Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

They Are Younger Than That Now!

15. Juli 2019

Neil Young und Bob Dylans gemeinsamer Auftritt in Kilkenny

Promo: Veranstalter

Nein, das wird nicht passieren! Träumer, die da denken Bob Dylan und Neil Young würden sich zum Tour-Abschluss die Bühne für einen gemeinsamen Song teilen. Niemals wird das geschehen! So oder ähnlich dachte ich wie so manch anderer vermeintlicher Realist auch. Zu oft hatte Dylan solche Chancen trotz gemeinsamer Touren mit Willie Nelson, John Mellencamp oder Merle Haggard ausgelassen.

Dadurch hatte man fast vergessen, dass Dylan 2013 bei der Americanarama-Tour tatsächlich gemeinsam mit Wilcos Jeff Tweedy, My Morning Jackets Jim James, und Ryan Bingham zusammen den „Band“-Klassiker „The Weight“ gespielt hatte. Aber das war die große Ausnahme von der Regel.

Aber irgendwie passte dieser gemeinsame Auftritt am Sonntagabend im irischen Kilkenny zu dieser staunenswerten Dylan-Tour im Sommer 2019. Hatte Dylan im Frühjahr schon begeistert durch frische, neue Arrangements seiner Songs – „Don’t Think Twice“ am Klavier nur von Tony zart mit Bass und Bogen begleitet war der Höhepunkt im April in Augsburg – kam bei dieser Tour nun eine für Dylan überbordende Spiel- und Ausdrucksfreude dazu. Selten hat man ihn so entspannt im hier und jetzt gesehen, schon lange nicht mehr so voller Energie und der Lust und dem Spaß an der Performance. Die Konzerte 2017 und 2018 waren sehr gut, die Frühjahrstour auch, doch jetzt steigerte sich Dylan gegen Ende seiner diesjährigen Europatour zu einer beachtlichen Form empor.

Diesmal war „Girl From The North Country“ der Höhepunkt. Ganz zart, ganz langsam, ganz eindringlich hat der 78-jährige sein frühes Lied über eine Jugendfreundin gesungen. Mit so viel Melancholie, dass einem die Tränen kommen. Fast ebenso melancholisch kommt auch „Simple Twist If Fate“ in diesen Tagen daher. Erinnerungen des alten Mannes an vergangene Liebschaften voller Sehnsucht, voller Hingabe und voller Einsicht, dass das lange zurückliegt aber immer zu diesem Leben dazugehören wird.

Dylan scheint sich der eigenen Bedeutung in diesen Tagen sehr bewusst zu sein und reagiert mit Stolz und der Selbstverpflichtung, etwas Gutes abzuliefern darauf. Kein Auto-Pilot, nicht eine Zeile wird da weg genuschelt. Während Bob mit immer neuen Verfremdungen seiner Songs durch Deutschland reiste, war Neil Young indes als ton- und wortgetreuer Apologet seiner selbst unterwegs. Herausgefordert von der jungen Truppe um Willie Nelsons Sohn Lukas, treibt er die Jungen an, spielt seine Songs wie man sie halt kennt, nur eben live. Mit noch längeren und noch brachialeren Soli die Rocknummern, weich und geschmeidig die zarten Folknummern. Das macht richtig Spaß, ist sicher leichter zugänglich wie die Dylan-Methode, sollte aber nicht – wie in der britischen Presse geschehen- gegen Dylans Art der Performance ausgespielt werden.

Denn beide sind in ihrer Art einzig und besonders. Dass sie sich nun zusammen die Bühne zum Abschluss ihrer beider Touren in Kilkenny teilten, ist auch etwas Besonderes. Wie gesagt, beide sind sich ihrer Stellung bewusst. Und so singen sie aus vollem Herzen das alte Traditional „Will The Circle Be Unbroken“, das schon von so großen und wichtigen Interpreten wie der Carter Family oder den Staple Singers angestimmt wurde.

Dylan und Young hatten in jungen Jahren die Nachfolge der alten Folkmusiker mit ihren eigenen musikalischen Mitteln angetreten, nun im Herbst ihres Lebens nehmen sie die jenseitige Hoffnung des alten, überlieferten Liedes auf. Ein Lied, das auch immer dazu dient, einem die Last vom Leben zu nehmen, weil es verheißt, dass da noch etwas Besseres kommt.

Doch wer Dylan und Young im Sommer 2019 im Konzert erlebt hat, der hat alles andere als Künstler gesehen, die eine Last zu tragen haben. Im Gegenteil: Da konnte man zwei spielfreudige alte Haudegen sehen, die wir weiterhin gerne regelmäßig hierzulande zu Besuch hätten. They Are Younger than that now!

Besser geht’s nicht mehr – nur anders!

11. Juli 2019

Promo: Jazz Open Stuttgart

Bob Dylans außergewöhnliches Konzert bei den Jazz Open in Stuttgart.

Ich habe – u.a. auch am letzten Sonntag in Mainz – unter den fast 40 Bob Dylan-Konzerten, die ich über die Jahre gesehen habe – viele gute bis sehr gute Konzerte gesehen. Das aber vom Sonntagabend im Stuttgarter Schlosspark ist wirklich eines der schönsten Dylan-Konzerte gewesen, das ich je gesehen habe. Es war ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert.

Nach einer schieren Ewigkeit mit „Things Have Changed“ als Opener stand mit „Ballad Of A Thin Man“ ein anderer Song am Anfang des Abends. Und das in einer eindringlichen, packenden Fassung, die – ohne dass man es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte – geradewegs in einen fantastischen Auftritt mündete, in dem Dylan seine Songs mit klarer Stimme und ausdrucksstark prononciert, sie geradezu auslebt. Seine Stimme ist an diesem Abend laut und kräftig, seine Stimme ist sanft und fein, aber sie kann auch quietschen und gedehnt sein – ganz wie er es will und für notwendig hält.

