Abschiede ins Unbekannte

28. November 2021

„Gone“, das aktuelle Album von Tim Grimm, US-Folksänger aus Indiana, ist ein ruhiges, schönes Werk über Träume und Verluste

Copyright: Cavalier Recordings

Eigentlich wollte Tim Grimm – einer der wichtigsten zeitgenössischen Folksänger Amerikas, der auch schon Gast der Darmstädter Americana-Reihe war – in diesem Jahr gar kein Album veröffentlichen. Doch das Jahr 2020 mit Corona-Pandemie und einer immer größer werdenden sozialen Spaltung in der US-Gesellschaft, mit rassistischer Polizeigewalt und der Präsidentschaft Trumps ließen Songideen sprießen und ein Album wollte aufgenommen werden.

„Dieses Album ist … ernst, melancholisch und manchmal düster…. Aber ich betrachte diese Beschreibungen durch eine Linse, die auch das „Licht“ zulässt. Einer folgt dem anderen. Ich bin mit traurigen Liedern aufgewachsen – das waren die Lieder, die mir im Gedächtnis geblieben sind, die mich dazu bringen konnten, etwas zu „fühlen“. Das ist jetzt auch Teil meines Ziels als Songwriter“, beschreibt Tim die Grundstimmung seines Albums.

Was der USA verloren gegangen ist

Der Titelsong „Gone“ erzählt in bitterschönen, stimmigen Bildern davon, was in den USA verloren gegangen ist. Der Zusammenhalt, das Gefühl, ungeachtet der Herkunft, es zu etwas bringen zu können. Der amerikanische Optimismus, der Zusammenhalt – alles weg. Wegen Corona, wegen der immensen sozialen Ungleichheit, wegen des Rassismus, wegen Trump. Gegangen ist auch mit Tim Grimms Vorbild und Freund John Prine, einer der größten Songwriter Amerikas.

Tim veröffentlichte den Titeltrack im vergangenen Herbst als Single und er stieg schnell zum Nummer-Eins-Song des Jahres 2020 in den Folk-DJ-Charts auf. „Gone“ wurde auch als Song des Jahres bei den International Folk Alliance Awards 2021 nominiert. Der Titeltrack gibt die Richtung dieses melancholischen Albums vor, in dessen Zentrum neben „Gone“ zwei Abschiedssongs für verstorbene Menschen stehen. Für die junge Laura Pearl aus der Perpektive der Eltern gesungen und für den alten native American Joseph Cross, geschrieben vom ebenfalls 2020 verstorbenen Songwriter Eric Taylor.

Träume und Wehmut

Neben den Verlusten stehen die Träume in Mittelpunkt des Albums. „A Dream“ heißt denn auch der erste Song. Der Traum von einem Kind, das es nicht gibt. Vielleicht das Kind, das man wollte und das dann nie kam oder aber eine Vorahnung von dem was noch kommen kann. Tims Song schwebt hier über den klaren Antworten. Danach folgt „Carry Us Away“. Eigentlich ein klassisches amerikanisches Bild des Aufbruchs um es an einem Ort besser zu haben. Ein Weg, der im heutigen Amerika verbaut scheint,  in dem es entweder keinen Aufbruch mehr geben kann, zu hoffnungslos erscheint die Situation überall im Land, oder kein Ankommen mehr, wie der Film Nomadland über die Wanderarbeiter eindrucksvoll aufzeigt. So wird der Film eine Art wehmütiger Rückgriff. 

Zwei Songs fallen aus dem melancholischen Grundton des Albums heraus. Da ist zum einen „25 Trees“. Ein leichtfüßiger Song über das Auflisten von Buch- und Baumbeständen als stoische Antwort auf die Einsamkeit der Pandemie. Völlig ausgelassen aber ist der Talking Blues „Cadillac Hearse“. Eine Geschichte aus der Jugendzeit in den 1960ern, an dessen Ende der15-jährige einer Frau bei der Geburt geholfen hat. Sicher steht auch dieser Song für das Vergangene, aus dem aber Neues entstehen kann, und wie einen das überfordern kann.

Wohin geht die Reise?

Das Album ist mit seinen Erzählungen über Verluste und Träume ein Album, dass gut in diese Zeit passt. Es eine Zeit der Veränderungen, in der man von vielem Abschied nehmen muss, ohne konkret zu wissen wohin die Reise geht. Dies führt dazu, dass Träume und Albträume sich abwechseln und das Album stets in der Schwebe bleibt. Tim Grimm ist einfach ein großartiger Beobachter und feinsinniger Storyteller, der stimmige Metaphern ausbreitet. Begleitet wird er auf diesem feinen Folk-Album wieder von seiner Familie sowie zusätzlich von Susan Lindfors, der Witwe von Eric Taylor und seinen Freunden James Gilmer (Percussion) und Marco Feccio (E-Gitarre), die beide mit Eric spielten und Aufnahmen machten.

Ein Album mit dem Tim Grimm wieder einmal mehr seinen Status als einer der bedeutendsten Folksänger der USA unterstreicht. Ein melancholisches, manchmal leises, aber stets weises und sehr menschliches Album.

Tim Grimm: Gone

Erscheinungsdatum: 10. September 2021

Label: ‎Cavalier Recordings (Broken Silence)

Trackliste:

A Dream                                

Carry Us Away                     

Cadillac Hearse                   

25 Trees                               

Laurel Pearl                          

Joseph Cross                       

Gone                                     

Dreaming of King Lear     

A Dream (Reprise)            

What A Wonderful World…

26. November 2021

SONiA disappear fears wohltuendes und wärmendes Konzert beendete den diesjährigen Konzertreigen von „Thomas Waldherr präsentiert Americana“. Bei dem war Bob Dylan irgendwie immer auch dabei.

SONiA diappear fear beim Americana-Konzert in Darmstadt am 25. November, Copyright: Thomas Waldherr präsentiert Americana

Wundervoll. Wohltuend. Wärmend. Sonia Rutsteins (aka SONiA disappear fear) Konzert war genau das richtige zur richtigen Zeit. Wenn die Pandemie wieder anzieht und die Menschen sich wieder sorgen, da war SONiAs Konzert der Lichtblick, der Hoffnungsschimmer und die Ablenkung, die wir alle brauchen, um durch diese Zeiten zu kommen.

Allein ihre wundervolle Klavierversion des Klassikers „What A Wonderful World“ berührte schon die Herzen. Ebenso wie ihr zärtliches „The Princess & The Honeybee“. Sie ist eine wunderbare Menschenfreundin und Menschenfischerin, schnell hatte sie das Publikum in ihrem Bann und wechselte stets zwischen gefühlvollem und engagiertem Liedgut. Kaum einer beherrscht das so wie die mehrfach Grammy-nominierte US-Singer-Songwriterin, deren Cousin Bob Dylan und ihr wichtigster Einfluss Phil Ochs ist. Und so spielte sie John Lennons „Imagine“ ebenso wie ihren eigenen Protestsong „The Banker“, streute politische Mahnungen wie „By My Silence“ (nach Martin Niemöller) ebenso ein wie Songs über die eigene Identität („Me Too“).

