Archive for the ‘Folk’ Category

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/

Grieben singt Dylan – Ein Abend mit Songs von & rund um Bob Dylan

11. März 2019

Martin Grieben, Copyright Theater Alte Brücke Frankfurt

Samstag, 30. März, Theater Alte Brücke, Frankfurt-Sachsenhausen, 19.30 Uhr

Wenn in den 1990er Jahren das Thema auf Bob Dylan kam, wurde ich meist mitleidig belächelt. Lebt der denn noch, kann der denn noch singen? Veranstaltungen zu Bob Dylan waren selten, dafür dann aber von großer Sachkenntnis geprägt. Bis heute faszinieren mich die damals gehörten Lesungen von Paul Williams, Greil Marcus und Günther Amendt, die geistreich über Bob Dylan erzählten und dies in einen ästhetischen, historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang stellten.

Als dann Dylan in den 200oern eine wahre Schaffensexplosion hinlegte mit hochkarätigen Alben, Film und Buch und Malerei und Radio-Show, da wurden die Veranstaltungen über Dylan dann immer mehr. Und nach dem Nobelpreis erst recht. Es gab und gibt Theaterstücke in Heidelberg und Lübeck, Ausstellungen in Fulda und Liederabende in Saarbrücken und und und…

Und wie überall gibt es solche und solche. Veranstaltungen bei denen man merkt, dass es den Leuten ernst ist, und solche, die sich einfach an den Ruhm anhängen. Ich habe mal einen Dylan-Abend vorzeitig verlassen, weil da mit Halbwissen und Klischees nur so um sich geworfen wurde, und die deutschen Übersetzungen das Niveau von Jugend-Gottesdiensten beim Kirchentag hatten. Sowas brauche ich nicht.

Ganz anders aber bei Martin Griebens Bob Dylan-Programm. „Martin Grieben verfolgt die verschlungenen Wege der Karriere des Bob Dylan seit 40 Jahren mit wachsender Faszination. Währenddessen war er Leader von Rock’n’Roll Bands, Sänger und Gitarrist, Komponist und verhinderter Popstar, Produzent, Tonstudiobetreiber und überzeugt inzwischen als „Mein-Mann“-Band in der Theater-Talkshow „Melli redet mit“ – nur Stimme, Gitarren, Ukulele und dunkle Sonnenbrille. „Grieben singt Dylan“ – ein Abend mit Songs von und rund um Dylan aus beinahe sechs Jahrzehnten. Keine gerührte Nostalgie-Veranstaltung, sondern die schräge Welt des Bob Dylan als unterhaltsamer, musikalischer Trip.“

Soweit der Pressetext. Hier und in der Korrespondenz mit ihm wurde mir die Ernsthaftigkeit seines Anliegens klar. Und wenn ich die Liste seiner Dylan-Songs anschaue, die er so Repertoire hat – z.B. „Po‘ Boy“, „Abraham, Martin und John“ oder „Meet Me In The Morning“, so sind das Songs, die der Spezialist des Abends, den ich dringend verlassen musste, wahrscheinlich überhaupt nicht kennt.
Und so verlässt Martin Grieben die ausgetrampelten Dylan-Pfade. Etwas, dass auch die DoubleDylans und ich immer wieder versuchen.

Sehr schön beschreibt Grieben, was alles in Dylan steckt: „Denn in Dylans Songs ist so viel Spaß, Weh, Ironie, Traurigkeit, Verzicht, Irrsinn, Blut, Liebe, Horror, Herzschmerz, Verwirrung, Weisheit, Vertrauen, Bescheidenheit, Märchenhaftes, Blödsinn, Blues, Sinnsuche, Selbstzerfleischung, Hoffnung, Verzweiflung, Betrug, Gier, Kitsch, Ablehnung, Sehnsucht, Hybris und was nicht noch alles drin.“

So sehe ich das auch! Und deswegen freue ich mich, Martin Griebens Programm hier anzukündigen und es auch zu besuchen. Tun Sie’s einfach auch!

