Maya Angelou und Bob Dylan

25. Februar 2021

Black History Month V: Sie war eine der großen afroamerikanischen Schriftstellerinnen und Aktivistinnen und schätzte Bob Dylan sehr.

Maya Angelou, Copyright: Wikimedia Commons

Maya Angelou war eine der größten afroamerikanischen Persönlichkeiten, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Und eine der schillerndsten. Geboren 1928 als Marguerite Annie Johnson, war ihr Leben eine abenteuerliche Fahrt von ihrer Jugend im armen, rassengetrennten Arkansas bei ihrer Großmutter in den 1930er Jahren, über ihre Tätigkeiten als erste schwarze Straßenbahnschaffnerin San Franciscos, als Nachtclub-Kellnerin, Köchin und kurz als Zuhälterin und Prostituierte sowie ihre Erfolge als Sängerin und Tänzerin im Showgeschäft in den 1940er und 1950er Jahren bis hin zu der Anerkennung als Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin. Sie war eine afroamerikanische Volksdichterin.

Bewegtes Leben und späte Ehren

Ihr bewegtes Leben hat sie in einer siebenbändigen Biographie niedergeschrieben. Sie war in der Bürgerrechtsbewegung aktiv und sowohl mit Malcom X, als auch mit Martin Luther King und James Baldwin befreundet. Sie schrieb Kinderbücher, Gedichte, Drehbücher, hatte eine Talkshow, spielte in der Serie „Roots“ mit und erhielt eine Universitätsprofessur, obwohl sie keinen Universitätsabschluss hatte. Schließlich sprach sie bei der Inauguration von Bill Clinton 1993 und bekam von Barack Obama 2010 die „Medal of Freedom“. 2014 ist Maya Angelou im Alter von 86 Jahren verstorben.

Sie hat Großes erreicht. Doch sie wusste stets, an welche Voraussetzungen dies geknüpft war: Ein starker Charakter und unabhängiger Geist, Intelligenz und Bildung, eine unbändige Kraft sowie die Gunst des Schicksals und der glücklichen Fügungen waren und sind noch immer notwendig für eine schwarze Frau in den USA, um einen Weg gegen alle Widerstände gehen zu können. Gegen den Rassismus und Klassismus der weißen US-Gesellschaft , gegen die Zwänge bigotter Moral und gegen Sexismus und Chauvinismus von allen Seiten.

Bob Dylan, Copyright Sony Music/ William Claxton

Doch trotz allem hatte sie auch die Vorstellung, dass Amerika die besten Voraussetzungen dafür bietet, allen seinen Menschen ein glückliches, vielfältiges und gerechtes Leben zu haben. Als Aktivistin der Bürgerrechtsbewegung wusste sie um die Bedeutung des Folk Revivals der neuen jungen Generation in den 1960ern für die Aufhebung der Rassenschranken. Nicht umsonst sprach sie davon, dass Bob Dylan und Odetta zwei Stimmen waren, die Amerikas Geist und Seele eingefangen hätten.

Ehrende Worte für Bob Dylan

Anlässlich seines 70. Geburtstages im Jahr 2011 nannte sie Dylan einen „großen afroamerikanischen Künstler“ und brachte seine Bedeutung als Ausdruck des vielfältigen Amerikas mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„Die Wahrheit ist, Bob Dylan ist ein großartiger amerikanischer Künstler. Seine Kunst, sein Talent ist es, zu allen zu sprechen, und wenn ich Amerikaner sage, denke ich, dass er ein großer afroamerikanischer Künstler ist, er ist ein großartiger jüdisch-amerikanischer Künstler, er ist ein großer muslimisch-amerikanischer Künstler, er ist ein großer asiatisch-amerikanischer Künstler, Spanisch sprechender Künstler – er spricht genauso für die amerikanische Seele wie Ray Charles.

