„The Freewheelin‘ Bob Dylan“ meets „The Basement Tapes“

Das alte, unheimliche Amerika war immer auch gefährlich und nie wirklich weg / Gesellschaftskritische Folksongs sind aktueller denn je

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Greil Marcus hat mit seinen lesenwerten Büchern über die legendären „Basement Tapes“ den Begriff „The old, weird America“, das „alte, unheimliche Amerika“, geprägt. Als Marcus‘ „Invisible Republic“ 1997 erschien, also vor fast einem Vierteljahrhundert, war das die hohe Zeit  von Historizismus und Postmodernismus. Nach dem Zusammenbruch der poststalinistischen Regimes hinter dem eisernen Vorgang hatten Liberalismus und Kapitalismus scheinbar gesiegt. Das Ende der Geschichte wurde ausgerufen. Die soziale Frage und die Interessengegensätze zwischen Kapital und Arbeit schienen keine Rolle mehr zu spielen. Kein Wunder, dass sich die progressiven Volksparteien davon verabschiedeten. Sie machten ihren Frieden mit dem Neoliberalismus und machten noch mehr als ohnehin schon in Kosmetik der gesellschaftlichen Widersprüche. Jetzt wurden die Symptome nicht mal mehr repariert, sie wurden einfach übertüncht. Historizismus und Postmodernismus in Amerika gingen zu dieser Zeit gleichsam davon aus, dass in einer hochzivilisierten liberalen Gesellschaft auch die Verhältnisse des alten, unheimlichen Amerika vorbei und vergangen sind.

Songs über das alte, unheimliche Amerika

Die Songs über das alte, unheimliche Amerika erzählen von Mord und Totschlag aus Frauenfeindlichkeit und Eifersucht. Sie erzählen von Gesetzlosen und Totschlägern, die sich nicht von Ordnungsbehörden gängeln lassen wollen. Sie erzählen von Naturkatastrophen, aber auch von Katastrophen, die aus menschlicher Gier nach Reichtum verursacht wurden. Sie behandeln wahre Geschichten genauso wie Märchen und Mythen. Sie erzählen von Alkohol, dem Teufel und vom lieben Gott. Von Pioniergeist, Rassismus, Ausbeutung und Gewalt bei der Eroberung des Landes. Aber auch vom Kampf gegen die Mächtigen, gegen Unrecht und Verfolgung. Sie bilden ganz Amerika ab, das immer auch ein gefährliches Amerika war.

Wenn Dylan & The Band diese Songs bei den „Basement Tapes“ aufgenommen haben, dann in einer Mischung aus Nähe und Distanz und einer gewissen Faszination am Abgründigen. Sie wissen, dass dies die Tradition des Folksongs ist. Er sagt viel über die Wirklichkeit des alten Amerika. Er war das Medium zur Verbreitung von Nachrichten und Narrativen. Wenn Dylan und The Band diese Songs spielen, machen sie sich nicht immer die Haltung der Protagonisten zu Eigen. Sie sind Chronisten, sie sind gleichsam selbst die Medien.

Ein moderneres, gerechteres Amerika?

Das alte, unheimliche und gefährliche Amerika schien Ende der 1960er Jahre seine letzten Kämpfe zu führen. Der Roosevelt’sche „New Deal“ der 1930er und 1940er Jahre, Gewerkschaftskämpfe, der wirtschaftliche Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg und „The Great Society“ hatten die Willkür der Großgrundbesitzer, der Mächtigen in Wirtschaft und Finanzen beschnitten, die Rechtssicherheit, die soziale Gerechtigkeit und die Bildungschancen für alle gestärkt. Der beginnende Vietnamkrieg, der Rassismus, und die sich ausbreitenden gesellschaftlichen Haltungen von Konformismus und Konsumismus führten währenddessen zu Jugendprotest und Bürgerrechtsbewegung und diese wiederum zur Hoffnung auf ein anderes Amerika. Der Civil Rights Act hatte Mitte der 1960er Jahre dann die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß formal endlich festgeschrieben, doch aufgrund der tatsächlichen Lage im Land blieben die Rassenkonflikte latent.

Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnet den Civil Rights Act, Copyright: Wikimedia Commons

Dann kam der „Summer Of Love“ und während die einen in Lebensreform und Psychedelic-Rock eskapistisch abhoben, gingen Bob Dylan und die The Band in den Keller von Big Pink und erdeten sich mit amerikanischer Geschichte und einem Verständnis davon. Während Dylan seinen Fundus aus Folksongs mitbrachte, hatte The Band Blues, Soul, Gospel und Country im Gepäck. Zusammen erschufen sie das genreübergreifende Genre „Americana“. Der Begriff und das Genre wurden aber erst in den 1990ern und 2000ern wirklich manifest. Wieder waren es in diesen Jahren junge Rockmusiker, die zu den Country-, Folk- und Blueswurzeln zurückgingen.

Anfang des neuen Jahrtausends bekamen Americana und Old Time Music durch den Film „O Brother Where Art Thou“ und vor allem durch seinen Soundtrack einen enormen Aufschub. Aber auch dieser sehenswerte, bahnbrechende Film der Coen Brüder ist ein historisierendes Werk. Es ist eine postmoderne, schräg-humorvolle, abgeklärt-ironisierende Betrachtungsweise der US-Südstaaten in der Great Depression. Alle Zutaten – Armut, Gewalt, Rassismus, Korruption, Bigotterie – sind zwar vorhanden, aber die Härte der Auseinandersetzungen und Verwerfungen ist mit viel Sepia eingefärbt und Weichzeichner bearbeitet. „Davon sind wir heute weit entfernt. Wir können uns darüber amüsieren, weil es eben von gestern ist.“ So war die Gewissheit in liberalen Kreisen. Alleine Gruppen wie die schwarze Old Time Band „Carolina Chocolate Drops“ erinnerten in der Neo-Folkwelle an die rassistischen Kontinuitäten und die verdrängten afroamerikanischen Wurzeln der Folk- und Countrymusik. Und Bob Dylan zeigte die Widersprüche der amerikanischen Selbsterinnerung und der Rezeption der Südstaaten-Traditionen mit seinem Werk „Love und Theft“ auf.