https://theater-alte-bruecke.reservix.de/tickets-grieben-singt-dylan-ein-abend-mit-songs-von-rund-um-bob-dylan-in-frankfurt-am-main-theater-alte-bruecke-am-30-3-2019/e1357167

Bob Dylan wird 78 Jahre alt, die DoubleDylans feiern ihr 20-jähriges

21. Februar 2019

Save The Date: Am 24. Mai große Doppelgeburtstagsfeier im Frankfurter Salon

Wer dabei im letzten Herbst bei der großen DoubleDylan-Filmpreisverleihung, der hat heute noch ein Glänzen in den Augen. Es war ein legendärer Abend im Frankfurter Salon, mitten im Herzen der Mainmepropole. Schon damals war man sich sicher, dass dies die richtige

Die DoubleDylans

Location für eine weitere große Sause wäre. Jetzt ist es soweit, jetzt ist es offiziell: Die DoubleDylans und der Darmstädter Bob Dylan-Experte Thomas Waldherr laden ein zur Doppelgeburtstagsfeier am Freitag, 24. Mai. Just an Bob Dylans Geburtstag feiern sie dessen 78. und gleichzeitig das 20-jährige Bestehen der DDDs.

Thomas Waldherr

Was an diesem Abend genau passiert, wird noch nicht verraten, da werden gerade noch ein paar Ideen gewälzt. Ziemlich sicher werden aber eine ganze Reihe von Lobeshymnen für den Rockpoet und Nobelpreisträger aus den USA, als auch für die Frankfurter Lokalmatadoren erklingen.

Dies alles wird aber im DDD-üblichen Rahmen geschehen und daher nicht allzu ernsthaft, sondern hintergründig und humorvoll sein. Ein stimmungsvoller Abend mit Freunden. Mehr dazu in den nächsten Wochen.

Die 1960er mal zwei

23. November 2018

2019: Pete Seeger wird hundert – Woodstock wird fünfzig

Zum 100. Geburtstag von Pete Seeger veranstaltet „Americana im Pädagog“ ein großes Tribute-Konzert

Kommendes Jahr fallen zwei Jubiläen an. Beide haben zu tun mit dem „anderen Amerika“. Und doch könnte das, wofür sie stehen, unterschiedlicher nicht sein.

Pete Seeger soll das Stromkabel mit der Axt zu durchtrennen versucht haben, so die Legende. Doch wenn Bob Dylan nicht bei Newport 1965 eingestöpselt hätte, wären die E-Gitarrengewitter von Jimi Hendrix‘ Fassung von „Star Spangled Banner“ bei Woodstock 1969 möglich gewesen? Wäre Woodstock überhaupt möglich gewesen?

Legenden der Sixties
Beide – Seeger und Woodstock – sind Legenden der Sixties. Doch während Seeger aus der alten linken amerikanischen Arbeiterbewegung kam und das politische Folk Revival Anfang der 1960er entscheidend beeinflusste, steht Woodstock für ein recht luftiges Love & Peace der Rock-Generation. Dylan schrottete höchst selbst 1965 mit seiner E-Gitarre das Folk-Revival. Am Ende des Jahrzehnts war das große Rock-Hippie-Spektakel Woodstock und Dylan war nicht dabei. Während Seeger zwei Jahre zuvor plötzlich sich von einer elektrischen Band begleiten ließ.

Wie hängt das zusammen und wofür stehen diese Jubiläen? Ich will dies kurz hier anreißen, weil mich diese beiden Jubiläen das ganze nächste Jahr bei meinen Seminaren und Konzerten beschäftigen werden.