Sein Vortrag ist aufrüttelnd bei „Can’t Wait“ und bitterböse bei „Scarlett Town“, die er beide in der Mittte der Bühne singt. Stehend und – in Begleitung des Mikrofonständers – auch tänzelnd. Sein Vortrag ist anrührend und emotional bei „Simple Twist Of Fate“ und „Girl From The North Country“. Da kamen einem wirklich die Tränen, so sehr glaubhaft berührend sind die Erinnerungen des alten Mannes an Liebe und Verlust in jungen Jahren. „Girl From The North Country“ gelingt ihm mit dieser mild-resignativen, leicht zweifelnden und durchaus sentimentalen Haltung – „trügt mich die Erinnerung oder war es wirklich so damals“ – überirdisch schön. Der stärkste Dylan-Moment, den ich je in einem Konzert erlebt bzw. gefühlt habe.

Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.

War „When I Paint My Masterpiece“ in Mainz nur als schräge Walzernummer eher in der Abteilung „Kuriositäten“ beheimatet, gelingt sie ihm in Stuttgart als ironische Selbstentlarvung. Damals mit 30 Jahren hat er mit dem Song nach vorne geblickt und hat auf seine künstlerische Vollendung geschaut. Nun ist er amüsiert über damalige Situation und die irrige Annahme irgendwann sei man vollendet. Solche trivialen Annahmen gehören einfach mit einem gemütlichen Walzertakt unterlegt. Apropos amüsiert. Aufmerksame Konzert-Zuschauer wissen, dass Dylan mit dem Rücken zum Publikum mit seinen Musikern scherzt und lacht, aber sobald er sich uns zuwende,t seine stoische Buster Keaton-Maske aufsetzt. Doch in Stuttgart wurden Schranken eingerissen und dem Publikum öfters mal ein Lächeln geschenkt. Und bei der ebenfalls fantastischen Version von „Love Sick“ lacht er laut.

Und so ist dieses Konzert so dicht und überwältigend, dass es überhaupt keinen Abbruch tut, dass das Publikum diesmal auf „It Takes A Lot To Love, It Tages A Train To Cry“ als zweite Zugabe verzichten muss. Zwingend fand ich diesen Song an dieser Stelle nie. Und so verbeugt sich Bob Dylan auch das ist neu auf diesem Tourabschnitt) womöglich selbst ergriffen von seinem Auftritt, steht noch etwas gagelig da und verschwindet wieder in die Nacht.

Dieses Konzert war so schön, dass man darüber traurig werden kann. Denn irgendwann werden diese ewigen Konzerttouren enden. Aber wir wünschen uns – und die Zeichen, die wir gestern sahen lassen leise Hoffnung aufkommen – dass Bob Dylan uns noch eine Zeit lang zu seinen Konzerten einlädt. Auch wenn diese nach dem gestrigen Abend kaum noch besser werden können. Aber dass sie anders gut sein werden, das reicht doch als Anlass allemal, neuen Auftritten Bob Dylans entgegenzufiebern.

So eine richtige Bob Dylan-Geschichte

16. Juni 2019

Scorseses Film ist eine kongeniale Rückschau auf ein großes Folk-Rock-Ereignis. Und macht riesig Spaß.

Wer erwartet hätte, Martin Scorsese würde sich mit einer braven Dokumentation der Rolling Thunder Revue begnügen, der hat beide nicht verstanden. Weder das ursprüngliche anarchische Folk-Rock-Event aus dem Jahre 1975, noch den preisgekrönten Filmemacher. Eine lineare Dokumentation dieses chaotischen Verwirrspiels mit unzähligen Akteuren wäre schlichtweg dem Stoff nicht angemessen und auch nicht nötig. Durch die Bücher von Ratso Sloman und Sam Shepard sowie unzähliger Sekundärliteratur ist diese Tour eigentlich ganz gut dokumentiert. Konzertaufnahmen sind hör- und sehbar zugänglich. Allein Dylans kompliziertes Filmwerk rund um die Tour, „Renaldo & Clara“, ist der Öffentlichkeit derzeit vorenthalten.

Was Scorsese stattdessen leistet, ist eine historisch-popkulturelle Einordnung dieser Tour. Und das macht er ganz fantastisch durch Verfremdung, Erfindung, Verdrehung und Verwirrung. Bereits im Titel und in der Ankündigung des Films hätten die ewigen Sucher nach Authentizität, die bekanntermaßen ja keine künstlerische Kategorie ist, merken müssen, was da kommt. „Rolling Thunder Revue. A Bob Dylan Story“ heißt der Film, der im Vorfeld als „teils Dokumentation, teils Konzertfilm, teils Fiebertraum“ bezeichnet wurde. Eine Bob Dylan-Geschichte muss mit Rollen, Identitäten und Zeiten spielen, sonst wäre sie keine.

Spiel mit Klischees
Scorsese tut dies auf drei Ebenen. Er spielt mit den Klischees des Popbusiness. Der im Film auftretende Jim Gianopulos hat diese Tour niemals promotet. Diese Tour war Dylans Ding und er wollte es eben genau nicht wie seine gigantische Comeback-Tour haben. Es war ja seine Art der „Magical Mistery Tour“. Warum sollte er sich da einen holen, der genau so tickt: Große Hallen, gute Gagen, viel Profit? Stattdessen organisierte Dylans alter Minnesota-Buddy Lou Kemp, die Tour. Und Sharon Stone war natürlich nicht als junges Groupie mit dabei. Ebenso wenig hatte die weiße Schminke Dylans irgendetwas mit „Kiss“ zu tun, sondern bekanntermaßen ließ sich Dylan bei der Ästhetik vom französischen Filmklassiker „Kinder des Olymp“ beeinflussen. Auch die Figur Stefan van Dorp ist reine Fiktion. Der deutsche Pop- und Psychedelic-Regisseur mit dem Heinrich Greif-Preis – den gab es wirklich und wurde für „hervorragende Leistungen der sozialistisch-realistischen Film- und Fernsehkunst der DDR“ verliehen – ist eine der köstlichsten Erfindungen des Films. Die Idee aber, die Tour zu verfilmen, stammte von Dylan selbst. Er beauftragte für die Filmarbeiten Howard Alk und fürs Drehbuch Sam Shepard. Und der erfundene Politiker Tanner – ausgeliehen von Scorsese aus dem Personenfundus des große Kollegen Robert Altman – ist eine großartige Projektionsfläche, um die Entwicklungen in der amerikanischen Politikerklasse in den 1970ern zu beschreiben. Man ist gefangen in den herkömmlichen Politik-, Denk- und Verhaltensmustern, möchte aber freigeistig und hip sein, und den Anschluss an die neuen Zeiten halten, da man es als opportun empfindet. Ein spätes Echo auf Bill Clinton, zu dessen Inauguration Dylan 1993 spielte?

