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Bob Dylan and the President of the United States

24. Juli 2020

Die US-Präsidenten im Leben und Werk des Songpoeten und Literatur-Nobelpreisträgers

In einer Zeit, in der ein US-Präsident kurzerhand aus wahltaktischen Gründen die föderale Grundordnung der USA mit Füßen tritt und dabei einen ersten Vorgeschmack auf mögliche Bürgerkriegsszenarien liefert, interessiert mich, welche Rolle zu welchen Zeiten die Figur des US-Präsidenten im Werk von Bob Dylan gespielt hat. Schließlich hat der soeben mit „Murder Most Foul“ einen US-Präsidenten – John F. Kennedy – und seine Ermordung in seinem längsten Song, der gleichzeitig einer seiner besten Songs ist, thematisiert.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Natürlich liegt es beim Thema nahe: Ala das Dylan-Zitat in Sachen US-Präsident wird liebend gerne „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ aus „It’s Alright Ma“ von 1965 angesehen. Natürlich besonders in seiner Reinkarnation von 1974: Jubel beim Publikum, Nixon ist wegen Watergate am Ende. Und da im Grunde fast jeder US-Präsident auch einmal schwere Zeiten durchmachen muss oder auch im Zwielicht steht, passt das auch so gut. Ob Reagan und seine Iran-Contra-Affäre, Bill Clintons Zigarrenspiele oder George W. Bushs Lügen im Irak-Krieg: Diese Zeile, wenn Dylan sie singt, ist immer noch für Juchzen und Applaus gut.

Kennedy, der jetzt nach fast 60 Jahren wieder im Werk Dylans auftaucht, hat für ihn 1963, wie für seine ganze Generation, eine ambivalente Bedeutung. Auf der einen Seite stellte er gegenüber dem ewigen Kriegshelden Eisenhower einen Fortschritt dar. Zum anderen bleibt er trotzdem noch der Logik des Antikommunismus verhaftet. Man hofft, mit ihm wichtige Veränderungen in Amerika – Bürgerrechte! – erringen zu können. Aber substantiell ist noch wenig da. Dylan geht denn auch sehr unverkrampft mit Kennedy um, als der ihn in seinem Song „I Shall Be Free“ anruft und fragt, was denn ein Land zum Wachsen bringen könne: „Brigitte Bardot, Anita Ekberg, Sophia Loren“ antwortet der Sänger spöttisch-anzüglich.

Und im Hinterhirn möchte man flugs noch Marylin Monroe dazu addieren, das amerikanische Sexsymbol der 1950er Jahre. Nur starb die aber schon im August 1962 unter bis heute ungeklärten Umständen an einer Überdosis Barbituraten. Und Dylans Aufnahme stammt aus dem Dezember 1962. Sie konnte also nicht mehr Ziel seines Spottes sein. Aber: Marylin wird auch eine Affäre mit John F. Kennedy nachgesagt. Und auch wegen diesem Yellow Press und Jet-Set-Status des ersten amerikanischen Popstar-Präsidenten zählt hier Dylan die Riege der Sexbomben auf.

Und – Achtung Verschwörungstheorie! – ihr Tod wird auch gerne in Verbindung mit Kennedy gebracht. Und damit steht Kennedy schon im Mittelpunkt vor zwei Verschwörungstheorien. Dieser und der Theorie seiner eigenen Ermordung. Dylan hat übrigens wenige Monate nach dem Attentat Dallas bereist und den Tatort in Augenschein genommen. Auch er hält den überlieferten Tathergang für nicht stichhaltig. Doch es wird eben fast 60 Jahre dauern, bis er sich in Liedform damit beschäftigt.

Dylan und die Präsidenten im „richtigen Leben“
Zeit seines Lebens versucht Bob Dylan soweit es geht, die Nähe zur politischen Klasse zu meiden. Es gibt ansonsten unendlich viele Berührungspunkte in der Geschichte der US-Gesellschaft zwischen Unterhaltungsbusiness, Medien und Politik. Wie erinnern uns an den singenden Gouverneur Jimmie Davis („You Are My Sunshine“), an den Schauspieler Ronald Reagan und eben den Reality-Show-Star Donald Trump. Und selbst der kluge und humane Kopf Kinky Friedman, wird nicht müde zu betonen, dass er sowohl mit George W. Bush als auch mit Bill Clinton befreundet sei.

