Archive for the ‘Folk’ Category

Die Blues-Meister

2. Juni 2018

Die Schultzes aus Weinheim sind wie ganz selbstverständlich Blues-Virtuosen

Wenn man Mojo Schultz und Petra Arnold-Schultz bei einem der vielen Konzerte, die die beiden in den verschiedensten Band-Konstellationen geben, erlebt, fällt sofort eines auf: Die unheimliche Leichtigkeit mit der sie den Blues spielen. Da ist keine große Anstrengung und da ist auch keine falsche Ehrfurcht, sondern stattdessen viel Humor. Die beiden spielen den Blues, weil er ganz selbstverständlich zum Leben gehört. Mojo ist ein Virtuose auf der Bluesgitarre, ob akustisch oder elektrisch oder slide. Mojo gelingt das alles mit viel Spaß und einer frohen Energie. Rhythmisch unterfüttert und mit stoischem Humor ergänzt wird Mojo dabei von Petra am Stand Up-Bass. Wobei „Lady Bass“ auch singt, so dass die beiden auch gesanglich zu überzeugen wissen.

Unter dem ebenso schlichten wie selbstbewussten Titel „Schultzes“ haben sie im vergangenen Jahr als Duo ein Album veröffentlicht, das die Live-Beobachtungen ebenso eindrucksvoll auf CD bestätigt, und zudem einen weiteren wichtigen Aspekt ihrer Kunst unterstreicht: Sie können nicht nur den Blues spielerisch leicht zum Gehör bringen, sie kennen auch seine Geschichte und sein Liedgut in- und auswendig, und wissen letzteres zusammen mit angrenzenden Gebieten wie Country, Bluegrass oder Rock in ihrem Repertoire fein auszutarieren. Und so wird dieses Album ebenso wie ihre Konzerte abwechslungsreich und vielfältig und nie langweilig. Und so wird diese CD auch zu einer Entdeckungsreise.

Nach dem gelungen Auftakt mit „Midnight Rider“ von Greg Allman, dem Gitarrenschulen-Klassiker „Get Back“ von den Beatles und „Riverboat Song“, dem bei J.J. Cale-Fan Schultz obligatorischen Titel aus dem Werk des Tulsa Sound-Begründers, nehmen sich die beiden Zeit für ein ausführliches Leadbelly-Medley. Es fällt mit sieben Titeln üppig aus und beinhaltet mit „Midnight Special“ oder „John Hardy“ bekannte Songs, aber gleichzeitig mit „Yellow Gal“ oder „Western Cowboy“ Stücke, von denen sicher fast nur eingefleischte Kenner des legendären „American Songster“ wissen. Die große Überraschung des Medleys ist aber „House Of The Rising Sun“. Der Song, den sowohl Bob Dylan als auch Eric Burdon in den 1960er Jahren bekannt machten, spielen die beiden so frisch und so anders als wäre er nie – ähnlich wie Blowin In The Wind“ -an unzähligen Lagerfeuern totgeschrammelt und gegrölt worden. Es entsteht ein völlig neuer Song!

Es folgen dann noch Klassiker wie der „Mercury Blues“, mit „Temptation“ ein Tom Waits-Song und zum Abschluss mit „Claire“ ein Stück aus der Feder von Mitmusikant Bernd Dalmann. Er und Mundharmonika-Spieler Albert Koch haben die Schultzes bei wenigen Stücken unterstützt, so dass es wirklich ein Album „Schultzes Pur“ geworden ist. Und genau deshalb ist es so ein schönes Album, das man immer wieder gerne hören mag und einen durch den Tag tragen kann. Chapeau und Gruß nach Weinheim!

Zu beziehen ist das Album „Schultzes“ bei Auftritten der beiden und über die Website http://www.schultzes-weinheim.de .

Und Hörproben gibt es hier:
https://www.schultzes-weinheim.de/musik/

Voices of Mississippi

1. Juni 2018

Von dieser CD/DVD-Box konnte ich bislang nur Kostproben hören. Aber die haben es in sich. Beste schwarze Blues- und Gospelmusik, dazu Wortbeiträge wie die von Ray Lum – seines Zeichens weißer Maultierhändler und Geschichtenerzähler – zeichnen ein lebendiges Bild der Populärkultur der US-Südstaaten. Alle Aufnahmen sind Field Recordings des US-Folkloristen William R. Ferris. Dazu eine DVD mit Filmen über die Kunst und Musik aus Mississippi.

Der heute 76-jährige Ferris war der Mitbegründer des „Center For Southern Folklore“ in Memphis, Tennessee und Gründungsdirektor des „Center For The Study Of Southern Culture“ an der University Of Mississippi. Er hat sich um die Erforschung der Alltags- und Populärkultur der Südstaaten verdient gemacht. Und dabei hat er die im Süden immer noch landläufige Spaltung in Schwarz und Weiß geflissentlich ignoriert. Ihm war stets das verbindende wichtig. Dass in Mississippi so unterschiedliche und für die Musikgeschichte so wichtige Künstler wie Jimmie Rodgers, Elvis Presley oder B.B. King geboren wurden. Dass man in der Old Time Musik von Plattenaufnahmen nicht unterscheiden konnte, ob Weiße oder Schwarze hier Singen und Musizieren. Dass sich die Musiken der Weißen und der Schwarzen mischten. Ferris selber ist als Sohn einer weißen Pflanzerfamilie geboren worden, die auf einer Farm zusammen mit anderen schwarzen Familien das Land bewirtschaftete. Da gab es keine Segregation. Beste Voraussetzungen also, um ohne Rassismus aufzuwachsen.