Immer wieder kommt sie gerne nach Deutschland und so sang sie selbstverständlich auch in Darmstadt „Wandering Jew“, ihr Lied über ihre starke Beziehung zu Deutschland und vor allem zu den Menschen, die sie dort kennengelernt hat. Nachdem dann auch der Kurator der Konzert-Reihe zum Gesangsauftritt auf die Bühne gerufen wurde und SONiA ihn zu Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“ begleitete, endete das Konzert dann mit der Zugabe und den Klängen von Leonard Cohens „Hallelujah“. Es folgten Jubel und Applaus und einige wollten gar nicht nach Hause. Wir sehen uns wieder, liebe Sonia, wir freuen uns sehr darauf!

„Wenn wir spielen können, spielen wir“

Mit diesem Konzert geht also die Herbstsaison 2021 zu Ende. Wir sind froh, dass wir dieses Konzert noch stattfinden konnte. Oder wie ich zur Begrüßung gestern sagte: „Solange wir spielen können, spielen wir auch“. Möglicherweise kommen demnächst doch noch mal ein Lockdown oder schärfere Kontaktbeschränkungen. Dennoch bleibt die Hoffnung bestehen, dass wir Ende Januar ins Programm 2022 starten können. Absagen kann man, wenn es sein muss, immer noch. Aber dem Publikum und den Künstlern zu zeigen, wir haben was vor, wir wollen was bieten, wir planen was, das ist uns schon wichtig. Daher liegt der Programmflyer für das 1. Halbjahr 2022 auch schon vor und wird verteilt.

2022 etwas weniger Dylan im Programm

Bob Dylan ist eine der Stifterfiguren der Darmstädter Americana-Reihe. Neben Woody Guthrie, Pete Seeger oder Johnny Cash. Darum war es auch sehr passend, dass alle Künstler der Veranstaltungen im Jahr seines 80. Geburtstages eine Beziehung zu Dylan hatten bzw. aufbauten. So wie Romie mit ihrem wunderschönen Cover von „Don’t Think Twice“. Oder die Woog Riots mit ihrem Bob Dylan-Song und Hannah & Falco, die neben Künstlern wie Dan Dietrich, Wolf Schubert-K. oder Martin Grieben – allesamt bekannt als Dylan-Afficionados – sich Dylan wunderbar annäherten. Von Oliver Mally mit seinem Dylan-Cover-Album oder Sonia Rutstein als Cousine des großen Songpoeten ganz abgesehen.

SONiA am Flügel auf der Bühne der Bessunger Knabenschule, Copyright: Thomas Waldherr präsentiert Americana

2022 werden wir uns erst einmal etwas von Dylan entfernen. Wobei ein Dylan-Song eigentlich für jeden Künstler, der in der Americana-Reihe auftritt „Pflicht“ ist. Na, ja, jedenfalls wünscht sich das der Kurator immer. Mal schauen. Wir werden mit Sofia Talvik und Menna Mulugeta starke Frauen erleben, Hannah & Falco, das junge Folk-Duo aus Würzburg, bekommt einen eigenen Abend und wir werden mit einem musikalischen Vortragsabend mit Cuppatea und Steffen Lehndorff zum „New Deal“ in den USA auch wieder einmal eine etwas politischere Veranstaltung durchführen. Um dann doch mit Dylan das Halbjahr zu beschließen. Aber mit einer etwas anderen Perspektive. Martin Grieben und ich gehen mit einem Bühnenabend dem komplexen Verhältnis zwischen John Lennon und Bob Dylan auf den Grund.

Mehr zu alldem zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt verschnaufen wir erstmal und schauen, was die nächsten Tage bringen. Aber wie auch immer: Die Musik bleibt und wir stehen bereit, sie auf die Bühne zu bringen.

Zwei Videos von SONiAs Darmstädter Konzert:

Bernie Conrads (1950 – 2021)

19. November 2021

Am 17. November ist Bernie Conrads gestorben. Mit „Bernies Autobahn Band“ und als Songwriter für Peter Maffay, Stefan Stoppok und andere hat er deutsche Musikgeschichte geschrieben.

Bernie Conrads, Copyright: Folk Freak

Ich hatte gerade Bob Dylan für mich entdeckt, da sah ich Ende der 1970er erstmals Bernies Autobahn Band als Straßenmusiker in der Darmstädter Fußgängerzone. Die Musik war Folk-Rock mit einem Schuss Country, die gefiel mir sehr, war ich doch über die Musik des Albums „Desire“ und dem Song Hurricane zu Dylan gekommen. Tatsächlich hatte Bernie viel mit Dylan am Hut. Damals spielten sie immer wieder „Is Anybody Goin‘ To San Antone“, den u.a. ja auch Doug Sahm mit Dylan aufgenommen hatte und ich dachte lange fälschlicherweise das sei ein Dylan-Song. Ich sah BAB noch mehrmals in den 1980er Jahren, u.a. beim Folk-Fest im Darmstädter Schlosshof, das es schon lange nicht mehr gibt.

Bernie Conrads Songwriting auf Deutsch und sein markant-lässiger Gesang öffneten Tore für viele andere. Sie adaptierten amerikanische Folk-Rock-Elemente und mischten sie mit Liedermacherkunst. Damit unterschieden sie sich von manch allzu pathetischer Ernsthaftigkeit in deutschen Liedermacherkreisen. Und trotzdem waren Bernie Conrads‘ Songs auf subtile Weise politisch und die Band war in den bewegten 1980er Jahren eine ganz klar engagierte Band. Gegen Startbahn West, gegen Nachrüstung, gegen Ausländerfeindlichkeit.

Wie gesagt, Bernie Conrads hatte mit Dylan viel am Hut. Trotzdem beschränkte er sich bei deutschen Dylan-Adaptionen. Er hatte selber viel zu sagen und wollte wohl auch nie zum Dylan-Cover-Artist werden. Aber wenn er es machte, dann war es stets richtig gut. Nach „Weit weg, lange her“ (Long Ago, Fa Away) und „Wenn es Nacht wird in der Stadt“ (Just Like Tom Thumb’s Blues) ließ er vor ein paar Jahren noch „Schicksal“ folgen, eine wunderschöne Version von „Simple Twist Of Fate.

Er war einer der besten Songwriter, den dieses Land je hervorgebracht hat. Ruhe in Frieden, Bernie Conrads.

