Archive for Januar 2021

„The Freewheelin‘ Bob Dylan“ meets „The Basement Tapes“

15. Januar 2021

Das alte, unheimliche Amerika war immer auch gefährlich und nie wirklich weg / Gesellschaftskritische Folksongs sind aktueller denn je

Copyright: Picador

Greil Marcus hat mit seinen lesenwerten Büchern über die legendären „Basement Tapes“ den Begriff „The old, weird America“, das „alte, unheimliche Amerika“, geprägt. Als Marcus‘ „Invisible Republic“ 1997 erschien, also vor fast einem Vierteljahrhundert, war das die hohe Zeit  von Historizismus und Postmodernismus. Nach dem Zusammenbruch der poststalinistischen Regimes hinter dem eisernen Vorgang hatten Liberalismus und Kapitalismus scheinbar gesiegt. Das Ende der Geschichte wurde ausgerufen. Die soziale Frage und die Interessengegensätze zwischen Kapital und Arbeit schienen keine Rolle mehr zu spielen. Kein Wunder, dass sich die progressiven Volksparteien davon verabschiedeten. Sie machten ihren Frieden mit dem Neoliberalismus und machten noch mehr als ohnehin schon in Kosmetik der gesellschaftlichen Widersprüche. Jetzt wurden die Symptome nicht mal mehr repariert, sie wurden einfach übertüncht. Historizismus und Postmodernismus in Amerika gingen zu dieser Zeit gleichsam davon aus, dass in einer hochzivilisierten liberalen Gesellschaft auch die Verhältnisse des alten, unheimlichen Amerika vorbei und vergangen sind.

Songs über das alte, unheimliche Amerika

Die Songs über das alte, unheimliche Amerika erzählen von Mord und Totschlag aus Frauenfeindlichkeit und Eifersucht. Sie erzählen von Gesetzlosen und Totschlägern, die sich nicht von Ordnungsbehörden gängeln lassen wollen. Sie erzählen von Naturkatastrophen, aber auch von Katastrophen, die aus menschlicher Gier nach Reichtum verursacht wurden. Sie behandeln wahre Geschichten genauso wie Märchen und Mythen. Sie erzählen von Alkohol, dem Teufel und vom lieben Gott. Von Pioniergeist, Rassismus, Ausbeutung und Gewalt bei der Eroberung des Landes. Aber auch vom Kampf gegen die Mächtigen, gegen Unrecht und Verfolgung. Sie bilden ganz Amerika ab, das immer auch ein gefährliches Amerika war.

Wenn Dylan & The Band diese Songs bei den „Basement Tapes“ aufgenommen haben, dann in einer Mischung aus Nähe und Distanz und einer gewissen Faszination am Abgründigen. Sie wissen, dass dies die Tradition des Folksongs ist. Er sagt viel über die Wirklichkeit des alten Amerika. Er war das Medium zur Verbreitung von Nachrichten und Narrativen. Wenn Dylan und The Band diese Songs spielen, machen sie sich nicht immer die Haltung der Protagonisten zu Eigen. Sie sind Chronisten, sie sind gleichsam selbst die Medien.

Ein moderneres, gerechteres Amerika?

Das alte, unheimliche und gefährliche Amerika schien Ende der 1960er Jahre seine letzten Kämpfe zu führen. Der Roosevelt’sche „New Deal“ der 1930er und 1940er Jahre, Gewerkschaftskämpfe, der wirtschaftliche Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg und „The Great Society“ hatten die Willkür der Großgrundbesitzer, der Mächtigen in Wirtschaft und Finanzen beschnitten, die Rechtssicherheit, die soziale Gerechtigkeit und die Bildungschancen für alle gestärkt. Der beginnende Vietnamkrieg, der Rassismus, und die sich ausbreitenden gesellschaftlichen Haltungen von Konformismus und Konsumismus führten währenddessen zu Jugendprotest und Bürgerrechtsbewegung und diese wiederum zur Hoffnung auf ein anderes Amerika. Der Civil Rights Act hatte Mitte der 1960er Jahre dann die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß formal endlich festgeschrieben, doch aufgrund der tatsächlichen Lage im Land blieben die Rassenkonflikte latent.

Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnet den Civil Rights Act, Copyright: Wikimedia Commons

Dann kam der „Summer Of Love“ und während die einen in Lebensreform und Psychedelic-Rock eskapistisch abhoben, gingen Bob Dylan und die The Band in den Keller von Big Pink und erdeten sich mit amerikanischer Geschichte und einem Verständnis davon. Während Dylan seinen Fundus aus Folksongs mitbrachte, hatte The Band Blues, Soul, Gospel und Country im Gepäck. Zusammen erschufen sie das genreübergreifende Genre „Americana“. Der Begriff und das Genre wurden aber erst in den 1990ern und 2000ern wirklich manifest. Wieder waren es in diesen Jahren junge Rockmusiker, die zu den Country-, Folk- und Blueswurzeln zurückgingen.

Anfang des neuen Jahrtausends bekamen Americana und Old Time Music durch den Film „O Brother Where Art Thou“ und vor allem durch seinen Soundtrack einen enormen Aufschub. Aber auch dieser sehenswerte, bahnbrechende Film der Coen Brüder ist ein historisierendes Werk. Es ist eine postmoderne, schräg-humorvolle, abgeklärt-ironisierende Betrachtungsweise der US-Südstaaten in der Great Depression. Alle Zutaten – Armut, Gewalt, Rassismus, Korruption, Bigotterie – sind zwar vorhanden, aber die Härte der Auseinandersetzungen und Verwerfungen ist mit viel Sepia eingefärbt und Weichzeichner bearbeitet. „Davon sind wir heute weit entfernt. Wir können uns darüber amüsieren, weil es eben von gestern ist.“ So war die Gewissheit in liberalen Kreisen. Alleine Gruppen wie die schwarze Old Time Band „Carolina Chocolate Drops“ erinnerten in der Neo-Folkwelle an die rassistischen Kontinuitäten und die verdrängten afroamerikanischen Wurzeln der Folk- und Countrymusik. Und Bob Dylan zeigte die Widersprüche der amerikanischen Selbsterinnerung und der Rezeption der Südstaaten-Traditionen mit seinem Werk „Love und Theft“ auf.

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“

Denn hinter der Historisierung lebte die alte Welt weiter. Wie Williams Faulkner sagte: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Denn die alten Vorurteile lebten weiter, der alte Rassismus, der alte Geist der Sezession. Martin Luther King Jr. wurde 1968 in Memphis ermordet, Bobby Kennedy fiel im selben Jahr ebenfalls einem Attentat zum Opfer. Als dann mit Jimmy Carter ein Hoffnungsträger und Freund Bob Dylans zum US-Präsidenten gewählt wurde, hatten sich die Abwehrkräfte des gesellschaftlichen Fortschritts längst wieder neu formiert. Carters Präsidentschaft scheiterte.

Denn gepaart mit einem evangelikalen Furor grub sich der reaktionäre Ungeist ab Ende der 1970er in die Mentalitäten der Menschen wieder und verstärkt ein. Ronald Reagans Politik des Neokonservatismus – Law & Order, die Reagonomics von wirtschaftlichem Neoliberalismus und Sozialabbau, und unverhohlener Rassismus – führte die schon unter Nixon begonnene Zerschlagung des Sozialstaats weiter. Er trieb den Paradigmenwechsel voran und brach endgültig mit den letzten Relikten des New Deal. Die soziale und gesellschaftliche Spaltung nahm ihren Lauf.

Reagonomics: Ronald Reagans Steuergesetzgebung, Copyright: Wikimedia Commons

Der schwere Fehler von Clinton und später Obama war es, dies nicht als eine Episode anzusehen und wieder zurückzudrehen, sondern sich mit den Reagan’schen Veränderungen weitgehend abzufinden. Obama lobte sogar Reagans Appelle an die Eigenverantwortlichkeit der US-Bürger. Die aber nichts anderes waren, als Reagans Maskerade für den Sozialabbau, der gerade die Afroamerikaner traf.