Für viele Europäer sind der US-Süden und der Staat Mississippi eine große Unbekannte. Die Touristen zieht es nach New York, nach Kalifornien, Florida, in die Nationalparks oder auf die Route 66. Mississippi liegt da ab vom Schuss, ist jedoch so etwas wie der Geburtsort der amerikanischen Musik. Im Mississippi Delta wurde der Blues geboren. Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, brachte weiße Hillbillymusik und schwarzen Blues zusammen und wurde dadurch zum „Vater der Countrymusik“.

Aber dennoch: Auch uns blieb auf unseren Reisen in den Süden vieles dort fremd. Wir erinnern uns an die windschiefen Holzhäuser der Schwarzen in Clarksdale, Mississippi. Dort wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen. Wir erinnern uns an fremde Tänze in Morgan Freemans Blues Club und das Geheimnisvolle eines noch ursprünglicheren Juke Joints im Ort.

Diese Box erscheint in einer Zeit, in der die herrschende politische Klasse in den USA die Gräben der Spaltung wieder tiefer zieht. Der Kampf um den Referenzrahmen tobt. Gerade ist Roseanne Barr richtigerweise wegen eines rassistischen Tweets gefeuert worden. Man wünschte diese Box würde gerade den Weißen aufzeigen, dass Weiße und Schwarze mehr eint als trennt.
Vielleicht eine der wichtigsten musikalischen Neuerscheinungen dieses Jahres.

Ein kleine Kostprobe von der DVD: Vier Künstlerinnen aus Mississippi

Sinners & Saints

29. April 2018

Zwei Mann-Country-Folk-Kapelle sorgt in Darmstadt für einen rauschenden Abend

Sinners & Saints begeisterten bei ihrem Darmstädter Konzert, Foto: Daniel Coston

Perry Fowler und Mark Baran sind „Sinners & Saints“ aus Charlotte, North Carolina. Mit einem fulminanten Konzert begeisterten sie im vollen Keller der Bessunger Knabenschule. Mit Gitarre, Mundharmonika, Steh-Bass und mit den Füßen betriebenen Trommeln und Schellen spielen sie einen stürmischen und mitreißenden Country-Folk. Die Melancholie so mancher Neo-Folker teilen die beiden Jungs aus den Südstaaten nicht. Ob gute Laune oder Herzschmerz bei den beiden geht es meistens Druffkapell. Die Songs, die sie spielen stammen zu einem großen Teil von ihrer aktuellen Album „On The Other Side“ und heißen „The Way“, „Carry On“ oder „Whisky Drinking“. Ein besonders schöner, „Carolina Man“, handelt davon, sein zu Hause zu vermissen.

Diese Songs, meist von Fowler geschrieben, handeln vom prallen Leben. Von der Liebe, von Menschen, die niemals zufrieden sind, von Heimweh, Freundschaft, Verlust und Whisky. Und das in einer sehr augenzwinkernden, allem menschlichen zugewandten Weise. Kein Wunder, dass sie schon nach kurzer Zeit das Publikum voll hinter sich haben. Schließlich sind sie auch alles andere als introvertiert. Es wird der direkte Kontakt zum Publikum gesucht und immer wieder der Menge zugeprostet.

Denn was sie schaffen ist große Kunst. Die mitunter doch recht ernsten Themen ihrer Songs kleiden sie in wunderbare Worte und schneidern ihnen ein mitreißendes musikalisches Gewand. Denn sie sind Musikanten, sie wollen unterhalten und dem Publikum einen schönen Abend bescheren. In Darmstadt haben sie das gut zwei Stunden lang geschafft, das Publikum ließ sie erst nach drei Zugaben gehen. Ein Wiedersehen muss möglich sein.

Der Orchester-Chef

27. April 2018

Bob Dylans Konzert in Baden-Baden ist ein musikalischer Genuss

Ja, das Festspielhaus in Baden-Baden war ein absolut würdiger Rahmen für das, was Bob Dylan da am vergangenen Montagabend veranstaltete. Zwar waren aufgrund der Location, der Preise, dem Image des Ereignisses als Event und der Stadt Baden-Baden selber einige gekommen, die ihr Großverdienertum offensiv zur Schau stellten, aber das minderte nicht das Vergnügen über die musikalische Performance Dylans, die am Ende durchaus in die Kategorie „Triumph“ eingestuft werden kann.