Temperamentvoll, quirlig, engagiert

5. November 2021

SONiA disappear fear kommt am 25. November wieder in die Darmstädter Americana-Reihe

SONiA disapper fear, Copyright Lea Morales

Sie ist ein gern gesehener, regelmäßiger Gast der Darmstädter Americana-Reihe und verkörpert wie kaum ein anderer Künstler die Haltung der Konzertserie auf der Seite eines friedlichen, vielfältigen und solidarischen Amerikas: Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear. Am Donnerstag, 25. November, tritt die mehrfach Grammy-nominierte Singer-Songwriterin und Cousine Bob Dylans nun erstmals in der neuen Spielstätte von Thomas Waldherrs Reihe, in der Bessunger Knabenschule auf. Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 12 Euro (ermäßigt 10 Euro). Tickets gibt es unter www.knabenschule.de . Die Künstlerin steht für eingängige Folk-Rock-Melodien und eine temperamentvolle, energiegeladene Performance, in ihren Liedern wendet sie sich gegen Homophobie, Rassismus und Gewalt.

Gerne in Deutschland

Die kleine, ebenso zierliche wie quirlige Musikerin ist trotz der immer noch akuten Pandemie nach Deutschland gekommen. Dort gibt sie nicht nur Konzerte, sondern ist auch anderen Aktionen beteiligt. „Ein weiterer wirklich toller Grund, warum ich auf dieser Tour bin, sind Songwriting-Workshops“, sagt sie. „Sowohl in Rosenheim als auch in Hof habe ich Songwriter-Workshops mit je 22 zuvor ausgewählten 22 Schüler:innen geleitet. Daran teilzuhaben, wie aus nichts ein gemeinsames Werk entsteht, war und ist eine großartige Erfahrung. Das waren sehr spannende Tage.“

Für den 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, ist ein globales, virtuelles Livestream-Konzert in einer Synagoge in Freudental geplant. Der kostenlose, globale Livestream wird auf der Facebook-Seite SONiA disappear fear übertragen. Sie tritt ganz bewusst als amerikanische Jüdin an diesem Abend in einer Synagoge in Deutschland auf. „Ich liebe und vertraue Deutschland jetzt. Ich fühle mich hier willkommen und sicher. Deutschland war auch die Heimat meiner Vorfahren“, erklärt die in Baltimore lebende Künstlerin. Und setzt eine ganz klare programmatische Aussage als Überschrift zu diesem Konzert: „Wir müssen uns daran erinnern, was passiert ist, um es niemals wieder zuzulassen.“

Überhaupt ist die Beziehung Sonia Rutsteins zu Deutschland mittlerweile sehr eng, sie hat über die Jahre viele Freunde hier gewonnen. „Ich fühle mich hier sehr zu Hause. Das Tolle ist, dass meine Freunde hier mich voll und ganz unterstützen“, bestätigt sie.

Vorbild Phil Ochs

Zwar ist sie die Cousine von Bob Dylan – ihre gemeinsame Tante Harriet Rutstein lehrte den jungen Bobby Zimmerman das Klavierspiel – und verehrt den Künstler und seine Musik sehr (ein Dylan-Cover ist meistens im Gepäck), musikalisch beeinflusst hat sie aber vor allem Dylans Zeitgenosse Phil Ochs. „Ich fühle mich so verbunden mit seinen Liedern. Es waren wirklich seine Lieder, die ich im Alter von 16 Jahren entdeckte, die mir das Gefühl gaben, nicht allein auf dieser Welt zu sein“, erinnert sie sich. Und bis heute begleiten sie diese Lieder. „Viele seiner Lieder habe ich schon ganz früh in meinem Gitarrenleben gelernt. Obwohl die meisten von ihnen recht politisch sind, durchdringen Themen wie Rassismus, Ungleichheit, faschistische Regierungen und Gewalt unsere Gesellschaften noch heute. Seine Lieder müssen also immer noch gehört, überdacht und genossen werden.“

Überhaupt ist ihr humanitäres und gesellschaftliches Engagement sehr wichtig. Sie engagiert sich seit langem gegen Rassismus und Homophobie und seit einigen Jahren für die Freilassung von Nudem Durak. „Nudem Durak ist eine junge Frau aus der Türkei, die brutal behandelt und eingesperrt wurde, nur weil sie auf Kurdisch gesungen hat. Ich glaube, das eigentliche Verbrechen ist das Gesetz gegen die Freiheit, sich auszudrücken. Also schrieb ich ein Lied auf Kurdisch und Englisch, um Nudems Kurdisch lebendig zu halten. Der Text von ‚A Voice for Nudem Durak‘ erklärt alles in nur vier Zeilen: ‚Wir werden für dich singen / Deine Stimme wird gehört / Wir sind eine Familie / Wir sind eine Welt‘.“

Auch zur Situation in den USA hat sie eine ganz klare Haltung: „Ich bin eine progressive Demokratin. Ich unterstütze Bidens Agenda. Die amerikanische Freiheit und der Fortschritt scheinen im Todesgriff festgehalten zu werden. Wir werden von eiskalten, narzisstischen Republikanern erwürgt, die das Feuer der Unwissenheit und des Hasses anheizen. Es ist barbarisch.“

„Wärme des Darmstädter Publikums“

Kein Wunder, dass sie da immer gerne zu ihren Freunden nach Deutschland kommt und dabei seit einigen Jahren auch immer wieder nach Darmstadt: „Ich liebe es total, Teil dieser besonderen Musikserie zu sein. Ich fühle mich geehrt, daran teilzunehmen. Da ist eine Wärme des Publikums, die ich von meinem ersten Auftritt in Darmstadt an gespürt habe.“

Americana-Kurator Thomas Waldherr blickt voller Vorfreude auf SONiAs Auftritt: „Sie ist eine gute Freundin. Sie war zuletzt 2019 Teil des großen Pete Seeger-Abends und wird nach erstmals nach 2018 wieder mit einem Soloprogramm bei uns an den Start gehen. Sie verkörpert mit ihrer Musik und ihrer Person die Haltung, für die unsere Americana-Reihe steht. Das wird ein stimmungsvoller Abend.“

Du kannst den Teufel nicht schlagen

29. Oktober 2021

Blues, Dylan und viel Humor: „Sir“ Oliver Mally begeistert bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“

Es war ein funkensprühender, fantastischer Abend: „Sir“ Oliver Mally eroberte am Donnerstag die Herzen des Publikums in der vollbesetzten Halle der Bessunger Knabenschule im Sturm, und legte ein in der Darmstädter Americana-Reihe wirklich denkwürdiges Konzert hin. Mit eigenen Blueskompositionen, Blues-Klassikern und ein paar Dylan-Covern – vorgetragen mit Kraft, Feinheit, Herzenswärme und viel Humor – hielt er die Zuhörerschaft mehr als zwei Stunden in seinem Bann.

