei „Simple Twist Of Fate“ – am Montag ebenfalls in einer wunderschönen Fassung zu hören – oder bei „Tangled Up In Blue“ durchaus immer wieder mal neue Lyrics einstreut. Für Dylan sind seine Songs immerwährende Aufgaben. Der Mann lebt seine Songs.

So wie seine Konzerte, die er auch mit nun fast 77 Jahren immer noch voller Disziplin – er beginnt auf die Minute pünktlich und endet fast genau nach 100 Minuten – und voller Leidenschaft und Spielfreude absolviert. Und so endet dann dieser große orchestrale Abend als Triumph mit Standing Ovations und der Freude, dass Dylan auch im hohen Lebensalter immer noch zu überraschen weiß. Und dass er überhaupt nicht den Anschein erweckt als sei für ihn – wie es derzeit Altersgenossen und Weggefährten wie Joan Baez oder Paul Simon – die Sache mit den Tourneen nun vorbei. Im Gegenteil: das erste Konzert für den Sommer ist bereits angekündigt. Die Kreise, die er zieht, werden auch nicht kleiner – es geht wieder einmal nach Japan!

Johnny Cash: Forever Words – The Music

20. April 2018

Texte aus dem Nachlass von Johnny Cash wurden in wunderbarer Weise vertont und liefern einen neuen Blick auf die Legende des „Man in Black“

Wohl dem Künstler, der einen talentierten Nachlassverwalter hat. Bei Woody Guthrie sorgt seine Tochter Nora dafür, dass seine Musik und die Texte immer wieder neuen Generationen von Musikern nahegebracht werden. Die Aufnahmen von Wilco und Billy Bragg haben bereits Kultstatus und Del McCourys Vertonungen lieferten den Beweis, dass Woody tief im Innern ein Hillbilly-Musiker gewesen ist. In Hank Williams Familie war wenigstens jemand so schlau, dessen nachgelassene Texte dem großen Hank-Fan Bob Dylan zu überlassen, der sie dann mit vielen anderen Musikern unter dem Titel „Lost Notebooks“ vertonte. Nur nebenbei: Auch das Hank Williams-Museum in Montgomery, Alabama, das nichts anderes als eine runtergekommene Devotionalien-Rumpelkammer ist, würde einen guten Kurator dringend benötigen. Und Dylan selbst ist wiederum schon jetzt sein eigener Nachlassverwalter, er spielte eigene Texte aus der Basement-Tapes-Zeit T-Bone Burnett zu, der sie dann kongenial von einer Künstlerschar rund um Elvis Costello, Marcus Mumford und Rhiannon Giddens mit Musik unterlegen ließ.

Zu diesen gelungenen Projekten fügt sich nun auch „Johnny Cash: Forever Words – The Music“. In diesem Fall ist John Carter Cash der Nachlassverwalter. Als Singer-Songwriter weit im Schatten seiner Schwestern Rosanne und Carlene stehend, hat er mit der Pflege von Vater Johnnys Nachlass seine Berufung gefunden. Hatte man auch hier und da die Befürchtung, Carter Cash würde den Nachlass – Achtung Wortspiel! – zu sehr als reine „Cash-Cow“ betrachten, legt er mit diesem Album nun sein Meisterwerk vor. Unterstützt vom nordirischen Poeten Paul Muldoon und dem New Yorker Produzenten Steve Berkowitz wurden die Texte der 2016er Buchveröffentlichung „Forever Words“ gesichtet und mit sehr unterschiedlichen Musikern der Country- und Americana-Szene eingespielt. Das Spektrum reicht vom Mainstream Country-Star Brad Paisley über Altmeister wie John Mellencamp und T Bone Burnett bis hin zu den Töchtern Rosanne und Carlene. Am überraschendsten ist sicher die Mitwirkung des 2017 verstorbenen Grunge-Rockers Chris Dornell. Ganz am Anfang der Platte stehen natürlich die beiden Freunde und Weggefährten Kris Kristofferson und Willie Nelson, wunderschöne Beiträge haben auch Allison Krauss, Jewel und „I’m With Her“ beigesteuert.

Die Texte und Themen der Songs sagen einiges aus über Johnny Cashs Blick auf das Leben. Er war gläubig ohne missionarisch oder fanatisch zu sein. Er liebte die Menschen und hasste daher sinnlose Gewalt und Krieg. Rosannes Beitrag „The Walking Wounded“ über das Leiden eines Vietnam-Veteranen legt hiervon Zeugnis ab. Aber auch sehr persönlichen Themen hat sich Cash literarisch gestellt. Dornells Beitrag „You Never Knew My Mind entstand unmittelbar nach Cashs Scheidung von Vivian Liberto 1967.