Blick auf die USA in den 1970er Jahren
Scorsese verknüpft das kulturelle Ereignis mit Politik und die Gesellschaft. Er legt einen zeitgeschichtlichen Rahmen. Amerika leidet kurz nach dem Scheitern in Vietnam und kurz vor der Zweihundertjahrfeier mental und wirtschaftlich unter einer Depression. Während beispielsweise New York in den 1970ern als heruntergekommen, gefährlich und kriminell gilt, erlebt es eine so nie wieder da gewesen subkulturelle Blüte. In die sich auch Dylan und seine Folkies und Rocker einreihen. Dylan und Punk-Poetin Patti Smith nähern sich an, letztendlich entscheidet sich Patti aber gegen eine Teilnahme an der Revue. Der Brückenschlag zur neuen Generation gelingt hier nicht. Dennoch breiten Dylan und sein Tross mit ihrer Tour und dem Einsatz für den schwarzen Boxer „Hurricane“ Carter und die Sache der Indianer die Utopie eines anderen, friedlichen, poetischen und anarchischen Amerikas aus. Das ist ihr Auftrag, sie wollen den Geist der Bewegung und der Veränderung aus den Sixties weiter tragen. Gegengeschnitten dazu sind die leeren, staatstragenden und pathetischen Phrasen der Republikaner Nixon und Ford. Großartig! Für kurze Zeit scheint mit Jimmie Carter auch ein besseres Amerika möglich – auch Carter kommt im Film mit Pathos daher – doch im Hintergrund haben die neokonservativen Think Tanks längst ihre Schlüsse aus den Sixties gezogen. Jimmie Carter wird scheitern und mit Ronald Reagan der „New Deal“ zugunsten eines ungezähmten, neoliberalen Kapitalismus beendet.

Ein Film, der Spaß macht
Und Scorsese spielt mit den Erinnerungen. Die Erinnerung spielt eine ganz eigentümliche Rolle in diesem Film. Erst mokiert sich Dylan schelmisch, dass er sich eigentlich an gar nichts mehr erinnern könne, um am Ende auf die Frage was denn bliebe von Rolling Thunder zu antworten: „Nichts, Asche!“. Dazwischen äußert er sich aber seltsam kleinteilig, detailreich und wunderbar verschmitzt an einzelne Protagonisten des Projekts. Dass Ramblin‘ Jack Elliott ein besserer Seemann als Sänger gewesen sei, dass Scarlett Rivera im Verborgenen seltsame Dinge gemacht hätte, oder dass Allen Ginsberg ein toller Tänzer gewesen sei. Doch einmal auch, nur einmal, schwankt der Rezipient und Dylan-Kenner hinsichtlich der Frage authentisch oder fiktiv? Die Szene, als sich Joan Baez und Dylan über das Ende ihrer Beziehung und ihre neuen Liebschaften austauschen, wirkt wie eine wahre Begebenheit in einem Strom aus Spiel. Oder ist sie das Spiel in seiner Perfektion?

Zur filmischen Konzeption von Scorsese gehören neben der neuen Konstruktion und Komposition des vielfältigen Filmmaterials, das rund um die Tour entstanden ist, auch eine Reihe von bislang unbekannten Konzertaufnahmen, die in ihrer Qualität schlichtweg fantastisch sind. Denn schließlich geht es hier um ein musikalisches Event.

Und so ist dieser Film ein großer Spaß geworden, der mit leichter Hand Zeitgeschichte, Popkritik und die künstlerische Ausdrucksform Dylans zusammenbringt und den Mythos „Rolling Thunder Review“ durch Verfremdung und Fiktion weiter befeuert, ohne irgendein Rätsel wirklich zu lösen. So eine richtige Bob Dylan-Geschichte eben.

Drei Engel für Bob – Teuflisch gut!

25. Mai 2019

Dylan-Doppelgeburtstag in der Frankfurter Denkbar wird zu einem funkensprühenden Abend

Es ist noch hell und die Luft fühlt sich angenehm an, doch die Musik spielt an diesem Abend in der kleinen, proppenvollen Denkbar im Frankfurter Nordend. Die Gemeinde feiert den 78. Geburtstag von Bob Dylan und gleichzeitig das 20-jährige Bestehen der Doubledylans.

Thomas Waldherr – Präsentator des Abends – hält die Laudatio auf die Geburtstagskinder, in der er auf die humoristischen Seiten der Protagonisten eingeht und den Meister und seine Apologeten als Brüder im Geiste der Hoffnung und des Humors würdigt. Seine Erwähnung und Würdigung findet auch der kürzlich verstorbene Satiriker und Polemiker Wiglaf Droste. Auch er war ein Dylan-Freund gewesen.

Dann geht es an die Instrumente und die DoubleDylans spielen eine Auswahl ihrer besten Songs. Da dürfen „Silvio“ und „Abnießen“ ebenso wenig fehlen wie ihr großartiges Werk über den „Blinden Wilhelm Tell“. Am Ende werden die Soli und die Gitarrenduelle von Matze und Robert immer ekstatischer und funkensprühender, die Stimmung im Saal kocht und dazwischen Uli , der wie immer als Fels in der Brandung alles zusammenhält.

Und zu den Zugaben darf dann auch der Laudator mitsingen und dann alle „Whoowee, ride me high, Tomorrow’s the day, My bride’s gonna come, Oh, oh, are we gonna fly, Down in the easy chair“ und „I see my light come shining, From the west unto the east, Any day now, any day now, I shall be released“, und alle sind froh und ganz, ganz, ganz zum Schluss gibt es noch einen „Shot Of Love“ für alle aus der Mitte des Raumes und dann ist es vorbei für diesen Abend.

Davon wird man sich noch lange erzählen und das Beste ist: Es geht weiter, immer weiter!

Happy 78th Birthday, Bob!

24. Mai 2019

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Heute wird Bob Dylan 78 Jahre alt. Von mir die besten Glückwünsche an den Künstler, ohne den ich ein anderer wäre. Der mich in der Jugend mit „Hurricane“ für gesellschaftskritische Songs begeistert hat, der mich zum Singen gebracht hat, von dem ich unheimlich viel über Amerika und dessen Musik erfahren habe. Und der mich schließlich seit einigen Jahren immer wieder bei Live-Konzerten begeistert.