„Sir“ Oliver Mally, Foto: Americana

Virtuosität und Humor

Dabei lotet Mally die Grenzen des Blues bewusst aus, spielt virtuos sowohl mit den musikalischen Bluesmotiven, als auch mit den ewigen Bluesthemen von Liebe, Verlust, Einsamkeit und Alkohol. Er meint sie ernst, aber er persifliert sie gelegentlich. Er nimmt sie auf die Schippe, aber er kompromittiert sie nie. Sagenhaft wie er in „You Can Beat The Devil“ die Szene eines Trinkenden an der Bar bis zum letzten auskostet, dabei in komödiantischer Art das Kazoo spielt. Überhaupt ist dieser Oliver Mally aus der Steiermark ein Komödiant. Ebenso unterhaltsam wie seine Musik sind auch seine Sprüche und Erzählungen zwischen den Songs. Besonders schön seine Geschichte aus Bielefeld, als das nur fünfköpfige Publikum bei schnellen Stücken keine Regung, um dann aber beim ganz sentimental-leisen „Sweet And Fine“ plötzlich auf der Tanzfläche abzugehen. Dies führt zu großem Amüsement des Darmstädter Publikums.

Den Menschen zugewandt

Und das alles tut er ganz den Menschen zugewandt, er genießt den Zuspruch des Publikums, und gibt ihn immer wieder zurück. Da ist einer auf der Bühne ganz in seinem Element. Wenn er zu sdeinen Gitarrenläufen immer wieder einmal seufzt oder kurze Rufe der Begeisterung ausstößt, dann merkt man, wie sehr er in seiner Musik aufgeht. Aber Mally ist nicht nur die Rampensau, sondern auch ein sensibler Sänger und Poet. Das beweist er beispielsweise auch in seinen Verneigungen vor dem Songwriter-Papst himself, Bob Dylan. Wie zärtlich Mally „Simple Twist Of Fate“ spielt, rührt einen an. Der „Sir“ hat zum schwierigen Feld der Dylan-Covers die richtige Einstellung gefunden. Den eigenen Stempel aufdrücken, ohne die großen Werke zu zerdrücken. Es gelingt ihm großartig.

Umjubeltes Konzert

Seine Stücke wie „21st Century Blues“ oder „Butterfly Girl“ sind Blues und Folk auf hohem musikalischen Niveau, daneben spielt er immer wieder mal ein Cover, so auch das wunderbare „My Old Friend, The Blues“ von Steve Earle, ebenfalls einer der Höhepunkte des Abends. Am Ende spielt er „Like A Rolling Stone“ und dann noch ein paar Zugaben und schließt mit „Time“, einem langsamen und leisen Stück von Tom Waits dieses Konzert der Extraklasse ab. Der Rest ist Jubel. Der „Sir“ hat wieder einmal alle für sich gewonnen!

Video: „One Too Many Mornings“

Video: „You Can’t Beat The Devil“

The Ballad of Bessie and Bill

22. Oktober 2021

Liebe im bigotten US-Süden der 1950er Jahre: Die komplexe Geschichte von Bessie Lee Mauldin und Bill Monroe. Einer ihrer wichtigsten Bluegrass-Gospels fand auch den Weg in Bob Dylans Repertoire

Bessie Lee Mauldin und Bill Monroe, Copyright: Jim Pleva, Golden Stars

Zwei Dinge vorneweg. Es geht mir hier nicht darum, Menschen rückwirkend anzugreifen und auch nicht darum einen großen „Scoop“ zu landen. Motto: „Wusstet Ihr schon?“ Wenn ich hier eine Geschichte aufgreife, die auch die „private“ Seite zweier Künstler betrifft, dann deswegen, weil sie beispielhaft steht für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Countrymusik im letzten Jahrhundert. Rahmenbedingungen, die leider keineswegs überwunden sind, sondern Teil des Kulturkampfes sind, in denen die USA derzeit gefangen sind. Doch der Reihe nach.

Eine Frau bei den Bluegrass Boys

Im Rahmen meines jährlichen Seminars „Musik ist politisch“ in Malente stellte ich vor ein paar Wochen den Bluegrass als eine spezielle Variante der Countrymusik vor und spielte ein Stück von Bill Monroe an. Auf die Frage, wer denn hier bei Bill Monroe & His Bluegrass Boys den Bass spiele, antwortete ich nach kurzer Recherche selbst erstaunt: „Eine Frau! Bessie Lee Mauldin.“ Eine Frau bildete das musikalische Rückgrat der Bluegrass-Buben. Und das nicht nur für ein paar Stücke. Nein, von 1953 bis 1964 spielte sie den Stand Up-Bass in Monroes Band.

Doch mehr als das. Bessie und Bill waren lange Jahre ein Paar. Und schrieben zusammen Gospels wie „A Voice From On High“, den sogar Bob Dylan einige Zeit lang in seinem Live-Repertoire hatte. Sie waren ein Paar, obwohl Bill zeitgleich mit Carolyn Brown verheiratet war. Noch habe ich nicht Richard D. Smiths Monroe-Biographie „Can’t You Hear Me Callin‘: The Life of Bill Monroe, Father of Bluegrass“ gelesen, die im Jahr 2000 erschien und deren Beziehung breiten Raum gibt. Ja, erstmals im Jahr 2000 gab man dem Raum, denn Bessie und Bills Beziehung spielte und spielt in Publikationen oder Dokumentationen über Monroe sonst keine Rolle.

Bessie – die vergessene Musikerin und Partnerin

So ist Bessie namentlich im 1993er Filmspecial „Bill Monroe – Father Of Bluegrass“ überhaupt nicht erwähnt. Etliche ehemalige Mitmusiker von Monroe kommen in dem Film vor. Sogar Arnold Shultz, der schwarze Musiker von dem der junge Bill viel gelernt hat, wird kurz auf einem Foto gezeigt. Bessie aber, die vier Jahrzehnte mit Bill zusammen war, fast zwölf Jahre für ihn spielte, seine Co-Autorin war, und ihn zu seinen großen Bluegrass-Songs wie „Blue Moon Of Kentucky“ inspirierte, kam nicht vor. Warum?

Es muss ein schwieriges Leben für die beiden gewesen sein. Da machte man zusammen Musik und war jahrelang im Tourbus zusammen unterwegs und musste sich ständig kontrollieren, damit nichts ruchbar wurde. Da sang man fromme Lieder und war damit im bigotten Süden gezwungen, auch die christlichen Moralvorstellungen zu leben. Wenigstens nach außen. Offiziell verheiratet war Bill mit Carolyn Brown. Seine Frau wohnte auf seiner Farm. Auf einer weiteren Farm, die er kaufte, lebte er mit Bessie zusammen. Doch es kam nie zum Skandal. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte? Noch nicht einmal ein schwerer Autounfall, dass das Paar nach der Teilnahme (gemeinsam oder getrennt?) an einer Fuchsjagd hatte, führte nicht zu öffentlichem Wirbel über ihrer Beziehung. Heute kaum vorstellbar.


