Archive for the ‘Americana’ Category

Bardstown: Bourbon, Stephen Foster und „My Old Kentucky Home“

18. Mai 2019

Chicago, St. Louis, Memphis, Nashville. Ortsnamen, die jeder schon einmal gehört hat. Sollte er Musikfreund sein oder nicht. Sollte er schon einmal in Amerika vor Ort gewesen sein oder nur mit dem Finger auf der Landkarte. Aber Bardstown? Was machen wir in Bardstown, Kentucky? What the hell is in Bardstown? Nun ja, eigentlich ging es nur um einen praktikablen Stopp zwischen Nashville und Chicago. Vor dem krönenden Abschluss unserer Reise mit Windy City, Al Capone und Bluesfestival.

Am Anfang war Louisville, Kentucky im Blick. Aber das erschien uns – sorry! – irgendwie nicht so richtig spannend, um dort wieder ein paar Tage in einer Großstadt zu verbringen. Da kam Bardstown ins Spiel. Da lasen wir: Hübsche Altstadt, ach was! Große Anlage mit alter Plantage: „My Old Kentucky Home State Park“. Hhmm. Okay, aber da war doch was…

Und ein paar Google-Schritte und Seitensuchen weiter kamen wir der Sache auf den Grund. Die Plantage in Bardstown und Harriet Beecher Stowes Anti-Sklaverei-Roman „Onkel Toms Hütte“ inspirierten Stephen Foster 1853 zu seinem Song „My Old Kentucky Home“. Unter dem Einfluß von Beecher Stowe entwickelte sich Foster ebenfalls zu einem Gegner Sklaverei.

Also doch wieder was mit Musik. Eingefleischte Dylan-Fans kennen das Video von Bob Dylans Auftritt bei der TV-Party zu Willie Nelsons 60. Geburtstag. Da singt er, unterstützt von seiner Band und Marty Stuart an der Mandoline, eine wunderschöne Version von „Hard Times (come again non more)“. Dies ist nur eines der vielen bekannten Lieder des quasi ersten US-Songwriters Stephen Foster. Andere sind das schon erwähnte „My Old Kenticky Home“, aber auch „Camptown Races“ oder „Oh, Susanna!“. Songs, die in den USA jeder kennt und zu Volksliedern geworden sind. Geschrieben hat sie Foster für die Minstrel Shows, bei denen oftmals Weiße als Schwarze geschminkt waren und auf deren Kosten rassistische Scherze machten. Fosters Songs bildeten hier eine Ausnahme. Er versuchte, so steht es in Wikipedia, „die weißen Interpreten seiner Lieder zu beeinflussen, sich nicht über die Sklaven lustig zu machen, sondern ihr Publikum dazu zu bringen, Mitgefühl mit ihnen zu empfinden.“

Überhaupt waren diese Minstrel-Shows eine zweischneidige Sache. Als Unterhaltungsmedium für die weiße Unter- und Mittelschicht angelegt, wurde sich hier systematisch über die Schwarzen erhoben. Gleichzeitig war es der Anfang des klassisch amerikanischen Entertainments mit Großer Band, Entertainer, Showtreppe und komischen Sketchen. Und es war nach dem Bürgerkrieg für einige Schwarze das Sprungbrett ins Musikbusiness.

Stephen Foster konnte im Gegensatz zu den großen Songwritern unserer Tage trotz des Publikumserfolges seiner Songs nicht von seiner Musik leben – zu schlecht wurden die Kompositionen damals bezahlt – und starb 1864 noch während des Bürgerkriegs. Heute wird ihm in Bardstown als Komponist von „My Old Kentucky Home“ gedacht.

Und sonst in Bardstown? Die Stadt wirbt für sich mit „Bourbon Capital of the world“ und in der Tat ist sie das Zentrum der Whiskey-Brennzunft in Kentucky. Mit Jim Beam, Heaven Hill, Barton 1792 und Maker’s Mark sind in dem nur rund 14.000 Einwohner zählenden Städtchen gleich vier der bedeutendsten Bourbon-Distillerien angesiedelt.

So werden die Tage in Bardstown geruhsame Tage werden zwischen Spaziergängen im My Old Kentucky Home State Park, Gedenken an Stephen Foster und der ein oder anderen kleinen Whiskeyprobe. Genau das richtige, bevor es in die pulsierende Metropole Chicago geht, wo dann unsere Reise endet.

Hier aber endet erst einmal meine Reisevorschau. Jetzt geht es in die Detailvorbereitungen und langsam steigt das Reisefieber…

Kleine Frau ganz groß!

11. Mai 2019

Sonia Rutsteins Album „By My Silence“

Beim großen Pete Seeger Tribute von „Americana im Pädagog“ zeigte sie, was sie ausmacht, und warum sie immer mehr Freund*innen gerade auch hierzulande gewinnt. Sonia Rutstein ist eine großartige Musikerin und dazu ein ganz bescheidener und unprätentiöser Mensch. Sie ist eine Teamplayerin und fügte sich ganz selbstverständlich in die große Musikerschar ein. Solche Leute braucht man, um solche Konzerte erfolgreich durchführen zu können.

Sonia sang an diesem Abend mit bei „Where Have All The Flowers Gone“, „Turn! Turn! Turn!“ und „We Shall Overcome“ und brachte Solo „Rainbow Race“, mit Unterstützung von Cuppatea „Wimoweh“, und vom gesamten Ensemble begleitet „Guantanamera“. Ganz selbstverständlich wollte sei dabei sein, wenn der Mann geehrt wird, mit dem sie beim Clearwater-Festival zusammen gesungen hat, und der auch ihr ein großes Vorbild ist. Man spürt das bei ihrem Engagement. Ganz selbstverständlich verbindet sie Musik mit politischem Engagement. Und dabei steht stets der Mensch im Mittelpunkt und keine Parteitaktik.