Zwei Seiten des „anderen Amerika“
In seinem klugen Buch „Dylan Goes Electric! Newport, Seeger, Dylan And The Night That Split The Sixties“ arbeitet Elijah Wald sehr schön heraus, wofür die beiden Personen Seeger und Dylan stehen. Während Pete die große Depression miterlebte, in der Solidarität eine Tugend war, wuchs Bob als Baby-Boomer inmitten der prosperierenden 1950er Jahre auf. Beide stehen, laut Wald beide für zwei Seiten des anderen Amerika: Seeger für den solidarisch-politischen, Dylan für den individualistischen Gegenentwurf. Beide können analytisch sein und die Ursachen der Probleme benennen, aber Dylan wird ab 1964 den Teufel tun, für irgendeine Organisation oder Bewegung öffentlich einzutreten. Wenn er ab da noch Protestsongs schreibt, so sind sie 1965 nicht mehr tagespolitisch, sondern befassen sich mit der Autonomie des Individuums in der verwalteten Welt („Maggies Farm“), oder haben später in den 1970ern das Unrecht im Blick, das konkreten Personen wie „George Jackson“ oder „Hurricane“ Carter widerfahren ist.

1965 machte Dylan ein Fenster auf und eine Generation folgte ihm. Die Rock-Generation, die zu den herrschenden Zuständen opponierte, und größere Massen erreichte als die Folk-Generation. Mit dem Preis, weniger Präzise in der Kritik zu sein. Die Rock-Generation war heterogener als die Folk-Generation. Es gab politischen Underground, Sit- ins und neue Lebensformen, aber auch reines Partyfeeling, Pop und psychedelischen Spuk.

Woodstock ohne Dylan
Da war Dylan aber schon nicht mehr dabei. Er wurde Familienvater, spielte Countrymusik, und war entsetzt über die Pilgertourten der Freaks zu seinem Haus nach Woodstock. Sein individualistischer Protest richtete sich nun gegen den Love & Peace-Zeitgeist. Denn wenn er sich mit den gesellschaftlichen Zuständen wirklich beschäftigte, dann war er oftmals immer noch klarer als mancher Teilzeit-Hippie. Daher floh er regelrecht vor dem Massenereignis. Zwar hatte Woodstock seine klaren politischen Botschaften – man denke an Hendrix‘ Luftangriffsgewitter-Version von „Star Spangled Banner“, Joan Baez „Truck Drivin‘ Man“ und ihre Widmung des Liedes für Ronald Reagan sowie Country Joe McDonalds „I Feel Like I’m Fixin‘ To Die Rag“ – aber insgesamt überwogen Friede, Freude, Eierkuchen (der wackere Richie Havens mit „Freedom“) oder die Pose wie sie beispielsweise Janis „Rebel‘ Without a Cause“ Joplin zelebrierte.

Da war die ebenso bittere, wie fast schon logische Pointe, dass dem fröhlichen Woodstock-Spektakel die Katastrophe von Altamont mit den tödlichen Messerstichen der Hells Angels folgen musste, die diese Generation wieder in die Wirklichkeit führte.

Seeger und Baez bleiben politische Aktivisten
Während all dem aber machte Pete Seeger unerschütterlich weiter. Er schrieb Songs, protegierte Talente, leitete Singalongs an. Und das stets mit einer politischen Intention. Auf ihre Weise führte Joan Baez die Arbeit als Aktivistin und Musikerin in der großen Öffentlichkeit fort. Wie bezeichnend, dass Dylan und sie sich wenige Woche vor Newport trennten. Aber Dylan hatte beide verändert. Seeger akzeptierte die musikalische Ausdrucksform, auch wenn sie nicht die seine wurde, Baez stimmte sogar immer wieder sanfte Folk-Rock-Tönen an. Und ging mit Dylan 1975 sogar auf die rockig-rumpelnde Rolling Thunder Review, die ein allerletzter Abgesang auf die Sixties wurde. Da war Dylan – der lebende Widerspruch – wieder ganz engagiert.