Copyright: Little, Brown and Company

Auch die Scheidungsklage von Carolyn Brown 1960 änderte nichts allgemeinen Stillschweigen. Carolyn beschuldigte Bill des Ehebruchs und ließ sich 1960 von ihm scheiden. Das Scheidungsurteil -auch wieder eine spezielle Südstaatennummer – verbot Monroe, Mauldin zu heiraten, solange Carolyn Brown lebte. Also führte man die „wilde Ehe“ fort, doch 1964 verließ Bessie die Band. Noch fast zwanzig Jahre dauerte ihre Beziehung an, dann starb Bessie 1983 an einem Herzanfall. Nur wenige Monate später starb Carolyn. 1996 dann Bill.

Noch bis in die jüngste Vergangenheit wurde darauf gedrungen, dass diese Seite Monroes nicht öffentlich ausgebreitet wird. So wurde das Biopic „Blue Moon Of Kentucky“, für dessen Umsetzung sich der Produzent Trevor Jolly nun schon seit mehr als zehn Jahren engagiert, von den Nachlassverwaltern von Monroes Childhood-Home in Rosine, Kentucky, nicht gern gesehen, weil darin auch Bessie und Bills Beziehung zentral thematisiert werden sollte. Bill Monroe sollte nicht als normaler Mensch, sondern als fromme, unbefleckte musikalische Ikone gesehen werden. Ob der Film je zustande kommt, steht übrigens weiter in den Sternen.

Die wichtige Rolle der Frauen in Country und Folk

Es ist nicht nur der menschliche Aspekt, der einem dabei so frösteln lässt. Dass die große Liebe seines Lebens, weil sie nicht zu den herrschenden Moralvorstellungen passt, verschwiegen wird und wurde- auch von Monroe selbst – ist tragisch. Doch die wichtige Rolle, die Bessie als Bassistin, Co-Autorin und Inspirationsquelle für Bill und damit für den frühen Bluegrass gespielt hat, wird damit gleich mitverschwiegen. Auch die Bluegrassmusik, die von der schottisch-irischen Tradition des Appalachen-Folk abstammt, dessen „High Lonesome Sound“ ja der von Frauen war, ist keine reine Männergeschichte. Neben Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Flatt & Scruggs sind eben auch Frauen wie Hazel Dickens, Alice Gerrard, Bessie Lee Mauldin und Sally Ann Forrester für das Entstehen und den Aufstieg des Bluegrass mitverantwortlich. Das dies weiterhin gerne vergessen wird, liegt an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Denn die bigotten christlichen Moralvorstellungen des Südens und die Disqualifizierung von Frauen finden sich nicht nur immer noch in konservativen und reaktionären Kreisen im Süden, sie sind sogar wieder auf dem Vormarsch. Man denke nur an die frauenfeindlichen Abtreibungsgesetze in Texas, eine der bedenklichsten Auswüchse des oben genannten Kulturkampfes.

Es lohnt sich, einmal ausführlicher auf die wichtige Rolle der Frauen im frühen Country und Folk zu schauen. Ein erster Beitrag von mir hierzu ist diese Geschichte, ein weiterer mein Artikel zu Frauen wie Sara & Maybelle Carter, Aunt Molly, Alice Gerrard, Kitty Wells, Patsy Cline oder Jean Ritchie in der nächsten Ausgabe von Key West, dem deutschsprachigen Dylan und Americana-Magazin. Denn auch Bob Dylan ist von dieser Musiktradition beeinflusst. Wie „A Voice From High On“ ja deutlich zeigt.

Bill Monroe & His Bluegrass Boys -Blue Moon Of Kentucky

Bill Monroe & His Bluegrass Boys – A Voice From On High

Bob Dylan – A Voice From on High (ab 1:40 min)

„Bob Dylan ist der John Lee Hooker des Folk“

14. Oktober 2021

Die österreichische Blues-Legende „Sir“ Oliver Mally bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ in der Bessunger Knabenschule/ Traditioneller Blues, Eigenkompositionen und Dylan-Songs im Gepäck

Der österreichische Bluesman und Singer-Songwriter „Sir“ Oliver Mally wird in seiner Heimat u.a. als der „beste Blues-Sänger des Landes“ („Die Presse“) bezeichnet und sogar zu den Vertretern des „besten Blues Europas“ (Musikzeitschrift „Concerto“) gezählt. Nun spielt er erstmals in Thomas Waldherrs Americana-Reihe in der Bessunger Knabenschule. Am Donnerstag, 28. Oktober, um 20 Uhr wird er dort solo auf der Bühne stehen. Der Eintritt beträgt 12 Euro, Tickets gibt es unter: www.knabenschule.de . 

„Sir Oliver Mally, Foto: Promo

Muddy Waters, John Lee Hooker und Bob Dylan
„Sir“ Oliver Mally ist seit gut 30 Jahren „On The Road“ und gibt immer wieder starke Alben heraus. in seiner Heimat Österreich ist er eine Institution. Er steht wie kein anderer für den Blues in der Alpenrepublik. Das Faszinierende an dieser Musikrichtung ist für ihn „den Moment, mit dem zur Verfügung stehenden Vokabular zu erforschen“ und „die Songs jeden Abend neu erobern zu können.“ Mehr noch: „Das Eis unter einem darf ruhig zu knacken beginnen. Das erzeugt auch für das Publikum Spannung.“ Mally ist also einer, der sich nie ausruht, der immer auch Grenzen auslotet. Und ist dabei ganz nah an den Musikern, die ihn beeinflusst haben. Muddy Waters, der ihn zum Blues gebracht hat – „und dann hat sich der Blues mich ausgesucht“ – Lightning Hopkins, John Lee Hooker- und Bob Dylan. „Er ist ein bissel der John Lee Hooker des Folk. Sehr im Moment und unberechenbar. Absolut furchtlos. Und seine Texte funktionieren halt auch wunderbar ohne Musik“, schwärmt der Österreicher für den US-amerikanischen Songpoeten. Die Bewunderung für Dylans Werk führte 2019 sogar zu einem ganzen Album mit Dylan-Songs. „Mally Plays Dylan“ heißt das Werk ganz unprätentios, das Cover eine Anspielung auf das legendäre Album „The Byrds Play Dylan“. Die Zeitschrift Rock-Times lobte: „Es liest sich immer wie selbstverständlich, wenn Musiker bei einem solchen Vorhaben den Respekt vor der Tradition der Kompositionen bewahren. Allerdings stellt man ziemlich schnell fest, dass ‚Sir‘ Oliver Mally seinen Reichtum an nuancierten Ideen einbringt. So atmen die Songs die künstlerische Ausdruckskraft des Protagonisten. Respekt!“ 

„Durchhalten“
Doch auch jenseits von Dylan hat sich Mally selbst im Laufe der Karriere zu einem großartigen Singer-Songwriter entwickelt und besticht sowohl auf der Bühne wie auf seinen Alben durch die starke Verbindung von Blues mit Singer-Songwriting. Sein aktuelles Album „Tryin‘ to get by“, in dem es laut dem Künstler im das „Durchhalten“ geht, war in der Pandemie entstanden. Mit Peter Lenz an den Drums und Alex Meik am Kontrabass, der „Sir“ Oliver Mally Group. Als Gäste waren Ian Siegal, Raphael Wressnig und Harpspieler Hubert Hofherr mit von der Partie. Im Frühjahr war das Album sogar für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert. 