Das Album zeigt noch einmal auf, wie Cash sich verstand. Auf der Seite der Beladenen auf der Seite der Liebe. Und daher ist Johnny Cash bei all seinen Widersprüchen keiner, den die heutige politische Rechte in den USA für sich reklamieren könnte. Und jeder Versuch wird von der Familie Cash auch in großer Einigkeit abgewehrt. Auch Johnny Cash steht für ein Amerika, das es so derzeit nicht mehr gibt. Umso wichtiger ist dieses Album, das eines der besten seiner Art ist. Respekt, John Carter Cash!

Betty LaVette: Things Have Changed

20. April 2018

Bettye LaVette hat mit „Things Have Changed“ ein fantastisches Album aufgenommen, das viel mehr ist, als nur ein Dylan-Cover-Album.

Bob Dylan hat ein Oeuvre erschaffen, das einen schier unermesslichen amerikanischen Musikschatz darstellt. Jede Spielart der amerikanischen Populärmusik hat er sich im Laufe seiner Karriere angeeignet, sich in ihr ausgedrückt. Vom Folk und Blues zu Rock zu Country bis hin zu Gospel, Jazz, und Great American Songbook. Ja und es gibt auch Rap und Soul in seinem Werk zu finden. Man findet die Dylan-Soulmomente beispielsweise auf „Slow Train Coming“. Klar, denn er spielte ja schwarze Gospelmusik, da ist der Soul ja nahe. Aber auch auf „Infidels“ oder „Empire Burlesque“ gibt es sie. Oder man erinnere sich an seine großartige Version von Sam Cookes „A Change Is Gonna Come“ 2004 zum 70. Geburtstag des New Yorker Apollo Theater.

Daran hat sich Bettye LaVette nur teilweise orientiert. So sind auf ihrem neuen Album „Things Have Changed“ natürlich Coverversionen von „Do Right To Me Baby“ (Slow Train Coming), Don’t Fall Apart on Me Tonight (Infidels) sowie „Seeing The Real You At Last“ und „Emotionally Yours“ von „Empire Burlesque“ enthalten. Doch abseits des Naheliegenden hat sie auch ganz andere Songs in ihr Soul-Universum überführt. Sie hat sozusagen die Dylan-Momente aufgespürt, die in anderen Genres liegen und nur auf die „Ver-Soulung“ warten. Aber sie hat Dylans Songs nicht nur „ver-soult“, sie hat sie sich gänzlich angeeignet.

Denn wer hätte „Things Have Changed“ auf einer Soul-Platte erwartet. Aber warum denn nicht? Ist der Song doch eine Antwort des älteren Dylan auf „The Times They Are Changin“. Und war nicht Cookes Song eine Antwort auf Dylans „Blowin In The Wind“? Und Bettye singt auch das Lied der sich ändernden Zeiten auf dieser Platte. Aber auch „Political World“ oder „It Ain’t Me Babe“ hat sie überführt.

Mrs. LaVette sagt dazu, Sie habe nicht die Absicht gehabt ein Dylan-Tribut zu schaffen. Sie wollte sich die Songs für ihren Mund zurechtlegen. „Gerade als wären sie für mich geschrieben worden“. Und so wandelt sie das ohnehin doch ziemlich wandlungsfähige Dylan-Material – der Meister beweist das ja derzeit wieder Abend für Abend – geradezu genial zu Soul-Perlen. Auch indem sie die Texte für ihren Gebrauch – Geschlecht und Biografie sind hier entscheidend – hier und da umschreibt. Bettye LaVette hatte als junge Künstlerin alle Anlagen für eine große Karriere. Mit 16 Jahren hatte sie 1962 bereits einen US-Hit, danach versandete allerdings ihre Plattenkarriere, obwohl sie durchaus große Bühnenerfolge vorzuweisen hatte. Ihr erstes Album „Child of the Seventies“ wurde 1972 nicht veröffentlicht und sie kam erst im Jahr 2000 wieder ins Rampenlicht als das Debütalbum nachträglich herausgebracht wurde. Seitdem hat sie einige erfolgreiche und mehrfach ausgezeichnete Alben aufgenommen. Sie kennt also das Leben, sein „Auf und Ab“ und seine wundersamen Überraschungen.

