Archive for the ‘Americana’ Category

Bob Dylan visits Jimmie Rodgers & The Carter Family

10. Mai 2020

„Rough And Rowdy Ways“ ist auch eine Hommage an die frühen Ikonen der Countrymusik

Bob Dylan – Rough And Rowdy Ways. Bildrechte: Columbia, Sony Music

Bob Dylan neues Album heißt „Rough And Rowdy Ways“. Im Inneren der Doppel-CD befindet sich ein Bild von Jimmie Rogers mit der Carter Family. Sie waren die ersten Stars der Countrymusik. Was hat dies miteinander zu tun hat und was bedeutet das? Nun, „My Rough & Rowdy Ways“ ist der Titel eines alten Jimmie Rodgers-Song. Dies und das Bild deuten möglicherweise auf eine besondere Inspiration Dylans für dieses Album hin, die von den Musiklegenden ausgegangen sein könnte. Dylans Karriere weist ohnehin viele Bezüge zur Musik dieser Künstler aus. Gehen wir dem doch mal ein bisschen genauer auf den Grund.

Der „Big Bang“ der Country Music
Es war der „Big Bang of County Music“ wie sich Johnny Cash auszudrücken pflegte. Als 1927 während der Auditions in Bristol, Tennessee/Virginia, die Sterne von Jimmie Rodgers und der Carter Family aufgingen. Mit ihnen fing die Countrymusik an. Der eine, Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, mischte Hillbillymusik mit schwarzem Blues und Jazz, sowie urbanem Schlager zu einer ganz wilden einzigartigen Mischung, die anderen, „The Carter Family“ aus dem Poor Valley in Virginia, sangen wie sonst niemand die alten Folk-Balladen der Appalachen und machten sie zu Hits. Während Rodgers viele ikonische Bilder des alten, gefährlichen Amerika in die Countrymusik einbrachte – „T For Texas“, „Waiting For A Train“, „In The Jailhouse Now“, konservierten die Carters die Atmosphäre des ländlichen Südens – Tradition, Armut, Arbeit, Glauben, Liebe, Hoffnung – auf Tonträgern. Beide Acts konnten durch die massenhafte Reproduktion von Tonträgern und Abspielgeräten sowie der Verbreitung der Songs im immer stärker aufkommenden Radio Ende der 1920er/Anfang der 1930er zu den ersten Popstars der Countrymusik werden.

50 Jahre später waren sie aber immer noch ursprünglich genug, Vorbilder für die jungen Folkies der frühen 1960er Jahre werden, die für die kommerzielle Nashville-Countrymusik dieser Jahre wenig übrig hatten. Auch der junge Bob Dylan hatte die frühen Countryhelden für sich entdeckt und Songs wie „Bury Me Beneath The Willow“ der Carter Family gespielt, das er über Woody Guthries Version kennengelernt haben sollte. Er nutzte die Melodie ihres „The Wayworn Traveler“ für seinen Song „Paths of Victory“ und hatte im Laufe seiner Karriere immer Songs der Carter Family wie „Little Moses“ oder „Girl From The Greenbriar-Show“ im Programm. Auch bei den Basement Tapes-Sessions waren die Songs der Carter Family, wie „Wildwood Flower“, stets präsent.

Vorbilder für die jungen Folkies
Jimmie Rodgers war für Dylan aufgrund seiner Hobo-Songs besonders interessant. Seine Songs kamen denen der „Anthology of American Folk Music“, die Harry Smith zusammengestellt hatte, recht nahe. Diese Zusammenstellung, die zwar keinen Rodgers-Song, dafür aber vier Nummern der Carter Family enthält, war auch für Dylan das reine Eldorado.

Sicher hat auch die Freundschaft zu Johnny Cash, der ja Mitte der 1960er quasi in die Carter Family eingeheiratet hatte, als er den Ehebund mit June Carter schloss, ihren Anteil an der Inspiration durch die Säulenheiligen der Countrymusik. Bei den erst im letzten Jahr offiziell veröffentlichten Dylan/Cash-Sessions von 1969 haben die beiden u.a. auch ein Jimmie Rodgers Medley eingespielt. Und bei den Sessions mit Earl Scruggs 1970 wurde mit dem „East Virginia Blues“ auch ein Song von A.P.Carter gespielt.

Bildrechte: Sony Music

Als Dylan sich Anfang der 1990er in einer Schaffenskrise befand, da half ihm explizit die Rückbesinnung auf die alten Folksongs. „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ sind die Dokumente. Mit zu dieser Rückbesinnung gehörten auch 1992 die Aufnahme-Sessions mit David Bromberg, bei denen der alte Jimmie Rodgers-Titel „Miss The Mississippi And You“ eingespielt wurde, das erst 2008 auf „Tell Tale Signs. The Bootleg Series Vol. 8“ veröffentlicht wurde.

Bob Dylan zollt Tribut
1997 erscheint auf Bob Dylans eigenem Label Egyptian Records das Tribute-Album „The Songs Of Jimmie Rodgers. A Tribute“ für das Dylan viele prominente Kolleginnen und Kollegen dazu gewinnen konnte, Songs des „Singin‘ Brakeman“ neu zu interpretieren. Darunter Van Morrison, Willie Nelson, Steve Earle, Mary Chapin Carpenter, Alison Krauss und Iris Dement. Dylan selber steuert „My Blue Eyed Jane“ bei. In den Liner Notes schreibt er: „Jimmie Rodgers ist natürlich eines der Leitsterne des 20. Jahrhunderts, dessen Umgang mit Liedern immer eine Inspiration für diejenigen von uns war, die dem Weg gefolgt sind. Ein lodernder Stern, dessen Klang die rohe Essenz der Individualität in einem Meer der Konformität war und bleibt, par excellence ohne Vergleich.“

2003 dann ein besonderes Kabinettstückchen. Er nimmt mit Mavis Staples für das Album „Gotta Serve Somebody – The Gospel Songs of Bob Dylan“ ein Duett von „Gonna Change My Way Of Thinking“ auf, das in eine kleine Rahmenhandlung eingebettet ist, die der berühmten Aufnahme „Jimmie Rodgers visits The Carter Familie“ nachempfunden ist.

