Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

Jahr der Entscheidungen

2. Januar 2020

Amerika und Americana im Jahr 2020

Amerika wird 2020 zum großen Rätsel. Weihnachtsspaziergang in der Darmstädter Lincoln-Siedlung.

Die Veröffentlichung von Americana-Alben mit direktem oder indirektem Kommentar zur politisch-gesellschaftlichen Lage in den USA schien 2019 gleichsam Legion. Ob Newcomer J.S. Ondara oder Altmeister Neil Young, ob Singer-Songwriter Eilen Jewell oder Americana-Reibeisen Ryan Bingham – viele, viele wollten und mussten sich äußern zur großen gesellschaftlichen Spaltung und zum Verlust des amerikanischen Traums in den USA.

Americana ist so bunt und vielfältig wie nie
Americana ist heute mehr als Alternativ Country plus Folk plus Blues oder Old Time. Längst haben Künstlerinnen und Künstler wie Rhiannon Giddens, Dom Flemons, Alynda Lee Segarra oder Vikesh Kapoor es für eine große Vielfalt geöffnet. Dieses Americana betont die Weite des Landes, und dass dort Platz für viele Menschen unterschiedlichster Herkunft, Überzeugungen und Religion ist. Giddens und Flemons haben die schwarzen Wurzeln der amerikanischen Folk- und Countrymusik offengelegt. Alynda Lee Segarra hat die lesbische und Latino-Perspektive eingebracht und Vikesh Kappoor hat vor einigen Jahren gezeigt, wie sich auch die Kinder der neuen Einwanderer aus Asien die amerikanische Rootsmusik aneignen. Während der gebürtige Kenianer J.S. Ondara noch einmal gezeigt hat, wie sehr Künstler des anderen Amerika wie Bob Dylan weltweit noch heute ein positives Amerika-Bild erzeugen. Allerdings hat Ondara, in der Wirklichkeit angekommen, mittlerweile durchaus ein gebrochenes Verhältnis zum amerikanischen Traum. Er weiß wie viele ihn gar nicht mehr leben können, weil es ihnen verwehrt wird.

Aber der Trend zur Vielfältigkeit scheint unumkehrbar. So erscheint Ende des Monats hierzulande das Album „Rearrange My Heart“ der Gruppe „Che Appalache“, die sich der Fusion von Latino und Amerikanischer Roots Music widmen und inhaltlich sich klar gegen Fundamentalismus und Othering wenden. Produzent ist Bluesgrass-Legende Bela Fleck. Beeindruckend ihr Song „The Dreamer“, der den Hoffnungen und Ängsten der sogenannten „Dreamer“, der jungen Menschen, die seit ihrer Kindheit in den USA leben, aber aufgrund der politischen Gegebenheiten nie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekamen. Über ihnen schwebt nun das Damoklesschwert der weiteren Entscheidungen der Trump-Administration, die auch in diesem Fall eine klare Politik der Spaltung und Ausgrenzung betreibt.

Migration
Denn die Kriminalisierung der Einwanderer aus Lateinamerika und Mexiko ist zugleich Grundpfeiler und wichtiges Stilmittel des Trumpismus. Da ist die grenzüberschreitende Fusion-Musik von Che Apalache ebenso wichtig wie das neue Projekt von Folksänger M.Ward. Seine „Migration Stories“, die im April dieses Jahres erscheinen, verbinden Motive der Migrationsgeschichte seiner eigenen Familie mit den aktuellen Migrationsgeschichten. An die Migrationsgeschichte der Pfälzer Familie Trump muss man da leider auch wieder erinnern. Der Nachfahre der Kallstädter Trumps möchte gerne die Schotten dichtmachen. Ein wichtiges Identifikationsmerkmal und eine bedeutender Bestandteil des amerikanischen Traums wären zerstört.

Allegorien und Metaphern
Eine interessante Platte verspricht auch „Just Like Moby Dick“ von Terry Allen & The Panhandle Mystery zu werden. Das von Dylan-Gitarrist Charlie Sexton koproduzierte Album widmet sich einem der archetypischen amerikanischen Romane „Moby Dick“ und verknüpft es assoziativ, allegorisch und metaphorisch mit Brecht, Amerika im Krieg und dieser scheinbar ur-amerikanischen Mentalität des Eroberns, des Kräftemessens, des Daseinskampfes in all seinen tragischen und tragikomischen Ausformungen. Eine fast dylanesk anmutendes Panorama scheint den Hörer hier zu erwarten.

Zur aktuellen Bedeutung von Bob Dylan
In Darmstadt findet am 18. April der Darmstädter Dylan-Tag 2020 statt (mehr unter https://paedagogtheater.de/dylantag2020/). Da werden sich manche fragen, was hat der uns denn zur aktuellen politischen Situation noch zu sagen? Und in der Tat, Dylan äußert sich nicht zum orangefarbenen Präsidenten. Er hat sich aber auch nicht zu einer öffentlichen Unterstützung von Obama hinreißen lassen. Zu sehr wusste und weiß er, dass das vermeintliche Machtzentrum der USA selber in einem festen Rahmen von wirtschaftlicher und politischer Macht eingebunden ist. Für Clinton hat er noch gespielt, als Kind der alten New Deal-Koalition von gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten“ hat er noch Erinnerungen an amerikanische Politik jenseits des Neoliberalismus. Umso enttäuschter muss er von der Politik der Demokraten in den letzten Jahrzehnten gewesen sein.

Mit Songs wie „Union Sundown“, „Heartland“ oder „Workingman’s Blues #2“ hat er sich auch in den späteren Phasen seiner Karriere immer wieder einmal mit den Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen in den USA auseinander gesetzt. Immer wieder voll Empathie für die einfachen Menschen. Dylan ist zwar ein Mittelklasse-Kid, aber er stammt aus einer Bergarbeiterregion und weiß wie hart und entbehrungsreich deren Leben war. Zugleich hat er in seiner gesamten Karriere stets einen fruchtbaren Austausch mit dem schwarzen Amerika gepflegt (siehe auch: https://cowboyband.blog/2018/05/11/bob-dylan-und-black-music/).

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Dass Dylan durchaus noch teilnimmt am aktuellen Geschehen, beweist auch eine andere Begebenheit, die hierzulande kaum bemerkt wurde. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er 2018 den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte.

Ansonsten gilt bei Dylan: Seine Songs sind – solange die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft gerade auch im Zusammenspiel von Ökonomie, Sozialisationsinstanzen und politischem Raum in ihren Grundsätzen unverändert ist – so universell wie Stücke wie Stücke von Shakespeare oder Goethe. „Masters Of War“, It’s Allright Ma“, „All Along The Watchtower“ oder „Hurricane“ haben ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren.

Bob Dylan bleibt qua Botschaft der Anti-Trump. Da muss er gar nix mehr Neues sagen oder schreiben.

Aktuelle politische Auseinandersetzungen und ihre musikalischen Ausdrucksmittel
Und so wird auch immer wieder gern auf sein Liedgut zurückgegriffen. So erklang beim „March For Our Lives“ am 24. März 2018 eine von Jessica Houston gesungene Version des Dylan-Klassikers „The Times They Are Changin“. Es waren die Schülerinnen und Schüler die massenhaft gegen den Waffenwahn in den USA aus die Straße gingen. Denn eine – man muss es so sagen – mittlerweile fast alltägliche Gefahr für Schülerinnen und Schüler sind Schulmassaker.

Und überhaupt: Sieht man einmal von den klassischen Arbeitskämpfen in den traditionellen Industrien wie Automobil- oder Bergbau ab, sind die Akteure der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu einem Großteil jung und weiblich. Das mag bei #MeToo und „Women’s March to Washington“ in der Natur der Sache liegen. Aber auch bei „Sunrise Movement“ – vergleichbar mit „Fridays For Future“ – oder den im vergangenen Jahr in vielen Bundesstaaten im Streik befindlichen Pflegekräften und Lehrenden ist dies so.