Wenn man sich ein paar Jahre zurück erinnert, so waren Dylans Konzerte von einer ständig wechselnden Setlist, Proben auf offener Bühne sowie dem Nichtgesang der Hauptfigur geprägt. Dennoch entstand vor den Augen und Ohren des Publikums immer wieder große Kunst. Seit einigen Jahren nun schon spielt Dylan Abend für Abend das Gleiche. Dass sich die Konzerte dennoch von Tour zu Tour deutlich unterscheiden, liegt an der ungebrochenen Lust des Künstlers, unablässig an den Songs zu arbeiten. Immer wieder neue Arrangements und längst ist das, was man da geboten bekommt, nicht mehr mit dem Begriff „Rock-Konzert“ zu beschreiben. Die Aneignung der Klassiker des Great American Songbook hat das Talent als Arrangeur, das Dylan ohnehin immer besaß – man denke an die 78er-Tour „Big Band-Tour“ – nochmals auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. Mittlerweile rangiert der musikalische Rahmen, den Dylan seinen Konzerten setzt, irgendwo zwischen Jazz- und Klassik-Konzert. Tatsächlich: Was man hört sind Rock, Folk, Country, Blues, Gospel und Soul, also populäre Musik – aber der formale Rahmen stammt aus der Welt der Kunstmusik. Dylan orchestriert seine Musik. Da sind die Soli, die Gesangsparts und das Zusammenspiel klar verteilt und geplant, so dass die Musik immer perfekter wird. Das vermindert den improvisatorischen Anteil, aber das tut dem während des Konzerts immer größer werdenden Vergnügen keinen Abbruch.

Denn die Neu-Arrangements sind stimmig. Außer bei „Tangled Up in Blue“, dessen Arrangement ich immer noch nicht nachvollziehen kann. Aber „Pay In Blood“, das ein dem blutrünstigen Titel angemessenes musikalisches Kleid – voller „Suspense“ wie Hitchcock gesagt hätte – verpasst bekam, Thunder On The Mountain – der großartige Höhepunkt des Konzerts – oder „Tryin To Get To Heaven“ gewinnen deutlich. Dylan gibt den Orchester-Chef am Klavier, der Lust am Pianospiel hat und oftmals damit auch die Melodielinien vorgibt. So verbringt er denn auch die meiste Zeit am Klavier stehend oder sitzend und traut sich nur viermal in die Bühnenmitte ohne Instrument an den Mikrofonständer. Und die Mundharmonika – das typische Hillbilly-Instrument – kommt in seinem jetzigen musikalischen Konzept auch gar nicht vor.

Stattdessen singt er wie bereits auch im letzten Jahr so gut und verständlich wie lange nicht mehr. Um so wichtiger, denn sonst wäre es ja noch schwieriger so manchen Titel zu erkennen. Was nicht für die Klassiker „Don’t Think Twice“ oder Ballad Of A Thin Man“ gilt, die man deutlich an der doch für Dylan’sche Verhältnisse recht großen Nähe zum Original erkennt. Dabei sind die Lieder keineswegs zugunsten irgendeiner Altersmilde textlich gezähmt. Da revidiert sich Dylan nicht. Die Grundaussagen bleiben, wenn auch Dylan wie bei „Simple Twist Of Fate“ – am Montag ebenfalls in einer wunderschönen Fassung zu hören – oder bei „Tangled Up In Blue“ durchaus immer wieder mal neue Lyrics einstreut. Für Dylan sind seine Songs immerwährende Aufgaben. Der Mann lebt seine Songs.

So wie seine Konzerte, die er auch mit nun fast 77 Jahren immer noch voller Disziplin – er beginnt auf die Minute pünktlich und endet fast genau nach 100 Minuten – und voller Leidenschaft und Spielfreude absolviert. Und so endet dann dieser große orchestrale Abend als Triumph mit Standing Ovations und der Freude, dass Dylan auch im hohen Lebensalter immer noch zu überraschen weiß. Und dass er überhaupt nicht den Anschein erweckt als sei für ihn – wie es derzeit Altersgenossen und Weggefährten wie Joan Baez oder Paul Simon – die Sache mit den Tourneen nun vorbei. Im Gegenteil: das erste Konzert für den Sommer ist bereits angekündigt. Die Kreise, die er zieht, werden auch nicht kleiner – es geht wieder einmal nach Japan!

Zwischen SONiA und Bob

15. April 2018

Mit Sonia Rutstein auf der Bühne, bei Bob Dylan im Publikum – das sind die Dylan-Wochen des Jahres!

Nein, das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte es irgendwann wohl mal als Wunsch geäußert, es aber im Eifer des Gefechts rund um das Konzert vergessen. Aber dann passierte es tatsächlich: Sonia Rutstein, die Cousine von Bob Dylan holte mich bei ihrem Konzert im Pädagogtheater zur Zugabe auf die Bühne. „Like A Rolling Stone“ als Duett von SONiA und mir hört sich gar nicht so schlecht an, man kann sich mittels eines Videos, das unten anzuschauen ist, davon überzeugen. Da sang also der „Dylan-Experte“ zusammen mit Dylans Cousine Sonia Rutstein dessen Klassiker „Like A Rolling Stone“. Das war schon toll und ein unvergessliches Erlebnis. So wie jeder Auftritt von Sonia Rutstein bei der immer mal wieder eine gewisse Familienähnlichkeit durchschlägt: Sie ist nicht sehr groß, sie ist quirlig und hat wilde Haare, spielt Mundharmonika und Gitarre. Und setzt die Worte wunderschön.

Sonia Rutsteins Poesie ist mal zärtlich, mal entschlossen, mal verständig, mal anklagend und stets human. Sie ist eine starke Stimme des anderen Amerika, für Frieden, Freiheit, Gleichheit, sexuelle Selbstbestimmung. Wohl auch deshalb nimmt sie sich mittlerweile im Frühjahr eine scheinbar immer länger währende Auszeit von „Trumpland“ und tourt ausgiebig durch die Bundesrepublik. Und hinterlässt eine Spur der Freude, der Wärme, des Mut Schöpfens gegen die Gefahren dieser Welt.