Der Geist aus der Flasche und der Folksong

So kam das alte unselige alte Denken in den Zeiten der Finanzkrise und dem ersten schwarzen Präsidenten wie der Geist aus der Flasche stärker denn je zurück. Viele einfache weiße Leute verbanden Obama aufgrund dessen verfehlter Politik in der Finanzkrise mit dem Verlust ihres Häuschens. Rassismus, desparater, unreflektierter Sozialprotest und die übliche ablehnende Haltung zur Bundesregierung und zum „Washingtoner Establishment“ führten zur Tea Party-Bewegung und veränderten die Partei der Republikaner deutlich. Und dies machte einen Trump erst möglich. Und der nutzte die sozialen Medien und schürte Hass und Verschwörungstheorien.

Das Ergebnis sehen wir heute: Den Sturm auf das Kapitol und die Angst dass in den Tagen um die Amtseinführung von Joe Biden erneut marodierende Banden in ganz Amerika aufmarschieren und Gewalt ausüben.

Copyright: Columbia Records

In meinem letzten Blogeintrag – https://cowboyband.blog/2020/04/21/the-bickenbach-texas-home-office-diary-29/ – habe ich nach dem neuen Folksong gefragt, der den Sturm auf das Kapitol zum Inhalt hat. Denn dieses nationale Trauma schreit nach Vertonung. Denn es stimmt leider nicht, was Joe Biden aus gutgemeintem Versöhnungswillen sagt, das wäre nicht Amerika. Doch, das ist auch Amerika, sagen sowohl Sportstar Megan Rapinoe als auch die Historikerin Jill Lepore. Denn die amerikanische Geschichte ist auch eine Geschichte der Gewalt. Der junge Bob Dylan hat diese Tatsache auf seinem epochalen Longplayer „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ in „With God On Our Side“ genauso besungen wie fast 50 Jahre später die Avett Brothers mit „We Americans“. Amerika ist auf dem Rücken der Schwarzen und auf dem Land der Indianer aufgebaut worden. Amerikas Geschichte war auch immer von Spaltungen geprägt. Und „Oxford Town“ oder „Only A Pawn In Their Game“ zeigen auf, wozu der Mob fähig ist. „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ und „The Times They Are A-Changin'“ beschrieben das damalige zeitgenössische gefährliche Amerika der Rassenauseinandersetzungen und stehen damit ebenfalls in der Tradition der Songs, die Dylan und The Band vier Jahre später aufnehmen sollten. In diesen Traditionen würde denn auch der Folksong stehen, der noch geschrieben werden muss. Eine erste Annäherung ist unten im Video zu hören und zu sehen.

Quo vadis, Amerika?

Amerika muss, wenn es wieder gleicher, vielfältiger, einiger und gerechter werden will, sich zu zwei markanten Punkten bekennen: Der Hypothek des gefährlichen Amerika und der Tradition des Roosevelt’schen New Deal. Je weniger sozial gespalten die Demokratie, je weniger sie von unkontrollierten Kapitalinteressen ausgehöhlt ist, desto stärker ist sie. Warum sollte nicht auch irgendwann das gefährliche Amerika vergangen sein?

Zwei Klassiker von Bob Dylan:

Und ein erster Folksong zum Sturm auf das Kapitol:

Der Trump-Aufstand – Eine Katastrophe, wie gemacht für einen großen Folksong des jungen Bob Dylan

11. Januar 2021

Der faschistische Sturm auf das Kapitol in Washington hat den USA ein weiteres Trauma beschert. Wer schreibt den Folksong dazu?

War das Ziel eines faschistischen Aufstandes: Das Kapitol in Washington. Copyright: Wikimedia Commons.

So sehr ich Bob Dylan für sein Spätwerk schätze, gerade würde ich mir wünschen, der junge Bob Dylan würde sich vom Sturm aufs Kapitol zu einem seiner bitterbös-humorigen, scharfsinnig-beobachtenden und anklägerischen Folksongs inspirieren lassen. Ein Song ganz mit den Zutaten des „John Birch Society Blues“, von „Oxford Town“, von „Who Killed Davey Moore“ und „Only A Pawn In Their Game“.