Das Alter der Protagonisten verhindert aber nicht die Anknüpfung an traditionelles Protestliedgut. So kann man in youtube hören wie die vielen Mädels und ein paar Jungs von Sunrise Movement das alte Arbeiterlied „Which Side Are You On“ zu „Does It Weigh On You?“ wird. „Belastet es Dich, wenn Kohle verbrannt und Klima geschädigt wird?“ Also: Auf welcher Seite stehst Du? Und da die sozialen Medien nun jedem erlauben viral zu gehen, setzt sich auch so mancher hin und beantwortet die Zukunftsfragen mit der Unterstützung des Green New Deals in der musikalischen Folkästhetik des 1930er und 1940er Jahre. Genauso wie die streikenden Pflegekräfte des Kaiser-Gesundheitskonzerns ihr Dilemma im archaischen Country-Blues-Schema ausdrücken.

Pop und Rapmusik kann man dagegen hören, wenn man den Lehrenden aus Chicago und die Streikenden von General Motors auf youtube folgt. Da erklingt ein optimistisches Streiklied in der „Windy City“ nach der Melodie von „YMCA“ von den Village People oder ein anklagender Rap mit dem Titel „Burn Barrel“ bei den Automobilarbeitern.

Sunrise Movement-Logo, Copyright: http://www.sunrisemovement.org

All das zeigt: Die neuen gesellschaftlichen Protestbewegungen sind so vielfältig, kraftvoll und jung wie seit den 1960er Jahren nicht. Und sie sind absolut nicht geschichtslos. Die weitgehende Entpolitisierung, Individualisierung und Vereinzelung der Gesellschaft durch den Neoliberalismus hat es trotzdem nicht geschafft die Traditionslinien gesellschaftlichen Protests und ihrer musikalischen Ausdrucksformen zu kappen. Darauf lässt sich etwas aufbauen.

Quo vadis Amerika und Americana?
Auch 2020 wird es, wie schon oben festgestellt, interessante Alben geben, die sich mit den politischen Zuständen in den USA auseinandersetzen. So wird auch Kyshona, eine interessante schwarze Stimme aus Nashville, im Februar ihr Album „Listen“ veröffentlichen, deren Single-Auskopplung „Fear“ als Aufforderung zu hören ist, Ungleichheit und Diskriminierung eben nicht hinzunehmen, sondern ohne Furcht dagegen anzugehen.

Man darf gespannt sein wie klar und in welcher Form sich beispielsweise Rhiannon Giddens oder Alynda Lee Segarra positionieren. Jack White hat sich abermals im Vorwahlkampf für Bernie Sanders engagiert. Von John Mellencamp darf man ebenfalls einen pro-demokratischen Einsatz erwarten wie von Steve Earle. Spannend wird es ob wieder die Music Row Democrats in Nashville reaktiviert werden, bei den Emmylou Harris engagiert war. Gerade die Protagonisten der Country Music tun sich bekanntermaßen schwer mit klaren Statements, da muteten die jüngsten Äußerungen von Superstar Garth Brooks positiv überraschend an. Der erklärte nämlich, so konnte man bei country.de lesen, anlässlich eines Treffens mit Ex-US-Präsident Jimmy Carter: „„Die Carters repräsentieren Menschlichkeit und Selbstlosigkeit und da spielt es keine Rolle, ab man Demokrat oder Republikaner ist. Man respektiert die anderen, egal welche Hautfarbe sie haben, welche sexuelle Orientierung oder Religion sie haben“.

Stimme des anderen Amerika: Rhiannon Giddens.

Im Amerika der beleidigenden Twitter-Gewitter des US-Präsidenten stellen solche Worte schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr da. Das Land scheint verroht, gespalten und desparat. Trotz oder gerade wegen des Impeachment-Verfahrens ist ein erneuter Wahlsieg Trumps nicht ausgeschlossen. Die Demokraten sind ihrerseits ebenfalls gespalten. In das weniger politisch-strategisch als demoskopisch-betriebswirtschaftlich agierende Parteiestablishment – hier schaut man nach Umfragen, nach den Swing States und unternimmt keine Anstalten neue politische Mehrheiten zu gewinnen – und in die Parteilinke, die (noch) nicht die charismatischen Figuren hat, die mit progressiver Agenda auch in konservativeren Staaten bestehen können. Trotzdem sind Kandidaten wie Elisabeth Warren oder Bernie Sanders und die junge Politikhoffnung Alexandria Ocasio Cortez eine Bedrohung für das Partei-Establishment. Da deren Hoffnung John Biden schwächelt, kommt nun der Milliardär Michael Bloomberg ins Spiel. Sollte er wirklich der Gegner von Trump werden, könnte das zum großen Vorteil von Trump werden. Auch über die entschiedenen Parteigänger Trumps hinaus wird der New Yorker im Süden und im Heartland nichts ausrichten können. Stattdessen würde endgültig deutlich, wie sehr die Demokratie in den USA zur Manege der Superreichen geworden ist.

Es steht also vieles auf dem Spiel bei diesen Wahlen. Und es kann noch viel passieren bis zum November. Trump hatte keine Mehrheit unter der Bevölkerung, möglicherweise wird er das wieder nicht schaffen und trotzdem gewinnen. Und sollte er verlieren, dann weiß keiner, ob er auch wirklich gehen will. In einem bemerkenswerten Aufsatz in „Blätter für deutsche und internationale Politk hat Alexander Hurst ein keinesfalls abwegiges Bürgerkriegs-Szenarie -Szenario“ im Falle von Impeachment oder Abwahl an die Wand gemalt.

Die Americana-Szene wird sich, wenn sie sich engagiert, mehrheitlich auf die Seite der Demokraten schlagen. Spannend wird es, wie stark und wie polarisierend für Kultur- und Unterhaltungsszene sich diese Wahl in Gänze auswirken wird.

2020 wird in vielerlei Hinsicht ein entscheidendes Jahr.



Dieser überirdische Moment in Stuttgart

20. Dezember 2019

Das Dylan- und Americana-Jahr 2019 – eine Rückschau. Und eine Vorschau auf 2020

Die Dylan-Konzerte im Jahr 2019 gehören zu den Besten, die der Meister je gegeben hat. Ich falle hier also mal gleich mit der Tür ins Haus. Die Stimme großartig, die Musik inspirierend, die Performance cool und sensibel zugleich. Ob Augsburg im April oder Mainz und Stuttgart im Juli. Einfach stark. Und dann dieser überirdische Moment, als er „Girl From The North Country“ in Stuttgart spielt. Voller Wehmut, voller Schönheit. Gänsehaut! Auch die Erzählungen über die Konzerte in den Staaten im Herbst mit neuem Gitarristen und neuem Drummer hören sich sehr gut an. Dass er dann auch noch die Dylan-Cash-Sessions veröffentlichen lässt, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Wenn er doch nur endlich nochmal ein Album mit neuen Originalsongs veröffentlichen würde. Während Willie Nelson – noch älter und auch nicht mehr ganz gesund- fast ständig neue Songs herausbringt, herrscht bei Dylan-Fehlanzeige. Abwarten und „Heavens’s Door“-Whisley trinken scheint die Devise zu sein in diesen Tagen.

Americana wird immer politischer
Doch auch außer Dylan konnten wir noch weiteres interessantes beobachten. Z.B. dass das Americana immer politischer zu werden scheint. Mehr oder minder politische Bezüge zur Situation Amerikas hatten in diesem Jahr u.a. Songs und Alben von Trapper Schoepp, J.S. Ondara, Ryan Bingham, Son Volt, Our Native Daughters, Rhiannon Giddens, Eilen Jewell, The Felice Brothers und Tim Grimm. Der amerikanische Traum zerbröselt, die Nation ist sozial, politisch, kulturell und ethnisch gespalten, die Rassismus wuchert immer weiter und die Gewalt nimmt immer katastrophalere Ausmaße an. Und natürlich Trump. Viele singen dagegen an, wir werden sehen, was das Wahljahr 2020 bringt.