Er lässt mich nicht mehr los. Ist wichtiger Gegenstand meiner musikjournalistischen Arbeiten, meiner Seminare und stand immer wieder im Fokus meiner Konzertveranstaltungen. Heute Abend feiern wir ihn in Frankfurt in der Denkbar. Und Ende November zum Jahresausklang von „Americana im Pädagog“ wird er auch wieder im Mittelpunkt eines großen Abends stehen.

Bald wird mit dem Netflix-Scorsese-Film über die Rolling Thunder Review und den gesammelten Konzertmitschnitten dieser Zeit das nächste Kapitel aufgeschlagen. Und dann folgen auch schon wieder die nächsten Europa-Konzerte. Bleibt die große Frage ob wir nochmal die Veröffentlichung eines Albums mit neuen Songs erleben dürfen. Er scheint ja neben den Konzerten dieser Gage mehr Zeit und Aufmerksamkeit aufs Malen, Gartentore schweißen und Whiskey machen zu verwenden.

Wie auch immer, was jetzt noch kommt ist ohnehin nicht mehr als die Zugabe. Wobei Dylan wäre nicht Dylan, wenn auch ein erneuter Geniestreich möglich wäre.

In diesem Sinne bleibst Du auch weiterhin spannend, alter Bob. Gratulation!

Bardstown: Bourbon, Stephen Foster und „My Old Kentucky Home“

18. Mai 2019

Chicago, St. Louis, Memphis, Nashville. Ortsnamen, die jeder schon einmal gehört hat. Sollte er Musikfreund sein oder nicht. Sollte er schon einmal in Amerika vor Ort gewesen sein oder nur mit dem Finger auf der Landkarte. Aber Bardstown? Was machen wir in Bardstown, Kentucky? What the hell is in Bardstown? Nun ja, eigentlich ging es nur um einen praktikablen Stopp zwischen Nashville und Chicago. Vor dem krönenden Abschluss unserer Reise mit Windy City, Al Capone und Bluesfestival.

Am Anfang war Louisville, Kentucky im Blick. Aber das erschien uns – sorry! – irgendwie nicht so richtig spannend, um dort wieder ein paar Tage in einer Großstadt zu verbringen. Da kam Bardstown ins Spiel. Da lasen wir: Hübsche Altstadt, ach was! Große Anlage mit alter Plantage: „My Old Kentucky Home State Park“. Hhmm. Okay, aber da war doch was…

Und ein paar Google-Schritte und Seitensuchen weiter kamen wir der Sache auf den Grund. Die Plantage in Bardstown und Harriet Beecher Stowes Anti-Sklaverei-Roman „Onkel Toms Hütte“ inspirierten Stephen Foster 1853 zu seinem Song „My Old Kentucky Home“. Unter dem Einfluß von Beecher Stowe entwickelte sich Foster ebenfalls zu einem Gegner Sklaverei.

Also doch wieder was mit Musik. Eingefleischte Dylan-Fans kennen das Video von Bob Dylans Auftritt bei der TV-Party zu Willie Nelsons 60. Geburtstag. Da singt er, unterstützt von seiner Band und Marty Stuart an der Mandoline, eine wunderschöne Version von „Hard Times (come again non more)“. Dies ist nur eines der vielen bekannten Lieder des quasi ersten US-Songwriters Stephen Foster. Andere sind das schon erwähnte „My Old Kenticky Home“, aber auch „Camptown Races“ oder „Oh, Susanna!“. Songs, die in den USA jeder kennt und zu Volksliedern geworden sind. Geschrieben hat sie Foster für die Minstrel Shows, bei denen oftmals Weiße als Schwarze geschminkt waren und auf deren Kosten rassistische Scherze machten. Fosters Songs bildeten hier eine Ausnahme. Er versuchte, so steht es in Wikipedia, „die weißen Interpreten seiner Lieder zu beeinflussen, sich nicht über die Sklaven lustig zu machen, sondern ihr Publikum dazu zu bringen, Mitgefühl mit ihnen zu empfinden.“

Überhaupt waren diese Minstrel-Shows eine zweischneidige Sache. Als Unterhaltungsmedium für die weiße Unter- und Mittelschicht angelegt, wurde sich hier systematisch über die Schwarzen erhoben. Gleichzeitig war es der Anfang des klassisch amerikanischen Entertainments mit Großer Band, Entertainer, Showtreppe und komischen Sketchen. Und es war nach dem Bürgerkrieg für einige Schwarze das Sprungbrett ins Musikbusiness.

Stephen Foster konnte im Gegensatz zu den großen Songwritern unserer Tage trotz des Publikumserfolges seiner Songs nicht von seiner Musik leben – zu schlecht wurden die Kompositionen damals bezahlt – und starb 1864 noch während des Bürgerkriegs. Heute wird ihm in Bardstown als Komponist von „My Old Kentucky Home“ gedacht.

Und sonst in Bardstown? Die Stadt wirbt für sich mit „Bourbon Capital of the world“ und in der Tat ist sie das Zentrum der Whiskey-Brennzunft in Kentucky. Mit Jim Beam, Heaven Hill, Barton 1792 und Maker’s Mark sind in dem nur rund 14.000 Einwohner zählenden Städtchen gleich vier der bedeutendsten Bourbon-Distillerien angesiedelt.

So werden die Tage in Bardstown geruhsame Tage werden zwischen Spaziergängen im My Old Kentucky Home State Park, Gedenken an Stephen Foster und der ein oder anderen kleinen Whiskeyprobe. Genau das richtige, bevor es in die pulsierende Metropole Chicago geht, wo dann unsere Reise endet.

Hier aber endet erst einmal meine Reisevorschau. Jetzt geht es in die Detailvorbereitungen und langsam steigt das Reisefieber…

Kleine Frau ganz groß!

11. Mai 2019

Sonia Rutsteins Album „By My Silence“

Beim großen Pete Seeger Tribute von „Americana im Pädagog“ zeigte sie, was sie ausmacht, und warum sie immer mehr Freund*innen gerade auch hierzulande gewinnt. Sonia Rutstein ist eine großartige Musikerin und dazu ein ganz bescheidener und unprätentiöser Mensch. Sie ist eine Teamplayerin und fügte sich ganz selbstverständlich in die große Musikerschar ein. Solche Leute braucht man, um solche Konzerte erfolgreich durchführen zu können.