Zeitgleich mit Sonia mit Sonia tourt auch ihr Cousin namens Bob Dylan durch die bundesdeutschen Lande. Der, der von ihrer gemeinsamen Tante Harriet Rutstein, das Klavier spielen lernte. Und es nun Abend für Abend scheinbar immer perfekter zu Intonierung seiner Songs nutzt. Die Nachrichten über seine Konzerte in Österreich hören sich gut an. Er scheint mit großer Form direkt an die Konzerte aus dem vergangenen Jahr anzuknüpfen. Gut bei Stimme, verständlich in der Artikulation, voller Spielfreude. In Madrid hat er Ende März mit dem Publikum das gesamte „Desolation Row“ rhythmisch durchgeklatscht. Wir sehen ihn am 24. April in Baden-Baden. Man darf gespannt sein.

Ansonsten zieht dieser Dylan derzeit mal wieder alle Register. Erschien Ende des Jahres erstmals eine Zusammenstellung mit Live-Mitschnitten seiner Gospel-Jahre bei denen er ja durchaus fragwürdiges predigte, so hat sich Dylan dieser Tage nun an einem ungewöhnlichen Projekt beteiligt. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte. Auch dies kann man sich unten anhören.

Auch der Dylan im Jahr 2018, fast 77-jährig, schafft es noch, und zu überraschen. Was will man mehr?


Eine starke Stimme des anderen Amerika

11. April 2018

Sonia Rutstein singt gegen Trump und Hass, für Frieden, Freiheit und Gleichheit/ die mehrmals für den Grammy nominierte Singer-Songwriterin ist eine Cousine von Bob Dylan und kommt am 12. April bereits zum vierten Mal nach Darmstadt.

„Im Jahr 2015 hat sie erstmals bei „Americana im Pädagog“ gespielt, seitdem ist sie uns eine gute Freundin geworden und wir begrüßen sie nun am Donnerstag, 12. April, bereits zum vierten Mal in Darmstadt“, freut sich Thomas Waldherr, Kurator der von http://www.country.de präsentierten Konzertreihe im Darmstädter Pädagogtheater. Konzertbeginn im Theater im Pädagog (Pädagogstraße 5) ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 10 Euro. Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Mit politischen Songs rund um den Globus
Sonia Rutstein, unter ihrem Bühnennamen SONiA derzeit unterwegs auf Deutschland-Tournee, singt gegen Homophobie, Kriegstreiberei und Rassismus. Engagiert und immer menschlich, aber nie mit Zeigefinger und Geboten, dazu musikalisch mitreißend. „Seit sie das erste Mal bei uns gespielt hat, hat sich die Welt drastisch verändert. Trump ist US-Präsident und autoritäre politische Bewegungen haben überall Zulauf. Da ist ihre Musik wichtiger denn je. Sie ist eine von Amerikas starken Stimmen für Freiheit, Frieden und Gleichheit“, bringt Waldherr ihre Botschaft auf den Punkt.

SONiAs musikalischer Werdegang begann 1987 mit der Gründung von „Disappear Fear“ einer Folk-Rock-Band mit ihrer Halbschwester Cindy. Nachdem sich Cindy aus familiären Gründen aus der Musik zurück, zog startete SONiA 1996 ihre Solokarriere. Ihre Texte haben oft progressive politische Themen wie Frieden und Völkerverständigung oder die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen, handeln aber auch von der Liebe und ihrem Leben in Baltimore. Ihr Bühnenleben führte sie bereits um den gesamten Globus. So gab sie Konzerte in Israel und Palästina, wo sie während des zweiten Libanonkrieges ihr Konzert in einem Schutzraum vor Bomben spielte, auf den Fidschi-Inseln, aber auch im Opernhaus von Sydney, Australien. SONiA überzeugt als Musikerin und Singer-Songwritern dank ihrer Passion für ihre Themen, der Ehrlichkeit ihrer Liedtexte sowie wegen ihrer warmherzigen, positiven und ausgewählten Mischung von Folk, Pop, Rock, Blues, Weltmusik und Americana. Mehrere ihrer Alben waren bereits für den Grammy nominiert.

Gegen Trump und Hass
Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsident hat sie betroffen und wütend gemacht und so war sie damals natürlich beim „Women’s March To Washington“ dabei und hat sich jetzt auch solidarisch mit der Bewegung „March For Lives“ gezeigt. Einer ihrer neueren Songs heißt „Abraham“. Ohne Trump dabei beim Namen zu nennen stellt sie ihm positive politische Persönlichkeiten der Geschichte wie Abraham Lincoln, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King entgegen. Ebenfalls eine Reaktion auf die politischen Verhältnisse in den USA ist ihr kombinierter Vortrag aus ihrem eigenen Song “Sink the Censorship,” und „Blowin In The Wind“, dem Klassiker ihres Cousins Bob Dylan. Ihre gemeinsame Tante Harriett Rutstein brachte dem jungen Robert Zimmermann übrigens die ersten Musiktöne am Klavier bei.