Country meets Hip Hop
Eine der vertracktesten Diskussionen im US-Musikjahr 2019 entzündete sich an dem Song „Old Town Road“ von Lil Nas X, einem eingängigen Country-Hip Hop-Hybriden, der just aus den Country-Charts gestrichen wurde, als er zum Höhenflug ansetzte. „Das ist kein Country“ sagen die einen, „Country war immer schon Fusion“, sagen die anderen. Aber es geht dabei letztlich um mehr, als um Geschmacksfragen. Hip Hop und Rap sind die musikalischen Ausdrucksformen einer aufmüpfigen jungen Black Community. Das hört der weiße Countryhörer nicht so gerne. Wenn dann nur in einer softeren Version von weißen Jungs und es als Mainstream-Country verkauft wird. Und wenn die Schwarzen dann auch noch das mit Countrymusik mischen, dann verbitten sich das viele weiße Musikhörer. Doch der Erfolg von Lil Nas X und auch von Blanco Brown gibt Hoffnung, dass hier endlich Grenzen fallen werden.

„Wir spielen unsere Americana-Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag.“

Dom Flemons sah das bei unserem Treffen im Juni in Chicago auch so. Einer der denkwürdigsten Momente in diesem Jahr bei unserer an Höhepunkten reichen USA-Reise. Ebenso wie der Besuch des Dylan-Kongresses in Tulsa, Oklahoma nebst Visite des Woody Guthrie Centers.

Von Newport nach Woodstock
2019 – Jahr der Jubiläen: Meine inhaltlichen Schwerpunktthemen waren in diesem Jahr „100 Jahre Pete Seeger“ und „50 Jahre Woodstock“. In Vorträgen in Tübingen, Malente, Darmstadt und Ingelheim habe ich über den Weg von Newport und Woodstock referiert und was die beiden Festivals mit Seeger und Dylan verbindet.

„Americana im Pädagog“
Zu Seeger konnte ich mich bei „Americana im Pädagog“ Anfang Mai über zwei ausverkaufte Pete Seeger Tribute-Konzerte freuen. Cuppatea und ich haben das Pete Seeger-Programm dann im Oktober nochmal in Münster aufgeführt.

Weitere Höhepunkte bei „Americana im Pädagog“ waren in diesem Jahr das ebenfalls ausverkaufte Konzert von Menna Mulugeta mit den Songs der schwarzen amerikanischen Sängerinnen im Februar und der genauso ausverkaufte Bob Dylan-Abend zum Abschluss des kleinen Jubiläums „5 Jahre Americana im Pädagog“ Ende November. Die Konzerte von „Americana im Pädagog“ sollen immer unterhalten, aber sie sollen auch durchaus zum Nachdenken anregen. Und wenn ich mir Programme zu Pete Seeger, Woody Guthrie oder Bob Dylan überlege, dann habe ich durchaus auch den Anspruch, Zusammenhänge zu erklären und auf gesellschaftliche Hintergründe hinzuweisen. „Wir spielen unsere Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag, sage ich dann immer scherzhaft.

Wie gesagt, im kommenden Jahr sind US-Präsidentschaftswahlen und sie werden entscheidend sein für die Zukunft dieses Landes, auf das so viele Menschen ihre Träume gebaut haben. Ich werde dies in verschiedener Form aufgreifen. Bei meinen Seminaren, mit dem Themenmonat „Voices Of The Other America“ in meiner „Americana“-Reihe, einem literarisch-musikalischen Programm zum Thema USA und einem besonderen Konzertformat in der zweiten Jahreshälfte. Und möglicherweise gelingt es mir, meine publizistische Produktion zu diesem Thema in Richtung einer größeren Form zu lenken, aber das werden wir sehen.

Blick nach vorn
Es wird also ein aus vielerlei Hinsicht wichtiges Americana-Jahr, das Jahr 2020. Es geht um einiges, aber jetzt ist einfach die Zeit mit kulturellen Beiträgen in die politische Debatte einzugreifen. Mit guter Musik macht das besonders viel Freude!

Bleibt mir nun noch fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen! Auch in der Cowboy Band-Welt kehrt nun Ruhe ein, im Januar geht es hier wieder weiter. In diesem Sinne wie immer an dieser Stelle Santa Bobs Weihnachtsgruß!

Darmstädter Dylan-Tag 2020

16. Dezember 2019

„Whatever Colours You Have in Your Mind“/ 18. April im Theater im Pädagog/
Kooperation mit „Americana im Pädagog“/ mit Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads, Heinrich Detering und anderen

Copyright: Wikimedia Commons

Im kommenden Jahr wird in Darmstadt erstmals der Darmstädter Dylan-Tag veranstaltet. Am Samstag, 18. April, wird sich unter dem Motto „Whatever Colours You Have In Your Mind“ von 15 Uhr bis ca 22.30 Uhr in Vorträgen und musikalischen Beiträgen und Konzerten alles rund um Werk und Wirken Bob Dylans drehen.

Seit 2014 gibt es in Darmstadt die von Thomas Waldherr kuratierte, sich ausdrücklich auf Bob Dylan berufende, Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Seit 2016 ist bei Radio Darmstadt die „Dylan Hour“ von Marco Demel auf Sendung. So entstand die Idee, sich einen ganzen Tag mit Werk und Wirken von Bob Dylan zu befassen. Kooperationspartner der Veranstaltung ist die Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Diese veranstaltet im US-Wahljahr 2020 erstmals im April einen Themenmonat „Voices For The Other America“, dessen Teil der Dylan-Tag ist.

Beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 sind u.a. mit dabei Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), die Literatur-Professoren und Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne-Marie Mai sowie Dan Dietrich und die Double Dylans. Der Eintritt beträgt 30 Euro.

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Vielstimmige Suche nach dem Maskenmann

30. November 2019

Fast drei Stunden Kurzweil: Bob Dylan-Abend von „Americana im Pädagog“ begeistert in ausverkauftem TIP

Zehn Musikerinnen und Musiker und ein Moderator entführten am Donnerstagabend (28.11.) das Publikum im bis auf den letzten Platz vollbesetzten Darmstädter Theater im Pädagog in den Bob Dylan-Kosmos. Es wurde eine vielstimmige, erlebnisreiche und kurzweilige Suche nach dem großen Trickser, Chamäleon und Sinnsucher der Rockgeschichte. Auch nach fast drei Stunden Programm ging keiner vorzeitig. Das Programm traf genau den Nerv der Dylan-Interessierten.

„Americana im Pädagog“ hatte eingeladen und viele Dylans kamen. Der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich hatte natürlich Heimspiel, den weitesten Weg hatte Stiff La Wolf aus Mecklenburg-Vorpommern. Aus Frankfurt kamen die DoubleDylans, die Singer.Songwriterin Jen Plater und Martin Grieben, der in Darmstadt aus seiner Zeit bei der Band „Jay“ bestens bekannt ist. Aus Weinheim stießen Zimmerman‘s Friends zur bunten Truppe.

Ihnen allen hatte Thomas Waldherr, Kurator der Americana-Reihe, Songs vorschlagen, die zu den von ihm gesetzten inhaltlichen Schwerpunkten des Abend passten. Ziel war es, die weniger bekannten Seiten des Songwriter-Papstes auszuloten. Und wie die Künstler die Songs aufbereitet hatten, rief immer wieder Beifallstürme des Publikums hervor. So glänzte Martin Grieben mit fantastischen Versionen von „When He Returns“ (Dylans religiöse Phase) und „Po‘ Boy (Dylans Alterswerk). Mitreißend und genau traf er die Beseeltheit Dylans in Ausdruck und Stimme bei „Returns“, musikalisch genial war die Idee, den Po‘ Boy auf der kleinen Ukulele zum Besten zu geben.

Die Double-Dylans fesselten das Publikum mit ihrer ungewöhnlichen Rap-Version von „The Lonesome Death Of Hattie

Matze Schmidt, Stiff La Wolf, Thomas Waldherr, Foto: AIP

Caroll“ (Bob Dylan und Black America) und zusammen mit Jen Plater und deren Maskierung als Mann arbeiteten sie fein heraus, dass die „Political World“ eine Männerwelt ist (Bob Dylans politische Welt). Im Duett hatten Jen Plater und Lokalmatador Dan Dietrich schon lange vorher die Erinnerung Dylans an das „Girl From The North Country“ (Bob Dylans Jugend) mit viel Gefühl intoniert.