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“

Denn hinter der Historisierung lebte die alte Welt weiter. Wie Williams Faulkner sagte: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Denn die alten Vorurteile lebten weiter, der alte Rassismus, der alte Geist der Sezession. Martin Luther King Jr. wurde 1968 in Memphis ermordet, Bobby Kennedy fiel im selben Jahr ebenfalls einem Attentat zum Opfer. Als dann mit Jimmy Carter ein Hoffnungsträger und Freund Bob Dylans zum US-Präsidenten gewählt wurde, hatten sich die Abwehrkräfte des gesellschaftlichen Fortschritts längst wieder neu formiert. Carters Präsidentschaft scheiterte.

Denn gepaart mit einem evangelikalen Furor grub sich der reaktionäre Ungeist ab Ende der 1970er in die Mentalitäten der Menschen wieder und verstärkt ein. Ronald Reagans Politik des Neokonservatismus – Law & Order, die Reagonomics von wirtschaftlichem Neoliberalismus und Sozialabbau, und unverhohlener Rassismus – führte die schon unter Nixon begonnene Zerschlagung des Sozialstaats weiter. Er trieb den Paradigmenwechsel voran und brach endgültig mit den letzten Relikten des New Deal. Die soziale und gesellschaftliche Spaltung nahm ihren Lauf.

Reagonomics: Ronald Reagans Steuergesetzgebung, Copyright: Wikimedia Commons

Der schwere Fehler von Clinton und später Obama war es, dies nicht als eine Episode anzusehen und wieder zurückzudrehen, sondern sich mit den Reagan’schen Veränderungen weitgehend abzufinden. Obama lobte sogar Reagans Appelle an die Eigenverantwortlichkeit der US-Bürger. Die aber nichts anderes waren, als Reagans Maskerade für den Sozialabbau, der gerade die Afroamerikaner traf.

Der Geist aus der Flasche und der Folksong

So kam das alte unselige alte Denken in den Zeiten der Finanzkrise und dem ersten schwarzen Präsidenten wie der Geist aus der Flasche stärker denn je zurück. Viele einfache weiße Leute verbanden Obama aufgrund dessen verfehlter Politik in der Finanzkrise mit dem Verlust ihres Häuschens. Rassismus, desparater, unreflektierter Sozialprotest und die übliche ablehnende Haltung zur Bundesregierung und zum „Washingtoner Establishment“ führten zur Tea Party-Bewegung und veränderten die Partei der Republikaner deutlich. Und dies machte einen Trump erst möglich. Und der nutzte die sozialen Medien und schürte Hass und Verschwörungstheorien.

Das Ergebnis sehen wir heute: Den Sturm auf das Kapitol und die Angst dass in den Tagen um die Amtseinführung von Joe Biden erneut marodierende Banden in ganz Amerika aufmarschieren und Gewalt ausüben.

Copyright: Columbia Records

In meinem letzten Blogeintrag – https://cowboyband.blog/2020/04/21/the-bickenbach-texas-home-office-diary-29/ – habe ich nach dem neuen Folksong gefragt, der den Sturm auf das Kapitol zum Inhalt hat. Denn dieses nationale Trauma schreit nach Vertonung. Denn es stimmt leider nicht, was Joe Biden aus gutgemeintem Versöhnungswillen sagt, das wäre nicht Amerika. Doch, das ist auch Amerika, sagen sowohl Sportstar Megan Rapinoe als auch die Historikerin Jill Lepore. Denn die amerikanische Geschichte ist auch eine Geschichte der Gewalt. Der junge Bob Dylan hat diese Tatsache auf seinem epochalen Longplayer „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ in „With God On Our Side“ genauso besungen wie fast 50 Jahre später die Avett Brothers mit „We Americans“. Amerika ist auf dem Rücken der Schwarzen und auf dem Land der Indianer aufgebaut worden. Amerikas Geschichte war auch immer von Spaltungen geprägt. Und „Oxford Town“ oder „Only A Pawn In Their Game“ zeigen auf, wozu der Mob fähig ist. „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ und „The Times They Are A-Changin'“ beschrieben das damalige zeitgenössische gefährliche Amerika der Rassenauseinandersetzungen und stehen damit ebenfalls in der Tradition der Songs, die Dylan und The Band vier Jahre später aufnehmen sollten. In diesen Traditionen würde denn auch der Folksong stehen, der noch geschrieben werden muss. Eine erste Annäherung ist unten im Video zu hören und zu sehen.

Quo vadis, Amerika?

Amerika muss, wenn es wieder gleicher, vielfältiger, einiger und gerechter werden will, sich zu zwei markanten Punkten bekennen: Der Hypothek des gefährlichen Amerika und der Tradition des Roosevelt’schen New Deal. Je weniger sozial gespalten die Demokratie, je weniger sie von unkontrollierten Kapitalinteressen ausgehöhlt ist, desto stärker ist sie. Warum sollte nicht auch irgendwann das gefährliche Amerika vergangen sein?

Zwei Klassiker von Bob Dylan:

Und ein erster Folksong zum Sturm auf das Kapitol:


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