„Things Have Changed“ ist eine Platte geworden, an der man einfach hängen bleibt. Sie ist spannungsgeladen, weil Bettye LaVette sich nicht schont und ziemlich tief in ihr Seelenleben blicken lässt, das von Lebensweisheit geprägt ist. Der Longplayer ist musikalisch spannend weil Keith Richards und Larry Campbell die Songs durch ihr perfektes Zusammenspiel in neue, unerwartete Richtungen führen und schon durch kleine musikalische Momente einen faszinierenden Sog schaffen.

Uns so ist es mich ist eines der besten Dylan-Coveralben überhaupt. Mehr noch, eines der besten Soul-Alben der letzten Jahre. It’s her masterpiece!


Zwischen SONiA und Bob

15. April 2018

Mit Sonia Rutstein auf der Bühne, bei Bob Dylan im Publikum – das sind die Dylan-Wochen des Jahres!

Nein, das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte es irgendwann wohl mal als Wunsch geäußert, es aber im Eifer des Gefechts rund um das Konzert vergessen. Aber dann passierte es tatsächlich: Sonia Rutstein, die Cousine von Bob Dylan holte mich bei ihrem Konzert im Pädagogtheater zur Zugabe auf die Bühne. „Like A Rolling Stone“ als Duett von SONiA und mir hört sich gar nicht so schlecht an, man kann sich mittels eines Videos, das unten anzuschauen ist, davon überzeugen. Da sang also der „Dylan-Experte“ zusammen mit Dylans Cousine Sonia Rutstein dessen Klassiker „Like A Rolling Stone“. Das war schon toll und ein unvergessliches Erlebnis. So wie jeder Auftritt von Sonia Rutstein bei der immer mal wieder eine gewisse Familienähnlichkeit durchschlägt: Sie ist nicht sehr groß, sie ist quirlig und hat wilde Haare, spielt Mundharmonika und Gitarre. Und setzt die Worte wunderschön.

Sonia Rutsteins Poesie ist mal zärtlich, mal entschlossen, mal verständig, mal anklagend und stets human. Sie ist eine starke Stimme des anderen Amerika, für Frieden, Freiheit, Gleichheit, sexuelle Selbstbestimmung. Wohl auch deshalb nimmt sie sich mittlerweile im Frühjahr eine scheinbar immer länger währende Auszeit von „Trumpland“ und tourt ausgiebig durch die Bundesrepublik. Und hinterlässt eine Spur der Freude, der Wärme, des Mut Schöpfens gegen die Gefahren dieser Welt.

Zeitgleich mit Sonia mit Sonia tourt auch ihr Cousin namens Bob Dylan durch die bundesdeutschen Lande. Der, der von ihrer gemeinsamen Tante Harriet Rutstein, das Klavier spielen lernte. Und es nun Abend für Abend scheinbar immer perfekter zu Intonierung seiner Songs nutzt. Die Nachrichten über seine Konzerte in Österreich hören sich gut an. Er scheint mit großer Form direkt an die Konzerte aus dem vergangenen Jahr anzuknüpfen. Gut bei Stimme, verständlich in der Artikulation, voller Spielfreude. In Madrid hat er Ende März mit dem Publikum das gesamte „Desolation Row“ rhythmisch durchgeklatscht. Wir sehen ihn am 24. April in Baden-Baden. Man darf gespannt sein.

Ansonsten zieht dieser Dylan derzeit mal wieder alle Register. Erschien Ende des Jahres erstmals eine Zusammenstellung mit Live-Mitschnitten seiner Gospel-Jahre bei denen er ja durchaus fragwürdiges predigte, so hat sich Dylan dieser Tage nun an einem ungewöhnlichen Projekt beteiligt. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte. Auch dies kann man sich unten anhören.

Auch der Dylan im Jahr 2018, fast 77-jährig, schafft es noch, und zu überraschen. Was will man mehr?


Eine starke Stimme des anderen Amerika

11. April 2018

Sonia Rutstein singt gegen Trump und Hass, für Frieden, Freiheit und Gleichheit/ die mehrmals für den Grammy nominierte Singer-Songwriterin ist eine Cousine von Bob Dylan und kommt am 12. April bereits zum vierten Mal nach Darmstadt.