Zimmerman’s Friends führten dann die Country-Abteilung an. Mit „Make You Feel My Love“ – u.a. auch von Country-Superstar Garth Brooks gecovered – wurde Dylans Liebeslied von den Weinheimer Dylans in genialer Art, ganz wunderbar zart und sinnlich vorgetragen. Überhaupt schreibe Dylan die schönsten und gefühlvollsten Liebelieder meinte Bandleader Bernd Hoffmann dazu. Anschließend gingen sie beim schmissigen „You Aint‘ Goin‘ Nowhere“ in packender Manier voran und rissen das gesamte Ensemble und das Publikum mit, ehe es in die Pause ging.

Stiff La Wolf wiederum brachte das Publikum durch Vortrag, Bühnenpräsenz und Charisma dazu, ihm bei den langen, textlich besonders anspruchsvollen Stücken „Not Dark Yet“ und „Every GrainOf Sand“ aufmerksam zu folgen. Da schien für einen Moment im Pädagogkeller die Zeit still zu stehen. Aber auch Kurator und Moderator Thomas Waldherr ergriff an diesem Abend seine Chance und sang zusammen mit Stiff La Wolf, begleitet von DoubleDylan Matze Schmidt, die Bob Dylan und Willie Nelson Koproduktion „Heartland“. Das ließ sich hören.

Auch nach fast drei Stunden ließ das frenetisch applaudierende Darmstädter Publikum die Dylan-Truppe einfach nicht von der Bühne und so wurde als allerletzter Song „All Along The Watchtower“ improvisiert. Als dann das Saallicht wieder anging schaute man ringsherum nur in strahlende Gesichter. „Vielen Dank, Ihr habt uns mit diesem Abend ein großes Geschenk gemacht“, drückte eine Besucherin ihre Freude aus. Und beschenkte damit wiederum Ensemble und Moderator. Ein Abend, der für alle, die dabei waren – ob auf, vor oder hinter der Bühne – unvergessen bleiben wird.

Am 13. Dezember unterstützt „Americana im Pädagog“ das Konzert der Country-Rockband „Music Road Pilots in der Darmstädter Michaelsgemeinde und geht dann in die Weihnachts- und Winterferien. Die Americana-Saison 2020 startet dann im TIP am Donnerstag, 30. Januar, mit Martin Griebens Programm „Elvis Pur. Songs und Geschichten vom King of Rock’n’Roll“.

„Like A Complete Unknown“

20. November 2019

„Americana im Pädagog“ lädt zum Abschluss des Herbstprogramms zu einem besonderen Bob Dylan-Abend ein

„Bob Dylan und die Countrymusik“, „Bob Dylan und „Black America“, „Bob Dylan und die Religion“, das sind nur drei der Themen, die im Mittelpunkt eines besonderen Dylan-Abends von „Americana im Pädagog“ stehen. „Bob Dylan wird in der öffentlichen Wahrnehmung sehr oft immer noch auf seine Protestsänger-Phase oder seine Rockmusik der Mittsechziger-Jahre reduziert. Dem wollen wir einmal einen Ausflug zu den weniger bekannteren Seiten der Musiklegende entgegensetzen“, beschreibt Thomas, Dylan-Kenner und Kurator von „Americana im Pädagog“, die Absicht hinter der Veranstaltung „Like A Complete Unknown“, die am Donnerstag, 28. November (Beginn 20 Uhr/ Eintritt 16 Euro) das Herbstprogramm der Konzertreihe beschließt.

„Es ist ein weiterer Versuch dem alten Maskenmann, Trickser und Vagabunden auf die Schliche zu kommen“, so Waldherrs verschmitzte Ansage für diesen Abend. Für diesen Versuch gewonnen hat Waldherr eine illustre Reihe von musikalischen Mitstreitern, die sich allesamt der Musik des Songwriter-Papstes verschrieben haben. Der Abend ist gleichzeitig auch eine Reminiszenz an die vielen Musiker, für die Dylans Songs prägend waren und die sich ihnen daher auf unterschiedliche Weise annehmen. „Wir freuen uns, wichtige Dylan-Interpreten aus der Region hier versammeln zu können.“ So ist der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich ebenso mit von der Partie wie die Frankfurter DoubleDylans und die Weinheimer Zimmerman’s Friends. Komplettiert wird das Line-Up durch die Frankfurter Singer-Songwriterin Jen Plater, der in Darmstadt bestens aus seiner Zeit mit der Band JAY bekannte Martin Grieben und Stiff La Wolf aus Meckenburg-Vorpommern.

„Wir werden wieder viel gute Musik hören und daneben stellen erläuternde Texte den Bezug zu den angesprochenen Schaffensperioden von Dylan her“. Das Format folgt damit dem Rahmen früherer Veranstaltungen der Reihe zu Woody Guthrie und Pete Seeger oder zu den „Love Songs For The Other America“. „Diese Abende sind mittlerweile zu einem Markenzeichen von ‚Americana im Pädagog‘ geworden. Die Vorbereitung läuft auf Hochtouren, wir freuen uns alle sehr, das Programm endlich unserem Publikum präsentieren zu können“, blickt Waldherr gespannt nach vorn.

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf im Darmstadt-Shop im Luisencenter sowie online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Vor 25 Jahren: Bob Dylan findet zurück zu starker Form

6. November 2019

Europa-Tour, Great Music Experience, Woodstock-Jubiläum und MTV Unplugged

2019 purzeln lustig die Jubiläen, da wollen wir daran erinnern, wie vorentscheidend das Jahr 1994 für Bob Dylans Rückkehr zu künstlerischer Stärke und allgemeiner öffentlicher Wahrnehmung und Akzeptanz war. It was 25 years ago…

Bob Dylan war Anfang der 1990er für viele vor allem eines: Ein „has been“. Dylan war mal groß gewesen, aber seine letzten Aktivitäten – das Album „Under The Red Sky“ und die 1991er Tour hatten vor allem ein zwiespältiges Echo hervorgerufen. Die Platte war seltsam unfokussiert und seltsam uninspiriert: Die Tour war eine Tour der Leiden. Im ersten Konzertdrittel versemmelte Dylan so ziemlich alles, erst die zweite Hälfte wurde hörbar, im letzten Drittel schwang er sich dann des öfteren zu Höchstleistungen auf. Seltsam blieb das alles aber schon.

Auch 1992 und 1993 wirkte Dylan etwas aufgeschwemmt, die ganze Motorik stark verzögert, die Stimme sediert. Dylan hatte deutlich mit sich zu kämpfen. Kein Wunder, dass die Konzertaufnahmen aus dem Supper Club vom Herbst 1993 nie veröffentlicht wurden. Klar hatten die ihre starken Momente, aber Dylan wollte so nicht beliebig oft reproduzierbar zu sehen sein. Zwar hatten die Aufnahmen zu „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ wieder zu einer Selbstvergewisserung und neuem Selbstvertrauen geführt, aber noch war er nicht soweit, dass er auch mit seinen Konzerten und in seinem öffentlichen Erscheinungsbild zufrieden war.

„The Great Music Experience“
1994 sollte sich das ändern. Dylan wirkte fitter, dünner und beweglicher auf seiner US-Frühjahrstour. Zwischen diesen Terminen und den Sommerkonzerten in Europa schaltete er noch drei Auftritte beim Mammutfestival „The Great Music Experience“ im japanischen Nara, das weltweit im Fernsehen übertragen wurde. Dort spielte er neben anderen Stars wie Joni Mitchell vier bis fünf seiner Songs, begleitet von japanischen Mönchen und einem klassischen Orchester. Für Dylan eine ungewöhnliche Aktion, von der vor allem in Erinnerung bleibt, wie präzise und diszipliniert Dylan singen kann. Sicher auch für ihn eine wichtige Erfahrung.

Im Sommer in Europa fand er dann auch so langsam zu einem Bühnenoutfit, dessen Idee im Grunde bis heute trägt. „Die Nacht des Jägers“ titelte die „Zeit“ über den Auftritt von 1994 in Dresden, eine von erstmals drei Stationen in der ehemaligen DDR. Er trug einen schwarzen Anzug mit Western-Schleife, so wie Robert Mitchum in dem gleichnamigen Film.