Miese Show eines närrischen Präsidenten und seiner bösen Armee

Denn was für eine miese Show wurde hier vom rechtsextremen Personal der Republikaner und ihrer faschistischen Bündnispartner der „Proud Boys“ und der Verschwörungsphantasten der „Quanon“-Bewegung inszeniert: Der Präsident, der ein böser Narr ist, ist abgewählt und will es nicht wahrhaben. Also schwört er seine Leute auf seine riesengroße Lüge vom Wahlbetrug ein. Seine Armee des faschistischen Bodensatzes, der Rassisten, der durch Verzweiflung und falschen Stolz verrückt und gewalttätig Gewordenen und der politischen Abenteurer, wiegelt er zum Sturm des Hauses der gewählten Volksvertreter auf. Eine bunte, böse Lumpenarmee, durchdrungen von Soldaten und Polizisten trifft auf eine überforderte und zahlenmäßige viel zu kleine Sicherheitstruppe.

Denn es sind Leute aus der Regierung des närrischen Präsidenten selbst, die dafür sorgen, dass die Truppen zu wenige sind. Und inmitten der im Hintergrund laufenden unheilvollen Auseinandersetzungen vor dem Sturm tritt als tragische Figur eine Bürgermeisterin von Washington auf, die aus falsch verstandener Liberalität nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um die Black Lives Matter-Proteste nicht gerne viel Polizei und Militär in der Stadt hat. So nimmt keiner die böse, bunte Lumpenarmee ernst. Sie durchbrechen die Linien, und wüten und marodieren durch das Parlamentsgebäude. Sie suchen nach den „Feinden des Volkes“ wie sie sie nennen und finden sie glücklicherweise nicht.

Denn der Vizepräsident, der erst viel zu spät gemerkt hat, welche Geister er da rief und dem deswegen nun der Tod durch den wütenden Mob droht, kann in Sicherheit gebracht werden. Ebenso wie die als Hexe verschriene Anführerin der parlamentarischen Gegner des Präsidenten.

Der Geist ist aus der Flasche

Derweil sitzt der närrische Präsident im Weißen Haus am Fernsehen und schaut sich unbekümmert im Fernsehen das an, was er angerichtet hat. Widerwillig nur versucht er seine Leute zu beschwichtigen, indem er gewalttätige Taugenichtse und Chaoten zu „besonderen Menschen“ adelt.

Noch einmal kann die Ordnung wieder hergestellt werden. Man versucht, den närrischen Präsidenten zur Rechenschaft zu ziehen. Und auch wenn dies gelingen sollte: Der Geist ist aus der Flasche und seine neuen Herren, Donald Trump Jr. und Jared Kushner werden nicht müde, die Gemeinschaft mit diesem Geist weiter zu zersetzen. Auf, dass ein neuer Sturm erfolgreich sei. Können der neue Präsident und seine Leute das verhindern?

Ein Komplott wie bei „Hurricane“, eine Brutalität der selbst ernannten Patrioten, die potentiell so gefährlich ist wie die von den Mördern von Hattie Caroll und Emmett Till. Auch hier trifft es wieder zu, was Bob Dylan in späteren Jahren zu seinen frühen antirassistischen und gesellschaftskritischen Songs gesagt hat: Die Mechanismen sind immer noch die Gleichen, nur die Namen müssen ausgetauscht werden.

Wer schreibt den Folksong, der jetzt gebraucht wird?

Und daher wird ein Bob Dylan heutzutage auch keinen neuen Folksong dieser Art schreiben. Und er muss es auch nicht. Sein lyrisches und dramatisches „Murder Most Foul“ über den Kennedy Mord war schon der Abgesang auf die alte amerikanische Herrlichkeit im 20. Jahrhundert. Sein Film „Masked and Anonymous“ war bereits die Dystopie einer dynastischen Diktatur in Amerika wie die Trumps sie wollen. Er hat den Boden bestellt für das Lied gegen die böse amerikanische Zeitenwende.