Sonia sang an diesem Abend mit bei „Where Have All The Flowers Gone“, „Turn! Turn! Turn!“ und „We Shall Overcome“ und brachte Solo „Rainbow Race“, mit Unterstützung von Cuppatea „Wimoweh“, und vom gesamten Ensemble begleitet „Guantanamera“. Ganz selbstverständlich wollte sei dabei sein, wenn der Mann geehrt wird, mit dem sie beim Clearwater-Festival zusammen gesungen hat, und der auch ihr ein großes Vorbild ist. Man spürt das bei ihrem Engagement. Ganz selbstverständlich verbindet sie Musik mit politischem Engagement. Und dabei steht stets der Mensch im Mittelpunkt und keine Parteitaktik.

Ihr aktuelles Album „By My Silence“ ist ein Ausdruck dessen. Gleich der erste Song zeigt auf, wie irre diese Welt ist, wenn politische Systeme Menschen brechen wollen, die etwas angeblich unbotmäßiges getan haben. So ist die junge sunnitische Muslima Nudem Durak in der Türkei zu 19 1/2 Jahren Haft verurteil worden, weil sie kurdisch gesungen hat. „A Voice For Nudem Durak“ braucht dann auch nicht viel Text um diesen Wahnsinn anzuprangern und um Nudem zuzurufen: „Wir singen für Dich, Deine Stimme wird gehört. Wir sind eine Familie, wir sind eine Welt.“

Schon länger im Programm von Sonia Rutstein und nun endlich auf Platte ist „By My Silence“, ein Song, der von den berühmten Worten Martin Niemöllers inspiriert ist: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ In ihren Liner Notes sagt sie über das Lied, das von Nick Annis und Ellen Bukstel stammt, es sei ein Wecker: „Es ist Zeit aufzuwachen und Widerstand zu leisten!“

Neben den Protestsongs setzt sie sich auf diesem Album auch ganz intensiv mit ihrer jüdischen Herkunft auseinander. So hat sie für den Nachbarsjungen mit „Light In You“ einen Hanukka-Song geschrieben, singt mit „Eleh Chamda Libi“ und „Oseh Shalom“ zwei israelische Folksongs und mit „Hatikva“ sogar die israelische Nationalhymne.

Und dann gibt es noch den fröhlichen Song „Wandering Jew“. Der Song ist der Ausdruck der mittlerweile tiefen Verbundenheit mit Deutschland. Mit dem Deutschland bzw. der Menschen in Deutschland, die um die dunklen Seiten der Vergangenheit des Landes wissen und sowohl ihr als Jüdin als auch Geflüchteten in Not eine Heimstatt bieten wollen. Immer länger werden Ihre Tourneen in Deutschland. Kein Wunder, singt sie doch „Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew Wandering in Germany, Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew wondering in Germany“. Und hier ist dann auch die Würdigung von Pete Seeger platziert: „Seeger said this was a rainbow race, nobody here is out of place“. Für Sonia Rutstein gibt es nur eine Welt und alle Menschen sind eine Familie. Auch sie singt mit Verve gegen das „Othering“ an.

Bleiben noch zwei langsame Songs zu erwähnen. Das eine, „Hallelujah“, ist eine Verbeugung von Sonia, der Cousine des Songwriter-Papstes Bob Dylan, vor einem anderen großen Songwriter – Leonard Cohen. Und ganz zum Schluss dieses wunderschönen Albums stellt sie sich Fragen. Alte Fragen zwar, die aber immer wieder kehren. Warum bin ich lesbisch? Warum, warum, warum? Auch Jahre nach dem Coming-Out bewegt sie das. Und sie lässt uns an den Sorgen teilhaben und an ihren Zweifeln, geht aus der Deckung, ist ungeschützt. Um dann aber doch mit großer Bestimmtheit festzustellen „Es ist okay, dass ich der bin, der ich bin“. Und auch das macht diese kleine, zierliche Frau zu der großen Künstlerin, Sängerin und Songschreiberin und dem großartigen Menschen Sonia Rutstein!

10 Jahre Cowboy Band Blog: Der Typ mit dem Hut

1. Mai 2019

Persönliche Gedanken zu Film und CD-Box zur Rolling Thunder Revue

Immer wenn wieder die Rolling Thunder Revue vom Dylan-Camp und Afficionados (Martin Scorsese!) aufgegriffen wird, ist das was Besonderes für mich. Denn „mein Dylan“, also der, den ich für mich entdeckte, war der Typ mit dem Hut aus der „Desire/Rolling Thunder-Phase“. Es muss Ende 1976 gewesen sein, als ich im Schulunterricht Bob Dylan begegnete. Wir beschäftigten uns im Deutschunterricht mit Protestsongs und ich hörte zum ersten Mal Bob Dylan. Er sang „Hurricane“ so böse und rebellisch und doch so cool, und dazu war die Musik so mitreißend und treibend. „Desire“ wurde daher meine erste Dylan-Platte, denn vorher noch bekam ich die „Greatest Hits“-Musikkassette zu Weihnachten geschenkt und ich besorgte mir „Hard Rain“ ebenfalls auf Musikkassette. Am 5. Juli 1977 wurde dann der „Hard Rain“-Konzertfilm von der ARD zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Unglaublich und ich konnte ihn sogar zu Hause sehen!