Und 2012 schließlich bedient er sich für seinen Song „Tempest“ beim Motiv und bei der Melodie der Carter Family-Ballade „The Titanic“. Wieder einmal „Love And Theft“. Doch während der Song der Carter Family voller Empathie gerade für die ärmeren Schiffsreisenden der unteren Stände war, rechnet Dylan gnadenlos mit den vermögenden und hochgestellten Teilnehmern der Dampferfahrt ab, deren Geld, Macht und Waffen sie nicht vor dem Untergang des Schiffes retten kann.

Nun also rund um das neue Album zwei neue Fundstellen des besonderen Verhältnisses zu den musikalischen Urahnen. Wir dürfen gespannt sein, ob da noch mehr kommt.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (29)

21. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

The old, weird America

Howdee Everone,

reden wir über das alte und das neue, gefährliche Amerika!

Mit dem Terminus „the old, weird America versuchte Popkritik-Papst Greil Marcus die Verbindung zu ziehen zwischen den Songs von Bob Dylan & The Band, die später die Basement Tapes genannt wurden, und der Anthologie Of American Folk Music von Harry Smith von 1952.

Die Anthology, das sind uralte Folksongs von obskuren alten Sängern über eine obskure alte Welt. Ein Amerika der düsteren Folk-Songs, der Shanties, der Hillbillies, der Minstrel-Shows, der Gunfighter, der Bürgerkriegssoldaten, der fliehenden Sklaven, das Amerika von Rassismus und Gewalt, Liebe, Mord und Totschlag. Die Aufnahmen stammen von 1926 bis 1933. Die Songs selber sind viel älter und in mehrfacher Hinsicht zeitlos.

Ja, die Anthology wurde zum Kult bei der jungen Folk-Bewegung Anfang der 1960er. Doch während diese Folk-Bewegung oftmals nur an der Oberfläche kratzte, weil ihre Protagonisten entweder einen zu cleanen weißen Mittelstandshintergrund hatten bzw. man das Folk-Idiom hauptsächlich – zu einer natürlich gerechtfertigten – politischen Protestmusik nutzte, gingen Dylan & The Band im 1967 im Keller von Big Pink viel weiter.

Während draußen die weiße Mittelstandsjugend den „Summer of Love“ verlebte, der nur kurze Zeit wirklich einen Gegenentwurf zum durchkapitalisierten Amerika darstellte, ehe sich in die emanzipatorische Bewegung mit Scott McKenzie und Woodstock eine kräftige Prise Kommerz mischte, gingen Dylan und die Jungs dahin, wo’s weh tut.

Die dunkle Seele Amerikas
Eben nicht zu den wohlfeilen Wahrheiten, sondern in die dunklen und grauen Bereiche der amerikanischen Seele. Dylan war vom Motorrad gefallen und nutzte das, um dem von seinem Manager Albert Grossman veranstalteten Rattenrennen zu entfliehen. Er war nun erneut ein anderer als vorher. Er war nun ein Familienvater. Aber die Bilder von der Familienidylle mit der hübschen Sara und den süßen Kindern waren nur die eine Seite des Dylan’schen Wirken dieser Zeit.

Die andere Seite gehörte der Suche nach dem „alten, gefährlichen Amerika“ mit The Band im Keller von Big Pink. Seine enormen Kenntnisse des Folk fanden zusammen mit der „Street Credibility“ der Band, die zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre auf den Bühnen, in den Kaschemmen, den Clubs und Spelunken gespielt hatten. Sie kannten die dunkle Seite des amerikanischen Traums aus eigener Erfahrung wo es Dylan nur mit Instinkt, Verständnis und Empathie versuchen konnte. Aber dass er dies konnte, zeigt auch hier nochmal seine Ausnahmestellung.

Sie spielten alte Country, Folk, Blues- und Gospelstandards und ganz viel wirklich obskures und fragewürdiges Zug. Und Dylan schrie Songs und am Ende wusste keiner mehr, sind dies alte oder neue Songs. Dylans Songs dieser Zeit stammten nicht nur aus dem Keller. Nein, er holte sie noch viel tiefer hervor. Die Grundlage für Americana war gelegt, die losen Enden Jahre wurden Jahre zu Wurzeln aus denen auch das dunkle Alternative Country spross.

Dylan hat diese dunklen, grauen Stimmungen dieser amerikanischen Musik seitdem immer wieder in seiner Musik zum Ausdruck gebracht. Wir denken an den „Man In The Long Black Coat“ auf „Oh Mercy“ von 1989 oder die Alben und Songs seines Spätwerks. Ob Long And Wasted Years oder Scarlett Town – sie sind könnten, nein sie sind uralte Songs, weil durch den Sänger Bob Dylan die uralten Folk-, Blues- und Minstrelsänger singen.

Dallas: Aus diesem Haus heraus wurden die tödlichen Schüsse auf John F. Kennedy abgegeben.