Wer schreibt also den Folksong über dieses Ereignis, den man braucht, um die Strippenzieher anzuklagen und der Lächerlichkeit preiszugeben und sie Schimpf und Schande auszusetzen?

Wie Odetta den jungen Bobby für den Folk begeisterte

8. Januar 2021

Nicht Woody Guthrie, sondern die afroamerikanische „Queen Of Folk“ – sie wäre am 31. Dezember 90 Jahre alt geworden – war Bob Dylans erster Folk-Einfluss.

Odetta, Copyright: Wikimedia Commons

Als der junge Robert Zimmerman Anfang 1961 in das verschneite New York kam, da war er so etwas wie ein Woody Guthrie-Impersonator. Dazu gereift in Dinkytown, dem Boheme-Viertel der Zwillingsstädte Minneapolis/St. Paul. So gut gereift, dass er seinem Idol bald als lebende Woody Guthrie-Juke Box dienen konnte.

Doch seine ersten musikalischen Gehversuche hatte er im Rock’n’Roll gemacht. Er hatte im Radio viel Musik gehört, lernte im jüdische Sommercamp die Gitarre spielen und die Rock’n’Roll-Rebellion, die im Land in den Jahren 1954-58 ihren Höhepunkt hatte, erfasste dann auch ihn.

Mit Kumpels gründete er verschiedene Bands, darunter „The Golden Chords“ bei denen Bobby Zimmerman wie eine Mischung aus Jerry Lee Lewis und Little Richard entfesselt auf sein Klavier hämmerte. So wurde ein Konzert der Band an der Hibbing Highschool wegen der enormen Lautstärke vom Direktor abgebrochen. In dieser Erinnerung begründet liegt wohl der ihn kennzeichnende Satz im Schuljahrbuch 1959: „To join Little Richard“.

Die Entdeckung im Plattenladen

Doch da war er längst schon wieder auf einem anderen Trip. Es passte irgendwie in die Zeit: Als 1958 der Rock’n’Roll so langsam auch wegen des Drucks von Staat und religiösen Organisationen seine rebellische Kraft verlor – „Ehe-Skandale“ um Chuck Berry und Jerry Lewis führten zu deren Karriereknick, Elvis ging zur Armee – da lösten sich auch die Golden Chords auf.

Bobby Zimmerman war nun wieder auf sich allein gestellt, saugte alle möglichen Einflüsse in sich auf, suchte nach musikalischer Orientierung. Da entdeckte er im Plattenladen „Odetta sings Ballads and Blues“. Er war begeistert, setzte nun voll auf Folk und tauschte seine elektrische Gitarre gegen eine akustische „flat-top“ Gibson ein. „Das erste, was mich zur Folkmusik brachte, war Odetta“, sagte er in späteren Jahren in einem Interview. Bei Odetta hört er „etwas Vitales und Persönliches. Ich habe alle Songs auf dieser Platte gelernt“, darunter Stücke wie „Mule Skinner“, „Jack of Diamonds“ und „Water Boy“.

Odetta sagte, Bobby habe Talent

Und er begegnete ihr sogar persönlich, noch bevor er als Bob Dylan Karriere macht. Im Januar 1961 war er in New York City eingetroffen, im Mai des Jahres besuchte er nochmal alte Freunde in Minnesota. Da kam Odetta zu einem Konzert nach St. Paul. Seine Freundin Bonnie Beecher erinnerte sich vor einigen Jahren: „Ich erinnere mich an eine Zeit … Odetta kam in die Stadt … Also planten ich und Cynthia Fisher …, wie wir Dylan dazu bringen könnten, Odetta zu treffen und für sie zu spielen … Und tatsächlich traf er sie. .. und ich erinnere mich, dass Cynthia Fisher zu mir nach Hause gerannt kam … und sagte: „Sie sagte, dass Dylan echtes Talent hat und er es schaffen kann!“ Mit diesem „Ritterschlag“ einer Königin des Folk ausgestattet, ging Dylan nach New York zurück und startet seine Karriere richtig durch.