Dylan-Filme
Ich weiß noch, dass ich in diesen Jahren mit einem Freund zusammen „The Last Waltz“ im „Pali“ in Darmstadt gesehen habe. Die magische Szene im Scorsese-Film über das Abschiedskonzert von „The Band“, als die Kamera langsam von ganz oben nach weiter unten schwenkt bis der großkrempige weiße Hut Dylans ins Bild kommt. Immer noch Gänsehaut. Und irgendwann 1978 oder ’79 habe ich dann Dylan stundelanges leider völlig unterschätztes und zu Unrecht verrissenes Film-Epos „Renaldo und Clara“ im Darmstädter City-Kino in der Schulstraße gesehen. Habe vorher das Kinoprogramm in der Telefondurchsage gecheckt und mit mir waren glaube ich drei andere in der Nachmittagsvorstellung, die waren älter und Dylan-erfahrener. Ich hatte nichts verstanden und fand es trotzdem faszinierend. Dylan mit Hut und großartiger Livemusik. Zu Bob Dylan ins Konzert fand ich 1978 aber nicht, dafür sah ich ihn dann 1981 das erste Mal in Mannheim im Eisstadion. Da war er aber ohne Hut.
Nun also wird erneut diese Rolling Thunder Revue gewürdigt. Von Scorsese mit einem Film, der von Netflix als „teils Konzertfilm, teils Dokumentation, teils Fiebertraum“ bezeichnet wird. Schade mit Netflix, aber hier hat Scorsese Geld und alle Freiheiten bekommen. In dem Alter und bei der Bedeutung der er hat, hat er keine Lust mehr auf die Bedingungen des herkömmlichen Filmbusiness. Und wir hoffen, dass wir jemand kennen, der Netflix hat bzw. dass das Ding dann bald auch auf DVD erscheint.

Dylans Musik und ihre gesellschaftlichen Hintergründe
Der Film und die Tour prägen bis heute mein Bild von Dylan und meine Rezeption von Konzerten und Musik. Vielleicht mag ich es deswegen so, wenn ich bei „Americana im Pädagog“ Veranstaltungen mit großem Line-up zu Dylan, Guthrie oder Seeger machen kann. Dann bin ich der Typ mit dem Hut. Der aber nicht Musik macht, sondern über sie und ihre gesellschaftlichen Hintergründe erzählt. Und das mache ich mittlerweile auch jährlich auf mehreren Seminaren und Vortragsveranstaltungen. Auch das gehört zu meiner Bob Dylan-Rezeption. Ob der Typ mit dem Hut es jetzt wollte oder nicht: Seine Musik hatte und hat gesellschaftliche Relevanz. Entweder in den Bezügen in den Texten oder in der Wirkung. Und das nicht nur bei offensichtlichen Protestsongs wie „Hattie Caroll“, „George Jackson“ oder „Hurricane“, die übrigens auch Dylans starken Link zu Black Community aufzeigen. „Gotta Serve Somebody“ atmet den Zeitgeist der konservativen Wendezeit in den USA Ende der 1970er. „Union Sundown“ (1983) reflektiert den neoliberalen globalen Kapitalismus ebenso wie „Working Man’s Blues #2“ (2006). Abgesehen von Dylans Ansage für die unter der Herrschaft der Banken leidenden amerikanischen Farmer bei Live Aid 1985, die Jet-Set-Moralist Geldof schlichtweg nicht verstanden hatte. Ich schlug mir damals im Juli 1985 die Nacht um die Ohren, um dann den merkwürdigen Auftritt von Dylan mit Ron Wood und Keith Richards erleben zu dürfen. Nach drei Stunden Schlaf ging es dann ins internationale Falken-Zeltlager nach Döbriach.

Von Bärten und Hüten
Mit Masken, Bärten, Sonnenbrillen und Hüten meint man ja, sich gut tarnen und verstecken zu können. Dylan, der ja im Grunde sich immer verstecken will, was aber im Widerspruch zu seinem Beruf als öffentlich auftretender und wirkender Künstler steht, hat daher die Sonnenbrille als Element der Coolness in die Rockmusik eingebracht. Vorher war da nur Buddy Holly mit Hornbrille. Zum ersten Mal mit Hut zeigte er sich dann auf seiner Country-Platte Nashville Skyline (ha! Cowboy Band!), dann wurde der Hut während der Rolling Thunder-Jahre zum Markenzeichen, verschwand 1978ff. Da waren dann (wie in Nürnberg 1978) wieder gepunktete Hemden und Sonnenbrille en vogue, ab und zu kam 1978 ein Zylinder (!?) in den Einsatz. In den Achtzigern war er nur auf der 1984er Tour in dem überhaupt für Dylan so schwierigen Jahrzehnt mit Hut zu sehen. Auf der Never-Ending-Tour sah ich ihn und entdeckte ich ihn neu für mich 1991 in Offenbach mit Hut. Das mit dem Bart übrigens hat bei Dylan nie so richtig, das Cover von „New Morning“ (1970) zeigt warum. So richtig klappt das bei ihm nicht. Fusselbart halt. Im Gegensatz zu mir, der ich bis Ende der 1980er einen struppigen Vollbart trug. Sicher auch ein Versteckspiel. Meinen ersten Hut kaufte ich mir indes erst Anfang der 1990er.

Jetzt trage ich ganz offensiv Hut, auch mal Cowboy-Hut. Und betreibe den Cowboy-Band-Blog seit gut 10 Jahren. Meine Arbeiten bei country.de – ebenfalls seit 10 Jahren! – sind bei allen Freiheiten, die ich dort habe (tausend Dank an Dirk & Beate!) immer ein bisschen zielgerichteter und formaler und eben vorwiegend über andere Americana-Künstler. Auf meinem Cowboy Band-Blog schreibe ich vorwiegend über Bob Dylan, aber auch über persönliches und alles was darüber hinaus mit Americana und nicht unmittelbar mit veröffentlichter Musik zu tun hat.

Danke, Bob Dylan!
Mein Blog ist ein Geschenk für mich, das ich zu schätzen weiß. Ebenfalls, dass ich mich traue kritisch zu denken, zu schreiben und es zu veröffentlichen. Und dafür auch noch Lob und Respekt bekomme. Ohne den Typ mit dem Hut aus den Jahren 1975/76, der jetzt wieder in den Fokus der großen Öffentlichkeit gerückt wird, gäbe es diesen Blog und dies alles für mich nicht. Dafür und für noch viel mehr ein großes Dankeschön an den Künstler Bob Dylan!

Klaviervariationen

22. April 2019

Bob Dylan unterzieht in Augsburg seine Werke wieder einmal einer Revision und ist dabei dem Publikum äußerst zugewandt

Seit einigen Jahren spielt Bob Dylan im Konzert nur noch Tasteninstrumente und Mundharmonika, wenn er nicht völlig ohne Instrument „nackt“ vor den Mikrofonständer tritt. Man munkelt, dies habe gesundheitliche Gründe – wegen Rückenproblemen könne er die Gitarre nicht mehr über längere Zeit halten. Dylan hat aber aus der Not eine Tugend gemacht, sitzt Abend für Abend mal ein paar Jahre an der Orgel, dann am Flügel und hat sich in diesen Jahren tatsächlich immer mehr quasi dem klassischen Konzertieren zugewandt. In Baden-Baden im letzten Jahr fiel uns auf, wie stark und streng der Abend orchestriert war. Jeder hatte seinen Part, kaum Raum für Improvisation. Dylan höchst selbst dirigierte all die Jahre sein Orchester von der Seite aus. Zeigte dem Publikum sein Profil, wer Pech und die falschen Plätze hatte, sah ihn sogar nur von hinten.