Dylan sagt uns, was Amerika im 21. Jahrhundert verloren hat
Mit seinen beiden neu veröffentlichten Songs „Murder Most Foul“ und „I Contain Multitudes“ setzt Dylan nun im Jahr 2020 die Schnittstelle an, die zwischen dem alten, gefährlichen Amerika und dem neuen gefährlichen Amerika liegt. Er vertraut seiner Collage- und Zitate-Technik und schildert Kultur und Politik des amerikanischen 20. Jahrhunderts, die auch ein Gesamtkunstwerk wie Dylan selbst schufen. Gerade weil dieses Amerika der Welt so zugewandt war – was auch negative Folgen für die Welt mit sich brachte, weil sich die Außenpolitik überwiegend weniger demokratischen Werten, denn geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen verpflichtet fühlte – schienen die dunklen Dämonen der Nation im Inneren – Rassismus, Profitgier, Gewalt – gezähmt werden zu können. Von Roosevelts New Deal über die Bürgerrechtsbewegung und die Great Society schien sich in Amerika etwas zum positiven verändern zu können.“

Doch erst der Mord an John F. Kennedy – „Murder Most Foul“! – und die Morde an Bobby Kennedy und Martin Luther King nahmen der positiven progressiven Entwicklung die Spitze. Es folgte Stagnation bis der militärisch-industrielle Komplex und die Wirtschaftsschule der „Chicago Boys“ den Roll Back und schließlich den Siegeszug des Neoliberalismus einleiteten.

Fortan war dieser angebliche uramerikanische Egoismus – es gibt ja auch die andere Seite des nachbarschaftlichen Kümmerns und der Solidarität – wieder voll da. Die Evangelikalen Schaumschläger und Menschenfeinde individualisierten wieder die sozialen Unterschiede. „Wer wirtschaftlichen Erfolg hat, der liebt Gott besonders und der auch ihn. Wer arm ist, der ist selber schuld. Und wer arm und schwarz ist, der liegt uns guten, weißen und erfolgreichen Christen nur auf der Tasche. Und wir wollen keine Almosen für schwarze Faulenzer bezahlen. Wir brauchen keine staatliche Sozialsysteme und keine Gesundheitsversicherung für alle, weil wir freie, fleißige amerikanische Christenmenschen sind, die von ihrer Arbeit leben wollen und können!“ Das war das rassistisch-kapitalistische Evangelium des Ronald Reagan.

Und so wuchsen die Armut und die Gewalt. Und weil private Firmen in den USA an Gefängnissen verdienen können und struktureller Rassismus die Gesellschaft und die Justiz beherrscht, ist der Anteil der Schwarzen an den Gefängnisinsassen so überproportional groß.

Das neue, gefährliche Amerika
Trotz Clinton und Obama-Care: An der Herrschaft des Neoliberalismus rüttelten die Demokraten nicht. Und als die Bankenkrise im Sinne der Wall Street und nicht der Menschen gelöst wurde, da vermischten sich die soziale Verzweiflung der ärmeren und abstiegsbedrohten Weißen mit der Anti-Haltung gegen das Establishment der Küstenstreifen, gegen die Bundesregierung und gegen den schwarzen Präsidenten. Mit der „Tea Party“ war die Keimzelle für den späteren Erfolg von Trump und seinem weltabgewandten „America First“ auf die politische Bühne getreten.

2020 ist Amerika bedroht. Von der Corona-Krise, ab er vor allem auch von seinem Präsidenten, der sich auf gewaltbereite Anhänger stützt, deren Grenzen zu den White Supremacy-Leuten fließend sind.

Das ist das neue, gefährliche Amerika. Bob Dylan singt darüber, was Amerika verloren hat im 21. Jahrhundert. Das was kommen wird müssen wir zwischen den Zeilen lesen.

Die dunklen Folksongs genauso wie die politischen Protestsongs über einen wahnwitzigen Präsidenten aber und die bevorstehende Gewaltausbrüche müssen andere singen. Singt sie laut!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (26)

18. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

armes Amerika!

Jetzt hat er sein Vehikel gefunden, um ganz unverblümt dem Bürgerkrieg das Wort zu reden. „Befreit Minnesota!“,“Befreit Michigan!“, „Befreit Virginia!“ Selbst der ungebildete Trump weiß, welche Geister er hier herauf beschwört und an welches amerikanische Trauma er hier anknüpft. Die Trump-Jünger und Alt-Right-Aktivisten warten inmitten ihrer Waffenarsenale schon lange auf den günstigen Augenblick zum Losschlagen und führen eine neue Sezession im Schilde.

Bob Dylan kennt seinen Bürgerkrieg ganz genau. Seiner „Biographie“, den „Chronicles“ zufolge hat er Monate lang in der Bibliothek auf Mikrofilmen die Zeitungen der Jahrgänge 1855 bis 1865 studiert. Er hat die Sklaverei einmal als immerwährende Wunde der amerikanischen Nation bezeichnet, hat aber auch in seinen Studien festgestellt, dass es in dieser Auseinandersetzung auch um verschiedene Wirtschaftssysteme, Wertvorstellungen und kulturelle Normen geht, die immer mehr auseinanderstreben. Dylan ist Zeit seines Lebens in seiner Musik auf diesen Krieg und seine Umstände zurückgekommen. Von „John Brown“ über den jungen Soldaten, der als Krüppel nach Hause kommt, über „Blind Willie McTell“ als Gemälde des tiefen Südens bis zu „Cross‘ The Green Mountain“, den Song, der aus den Briefen der Soldaten erzählt.