Country-Boy aus Wagna
Dabei ist Mally, obwohl im Nachbarland seit jeher die Metropole Wien die Hauptstadt des Austropops ist, immer seiner Heimat Wagna in der Steiermark treu geblieben. Hier arbeitet er konzentriert an seiner Musik: „Ich mag nicht Straßenbahnfahren um Grünflächen zu finden. Ich geh hier aus dem Haus und verschwinde im Wald. I’m a country boy – mit gelegentlichem Hunger auf die Stadt. Und meine ständiges Touren bringt mich eh ganz schön in der Gegend herum“, begründet er sein Leben in der etwas mehr als 6000 Einwohner zählenden Marktgemeinde. 

„Virtuosität, Kraft und Herzenswärme“„Das Darmstädter Publikum darf sich auf einen stimmungsvollen Mix aus Stücken aus den verschiedenen Traditionen des Blues, Eigenkompositionen, Singer-Songwriter-Musik und Bob Dylan-Songs freuen. Musik von internationaler Klasse, vorgetragen mit Virtuosität, Kraft und Herzenswärme“, freut sich Thomas Waldherr auf die Americana-Premiere von „Sir“ Oliver Mally.

Eine rauschende Bob-Nacht

10. Oktober 2021

Fast vier Stunden Musik und Vorträge rund um Bob Dylan am vergangenen Freitagabend vor begeistertem Publikum in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt

Das große Finale mit „I Shall Be Released“, V.l.n.r.: Martin Frenzel, Thomas Waldherr, Dan Dietrich, Marc Herbert, Silvana Battisti, Falco, Hannah, Martin Grieben, Melli Hepp, Steffen Huther, Wolf „Levon“ Schubert-K. – Foto: Andrea Goldschmidt

Eigentlich hätte der große Bob Dylan-Abend der Volkshochschule Darmstadt – in Kooperation mit der Bessunger Knabenschule, dem ASTA der Hochschule Darmstadt und der Konzertreihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ bereits am 18. Mai, also wenige Tage vor dem 80. Geburtstag des Meisters (24. Mai) stattfinden sollen. Doch die Pandemie-Lage machte dies nicht möglich und so stand das große Ensemble der Musiker:innen und Vortragenden am vergangenen Freitagabend (8. Oktober) zur Geburtstagsnachfeier auf der Bühne der ausverkauften Bessunger Knabenschule und begeisterte das Publikum mit stimmungsvoller Musik sowie informativen und unterhaltsamen Vorträgen.

Vorträge zu „Pop und Migration“ und „Bob Dylan & Black America“

Klaus Walter beim Vortrag, Foto: Andrea Goldschmidt

Der Abend begann mit „Chimes Of Freedom“, dargeboten vom musikalischen Ensemble des Abends, sozusagen der „Titelmelodie“ des Abends. Martin Frenzel (Volkshochschule) und Thomas Waldherr (Americana-Reihe) führten durch das Programm und durften zu Beginn Darmstadt Bürgermeisterin Barbara Akdeniz begrüßen, die sich mit ihrem Grußwort als echte Dylan-Expertin entpuppte. Danach startete das Programm, das fast vier Stunden dauern sollte.

Die inhaltliche Beschäftigung an diesem Abend hatte den Schwerpunkt Pop und Migration, Bob Dylan zwischen Jewish Community und African American Community. Der preisgekrönte Musikjournalist Klaus Walter zeigte in seinem Vortrag mit vielen Musikbeispielen auf, wie sehr die amerikanische Populärmusik auf die Migration fußt. Künstler wie Irving Berlin oder Lou Reed sind Juden und die Andrew Sisters entstammen einer griechisch-norwegischen Verbindung. Neben den europäischen Einwander:innen sind es die afrikanischen Sklaven, die die US-Populärmusik befruchtet haben. U.a. war „Our Roots Began in Africa“als Musikbeispiel zu hören Bob Marley äußerte sich im Originalton zu Afrika imd Sklaverei.

Der Darmstädter Dylan- und Amerika-Kenner Thomas Waldherr hat im Frühjahr das Buch „Bob Dylan & Black America“ herausgebracht und folgte in seinem Vortrag den stetigen Wechselwirkungen zwischen Bob Dylans Werk und Wirkungen und der afroamerikanischen Community und ihrer Kultur. Dylan begeisterte sich wegen Odetta für den Folk und startete seine musikalische Karriere in New York auch mit der Zusammenarbeit mit afro-amerikanischen Künstlern. Er trat für die Bürgerrechtsbewegung ein und sang für schwarze Opfer des Rassismus wie George Jackson und Rubin Hurricane Carter. Zudem hat er seit seinen frühen New Yorker Jahren eine feine Antenne für afro-amerikanische Poesie und ist daher voller Respekt für die Rapmusik.

Viel Live-Musik mit Interpretationen von Dylan-Songs

Wolf Schubert-K. und Steffen Huther, Foto: Andrea Goldschmidt

Vor, zwischen und nach den Vorträgen aber stand die Musik von Bob Dylan in Live-Darbietungen im Vordergrund. Die Künstler:innen des Ensembles – vorwiegend aus Südhessen und Rhein-Main – hatten sich an ganz unterschiedliche Stücke von Bob Dylan herangewagt. „Hannah & Falco“, das Folk-Duo aus Würzburg, interpretierte „It Ain’t Me Babe“ ganz als bittersüße Verweigerung der großen Liebe oder übten sich in wunderschönem Harmoniegesang bei „I’ll Remember You“.

Wolf Schubert-K. und Steffen Huther spielten das böse „I Pity The Poor Immigrant“ und das religiöse „Gotta Serve Somebody“. Zusammen mit Dan Dietrich spielten sie tolle Folk-Rock-Versionen von „George Jackson“ und „Hurrican“. Hier erlebte das Americana-Publikum die Premiere von Wolf Schubert-K. als Drummer. Der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich intonierte das frühe „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“ ebenso gekonnt wie das Spätwerk „Beyond Here Lies Nothing“. Martin Grieben (Frankfurt/Darmstadt) spielte u.a. „When He Returns“ und bot zusammen mit seiner Frau Melli als Gesangspartnerin eine traumhafte Version von „Abraham, Martin und John“.