Musikgeschichte verstehen, um Möglichkeiten für linke Politik zu beurteilen
Woodstock und Seeger stehen also für die alte und die neuere Linke in den 1960er Jahren. Während Seeger zwar persönlich als Symbol für ein linkes Amerika berühmt wurde, war er politisch marginalisiert. Die Generation Woodstock marschierte dagegen durch die Institutionen und verlor sich in ihnen, ein Teil begünstigte gar die neoliberalen Veränderungen der Gesellschaft. Beide, Seeger und die Generation „Woodstock“, sind mittlerweile Geschichte, doch sich mit ihrem Werdegang und ihrer Wirkung zu beschäftigen ist nicht nur ein spannendes Stück Musikgeschichte, sondern auch eine lohnende Auseinandersetzung, will man die Möglichkeiten linker Politik in den USA heute auf der Basis der Analyse früherer politisch-historischer Entwicklungen ausloten. Das ist letztendlich die kulturelle und politische Dimension und der Erkenntniswert der Gegenüberstellung dieser zwei Phänomene.

Jetzt, in den Zeiten von Trump, gibt es eine neue, junge Linke in den USA. Eines ihrer Gesichter ist Alexandria Ocasio-Cortez. Wie diese junge Linke im Verhältnis zu alter und alter neuer Linken in der USA steht, und welche Möglichkeiten zu einer linken Politik sie eröffnet- auch dies wird daher Thema in meinen Veranstaltungen im nächsten Jahr sein.

„Wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“

21. September 2018

In „More Blood, More Tracks“, der 14. Ausgabe der „Bootleg Series“ von Bob Dylan, dreht sich alles um die Aufnahmesessions zum 1974/75er Album „Blood On The Tracks“

Für die einen ist es lapidar Dylans „Trennungsalbum“, für die anderen ein komplexes Werk, das Dylans Standortbestimmung als Ehemann, Künstler und Familienvater in einer Zeit ist, als er Veränderungen aufziehen kommt, als die Familienphase zu Ende geht und der unstete, immer sich auf Reisen befindende Künstler wieder aus ihm herausbricht: Bob Dylans 1974 entstandenes und Anfang 1975 veröffentlichtes Album „Blood on The Tracks“.

Die Veränderungen gehen einher mit Verwerfungen. Die schöne Zeit mit Sara scheint vorbei und wo steht er als 33-jähriger Mann eigentlich? Und die Veränderungen und Verwerfungen sind schmerzhaft. Und selten leidet man so persönlich mit, wie bei diesem Album. Der Verlust der Liebe von/für Sara, der Verlust von Sara, die Trennung von Sara – all das tut höllisch weh. „Wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“, singt er in „You’re Big Girl Now“. Der Song gehört mit „If You See Her, Say Hello“ und „You Gonna Make Me Lomesome When You Go“ zu den offensichtlichsten und persönlichsten Trauerverarbeitungen des Albums, während „Tangled Up In Blue, „Simple Twist Of Fate“ und „Idiot Wind“ dann wieder Geschichten erzählen, die nicht unbedingt immer für bare Münze genommen und auf den Sänger bezogen werden müssen. Denn auch wenn persönlicher Trennungsschmerz die Triebfeder dieses Albums ist, so versteht Dylan es auch hier, die Perspektiven zu wechseln, mit Verfremdungen zu arbeiten und einfach sich gute Stories auszudenken. So wie „Lily, Rosemary And The Jack Of Hearts“, das wieder einmal die Vorlage für einen Western abgeben könnte.

All diese Songs werden wir auf „More Blood; More Tracks“, das am 2. November erscheint, in ihrem Entstehen kennenlernen. Denn die Platte entstand ja bekanntermaßen auf Sessions im September 1974 in New York und Dezember 1974 in Minneapolis. Auf der DeLuxe-Version werden auf 6 CDs alle bis heute erhaltenen Tracks zu hören sein.

Ein großes Werk von Bob Dylan wird somit nach gut 45 Jahren vielleicht erst jetzt seiner Vollendung zugeführt.

The Kilkennys: Blowin‘ In The Wind

8. September 2018

Unter den Alben, die bei mir über den Schreibtisch gehen, sind immer mal welche über die ich wundere. Warum sind die bei mir angekommen? Ich schreibe über Bob Dylan, Americana, Country und Folk. Anderes lege ich in der Regel zur Seite. Bei der irischen Folkmusik der Kilkennys ging das nicht. Zum einen ist der Titel des Albums der Bob Dylan-Klassiker überhaupt, zweitens wurde dieser Dylan und die amerikanische Folkmusik natürlich von irischen Quellen und Wurzeln gespeist und beeinflusst. Und drittens stehe ich noch ganz unter den schönen Eindrücken unserer Dublin-Reise.