Erneutes Gastspiel in Darmstadt
Ihren Optimismus, ihre Hoffnung und ihre Menschlichkeit überträgt SONiA auf ihre Musik. Und dies macht sie auch als Künstlerin so einzigartig. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll und immer engagiert! Darmstadt kann sich mit Fug und Recht auf das erneute Gastspiel einer einzigartigen Künstlerin freuen.

Mehr Infos:
https://www.soniadisappearfear.com/

Karten:
https://paedagogtheater.de/sonia/

Love Songs

9. Februar 2018

Woody Guthrie Tribute in Darmstadt

Dreimal hat nun schon ein Musikernetzwerk aus dem Rhein-Main-Gebiet mit großem Line-Up die Songs des anderen Amerika auf die Bühne gebracht. Was aus der Wut über die Präsidentschaft Donald Trumps zum ersten Mal im Januar letzten Jahres bei „Americana im Pädagog“ unter dem Titel „Love Songs Für The Other America“ so hervorragend angenommen wurde, ist in diesem Jahr beim großen Woody Guthrie-Tribute erneut im Darmstädter Pädagogkeller und mit den „Love Songs For Freedom & Equality“ im Frankfurter „Bett“ fortgeführt worden. Zweimal ausverkauftes Haus im Darmstädter TIP und ein gut gefülltes „Bett“ zeigen: Die Lieder treffen den Nerv der Menschen.

In Zeiten, in denen Autokraten und Rechtsextreme auf dem Vormarsch sind und die SPD – bzw. besser gesagt ihr Führungspersonal – die Partei inhaltlich nicht erneuern will (Absolute Ignoranz gegenüber den politischen Ansätzen von Jeremy Corby, Bernie Sanders oder den portugiesischen Sozialisten) – und sich stattdessen mit dem „Weiter so!“ mit ein paar Pflastern auf den neoliberalen Wunden in eine erneute großen Koalition flüchtet, sind die Lieder für eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft aktueller denn je.

Sichtlich ergriffen und bewegt lauschen die Menschen der Musik und geduldig und interessiert hören sie dann im Pädagogkeller und im Bett auch den Vorträgen zu. Wissend, dass diese Musik für etwas steht. Für eine Haltung, für eine gesellschaftliche Sichtweise, die eben auch ausgesprochen werden muss, genauso wie es sich lohnt auf die Umstände der Entstehung dieser Songs hinzuweisen. Die Linie führt von den Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Kentucky über die gewerkschaftliche Organisierung in den 1930er und 40er Jahren und den Songs gegen Kriegstreiberei und Rassismus aus den 1960ern bis zu den heutigen Liedern gegen Sexismus und Umweltzerstörung. Der enthemmte Kapitalismus hat für kein Problem dieser Zeit eine Lösung, denn er ist ihre Ursache.

Musikalisch sind die Konzerte vom feinsten. Da treffen „alte“ Fahrensleute von Folk und Americana in Deutschland wie Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Helt Oncale auf Newcomer wie Brian Kenneth oder Dana Maria. Allen gemeinsam ist das Americana als ihr musikalischer Ausdruck. Country, Blues, Folk, Gospel. Harmoniegesang, Fiddle, Banjo. Fingerpicking und Gitarren-Duelle. Liebe und Respekt für alte und neue Songs. Dazu eigenes Songwriting auf höchstem Niveau. Da tut sich was in der deutschen Americana-Szene! Verbreiten wir es weiter, lassen wir nicht locker. Wir sind auf dem richtigen Weg!

Mandoline Orange

9. Februar 2018

Photo by Scott McCormick

Es war ein ganz feines, ruhiges, intensives, wunderschönes Konzert, das Mandoline Orange da vor wenigen Tagen in der Frankfurter Brotfabrik gespielt haben. Andrew Marlin und Emily Frantz sind seit 2009 als Duo unterwegs, ihre Folkmusik fußt auf Mountain Music und Bluegrass ihrer Heimat North Carolina.

Ihre Musik war auch an diesem Abend nie schnell, sondern langsam und höchstens Midtempo. Aber instrumentell und vom Songwriting her auf höchstem Niveau, und daher keine Sekunde langweilig. Insbesondere Andrews Mandolinen- und Emilys Geigenspiel verzaubern, verzücken und entführen die Hörerinnen und Hörer. Sie verstehen es, gut eineinhalb Stunden das Publikum in der gut gefüllten Brotfabrik auf eine melancholische Reise mitzunehmen.

Sie spielen dabei eine ganze Menge Songs ihres aktuellen Albums „Blindfaller“. Das großartige „Wildfire“, die traurige Ballade über die ewige amerikanische Wunde Bürgerkrieg oder „Gospel Shoes“ über die Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken. Die Magie, die sich an diesem Abend aufbaut, beruht auch auf der engen musikalischen Verbindung von Andrew und Emily, die im Zusammenspiel beinahe blind harmonieren. Ihr wunderschöner Harmoniegesang – auch eine Appalachen-Tradition – ist dann das Sahnehäubchen auf dem großartigen Vortrag.

Und als sie dann wiederkommen, nachdem die Rausschmeißermusik schon gestartet wurde, und die vielleicht schönste Coverversion von Bob Dylans „Boots Of Spanish Leather“, die man je gehört hat, dem Publikum zum Abschied mit auf den Weg geben, kann dieses Konzert dann endgültig nur mit dem Begriff „legendär“ bezeichnet werden. Wer dabei war kann sich glücklich schätzen!