Die Woog Riots mit Martin Grieben und Melli Hepp, Foto: Andrea Goldschmidt

Schon im Frühjahr zum Geburtstag Dylans erschien das eigens zu diesem Anlass geschriebene Stück „Bob Dylan“ von den Darmstädter Lokalmatadoren „Woog Riots“. Am Freitagabend erlebte es nun endlich seine Live-Premiere. In gewohnter Manier haben Marc Herbert und Silvana Battisti einen Indie-Pop-Ohrwurm da gezaubert.

Zum Finale „I Shall Be Released“

Zu Ende ging dieser lange Bob Dylan-Abend dann nach fast vier Stunden mit großem Applaus und Jubel des begeisterten Publikums sowie mit einem hymnischen „I Shall Be Released“ des gesamten Ensembles.

Ein Abend der Appetit auf mehr macht. Das nächste Konzert in der Americana-Reihe ist das Gastspiel des österreichischen Bluesers und Singer-Songwriters „Sir“ Oliver Mally, der auch immer Songs von Bob Dylan Gepäck hat: https://www.knabenschule.de/index.php?id=1061

Und am 16. Dezember geht die nächste Kooperation von Thomas Waldherr mit der Volkshochschule Darmstadt über die Bühne. Thema des Vortragsabend ist Joan Baez. Anmelden unter http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur/Musik)

Dan Dietrich, Martin Grieben, Steffen Huther und Wolf Schubert-K. mit „Hurricane“:

Martin Grieben und Melli Hepp mit „Abraham, Martin und John“:

Das große Finale:

Julius and Ethel

27. September 2021

Endlich haben wir eine offizielle Veröffentlichung: Dylans Song gegen die politische Paranoia in den USA der 1950er Jahre

Ethel und Julius Rosenberg, Copyright Wikimedia Commons

Endlich gibt es neben den vielen anderen aus den Archiven geborgenen Schätzen der Infidels-Sessions, auf „Springtime in New York“ – der neuesten Ausgabe der Bootleg Series –  nun auch eine offizielle Veröffentlichung von „Julius and Ethel“.

Julius und Ethel Rosenberg wurden 1951 wegen Rüstungsspionage für die Sowjetunion der Prozess gemacht. Ihnen wurde unterstellt, maßgeblich zum Bau von sowjetischen Atombomben beigetragen zu haben. Letzteres konnte nie bewiesen werden. Spioniert hatten die bekennenden Kommunisten wohl schon, aber der Inhalt der Anklage, die Art des Prozesses und der „Beweisführung“ und dann erst Recht das Todesurteil führten zu weltweiten Protesten. Unter anderem setzten sich Papst Pius XII., Jean-Paul Sartre, Albert Einstein, Pablo Picasso, Fritz Lang, Bertolt Brecht und Frida Kahlo für die beiden ein. Dennoch wurde das Urteil am 19. Juni 1953 vollstreckt.

Opfer der antikommunistischen Umtriebe

An beiden wurde ein Exempel statuiert. Sie waren die einzigen US-amerikanischen Zivilisten, die während des Kalten Krieges wegen Spionage angeklagt wurden. Sie sind bis heute die einzigen, die in den USA in Friedenszeiten wegen Spionage hingerichtet wurden. Sie waren Opfer des Höhepunktes der antikommunistischen Umtriebe in den USA in den 1950er Jahren. Hinter der präsidialen, jovialen, väterlichen Fassade des Kriegshelden Dwight D. Eisenhower herrschte die hässliche Fratze der Verfolgung und Zerstörung vermeintlicher Kommunisten durch Senator Joseph McCarthys Ausschüsse, die zu einem vergifteten Klima in den USA führten und die andere Seite der Medaille des heile Welt-Klischees zwischen Doris Day und Familienidyll in den Suburbs waren.

Dylan interessiert sich wieder für die Welt

Dreißig Jahre später greift Dylan die Geschichte auf und spielt im Rahmen der „Infidels“-Sessions den Song „Julius and Ethel“ ein. Das Album war die Abkehr von monothematischer Gottespreisung und fundamentalistischer Bekehrung. Der Freigeist Dylan ließ sich einfach nicht in einer Kirche oder Sekte einsperren. Dylan ist ein gläubiger Mensch und auch durchaus spirituell empfänglich. Aber er ist gleichzeitig eben auch an der Welt und ihren Widersprüchen interessiert. Und das beweist er wieder auf „Infidels“.

Und so spießt er die Geschichte dieser beiden Opfer der antikommunistischen Paranoia in den USA in diesem Song auf. In Dylans Riesen-Oeuvre sind Geschichten über konkrete Menschen eindeutig in der Minderheit. In seiner Frühzeit hat er Songs über Emmett Till, Hattie Caroll, den Mörder von Medgar Evers oder Davey Moore gesungen. Später dann über George Jackson, Rubin „Hurricane“ Carter und auch über Sara. 1981 folgt Lenny Bruce und 1983 dann Julius and Ethel. Doch er veröffentlicht das Lied nicht.

Musikalisch ist er ein hübscher, treibender Rocksong. Inhaltlich ergreift er Partei für die beiden. „They were never proven guilty beyond a reasonable doubt“ singt er. Oder

Endlich ist Julius and Ethel im Rahmen der Bootleg Series offiziell erschienen, Copyright: Columbia Records, Legacy

„The people thought they were guilty at the time,
Some even said there hadn’t been any crime“

Und auch hier findet er wieder ein paar treffende Wortbilder, um die Zeitläufte zu beschreiben, zeigt, dass er das noch immer beherrscht:

„Eisenhower was president, Senator Joe was king,
Long as you didn’t say nothing, you could say anything“

und

„Someone said the 50s was the age of great romance,
I say that’s just a lie, it was when fear had you in a trance“

Dylans Statement gegen Reagans Amerika

Dylan ist ein Kind der 1940er und des New Deal. War Teil der linken Folkszene, kannte die Geschichte von Pete Seeger, der von den McCarthy-Ausschüssen auf die schwarze Liste gesetzt wurde. Evangelikaler Spuk hin, nostalgische Anwandlungen im Spätwerk her – Dylan war nie ein Konservativer, ist keiner und wird auch keiner mehr werden.

Mit diesem Song beweist er dies überdeutlich. Die „heile Welt“ der 1950er Jahre ist nicht seiner. Er war auf der Seite der Beatniks, der Folkies, der Schwarzen, war auf der „falschen Seite“ der Eisenbahngleise geboren. So war auch diese Song im Grunde ein Statement gegen Ronald Reagans konservatives Roll-Back.