Also bei Dylan und irischer Folkmusik fallen einem natürlich sofort die Clancy Brothers ein, frühe Freunde und Weggefährten Dylans Anfang der 1960 in Greenwich Village im New York. Dylan war begeistert von ihrer Musik und Liam Clancy und Dylan waren gut befreundet. Dylan soll ihn als „the best ballad singer I’d ever heard in my life“ genannt haben. Kein Wunder, dass die Clancy Brothers 1992 bei Dylans 30-jährigem Plattenjubiläum im Madison Square Garden auftraten.

Die Clancy Brothers erfanden die irische Folkmusik quasi neu, indem sie die oftmals langsamen und schwermütigen Balladen ein hohes Tempo, starke Rhythmik und kraftvollen Gesang und Pub-Atmosphäre gaben. Sie weckten in den USA wieder das Interesse an irischer Folkmusik und befeuerten auch in Irland selbst eine Folk-Renaissance. Ohne Clancy Brothers keine Dubliners und keine Chieftains.

Und genau in der Tradition der Clancy Brothers und Dubliners stehen The Kilkennys. Nach Riverdance-Spuk und der Musik verwirrter Elfen, besinnt man sich wieder auf kraftvolle, lebenszugewandte Musik. Nathan Carter, der schon nahe am Rock-Pop ist und die traditionelleren Kilkennys stehen dafür. Und das Liedgut, dass letztere auf ihrem Album „Blowin‘ In The Wind“ präsentieren ist denn auch gut abgehangen. „The Molly MaGuires“, „Farwell To Carlingford“ oder „A Nation Once Again“ ist vertrautes Material, dem sie aber auch die nötige Frische für eine neue Generation von Hörern irischer Folkmusik verleihen.

Ihre Version von „Blowin‘ In The Wind“ ist fein und absolut hörbar. Wer weiß, vielleicht höre ich mir die Jungs auf ihrer Deutschland-Tournee im Oktober doch mal live an.

The Kilkennys live in Deutschland
Bielefeld,Ringlokschuppen, Fr, 12.10.18 – 20 Uhr
Münster, Jovel Music Hall, Sa, 13.10.18 – 20 Uhr
Düsseldorf, Savoy Theater, So, 14.10.18 – 19 Uhr
Stuttgart, Universum, Di, 16.10.18 – 20 Uhr
München, Ampere, Mi, 17.10.18 – 20:30 Uhr
Freiburg, Jazzhaus, Fr, 19.10.18 – 20 Uhr
Mannheim, Alte Feuerwache, Sa, 20.10.18 – 20 Uhr
Merzig, Zeltpalast, So, 21.10.18 – 18 Uhr
Hanau, Comoedienhaus Wilhelmsbad, Di, 23.10.18 – 20 Uhr
Berlin, Columbia Theater, Mi, 24.10.18 – 20 Uhr
Osterholz-Scharmbeck, Stadthalle, Do, 25.10.18 – 20 Uhr
Hamburg, Fabrik, Fr, 26.10.18 – 20 Uhr
Aurich, Stadthalle, Sa, 27.10.18 – 20 Uhr
Kiel, Pumpe, So, 28.10.18 – 20 Uhr

Stoischer Sänger, tanzendes Publikum

3. August 2018

Der bekanntermaßen introvertierte nordirische Blues- und Soulbarde Van Morison braucht keine flotten Mitklatsch-Ansagen, um im Schlosspark Schwetzingen die Leute zum Tanzen zu bringen. Es reicht seine wundervolle Musik.