Ihr aktuelles Album „By My Silence“ ist ein Ausdruck dessen. Gleich der erste Song zeigt auf, wie irre diese Welt ist, wenn politische Systeme Menschen brechen wollen, die etwas angeblich unbotmäßiges getan haben. So ist die junge sunnitische Muslima Nudem Durak in der Türkei zu 19 1/2 Jahren Haft verurteil worden, weil sie kurdisch gesungen hat. „A Voice For Nudem Durak“ braucht dann auch nicht viel Text um diesen Wahnsinn anzuprangern und um Nudem zuzurufen: „Wir singen für Dich, Deine Stimme wird gehört. Wir sind eine Familie, wir sind eine Welt.“

Schon länger im Programm von Sonia Rutstein und nun endlich auf Platte ist „By My Silence“, ein Song, der von den berühmten Worten Martin Niemöllers inspiriert ist: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ In ihren Liner Notes sagt sie über das Lied, das von Nick Annis und Ellen Bukstel stammt, es sei ein Wecker: „Es ist Zeit aufzuwachen und Widerstand zu leisten!“

Neben den Protestsongs setzt sie sich auf diesem Album auch ganz intensiv mit ihrer jüdischen Herkunft auseinander. So hat sie für den Nachbarsjungen mit „Light In You“ einen Hanukka-Song geschrieben, singt mit „Eleh Chamda Libi“ und „Oseh Shalom“ zwei israelische Folksongs und mit „Hatikva“ sogar die israelische Nationalhymne.

Und dann gibt es noch den fröhlichen Song „Wandering Jew“. Der Song ist der Ausdruck der mittlerweile tiefen Verbundenheit mit Deutschland. Mit dem Deutschland bzw. der Menschen in Deutschland, die um die dunklen Seiten der Vergangenheit des Landes wissen und sowohl ihr als Jüdin als auch Geflüchteten in Not eine Heimstatt bieten wollen. Immer länger werden Ihre Tourneen in Deutschland. Kein Wunder, singt sie doch „Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew Wandering in Germany, Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew wondering in Germany“. Und hier ist dann auch die Würdigung von Pete Seeger platziert: „Seeger said this was a rainbow race, nobody here is out of place“. Für Sonia Rutstein gibt es nur eine Welt und alle Menschen sind eine Familie. Auch sie singt mit Verve gegen das „Othering“ an.

Bleiben noch zwei langsame Songs zu erwähnen. Das eine, „Hallelujah“, ist eine Verbeugung von Sonia, der Cousine des Songwriter-Papstes Bob Dylan, vor einem anderen großen Songwriter – Leonard Cohen. Und ganz zum Schluss dieses wunderschönen Albums stellt sie sich Fragen. Alte Fragen zwar, die aber immer wieder kehren. Warum bin ich lesbisch? Warum, warum, warum? Auch Jahre nach dem Coming-Out bewegt sie das. Und sie lässt uns an den Sorgen teilhaben und an ihren Zweifeln, geht aus der Deckung, ist ungeschützt. Um dann aber doch mit großer Bestimmtheit festzustellen „Es ist okay, dass ich der bin, der ich bin“. Und auch das macht diese kleine, zierliche Frau zu der großen Künstlerin, Sängerin und Songschreiberin und dem großartigen Menschen Sonia Rutstein!

10 Jahre Cowboy Band Blog: Der Typ mit dem Hut

1. Mai 2019

Persönliche Gedanken zu Film und CD-Box zur Rolling Thunder Revue

Immer wenn wieder die Rolling Thunder Revue vom Dylan-Camp und Afficionados (Martin Scorsese!) aufgegriffen wird, ist das was Besonderes für mich. Denn „mein Dylan“, also der, den ich für mich entdeckte, war der Typ mit dem Hut aus der „Desire/Rolling Thunder-Phase“. Es muss Ende 1976 gewesen sein, als ich im Schulunterricht Bob Dylan begegnete. Wir beschäftigten uns im Deutschunterricht mit Protestsongs und ich hörte zum ersten Mal Bob Dylan. Er sang „Hurricane“ so böse und rebellisch und doch so cool, und dazu war die Musik so mitreißend und treibend. „Desire“ wurde daher meine erste Dylan-Platte, denn vorher noch bekam ich die „Greatest Hits“-Musikkassette zu Weihnachten geschenkt und ich besorgte mir „Hard Rain“ ebenfalls auf Musikkassette. Am 5. Juli 1977 wurde dann der „Hard Rain“-Konzertfilm von der ARD zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Unglaublich und ich konnte ihn sogar zu Hause sehen!

Dylan-Filme
Ich weiß noch, dass ich in diesen Jahren mit einem Freund zusammen „The Last Waltz“ im „Pali“ in Darmstadt gesehen habe. Die magische Szene im Scorsese-Film über das Abschiedskonzert von „The Band“, als die Kamera langsam von ganz oben nach weiter unten schwenkt bis der großkrempige weiße Hut Dylans ins Bild kommt. Immer noch Gänsehaut. Und irgendwann 1978 oder ’79 habe ich dann Dylan stundelanges leider völlig unterschätztes und zu Unrecht verrissenes Film-Epos „Renaldo und Clara“ im Darmstädter City-Kino in der Schulstraße gesehen. Habe vorher das Kinoprogramm in der Telefondurchsage gecheckt und mit mir waren glaube ich drei andere in der Nachmittagsvorstellung, die waren älter und Dylan-erfahrener. Ich hatte nichts verstanden und fand es trotzdem faszinierend. Dylan mit Hut und großartiger Livemusik. Zu Bob Dylan ins Konzert fand ich 1978 aber nicht, dafür sah ich ihn dann 1981 das erste Mal in Mannheim im Eisstadion. Da war er aber ohne Hut.
Nun also wird erneut diese Rolling Thunder Revue gewürdigt. Von Scorsese mit einem Film, der von Netflix als „teils Konzertfilm, teils Dokumentation, teils Fiebertraum“ bezeichnet wird. Schade mit Netflix, aber hier hat Scorsese Geld und alle Freiheiten bekommen. In dem Alter und bei der Bedeutung der er hat, hat er keine Lust mehr auf die Bedingungen des herkömmlichen Filmbusiness. Und wir hoffen, dass wir jemand kennen, der Netflix hat bzw. dass das Ding dann bald auch auf DVD erscheint.

Dylans Musik und ihre gesellschaftlichen Hintergründe
Der Film und die Tour prägen bis heute mein Bild von Dylan und meine Rezeption von Konzerten und Musik. Vielleicht mag ich es deswegen so, wenn ich bei „Americana im Pädagog“ Veranstaltungen mit großem Line-up zu Dylan, Guthrie oder Seeger machen kann. Dann bin ich der Typ mit dem Hut. Der aber nicht Musik macht, sondern über sie und ihre gesellschaftlichen Hintergründe erzählt. Und das mache ich mittlerweile auch jährlich auf mehreren Seminaren und Vortragsveranstaltungen. Auch das gehört zu meiner Bob Dylan-Rezeption. Ob der Typ mit dem Hut es jetzt wollte oder nicht: Seine Musik hatte und hat gesellschaftliche Relevanz. Entweder in den Bezügen in den Texten oder in der Wirkung. Und das nicht nur bei offensichtlichen Protestsongs wie „Hattie Caroll“, „George Jackson“ oder „Hurricane“, die übrigens auch Dylans starken Link zu Black Community aufzeigen. „Gotta Serve Somebody“ atmet den Zeitgeist der konservativen Wendezeit in den USA Ende der 1970er. „Union Sundown“ (1983) reflektiert den neoliberalen globalen Kapitalismus ebenso wie „Working Man’s Blues #2“ (2006). Abgesehen von Dylans Ansage für die unter der Herrschaft der Banken leidenden amerikanischen Farmer bei Live Aid 1985, die Jet-Set-Moralist Geldof schlichtweg nicht verstanden hatte. Ich schlug mir damals im Juli 1985 die Nacht um die Ohren, um dann den merkwürdigen Auftritt von Dylan mit Ron Wood und Keith Richards erleben zu dürfen. Nach drei Stunden Schlaf ging es dann ins internationale Falken-Zeltlager nach Döbriach.

Von Bärten und Hüten
Mit Masken, Bärten, Sonnenbrillen und Hüten meint man ja, sich gut tarnen und verstecken zu können. Dylan, der ja im Grunde sich immer verstecken will, was aber im Widerspruch zu seinem Beruf als öffentlich auftretender und wirkender Künstler steht, hat daher die Sonnenbrille als Element der Coolness in die Rockmusik eingebracht. Vorher war da nur Buddy Holly mit Hornbrille. Zum ersten Mal mit Hut zeigte er sich dann auf seiner Country-Platte Nashville Skyline (ha! Cowboy Band!), dann wurde der Hut während der Rolling Thunder-Jahre zum Markenzeichen, verschwand 1978ff. Da waren dann (wie in Nürnberg 1978) wieder gepunktete Hemden und Sonnenbrille en vogue, ab und zu kam 1978 ein Zylinder (!?) in den Einsatz. In den Achtzigern war er nur auf der 1984er Tour in dem überhaupt für Dylan so schwierigen Jahrzehnt mit Hut zu sehen. Auf der Never-Ending-Tour sah ich ihn und entdeckte ich ihn neu für mich 1991 in Offenbach mit Hut. Das mit dem Bart übrigens hat bei Dylan nie so richtig, das Cover von „New Morning“ (1970) zeigt warum. So richtig klappt das bei ihm nicht. Fusselbart halt. Im Gegensatz zu mir, der ich bis Ende der 1980er einen struppigen Vollbart trug. Sicher auch ein Versteckspiel. Meinen ersten Hut kaufte ich mir indes erst Anfang der 1990er.

Jetzt trage ich ganz offensiv Hut, auch mal Cowboy-Hut. Und betreibe den Cowboy-Band-Blog seit gut 10 Jahren. Meine Arbeiten bei country.de – ebenfalls seit 10 Jahren! – sind bei allen Freiheiten, die ich dort habe (tausend Dank an Dirk & Beate!) immer ein bisschen zielgerichteter und formaler und eben vorwiegend über andere Americana-Künstler. Auf meinem Cowboy Band-Blog schreibe ich vorwiegend über Bob Dylan, aber auch über persönliches und alles was darüber hinaus mit Americana und nicht unmittelbar mit veröffentlichter Musik zu tun hat.

Danke, Bob Dylan!
Mein Blog ist ein Geschenk für mich, das ich zu schätzen weiß. Ebenfalls, dass ich mich traue kritisch zu denken, zu schreiben und es zu veröffentlichen. Und dafür auch noch Lob und Respekt bekomme. Ohne den Typ mit dem Hut aus den Jahren 1975/76, der jetzt wieder in den Fokus der großen Öffentlichkeit gerückt wird, gäbe es diesen Blog und dies alles für mich nicht. Dafür und für noch viel mehr ein großes Dankeschön an den Künstler Bob Dylan!

Chicago 1: Das Chicago Bluesfestival

26. April 2019

Start und Zielpunkt unserer diesjährigen USA-Rundreise wird Chicago sein. Wie es der Zufall so will, wird unsere Tage in der „Windy City“

Copyrigt: Chicago Blues Festival

das 36. Chicago Bluesfestival (Riesenprogramm, freier Eintritt!)stattfinden. Eine schöne Fügung. Und noch schöner, dass bei diesem Bluesfestival neben klassischen Blues-Acts auch Musikerinnen und Musiker spielen, die eher zum Americana- oder Folk-Genre zählen. Oder dem Soul folgen. Letzteres ist sicher für Betty LaVette zu sagen, die mit „Things Have Changed“ 2018 eines der interessantesten Dylan-Cover-Alben ever herausgebracht hat.

Dom Flemons, dessen Weg ich schon seit seiner Zeit bei den Carolina Chocolate Drops verfolge, der sich ganz bewusst „Songster“ und nicht „Bluesman“ nennt, weil für ihn afroamerikanische Musik mehr als Blues und Jazz ist und mit dem Album „Black Cowboys“ eine wegweisendes Werk vorgelegt hat, ist ebenso mit dabei wie Dave Alvin, einer meiner langjährigen Americana-Heroen oder Ruthie Foster, die uns 2017 beim Lahnstein Bluesfestival begeistert hat.

Und am Vorabend des Bluesfestivals spielt dann auch noch Trapper Schoepp in Chicago, der jüngst auf alte Dylan-Lyrics eine Melodie geschrieben hat und nun mit Mr. Bob Dylan gemeinsam die Autorenschaft für „On Wisconsin“ inne hat. Großartig!

Chicago war und ist eine Musikstadt. Hier hat sich der Jazz fortentwickelt, hier wurde durch die Migration der schwarzen aus dem Süden der Country-Blues zum elektrischen Blues und zum Rythm & Blues. Aber Chicago hat noch einiges mehr zu bieten. Davon erzähle ich dann in Kürze.

Alejandro Escovedo

26. April 2019

Photo Credit: Nancy Escovedo

Manchmal entwickelt sich ein Konzert so ganz anders als erwartet. Nachdem ich Alejandro Escovedos Album „The Crossing“ besprochen hatte, freute ich mich darauf, die texanisch-mexikanische Musiklegende mit Don Antonio und seiner Band in der Frankfurter Brotfabrik zu erleben. Gestern war es dann soweit
.
Doch über den Tag sickerte über Facebook die Nachricht durch, Alejandro würde Solo auftreten. Eine Tour mit Band wäre nicht zu finanzieren gewesen. Ich störte mich nicht daran, da es bei Escovedo ja vor allem auch um die Texte geht.

Die große Halle der Brotfabrik war dann erwartungsgemäß mit vielleicht 50-60 Leuten sehr dünn gefüllt. Denn Alejandro Escovedo hat nie den großen kommerziellen Erfolg gehabt und hierzulande kennen ihn nur die ausgesprochenen Americana-Liebhaber. Doch der Abend entwickelte sich ganz anders als gedacht. Denn nachdem Alejandro sich mehrmals dafür entschuldigt hatte, alleine zu sein und mit trockenem Humor eröffnete, keine ausgedehnten Gitarrensoli spielen zu können, wurde es ein denkwürdiger Abend. Zwischen den Songs erzählte er über seine Familie, aus der acht Musikerinnen und Musiker hervorgegangen sind. So ist Ex-Santana-Schlagzeuger Pete Escovedo sein Bruder und dessen Tochter Sheila Escovedo, bekannt als Sheila E, seine Nichte. Und er erzählt von seiner Zeit in den 1970ern, als er mit seiner Punkband „The Nuns“ in New York im Chelsea Hotel auf Leute wie Sid Vicious und Patti Smith traf, bevor er sich dann dem Americana zuwandte.

Dazwischen streut er immer wieder Songs ein. Nachdem er dann einige Stücke mit der E-Gitarre gespielt hat, greift er zur akustischen, steigt die Bühne hinunter und spielt fortan das Konzert mitten im Publikum. Und legt so viel Herz und so viel Liebe zu den Menschen und so viel Wut und Zorn auf die Verhältnisse im Grenzgebiet in sein Spiel- das war das Thema auf seinem letzten Album „The Crossing“ – wie es nur geht. Und singt diese Songs so ergreifend und alle sind fasziniert, schweigen, hören zu und glücklicherweise nur Vereinzelte meinen, diese denkwürdigen Augenblicke filmen zu müssen statt sie erleben zu dürfen.

Manchmal erlebt man ein Konzert und wird nie wieder diese ganz spezielle Stimmung und Atmosphäre vergessen. Momente, in denen Zauber liegt, in denen große Kunst entsteht. Solche großen Momente konnte man gestern in der spärlich gefüllten Brotfabrik in Frankfurt-Hausen erleben.

Vielen Dank dafür, Alejandro Escovedo!

Klaviervariationen

22. April 2019

Bob Dylan unterzieht in Augsburg seine Werke wieder einmal einer Revision und ist dabei dem Publikum äußerst zugewandt

Seit einigen Jahren spielt Bob Dylan im Konzert nur noch Tasteninstrumente und Mundharmonika, wenn er nicht völlig ohne Instrument „nackt“ vor den Mikrofonständer tritt. Man munkelt, dies habe gesundheitliche Gründe – wegen Rückenproblemen könne er die Gitarre nicht mehr über längere Zeit halten. Dylan hat aber aus der Not eine Tugend gemacht, sitzt Abend für Abend mal ein paar Jahre an der Orgel, dann am Flügel und hat sich in diesen Jahren tatsächlich immer mehr quasi dem klassischen Konzertieren zugewandt. In Baden-Baden im letzten Jahr fiel uns auf, wie stark und streng der Abend orchestriert war. Jeder hatte seinen Part, kaum Raum für Improvisation. Dylan höchst selbst dirigierte all die Jahre sein Orchester von der Seite aus. Zeigte dem Publikum sein Profil, wer Pech und die falschen Plätze hatte, sah ihn sogar nur von hinten.

Alte Songs mit neuen Lyrics
Doch während sich an der Setlist im Vergleich zum letzten Jahr so gut wie nicht geändert hat, ist das Setting diesmal ein ganz anderes. Dylan zeigt uns sein Gesicht. Er sitzt frontal dem Publikum gegenüber, auf der rechten Bühnenseite. Und sogar gut ausgeleuchtet. Das Konzert ist kaum lauter ausgesteuert als im Vorjahr, aber die Musik hat mehr Groove und Drive und vor allem: Eine Reihe von Songs sind völlig neu arrangiert und daher wieder einmal schwierig zu erkennen. Zudem hat er auch textlich in die Songs eingegriffen. „Simple Twist Of Fate“ – recht nah am Original arrangiert – hat teilweise neue Verse und „When I Paint My Masterpiece“ hat das „pretty little girl from greek verloren und „Gondola“ reimt sich auch nicht mehr auf „Coca Cola“, sondern auf „Oh, sometimes I think that my cup is running over“.

Mit „Things Have Changed“ beginnt das Konzert recht unscheinbar, die typische erste Nummer zum Einsingen und Regler nachjustieren. Die Fassung von „It Ain’t Me Babe“ist ganz hübsch, „Highway 61“ dann eher routiniert. Mit „Simple Twist Of Fate“ nimmt das Konzert dann erst richtig Fahrt auf. Wie gesagt, nah am Original arrangiert, aber noch ein bisschen langsamer und Dylan singt das Lied als alter Mann, der sich an ein lange zurückliegendes Abenteuer erinnert. Manchmal stockt die Erinnerung, stolpert nur voran und manchmal klingt es auch zweifelnd. War es wirklich so? Anyway, Schulter zucken, so könnte es gewesen sein! „Cry A While“ und „Honest With Me“ sind dann fast gar nicht mehr zu erkennen, aber verlieren nichts von ihrer Präsenz, es sind starke Rock-Bluesnummern voller musikalischer Americana-, Blues- und Vaudeville-Referenzen.

Dazwischen „When I Paint My Masterpiece“, das ihm an diesem Abend wirklich meisterlich gelingt. Einer der absoluten Höhepunkte des Abends ist aber Scarlet Town, dieser unheimliche Song über eine Kleinstadt in den Südstaaten, der nichts Abgründiges, Grausames und Tragisches fremd zu sein scheint. Als langsame Appalachen-Ballade mit Banjo vorgetragen, ermuntert der Song Dylan zum einzigen Ausflug in die Bühnenmitte, sein Mikrofonständer mutiert zu einer Art Spielzeug, das er fest in den Griff nimmt und hinter sich herzieht. „Make You Feel My Love“ kommt dann ordnungsgemäß sanft und schwelgerisch daher, während „Pay In Blood“ einmal mehr zur Dylan zur Konfrontation eines süßen, fast harmlos fröhlichen Arrangements mit der bitterbösen Message herausfordert. „Like A Rolling Stone“ wird vom Midtempo kurz vor dem berühmten „How Does It Feel?“ von Dylan so heruntergebremst, dass die Fragen und Wahrheiten, die er der Frau im Song an den Kopf wirft, nur noch bohrender werden und das Objekt seines Zorns noch verlorener aussieht. Ein großartiges Stilmittel. Dylan hat nicht mehr heiße Wut, sondern nur noch kalte, gehässige Verachtung. Klar, nach all den Jahren…

Faszinierender Solo-Klaviervortrag
„Don’t Think Twice“ ist der zweite absolute Höhepunkt des Abends. Dylan spielt Klavier, wie der Chronist es auf einem Konzert von ihm noch nie live erlebt hat. In der Regel bettet sich Dylans Klavierspiel in den Bandvortrag ein. Ab und zu hört man mal ein paar Klavierfiguren oder Kirmesorgeltöne. Böse Zungen behaupten sogar, das Klavier wäre doch sehr dezent in den Hintergrund gemischt. Derzeit jedoch spielt Dylan so offen und expressiv Klavier wie lange nicht mehr. Und „Don’t Think Twice“ wird fast zum Kammermusik-Erlebnis, wenn Dylan den Song ganz alleine am Klavier vorträgt, nur von Tony am begleitet, der sanft mit dem Bogen über die Saiten des Standbasses streicht. Wow! So etwas haben wir noch nicht erlebt, so was kennen wir nur von den Filmaufnahmen von Toronto 1980. Und auch bei diesem besteht Dylan auf der Konfrontation. Der hämische Anti-Lovesong, voller Slang und Blues-Poetry, gespielt in der Form europäischer Klassik. Dylan überschreitet auch mit fast 78 Jahren immer wieder aufs Neue Grenzen.

Am Ende dann „Early Roman Kings“, das ganz fantastisch in die Fuggerstadt passt, sowie „Thunder On The Mountain“ und „Gotta Serve Somebody“ in neuen Arrangements, während „Blowin‘ In The Wind“ in dem Arrangement gespielt wird, das im Grunde so schon seit mehr als 10 Jahren aufgeführt wird. Ein starkes, sehr bluesiges „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ beschließt dann als zweite Zugabe und Dylan und seine Gang verbeugen sich diesmal sogar, bevor sie wieder in die Nacht enteilen.

Ungebrochene Lust am Experimentieren
Das war wirklich ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert. Dylan hat eine ungebrochene Lust am Experimentieren, er spielt intensiv und stark Klavier und Mundharmonika, und wirkt gesundheitlich für sein Alter sehr fit und reagiert sichtlich auf das Publikum. Scheinbar hat die klare Ansage in Wien die Luft gereinigt, kein Handy ist zu sehen, dafür wird von ihm die Verbeugung wieder eingeführt. Mal schauen, was wir im Sommer (Mainz und Stuttgart) hören und wie wir dann Dylan erleben werden.

Setlist
Augsburg, Germany
Schwabenhalle
April 20, 2019

1.Things Have Changed
2.It Ain’t Me, Babe
3.Highway 61 Revisited
4.Simple Twist Of Fate
5.Cry A While
6.When I Paint My Masterpiece
7.Honest With Me
8.Tryin‘ To Get To Heaven
9.Scarlet Town (Bob center stage)
10.Make You Feel My Love
11.Pay In Blood
12.Like A Rolling Stone
13.Early Roman Kings
14.Don’t Think Twice, It’s All Right
15.Love Sick
16.Thunder On The Mountain
17.Soon After Midnight
18.Gotta Serve Somebody
(encore)
19.Blowin‘ In The Wind
20.It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry

So oft gekreuzigt und immer wieder auferstanden

15. April 2019

Wenn Bob Dylan am Karsamstag (20. April) in Augsburg spielt, dann passt das bestens zu Mythos und Legende des weltbekannten Songpoeten. Erklärungsansätze.

Bob Dylan war für seine Jünger aus der Folk-Rock-Generation der 1960er Jahr fast so etwas wie ein Messias. Der Singer-Songwriter wurde zur Leitfigur einer Jugendbewegung auserkoren, die er gar nicht sein wollte. Also wurde die Verweigerung zu einer der Konstanten seiner nunmehr 57 Jahre andauernden Karriere. Jede Verweigerung führte indes zu einer Art Kreuzigung. Jeder seiner Auftritte mit einer elektrischen Kapelle nach dem Newport-Folkfestival 1965 mündete in Kämpfen mit seinem Publikum. Man pfiff ihn aus und beschimpfte die Musiker auf der Bühne. Das war Levon Helm, die spätere Drummer-Legende von „The Band“ zu viel. Er quittierte Ende 1965 die Arbeit. So musste er auch nicht miterleben, dass Dylan auf seiner World Tour in Manchester als „Judas“ bezeichnet wurde.

„Der Messias der Rockgeschichte“
Dylan selber setzte die Ruhelosigkeit des Tour-Hamsterrades so zu, dass er die gesundheitliche Rekonvaleszenz nach seinem Motorradunfall im Spätsommer 1966 nutzte, um aus diesem Rattenrennen zu entfliehen. Doch während er sich eine Pause nahm, wurde sein Mythos nur noch größer. Die Gegenkultur hatte mittlerweile den Rock akzeptiert und adaptiert, linke militante Aktivisten nannten sich „The Weathermen“ nach einer Textzeile aus „Subterranean Homesick Blues“, den Black Panter-Anführern gefiel Dylans Mittsechziger- Rockmusik und ganz verstiegene Apologeten trampelten den Vorgarten seines Hauses in Woodstock kaputt. Also wieder Verweigerung und wieder Kreuzigung: während Psychedelic, Pop und Woodstock spielte Dylan Countrymusik und schwänzte das dreitägige Love & Peace-Festival, das man nicht zuletzt wegen ihm in Woodstock veranstaltet hatte, zugunsten eines Auftritts auf der Insel of Wight. Wieder allgemeines Zeter und Mordio.

Noch mehrmals in seiner Karriere sollte Dylan seine Jünger verprellen – 1978 spielt er seine Musik im Big Band Sound, 1979 wird er wiedergeborener Christ, später seine Songs an die Werbung verkaufen und sie in den Konzerten zur Unkenntlichkeit verändern – all dies führt zur Kreuzigung und doch steht er immer wieder auf, erfindet sich neu und zieht mit die Menschen mit einer neuen Karriere-Volte und durch großartige Songs und Alben in den Bann, um gleich darauf wieder Erwartungen zu unterlaufen und zu irritieren. Zuletzt nahm er fünf CDs mit Sinatra-Songs auf und kreierte seine eigene Whiskeymarke.

Am Karsamstag steht in der religiösen Überlieferung die Trauer über den Tod Jesu im Vordergrund. „Traditionell ist der Karsamstag ein stiller Tag. Die Kirchenglocken schweigen, es finden keine Gottesdienste statt, in der Regel werden keine Sakramente gespendet und der Altar ist völlig schmucklos“. Es werden aber Karmetten gefeiert, heißt es auf der Internetseite vivat.de. Dazu passt, dass Rockpapst Zimmermanns Konzerte sich schon seit längerem dadurch auszeichnen, dass eher laidback musiziert wird und die Beschallung nicht allzu laut gedreht wird. Zudem spendet Dylan keine Sakramente: Kein Wort, kein Gruß und seit diesem Tourabschnitt schleicht er sich sogar am Ende des Konzerts im Dunkeln von der Bühne, und lässt seine Apostel allein auf der Bühne werkeln bis die Messe gelesen ist.

Augsburg als Kristallisationspunkt des Dylan’schen Universums
Wenn Dylan am Karsamstag in der Fugger-, Brecht- und Puppenkistenstadt Augsburg spielt, dann decken Auftrittsdatum und Ort bereits fast alles wesentliche des Dylan-Universums ab. Das dramatische Theater Brechts, dessen Bilder und Prinzipien in seine frühe Songpoesie einflossen, die „Political World“, in der die Fugger wegen ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Macht Kaiser- und Königsmacher waren, Strippen zogen und Politik beeinflussten, sowie das unterhaltende traditionelle Marionetten-(Volks-)theater der Puppenkiste, das zwar mit seinen Kinderstücken bundesweit bekannt wurde, aber bis heute auch Stoffe für Erwachsene auf die kleine Puppenbühne bringt, die sich mit den ewigen Fragen der Menschen nach Weisheit, Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit, Verderben und Tod beschäftigen. Sei es Brecht, den Faust-Stoff oder Dürrenmatt.

Also ist der Boden bestens bereitet für Dylans Songs, Masken und Mysterienspiele um Odyseen und Vergänglichkeit, Liebe und Tod und einer Welt, die so viel besser sein könnte, wenn sich an den Jahrhunderte alten grundlegenden Menschheitsbedingungen von politischer und wirtschaftlicher Macht endlich mal was ändern würde. Aber es tauschen sich nur die Gangs aus – „Early Roman Kings“ statt Fugger – nicht die Verhältnisse. Also muss Dylan solange er kann weiter gegen den Irrsinn der Welt ansingen.

Malcolm X

14. April 2019

Copyright: NT Gent

Nachtrag: Americana im Belgien/ Dreisprachiges Theatererlebnis in Gent

Nein, im Gegensatz zu unserer Holland-Fahrt vor wenigen Jahren war unsere Drei-Städte-Tour durch Belgien Anfang April keineswegs als Musik – oder Americana-Reise gedacht. Und er ergab sich musikalisch diesmal auch kein Zufall.

Dass wir dann aber am Ende doch noch auf ein amerikanisches Thema gestoßen wurden, hat mit dem Kulturteil unserer Wochenzeitung „Freitag“ zu tun. Dort lasen wir vor wenigen Wochen ein Interview mit dem künstlerischen Leiter des belgischen Nationaltheaters Gent, Milo Rau. Der Schweizer Theatermacher bemüht sich um ein explizit gesellschaftspolitisches Theater. Ein interessanter Typ, gleichermaßen fern von Provokation der Provokation Willen und billigem Agitprop wie von L’art pour l’art und Klassikern zur Erbauung. Den und sein Theater wollten wir uns merken.

Wie das dann immer so bei uns ist, tauchen wir mitunter nicht so richtig zielstrebig in die Städte ein, sondern lassen uns einfach treiben. Also trieb uns der Strom durch Gent eher zufällig am zweiten Tag vor das Nationaltheater. Jetzt erinnerten wir uns wieder. Wir gingen ins Foyer, lasen Milo Raus Theaterthesen – u.a. sollten bei jeder Inszenierung auch Amateurdarsteller und Migrant*innen dabei sein, sie sollten multinational sein und in einem politischen Krisengebiet aufgeführt werden.

Und was fanden wir im Programm? Just an diesem Samstagabend stand Malcolm X auf dem Spielplan. Dreisprachig: Flämisch, Französisch, Englisch. Glücklicherweise bekamen wir dann auch noch zwei Karten auf dem Balkon.

Um es gleich vorneweg zu sagen. Der Titel „Malcom X“ war doch etwas irreführend. Es ging in einem ganz losen Zusammenhang zu dem US-amerikanischen Schwarzenführer um Kolonialismus (Belgisch-Kongo!), Rassismus, Sexismus, Migration, Männlichkeitswahn und Autokratie. Eine wilde bunte Collage mit viel Musik. Jazz, Weltmusik, Hip Hop, ein bisschen Blues. Dazu wurde Ausdruckstanz und Breakdance geboten. Die Schauspieltruppe war divers und voller Spielfreude. Erst am Ende sah und hörte man „Malcom X“ und die schwarze Sängerin sang „Stange Fruits“. Sicher kein großer Wurf, aber ein unterhaltsamer Abend, der sich mit verdrängten Wahrheiten und Lebenslügen der westlichen Welt befasst. Diese Zeiten brauchen solche Stücke.

Was dann aber auch wieder typisch für uns war: Wir befanden uns in der allerletzten Aufführung des Stücks. Am Ende war dann Partystimmung angesagt, das ganze Theater stand und die Zugaben wollten nicht mehr enden. Ein schöner, stimmungsvoller Abschluss unserer Zeit in Belgien!

Sein ganz persönlicher Dylan

31. März 2019

Martin Grieben begeistert mit Bob Dylan-Programm im Frankfurter Theater Alte Brücke

Martin Grieben, Copyright Theater Alte Brücke Frankfurt

Wenn ein Künstler wie Bob Dylan über lange Zeit so viele Menschen bewegt, sie entweder begeistert oder aber abschreckt und trotzdem seit Jahrzehnten ein Weltstar und eine Musiklegende ist, dann muss was an ihm dran sein. Was, ist teilweise Common Sense – „der sprachgewaltige Songpoet“ – teilweise aber liegt es im Auge oder im Ohr (und dazwischen) des Betrachters, Hörers, Rezipienten. Daher sind subjektive Herangehensweisen an das Phänomen Bob Dylan wünschenswert und wichtig. Bloß kein Surfen auf der Erfolgswelle des US-Musikers, bloß keine Heldenverehrung, bloß kein Kleben an Klischees.

Schwerpunkt auf unbekannteren Songs
In diesem Sinne hat Martin Grieben an diesem Samstagabend im Theater Alter Brücke in Frankfurt-Sachsenhausen mit seinem Programm „Grieben singt Dylan“ alles richtig gemacht. Er spielt ganz bewusst nicht die großen Hits, sondern oftmals die unbekannten, unterschätzten Stücke aus Dylans riesigem Oeuvre. Und erzählt dazu ganz persönliche Geschichten über seinen Zugang zu Dylan. Und dies tut er sehr charmant und wenn er zum xten Male die falsche Mundharmonika greift, dann geht er damit so lässig, souverän und humorvoll um, dass das Publikum im vollbesetzten Theater sichtlich auch ein großes Vergnügen an den Pausen zwischen den Songs hat. Und wichtig ist, dass er schon ganz am Anfang des Abends all die natürlich auch zur Legende gehörenden schlechten Meinungen über Dylan auf heitere Art abräumt. Er lässt das Publikum die schwersten „Dylan-Verfehlungen“ aufzählen: „Dylan kann nicht singen“, „Dylan kann nicht Mundharmonika spielen“, „Dylan sagt nie ein Wort und ist unhöflich zum Publikum“. Sind die über die Jahre sich aufgebauten Vorwürfe erst einmal raus, lässt sich viel unbefangener und befreiter mit dem Werk des Rock-Zaren Zimmermann umgehen.

Auf der Setlist stehen an diesem Abend Songs aus allen Schaffensperioden der Songwriter-Papstes: Neben anderen hört man das Frühwerk „I Was Young When I Left Home“, aus der Mitsechziger-Phase „Queen Jane Approximately“ und von den Basement Tapes „Open The Door, Homer“. Von New Morning (1970) spielte Grieben „Went To See The Gipsy“ und interpretiert das als Dylans Referenz an einen nicht überlieferten Besuch bei Elvis Presley. Da Dylan ein großer Elvis-Fan ist, spielt Elvis-Fan Grieben natürlich auch einen Song des „King Of Rock’n’Roll“, nämlich Heartbreak Hotel. Und da Dylans Lieblingsbeatle George Harrison war, erklingt auch dessen „Here Comes The Sun“.

Starke Texte und wunderschöne Momente
Dass Dylan eben nicht nur der wortgewaltige über den Dingen stehende Songpoet ist, sondern auch seinen eigenen, selbst erfahrenen Schmerz zum Ausgangspunkt seiner Kunst macht, stellt Grieben an diesem Abend mit allein drei Songs von „Blood On The Tracks“ unter Beweis: „Meet Me In The Morning“, „If You See Her Say Hello“ und „Buckets Of Rain. Auch Dylans christliche Phase lässt Grieben in seinem Konzert nicht aus. Er spielt sowohl „When He Returns“, als auch das textlich heikle „Slow Train Coming“. Aus den 1980ern, zu denen Martin Grieben richtigerweise sagt, dass da Dylan irgendwie sein Gespür verloren hätte spielt er „Whas Was It You Wanted“ vom Album „Oh Mercy“ von 1989, als es schon wieder bergauf der Dylan’schen Kunst ging. Und es wird auch die jüngere Vergangenheit des musikalischen Outputs erreicht. Das nicht eben einfach zu spielende und zu singende „Po Boy“ vom 2001er Album „Love And Theft“ wird von Grieben bravourös gemeistert. Besonders stimmungsvoll wird es im Raum, als Melina Hepp, Griebens Ehefrau, zum Duett-Gesang bei „Abraham, Martin and John“ mit auf die Bühne kommt. Den Dick Holler-Song hatte Dylan Anfang der 1980er mit seiner damaligen Background-Sängerin Clydie King in seinen Konzerte vorgetragen. Da ergeben sich wunderschöne musikalische Momente im kleinen Frankfurter Theater.

Überzeugender musikalischer Vortrag
Überhaupt zeigt sich Martin Grieben in großer musikalischer Form. Sein Gitarrenspiel und sein Gesang sind stark, einprägsam und haben eine ganz eigene Note. Sein Mundharmonikaspiel – wenn er denn endlich die Richtige gefunden hat – ist fein und kraftvoll zugleich. Und nicht einmal tappt der Sänger in die Falle des Nachahmers oder gar Parodisten. Die großen Hits kommen dann auch erst ganz am Ende – „Blowin‘ In The Wind“ (1254-mal von Dylan live gespielt, erklärt Grieben augenzwinkernd dazu) beendet das Konzert, „Lay, Lady, Lay“, „Don’t Think Twice, It’s Alright“ und „Mr. Tambourine Man“ bilden den abschließenden Zugabenblock.

Martin Grieben hat sich mit seinem Dylan-Abend einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Dass er damit bei seinem Publikum im kleinen Sachsenhäuser Theater Alte Brücke offene Türen eingerannt und sie auf eine erfolgreiche Reise mitgenommen hat, beweist der begeisterte, lautstarke, lang anhaltende Applaus und die Bravorufe. Das Programm verdient unbedingt weitere Aufführungen.

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/