Gegenseitige Wertschätzung

Odetta sings Dylan, Copyright Camden Records

Und Odettas Kompliment für Bobs Talent war keineswegs pure Höflichkeit. In den Zeiten von Folk Revival und Bürgerrechtsbewegung begegneten sich die beiden beim Newport Folk Festival oder beim „March To Washington“. Und sie lernte Dylans Können immer stärker zu schätzen. Und die Wertschätzung war wirklich enorm. Denn als sie im Januar 1965 – als Dylan schon längst im Clinch mit der politischen Folkbewegung lad und sie wenige Monate später beim „March To Selma dabei sein würde – ein ganzes Album nur mit Dylan-Songs veröffentlichte, da legte die Civil Rights-Aktivistin keinesfalls einen Schwerpunkt auf Dylans bekannte Protestsongs. Denn neben „Don’t Think Twice“ und „Mr. Tambourine Man“ sind mit „Baby, I’m in the Mood For You“, „Long Ago, Far Away“ und „Tomorrow Is A Long Time“ drei unbekanntere Songs, von denen zwei Songs leidenschaftliche Hingabe bzw. melancholische Erinnerungen zum Thema haben, auf dem Album. Sie entdeckte Dylan quasi als den universellen Songpoeten, der er wirklich ist, und suchte nicht den Protestlyriker, den sich die Bewegung wünschte. Und dass sie hier Songs singen konnte, die er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht hatte, spricht für ihren besonderen Zugang sowohl zu Dylan, als auch zu seinem Songbuch.

Obwohl sie schon leicht genervt in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit klarstellen musste, dass sie die jüngeren Superstars Dylan und Baez beeinflusst hatte und nicht umgekehrt –  „Ich bin die Mama und sie sind die Kinder, und ich habe diese Sänger beeinflusst“ – war sie keineswegs nachtragend. Beide wussten um ihre musikalische Bedeutung für einander. Sie wusste, was sie konnte und sie wusste, was Dylan kann. Und Bob Dylan wusste das auch. Und er weiß das bis heute.

Am 31. Dezember wäre die 2008 verstorbene Odetta 90 Jahre alt geworden. Ihr Einfluss als Künstlerin und Mensch auf neue Generationen von Musikern – wie beispielsweise heute auf Rhiannon Giddens – ist ungebrochen.

Und hier geht es zum großen Odetta-Special von country.de:
https://www.country.de/2020/12/31/odetta-koenigin-des-folk/

Odetta sings Dylan:

Save The Date: Der „Bob Dylan-Jimmy Reed-Podcast“ von Christoph Borries am 25. Mai

6. Januar 2021

Projekt „7 Tage – 1 Song“/ Kooperation für Dylan-Ausgabe mit Thomas Waldherr

Copyright: Delta Blues Records

Seit dem ersten Lockdown im März 2020  veröffentlicht der Grevenbroicher Berufsschulpfarrer Christoph Borries jeden Dienstag auf der Website http://www.7tage1song.de einen Podcast über einen Song, der ihm gut gefällt und dessen Botschaft ihm wichtig ist.

„Ich hatte im März damit angefangen, damit ich nicht nur digitales Futter für die Gehirne meiner Schüler*innen im Lockdown anbiete, sondern auch die Gespräche über Musik und Konzerte, die ich mit meinen Schüler*innen führe, durch irgendetwas ersetzen kann – also etwas für Herz und Seele anbiete“, äußert sich Borries zu den Gründen für das digitale Hör-Angebot.

Für den Dienstag, 25. Mai, hat Borries nun einen Bob Dylan-Song ausgewählt – schließlich ist das der Tag nach dem 80. Geburtstag des Meisters. Die Wahl fiel auf „Goodbye Jimmy Reed“ vom jüngsten Dylan-Album „Rough And Rowdy Ways“. „Den Song finde ich in seiner Vielschichtigkeit so interessant, da steckt so vieles drin: Themen wie Religion, Rassismus oder Afroamerikanisches Leben in den USA“, so Borries.