Welch ein Kontrastprogramm. Setzte noch vor dem Konzert von Joan Baez am 1. August der Regen ein, der zumindest die Stimmung in den ersten 30 Minuten etwas dämpfte, so war der 2. August an derselben Stelle, dem Schlosspark Schwetzingen, geprägt durch fetten Sonnenschein und knallheiße Temperaturen. Und dennoch: Auch das Konzert von Van Morrison benötigte eine gewisse Anlaufzeit. Die ersten Stücke waren noch nicht so richtig zupackend vorgetragen, auch wenn Van Morrisons Stimme von Anfang an voll dar war und er auch körperlich einen besseren Eindruck hinterließ wie beispielsweise bei seinem Frankfurter Gastspiel vor 10 Jahren. Und auch damit ergeht es ihm wie seinem stoischen „Bruder im Geiste Bob Dylan, der heutzutage so fit wirkt und gut singt wie lange nicht.

Mit dem dritten Song – dem Sister Rosetta Tharpe-Cover „How Far from God“ – kam Bewegung in die Sache. Und mit einem schönen Bluesmedley aus „Baby Please Don’t Don’t Go“, „Parchman Farm“, „Don’t Start Crying Now“ und „Got My Mojo Working“ war dann endgültig der Boden bereitet. Denn jetzt folgten die ersten Klassiker wie „Moondance“ und „Carrying A Torch“. Dazwischen musikalisch besonders reizvoll „Broken Record“, das Morrison mit seinem unnachahmlichen Talent für Phrasierung und Prononcierung zu einem kleinen Meisterwerk machte. Ab „Precious Time“ war es dann geschehen, immer wieder kamen Leute nach vorne und wollten tanzen. Zuerst wurden sie von den Ordnern mehr oder minder freundlich auf ihre Plätze zurück komplimentiert, bis Sir Van eine klare Ansage machte, man solle bloß nicht glauben, sie hätten etwas gegen tanzende Menschen, sie würden gerne tanzende Menschen sehen. Nun gab es kein Halten mehr, das Publikum drängte nach vorne und in die Seitenwege, und alle standen an ihren Plätzen und tanzten und bewegten sich freudig bis zum Schluss. Großartig!

Nun fielen die Höhepunkte dem Publikum vor die tanzenden Füße wie reifes, süßes Obst. Der vor allem in der Fassungen der „Beach Boys“ und des „Kingston Trios“ bekannte Folk-Gassenhauer „Sloop John B.“ wurde „Van The Man“ in einer verlangsamten, intensiven Skiffle-Version gespielt, inklusive Steel Guitar-Klängen. Und dann folgten auf der Zielgrade natürlich auch noch „Real, Real Gone“ und „Brown Eyed Girl“. Nach anderthalb Stunden verließ Van Morrison mit „Gloria“ die Bühne und ließ sich seine starke Band noch mehr als zehn Minuten mit mehreren Soli so richtig austoben bis das Konzert dann endgültig vorbei war.

Ein starker Abend mit einem sehr wachen und agilen und für seine Verhältnisse fast schon extrovertierten Van Morrison. Fantastisch!

Die Blues-Meister

2. Juni 2018

Die Schultzes aus Weinheim sind wie ganz selbstverständlich Blues-Virtuosen

Wenn man Mojo Schultz und Petra Arnold-Schultz bei einem der vielen Konzerte, die die beiden in den verschiedensten Band-Konstellationen geben, erlebt, fällt sofort eines auf: Die unheimliche Leichtigkeit mit der sie den Blues spielen. Da ist keine große Anstrengung und da ist auch keine falsche Ehrfurcht, sondern stattdessen viel Humor. Die beiden spielen den Blues, weil er ganz selbstverständlich zum Leben gehört. Mojo ist ein Virtuose auf der Bluesgitarre, ob akustisch oder elektrisch oder slide. Mojo gelingt das alles mit viel Spaß und einer frohen Energie. Rhythmisch unterfüttert und mit stoischem Humor ergänzt wird Mojo dabei von Petra am Stand Up-Bass. Wobei „Lady Bass“ auch singt, so dass die beiden auch gesanglich zu überzeugen wissen.