Dylan webt den traumatischen Konflikt hinein in seinen Patchwork-Quilt seines Amerikas. Er weiß, dass er ungelöst ist. Die Sklaverei und Rassismus findet ihre Fortsetzung in den Köpfen, Strukturen und Machtverhältnissen bis heute. Das Land ist heute zudem gespalten nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen den Küstenstreifen in West und Ost und dem vielen Land dazwischen. Und gerade diese Menschen haben die Demokraten seit Bill Clinton vergessen. Die arbeitenden Menschen, die dem Strukturwandel des Rust Belt, der Perspektivlosigkeit in den Appalachen oder den ökologischen Katastrophen am Golf von Mexiko zum Opfer gefallen sind, wurden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Dylan, der gerne dem linksliberalen Lager zugeordnet wird, obwohl er sich doch stets nie zu einer Gruppe gehören wollte, hat von „Masters Of War“ bis „Murder Most Foul“ stets den militärisch-industriellen Komplex und seine Macht als Ursache vieler Fehlentwicklungen gesehen. Er hat mit „Only A Pawn In Their Game“ auf die herrschaftssichernde Funktion des Rassismus der armen Weißen aufmerksam gemacht, bei Live Aid den Überlebenskampf der US-Farmer gegen die Banken erwähnt und mit Workingman’s Blues #2 den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse in den Zeiten der Globalisierung beschrieben. Er hat für Bill Clinton bei dessen Inauguration gespielt. Bei der von Obamas war er nicht mehr zugegen. Die beiden Demokraten hätten seinen Liedern nur richtig zuhören müssen, da hätten sie ahnen können, was da kommt.

„Murder Most Foul“ ist nicht nur die Schilderung eines historischen Vorganges und „I Contain Multitudes“ ist mehr als ein weiteres Selbstporträt des Künstlers. Sie sind auch Zeugnisse für das heutige Amerika. Allein durch die Präsentation eines Präsidenten wie Kennedy und der Vielfalt der amerikanischen Populärkultur bei „Murder“ sowie der expliziten Darstellung, dass der amerikanische Künstler ein Ergebnis der Vielfalt und der Widersprüche des Landes sind, ist eine klatschende Ohrfeige für alle Anhänger des Othering, für alle angelsächsischen White Supremacy-Fans und Alt-Right-Schergen.
Den Namen des Präsidenten, der gerade dem Bürgerkrieg das Wort redet, muss Dylan gar nicht nennen, dass er diese Songs jetzt zu diesem Zeitpunkt, in dem einer bedrohlichen Krankheit vom US-Präsidenten mit Hohlheit, Eitelkeit, Spaltung und Aufwiegelei begegnet wird und damit die Katastrophe immer größer macht, sagt genug.

Bob Dylan – Only A Pawn In Thei Game

Bob Dylan – John Brown

Bob Dylan – Workingman’s Blues #2

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (25)

17. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

today: Anne Frank meets Indiana Jones!

Dylans neuer Song ist ein Selbstporträt des Dichters als Summe vieler Stimmen und Persönlichkeiten – vielfältig und wiedersprüchlich.

Wow! Wieder fährt man morgens den Computer hoch, scannt mit einem Auge als erstes im Netz die Dylan-Seite expectingrain.com und was passiert? Schon wieder hat der alte Kerl über Nacht einen neuen Song veröffentlicht! „I Contain Multitudes“ heißt das neue Werk.

Das Ding ist mit diesmal knapp viereinhalb Minuten deutlich kürzer als „Murder Most Foul“, aber kein bisschen weniger textlich anspruchsvoll. Dylans Song ist eine Art Selbstporträt. Der Dichter als lebender Widerspruch. Das ist er ganz persönlich, aber auch als Projektionsfläche der Hoffnung mehr als einer US-Generation. Denn wie viele Stimmen, wie viele Persönlichkeiten, wie viele künstlerische Ansätze hat er verfolgt, nur um sie gleich wieder einzureißen und neue zu beginnen. Und das nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig.

Dabei hat sich Dylan des Titels diesmal beim großen amerikanischen Dichterfürsten Walt Whitman bedient. Bei dessen Poem „Songs of Myself, 51“:

Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)

Vielfalt
Dieser Whitman empfand sich von sich, er bestünde aus vielen Teilen, er sei vielfältig. Und damit meinte Whitman auch wie später auch Woody Guthrie oder die Beatniks – die allesamt Dylan prägten – sagen, dass sein Amerika ein vielfältiges Amerika sei. This Land Is Your Land This Land Is My Land“, sang Woody. Vielfältig landschaftlich wie ethnisch, religiös wie politisch. Vielfältig, aber auch so widersprüchlich. Der Süden hat Sklaverei und Rassismus ebenso hervorgebracht wie Blues, Country und Jazz. Zu den USA gehören demokratischer Pluralismus und Gewaltenteilung ebenso wie menschenfeindlicher Radikal-Kapitalismus. Zusammenhalt in den Communities ebenso wie Einzelkämpfertum und Egoismus.

Gegensatzpaare
Nicht diese, aber andere Gegensatzpaare, spielen eine große Rolle in dem Song. Anne Frank und Indiana Jones in einen Vers zu bringen, ist genial. Im Netz suchen sie nach verbindendem zwischen den beiden. Aber ist denn der Gegensatz nicht der, der zählt? Dass man konträre Eigenschaften hat und trotzdem Teil eines Ganzen ist? Anne Frank, das jüdische Mädchen, das sich vor den Nazis in Amsterdam verstecken musste, und ihnen zum Opfer fiel und Indiana Jones, der Abenteurer, der sich immer wieder Kämpfe mit den Nazis lieferte, aber stets die Oberhand behielt. Dylan bietet uns noch weitere Gegensatzpaare an, nennt uns aber auch weitere Vorbilder, die quasi prägend sind: William Blake oder Edgar Allan Poe.