Woodstock wird zum Erfolg für Dylan
Wir haben ihn kurz vorher in Balingen gesehen beim SWF3 Open Air auf dem Messegelände. Das ganze Ding war ein Missverständnis, denn natürlich machte Dylan nicht das, was sonst von einem US-Musiker erwartet wird. Keine lustig-radebrechenden Sprüche für die Werbejingles, kein „Meet & Greet“, keine Interviews. Die Folge: Von Anfang an sorgte SWF3 völlig unprofessionell für schlechte Stimmung rund um den Auftritt ihres Headliners. Der war dann eher unspektakulär, konzentriert, aber ohne wirklich zu glänzen.

Der Durchbruch aber in der öffentlichen Wahrnehmung gelang ihm durch die Teilnahme beim Jubiläumskonzert „25 Jahre Woodstock“. „We’ve wait 25 years to hear this: Ladies & Gentlemen, Mr. Bob Dylan!“ hieß es in der Ansage am 14. August 1994, denn 1969 war Dylan gar nicht dabei. Und er nutzte die Bühne, die ihm alleine deswegen schon bereitet wurde. Dem jüngeren Publikum gefiel Dylans Auftritt sichtlich sehr, der ebenfalls konzentriert und präzise, dabei aber auch inspiriert und kraftvoll wirkte. Genau richtig, um sich zurück zu melden.

Zurück zu alter Form
Kein Wunder dass da die Verantwortlichen von MTV auf Dylan wegen eines Auftritts in der Reihe „MTV Unplugged“ zukamen. Dylans Freund Eric Clapton hatte die Reihe zum Trendsetter gepusht, da würde doch auch Dylan passen. Hatte der nicht die akustische Musik erfunden und dann auch wieder zerstört? Wie auch immer, das an Weihnachten 1994 ausgestrahlte MTV-Special wurde sowohl im TV, als auch auf CD, Dylans größter Erfolg seit langem. Zwar hatte er sich hinsichtlich der Songauswahl nicht durchsetzen können, die MTV-Chefs verlangten „Greatest Hits“, und er hatte noch nicht wieder die Macht, dass nach seinem Gusto produziert wurde. Doch der Erfolg war ein deutliches Zeichen, für die Rückkehr zu alter künstlerischer Kraft.

Auch 1995 und 1996 steigerte sich Dylan zu starken Tourneeauftritten, doch es sollte bis zu einer überstandenen lebensbedrohlichen Herzbeutelentzündung und der Platte „Time Out Of Mind“ dauern, bis man von einem wirklichen Comeback sprechen konnte. Die Grundlagen aber wurden 1994 gelegt, als Dylan nach längerem positiv überraschte und auf sich aufmerksam machte.

Things Have Changed

20. Oktober 2019

Als wäre es ihm zu perfekt gewesen: Zum Auftakt seiner US-Tour setzt Bob Dylan wieder einmal vieles neu zusammen

Bob Dylan ist wieder auf Tour. Seit 11. Oktober und noch bis zum 6. Dezember. Unter anderem wird er zum Abschluss dieses Tourneeabschnitts zehnmal Im Beacon Theatre in New York spielen und sich mit einem Auftritt in Washington D.C. in die Winterpause verbschieden. Eine erste Einschätzung nach fünf Konzerten.

Wie schrieben wir im Sommer nach majestätischen Konzerten in Stuttgart, London und Kilkenny: „Besser kann es nicht mehr werden, nur anders gut.“ Wie Recht wir hatten, ahnten wir damals noch nicht. Bob Dylan, der ewig Rastlose, der Veränderer und Verwirrkopf hat mal wieder alles kräftig durchgewirbelt: Die Band, die Setlist, das Setting. Die Herbstkonzerte mögen den Sommerkonzerten ähneln und doch sind sie etwas ganz anderes.

Das Setting
Das ist so typisch Dylan. Ein bisschen rätselhaft, ein bisschen retro: Drei stilvoll angezogene Schaufensterpuppen betonen jetzt noch mehr den Bühnenaufbau, der mit alten schweren Scheinwerfern das Ganze wirken lässt wie einen Musik-Club in den 1940er Jahren.

Das Set
Der Opener war in den ersten drei Konzerten „Beyond Here Lies Nothin'“ und ersetzte damit vorerst das schon etwas abgenudelte „Things Have Changed“. Beim vierten Konzert in Denver, Colorado, war es Augen- und Ohrenzeugen zufolge eher ein Versehen, dass der Meister wohl aus Gewohnheit wieder „Things Have Changed“ intonierte. Denn beim fünften Konzert in Lincoln, Nebraska, wurde wieder „Beyond“ gespielt. Dort ersetzte dann auch „It’s All Over Now, Baby Blue“ das zuletzt ebenfalls hinreichend gespielte „It Ain’t Me Babe“.

Ein völlig neues Arrangement von „Not Dark Yet“ ist umstritten, lässt doch eine völlig neue Melodie auch die kognitive Wahrnehmung des Songs nicht unberührt. Die Frage ist dann letztendlich: Holt das neue Arrangement neue Bedeutungs- oder Gefühlebenen aus dem Song heraus oder ist es schlicht l’art pour l’art? Wir werden sehen und hören.

Die Sensation war natürlich nach mehr als einem Jahrzehnt die Wiederaufnahme von „Lenny Bruce“. Wir erinnern uns, der jüdische Stand-up-Comedian stand bahnbrechend für eine satirische Blickweise auf das politische Zeitgeschehen, sein Witz war scharf und gnadenlos und traf vor allem auch die Eliten. Dass er noch dazu auf der Bühne recht derb und obszön sein konnte, lieferte den Mächtigen gute Vorwände, um Bruce mit Auftrittsverboten zu überziehen. Am Ende starb er 1966 mit einer Nadel Heroin im Alter von 42 Jahren.

Natürlich überlegt man als Dylanologe warum kommt Dylan jetzt wieder mit dem Song heraus. In einer Zeit, in der Satire die absurde Realität von Trump & Konsorten überhaupt nicht übertreffen und zuspitzen kann. Einer Zeit, in der zwar in TV, Internet und Social Media viele Witzchen über Politik erzählt werden, aber das Maß nicht stimmt. Im TV zu harmlos, in den Social Media hasserfüllt. Da ist Lenny Bruce tatsächlich eine Figur von Gestern, was aber nichts schlechtes sein muss. Denn Bruce hatte bei allem anarchischem schon einen Kompass, wen und was er sich in welcher Weise vornahm. Im tiefsten Innern leitete ihn die Humanität, nicht die Misanthropie. Auch wenn ich Lenny Bruce nicht zu den stärksten Songs von Dylan zähle – zu verschwommen ist mir die Aussage, zu einfach und harmlos erscheinen mir die Bilder – so liegen ihm doch der Song und die Person am Herzen. Und möglicherweise ist das Ganze dann doch sein Kommentar zum Medien-Overkill der Horrorclowns.

Und am Ende dann tauchte beim Eröffnungskonzert das wunderbare „Long And Wasted Years“ in den Zugaben auf, wurde aber leider bald durch das natürlich legendäre „Ballad Of A Thin Man“ ersetzt.

Die Band und die Musik
Ein Abgang, zwei Neuzugänge sind zu verzeichnen. Fast 20 Jahre trommelte der sympathische George Receli für Dylan. Nach dem wunderbaren „Tier am Schlagzeug“ Winston Watson, dem der etwas farblosen David Kemper folgte, war George wieder einer, der zum Fanliebling wurde. Er spielte mehrere Platten ein und wirkte auch in Videos und Filmen zusammen mit Dylan. Schon schade, aber wie gesagt, die Dinge ändern sich. Neu an seiner Stelle ist Matt Chamberlain, ein profunder Studio- und Livemusiker, ein alter Hase, der schon mit Pearl Jam, Tori Amos, The Wallflowers und Elton John zusammengearbeitet hat. Und mit Bob Britt ist wieder einmal ein zweiter Gitarrist dabei. Auch er ein alter Fahrensmann (Leon Russell, Dixie Chicks, John Fogerty). Die beiden geben dem Sound neue Impulse, aber auch Dylan wirkt ein, indem er zum Beispiel selber beim Opener zur Gitarre greift – zuletzt sogar beim zweiten Song ebenfalls – oder Donnie Herron ein bisschen aus dem Schattendasein holt und dessen Violinenspiel nun viel mehr der Melodieführung als dem Lücken füllen dient. Und auf seiner alten Tage scheint Dylan sogar serviceorientiert vorzugehen. Erstmals seit vielen Jahren stellt er die Band wieder vor. Das kann sich aber auch wieder ändern, denn irgendwann sollten die neuen Mitglieder bekannt sein und dann wird sich der Meister womöglich auch diese wenigen gesprochenen Worte wieder sparen.