Unter dem ebenso schlichten wie selbstbewussten Titel „Schultzes“ haben sie im vergangenen Jahr als Duo ein Album veröffentlicht, das die Live-Beobachtungen ebenso eindrucksvoll auf CD bestätigt, und zudem einen weiteren wichtigen Aspekt ihrer Kunst unterstreicht: Sie können nicht nur den Blues spielerisch leicht zum Gehör bringen, sie kennen auch seine Geschichte und sein Liedgut in- und auswendig, und wissen letzteres zusammen mit angrenzenden Gebieten wie Country, Bluegrass oder Rock in ihrem Repertoire fein auszutarieren. Und so wird dieses Album ebenso wie ihre Konzerte abwechslungsreich und vielfältig und nie langweilig. Und so wird diese CD auch zu einer Entdeckungsreise.

Nach dem gelungen Auftakt mit „Midnight Rider“ von Greg Allman, dem Gitarrenschulen-Klassiker „Get Back“ von den Beatles und „Riverboat Song“, dem bei J.J. Cale-Fan Schultz obligatorischen Titel aus dem Werk des Tulsa Sound-Begründers, nehmen sich die beiden Zeit für ein ausführliches Leadbelly-Medley. Es fällt mit sieben Titeln üppig aus und beinhaltet mit „Midnight Special“ oder „John Hardy“ bekannte Songs, aber gleichzeitig mit „Yellow Gal“ oder „Western Cowboy“ Stücke, von denen sicher fast nur eingefleischte Kenner des legendären „American Songster“ wissen. Die große Überraschung des Medleys ist aber „House Of The Rising Sun“. Der Song, den sowohl Bob Dylan als auch Eric Burdon in den 1960er Jahren bekannt machten, spielen die beiden so frisch und so anders als wäre er nie – ähnlich wie Blowin In The Wind“ -an unzähligen Lagerfeuern totgeschrammelt und gegrölt worden. Es entsteht ein völlig neuer Song!

Es folgen dann noch Klassiker wie der „Mercury Blues“, mit „Temptation“ ein Tom Waits-Song und zum Abschluss mit „Claire“ ein Stück aus der Feder von Mitmusikant Bernd Dalmann. Er und Mundharmonika-Spieler Albert Koch haben die Schultzes bei wenigen Stücken unterstützt, so dass es wirklich ein Album „Schultzes Pur“ geworden ist. Und genau deshalb ist es so ein schönes Album, das man immer wieder gerne hören mag und einen durch den Tag tragen kann. Chapeau und Gruß nach Weinheim!

Zu beziehen ist das Album „Schultzes“ bei Auftritten der beiden und über die Website http://www.schultzes-weinheim.de .

Und Hörproben gibt es hier:
https://www.schultzes-weinheim.de/musik/

Voices of Mississippi

1. Juni 2018

Von dieser CD/DVD-Box konnte ich bislang nur Kostproben hören. Aber die haben es in sich. Beste schwarze Blues- und Gospelmusik, dazu Wortbeiträge wie die von Ray Lum – seines Zeichens weißer Maultierhändler und Geschichtenerzähler – zeichnen ein lebendiges Bild der Populärkultur der US-Südstaaten. Alle Aufnahmen sind Field Recordings des US-Folkloristen William R. Ferris. Dazu eine DVD mit Filmen über die Kunst und Musik aus Mississippi.

Der heute 76-jährige Ferris war der Mitbegründer des „Center For Southern Folklore“ in Memphis, Tennessee und Gründungsdirektor des „Center For The Study Of Southern Culture“ an der University Of Mississippi. Er hat sich um die Erforschung der Alltags- und Populärkultur der Südstaaten verdient gemacht. Und dabei hat er die im Süden immer noch landläufige Spaltung in Schwarz und Weiß geflissentlich ignoriert. Ihm war stets das verbindende wichtig. Dass in Mississippi so unterschiedliche und für die Musikgeschichte so wichtige Künstler wie Jimmie Rodgers, Elvis Presley oder B.B. King geboren wurden. Dass man in der Old Time Musik von Plattenaufnahmen nicht unterscheiden konnte, ob Weiße oder Schwarze hier Singen und Musizieren. Dass sich die Musiken der Weißen und der Schwarzen mischten. Ferris selber ist als Sohn einer weißen Pflanzerfamilie geboren worden, die auf einer Farm zusammen mit anderen schwarzen Familien das Land bewirtschaftete. Da gab es keine Segregation. Beste Voraussetzungen also, um ohne Rassismus aufzuwachsen.