Kollektivwesen
In seiner Radio Show webte Dylan über mehrere Jahre an einem idealtypischen musikalischen Gewand für Amerika. Die USA sind so vielfältig, das Gewand konnte nur ein Patchwork-Quilt werden. Dylan greift hier bei „I Contain Multidudes“ das Motiv der vielen Persönlichkeiten, der vielen Stimme nochmals auf und reklamiert dieses Prinzip für seine Person. Er als amerikanischer Poet kann gar nicht anders als vielstimmig sein. Aus seinem Kopf, aus seinem Mund spricht quasi das amerikanische Kollektivwesen. Heinrich Detering hat einmal diesen Vergleich zu Goethe gezogen, der sein Werk als Werk eines Kollektivwesens verstand, das nur zufällig Goethe hieß.

Amerikanisches Gesamtkunstwerk
Bob Dylan ist längst ein amerikanisches idealtypisches Gesamtkunstwerk. Er vereinigt in sich Folk, Blues, Country, Gospel, Soul. Woody Guthrie und Sinatra. Johnny Cash und Sam Cooke.

Schlaumeier könnten jetzt sagen, das klingt jetzt aber doch ganz schön nach Finale und Vermächtnis. Der erste Song über das amerikanische Trauma im amerikanischen Jahrhundert, der zweite ein Selbstporträt orientiert an einem amerikanischen Dichterfürsten. Doch Dylan – der uns schon seit vielen Jahren auf der Bühne vorspielt, er sei ein alter gebrechlicher Mann und sich auch bewusst eine verbrauchte Stimme gab und der im Kurpark gut zu Fuß unterwegs war und heutzutage so gut singt, wie seit 35 Jahren nicht mehr und der mit dem Rücken zum Publikum mit der Band scherzt, aber den Zuschauern gegenüber keine Miene verzieht – der kann uns jetzt auch ganz einfach nochmal seine Stilmittel und sein Selbstverständnis erklären, um dann wieder ganz anders weiter zu machen.

Bob Dylan nutzt die Zeit, die durch Corona still steht, um unseren Blick auf Amerika – sein Amerika ist ein anderes, als das von Trump – und auf sich selbst zu schärfen. Was weiter passiert, hängt auch davon ab, wie es auf der Welt weitergeht.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (21)

13. April 2020

The Church Tower of Sand Rabbit Town

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,

läutet die Glocken!

Was Ihr hier auf dem Bild seht, ist mein Fensterblick aus dem Home Office. Deutlich zu erkennen der Kirchturm. Von dort läuten die Glocken in unserer beschaulichen Gemeinde. Die Glocken sind ja schon lange ein Symbol für die christliche Religion. Und passen damit inhaltlich bestens zum heutigen letzten Osterfeiertag. Sie sind aber auch immer wieder für die Verkündung von Nachrichten benutzt worden.

Quasi beides vereint der traurige Song „The Bells Of Rhymney“, den Pete Seeger auf der Basis des traurigen Gedichts des Walisen Idries Davis geschriieben hat. Davis dichtete den Text nach einem großen Grubenunglück und einem erfolglosen Generalstreik. Die Glocken der verschiedenen walisischen Orte verkünden traurige Wahrheiten bezüglich den Gründen schlechter Arbeits- und Lebensbedingungen.

Eine echte gnadenlose Countryschnulze ist der Song „The Three Bells“ von „The Browns“. Das Leben eines gottesfürchtigen Menschen in einem abgelegenen Tal wird anhand der Anlässe zum Glockenläuten erzählt: Geburt, Heirat, Tod. Schwere Kost, aber eine schöne Melodie. Die ist jedoch von Edith Piaf ausgeborgt. Sie hatte mit „Les Trois Cloches“ 1945 schon Erfolg. In Deutschland machte Gerhard Wendland 1949 „Wenn die Glocken hell erklingen“ daraus. Die Version der Browns stammt von 1959, die Aufnahme hier von 1965. Wir konnten 2012 Jim Ed Brown mit dem Song in der Grand Ole Opry hören.

Ein Glockenspiel-Kontrastprogramm dazu lieferte Bob Dylan 1964 mit „Chimes Of Freedom“. Seine Glocken sind metaphorisch, sie sind die Donnerschläge eines Gewitters, die für ihn die Glocken der Freiheit sind, die für die Unterdrückten geläutet werden. Die Version, die wir unten hören, hat Dylan 1998 mit Joan Osborne für den Soundtrack einer Dokumentation über die Sixties eingesungen.

Und zu guter Letzt dann doch ein Song, der offenbar religiöse Bezüge hat, aber von einigen Dylan-Deutern auch als „update“ von „The Times They Are A-Changin'“ und Chimes Of Freedom“ gesehen wird. „Nichts ist wirklich besser geworden für die Schwachen und Unterdrückten, also läutet die Glocken umso kräftiger“, könnte die Botschaft von Dylans „Ring Them Bells“ sein. Eine Botschaft, der man sich nur anschließen kann. Hier unten ist der Song zu hören in der Version von 1994 bei „The Great Music Experience“.

In diesem Sinne, schließen wir das Osterfest hier und melden uns morgen wieder aus dem weltlichen Alltag im Home Office.

Best
Thomas

Pete Seeger: The Bells Of Rhymney

The Browns:The Three Bells

Bob Dylan & Joan Osborne: Chimes Of Freedom

Bob Dylan: Ring Them Bells

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (20)

12. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht es auf eine Zeitreise mit Bernies Autobahn Band!