Jimmy Carter, Copyright wikimedia commons

Umso bedeutsamer ist daher bei Bob Dylan die Personalie Jimmy Carter. Kennengelernt hat er den Ex-US-Präsidenten als der Gouverneur von Georgia war und ihn 1974 nach einem Konzert in Atlanta zu sich nach Hause einlud. Jimmy Carter, so heißt es, freundete sich mit Dylan an und zitierte ihn sogar in seiner Inauguration Speech. Dylan wiederum bezeichnete sich 1978 in einem Interview selbst als Carters Freund und sagte, „der hätte das Herz am rechten Fleck.“ Doch Dylan spielte unter Carters Präsidentschaft nie im Weißen Haus und wie eng die Freundschaft dann über die Jahre letztendlich wirklich war, ist so gut wie nichts bekannt.

Neu bekräftigt wurde diese Freundschaft dann 2015 durch die Laudatio von Jimmy Carter bei der MusciCares-Preisverleihung. Näher ließ Dylan aber keinen Politiker mehr an ihn ran. Bei Bill Clinton spielte er auf der Inaugurationsfeier, was schon als politisches Statement nach fast anderthalb Jahrzehnten Republikanern im Weißen Haus zu werten ist. Aber an den Bildern sieht man schon: Bill & Family haben deutlich mehr Spaß daran als Dylan. 1997 bekommt Dylan dann von Clinton die Kennedy Medaille. Auch hier sind keine größeren Vertraulichkeiten zwischen den Künstler und Präsident überliefert.

Ambivalent scheint auch das Verhältnis zu Obama zu sein. Dylan hat sich vor der Wahl Obamas im Juni 2008 in einem Interview mit der London Times positiv über Barack Obama geäußert und auch am Wahlabend 2012 bei einem Konzert – ohne allerdings den Namen von Obama zu nennen – seine Zuversicht für dessen Wiederwahl geäußert. Auch Obama ehrte Dylan, und zwar mit der Freiheitsmedaille und Dylan folgte dessen Einladung ins Weiße Haus und spielte in einem Konzert mit Songs der Bürgerrechtsbewegung.

Auch 2009 war in einem Interview die allgemeine Zustimmung von Dylan für Obama zu spüren, er wollte aber nicht in den allgemeinen Obama-Hype miteinstimmen: „Er wird als Präsident sein Bestes geben. Viele der Jungs traten mit den besten Absichten an und gingen als gebrochene Männer. Lyndon Johnson ist ein gutes Beispiel, oder auch Nixon, Clinton oder Truman. Beinahe, als würden sie alle zu hoch fliegen und sich dann verbrennen“, so Dylan.

2012 aber ließ er sich im Rolling Stone von Mikal Gilmore zu keiner eindeutig positiven Aussage zugunsten von Obama drängen. Wobei dieses Interview von Unklarheiten und Ablenkungsmanövern wieder einmal nur so strotzte. Stichwort „Transfiguration“.

Möglicherweise sah Dylan seine Erwartungen von Obama enttäuscht, denn der hat außer der Gesundheitsreform kaum etwas im Land verändert. Sicher, das Klima war insgesamt liberaler geworden. Aber: In der Finanzkrise hatte er den Bock zum Gärtner gemacht, als er sich von der Wall Street beraten ließ. Für viele Leute ist der Name Obama mit dem Verlust des eigenen Hauses verbunden. Er hat weder substantiell am strukturellen Rassismus des Landes etwas verändert, noch hat er die Bekämpfung der neoliberalen Auswüchse in der Gesellschaft in Angriff genommen. Und er hat Drohnenkriege geführt und das US-Militär weiterhin in Auslandseinsätzen gehalten.

Natürlich hat Dylan keine Bezugspunkte zu Trump und Dylan hat auch keine Songs aufgenommen, die Trump für seine Zwecke einsetzen könnte, so wie er das bei Tom Petty, Neil Young oder Bruce Springsteen versucht hat. Dylan straft Trump durch Nichtbeachtung und doch kann man Andeutungen in Richtung Trump durchaus aus „False Prophet“ heraushören. Und damit zu Dylans Werk.