Yannick Monot: Cajun und Zydeco

3. Februar 2018

Cajun ist die Musik der französisch-stämmigen Bewohner Louisianas, Zydeco ihre Fusion mit afro-kreolischer Musik. In Deutschland hat sich Yannick Monot um ihre Popularisierung verdient gemacht. Sein neues Album „Encore On Tour“ ist absolut hörenswert.

Yannick Monot, Foto: Promo

Cajun ist die ganz eigentümliche Volksmusik der französisch-stämmigen Einwohner Louisianas, der Cajuns. Gepaart mit afro-kreolischer Musik wird sie zum Zydeco. Kaum ein anderer Musiker hat sich um die Popularisierung in Deutschland so verdient gemacht wie Yannick Monot.

Anfang der 1970er entdeckte der Bretone und Weltenbummler Monot diese Musik für sich. 1976 gründete er dann in Deutschland seine erste Cajun-Band mit dem Namen „Le Clou“. 1987 folgte dann das Bandprojekt „Yannick Monot & Nouvelle France“. Der amerikanische Cajun-Sänger Johnnie Allen sagte damals über ihn: „Mein Freund Yannick Monot erweist sich als echter europäischer Botschafter des Cajun & Zydeco. Unsere Österreich-Tour war ein Riesenerfolg. Das Publikum hat ihn geliebt.“

Und in der Tat: Es ist schon verdammt schwer, den schnurrbärtigen, temperamentvollen Musiker nicht zu mögen. Ob auf der Bühne oder im Studio: Seine sympathische und beschwingte Art öffnet die Herzen für seine Musik. Mit „Encore On Tour“ hat er vor kurzem anlässlich des 30-jährigen Bühnenjubiläums der Formation ein packendes Live-Album veröffentlicht. 11 Songs sind darauf, die die ganze Bandbreite der Musik von „Yannick Monot & Nouvelle France“ darstellen. Cajun-Walzer, Two Steps, aber auch Zydeco und Blues. Sowohl Standards dieser Musikrichtungen, als auch Eigenkompositionen. All das haben die Jungs um Yannick Monot drauf.

Und wie sie das haben! Auf dem Live-Album spürt man förmlich wie Monot und seine Mitstreiter Michael Schmelzer (Schlagzeug), Eckehard Limberg (Geige, Gesang), Fred Böhle (Gitarre Gesang) und Gerd Vieluf (Bass) das Publikum einfangen und mit auf die Reise von Kanada – da wo die Cajuns ursprünglich lebten, bevor sie von den Briten dort vertrieben wurden – bis in die Sümpfe von Louisiana und in die Metropole New Orleans nehmen.

Es ist ein großartiges „Gute Laune-Album“ und macht Appetit auf mehr. Und das ist auch gar nicht so schwierig. Denn Yannick spielt immer irgendwo. Ob mit Nouvelle France, im Duo mit Helt Oncale, im International Cajun Trio (hier stößt Biber Herrmann dazu) oder mit der Louisiana Band – Yannick Monot ist immer unterwegs als Botschafter für Cajun & Zydeco.

Das Album ist zu beziehen über die Webseite http://www.yannick-monot.de.

Vor 50 Jahren: Die Geburt des „Americana“

28. Dezember 2017

Bob Dylan 1967, Foto: Sony Music/ Elliott Landy

„The Basement Tapes“, „John Wesley Harding“ und „Music From Big Pink“ veränderten 1967 und ’68 die Musikgeschichte.

Wenn nun das Jahr wechselt und aus 2017 so langsam 2018 wird, dann lohnt es, sich als Musikfreund an die Zeit vor 50 Jahren zu erinnern. Denn damals wurde Musikgeschichte geschrieben. Denn wenn Ausnahmemusiker zusammenkommen und sich gegenseitig befruchten, dann entsteht sehr oft etwas Neues, so noch nie Dagewesenes. So auch im Zeitraum vom Frühjahr/Sommer 1967 bis zum Sommer 1968 als Bob Dylan und „The Band“, vormals „Levon and The Hawks“, nichts weniger als das „Americana“ erfunden haben.

Dylan findet mit „The Hawks“ eine Tourband
Während 1966 Dylan der junge Folk-Rock-Hipster mit Protestsong-Vergangenheit war, spielten die „Hawks“ vorwiegend Rhythm & Blues und Rock’n’Roll in abseitigen Clubs und Spelunken. Als Dylan dann für seine Welttournee 1966 eine Begleitband suchte, fand er die „Hawks“, ehemals Begleitkapelle des kanadischen Rockers Ronnie Hawkins. Wochenlag ließen sie sich von den Zuschauern für ihren Folk-Rock beschimpfen, dann stieg Drummer Levon Helm entnervt aus. Höhepunkt des Kampfes von Dylan mit seinem Publikum war dann der berühmte „Judas!“-Ruf in der Manchester Free Trade Hall.