Ich habe hier schon anderer Stelle davon erzählt, dass ich zur gleichen Zeit Mitte/Ende der 1970er als ich Bob Dylan für mich entdeckte, in der Darmstädter Fußgängerzone immer wieder mal Bernies Autobahn Band (BAB) spielen sah. Sie spielten schönen schmissigen Folkrock, der mich tatsächlich an die Desire erinnerte. Die beiden Songs, die von diesen Begegnungen mir im Ohr blieben, waren ihre Eigenkomposition „Uli mit seinem 40-Tonner“ und der Song „Is Anybody Going To San Antone“, den ich fälschlicherweise damals für einen Dylan-Titel hielt. Aber dass sie ihn spielten, hatte natürlich mit Dylan zu tun. Der hatte den Song nämlich wenige Jahre vorher mit Doug Sahm in Texas eingesungen.

Und Bernie und seine Freunde waren Dylan-affin und Bernie hat in seiner Karriere einige Dylan-Songs eingedeutscht. „Long Ago, Far Way“ heißt bei ihm „Weit weg, lange her“, „Just Like Tom Thumb’s Blues“ wurde zu „Wenn es Nacht wird in der Stadt“ und vor wenigen Jahren hat er nochmal „Simpel Twist Of Fate“ mit „Schicksal“ übersetzt. Er hat bahnbrechendes für Dylan auf Deutsch geleistet.

BAB wurde zu meiner Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener in den 1980er Jahren zu einer hessischen Kultband mit bundesweiter Ausstrahlung. Die Mitglieder lebten teilweise im Odenwald oder an der Bergstraße, hatten Bezug ins Rhein-Main-Gebiet, Bernie selbst lebt seit Mitte der 1980er in Franken. Ich sah sie nach ihrer Fußgängerzonen-Zeit u.a. noch beim Darmstädter Folkfest im Schlosshof und bei einem ihrer letzten Konzerte, einem Privatauftritt im Rahmen der Bundeskonferenz der SJD-Die Falken in Darmstadt.

Da es leider keine CDs mehr der Band auf dem Markt gibt, habe ich mir heute Nachmittag einfach alles angehört was es von ihnen und Bernie auf youtube gibt. Und es war großartig. Sicher, manches ist typisch Zeitgeist – gegen Atomkrieg und Atomwaffen, gegen die Umweltverschmutzung („Sind wir noch zu retten“). Und vieles kulturell auch vom damaligen typischen undogmatisch-linken Milieu geprägt. Aber vieles ist auch erschreckend aktuell angesichts globaler Krisen, Erderwärmung und Corona-Pandemie.

Aber das wichtigste ist die Menschlichkeit in der Stimme und in der Lyrik von Bernie Conrads. Da merkt man, der singt zutiefst menschlich und anhand von Alltagsbeobachtungen von den Möglichkeiten der Reichen und der Ohnmacht der kleinen Leute („Fabrikantenwalzer“, „Seit ich denken kann“, „Es ist schon wieder Montag“). Er ist voller Empathie. Und das gilt auch für die nachdenklichen Songs („HR3 wünscht Guten Morgen“) wie auch für die Liebeslieder („Die Art wie sie mich gängelt“).

Und auch wenn Bernie zwischenzeitlich für Maffay das Hitalbum „Maffay 96“ schrieb, so ist diese, seine eigene persönliche Note bei seinen Songs auch heute noch präsent. Sei es die Geschichte von der Verkäuferin an der Edeka-Wursttheke („Mauerblümchen“) oder eben seine Dylan-Adaption „Schicksal“. Es war ein ebenso wehmütiges wie freudiges Wiederhören.

Der große Radiomann Tom Schroeder hat Recht, wenn er sagt, „Bernie ist einer unserer Größten“. Am kommenden Samstag hätte Bernie mit seinem alten Bandmate Bernhard Schumacher zusammen beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 auftreten sollen. Der ist nun aufs nächste Jahr verschoben. Spätestens dann freuen wir uns, dass sich der Kreis schließt und wir Bernie im Pädagogkeller hören können. Nur unweit von der Fußgängerzone gelegen, in der damals für mich alles anfing.

Bernie und Bernhard – wir warten und freuen uns auf Euch in 2021!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (17)

9. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
hol‘ die Fiddle und das Banjo, wir machen Old Time Music!

Gut 20 Jahre ist es her, dass in den USA die Old Time Musik, der Bluegrass und der Folk eine erneute Renaissance erlebten. Diesmal war es der Film „O Brother Where Art Thou?“, der diese Musik wieder in Erinnerung rief. Man erinnerte sich plötzlich wieder an Bluegrass-Veteranen wie Ralph Stanley, der im Soundtrack mitmischte. Und es gab eine ganze Reihe von jüngeren Künstlern, die dadurch eine größere Aufmerksamkeit erfuhren wie Gillian Welch oder Alison Krauss. Von den letzten beiden werden wir etwas aus dem Film hören. Ebenso wie von George Clooney bzw. natürlich Dan Tyminski, der ihm bei „Man Of Constant Sorrow“ die Stimme lieh.

Der Film ist bis heute mein Lieblingsfilm und hat mir nach der musikalischen Prägung durch Dylan mit seinem Soundtrack eine zweite Prägung mit Old Time, Bluegrass und Americana gegeben. Über den Film werde ich im Herbst mehr schreiben, wenn sein Kinostart sich zum 20. Mal jährt. Dylan übrigens war hier wieder einmal einen Schritt voraus. Ende der 1990er hatte er u.a. mit Ralph Stanley zusammen eine Aufnahme des Stückes „Lonesome River“ eingespielt und seine damaligen Konzerte begannen cis Anfang der 2000er mit einem akustischen Set, in dem er alte Bluegrass- und Country-Standards spielte. Auch hierzu ist unten ein Beispiel zu hören.