„Im Jahr 2015 hat sie erstmals bei „Americana im Pädagog“ gespielt, seitdem ist sie uns eine gute Freundin geworden und wir begrüßen sie nun am Donnerstag, 12. April, bereits zum vierten Mal in Darmstadt“, freut sich Thomas Waldherr, Kurator der von http://www.country.de präsentierten Konzertreihe im Darmstädter Pädagogtheater. Konzertbeginn im Theater im Pädagog (Pädagogstraße 5) ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 10 Euro. Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Mit politischen Songs rund um den Globus
Sonia Rutstein, unter ihrem Bühnennamen SONiA derzeit unterwegs auf Deutschland-Tournee, singt gegen Homophobie, Kriegstreiberei und Rassismus. Engagiert und immer menschlich, aber nie mit Zeigefinger und Geboten, dazu musikalisch mitreißend. „Seit sie das erste Mal bei uns gespielt hat, hat sich die Welt drastisch verändert. Trump ist US-Präsident und autoritäre politische Bewegungen haben überall Zulauf. Da ist ihre Musik wichtiger denn je. Sie ist eine von Amerikas starken Stimmen für Freiheit, Frieden und Gleichheit“, bringt Waldherr ihre Botschaft auf den Punkt.

SONiAs musikalischer Werdegang begann 1987 mit der Gründung von „Disappear Fear“ einer Folk-Rock-Band mit ihrer Halbschwester Cindy. Nachdem sich Cindy aus familiären Gründen aus der Musik zurück, zog startete SONiA 1996 ihre Solokarriere. Ihre Texte haben oft progressive politische Themen wie Frieden und Völkerverständigung oder die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen, handeln aber auch von der Liebe und ihrem Leben in Baltimore. Ihr Bühnenleben führte sie bereits um den gesamten Globus. So gab sie Konzerte in Israel und Palästina, wo sie während des zweiten Libanonkrieges ihr Konzert in einem Schutzraum vor Bomben spielte, auf den Fidschi-Inseln, aber auch im Opernhaus von Sydney, Australien. SONiA überzeugt als Musikerin und Singer-Songwritern dank ihrer Passion für ihre Themen, der Ehrlichkeit ihrer Liedtexte sowie wegen ihrer warmherzigen, positiven und ausgewählten Mischung von Folk, Pop, Rock, Blues, Weltmusik und Americana. Mehrere ihrer Alben waren bereits für den Grammy nominiert.

Gegen Trump und Hass
Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsident hat sie betroffen und wütend gemacht und so war sie damals natürlich beim „Women’s March To Washington“ dabei und hat sich jetzt auch solidarisch mit der Bewegung „March For Lives“ gezeigt. Einer ihrer neueren Songs heißt „Abraham“. Ohne Trump dabei beim Namen zu nennen stellt sie ihm positive politische Persönlichkeiten der Geschichte wie Abraham Lincoln, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King entgegen. Ebenfalls eine Reaktion auf die politischen Verhältnisse in den USA ist ihr kombinierter Vortrag aus ihrem eigenen Song “Sink the Censorship,” und „Blowin In The Wind“, dem Klassiker ihres Cousins Bob Dylan. Ihre gemeinsame Tante Harriett Rutstein brachte dem jungen Robert Zimmermann übrigens die ersten Musiktöne am Klavier bei.

Erneutes Gastspiel in Darmstadt
Ihren Optimismus, ihre Hoffnung und ihre Menschlichkeit überträgt SONiA auf ihre Musik. Und dies macht sie auch als Künstlerin so einzigartig. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll und immer engagiert! Darmstadt kann sich mit Fug und Recht auf das erneute Gastspiel einer einzigartigen Künstlerin freuen.

Mehr Infos:
https://www.soniadisappearfear.com/

Karten:
https://paedagogtheater.de/sonia/

Love Songs

9. Februar 2018

Woody Guthrie Tribute in Darmstadt

Dreimal hat nun schon ein Musikernetzwerk aus dem Rhein-Main-Gebiet mit großem Line-Up die Songs des anderen Amerika auf die Bühne gebracht. Was aus der Wut über die Präsidentschaft Donald Trumps zum ersten Mal im Januar letzten Jahres bei „Americana im Pädagog“ unter dem Titel „Love Songs Für The Other America“ so hervorragend angenommen wurde, ist in diesem Jahr beim großen Woody Guthrie-Tribute erneut im Darmstädter Pädagogkeller und mit den „Love Songs For Freedom & Equality“ im Frankfurter „Bett“ fortgeführt worden. Zweimal ausverkauftes Haus im Darmstädter TIP und ein gut gefülltes „Bett“ zeigen: Die Lieder treffen den Nerv der Menschen.