Es gab eine Zeit, in der Bob Dylan der neue Junge im Viertel war. Wir haben alle im Purple Onion und im Hungry I sowie in Volksmusikclubs gesungen. Als Bob kam, liebten ihn alle, weil er das war, was wir alle beabsichtigt hatten; Er sprach für uns alle. Und er war dafür bekannt, ehrlich zu sein. So wie ein großer amerikanischer Künstler zu sein hat. Es mag nicht zweckmäßig sein, aber das Publikum kann dem Künstler vertrauen, der ehrlich ist, und Bob Dylan folgte dem, was er in seinen Texten sagte, durch seine Handlungen. Er unterstützte die Menschen und den Geist Amerikaner zu sein – zu wissen, dass die Berge, die Bäche und die Wahlkabinen uns allen zu jeder Zeit gehören.“

„Zum 80. Geburtstag von Joan Baez“ – Online-Seminar bei der VHS Frankfurt am Main

24. Februar 2021

14. März: „Die heilige Johanna des Folk – zwischen Musikbusiness und Politaktivismus“/ Nur noch wenige Plätze frei beim Bob Dylan-Seminar am 2. Mai

Joan Baez und Bob Dylan beim „March On Washington 1963, Foto: Wikimedia Commons/National Archive/Newsmakers

Aufgrund der Corona-Lage wird der Präsenzbetrieb der Volkshochschule Frankfurt am Main weiter bis einschließlich 5. April ausgesetzt. Wenn möglich finden die Kurse nun online statt. So auch das Seminar von Thomas Waldherr zu Werk und Wirken von Joan Baez am Sonntag, 14. März, von 16 – 18 Uhr.

Im Ankündigungstext heißt es: Mit dem Musikjournalisten und Amerika-Kenner Thomas Waldherr gehen wir der Karriere und den Kontroversen einer musikalischen Leitfigur nach. Sie begegnen der Ausnahmekünstlerin Joan Baez vor dem Hintergrund der politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA seit den 1960er Jahren. Mit Audio- und Videoeinspielungen sowie Songtexten werden wir ihre unterschiedlichen künstlerischen Konzepte beleuchten und diskutieren.“

Zu den technischen Voraussetzungen schreibt die Volkshochschule: „Sie benötigen einen Computer mit Mikrofon und Kamera. Wir nutzen die Plattform Zoom. Sie bekommen einen Einladungslink, den Sie ganz einfach per Klick öffnen können. Weitere Informationen: miriam.claudi.vhs@stadt-frankfurt.de .“

Wer sich direkt anmelden will kann dies hier tun: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144490 .

„Bob Dylan“-Seminar weiterhin als Präsenzveranstaltung geplant

Der Zwillingskurs zum 80. Geburtstag von Bob Dylan am Sonntag, 2. Mai, 16- 18 Uhr, unter dem Titel „Bob Dylan – Rebell und Sucher, Chamäleon und Trickster“ ist weiterhin als Präsenzveranstaltung in der VHS in der Sonnemannstrasse geplant. Hier sind nur noch wenige Plätze frei. Anmeldung hier: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144491 .

Joan Baez & Bob Dylan – Blowing In The Wind (1976):

Elizabeth Cotten

19. Februar 2021

Black History Month IV: Wie der Zufall half, dass aus einer afroamerikanischen Haushaltshilfe in reiferem Alter eine der wichtigsten und einflussreichsten  Folk- und Bluessängerinnen wurde. Auch Bob Dylan hat ihre Lieder gesungen.

Copyright: Arhoolie Records

Bereits mit 11 Jahren hatte Elizabeth Cotton – sie wurde 1895 in Chapel Hill/North Carolina geboren – die Schule verlassen und arbeitete als Hausmädchen. Vom selbstverdienten Geld kaufte sie ihre erste eigene Gitarre und spielte in der Freizeit, auf Partys, Festen und in der Kirche. Und: Sie schrieb in dieser Zeit schon Songs. U.a. entstand der später berühmte „Freight Train“. Bereits mit 15 heiratete sie ihren Mann, bekam ein Kind und die Musik verschwand fast vollständig aus ihrem Leben.

Auch sie begab sich mit Mann und Kind auf die „Great Migration“. Sie suchten Freiheit und wirtschaftliche Sicherheit und machten sich von North Carolina auf nach Norden, erst nach New York, dann nach Washington D.C. Doch irgendwann war sie dss Leben an der Seite von Frank Cotten leid. Sie ließ sich scheiden, nachdem ihre Tochter geheiratet hatte und zog zu deren Familie.

Zufällige Begegnung mit einer musikalischen Familie

Mitte der 1940er Jahre dann die schicksalhafte Begegnung, als sie Ruth Seegers Tochter nachdem diese sich verlaufen hatte, nach Hause brachte. Sie freundeten sich an und „Libba“, so ihr Spitzname, wurde Kindermädchen im Hause Seeger und kümmerte sich um die Kinder Mike, Peggy, Barbara, und Penny. Obwohl die Familie Seeger hochmusikalisch war  – Vater Charles war Musikwissenschaftler, Ruth war Komponistin und Pianistin und Sohn Pete aus Charles‘ erster  Ehe war natürlich der bekannte Folksänger – dauerte es ein paar Jahre bis Libbas musikalisches Können und großes Repertoire an Folk Songs entdeckt wurde. Peggy Seeger hörte zufällig Libba  auf einer Gitarre der Familie spielen. Die Überraschung war perfekt und bald merkte man, welches musikalische Juwel man da in seiner Mitte hatte.