Es ist schade, dass „Julius and Ethel“ nicht auf „Infidels“ – die Platte hätte ja eigentlich den viel treffenderen Titel „Surviving In A Ruthless World“ heißen sollen – kam. Möglicherweise hätte das noch einmal zu einer anderen Wahrnehmung Dylans durch die Öffentlichkeit geführt.

Warum er den Song nicht veröffentlicht hat, weiß man nicht. Dylan, die ewige Sphinx. Um so schöner, dass wir ihn jetzt haben. Ein Beispiel mehr dafür, dass Dylan auch in den 1980ern etwas zu sagen hatte.

Neustart der Darmstädter Americana-Reihe mit „Romie“ am 23. September

17. September 2021

Vier Veranstaltungen in der Bessunger Knabenschule/ Auch in dieser Herbstsaison spielt Bob Dylan bei Thomas Waldherrs Konzertreihe wieder eine wichtige Rolle

Romie“ verzaubern mit schönen Melodien und feinem Harmoniegesang, Foto: Ruth Buchert

Wenn am Donnerstag, 23. September, das Frankfurter Folk-Duo Romie die Bühne der Bessunger Knabenschule betritt, dann beginnt das erste Konzert der Darmstädter Americana-Reihe von Thomas Waldherr nach fast einem Jahr Pause. Am 24. Oktober letzten Jahres fand sich unter dem Titel „Love Songs For The Other America – Revisited“ eine illustre Musiker-Runde zusammen, um musikalisch vor der US-Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump Partei zu ergreifen. Kurz danach kam der Lockdown und auch die für dieses Frühjahr geplanten Veranstaltungen fielen der Corona-Lage zum Opfer. Doch im Herbst wird es endlich soweit sein. Drei Veranstaltungen der Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ und ein Abend in Kooperation mit dem Veranstalter Volkshochschule Darmstadt finden dann mit einem der Lage entsprechenden Hygienekonzept in der Bessunger Knabenschule statt.

Fast ein Jahr Pause

„Ich freue mich unheimlich, dass es wieder losgeht. Einen herzlichen Dank an das Team der Knabenschule. Schön, dass die Americana-Reihe hier ihr Domizil gefunden hat“, so Thomas Waldherr. Die Herbstveranstaltungen drehen sich um Folk, Blues und Folk-Rock. „Wir wollen in Darmstadt weiter zeigen, wie vielfältig das Americana-Genre ist. Es spiegelt in sich das vielfältige Amerika und überwindet gleichzeitig dessen Zerrissenheit, ganz wie der ‚Vater‘ des Genres, Bob Dylan“, erklärt der Amerika- und Americana-Kenner. „Daher wird auch in dieser Americana-Herbstsaison Bob Dylan und seine Musik in der einen oder anderen Weise präsent sein.“

Romie beginnt die Reihe mit melodiösem Folk und Harmoniegesang

Ihre Darmstädter Americana-Premiere erleben dann also am 23. September (20 Uhr) endlich Romie. Das Frauen-Folk-Duo hätte schon im März letzten Jahres in der Americana-Reihe spielen sollen. Sie sind so etwas wie die Shooting Stars der Folk- und Americana-Szene in Rhein-Main. Sie verbinden feine Folkmelodien mit wunderschönem Harmoniegesang. Nach einigen regionalen Open-Air-Auftritten im Sommer darf man sich nun auf einen intensiven Auftritt in intimer Atmosphäre freuen. Mit dabei -neben vielen feinen eigenen Songs – werden sie sicher auch ein Bob Dylan-Cover haben.

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Volkshochschule Darmstadt lädt zum Bob Dylan-Tribute

Am Freitag, 8. Oktober (19 Uhr) steht dann Bob Dylan ganz im Mittelpunkt, denn dann wird sein Geburtstag nachgefeiert. Ursprünglich wollte die Volkshochschule Darmstadt am 18. Oktober bereits Bob Dylans 80. Geburtstag feiern. Doch auch hier machte Corona einen Strich durch die Rechnung. In Kooperation mit „Thomas Waldherr präsentiert Americana“, der Bessunger Knabenschule und dem Asta der Hochschule Darmstadt wird nun im Oktober dem großen Songwriter und Literatur-Nobelpreisträger Tribut gezollt. Mit dabei sind Klaus Walter und Thomas Waldherr mit Multimedia-Vorträgen zu Bob Dylans Wurzeln in der Jewish Community und seiner Beziehung zu Black America, für Livemusik sorgen Martin Grieben (Ex-Jay), der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich, Wolf Schubert-K. & Friends, das Folk-Duo Hannah & Falco sowie das Darmstädter Indie-Pop-Duo „Woog Riots“. Schirmherr der Veranstaltung ist Darmstadts Oberbürgermeister und Kulturdezernent Jochen Partsch.

Blues und Dylan-Cover von „Sir“ Oliver Mally

„Sir Oliver Mally, Foto: Promo

Für Bluesmusik von internationalem Rang steht der Östereicher „Sir“ Oliver Mally, der am Donnerstag, 28. Oktober (20 Uhr), dann zu Gast sein wird. Der österreichische Bluesman und Singer-Songwriter wird in seiner Heimat u.a. als der „beste Blues-Sänger des Landes“ („Die Presse“)bezeichnet und sogar zu den Vertretern des „besten Blues Europas“ (Musikzeitschrift

„Concerto“) gezählt. Musik von internationaler Klasse, vorgetragen mit Kraft und Herzenswärme. Zudem hat auch Mally hat stets ein paar Dylan-Songs im Gepäck.

Engagierter und temperamentvoller Solo-Folk-Rock-Abend mit „SONiA disappear fear“

Und dann freut sich Thomas Waldherr zum Abschluss des Herbstprogramms am 25. November (20 Uhr) auf einen ganz besonderen Gast: „Unsere gute Freundin Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear wird wieder bei uns sein. Sie gehört mittlerweile ganz fest zur Darmstädter Americana-Reihe und wird nach erstmals nach 2018 wieder mit einem Soloprogramm bei uns an den Start gehen. Sie verkörpert mit ihrer Musik und ihrer Person die Haltung, für die unsere Americana-Reihe steht. Das wird ein stimmungsvoller Abend“, blickt Waldherr mit großer Vorfreude nach vorne.

Die mehrfach Grammy-nominierte Singer-Songwriterin ist eine Cousine der Musiklegende Bob Dylan. Sie steht für eingängige Folk-Rock-Melodien und eine temperamentvolle, energiegeladene Performance, in ihren Liedern wendet sie sich gegen Homophobie, Rassismus und Gewalt. 

Anmeldungen für den Bob Dylan-Abend unter http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur/Musik), Tickets und weitere Infos zu allen anderen Veranstaltungen: http://www.knabenschule.de .