Dylans Gesang bleibt auf den Niveau des Sommers und so ergeben sich aus dieser neuen Gesamtkonstellation wieder typische Dylan-Konzertmomente: Hohe Kunst wechselt sich ab mit solidem Handwerk und gescheiterten Versuchen der Neubelebung des Altbekannten. Soviel Risiko geht weiterhin unter den Altmeistern nur ein. Und daher strebt Dylan immer weiter nach vorne, immer weiter. Für die sicheren Nummern sind andere zuständig. Und wir beobachten das ganze sehr erfreut. Dylan is on his road again!

The Band – Sondereditionen zum 50. Geburtstag des „braunen“ Albums

5. Oktober 2019

Nachdem Bob Dylan und „The Band“ 1967 im Keller von Big Pink mit den Basement Sessions das „Americana“ schufen – noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil Dylan die Bänder erst 1975 veröffentlichen ließ – war es an der kanadisch-amerikanischen Truppe das neue Genre dem Publikum vorzustellen. 1968 erschien ihr Debüt-Album „Music From Big Pink“, das tatsächlich noch sehr den Geist des Kellers in Woodstock atmet. Und im selben Jahr traten sie dann mit Bob Dylan beim Woody Guthrie-Tribute anlässlich des Todes der Folk-Ikone auf. Auf diesem Blog habe ich vor zwei Jahren auf den Zeitraum 1967/68 verwiesen: https://cowboyband.blog/2017/12/28/vor-50-jahren-die-geburt-des-americana/

Die Geburtsjahre des „Americana“
1969 im Woodstock-Jahr führen die Protagonisten inmitten der Psychedelic-Welle ihre Arbeit an Americana und Country-Rock fort. Während Dylan mit „Nashville Skyline“ im April bereits seine Hinwendung zur Countrymusik dokumentierte (er nahm im Februar 1969 mit Johnny Cash auf, die Sessions werden nun endlich in wenigen Wochen, am 1. November, veröffentlicht!) erschien im September 1969 das zweite, das „braune“ Album der Band. Nachdem „The Band“ bei Woodstock aufgetreten waren, sie durch die Schnappschüsse von Elliott Landy sich auch optisch als „American Pilgrims“ stilisiert hatten, war die Zeit reif für „The Band“. Das zweite Werk von Levon, Robbie, Richard, Garth & Rick wurde in einem Atemzug mit dem weißen Album von John, Paul, George & Ringo genannt, was die Entwicklung der Pop- und Rockmusik anging. Insbesondere Eric Clapton war und ist des Lobes voll.

Robertson kuratiert die Neuausgabe und verarbeitet die Vergangenheit
Während also zum 50. Jubiläum von Nashville Skyline und den Dylan/Cash-Sessions letztere endlich veröffentlicht werden, wird auch das braune Album entsprechend gewürdigt. Unter dem Kuratel von Robbie Robertson wurde das Album neu gemischt, einige Bonus Tracks zusammengetragen und vor allem: Erstmals wird das Woodstock-Konzert von „The Band“ offiziell veröffentlicht.

Diese ganze Jubiläums-Kiste hat wohl Robbie Robertson indes so beschäftigt, dass er unter dem Titel „Once Were Brothers“ sowohl an einem Dokumentarfilm über seine Zeit mit „The Band“ mitwirkte, als auch einen Song schrieb. Beides an seiner Biographie „Testimony“ angelehnt. Der mittlerweile 76-jährige erzählt seine Version der Geschichte von „The Band“, nachdem Levon Helm in seiner Biographie „This Wheel’s On Fire“ Robertson schwere Vorwürfe machte bezüglich Songrechten und Bandleader-Allüren. Jahrelang waren die beiden zerstritten und legten die Fehde erst an Helms Totenbett im Jahr 2012 bei. Der Schreiber dieser Zeilen hat den Film, der am 5. September Premiere hatte, bislang noch nicht sehen können, aber was man hört, scheint Robbie einiges auf den angeblichen Drogenkonsum der anderen Bandmitglieder zu schieben. Wir werden sehen, wie wir das einzuschätzen haben, und uns hier wieder zu Wort melden.

Erscheinungsdatum 15. November
Wie auch immer, am 15. November erscheinen nun eine Reihe von 50th Anniversary Edition-Packages: ACD, Blu-ray, Doppel-Vinyl, 7-Inch-Boxset mit gebundenem Buch und vieles mehr. Auch hierfür gilt: Wir werden es hören und auch dazu hier wieder von uns hören lassen. 50 Jahre danach ist die Geschichte und die Musik von „The Band“ wieder neu zu entdecken. Und das ist gut so.

Bob Dylan war nicht dabei

16. August 2019

Bob Dylan und 50 Jahre Woodstock: Beschreibung eines Verhältnisses und Einordnung in die gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA.

Nein, ich kann mich nicht erinnern 1969 irgendetwas von Woodstock

Woodstock 1969, Photo Credits: Wikimedia Commons

miterlebt zu haben. Das liegt an meinem Alter – ich war noch nicht einmal sechs Jahre alt – als auch an meinen Eltern, die der Vor-Woodstock-Generation entstammten und mit den damaligen gesellschaftlich-kulturellen Umbrüchen nichts anfangen konnten. Aber ich habe mich auch in den Folgejahren nie sehr leidenschaftlich um Woodstock gekümmert. Ja, Woodstock war halt wichtig. Und bei den älteren, langhaarigen Schülern auf dem Gymnasium ließ man sich schon gerne mit dem Woodstock-Album sehen. Aber mich berührte das nicht sonderlich, auch wenn der eine oder andere Auftritt – Joan Baez mit Drugstore Truck Drivin‘ Man (gegen Ronald Reagan) oder Country Joe McDonalds Anti-Vietnam-Hymne „Fell Like I’m Fixin‘ To Die“ – mir schon imponierte.

Bob Dylan floh vor dem Woodstock-Festival
Als ich Mitte/Ende der 1970er Bob Dylan für mich entdeckte, bekam ich schon recht schnell mit: Der war ja gar nicht bei Woodstock dabei. Der floh regelrecht davor. Obwohl es ja in Woodstock stattfand, weil er ja da wohnte. Der Messias der Rockmusik, der zu dieser Zeit sich vor der großen Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, wollte mit den Hippies nichts zu tun haben. Den „Summer Of Love“ 1967 verbrachte er mit „The Band“ im Keller und spielte alte Folk, Blues, Country-, Gospel- und Rock’n’Roll-Nummern, die erst Jahre später als „The Basement Tapes“ veröffentlicht wurden. Und während draußen die Psychedelic-Rockwelle tobte, da schrieb er einfache, kleine Folk- und Country-Songs (im Vergleich zu seinen textlich-überbordenden Mittsechziger Werken) und veröffentlichte 1968 „John Wesley Harding“. 1969 ging er sogar ins konservative Nashville und veröffentlichte „Nashville Skyline“. Woodstock, so sagte er später, war für ihn „nur ein großer Markt für Batik-Shirts“.

Doch dieser Bob Dylan, der damals gerade seine Inkarnation als Familienvater durchlebte, war in der Tat ein Wegbereiter für die Gegenkultur, deren Ausdruck Woodstock auch war. Er kaperte Anfang der 1960er das Folk-Revival und befeuerte dessen Politisierung durch Protestsongs mit einer lyrischen Qualität und einer Dringlichkeit der Botschaften, die überwältigend war. Er komponierte den Soundtrack der rebellischen Jugend, die sich mit den benachteiligten Schwarzen solidarisierte und gegen die Kriegsgefahr protestierte. Seine Songs über „Hattie Caroll“ oder den „Masters Of War“ sind unerreichte Meisterwerke, die die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt bringen, ohne sich in dumpfen Plakatismen und Wortdrechseleien zu ergehen.