Fundstellen zur Figur des US-Präsidenten in Dylans Werk

Bildrechte: Columbia, Sony Music


Wir haben „I Shall Be Free“ erwähnt und „It’s Alright Ma“. Direkte Bezugnahmen auf konkrete Präsidenten sind bei Dylans eigenen Songs nicht übermäßig viele festzustellen. In Talkin‘ World War III (1963) zitiert und nennt er beispielsweise noch Abraham Lincoln. Interessant sind aus den 1960ern aber zwei Songs. Und beide haben was mit „The Band“ und den „Basement Tapes“ tun. Letztere hat Greil Marcus ja als Songs „von alten, gefährlichen Amerika genannt. Da ist zum einen der Song „Clothes Line Saga“. Darin wird ganz beiläufig in einem Gespräch an der Wäscheleine/übern Gartenzaun erzählt, dass der Vizepräsident durchgedreht sei. Größer kann die Distanz der Sprechenden zum Geschehen und zur politischen Instanz des Vizepräsidenten nicht sein: „Was kümmert’s uns?“ Eine alte Denkfigur aus einem weiten Amerika, in dem die politischen Instanzen des Bundes weit weg sind.

Ganz anders dagegen der Song „Dear Mrs. Roosevelt“ von Woody Guthrie, den Dylan und The Band beim Tribute Konzert für die verstorbene Folk-Legende spielten. Sie spielen den Song auch als Ehrbezeugung für Franklin D. Roosevelt, dessen Präsidentschaft und New Deal-Politik bis heute eine einzigartige Ära in den USA darstellen.

Nachdem der besagte Jimmy Carter nur ein vierjähriges Intermezzo im Weißen Haus gab, prägte sein Nachfolger Ronals Reagan wieder eine Ära. Sie war gekennzeichnet vom Durchgriff der Kapitalinteressen durch eine neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik, massiven Sozialabbau und institutionellen Rassismus, indem Reagan die Schwarzen als vermeintliche Sozialschmarotzer seinem konservativen Klientel zu Fraß vorwarf.

Man kann „Infidels“ von 1984 durchaus als Dylans Auseinandersetzung mit den Veränderungen in den USA verstehen. In „Jokerman“ kann man Textstellen als Einschätzung von Reagans Ideologie sehen: „Book of Leviticus and Deuteronomy, law of the jungle.“ steht für Regans neoliberales evangelikales Weltbild. „rifleman’s stalking the sick and the lame…Nightsticks and water cannons, tear gas, padlocks, Molotov cocktails and rocks“ sind die Mittel, um die Herrschaft des Neoliberalismus gegen die Proteste zu verteidigen. „Jokerman“ ist nach dieser Lesart der Schauspieler Ronald Reagan, der seine Politik gegen die Armen und Beladenen (oftmals Afroamerikaner) rücksichtlos und ohne Empathie durchzieht. Und in „Sweetheart Like You“ singt Dylan “They say that patriotism is the last refuge to which a scoundrel clings/ steal a little and they throw you in jail/ Steal a lot and then they make you king.”

Treffender kann man Reagans Mischung aus Patriotismus und Neoliberalismus nicht beschreiben. Die Sixties und die Seventies sind vorbei. Kein Wunder, dass Bob Dylan in Reagans Jahrzehnt sich seine künstlerische Krise nahm. Der Mainstream wanderte nach rechts und ins Unverbindliche – Elvis war Tod, Dylan in der Krise, da begann der Aufstieg des „King Of Pop“, Michael Jackson, und seinem bombastischen Eskapismus. Gepaart mit körperlichem Drill – perfekte Tanzeinlagen! – und neoliberaler Selbstoptimierung – Michael Jackson will immer weißer werden!- war Jacksons Musik der perfekte Soundtrack für das Reagan-Jahrzehnt, der zudem den Schwarzen noch vormachte, sie gehörten dazu.

Dass die Figur des Präsidenten für Dylan eine besondere Bedeutung hat, zeigt auch die Episode „Presidents Day“ aus seiner Radio Show aus dem Jahre 2008, die am 13. Februar, vier Tage vor diesem amerikanischen Gedenktag ausgestrahlt wurde. Und die Playlist lügt nicht. Seine Präferenzen bezüglich der Präsidenten Roosevelt und Kennedy und die Missachtung für Richard Nixon wird deutlich. Wer dachte damals schon, dass irgendwann ein rassistischer Mega-Schreihals und proto-faschistischer Verfassungsverächter wie Trump an die Macht kommen würde.