Alte Songs mit neuen Lyrics
Doch während sich an der Setlist im Vergleich zum letzten Jahr so gut wie nicht geändert hat, ist das Setting diesmal ein ganz anderes. Dylan zeigt uns sein Gesicht. Er sitzt frontal dem Publikum gegenüber, auf der rechten Bühnenseite. Und sogar gut ausgeleuchtet. Das Konzert ist kaum lauter ausgesteuert als im Vorjahr, aber die Musik hat mehr Groove und Drive und vor allem: Eine Reihe von Songs sind völlig neu arrangiert und daher wieder einmal schwierig zu erkennen. Zudem hat er auch textlich in die Songs eingegriffen. „Simple Twist Of Fate“ – recht nah am Original arrangiert – hat teilweise neue Verse und „When I Paint My Masterpiece“ hat das „pretty little girl from greek verloren und „Gondola“ reimt sich auch nicht mehr auf „Coca Cola“, sondern auf „Oh, sometimes I think that my cup is running over“.

Mit „Things Have Changed“ beginnt das Konzert recht unscheinbar, die typische erste Nummer zum Einsingen und Regler nachjustieren. Die Fassung von „It Ain’t Me Babe“ist ganz hübsch, „Highway 61“ dann eher routiniert. Mit „Simple Twist Of Fate“ nimmt das Konzert dann erst richtig Fahrt auf. Wie gesagt, nah am Original arrangiert, aber noch ein bisschen langsamer und Dylan singt das Lied als alter Mann, der sich an ein lange zurückliegendes Abenteuer erinnert. Manchmal stockt die Erinnerung, stolpert nur voran und manchmal klingt es auch zweifelnd. War es wirklich so? Anyway, Schulter zucken, so könnte es gewesen sein! „Cry A While“ und „Honest With Me“ sind dann fast gar nicht mehr zu erkennen, aber verlieren nichts von ihrer Präsenz, es sind starke Rock-Bluesnummern voller musikalischer Americana-, Blues- und Vaudeville-Referenzen.

Dazwischen „When I Paint My Masterpiece“, das ihm an diesem Abend wirklich meisterlich gelingt. Einer der absoluten Höhepunkte des Abends ist aber Scarlet Town, dieser unheimliche Song über eine Kleinstadt in den Südstaaten, der nichts Abgründiges, Grausames und Tragisches fremd zu sein scheint. Als langsame Appalachen-Ballade mit Banjo vorgetragen, ermuntert der Song Dylan zum einzigen Ausflug in die Bühnenmitte, sein Mikrofonständer mutiert zu einer Art Spielzeug, das er fest in den Griff nimmt und hinter sich herzieht. „Make You Feel My Love“ kommt dann ordnungsgemäß sanft und schwelgerisch daher, während „Pay In Blood“ einmal mehr zur Dylan zur Konfrontation eines süßen, fast harmlos fröhlichen Arrangements mit der bitterbösen Message herausfordert. „Like A Rolling Stone“ wird vom Midtempo kurz vor dem berühmten „How Does It Feel?“ von Dylan so heruntergebremst, dass die Fragen und Wahrheiten, die er der Frau im Song an den Kopf wirft, nur noch bohrender werden und das Objekt seines Zorns noch verlorener aussieht. Ein großartiges Stilmittel. Dylan hat nicht mehr heiße Wut, sondern nur noch kalte, gehässige Verachtung. Klar, nach all den Jahren…

Faszinierender Solo-Klaviervortrag
„Don’t Think Twice“ ist der zweite absolute Höhepunkt des Abends. Dylan spielt Klavier, wie der Chronist es auf einem Konzert von ihm noch nie live erlebt hat. In der Regel bettet sich Dylans Klavierspiel in den Bandvortrag ein. Ab und zu hört man mal ein paar Klavierfiguren oder Kirmesorgeltöne. Böse Zungen behaupten sogar, das Klavier wäre doch sehr dezent in den Hintergrund gemischt. Derzeit jedoch spielt Dylan so offen und expressiv Klavier wie lange nicht mehr. Und „Don’t Think Twice“ wird fast zum Kammermusik-Erlebnis, wenn Dylan den Song ganz alleine am Klavier vorträgt, nur von Tony am begleitet, der sanft mit dem Bogen über die Saiten des Standbasses streicht. Wow! So etwas haben wir noch nicht erlebt, so was kennen wir nur von den Filmaufnahmen von Toronto 1980. Und auch bei diesem besteht Dylan auf der Konfrontation. Der hämische Anti-Lovesong, voller Slang und Blues-Poetry, gespielt in der Form europäischer Klassik. Dylan überschreitet auch mit fast 78 Jahren immer wieder aufs Neue Grenzen.

Am Ende dann „Early Roman Kings“, das ganz fantastisch in die Fuggerstadt passt, sowie „Thunder On The Mountain“ und „Gotta Serve Somebody“ in neuen Arrangements, während „Blowin‘ In The Wind“ in dem Arrangement gespielt wird, das im Grunde so schon seit mehr als 10 Jahren aufgeführt wird. Ein starkes, sehr bluesiges „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ beschließt dann als zweite Zugabe und Dylan und seine Gang verbeugen sich diesmal sogar, bevor sie wieder in die Nacht enteilen.

Ungebrochene Lust am Experimentieren
Das war wirklich ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert. Dylan hat eine ungebrochene Lust am Experimentieren, er spielt intensiv und stark Klavier und Mundharmonika, und wirkt gesundheitlich für sein Alter sehr fit und reagiert sichtlich auf das Publikum. Scheinbar hat die klare Ansage in Wien die Luft gereinigt, kein Handy ist zu sehen, dafür wird von ihm die Verbeugung wieder eingeführt. Mal schauen, was wir im Sommer (Mainz und Stuttgart) hören und wie wir dann Dylan erleben werden.