Für viele Europäer sind der US-Süden und der Staat Mississippi eine große Unbekannte. Die Touristen zieht es nach New York, nach Kalifornien, Florida, in die Nationalparks oder auf die Route 66. Mississippi liegt da ab vom Schuss, ist jedoch so etwas wie der Geburtsort der amerikanischen Musik. Im Mississippi Delta wurde der Blues geboren. Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, brachte weiße Hillbillymusik und schwarzen Blues zusammen und wurde dadurch zum „Vater der Countrymusik“.

Aber dennoch: Auch uns blieb auf unseren Reisen in den Süden vieles dort fremd. Wir erinnern uns an die windschiefen Holzhäuser der Schwarzen in Clarksdale, Mississippi. Dort wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen. Wir erinnern uns an fremde Tänze in Morgan Freemans Blues Club und das Geheimnisvolle eines noch ursprünglicheren Juke Joints im Ort.

Diese Box erscheint in einer Zeit, in der die herrschende politische Klasse in den USA die Gräben der Spaltung wieder tiefer zieht. Der Kampf um den Referenzrahmen tobt. Gerade ist Roseanne Barr richtigerweise wegen eines rassistischen Tweets gefeuert worden. Man wünschte diese Box würde gerade den Weißen aufzeigen, dass Weiße und Schwarze mehr eint als trennt.
Vielleicht eine der wichtigsten musikalischen Neuerscheinungen dieses Jahres.

Ein kleine Kostprobe von der DVD: Vier Künstlerinnen aus Mississippi

Sinners & Saints

29. April 2018

Zwei Mann-Country-Folk-Kapelle sorgt in Darmstadt für einen rauschenden Abend

Sinners & Saints begeisterten bei ihrem Darmstädter Konzert, Foto: Daniel Coston

Perry Fowler und Mark Baran sind „Sinners & Saints“ aus Charlotte, North Carolina. Mit einem fulminanten Konzert begeisterten sie im vollen Keller der Bessunger Knabenschule. Mit Gitarre, Mundharmonika, Steh-Bass und mit den Füßen betriebenen Trommeln und Schellen spielen sie einen stürmischen und mitreißenden Country-Folk. Die Melancholie so mancher Neo-Folker teilen die beiden Jungs aus den Südstaaten nicht. Ob gute Laune oder Herzschmerz bei den beiden geht es meistens Druffkapell. Die Songs, die sie spielen stammen zu einem großen Teil von ihrer aktuellen Album „On The Other Side“ und heißen „The Way“, „Carry On“ oder „Whisky Drinking“. Ein besonders schöner, „Carolina Man“, handelt davon, sein zu Hause zu vermissen.

Diese Songs, meist von Fowler geschrieben, handeln vom prallen Leben. Von der Liebe, von Menschen, die niemals zufrieden sind, von Heimweh, Freundschaft, Verlust und Whisky. Und das in einer sehr augenzwinkernden, allem menschlichen zugewandten Weise. Kein Wunder, dass sie schon nach kurzer Zeit das Publikum voll hinter sich haben. Schließlich sind sie auch alles andere als introvertiert. Es wird der direkte Kontakt zum Publikum gesucht und immer wieder der Menge zugeprostet.

Denn was sie schaffen ist große Kunst. Die mitunter doch recht ernsten Themen ihrer Songs kleiden sie in wunderbare Worte und schneidern ihnen ein mitreißendes musikalisches Gewand. Denn sie sind Musikanten, sie wollen unterhalten und dem Publikum einen schönen Abend bescheren. In Darmstadt haben sie das gut zwei Stunden lang geschafft, das Publikum ließ sie erst nach drei Zugaben gehen. Ein Wiedersehen muss möglich sein.