Mike Seeger nahm Elizabeths Cottens Musik auf und sie spielte bald private Konzerte für Senatoren Kongressleute. 1958 dann nahm sie dann mit Mike Seeger im Alter von 62 Jahren ihr erstes Album auf. „Elizabeth Cotten: Negro Folk Songs and Tunes“ hieß es damals, einleuchtender Weise sind mittlerweile die Aufnahmen unter neuem Titel als „Freight Train and Other North Carolina Folk Songs“ wiederveröffentlicht worden.

Mit über 60 Jahren das erste Album und großen Einfluss auf das Folk Revival

Mit ihrem ersten Album kam sie gerade rechtzeitig zum Folk Revival, an dem Mike und Pete Seeger großen Anteil hatten. Mit ihrem Album und ihrer Musik, ihrem Songwriting und ihrem speziellen  „Southeastern Country Ragtime Picking“ beeinflusste sie die neue Generation von Musikerinnen und Musiker wie Peter, Paul & Mary, Joan Baez und natürlich auch Bob Dylan. Sie spielte auf dem Newport Folk Festival, war gern gesehener Gast in den Folkclubs von Greenwich Village und tourte durch die USA. Sie trat bis zu ihrem Tod 1987 immer noch regelmäßig auf und erhielt viele Preise, u.a. mit 90 Jahren einen Grammy für ihr Album „Elisabeth Cotten live“ und wurde in einem Buch als große afroamerikanische Frau neben Rosa Parks, Maya Angelou oder Ophra Winfrey genannt. Wer hätte das gedacht von dem 11-jährigen Mädchen, das die Schule abbrach, um in den Südstaaten Hausmädchen zu werden? Ihr letztes Konzert fand in ihrem Todesjahr statt und wurde von ihrer ebenso berühmten Kollegin und Freundin Odetta organisiert.

Auch Bob Dylan sang ihre Songs

Bob Dylan, der natürlich Elizabeth Cotten während des Folk Revivals kennengelernt hatte, spielte 1996 und 1997 „Shake Sugaree“ in seinem Live-Programm, „Oh Babe, It Ain’t No Lie“ spielte er von 1990 bis 2001 immer mal wieder im Konzert. Während „Shake Sugaree“  – sicher beeinflusst von der Version von The Greatful Dead – im elektrifizierten Countrysound mit Lap Steel gespielt wurde, war „Oh Babe, It Ain’t No Lie“ meist Teil eines akustischen Sets.   

Elizabeth Cotten: Skake Sugaree

Bob Dylan: Shake Sugaree

Elizabeth Cotten: Oh Babe, It Ain’t No Lie

Bob Dylan: Oh Babe, It Ain’t No Lie

Als Bob Dylan gegen den Krieg lärmte

14. Februar 2021

Vor dreißig Jahren: Bob Dylans Grammy-Aufritt am 20. Februar 1991 im Jahr seines 50. Geburtstages war bizarr, aber wohlkalkuliert, seine Konzert-Auftritte in dieser Zeit – wie beispielsweise in Offenbach im Juni – in besonderer Weise dramatisch. Nun wird Bob Dylan 80 Jahre alt und die Volkshochschule Darmstadt ehrt ihn bereits am 14. Mai.

Wir erinnern uns: Die 1980er Jahre waren nicht Dylans Jahrzehnt. Es war die Zeit von Ronald Reagan und Michael Jackson und Dylan legte merkwürdige Platten und grauslige Konzerte hin. Zwar waren „Oh Mercy“ und die „Traveling Wilburys“ wieder hörenswerte Produktionen, aber schon „Under The Red Sky“ war von der Kritik wieder nicht gut aufgenommen.

So war das öffentliche Wahrnehmung Bob Dylans und seine Rezeption auch im Folgejahr 1991 nicht die beste. Und das in seinem Geburtstagsjahr. Der ewige Sänger der protestierenden Jugend aus den 1960er Jahren wurde 50! Wie alt! Und er sah auch noch älter aus. Das Beste waren da noch die großartigen ersten drei Teile der Bootleg Series, das aber auch wieder für viele bedeutete: Ja, früher war Dylan noch gut.

Dylans bizarrer Grammy-Auftritt

In dieser vorherrschenden  Sichtweise war klar, dass Dylans Aufritt bei den Grammys im Februar 1991 ebenfalls vorschnell als desaströs bewertet wurde. Wir erinnern uns: Mitte Januar 1991 ziehen im zweiten Golfkrieg die USA mit ihren Verbündeten in den Krieg gegen den Irak. Im öffentlichen Leben der USA, insbesondere im Musik- und Showbusiness war Kritik am Krieg nicht gerne gesehen. Gleichzeitig war man bei der Recording Academy in Los Angeles, die die Grammys vergibt, wohl Dylan in seinem Geburtstagsjahr wohlgesonnen und sprach ihm einen Grammy für sein Lebenswerk zu. Mit zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal 50 Jahren!

Also trat ein wie schon beim Live Aid Desaster sichtlich überwältigt grinsender Jack Nicholson auf und lobhudelte über „Uncle Bobby“ und nannte Dylan „a riot“. Und Dylan fegte nach der Ansage mit seiner Band tatsächlich durch seinen Auftritt so wie ein „riot“ durch die Straßen fegt. Sein hingeknüppeltes „Masters Of War“ war seine Antwort auf die Operation „Desert Storm“. Er wollte, dass das so klingt. Nölig, weil er das immer noch singen muss, weil die Umstände sich immer noch nicht geändert haben. Und laut und krachig, um das Gala-Publikum zu verstören.

Doch war nur der erste Streich. Wer jetzt gedacht hätte, Dylan würde sich bei allen insbesondere seinen Eltern bedanken, der irrte sich. Dylan wirkte wie eine Mischung aus Buster Keaton, Charlie Chaplin und Woody Guthrie und spielte den ungelenken Hillbilly, der überall seine möchte in diesem Moment  – nur nicht auf der Bühne. Er tänzelte von einem Bein aufs andere, schaute mal stoisch, mal verwirrt und hielt ständig seinen Hut auf dem Kopf fest, als würde er im Sturm stehen. Und dann setzte er an:

„Nun, mein Vater, hat mir nicht viel hinterlassen. Sie wissen, er war ein sehr einfacher Mann. Aber was er mir sagte, war das. Er sagte:“ Mein Sohn…“ Es folgte eine lange Pause, Dylan schien zu grübeln, und um Worte zu ringen. Das Gala-Publikum lachte nervös. „Er sagt so viele Dinge, wissen sie“. Entspanntes Lachen, denn die Pointe kam genau auf den Punkt, ehe Dylan fortfuhr: „Er sagt, du weißt, dass es möglich ist, in dieser Welt so beschmutzt zu werden, dass dein eigener Vater und deine eigene Mutter dich verlassen und wenn das passiert, dann wird Gott immer an deine Fähigkeit glauben, deine Wege zu verbessern. “ Abtritt.

Kein Dank, keine versöhnliche Geste. Dylan hatte wieder einmal gezeigt, dass er sich nicht in vorgegebene Rahmen pressen lässt. Klar, dass es wieder viele gab, die sich über seinen Auftritt lustig machten oder ihm den Respekt vor diesem Preis absprachen. Etwas Ähnliches sollte sich da dann fast 25 Jahre später bei der Verleihung des Nobelpreises wiederholen. Dylan ist kein Mann für Preise und Festakte. Bestenfalls nimmt wer sie stoisch hin- so wie Überreichung der Medal Of Freedom durch Präsident Obama – oder er schickt wie beim Nobelpreis gleich Patti Smith als Vertretung.  

1991: Der Anfang neu entfachter Dylan-Begeisterung

Dieser Grammy-Auftritt war ein Akt ungebrochener Souveränität. Ebenso wie seine Konzerte in diesem Jahr, die ebenfalls viele ratlos hinterließen. Für den Schreiber dieser Zeilen war das Jahr 1991 aber das Jahr, in dem die Dylan-Begeisterung neu entfacht wurde. Denn Dylans Konzerte von 1991 – ich sah das am 19. Juni in Offenbach – bleiben in Erinnerung, weil jedes eine Art „Tour de Force“ war. Dylan wurde scheinbar auf die Bühne geschubst, war schwankend unterwegs und nutzte die ganze Bühnenbreite. Wenn man wie wir in Offenbach in der ersten Reihe stand, hatte man das Gefühl, er könne uns jeden Moment von der Bühne herunter in die Arme fallen. Dann ließ er die Band ewig das Intro zu New Morning spielen, bevor er endlich ans Mikro fand. Und dann dieser traurige Blick. Und das erste Drittel des Konzerts war überhaupt nicht gut. War da wirklich Alkohol im Spiel? Erst mit „Wiggle Wiggle“ schien er wirklich alles abgeschüttelt zu haben und fand zu guter Form, die dann mit einer großartigen Performance von „Don’t Think Twice, It’s Alright“ zu einer prächtigen Form wurde. Als hätte jemand den Schalter umgelegt. Am Ende war es dann ein zu Recht ein umjubeltes Konzert.

Doch es stellte sich hier die Frage, ob das nicht auch Inszenierung war. Dylan spielt uns in seinem Geburtstagsjahr den ausgebrannten und abgehalterten Rockstar vor. Nur um Ende scheinbar wieder die Oberhand über sein eigenes Konzert zu reklamieren und auch zu gewinnen. Dylan bleibt ein Trickster. Bot immer noch genug Stoff zum Nachdenken. So war ich erneut angefixt, entdeckte die Dylan-Welt neu und stieg in die Never Ending Tour ein.

Volkshochschule Darmstadt feiert Dylan bereits am 14. Mai

Nun, dreißig Jahre später, plane ich Veranstaltungen zum 80. Geburtstag von Bob Dylan. Ich habe schon seinen 70., seinen 75. und einige Geburtstage dazwischen mit Veranstaltungen gefeiert. Diesmal freue ich mich, Teil und Kooperationspartner einer Bob Dylan-Veranstaltung der Volkshochschule Darmstadt am Freitag, 14. Mai, zu sein. Mit dabei sind dann in der Bessunger Knabenschule u.a. Dan Dietrich, Klaus Walter und Martin Grieben. Mit Multimedia-Vorträgen und viel Livemusik wollen wir wieder uns einmal auf die Spuren des Phänomens Bob Dylan begeben. Wir gehen momentan weiterhin davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt Veranstaltungen mit beschränkter Zuschauerzahl und Hygienekonzept wieder möglich sind. Alles weitere wird dann zu gegebenem Zeitpunkt kommuniziert.

Weitere Infos und Anmeldung zu dieser Veranstaltung unter:
http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur / Musik)

Die Grammy-Verleihung an Bob Dylan 1991:

„High Water Everywhere!“

12. Februar 2021

Black History Month III: Charley Patton, Memphis Minnie, Bob Dylan und das große Mississippi-Hochwasser von 1927. Die afroamerikanische Bevölkerung litt in besonderer Weise unter der Jahrhundertflut. Dieses kollektive Trauma schlägt sich in verschiedenen musikalischen Bearbeitungen nieder.

Mississippi-Hochwasser 1927. Copyright http://www.commons.wikimedia.org

Die Mississippi-Hochwasser gehören für die Menschen, die in der Nähe des „Big River“ leben, zum Leben dazu. Man hat gelernt, sich damit zu arrangieren. Man flieht vor den Wassermassen, kehrt irgendwann zurück und baut wieder auf. Johnny Cash hat dem in seinem Song „Five Feet High And Risin'“ ein Denkmal gesetzt. Für den kleinen Johnny Cash war so ein Hochwasser fast schon etwas Spannendes.

Anders sieht es bei Jahrhundertfluten aus. Die werden tatsächlich als Katastrophen wahrgenommen, die so mächtig sind, dass sie sich für lange ins kollektive Gedächtnis brennen. Die meisten von uns erinnern sich daher noch ziemlich gut an die Folgen des Hurricanes „Katrina“, der 2005 den Lake Pontchartrain über die Ufer treten und New Orleans verwüstete. Nicht so verheerend, aber trotzdem nicht folgenlos war auch die Überschwemmung durch den Cumberland River in Nashville 2010. Beide Fluten sind natürlich auch in den Fokus gerückt, weil sie bei uns bekannte und beliebte Musikmetropolen getroffen haben.

Sturmfluten haben immense Folgen für die afroamerikanische Bevölkerung

Es ist eine Binsenweisheit, dass immer die Ärmsten am meisten unter solchen Katastrophen leiden. Weil sie dadurch, das Wenige, was sie haben, auch noch verlieren. Bei Katrina wurde es doppelt schlimm, weil interessierte Kreise die Katastrophe tatsächlich zu einer sozialen und ethnischen Bereinigung von New Orleans genutzt haben. Rund 100.000 Einwohner . meist finanziell schwächer gestellte Schwarze, kamen nicht mehr zurück in ihre Stadt. Ihre Wohngebiete konnten somit ganz ohne Widerstand durch die Stadtregierung und die Immobilienbranche gentrifiziert werden.