Nach Obama kommt Trump
Auf den ersten schwarzen Präsidenten folgte die Rache des konservativen, rassistischen Amerika in der Person von Donald Trump. Zu ihm ist keine Äußerung Dylans belegt, zumal bis zu diesem Frühjahr ja während Trumps Regentschaft kein neuer Dylan-Song erschienen war. Umso elektrisierter reagierte die Dylan-Gemeinde auf die beiden neuen Songs „Murder Most Foul“ und „False Prophet“. Ersterer zeigte ja deutlich auf, welch Qualitätsverlust in der Besetzung des Präsidentenstuhls durch Trump von statten ging. Und wie eng auch Kennedy mit dem amerikanischen Jahrhundert und dessen kulturellen Output verwoben ist. Dagegen ist Trump nur eine zwielichtige Figur ohne jede Tiefe und literarischen Wert. Ihn nennt man nicht beim Namen, ihn redet man so an:

„Hello stranger – Hello and goodbye/ You rule the land but so do I/ You lusty old mule – you got a poisoned brain/ I’m gonna marry you to a ball and chain.“

Und auf der Illustration zu „False Prophet“ ließ sich unschwer ein Schatten als Trump an Frisur und Figur erkennen. Dylan verwebt in „Rough And Rowdy Years“ die Bilanz seines eigenen künstlerischen und menschlichen Strebens mit der Geschichte Amerikas. Und daher gibt es auch noch Referenzen zu Roosevelt und Truman.

Bob Dylan ist – man kann es nicht oft genug sagen – kein tagespolitischer Künstler. Aber er hat universelle Werte und ein Verständnis von amerikanischer Geschichte, von griechischer Klassik und Shakespear’schen Tragödien. Und in diesem Kosmos siedelt er „seine Präsidenten“ an. Da bleibt für Trump nur die Rolle des namenlosen Schuftes, der einen Schatten an die Wand wirft und sonst nichts Gutes hinterlässt.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (7)

30. März 2020

Bob & Abe

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
mit seinem neuen Song über die Ermordung John F. Kennedys hat Bob Dylan den Dylanologen wieder viel Stoff zum forschen, grübeln, deuten gegeben. Ich möchte den Song über die Ermordung eines US-Präsidenten an dieser Stelle noch einmal zum Anlass nehmen, auf Bob Dylans Verhältnis zu den Politikern und insbesondere zu den US-Präsidenten eingehen.

Dylan wuchs an der Iron Range in der bleiernen Eisenhower-Ära auf. Mehr Langeweile geht nicht. Kein Wunder, dass, wie für viele andere auch, John F. Kennedy für ihn ein Versprechen für eine positive Veränderung des Landes war. Wenn auch die Jugend – und so auch Dylan – kritisch auf die Außenpolitik, insbesondere in der Kubakrise schaute, so erwartete man sich von Kennedy doch eindeutig fortschrittliche gesellschaftliche Veränderungen.

Dylan schätzte Kennedy und war doch ungezwungen und frech im Umgang mit ihm. Unvergessen sein Witz in „I Shall Be Free“ von 1963 (unten zu hören):
„Well, my telephone rang it would not stop
It’s President Kennedy callin’ me up
He said, “My friend, Bob, what do we need to make the country grow?”
I said, “My friend, John, Brigitte Bardot
Anita Ekberg
Sophia Loren”

Umso mehr muss ihn der Tod und vor allem auch die Art des Todes und des Attentates berührt haben. Etwa drei Monate nach Kennedys Tod bereiste er Dallas und bekam gleich zwei wichtige Erkenntnisse geliefert. Erstens: Für manchen Südstaatler war Kennedy immer noch ein „Hurensohn“ und zweitens: Er hatte Zweifel am offiziellen Tathergang. Und auch ohne Verschwörungstheoretiker zu sein: Die Geschichte vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald, der dann noch im Gericht (!) vom zwielichtigen Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wird, ist schon schräg.

Der Tod Kennedys – so können wir seinen neuen Song durchaus lesen – erschütterte ihn immens und ließ ihn an der Politik zweifeln und Hoffnungen schwinden. Und als öffentliche Person merkte er plötzlich den Druck und seine Zweifel und die Ablehnung, ein politischer Führer zu sein, wuchs immer mehr.

Doch die herkömmlichen Mechanismen der Politik hatte Dylan schon früher kritisiert oder verspottet. Ein guter Kronzeuge hierfür war niemand anderes als Abraham Lincoln, einer der charismatischsten Präsidenten, die die Vereinigten Staaten je hatten. In „Talking World War III Blues“ vom „Freewheelin“-Album zitiert er ihn nach dessen Biograf Carl Sandburg so:
„You can fool some of the people all of the time,
and all of the people some of the time,
but you can’t fool ALL of the people ALL of the time.“

Lincoln ist bis heute für viele Amerikaner, so auch für Dylan, eine historische Identifikationsfigur. Er kämpfte gegen die Spaltung der Union, hob die Sklaverei auf und war ein volksnaher Mann. Neben dem oben erwähnten Zitat, gibt es noch weitere Fundstellen zu Lincoln in Dylans Werk.