Mit Dylan wiederum begann für Ketch Secor und Critter Fuqua sowohl ihre musikalische Sozialisation, als auch ihr großer Durchbruch mit ihrer Band Old Crow Medicine Show. Sie hatten großen Erfolg bei jungen Leuten, weil sie die Old Time Music mit Tempo und Energie von Punk-Rock verbanden. Und als sie dann Dylans Songfragment „Rock Me Mama“ zu „Wagon Wheel“ ausbauten, wurde das ein Riesenhit. Ketch Secor und Dylan teilten sich die Autorenschaft und der Song lieferte auch noch Hits für den Iren Nathan Carter und für Darius Rucker. Wir hören und sehen unten dann natürlich Wagon Wheel mit der Old Crow Medicine Show. Leider sind sie heute als Grand Ole Opry Member etwas zu zahm wie ich meine, aber sie sind immer noch in der Lage tolle Dinge rauszuhauen wie vor wenigen Jahren die Veröffentlichung von Dylans „Blonde On Blonde“ in ihrer musikalischen Bearbeitung. Das Konzert dazu, das wir in Amsterdam sahen, ist bis heute für mich eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe.

Soweit für heute, Ostern rückt unaufhaltsam näher und wird mich an dieser Stelle auf die eine oder Weise in den nächsten Tagen beschäftigen.

Also dann bis Morgen!
Best
Thomas

Gillian Welch & Alison Krauss

The Soggy Bottom Boys

Bob Dylan: Hallelujah I’m Ready To Go

Old Crow Medicine Show

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (14)

6. April 2020

Heute ist Hochzeitstag!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute ist Hochzeitstag!

Jedenfalls unserer. Ein guter Anlass, um sich hier mal mit Songs rund um Liebe, Heirat, Ehe und Partnerschaft zu beschäftigen. Natürlich mit Songs von unserem Bob.

Gerade mal zwei Jahre dauerte die Liaison von Bob mit Joan Baez, dann hatten sich die beiden auseinander entwickelt. Während Joan tagespolitisch aktiv blieb, hatte Dylan anderes vor. Seine Songs waren weniger politisch konkretes Programm als poetisch vorgetragene Klage gegen die verwaltete Welt in all ihrem Irrsinn. Und er lernte Sara Lowndes kennen, mit der er von 1965 bis 1977 verheiratet war. Für Sie hat er einige seiner schönsten Liebeslieder gesungen.

1. Love minus Zero/ No Limit
Der Song für die sich anbahnende Liebe. Dylan so lieb und zärtlich wie selten in dieser zornigen Zeit. „My Love she speaks like silence, without ideals of violence…my love she’s like some raven at my window with a broken wing.“
Um das lieb-zärtliche zu unterstreichen habe ich hier eine schöne Version vom Bangladesh Concert ausgewählt. Nur mit Gitarre und Mundharmonika…schmacht!

2. You Ain’t Goin Nowhere
Unser Hochzeitssong und das Zeugnis des Selbstverständnisses von Bob als Landlord und Familienvater: „Whoo-ee! Ride me high, tomorrow’s the day, my bride’s gonna come“. und erzählt ansonsten vom schönen Landleben. Hier in der Version von Shawn Colvin, Marx Chapin Carpenter und Rosanne Cash vom Bobfest 1992. Weil wir genau das bei unserer Hochzeit gespielt haben.

3. The Wedding Song
Ja, der Song ist schon speziell. Aufgenommen 1973 kurz vor der Comeback-Tour mit The Band und sicher war da schon zu spüren, dass die große Zeit dieser Liebe und Beziehung langsam vorüber war. So klingen seine starken Worte doch eher wie eine trotzige Beschwörung. Und im Unterbewusstsein ahnt man das Ende. „You gave me babies one, two, three, what is more, you saved my life, Eye for eye and tooth for tooth, your love cuts like a knife, My thoughts of you don’t ever rest, they’d kill me if I lie, I’d sacrifice the world for you and watch my senses die.“ Hier eine Version von eben dieser Comeback-Tour.

4. To Make Me Feel My Love
Ich gebe zu, dass für mich Anfangs der Song keine so große Offenbarung war. Hatte er hier sich nicht bei sich selbst bedient in Sachen Harmlosigkeit und trivialen Reimen? Hörte sich so bekannt an, so wie „I’ll Remember you“ von 1985, nun also „To Make Me Feel My Love“ 1997. Und dann sangen den Song auch noch wirklich alle. Billy Joel, Garth Brooks. Adele. Mannomann. Aber dann kamen die Konzerte von 2019 und ich wurde geläutert. Über die Version von Stuttgart schrieb ich damals:
„Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.“

Soweit die ewige Liebeserklärung. Wir genießen jetzt den Abend.
Bis morgen!

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (13)

5. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Auf dem Bienenlehrpfad

Howdee Everyone,

schützt die Bienen!

Heute war mal wieder Ausgehtag und wir haben das schöne Wetter genutzt um gleich im Nachbarort ein bisschen in die Weinberge zu gehen. Da haben wir dann was Neues entdeckt: Einen Bienenlehrpfad. Seit einigen Jahren wird ja verstärkt auf die Gefährdung der fürs Ökosystem so notwendigen Bienen hingewiesen. Gleichzeitig wird Imkern fast schon zum Volkssport, denn neuerdings gibt es bei Aldi Einsteigersets für Hobby-Imker.