Er war es aber auch, der der Vater aller Nonkonformisten wurde. Teils aus Eigenschutz, weil er als 22-Jähriger eben nicht die Kraft und den Willen besaß, zu einer politischen Führungsfigur – Che Guevara mit Gitarre? – zu werden, wie es einige gerne gesehen hätten und daher Druck auf ihn ausübten. Teils aus tiefer Überzeugung als autonomer Künstler, der sich seine Subversivität gegen alle mächtigen Institutionen erhalten wollte.

Er war es dann aber auch, der das Folk-Revival sprengte und die Bedeutung des Newport-Folkfestivals zum Implodieren brachte. Als er seine Gitarre 1965 einstöpselte, wurde er für die puristischen Folkies zum Judas. So schrie es einer 1966 in Manchester heraus. Gleichzeitig ebnete er der intelligenten Rockmusik den Weg. Er dichtete weiterhin gesellschaftskritisch, aber weniger tagespolitisch, weniger direkt politisch verwertbar. Dass die Botschaften dieser Songs wie „Subterranean Homesick Blues“ oder „It’s Alright Ma“ vielleicht noch radikaler waren, als die frühen Protestsongs, zeigten die Bereitschaft der linken militanten „Weathermen“ sich für ihren Namen bei einer Liedzeile von „Subterranean“ zu bedienen oder die Begeisterung von Black Panther-Anführer Huewy Newton für Bob Dylans Mittsechziger Rockmusik.

Er trug kulturell dazu bei, dass sich eine neue Linke entwickelte. Pete Seeger – bis heute ist nicht geklärt ob er wirklich mit der Axt bei Newport 1965 die Stromleitung kappen wollte – stand für die alte Linke. Dylan stand für eine individualistische, hedonistische und undogmatische Linke. Für sie war er einer der ihren, dessen Ruhm und Legende in seiner Abwesenheit nach seinem Motorradunfall und während seiner Elternzeit immer größer wurde, obwohl er jetzt andere, traditionellere Musik machte. Aber auch „All Along The Watchtower“ vom Album „John Wesley Harding“ war ja nichts anderes als das gegen die verwaltete Welt gerichtete „Sesam, öffne dich, ich will hinaus“, das sowohl gegen den westlichen Kapitalismus, als auch den gegen den Gesellschaftsentwurf des poststalinistischen Ostens rebellierte. Dylan war einfach nicht eins mit dieser Welt und lieferte so den Soundtrack des Generationenaufstandes Ende der 1960er.

Isle Of Wight statt Woodstock: Bob Dylan 1969

Woodstock-Generation und Neoliberalismus
In Woodstock – von jeher eine Künstlerkolonie – siedelten sich aus Verbundenheit zu ihrem Idol und Wegweiser Dylan, dann auch eine ganze Reihe weitere Musikerinnen und Musiker an. Und das war wiederum der Anlass für die Geschäftsidee von Michael Lang und Artie Kornfeld, die dort ein Tonstudio einrichten wollten, um von der Künstlerdichte zu profitieren. Sie fanden die jungen Finanzinvestoren John P. Roberts und Joel Rosenman und das Phänomen Woodstock ’69 nahm seinen Lauf. Von Anfang an war es beides. Sowohl ein Symbol der Gegenkultur, und der notwendigen Befreiung von überkommenen gesellschaftlichen Zwängen, als auch ihr Ende und der Anfang eines kommerzialisierten Mainstreams, der zumindest ein Jahrzehnt lang Glaube und Hoffnung gab, man könne die Gesellschaft verändern. Dann kamen Reagan (der Truckfahrer wurde US-Präsident), Thatcher, Kohl und begruben die Träume und in den 1990ern waren es Teile der Generation Woodstock, die mit dazu beitrugen, dass der Neoliberalismus auch in alten und neuen linken Organisationen seinen Siegeszug antrat. Clinton, Blair, Schröder, Fischer hatten sich mit dem Kapitalismus arrangiert.

Wie besinnungsloser Neoliberalismus die Globalisierung strukturiert, das konnte man schon in 1980ern sehen und spätestens mit Finanz-, Klima-, und Flüchtlingskrise ist unsere Art des Wirtschaftens kollabiert. Sie erfüllt nicht die Bedürfnisse der Menschen. Sie schafft Wohlstand nur in wenigen Zentren. Sie schafft Armut in der dritten Welt. Aber sie lässt auch in den wohlhabenden Zentren Wenige immer reicher werden. Und sie zerstört unseren Planeten.

Die Wohlstandsschere klafft immer weiter auf. Während soziale Ungleichheit für linksliberale Milieus aber so gut wie kein Thema ist, werden Geschlechtergerechtigkeit, Diversität und Klimaschutz von einflussreichen Kreisen den Globalisierungsverlierern zum Fraß vorgeworfen. Trump, Johnson, Gauland sind Männer des alten weißen Establishments, die für ihre Spielchen genug verzweifeltes Stimmvieh und Fußvolk finden. Es sind Vertreter von bestimmten Kapital- und Oberschichtenfraktionen.

Deren Kampf gegen den Linksliberalismus ist aber auch ein Kampf gegen jede linke Utopie, weil sie die hassen und der Linken die Ausgangsbedingungen nehmen wollen. In rechten autoritären Systemen werden die Linken im Gefängnis sitzen. Daher muss die Linke erstmal mit den demokratischen Kräften gegen den Siegeszug der neuen Rechten angehen. Aber es muss auch immer klar sein: Alle diese Probleme – Klimakrise, Flüchtlingselend, soziale Ungleichheit, Rassismus und Sexismus sind direkte oder indirekte Folgen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrem ungezügelten Durchgriff auf alle gesellschaftlichen Bereiche: Arbeit, Freizeit, Familie, Kultur, Gesellschaft. Das muss breit in der Gesellschaft diskutiert werden. Es geht um mehr als um den Status Quo oder die vermeintlich „schöne Zeit“ vor 2015.

Bob Dylan als Globalisierungskritiker
Bob Dylan hat sich auch nach seiner Protestphase immer mal wieder konkreter zur politischen Situation geäußert. Er hat mit „Union Sundown“1983 frühe Globalisierungskritik geäußert und hat 1985 beim Heiapopeia-Live Aid auf die Existenzprobleme der US-Farmer aufmerksam gemacht. 1993 hat er für Clinton bei dessen Inauguration gespielt, weil er sich von ihm Verbesserung erhoffte. Wie enttäuscht er als Vertreter des alten New Deals vom Neoliberalismus der Baby-Boomer sein musste, bewies seine Weigerung, in den allgemeinen Obama-Hype miteinzustimmen. Sein Song „Workingman’s Blues #2“ von 2006 ist eine klare Analyse des Niedergangs des Proletariats in Zeiten der Globalisierung und sein „Early Roman Kings“ von 2012 zeigt auf, dass Banker, Mafia oder Gangsta nur verschiedene Seiten derselben kapitalistischen Medaille sind.

Seit 2012 hat Dylan keine neuen Lieder mehr veröffentlicht, keine aktuelle Textstelle, die sich als Reaktion auf Trump werten ließe. Doch Bob Dylan hat auch zu Trump in seinen Liedern schon alles gesagt. Dylan steht für ein anderes Amerika, als es Trump will.

Die Linke muss sich neu erfinden während Bob Dylan zeitlos ist
Michael Lang ist mit seiner Woodstock-Neuauflage krachend gescheitert. Dylan war 1994 dabei, dass funktionierte noch irgendwie während des Baby-Boomer-Optimismus der ersten Clinton-Jahre. 1999 beim 30-Jährigen wurde Woodstock zur Tragödie, als von massiven sexuellen Übergriffen und Desorganisation die Rede war. Nun wurde Langs letzter Anlauf zur Farce. Ohne Geld, ohne Künstler, ohne Festivalgelände.