Setlist
Augsburg, Germany
Schwabenhalle
April 20, 2019

1.Things Have Changed
2.It Ain’t Me, Babe
3.Highway 61 Revisited
4.Simple Twist Of Fate
5.Cry A While
6.When I Paint My Masterpiece
7.Honest With Me
8.Tryin‘ To Get To Heaven
9.Scarlet Town (Bob center stage)
10.Make You Feel My Love
11.Pay In Blood
12.Like A Rolling Stone
13.Early Roman Kings
14.Don’t Think Twice, It’s All Right
15.Love Sick
16.Thunder On The Mountain
17.Soon After Midnight
18.Gotta Serve Somebody
(encore)
19.Blowin‘ In The Wind
20.It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

So oft gekreuzigt und immer wieder auferstanden

15. April 2019

Wenn Bob Dylan am Karsamstag (20. April) in Augsburg spielt, dann passt das bestens zu Mythos und Legende des weltbekannten Songpoeten. Erklärungsansätze.

Bob Dylan war für seine Jünger aus der Folk-Rock-Generation der 1960er Jahr fast so etwas wie ein Messias. Der Singer-Songwriter wurde zur Leitfigur einer Jugendbewegung auserkoren, die er gar nicht sein wollte. Also wurde die Verweigerung zu einer der Konstanten seiner nunmehr 57 Jahre andauernden Karriere. Jede Verweigerung führte indes zu einer Art Kreuzigung. Jeder seiner Auftritte mit einer elektrischen Kapelle nach dem Newport-Folkfestival 1965 mündete in Kämpfen mit seinem Publikum. Man pfiff ihn aus und beschimpfte die Musiker auf der Bühne. Das war Levon Helm, die spätere Drummer-Legende von „The Band“ zu viel. Er quittierte Ende 1965 die Arbeit. So musste er auch nicht miterleben, dass Dylan auf seiner World Tour in Manchester als „Judas“ bezeichnet wurde.

„Der Messias der Rockgeschichte“
Dylan selber setzte die Ruhelosigkeit des Tour-Hamsterrades so zu, dass er die gesundheitliche Rekonvaleszenz nach seinem Motorradunfall im Spätsommer 1966 nutzte, um aus diesem Rattenrennen zu entfliehen. Doch während er sich eine Pause nahm, wurde sein Mythos nur noch größer. Die Gegenkultur hatte mittlerweile den Rock akzeptiert und adaptiert, linke militante Aktivisten nannten sich „The Weathermen“ nach einer Textzeile aus „Subterranean Homesick Blues“, den Black Panter-Anführern gefiel Dylans Mittsechziger- Rockmusik und ganz verstiegene Apologeten trampelten den Vorgarten seines Hauses in Woodstock kaputt. Also wieder Verweigerung und wieder Kreuzigung: während Psychedelic, Pop und Woodstock spielte Dylan Countrymusik und schwänzte das dreitägige Love & Peace-Festival, das man nicht zuletzt wegen ihm in Woodstock veranstaltet hatte, zugunsten eines Auftritts auf der Insel of Wight. Wieder allgemeines Zeter und Mordio.

Noch mehrmals in seiner Karriere sollte Dylan seine Jünger verprellen – 1978 spielt er seine Musik im Big Band Sound, 1979 wird er wiedergeborener Christ, später seine Songs an die Werbung verkaufen und sie in den Konzerten zur Unkenntlichkeit verändern – all dies führt zur Kreuzigung und doch steht er immer wieder auf, erfindet sich neu und zieht mit die Menschen mit einer neuen Karriere-Volte und durch großartige Songs und Alben in den Bann, um gleich darauf wieder Erwartungen zu unterlaufen und zu irritieren. Zuletzt nahm er fünf CDs mit Sinatra-Songs auf und kreierte seine eigene Whiskeymarke.

Am Karsamstag steht in der religiösen Überlieferung die Trauer über den Tod Jesu im Vordergrund. „Traditionell ist der Karsamstag ein stiller Tag. Die Kirchenglocken schweigen, es finden keine Gottesdienste statt, in der Regel werden keine Sakramente gespendet und der Altar ist völlig schmucklos“. Es werden aber Karmetten gefeiert, heißt es auf der Internetseite vivat.de. Dazu passt, dass Rockpapst Zimmermanns Konzerte sich schon seit längerem dadurch auszeichnen, dass eher laidback musiziert wird und die Beschallung nicht allzu laut gedreht wird. Zudem spendet Dylan keine Sakramente: Kein Wort, kein Gruß und seit diesem Tourabschnitt schleicht er sich sogar am Ende des Konzerts im Dunkeln von der Bühne, und lässt seine Apostel allein auf der Bühne werkeln bis die Messe gelesen ist.

Augsburg als Kristallisationspunkt des Dylan’schen Universums
Wenn Dylan am Karsamstag in der Fugger-, Brecht- und Puppenkistenstadt Augsburg spielt, dann decken Auftrittsdatum und Ort bereits fast alles wesentliche des Dylan-Universums ab. Das dramatische Theater Brechts, dessen Bilder und Prinzipien in seine frühe Songpoesie einflossen, die „Political World“, in der die Fugger wegen ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Macht Kaiser- und Königsmacher waren, Strippen zogen und Politik beeinflussten, sowie das unterhaltende traditionelle Marionetten-(Volks-)theater der Puppenkiste, das zwar mit seinen Kinderstücken bundesweit bekannt wurde, aber bis heute auch Stoffe für Erwachsene auf die kleine Puppenbühne bringt, die sich mit den ewigen Fragen der Menschen nach Weisheit, Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit, Verderben und Tod beschäftigen. Sei es Brecht, den Faust-Stoff oder Dürrenmatt.

Also ist der Boden bestens bereitet für Dylans Songs, Masken und Mysterienspiele um Odyseen und Vergänglichkeit, Liebe und Tod und einer Welt, die so viel besser sein könnte, wenn sich an den Jahrhunderte alten grundlegenden Menschheitsbedingungen von politischer und wirtschaftlicher Macht endlich mal was ändern würde. Aber es tauschen sich nur die Gangs aus – „Early Roman Kings“ statt Fugger – nicht die Verhältnisse. Also muss Dylan solange er kann weiter gegen den Irrsinn der Welt ansingen.