Doch die Scharmützel mit seinen Fans, die Knochenmühle des Tournee-Zirkus und die vielen Mittelchen mit den versucht wurde, Kreativität und Schaffenskraft trotz der enormen Belastungen aufrecht zu erhalten, forderten ihren Tribut. Im Sommer 1966 war Dylan physisch und seelisch ein Wrack. Und sein Manager Albert Grossmann hatte schon wieder eine umfangreiche Tour zusammengestellt. Dylans Motorradunfall am 29. Juli 1966 war da die willkommene Gelegenheit, für eine Weile aus diesem Rattenrennen auszusteigen.

„The Basement Tapes“
Gut eineinhalb Jahre trat Dylan nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Es dauerte fast ein Dreivierteljahr bis Dylan wieder Spaß bekam regelmäßig zu musizieren. Aber dann richtig: Vom Frühjahr bis Herbst 1967 verbrachte er jeden Tag viele Stunden mit den „Hawks“ – Levon Helm war jetzt wieder mit von der Partie – und sie spielten alles was sie kannten aus Folk, Country, Blues und Rock’n’Roll. Mehr als hundert Songs schnitten sie mit. Neben der Beschäftigung mit vielen Standards begann Dylan auch wieder Songs zu schreiben. Es entstanden Klassiker wie „You Ain’t Goin‘ Nowhere“, Quinn The Eskimo“ This Wheel’s On Fire“ und natürlich „I Shall Be Released“.

Textlich war für Dylan die surrealistische Songpoesie obsolet. Die Texte waren wieder einfacher zu rezipieren, erzählten Geschichten oder Parabeln, waren weniger bildhaft, aber dafür viel stärker aus amerikanischer Überlieferung – sowohl aus Alltags- wie aus Mythenwelt – gespeist. Da ist kein Shakespeare mehr „in the Alley“ und kein Einstein, kein Ezra Pound und kein Robin Hood. Da treten stattdessen Lastwagenfahrer auf, Trinker und Müßiggänger oder eine fette „Mrs. Henry“. Teils ist die Stimmung ausgelassen wie bei einer Vaudeville-Show, dann wieder bizarr oder pathetisch. Man erzählt sich beim Wäsche aufhängen davon, dass der Vizepräsident durchgedreht sei. Oder vergleicht die Geburt der amerikanischen Nation am 4. Juli mit der Geburt des eigenen Kindes. Dylan und The Band verorten sich zutiefst in Amerika. Indem sie schwarze und weiße Musik spielen, verorten sie sich aber auch ganz im „Americana“, der Musik des Amerikas, das an den Traum vom Land, das allen die Möglichkeit gibt, ihr Glück zu finden, glaubt. Und nicht an ein Amerika der Rassenschranken oder der Konzerne. Die Songs, die bei den Basement Tapes entstanden sind, sind allesamt amerikanische Klassiker, mögen einige auch eher Dylan’sche Nebenwerke sein wie „Odds And Ends“. Lo And Behold“ oder „Million Dollar Bash“.

Veröffentlicht wurden Songs der Basement Tapes zuerst von Dritten. Denn weder Dylan noch „The Band“ planten eine Veröffentlichung der Bänder. Schon im Oktober 1967 wurde ein Demoband mit 14 Aufnahmen zusammengestellt, über den Musikverlag Dwarf Music zum Copyright angemeldet und anderen Musikern als Demos angeboten. Die ersten, die Coversongs aus diesem Material erstellten waren Peter Paul & Mary („Too Much Of Nothing“), Manfred Mann, der aus dem eher spröden „Quinn, The Eskimo“ das schmissige „Mighty Quinn“ machte und damit einen Superhit produzierte, Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, die „This Wheel’s On Fire“ einspielten, sowie die Dylan-Apologeten „The Byrds“, die nach dem „Folk-Rock“-Urknall “ „Mr. Tambourine Man“, nun mit ihrer Version von „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ auch als Mitbegründer des Country-Rock in die Popmusikgeschichte eingingen. Erst 1975 sollten Rudimente der Basement Tapes veröffentlicht werden, 2014 erschienen dann die kompletten Basement Tapes und es wurden unter dem Titel „The New Basement Tapes: Lost On The River“ Songtexte von Dylan aus dieser Zeit von Künstlern wie Rhiannon Giddens und Marcus Mumford unter der Regie von T-Bone Burnett neu vertont.

John Wesley Harding
Dylan, der 1966 noch als Rock-Avantgardist die Rockmusik erwachsen und bedeutungsschwer gemacht hatte, erdete sich gerade ein Jahr später mit den Basement Tapes neu, indem er noch einmal ganz bewusst zurück zu den Wurzeln ging. Als er am Ende aus dem Keller wieder hoch stieg war ein anderer Künstler. Seine folgenden Platten John Wesley Harding und Nashville Skyline dokumentierten seinen Weg zurück zu Country und Folk.