Ja und da fiel mir wieder dieser wunderschöne romantisch-melancholische Song von SONiA disappear fear ein: „Princess and the honeybee“ und dass wir den gerne bei Ihren Facebook-Konzerten live hören möchten.

Und weil die Honigbiene (Honeybee), die Biene (Bee) und der Honig (Honey) so natürlich zum Landleben dazugehören kommen sie natürlich auch in vielen Folksongs vor. Und das nicht nur romantisch, sondern durchaus auch handfest. So beispielsweise im Folksong „The Honey War“. In Zeiten, als die Siedler in den neuen US-Territorien schwierige Phasen durchlebten und für jede natürliche Ressource dankbar waren, entspann sich an von Bienen bevölkerten Bäumen ein militärischer Konflikt zwischen Missouri und Iowa. Davon erzählt dieser Song, den wir unten hören.

Die Begrifflichkeiten rund um das süße Naturprodukt wurden aber immer auch schon auf die zwischenmenschlichen Beziehungen angewendet. „Honey“ ist nicht nur ein zärtliches, liebevolles Kosewort im englischen, in den US-Südstaaten ist es manchmal die normale Anrede. Gerade auch unter Frauen. Im Geschäft heißt es da schnell „What do you want, Honey“? Oder im Diner „Do you want more coffee, Sweetie?“.

In der Bluesmusik wurden die Begrifflichkeiten oftmals eindeutig zweideutig gewendet. Ganz groß darin war beispielsweise der legendäre Muddy Waters. In seinem Song „King Bee“ heißt es
„Well I’m a king bee
Buzzing around your hive
Well I’m a king bee, baby
Buzzing around your hive
Yeah I can make honey baby
Let me come inside“

Klar, oder?

Ein weiteres Beispiel ist „Honeybee“
„All right, little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
She been all around the world making honey
But now she is coming back home to me“

Die alte Geschichte vom Bienchen, die von… Na, ja man kennt es. Am Ende kommt sie natürlich heim.

Während sowohl im Folk, als auch im Blues die Welt der Bienen immer metaphorisch benutzt wird für „Harte Arbeit“ oder „Liebe“ ist die moderne Mainstream-Countrymusik da ein Stück weit direkter. Und so schließt dieser Eintrag nach SONiA disappear fear, dem alten Folksong „Honey War“ und Muddy Waters mit Blake Sheltons „Honeybee“, eine Ode an den Honigkauf beim Direkterzeuger oder sing: „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin an einem Honigstand…“

Soweit für heute, und da gilt natürlich: Kauft den Honig beim Imker, nicht im Supermarkt!

Best
Thomas

SONiA disappear fear: Princess And The Honybee

The Honey War (American Folksong)

Muddy Waters: I’m a King Bee

Muddy Waters: Honeybee

Blake Shelton: Honeybee

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (12)

4. April 2020

Nashville 2019

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

God bless America, sie können’s brauchen.

Denn in solch einer Krise mit dem orangefarbenen Horrorclown als Präsidenten geschlagen zu sein, ist wirklich so apokalyptisch wie die Zustände selbst zu sein scheinen. Corona-Krise, Wirtschaftskrise – was Amerika jetzt bräuchte wäre ein jemand mit Format eines Roosevelts, stattdessen irrlichtert ein ehemaliger Reality-Show-Star und schmieriger Immobilienmagnat durch diese Zeiten.

Just vor einem Jahr waren wir mitten in unseren Reisevorbereitungen für unseren Amerika-Trip, der uns von St. Louis über Tulsa, Memphis, Nashville und Bardstown nach Chicago führte. Wir sind froh, dass wir diese Reise noch machen konnten, denn wer weiß, wann dies wieder möglich ist. Wir hoffen ja, dass die Gastspiele unserer amerikanischen Freunde Sonia Rutstein und Tim Grimm im ersten Halbjahr 2021 möglich sind. Diesen und den anderen, die wir auf unserer musikalischen Reise im letzten Jahr gesehen und getroffen haben – den „Time Jumpers“, Trapper Schoepp, Dom Flemons oder dem sympathischen Tony aus der Kneipe in Bardstown – geht es soweit wir wissen gut.

Aber der Hot Spot ist ohnehin derzeit New York, auch hier führen uns die Gedanken derzeit hin. Jetzt rächt es sich, dass die USA das kapitalistischste Land der Erde sind. Während bei uns derzeit staatliches Gesundheitssystem und der Sozialstaatsgedanke ein kleines Comeback erleben – da müssen wir Druck machen, dass das nach der Krise auch so bleibt und die Chancen für entscheidende fortschrittliche Weichenstellungen genutzt werden – herrschen nun in den USA tatsächlich chaotische Zustände. Das wird noch viel bitterer werden.

Ich möchte daher heute auch nicht viel mehr schreiben, als dass ich hoffe, dass dieses ebenso faszinierende wie eben auch oftmals verstörende Land und seine Menschen etwas aus dieser Krise lernen.
Also meine Bitte an die Amerikaner:

1. Kommt so gut es geht durch die Krise.
2. Schafft Euch den Trump vom Hals.
3. Verändert Euer Land und wagt den Green New Deal!

Und hier die Musik: Die „Time Jumpers“, Trapper Schoepp, Dom Flemons und vom alten Bob „I’s Alright Ma, I’m Only Bleeding“. Denn: „Sometimes even the president oft he United States must to have stand naked!“