Für Dylan ist genauso ein Märtyrer wie Martin Luther King oder eben John F. Kennedy. Daher hatte er auch eine Zeit lang den Titel „Abraham, Martin und John“ im Repertoire. Das wunderschöne Video mit ihm und Clydie King ist unten zu sehen.

In seinem 2003er Film „Masked & Anonymous“ tritt neben anderen geschichtsträchtigen Personen auch ein „Honest Abe“-Darsteller auf. Ein Film übrigens, der als amerikanische Dystopie aktueller denn je ist. Mal wieder anschauen!

Sicherlich weniger geschätzt hat Dylan wohl Richard Nixon. Als er auf seiner Comeback-Tour Angang 1974 den zu diesem Zeitpunkt gut 9 Jahre alten Song „It’s Alright Ma“ spielt, ist der Jubel einer Stelle besonders groß:
„But even the president of the United States
Sometimes must have to stand naked“

Klar, Nixon stand da schon in der Watergate-Affäre mit dem Rücken zur Wand, das passte einfach.

Genau während dieser Tour lernte Dylan dann auch Jimmy Carter, den damaligen Gouverneur von Georgia und späteren recht unglücklichen US-Präsidenten kennen, der ihn des Öfteren als „guten Freund“ bezeichnen sollte. Vor wenigen Jahren hielt Carter dann die Laudatio auf Dylan bei der MusiCares-Preisverleihung.
Ein einziges Mal spielte Bob Dylan auf der Inaugurationsfeier eines US-Präsidenten, und zwar der von Bill Clinton im Januar 1993. Sichtlich – so zeigen es die Fernsehbilder – machte das Ganze den Clintons mehr Spaß als Dylan.

Dylan will mittlerweile höchstmögliche Unabhängigkeit und Distanz zum Politikbetrieb. Die direkten Kontakte zur Politik lassen sich an einer Hand abzählen. Im Gegenteil, gern hat er in seinem Werk immer wieder mal derbe gegen Politiker ausgeteilt. Ob in „Political World“ von 1990 oder in „It’s All Good“ 2009.

In seiner legendären Theme Time Radio Hour jedoch widmete er den US-Präsidenten zum „Presidents Day“ eine ganze Sendung. Und eröffnete sie in seiner unnachahmlichen Art:
„Sie wissen, was an jedem Presidents Day passiert. Die Geschäfte haben große Umsätze. Sie müssen ihre Regale räumen und wir werden das Gleiche tun. Wir werden durch unser Theme Time Radio-Lage gehen und einige der alten Stücke und Songs herausholen, für die wir in unseren anderen Shows keine Zeit hatten, während wir all die Jahre die Präsidenten feierten.“ Mit auf der Playlist war u.a. auch der „White House Blues“ von Charlie Poole, in dem es auch um die Ermordung eines US-Präsidenten geht.

Obama mochte er dann öffentlich im Gegensatz zu anderen Musikern nicht lauthals unterstützen. Er sah wohl in ihm nicht denjenigen, der die US-Gesellschaft und die Welt. grundlegend verändern und verbessern konnte. Er war wohl auch mit der Clinton-Ära nicht so recht zufrieden. Hier zeigte sich Dylans Selbstverortung im alten New Deal und nicht in der auch für Obama konstitutionellen Clinton-Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ (Nancy Fraser). Dylan widerstand dem Obama-Hype. Der nun nach der Trump-Tragödie ohnehin nur eine finale Episode zu Ende des progressiven Neoliberalismus gewesen zu sein scheint.

Wie ich schon in der ersten Analyse von „Murder Most Foul“ geschrieben habe. Donald Trump kommt in Dylans Werk nicht vor. Das muss auch nicht sein. Denn dessen Verhalten, dessen Borniertheit und Rassismus, dessen fragwürdige Mentalität als Teil eines Amerika, das nie das von Bob Dylan war, durchzieht als Negativum ohnehin das gesamte Oeuvre des Mannes aus Minnesota.

Soweit für heute. Bleibt alle gesund!

Best
Thomas

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.