Und doch war sein Comeback-Album „John Wesley Harding“, das am 27. Dezember 1967 erschien, eine andere Platte als es die Musik von den Basement Tapes erwarten ließ. Die Platte war ernster im Ton und spartanischer in der Musik, als die zum Teil sehr süffigen Songs – textlich wie musikalisch – die bei den Basement Sessions entstanden waren. Tauchten Teile der Basement-Songs hinein ins pralle Menschenleben, unterlegt mit Rhythm & Blues und Country, so waren diese Songs oftmals Parabeln mit biblischen Bezügen. Teils zornig („Dear Landlord“), teils als Antwort auf Woody Guthries Tod im Oktober zu verstehen (Drifters Escape), teils resignativ gesellschaftskritisch („All Along The Watchtower“). Die Musik dieses Albums, das nach „Blonde On Blonde“ abermals in Nashville mit Teilen der „Nashville Cats“ eingespielt worden war, bestand aus zurückhaltendem Country-Folk. Aber dennoch wäre Dylan nicht Dylan, würde er nicht einmal aus seinem selbst verordneten Rahmen ausbrechen. „I’ll Be Your Baby Tonight“ ist ein sexy Honky-Tonk-Schieber und einer der Songs, die gerade von Countrymusikern bis heute sehr gerne gecovert wird.

Music From Big Pink

The Band 1967, Foto: Sony Music/ Eliott Landy


War Dylan zusammen mit „Levon & The Hawks“ hinunter in den Keller von „Big Pink“ gestiegen, so kamen die vier Kanadier Robbie Robertson, Richard Manuel, Rick Danko, Garth Hudson sowie der Arkansas-Boy Levon Helm als „The Band“ wieder hinauf. So nannten sie sich nun selbstbewusst, als sie 1968 am 1. Juli 1968 ihr Debütalbum „Music From Big Pink“ vorlegten. Die Platte veränderte die Richtung des Rock: Den damals aktuellen Psychedelic-Klängen setzten sie eine ruhigere, aber umso kraftvollere, durch Country, Blues und Folk geerdete Art der Rockmusik entgegen. An drei Stücken war Bob Dylan als Co-Autor beteiligt: „Tears Of Rage“, „This Wheel’s On Fire“ und „I Shall Be Released“.

Obwohl es kommerziell nicht sehr erfolgreich war, gilt „Music From Big Pink“ neben dem Nachfolgealbum „The Band“ von 1969 (auch als „braunes Album“ analog dem „weißen Album“ der Beatles bekannt) heute nicht nur als bestes Album der Band, sondern auch eines der besten und einflussreichsten Rockmusik-Alben überhaupt.

Leittrack des Albums ist das bis heute ungebrochen faszinierende „The Weight“ – auch mittlerweile ein amerikanischer Klassiker. „Der Song ist pures Americana“, schreibt Peter Viney auf der Website von „The Band“. Und tatsächlich ermöglicht er auf engstem textlichem Raum allerlei amerikanische Assoziationen: Er hat biblische und religiöse Bezüge, er spielt mit Bildern des Kleinstadtlebens im Westen und dem Teufel, der quasi an jeder Ecke lauert. Er lässt Bigotterie genauso erahnen wie Liebe, Verlangen und Gewalt. Der Text ist in Panoptikum des alten, gefährlichen Amerika. Und auch seine Musik ist pures Americana. Sie eint in großartiger Weise Country, Rock, Soul und Gospel-Elemente.

Beim Woody Guthrie Tribute wird „Americana“ öffentlich
Am 20. Januar 1968 treten Bob Dylan & The Band beim großen Woody Guthrie Tribute in New York auf. Ihr erster Auftritt seit anderthalb Jahren. Und erstmals lassen sie die Öffentlichkeit ihre neue gefundene musikalische Form hören. Beim Andenken an die verstorbene US-Folk-Ikone und Dylan-Vorbild Guthrie manifestiert sich die Geburt des neuen Genres. Wie hier Guthries Folksongs „I Aint’t Got No Home In This World Anymore“ oder „Grand Coulee Dam“ mit viel Rhythm & Blues & Soul unterlegt wird, darf als Paradebeispiel für das neue, alte Genregrenzen überschreitende Americana gelten.

„Americana“ ist heute lebendiger denn je
Die Karrieren der Protagonisten verliefen unterschiedlich. Bob Dylan blieb das sich noch mehrmals musikalisch häutende Chamäleon der Rockgeschichte, der bis heute auf den Konzertbühnen der Welt unterwegs ist. „The Band“ spielten 1977 ihr Abschiedskonzert – legendär verfilmt von Martin Scorsese – und lösten sich auf Betreiben vom selbst ernannten Bandleader Robbie Robertson auf. Sie gründeten sich ohne Robertson 1983 neu, dann beging Richard Manuel 1986 Selbstmord. Eine weitere, letzte Comeback-Phase begann 1992 und endete dann 1999 mit dem Tod Rick Dankos. Levon Helm veröffentlichte vor seinem Tod 2012 noch zwei erfolgreiche Solo-Alben. Letzte lebende Band-Mitglieder sind heute Robbie Robertson und Garth Hudson.

Das „Americana“-Genre aber ist heute lebendiger denn je und gerade in den Zeiten von Trump setzt es in der Auseinandersetzung mit dem heutigen Amerika neue Kräfte frei. Selten sind so viele bedeutende Americana-Alben erschienen wie 2017.

Thomas Waldherr hat gerade auf country.de seine persönlichen Americana-TOP 10-Alben vorgestellt: http://www.country.de/2017/12/23/die-americana-top-10-alben-des-jahres-2017/
In der Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ findet am Samstag, 13. Januar“ ein großes Woody Guthrie Tribute-Konzert statt, bei dem neben anderen auch die Songs zu hören sein werden, die Dylan & The Band beim Konzert 1968 gespielt haben: http://paedagogtheater.de/guthrie/