In Zeiten, in denen Autokraten und Rechtsextreme auf dem Vormarsch sind und die SPD – bzw. besser gesagt ihr Führungspersonal – die Partei inhaltlich nicht erneuern will (Absolute Ignoranz gegenüber den politischen Ansätzen von Jeremy Corby, Bernie Sanders oder den portugiesischen Sozialisten) – und sich stattdessen mit dem „Weiter so!“ mit ein paar Pflastern auf den neoliberalen Wunden in eine erneute großen Koalition flüchtet, sind die Lieder für eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft aktueller denn je.

Sichtlich ergriffen und bewegt lauschen die Menschen der Musik und geduldig und interessiert hören sie dann im Pädagogkeller und im Bett auch den Vorträgen zu. Wissend, dass diese Musik für etwas steht. Für eine Haltung, für eine gesellschaftliche Sichtweise, die eben auch ausgesprochen werden muss, genauso wie es sich lohnt auf die Umstände der Entstehung dieser Songs hinzuweisen. Die Linie führt von den Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Kentucky über die gewerkschaftliche Organisierung in den 1930er und 40er Jahren und den Songs gegen Kriegstreiberei und Rassismus aus den 1960ern bis zu den heutigen Liedern gegen Sexismus und Umweltzerstörung. Der enthemmte Kapitalismus hat für kein Problem dieser Zeit eine Lösung, denn er ist ihre Ursache.

Musikalisch sind die Konzerte vom feinsten. Da treffen „alte“ Fahrensleute von Folk und Americana in Deutschland wie Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Helt Oncale auf Newcomer wie Brian Kenneth oder Dana Maria. Allen gemeinsam ist das Americana als ihr musikalischer Ausdruck. Country, Blues, Folk, Gospel. Harmoniegesang, Fiddle, Banjo. Fingerpicking und Gitarren-Duelle. Liebe und Respekt für alte und neue Songs. Dazu eigenes Songwriting auf höchstem Niveau. Da tut sich was in der deutschen Americana-Szene! Verbreiten wir es weiter, lassen wir nicht locker. Wir sind auf dem richtigen Weg!

Mandoline Orange

9. Februar 2018

Photo by Scott McCormick

Es war ein ganz feines, ruhiges, intensives, wunderschönes Konzert, das Mandoline Orange da vor wenigen Tagen in der Frankfurter Brotfabrik gespielt haben. Andrew Marlin und Emily Frantz sind seit 2009 als Duo unterwegs, ihre Folkmusik fußt auf Mountain Music und Bluegrass ihrer Heimat North Carolina.

Ihre Musik war auch an diesem Abend nie schnell, sondern langsam und höchstens Midtempo. Aber instrumentell und vom Songwriting her auf höchstem Niveau, und daher keine Sekunde langweilig. Insbesondere Andrews Mandolinen- und Emilys Geigenspiel verzaubern, verzücken und entführen die Hörerinnen und Hörer. Sie verstehen es, gut eineinhalb Stunden das Publikum in der gut gefüllten Brotfabrik auf eine melancholische Reise mitzunehmen.

Sie spielen dabei eine ganze Menge Songs ihres aktuellen Albums „Blindfaller“. Das großartige „Wildfire“, die traurige Ballade über die ewige amerikanische Wunde Bürgerkrieg oder „Gospel Shoes“ über die Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken. Die Magie, die sich an diesem Abend aufbaut, beruht auch auf der engen musikalischen Verbindung von Andrew und Emily, die im Zusammenspiel beinahe blind harmonieren. Ihr wunderschöner Harmoniegesang – auch eine Appalachen-Tradition – ist dann das Sahnehäubchen auf dem großartigen Vortrag.

Und als sie dann wiederkommen, nachdem die Rausschmeißermusik schon gestartet wurde, und die vielleicht schönste Coverversion von Bob Dylans „Boots Of Spanish Leather“, die man je gehört hat, dem Publikum zum Abschied mit auf den Weg geben, kann dieses Konzert dann endgültig nur mit dem Begriff „legendär“ bezeichnet werden. Wer dabei war kann sich glücklich schätzen!