Bei seinen Recherchen zum Song entdeckte er Thomas Waldherrs Analyse auf dessen Cowboy Band Blog. Kurzum: Nun werden Borries und Waldherr gemeinsam in der etwa 10-minütigen Folge am 25. Mai (Hörbar auf der website ab 1 Uhr) grundlegende Gedanken zum Song vorstellen.

Musikjournalist und Kulturvermittler Waldherr freut sich über die neue Zusammenarbeit: „Goodbye Jimmy Reed“ ist einer der stärksten, aber auch vertracktesten Songs auf „Rough And Rowdy Years“. Diesen Song mit Christoph Borries im Rahmen seines tollen Podcast-Projektes zu analysieren – darauf freue ich mich sehr.“


Christoph Borries‘ Podcast-Projekt „7 Tage – 1 Song“:

Homepage: https://7tage1song.de

Instagram: https://www.instagram.com/7tage1song/

Playlist bei Spotify: https://open.spotify.com/playlist/0M5tOXTC0lM8RVycUBQnjy?si=FC077c_NRFaSvKOqBBg2hw


Thomas Waldherrs Song-Analyse auf dem Cowboy Band Blog:

https://cowboyband.blog/2020/07/03/goodbye-jimmy-reed/

Was bringt uns das Dylan-Jahr 2021? Ein Ausblick

1. Januar 2021

Virtuelle Leuchtturm-Veranstaltung in Tulsa/ Was wird die nächste Bootleg-Folge?/ Viele Ideen rund um Dylan aus dem Hause „Cowboy Band Blog & Thomas Waldherr präsentiert Americana“

Nun, erstmal bringt uns das Jahr 2021 den 80. Geburtstag von His Bobness am 24. Mai. Hoffen wir, dass unser Held gesund bleibt. Unverändert aktiv ist er ja trotz jähem Stopp der Never Ending Tour in 2020 dennoch gewesen: Ein neues meisterliches Album, eine ganz starke neue Radio-Show, Beteiligung an zwei Filmprojekten – Dylan-Biopic und Baseball! – dazu eine neue Ausstellung seiner Gemälde in der Londoner Halcyon Gallery und die Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Jahr 1970 auf drei CDs in extrem kleiner Auflage. Und dann natürlich die Geschichte mit dem Verkauf der Songrechte.

Thomas Waldherr und der Cowboy Band Blog wünschen ein gutes neues Jahr 2021! (Foto: Andrea Goldschmidt)

Dylan war 2020 trotz Corona und Absage der Konzerte ungemein produktiv

Ich habe Letzteres für mich eher positiv interpretiert, als ein Zeichen dafür, dass Dylan den Nachlass ordnet und die Familie absichert. Bei anderen spült es aber scheinbar wieder die alten antisemitischen Reflexe nach oben: „Ja, ja die Juden und ihr Händchen für Geld und ihr Einfluss im Finanzkapital.“ Schon Günter Amendt hat anlässlich der Berichterstattung über Dylans Deutschlandtournee 1978 antisemitische Stereotype bezüglich Dylans „Reichtum“ festgestellt. Einfach dumm und überflüssig!

Mit der Veröffentlichung der 1970er-Aufnahmen ist dann die Brücke ins neue Jahr geschlagen. Was wohl wieder der Copyright-Sicherung diente, wird nun aufgrund der großen Nachfrage, so heißt es offiziell, ganz regulär am 26. Februar als 3-CD-Box „Bob Dylan 1970. With special guest George Harrison“ auf den Markt gebracht. Die Veröffentlichungen nehmen also weiter zu, und wie ich finde, wird dadurch die Bootleg Series etwas verwässert. Diese war immer gut editiert, inhaltlich sinnvoll aufbereitet und hat dadurch stets wichtige Einsichten in Dylans künstlerische Entwicklung geboten. Dies tritt nun leider zugunsten scheinbar situativer Veröffentlichungen etwas in den Hintergrund. Erst zum Scorsese-Film, jetzt eben zu 1970.