Ein guter Anlass, über die heutige neue Linke in den USA nachzudenken. Die Woodstock-Generation und ihre Protest- und Lebensformen helfen nur bedingt in der politischen Auseinandersetzung für einen sozial-ökologischen New Green Deal. Über vieles ist die Zeit hinweg gegangen. Und viele aus der Woodstock-Generation gehören heute zum Establishment. Und es hat auch seinen Grund, dass das Silicon Valley in der San Francisco Bay Area zum Ursprung der absoluten Herrschaft von Apple, Google, Microsoft und Co wurde. Denn der Siegeszug des Neoliberalismus hat seine Ursachen auch in den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er Jahre. Deren Umbrüche führten zu einer gesellschaftlichen Modernisierung, die in einigen Teilen eben bestens kompatibel zum Kapitalismus war.

Und so ist auch über viele Protagonisten der damaligen Gegenkultur die Zeit hinweg gegangen. „Love and Peace“ reichte damals nicht und reicht auch heute nicht zu einer Strategie für tiefgreifende gesellschaftlichen Veränderungen, die auch die Produktions- und Besitzverhältnisse in den Blick nehmen. Darum ist die ewige Beschwörung des Woodstock-Mythos auch so schal. Man muss Woodstock wichtiges Ereignis seiner Zeit mit einer gewissen Wirkung und Bedeutung würdigen. Man kann in Erinnerungen schwelgen und sich an der Musik erfreuen. Man muss aus dem Lernen, was es gewesen ist und was es nicht gewesen ist. Aber immer weiter eine nostalgieselige Überhöhung zelebrieren muss man nicht. Die Welt hat sich in 50 Jahren weitergedreht.

Bob Dylan hat damals nicht dazugehört. Und das macht ihn heute aktueller denn je. Er ist aktueller, weil er die universellen Fragen stellt, die seit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft von Shakespeare, Goethe, Brecht, von Marx, Marcuse und Adorno gestellt wurden. Er hat sich daher immer dem Zeitgeist entzogen – abgesehen von seiner christlichen Phase mit der ich nie ganz meinen Frieden schließen werde – war er ihm oftmals voraus und ist somit zeitlos geblieben. Bob Dylan war nicht bei Woodstock dabei gewesen und es war gut so!

„Von Newport nach Woodstock“-Tour gestartet

26. Juli 2019

Reges Interesse am Special Event „50 Jahre Pop & Protest“ des d.a.i. Tübingen

Vortrag in Tübingen, Photo Credits: Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen

Er war der Aufgalopp zu vier Veranstaltungen im zweiten Halbjahr 2019, die das Jubiläum „50 Jahre Woodstock“ zum Anlass nehmen, sich mit der Wirkung und der Perspektive der Protestkultur der 1960er Jahre zu beschäftigen und bei denen ich vortragen darf: Der Special Event „50 Jahre Pop & Protest“ des Deutsch-Amerikanischen Institutes in Tübingen am Freitag, 19. Juli. Im gut gefüllten Veranstaltungssaal des d.a.i Tübingen referierte ich zur Vorgeschichte, den Entstehungsbedingungen sowie Wirkung und Wirklichkeit des Woodstock-Festivals 1969. Katja Engelhardt und Vanessa Schneider berichteten über „Female Resistance in Pop Music“ heutzutage.

Vom Folk-Revival und „Dylan goes Electric“ über den „Summer Of Love“ zu Woodstock
Ausgehend von der These, dass die 1960er Protestkultur ihren Ursprung im Folk-Revival der späten 1950er Jahre hat, nahm ich das Publikum mit auf eine Zeitreise in die Hoch-Zeit der Protestsongs mit Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan. Mit seiner Hinwendung zum Folk-Rock verlor die Folkbewegung ihren Avantgarde-Status und die Rockmusik mit intelligenten Texten, aber auch der Psychedelic-Rock, der oftmals nicht mehr als der Soundtrack zum eskapistischen Trip war, bestimmten die progressive Musikszene in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Während sich im „Summer of Love“ 1967 ein kurzes Zeitfenster für eine wirkliche Gegenkultur zum kriegführenden, konsumistischen und kapitalistischen Amerika öffnete, war diese politische Hippiebewegung bei Woodstock schon an ihrem Ende angekommen. Nun war auch Love & Peace schon unverbindlich zu konsumieren, und gab den vier Jungs aus Musik- und Finanzszene, die Woodstock organisierten, damit die Gelegenheit ein Festival aus Kommerzinteresse zu veranstalten.

Der historische Witz dabei war, dass das Festival nicht gewollt, sondern aufgrund organisatorischer Unzulänglichkeiten zum „Free Festival“ wurde und somit auch erstmal zu einem finanziellen Desaster für die Beteiligten führte. Aber dennoch, es lebe die kapitalistische Verwertungskette – später rechnete sich das Festival dann wegen Film-, Musik- und Merchandising-Rechten dann doch noch.

Woodstock 1969: Gleichzeitigkeit von Gegenkultur und Konsumismus
Während Bob Dylan vor der Hippie-Seligkeit floh und einige großen Bands wie die Stones oder die Doors das Festival aufgrund der vielen Unwägbarkeiten mieden, waren doch eine Reihe von hochkarätigen Acts dabei. Während die Mehrzahl die Love & Peace-Gefühle streichelte, gab es auch einige dezidiert politische Augenblicke wie Country Joe McDonalds Anti-Vietnam Hymne „Fixin‘ To Die Rag“ oder Joan Baez‘ Spottlied auf Ronald Reagan „Drug Store Truck Drivin‘ Man“. Weitere Ironie des Festivals war, dass Jimi Hendrix das vermeintlich schärfste Statement zum Vietnam-Krieg – die mit E-Gitarre verzerrte Fassung der US-Hymne „Star Spangled Banner“ – später gar nicht so verstanden haben wollte.

Reges Interesse an der Veranstaltung „50 Jahre Pop & Protest“, Photo Credits: Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen

Bei der abschließenden Diskussion erinnerten sich einige Zeitzeugen, wie wichtig diese Jahre für ihre Entwicklung als kritische Menschen waren. Und so lautet das Resümee des Vortrags denn auch: Ja, Woodstock war auch ein Ausdruck der Gegenkultur, die für ein paar Jahre durchaus gesellschaftliche Kraft erlangte. Aber es zeigte auch an, dass die Rockkultur zum Mainstream wurde, und sich damit hervorragend kompatibel zur kapitalistischen Konsumgesellschaft erwies.

„Female Resistance in Pop Music“
Wie sich politisch-gesellschaftlicher Protest in der heutigen Popmusik zeigt, führten anschließend die beiden BR-Redakteurinnen Vanessa Schneider und Katja Engelhardt aus. In einem Live Podcast zeigten sie anhand von Beispielen von berühmten Mainstream-Künstlerinnen wie Lada Gaga oder Beyoncé, aber auch von dem großen Publikum weniger bekannten Musikerinnen wie Alynda Lee Segarra wie sich Botschaften gegen Rassismus, Sexismus oder Gentrifizierung mittels Popmusik verbreiten lassen. Ein spannender und hörenswerter Vortrag!

Lehren ziehen für heutige gegenkulturelle Strategien
So bleibt das positive Fazit: Veranstaltungen wie die vom d.a.i Tübingen helfen uns, angesichts unserer heutigen Situation mit dem Vormarsch von Autokraten und Rechtsextremen und deren Absicht, die Errungenschaften der 1960er Jahre wieder abzuschaffen, die Vergangenheit einzuordnen und aus den daraus folgenden Schlüssen, Ausgangsbedingungen für eine gesellschaftliche und kulturelle Gegenwehr zu diesen Tendenzen auszuloten sowie Strategien zu diskutieren und umzusetzen.

Weitere Veranstaltungen der „Von Newport nach Woodstock“-Tour sind dann vom 16. bis 20. September in der Gustav Heinemann Bildungsstätte in Malente, am 6. November in der Reihe „Americana im Pädagog“ in Darmstadt sowie am 6./7. Dezember im Weiterbildungszentrum Ingelheim.