„Street Rock“: Hip Hop und Protestkultur

19. Januar 2018

Die Themen „Protestsongs“ und „politische Lieder“ werden mich das ganze Jahr über begleiten. Nach dem großen Woody Guthrie-Tribute in Darmstadt und den „Lovesongs For Freedom & Equality“ am 27. Januar im Frankfurter „Bett“ später im Jahr u.a. auch wieder bei Seminaren für die Volkshochschule Darmstadt und die Fridtjof Nansen-Stiftung.

Die amerikanische Folkmusikerin Ani DiFranco hat in einem starken Interview für die Zeitschrift „Folker“ u.a. auch gefordert, „unsere Vorstellung von dem zu erweitern, woher die Protestkunst kommt“ und damit auch viele Hip Hop-Künstler gemeint.

Hip Hop als emanzipatorische Bewegung gegen Ungleichheit und Rassismus
Und in der Tat viele denken bei Hip und Rap leider vor allem an Goldkettenbehängte „Gangsta“-Rapper, die voller Stolz ihre Gewaltbereitschaft, ihre Geldgeilheit und ihre Frauenfeindlichkeit zur Schau stellen. Dies ist der tragische Teil der Geschichte des Hip Hop, der eigentlich als emanzipatorische Bewegung gegen soziale Ungleichheit und Rassismus in den schwarzen Ghettos Ende der 1970er entstanden ist und so etwas wie eine Nachfolge des Black Power Soul & Funk der frühen 1970er Jahre war.

Das Musikbusiness ist aber oftmals unerbittlich und hat vorwiegend das Vermarktungsinteresse im Blickpunkt. Und als man in den 1990er Jahren bemerkte, das die simpleren, Gewalt, Obszönität und Kriminalität verherrlichenden Rap-Texte sich bei Jugendlichen besser verkaufen ließen, als anspruchsvollere und gesellschaftskritische Texte, da baute sich jedes Label seinen „Gangsta“ auf und man förderte die Konkurrenz im Plattenverkauf und in der Fan-Community durch eine mal inszenierte, mal echte, mal richtig mörderische Konkurrenz im echten Leben. Anstatt sich kollektiv für die gesellschaftliche Gleichheit der Schwarzen in den USA einzusetzen, bedienten die Gangsta-Rapper weiße Vorurteile und boten dem weißen Publikum gleichzeitig das altbekannte ambivalente Faszinosum des „animalischen Schwarzen“. Das Musikbusiness hatte die gesellschaftskritische Wurzel des Hip Hop zumindest phasenweise erfolgreich getilgt.

Mittlerweile ist der absolute Siegeszug des Gangsta-Rap längst gebrochen und die Hip Hop Kultur als soziale Protestbewegung wieder in den Vordergrund gerückt. In den USA zieht sich eine Linie von Kurtis Blow über Public Enemy, Arrested Development und den Black Eyed Peas hin zu aktuellen Acts, die immer wieder den Hip Hop gesellschaftskritisch und nicht hedonistisch begründen. In dieser Art hat sich auch eine Spielart von Hip Hop in den französischen Banlieues von Paris und Marseille etabliert.

Trifft der „Hip Hip-Godfather“ den „Songwriter-Papst“
Hip Hop ist heute eine globale Musik und daher ihr Einfluss auf andere Musikgenres beträchtlich. Da passt es doch, nochmal in die frühen Jahre des Hip Hop zu gehen und an eine besondere Zusammenarbeit zu erinnern. Kurtis Blow, „Godfather“ des Hip Hop und Bob Dylan haben 1986 zusammen einen Song namens „Street Rock“ aufgenommen. Bob Dylan, der ja 1965 mit „Subterranean Homesick Blues“ einen Song aufgenommen hat, der durchaus Rap-Gesang-Qualitäten hat und gleichzeitig immer noch als Protestsänger wahrgenommen wird, scheint für Kurtis Blow ein Wunschpartner für diesen „Protestsong“ gewesen zu sein. Gleichzeitig war Bob Dylan in den 1980er Jahren sehr an der neuen Sprechgesangspoesie interessiert. Während für viele Dylan-Afficionados dieses Duett als Symptom von Dylans künstlerischer Krise in den 1980ern angesehen wird , halte ich es für eine Verbeugung Dylans vor dieser afroamerikanischen Musikkultur und bestätigt für mich wieder einmal seine offene und interessierte Haltung gegenüber allen Musikstilen, die ihn seit jeher ausgezeichnet hat.

Hören wir hier also nun „Street Rock: