Archive for Juli 2020

Bob Dylan and the President of the United States

24. Juli 2020

Die US-Präsidenten im Leben und Werk des Songpoeten und Literatur-Nobelpreisträgers

In einer Zeit, in der ein US-Präsident kurzerhand aus wahltaktischen Gründen die föderale Grundordnung der USA mit Füßen tritt und dabei einen ersten Vorgeschmack auf mögliche Bürgerkriegsszenarien liefert, interessiert mich, welche Rolle zu welchen Zeiten die Figur des US-Präsidenten im Werk von Bob Dylan gespielt hat. Schließlich hat der soeben mit „Murder Most Foul“ einen US-Präsidenten – John F. Kennedy – und seine Ermordung in seinem längsten Song, der gleichzeitig einer seiner besten Songs ist, thematisiert.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Natürlich liegt es beim Thema nahe: Ala das Dylan-Zitat in Sachen US-Präsident wird liebend gerne „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ aus „It’s Alright Ma“ von 1965 angesehen. Natürlich besonders in seiner Reinkarnation von 1974: Jubel beim Publikum, Nixon ist wegen Watergate am Ende. Und da im Grunde fast jeder US-Präsident auch einmal schwere Zeiten durchmachen muss oder auch im Zwielicht steht, passt das auch so gut. Ob Reagan und seine Iran-Contra-Affäre, Bill Clintons Zigarrenspiele oder George W. Bushs Lügen im Irak-Krieg: Diese Zeile, wenn Dylan sie singt, ist immer noch für Juchzen und Applaus gut.

Kennedy, der jetzt nach fast 60 Jahren wieder im Werk Dylans auftaucht, hat für ihn 1963, wie für seine ganze Generation, eine ambivalente Bedeutung. Auf der einen Seite stellte er gegenüber dem ewigen Kriegshelden Eisenhower einen Fortschritt dar. Zum anderen bleibt er trotzdem noch der Logik des Antikommunismus verhaftet. Man hofft, mit ihm wichtige Veränderungen in Amerika – Bürgerrechte! – erringen zu können. Aber substantiell ist noch wenig da. Dylan geht denn auch sehr unverkrampft mit Kennedy um, als der ihn in seinem Song „I Shall Be Free“ anruft und fragt, was denn ein Land zum Wachsen bringen könne: „Brigitte Bardot, Anita Ekberg, Sophia Loren“ antwortet der Sänger spöttisch-anzüglich.

Und im Hinterhirn möchte man flugs noch Marylin Monroe dazu addieren, das amerikanische Sexsymbol der 1950er Jahre. Nur starb die aber schon im August 1962 unter bis heute ungeklärten Umständen an einer Überdosis Barbituraten. Und Dylans Aufnahme stammt aus dem Dezember 1962. Sie konnte also nicht mehr Ziel seines Spottes sein. Aber: Marylin wird auch eine Affäre mit John F. Kennedy nachgesagt. Und auch wegen diesem Yellow Press und Jet-Set-Status des ersten amerikanischen Popstar-Präsidenten zählt hier Dylan die Riege der Sexbomben auf.

Und – Achtung Verschwörungstheorie! – ihr Tod wird auch gerne in Verbindung mit Kennedy gebracht. Und damit steht Kennedy schon im Mittelpunkt vor zwei Verschwörungstheorien. Dieser und der Theorie seiner eigenen Ermordung. Dylan hat übrigens wenige Monate nach dem Attentat Dallas bereist und den Tatort in Augenschein genommen. Auch er hält den überlieferten Tathergang für nicht stichhaltig. Doch es wird eben fast 60 Jahre dauern, bis er sich in Liedform damit beschäftigt.

Dylan und die Präsidenten im „richtigen Leben“
Zeit seines Lebens versucht Bob Dylan soweit es geht, die Nähe zur politischen Klasse zu meiden. Es gibt ansonsten unendlich viele Berührungspunkte in der Geschichte der US-Gesellschaft zwischen Unterhaltungsbusiness, Medien und Politik. Wie erinnern uns an den singenden Gouverneur Jimmie Davis („You Are My Sunshine“), an den Schauspieler Ronald Reagan und eben den Reality-Show-Star Donald Trump. Und selbst der kluge und humane Kopf Kinky Friedman, wird nicht müde zu betonen, dass er sowohl mit George W. Bush als auch mit Bill Clinton befreundet sei.

Jimmy Carter, Copyright wikimedia commons

Umso bedeutsamer ist daher bei Bob Dylan die Personalie Jimmy Carter. Kennengelernt hat er den Ex-US-Präsidenten als der Gouverneur von Georgia war und ihn 1974 nach einem Konzert in Atlanta zu sich nach Hause einlud. Jimmy Carter, so heißt es, freundete sich mit Dylan an und zitierte ihn sogar in seiner Inauguration Speech. Dylan wiederum bezeichnete sich 1978 in einem Interview selbst als Carters Freund und sagte, „der hätte das Herz am rechten Fleck.“ Doch Dylan spielte unter Carters Präsidentschaft nie im Weißen Haus und wie eng die Freundschaft dann über die Jahre letztendlich wirklich war, ist so gut wie nichts bekannt.

Neu bekräftigt wurde diese Freundschaft dann 2015 durch die Laudatio von Jimmy Carter bei der MusciCares-Preisverleihung. Näher ließ Dylan aber keinen Politiker mehr an ihn ran. Bei Bill Clinton spielte er auf der Inaugurationsfeier, was schon als politisches Statement nach fast anderthalb Jahrzehnten Republikanern im Weißen Haus zu werten ist. Aber an den Bildern sieht man schon: Bill & Family haben deutlich mehr Spaß daran als Dylan. 1997 bekommt Dylan dann von Clinton die Kennedy Medaille. Auch hier sind keine größeren Vertraulichkeiten zwischen den Künstler und Präsident überliefert.

Ambivalent scheint auch das Verhältnis zu Obama zu sein. Dylan hat sich vor der Wahl Obamas im Juni 2008 in einem Interview mit der London Times positiv über Barack Obama geäußert und auch am Wahlabend 2012 bei einem Konzert – ohne allerdings den Namen von Obama zu nennen – seine Zuversicht für dessen Wiederwahl geäußert. Auch Obama ehrte Dylan, und zwar mit der Freiheitsmedaille und Dylan folgte dessen Einladung ins Weiße Haus und spielte in einem Konzert mit Songs der Bürgerrechtsbewegung.

Auch 2009 war in einem Interview die allgemeine Zustimmung von Dylan für Obama zu spüren, er wollte aber nicht in den allgemeinen Obama-Hype miteinstimmen: „Er wird als Präsident sein Bestes geben. Viele der Jungs traten mit den besten Absichten an und gingen als gebrochene Männer. Lyndon Johnson ist ein gutes Beispiel, oder auch Nixon, Clinton oder Truman. Beinahe, als würden sie alle zu hoch fliegen und sich dann verbrennen“, so Dylan.

2012 aber ließ er sich im Rolling Stone von Mikal Gilmore zu keiner eindeutig positiven Aussage zugunsten von Obama drängen. Wobei dieses Interview von Unklarheiten und Ablenkungsmanövern wieder einmal nur so strotzte. Stichwort „Transfiguration“.

Möglicherweise sah Dylan seine Erwartungen von Obama enttäuscht, denn der hat außer der Gesundheitsreform kaum etwas im Land verändert. Sicher, das Klima war insgesamt liberaler geworden. Aber: In der Finanzkrise hatte er den Bock zum Gärtner gemacht, als er sich von der Wall Street beraten ließ. Für viele Leute ist der Name Obama mit dem Verlust des eigenen Hauses verbunden. Er hat weder substantiell am strukturellen Rassismus des Landes etwas verändert, noch hat er die Bekämpfung der neoliberalen Auswüchse in der Gesellschaft in Angriff genommen. Und er hat Drohnenkriege geführt und das US-Militär weiterhin in Auslandseinsätzen gehalten.

Natürlich hat Dylan keine Bezugspunkte zu Trump und Dylan hat auch keine Songs aufgenommen, die Trump für seine Zwecke einsetzen könnte, so wie er das bei Tom Petty, Neil Young oder Bruce Springsteen versucht hat. Dylan straft Trump durch Nichtbeachtung und doch kann man Andeutungen in Richtung Trump durchaus aus „False Prophet“ heraushören. Und damit zu Dylans Werk.

Fundstellen zur Figur des US-Präsidenten in Dylans Werk

Bildrechte: Columbia, Sony Music


Wir haben „I Shall Be Free“ erwähnt und „It’s Alright Ma“. Direkte Bezugnahmen auf konkrete Präsidenten sind bei Dylans eigenen Songs nicht übermäßig viele festzustellen. In Talkin‘ World War III (1963) zitiert und nennt er beispielsweise noch Abraham Lincoln. Interessant sind aus den 1960ern aber zwei Songs. Und beide haben was mit „The Band“ und den „Basement Tapes“ tun. Letztere hat Greil Marcus ja als Songs „von alten, gefährlichen Amerika genannt. Da ist zum einen der Song „Clothes Line Saga“. Darin wird ganz beiläufig in einem Gespräch an der Wäscheleine/übern Gartenzaun erzählt, dass der Vizepräsident durchgedreht sei. Größer kann die Distanz der Sprechenden zum Geschehen und zur politischen Instanz des Vizepräsidenten nicht sein: „Was kümmert’s uns?“ Eine alte Denkfigur aus einem weiten Amerika, in dem die politischen Instanzen des Bundes weit weg sind.

Ganz anders dagegen der Song „Dear Mrs. Roosevelt“ von Woody Guthrie, den Dylan und The Band beim Tribute Konzert für die verstorbene Folk-Legende spielten. Sie spielen den Song auch als Ehrbezeugung für Franklin D. Roosevelt, dessen Präsidentschaft und New Deal-Politik bis heute eine einzigartige Ära in den USA darstellen.

Nachdem der besagte Jimmy Carter nur ein vierjähriges Intermezzo im Weißen Haus gab, prägte sein Nachfolger Ronals Reagan wieder eine Ära. Sie war gekennzeichnet vom Durchgriff der Kapitalinteressen durch eine neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik, massiven Sozialabbau und institutionellen Rassismus, indem Reagan die Schwarzen als vermeintliche Sozialschmarotzer seinem konservativen Klientel zu Fraß vorwarf.

Man kann „Infidels“ von 1984 durchaus als Dylans Auseinandersetzung mit den Veränderungen in den USA verstehen. In „Jokerman“ kann man Textstellen als Einschätzung von Reagans Ideologie sehen: „Book of Leviticus and Deuteronomy, law of the jungle.“ steht für Regans neoliberales evangelikales Weltbild. „rifleman’s stalking the sick and the lame…Nightsticks and water cannons, tear gas, padlocks, Molotov cocktails and rocks“ sind die Mittel, um die Herrschaft des Neoliberalismus gegen die Proteste zu verteidigen. „Jokerman“ ist nach dieser Lesart der Schauspieler Ronald Reagan, der seine Politik gegen die Armen und Beladenen (oftmals Afroamerikaner) rücksichtlos und ohne Empathie durchzieht. Und in „Sweetheart Like You“ singt Dylan “They say that patriotism is the last refuge to which a scoundrel clings/ steal a little and they throw you in jail/ Steal a lot and then they make you king.”

Treffender kann man Reagans Mischung aus Patriotismus und Neoliberalismus nicht beschreiben. Die Sixties und die Seventies sind vorbei. Kein Wunder, dass Bob Dylan in Reagans Jahrzehnt sich seine künstlerische Krise nahm. Der Mainstream wanderte nach rechts und ins Unverbindliche – Elvis war Tod, Dylan in der Krise, da begann der Aufstieg des „King Of Pop“, Michael Jackson, und seinem bombastischen Eskapismus. Gepaart mit körperlichem Drill – perfekte Tanzeinlagen! – und neoliberaler Selbstoptimierung – Michael Jackson will immer weißer werden!- war Jacksons Musik der perfekte Soundtrack für das Reagan-Jahrzehnt, der zudem den Schwarzen noch vormachte, sie gehörten dazu.

Dass die Figur des Präsidenten für Dylan eine besondere Bedeutung hat, zeigt auch die Episode „Presidents Day“ aus seiner Radio Show aus dem Jahre 2008, die am 13. Februar, vier Tage vor diesem amerikanischen Gedenktag ausgestrahlt wurde. Und die Playlist lügt nicht. Seine Präferenzen bezüglich der Präsidenten Roosevelt und Kennedy und die Missachtung für Richard Nixon wird deutlich. Wer dachte damals schon, dass irgendwann ein rassistischer Mega-Schreihals und proto-faschistischer Verfassungsverächter wie Trump an die Macht kommen würde.

Nach Obama kommt Trump
Auf den ersten schwarzen Präsidenten folgte die Rache des konservativen, rassistischen Amerika in der Person von Donald Trump. Zu ihm ist keine Äußerung Dylans belegt, zumal bis zu diesem Frühjahr ja während Trumps Regentschaft kein neuer Dylan-Song erschienen war. Umso elektrisierter reagierte die Dylan-Gemeinde auf die beiden neuen Songs „Murder Most Foul“ und „False Prophet“. Ersterer zeigte ja deutlich auf, welch Qualitätsverlust in der Besetzung des Präsidentenstuhls durch Trump von statten ging. Und wie eng auch Kennedy mit dem amerikanischen Jahrhundert und dessen kulturellen Output verwoben ist. Dagegen ist Trump nur eine zwielichtige Figur ohne jede Tiefe und literarischen Wert. Ihn nennt man nicht beim Namen, ihn redet man so an:

„Hello stranger – Hello and goodbye/ You rule the land but so do I/ You lusty old mule – you got a poisoned brain/ I’m gonna marry you to a ball and chain.“

Und auf der Illustration zu „False Prophet“ ließ sich unschwer ein Schatten als Trump an Frisur und Figur erkennen. Dylan verwebt in „Rough And Rowdy Years“ die Bilanz seines eigenen künstlerischen und menschlichen Strebens mit der Geschichte Amerikas. Und daher gibt es auch noch Referenzen zu Roosevelt und Truman.

Bob Dylan ist – man kann es nicht oft genug sagen – kein tagespolitischer Künstler. Aber er hat universelle Werte und ein Verständnis von amerikanischer Geschichte, von griechischer Klassik und Shakespear’schen Tragödien. Und in diesem Kosmos siedelt er „seine Präsidenten“ an. Da bleibt für Trump nur die Rolle des namenlosen Schuftes, der einen Schatten an die Wand wirft und sonst nichts Gutes hinterlässt.

Bob and Bruce (eh…the other one!)

17. Juli 2020

Nein, hier geht es nicht um die erneute Untersuchung des Verhältnisses von Dylan zu Springsteen. Bruce Hornsby ist der Bruce, um den es heute hier gehen soll. Er veröffentlicht am 14. August seine neuen Longplayer „Non-Secure Connection“, der zahlreiche Kollaborationen mit anderen Künstlern enthält, aber keine mit Dylan.

Gemeinsame Freunde: David Mansfield und „Grateful Dead“
Dabei gibt es doch einige Verknüpfungen und Gemeinsamkeiten der beiden. Doch beginnen wir vorne. Hornsby gründet 1986 seine Band „Bruce Hornsby and The Range“. Und wer ist mit dabei? David Mansfield! Der Geiger und Komponist spielte sowohl mit Bob Dylan auf der Rolling Thunder Tour 1975/76 als auch auf der Welttournee 1978. Später spielte er Steven Soles und T Bone Burnett in der „Alpha Band“ und komponierte Filmmusik und schauspielerte für den Western Heaven’s Gate (Die berühmte Rollschuhszene!). Um sich dann eben sich mit Hornsby zusammenzutun. Allerdings verließ er die Gruppe bereits vor ihrer ersten Tour wieder.

Der größte Hit Hornsbys und heute noch gerne gespielt im Radio ist „The Way It Is“. Hinter der butterweichen, gefälligen Pop-Produktion, die von Hornsbys Klavierspiel geprägt ist, entpuppt sich der Song als ein kritischer Blick auf Armut und Rassismus als Kontinuitäten der amerikanischen Gesellschaft. Auch für andere schreibt er Hits, beispielsweise für Huey Lewis & The News („Jacob’s Ladder“) und 1989 zusammen mit Don Henley (Ex-„Eagles“) „The End Of The Innocence“. Den spielen die beiden Künstlern fortan in ihren Konzerten.

Ab 1990 spielt er für einige Jahre dann auch bei Dylans Freunden von „The Grateful Dead“ mit. Und 1990 schließlich arbeitet er dann direkt mit Dylan zusammen. Da ist Hornsby einer der unzähligen Gastmusiker, die Produzent Don Was für „Under The Red Sky“ anschleppt.

Gastmusiker bei „Under The Red Sky“
In einem Artikel des britischen Musikmagazins „Uncut“ aus dem letzten Jahr beantwortete Hornsby die Leserfrage, wie es denn so war, mit Dylan zu arbeiten: „Bob kam ins Zimmer, er trug einen großen Hoodie mit einer Baseballkappe darunter. Er stellte sich uns vor, dann ging er zu einem Tisch und begann, alle seine Taschen zu leeren und all diese Servietten und Hotelpapiere herauszuholen, die mit Notizen gefüllt waren. Dann kam er zum Klavier und brachte mir dieses großartige Lied mit dem Titel „Born In Time“ bei. Das war ein surrealer Moment für mich, als ich mich daran erinnerte, wie wichtig seine Musik für mich als Kind war. Also haben wir das aufgenommen, dann haben wir eine kleine Pause gemacht und sind zurückgekommen und haben diesen kleinen Ein-Akkord-Jam gestartet. Plötzlich kommt Bob herein, geht zum Tisch, durchsucht die Servietten, nimmt eine und geht zum Mikrofon und beginnt zu singen. Und das wurde ein Song auf der Platte namens „TV Talkin ‚Song“. Sprechen wir über Spontanität!“

„The End Of The Innocence“
Ob die Begegnung oder die gemeinsamen Weggefährten Einfluss auf die Songauswahl von Dylan auf seiner Tour Herbsttour 2002 hatte, ist schwer zu sagen. Da sang er mehrmals „The End Of The Innocence“. Der Song, den Hornsby mit Henley schrieb ist wieder so ein gefälliges Pop-Rock-Stück mit engagiertem, kritischem Text, der allgemein als Aussage gegen Ronald Reagans Außen und Rüstungspolitik angesehen wird, aber natürlich auch als allgemeine Metapher gegen den Wahnsinn des Krieges gesehen werden muss. Und damit im Herbst 2002 erneut aktuell wurde, als George W. Bush den Krieg gegen den Irak vorbereitete.

Etwas weiteres Verbindendes beschreibt Tony Atwood auf der Website „Untold Dylan“ . Die beiden hätten bei die Empathie für die Nöte der kleinen Farmer gemein. Und Hornsby wiederum hat immer mal wieder Dylan-Titel im Gepäck. U.a. auch immer wieder „Girl From The North Country“. Der Song soll ihn der Legende nach beim Schreiben von „The Way It Is“ beeinflusst haben.

Auf jeden Fall ist Bruce Hornsby auch ein Künstler mit dessen Musik die Beschäftigung lohnt. Auch seine Viesleitigkeit ist faszinierend. Denn abseits von Pop und Rock hat er auch großes Faible füer Folk und Bluegrass. U.a. hat er mit der Bluegrass-Legende Ricky Skaggs eine Platte zusammen eingespielt.

Die Besprechung von Hornsbys neuem Album ist dann demnächst auf http://www.country.de zu lesen.

Bruce Hornsby: The Way It Is

Bob Dylan live: The End Of The Innocence“

Die Muse Amerika

10. Juli 2020

Und noch mehr Notizen zu Rough And Rowdy Ways“: Dylan singt in „Mother Of Muses“ auch über sein Land

General William T. Sherman, Foto: Wikimedia Commons

Der Song klingt erst wie eine alte Folk-Ballade aus dem US-Bürgerkrieg, dann noch älter. Als würde Homer sein Lied singen und die Laute anschlagen. Denn Dylan ruft die alten griechischen Musen an: Mnemosyne und Calliope.

Wie ein uraltes Lied
Doch die dritte Strophe führt aus der Antike mitten in das 19. und 20. Jahrhundert, als die Grundlagen des amerikanischen Jahrhunderts gelegt wurden:

Sing of Sherman, Montgomery and Scott
And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved the path for Martin Luther King
Who did what they did and they went on their way
Man, I could tell their stories all day

Sherman ist natürlich der legendäre General aus dem US-Bürgerkrieg, Montgomery ein amerikanischer General des Unabhängigkeitskrieges und Winfield Scott war ein US-General, der die US-Armee im 19. Jahrhundert bis in den Bürgerkrieg hinein prägte. Zhukov war der oberste russische Militär im 2. Weltkrieg und Patton ein legendärer amerikanischer Haudegen in diesem Krieg.

Die ersten drei stehen für die Entwicklung und Ausdehnung der USA mittels teilweise grausamer Kämpfe gegen die Briten, die Indianer, die Mexikaner und die US-Südstaaten. Die letzten beiden für den Sieg über den Faschismus und die Befreiung Europas.

Dylan sang über den Aufstieg des Landes…
Bei aller Fragwürdigkeit mancher Feld- oder Charakterzüge dieser Männer sieht Dylan diese Siege als Voraussetzung des amerikanischen Jahrhunderts an. Diese Kämpfe sind die Voraussetzung für den Sieg Amerikas und Russlands über den Faschismus, für Elvis und eine globale Rock- und Jugendkultur und für Martin Luther King und dem Glücksversprechen, Rassismus und Ungleichheit zu beenden.

Dylan weiß um die Widersprüche im Kampf für die Freiheit. Er weiß um die Widersprüche seines Landes. Er hat in frühen Jahren mit „With God On Our Side“ schon einmal den Aufstieg der Vereinigten Staaten besungen. Hat ihre Kriege aufgezählt. Er weiß, dass Amerika eine einzigartige Populärkultur hervorgebracht hat, aber auch Gewalt, Indianerkriege und Rassismus. Dies beschäftigt ihn seinem Alter in diesen Zeiten um so stärker.

Elvis Presley, Foto: Wikimedia Commons

Dylan bringt exemplarisch ja auch mit „Murder Most Foul“ die zwei Seiten Amerikas poetisch zum Klingen. Und nicht von ungefähr spricht Dylan im die Veröffentlichung des Albums begleitenden Interview über das Sand-Creek-Massaker an den Cheyenne und Arapahos im Jahr 1864 und über den Tod George Floyds dieser Tage. Dylan hat die schwarzen Märtyrer Emmett Till und George Jackson besungen und hat vor wenigen Jahren erst gesagt, man müsse nur die Namen austauschen, diese Songs hätten noch immer ihre Gültigkeit.

…nun singt er über den Niedergang
Dylan singt auf diesem Album den Schwanengesang auf Amerikas vermeintliche Größe, er singt im fortgeschrittenen Alter über den Niedergang Amerikas. Er kassiert den amerikanischen Traum ein, weil der schon immer auch den Albtraum inkludiert hatte. Dylan argumentiert dialektisch. Und wie bei Dylan üblich liefert er auch hier nur die Analyse. Denn den Reim darauf, also den Weg um diese Widersprüche zu überwinden, den müssen wir selbst finden.

Das Lied zu Shermans „March Through Georgia“:

Und Elvis‘ erster Hit:

Bob Dylan, Freud und Marx

6. Juli 2020

Zwei große Denker in der Hölle: Weitere Notizen zu Rough And Rowdy Ways.

Sigmund Freud, copyright: wikimedia commons

Ja, da musste ich schon schlucken, als ich bei „My Own Version Of You“ hören musste, dass mein Singer-Songwriter-Hero dort kurzerhand zwei meiner wichtigsten Einflüsse zum Verständnis von Mensch und Gesellschaft kurzerhand in die Hölle verfrachtet und auspeitschen lässt:

„Step right into the burning hell/ Where some of the best known enemies of mankind dwell/ Mister Freud with his dreams and Mister Marx with his axe/ See the raw hide lash rip the skin off their backs“

Da kam auch manch anderem Zeitgenossen wieder die gesellschaftspolitisch dunklen Gospel-Jahre in den Sinn. Immer noch so hart drauf? Davon sollten wir nicht ausgehen, sei allen „Right Wing-Bob“-Jüngern ins Stammbuch geschrieben. Denn im Gegensatz zur Ur-Version von „Gonna Change My Way Of Thinking“ mit seinem Bashing von Karl Marx und Henry Kissinger handelt es sich hier nicht um ein persönliches Manifest, sondern um eine Art dunklen Novelty Song. In dem Song stecken ja einige humorvolle Bilder – „I’ll take Scarface Pacino and the Godfather Brando/ Mix ‘em up in a tank and get a robot commando“! – also kann man auch hier davon ausgehen, dass das zumindest augenzwinkernd ironisch gemeint ist. Einfach zu dick aufgetragen, um wahr zu sein.

Vielleicht hebt Dylan hier aber auch nur auf eine allgemeine Sichtweise der beiden Intellektuellen ab. Denn von den Herrschenden sind sie ja tatsächlich immer als zu kritische Geister angesehen worden, die die Ordnung gefährden. Jeder wird hier mit seinem Werkzeug eingeführt, mit denen sie angetreten sind, das menschliche Zusammenleben und die Welt zu verändern. Freud mit der Traumdeutung, um dem Individuum ein Instrument zur Selbsterfahrung zu geben, Marx mit der Axt, um die gesellschaftlichen Ketten in denen das Proletariat liegt, zu zerschlagen.

Karl Marx, copyright: wikimedia commons

Auch sollte man das lyrische Ich nie mit dem Sänger Bob Dylan verwechseln. Warum sollte ein Dr. Frankenstein, der Menschen am Reißbrett entwirft und im Labor erschafft, denn eigentlich ein Interesse an einem individuell und gesellschaftlich befreiten Individuum haben? Der Mann, der den Golem erschafft, ist ein autokratischer, selbstverliebter Herrscher und muss deswegen Freud und Marx zu Feinden der Menschheit erklären.

Einige Dylan-Foristen haben zudem auf das Mitleid mit den Unterdrückten verwiesen, das hier anstatt der Verdammung ausgelöst würde. Finde ich auch, wer so dick aufträgt, weiß um die Wirkung. Hier wird keiner verdammt, hier wird absurdes Theater gespielt.

Und das den ganzen Song über auf hohem Niveau und mit hohem Unterhaltungswert. „My Own Version Of You“ – einer meiner unbestrittenen Favoriten auf dem Album!

Einer von vielen Song über Freud:

Und auch Karl Marx war ein talentierter Songwriter:

„Goodbye Jimmy Reed“

3. Juli 2020

Interpretationsansätze zu einem der ungewöhnlichsten und interessantesten Songs von Bob Dylans Meisterwerk „Rough And Rowdy Ways“

Im Netz ist unter Dylan-Afficionados ein kleiner Intertextualitäts-Wettbewerb ausgebrochen. Jeder kennt noch eine Zeile, einen Vers, den der Meister sich aus anderen Werkzusammenhängen entliehen hat. Natürlich habe ich früh bemerkt, dass die Eingangszeilen aus „Key West“ aus Charlie Pooles „White House Blues“ stammen. Und dass die letzte Zeile aus „Black Rider“ – „you’ve been on the job too long“ – ihr Vorbild in der Schlusszeile der traditionellen Mörderballade „Duncan And Brady“ hat: „you been on the job too long“, die in dem alten Song als „he been on the job too long“ als eine Art Refrain immer wiederkehrt. Dylan hat den Song Anfang der 2000er immer wieder live im Programm gehabt.

Doch da diese Zeilensucherei meiner Meinung nach außer dem Nachweis von Dylans enormem musikalischem Wissen, und dem Eifer und der Freude der Fans am Finden, wenig Erkenntniswert hat, und somit reiner Sport wird, habe ich kein Bestreben mich hier offensiv zu beteiligen. Mich treibt eher eine zielgerichtete Suche an. Wenn meine These, die ich über einige Artikel an dieser Stelle zuletzt ausgebreitet habe, stimmt, und Bob Dylan sich wie kaum ein anderer weißer amerikanischer Künstler in besonderer Weise den afroamerikanischen Beiträgen zur US-Kultur verbunden fühlt, dann müsste dies auch auf diesem Album zu finden sein.

Dylans Verbundenheit mit der afroamerikanischen Kultur
Natürlich schauen wir da zuerst auf „Goodbye Jimmy Reed“. Das ist offensichtlich, denn der Künstler war ein Vertreter des Chicago-Blues. Doch was steckt in diesem Song – der allgemein als Tribute für Reed angesehen wird – wirklich drin?

Die ersten beiden Strophen haben deutliche religiöse Bezüge. Und Dylan zeigt sich hier wie auch anderen Stellen des Albums durchaus multireligiös. Während er in „Key West“ „limbo spirituals and hindu rituals“ erwähnt, sind hier Juden, Katholiken, Moslems und Protestanten vertreten. Und Jimmy Reed soll ihm die „Old Time Religion“ geben. Das ist der Name eines Spirituals, der zum ersten Mal 1872 als Titel der afroamerikanischen Gesangsgruppe „The Fisk Jubilee Singers“ publiziert wurde. 1891 erwarb der weiße Liedersammler Charles Davis Tillman die Rechte am Song und popularisierte ihn wie andere schwarze Gospels unter den weißen Südstaatlern, so dass die frommen Südstaatler – ob schwarz oder weiß – im Jim Crow-Land der Rassentrennung die gleichen religiösen Lieder sangen. Und damit eigentlich die ganze menschenverachtende Rassentrennung völlig absurd machte und für fromme Geister eigentlich auch „gotteslästerlich“ gewesen sein müsste.

Die ganze zweite Strophe über soll Jimmy Reed dann die frohe Botschaft verkünden. Interessante Vorstellung für einen Bluessänger. Diese waren ja bei frommen Schwarzen nicht unumstritten, denn ihre weltlichen und lebensbejahenden Songs über Liebe, Leben, Genuss, Leiden, Suff und Tod waren denen zu weit weg von Gottes Wort und zu nah an alten afrikanischen Traditionen.

Religiösität und Rassismus
Dann folgt der Perspektivwechsel. Der Sänger singt nun von sich. Dass man auf ihn nicht viel gegeben habe, da er nicht sehr kunstfertig an der Gitarre gewesen sei. Auch nie gereizt oder stolz gehandelt hätte oder gar seine Schuhe ins Publikum geworfen hätte. Jimmy Reed könne sich eine Juwele an die Krone stecken, er lösche das Licht. Was ist das? Ist das eine Selbsteinschätzung Dylans oder eine fiktives Ich, das neben dem großen Jimmy Reed sich ganz klein fühlt?

In der vierten Strophe erzählt der Sänger wie schlecht – mit rassistischer Gewalt? – er behandelt wird. Und hätte nichts, womit er kämpfen könne, außer einem Fleischerhaken. Wieder ein interessantes Bild. Denn wie so viele Schwarze in der Zeit der „Great Migration“ verließ Jimmy Reed seine Heimat in Mississippi in den 1940er Jahren, um im Norden Arbeit und Freiheit zu finden. Was er vorerst bekam, war ein Job im Schlachthof. Der Sänger aber wird schlecht behandelt und kann kein Lied singen, dass er nicht versteht und er kann auch die Platte (von Jimmy Reed?) nicht spielen, weil die Nadel steckengeblieben ist.

Die fünfte Strophe ist dann eine des verzweifelten Begehrens. Scheinbar steht er auf die Gefährtin von Jimmy und drückt das auch durchaus witzig aus – Transparent woman in a transparent dress, Suits you well, I must confess – dann aber scheint er die Frau wirklich sexuell zu begehren – I break open your grapes, I suck out the juice – um dann ein böses Bild des Verlangens, einer „Amour fou“ zu malen: „I need you like my head needs a noose“. Mit der besonderen Konnotation, dass die Schlinge bis in die 1960er Jahre für viele Schwarze im Süden eine reale Gefahr war.

In der letzten Strophe schließlich scheint der Sänger Jimmy Reed zu fragen, was er hier mache und der antwortet ihm, er wolle nur mal nachsehen wo der Herr denn in diesem verlorenen Land liege. Beendet wird der Song mit der Anrufung Jimmy Reeds „Can’t you hear me calling from down in Virginia?“ „Down In Virginia“ ist ein Titel Jimmy Reeds, den Dylan hier für seine Frage nutzt.

Doppelbödig und vertrackt
Die große Frage des Songs aber ist: Wer singt hier über Jimmy Reed und was erlebt er konkret? In meiner ersten Bewertung des Songs habe ich eine Geschichte aus der Great Migration heraus gelesen. Da singt einer unten aus Virginia, der dort nicht losgekommen ist und keine Karriere in Chicago gemacht hat. Der immer noch den alten Country Blues spielt – ohne Mätzchen und Verstärkung. Der immer noch zwischen Blues und Gospel gespalten ist. Der Rassismus und Gewalt aushalten muss. Der davon träumt, Jimmy Reeds Leben zu führen, inklusive dessen Freundin zu begehren. Das Ende ist das Flehen eines Verlorenen. Ich finde das durchaus eine haltbare Interpretation des Songs.

Es gibt aber auch die Deutung, dass der Sänger Dylan selber ist, der ganz bescheiden auf sein Vorbild – Reed hatte auch immer seine Mundharmonika im Gestell um den Hals – schaut. Ihn erhöht und sich selbst relativiert. Wobei das auch durchaus ironische Anteile haben könnte, denn gerade Dylan reagierte auch schon mal gereizt auf sein Publikum, ist immer noch gerne als arrogant verschrien, auch wenn das ein völlige Nicht-Verstehen der Kunstfigur Bob Dylan darstellt. Und gerade im letzten Jahr hat er zwar keine Schuhe geschmissen, aber in Wien seinem Publikum eine klare Ansage gemacht, dass er keine Fotos im Konzert wünscht.

Wie so oft bei Dylan ist der Text doppelbödig und vertrackt. Aber öffnet dadurch viele mögliche Bedeutungsebenen. Dylan mag die Ambivalenz, er mischt auch hier wieder die Perspektiven. Vielleicht will er in diesem Song auch in einem armen Schwarzen im Süden aufgehen, leiht sich dessen Person, dessen Charakter aus? Diebstahl aus Liebe auch hier wieder. Dylan kennt die Geschichte von Sklaverei und Rassismus und er kennt auch die politische und kulturelle Geschichte seines Landes zu genau, als wüsste er nicht, wie seine Bilder, seine Zitate, seine kulturellen Einsprengsel wirken.

Wie auch bei Blind Willie McTell dient bei „Goodbye Jimmy Reed“ die vermeintliche Hommage an einen afroamerikanischen Musiker letztendlich dazu, amerikanische Themen wie Religiösität, Armut, Rassismus und Populärmusik in ihrer komplexen Verschränktheit zu verhandeln.

„Goodbye Jimmy Reed“ ist meiner Meinung alles andere als ein Nebenwerk, sondern einer der interessantesten Songs eines Albums – es gibt im Übrigen keine Nullnummer und keinen Füller darauf – das vor allem ein Blick Dylans auf die eigene und auf die amerikanische Geschichte ist. Und es ist einfach ein super Song und klasse Musik!