Ich hoffe dennoch für 2021 auf einen weiteren Teil der Bootleg Series. Vielleicht endlich mal was aus der Never Ending Tour. Oder Aufnahmen rund um die 1978er Tour, oder die Duette mit Clydie King. Letzteres wäre aber zu sensationell, als dass man wirklich darauf hoffen sollte. Na, ja, träumen…

Viele Veranstaltungen zu Dylan anlässlich des 80. Geburtstages

Veranstaltungen rund um Dylan anlässlich des Geburtstages wird es wieder sehr viele geben. Der Leuchtturm ist hier natürlich der große Online-Dylan-Event „Dylan@80“ vom 22. bis 24. Mai des „Institute for Bob Dylan Studies“ der Universität Tulsa. Wer den großen Kongress 2019 vor Ort miterlebt hat, der weiß, welch vielfältiges und interessantes Programm uns alle hier erwartet. Darauf kann man sich nur freuen.

Doch nicht nur in der virtuellen Welt, sondern auch in der realen Welt wird tüchtig an Tribute-Veranstaltungen – quer durch diese Republik – gearbeitet. Ich selber habe einiges vor, von dem ich gar nicht schon alles verraten möchte. Los geht es am 28. Februar und 14. März mit zwei Veranstaltungen zu Joan Baez (die ebenfalls 80 wird) und Bob Dylan bei der Volkshochschule Frankfurt:

https://cowboyband.blog/2020/12/01/die-heilige-johanna-und-das-chamaleon/

Und am Freitag, 14. Mai veranstaltet die Volkshochschule Darmstadt einen großen Bob Dylan-Abend, bei dem meine Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ Kooperationspartner ist und ich einen Multimedia-Vortrag halte. Natürlich gibt es da auch viel Livemusik rund um Dylan:

https://cowboyband.blog/2020/12/20/save-the-date-volkshochschule-darmstadt-wurdigt-den-tambourine-man-bob-dylan-zum-80-geburtstag-am-freitag-14-mai-2021-mit-groser-veranstaltung/

Daneben wird es von mir weitere Publikationen geben, weitere Vortragsveranstaltungen und Konzerte sind im Gespräch und es gibt auch die Idee eines Dylan-Bühnenabends mit Lesungen, Spielszenen und Livemusik. Was dann wie und wo davon umgesetzt wird, gebe ich natürlich rechtzeitig auch dieser Stelle bekannt. Vieles ist möglich und der spannende Findungsprozess wird jetzt Anfang des Jahres in die entscheidende Phase gehen.

Copyright: Wikimedia Commons

Wird Dylan wieder Konzerte spielen?

Bleibt natürlich noch die wichtige Frage danach, ob wir noch einmal Dylan-Konzerte erleben werden. Ich denke ja, aber anders. Ich könnte mir vorstellen, dass Dylan sich den Stress des ständig um die Welt jetten nicht mehr antun wird. Wenn er 2021 Konzerte geben wird, dann glaube ich ab der zweiten Jahreshälfte im Herbst mit kleinen Konzertreihen an wenigen Orten in den USA: Vielleicht immer so 3-5 Konzerte in Los Angeles, Las Vegas, Nashville, Chicago, New York. Und wenn er 2022 dann noch einmal nach Europa kommen sollte, dann wahrscheinlich London, Paris, Madrid, Rom, Wien, Frankfurt, Berlin. Ich glaube nicht, dass Dylan, wenn es seine Gesundheit zulässt, sich das Ende seiner Konzertkarriere von der Pandemie vorschreiben lässt.

Und so sind die Aussichten auf das Dylan-Jahr 2021 eigentlich ziemlich positiv. Hoffen wir – und das tue ich fest – dass wir im Laufe des Jahres 2021 die Pandemie im Griff und dann bald hinter uns gelassen haben. Wenn dem so ist, steht einem tollen Dylan-Jahr nichts mehr im Wege.

In diesem Sinne möchte ich allen Leser*Innen meines Blogs für Ihr bisheriges Interesse sehr herzlich danken und wünsche allen ein gutes, gesundes und zufriedenstellendes Jahr 2021 und weiterhin eine anregende Lektüre von „I’m in a Cowboy Band“!