Auch die Flut von 1927 hat Afroamerikaner überproportional und folgenschwer getroffen. Es wird geschätzt, dass von denen, die ihre Häuser verloren haben, mehr als eine halbe Million schwarz waren. Hunderttausende Afroamerikaner wurden aus ihren Gemeinden und Arbeitsplätzen vertrieben. Aus den Flüchtlingslagern wurde berichtetet, dass schwarze Insassen sich beschwerten, Weiße kämen und gingen nach Belieben ohne Ausweise, während farbigen Menschen keine ähnlichen Privilegien gewährt wurden. Es gab auch Beschwerden über grobe Behandlung farbiger Menschen und Diskriminierung hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und der Verteilung von Lebensmitteln. Die ohnehin schon schwierige Situation der Schwarzen am Mississippi nach der Flut, wurde durch den institutionellen und gesellschaftlichen Rassismus in den Südstaaten noch auswegloser. So wurde die Flut von 1927 zu einem der entscheidenden Faktoren für die „Great Migration“, der Wanderungsbewegung vieler Afroamerikaner vom rückständigen Süden in die industrialisierten Zentren des Nordens. Neben Arbeit und Einkommen erhoffte man sich dadurch auch ein Mehr an Freiheit und Sicherheit.

1927: Afroamerikaniche Arbeiter beim Dammbau. Copyright: http://www.commons.wikimedia.org

Afroamerikanische Sturmflut-Songs: Memphis Minnie und Charley Patton

Solche Katastrophen finden immer Eingang in die Folkmusik. Seien es Eisenbahn-Katastrophen („The Wreck Of Old 97“), Schiffskatastrophen („Titanic“) oder eine Massenpanik wie das 1913er Massaker in Calumet, Michigan, das von Woody Guthrie besungen wurde. So auch die große Flut von 1927. Eine Vorahnung schien schon im März diesen Jahres Bessie Smith mit ihrem Song „Back Water Blues“ zu haben, denn die Katastrophe nahm im Grunde bereits im Winter 1926/27 ihren Lauf, als heftige Niederschläge die Flüsse anstiegen ließen:

„When it thunders and lightnin’

And the wind begins to blow

There’s thousands of people

Ain’t got no place to go“

Am 15. April 1927, Karfreitag, setzten schließlich über dem gesamten Mississippi-Tal und den angrenzenden Bundesstaaten heftige und anhaltende Regenschauer ein. Weite Teile von Arkansas, Illinois, Kentucky, Louisiana, Missouri, Mississippi und Tennessee wurden überschwemmt. Bis Mai hatte der Mississippi ab Memphis, Tennessee flussabwärts eine Breite von bis zu 97 Kilometern erreicht. (Vgl. Wikipedia). Mit den oben genannten Folgen.

Eine der ersten Songs über die Flut von 1927 stammt von Vernon Dalhart, der noch im selben Jahr die Country-Ballade „The Mississippi Flood einspielte. Doch die bekanntesten Songs über die große Flut stammen von afroamerikanischen Musikern, was mit der oben beschriebenen doppelten Traumatisierung zu tun haben könnte.

1929 war es Memphis Minnie, die mit „When the Levee Breaks“ die die Folgen der Sturmflut für die afroamerikanische Bevölkerung in das archaisch-einfache Bluesschema packt:

Das Wasser steigt und verschlingt das Heim:

Well all last night I sat on the levee and moan

Well all last night I sat on the levee and moan

Thinkin’ ’bout my baby and my happy home

Obwohl gerade die Schwarzen zur Absicherung der Dämme herangezogen werden, ist das Wasser nicht aufzuhalten:

„I works on the levee, mama both night and day

I works on the levee, mama both night and day

I works so hard, to keep the water away

Am Ende heißt es Abschied nehmen vom Süden:


I’s a mean old levee, cause me to weep and moan

I’s a mean old levee, cause me to weep and moan

Gonna leave my baby, and my happy home“

Bob Dylans 2006er-Song „The Levee’s Gonna Break“ wirkt im Grunde wie ein Echo von Memphis Minnies Song. Dylan nimmt den Sprachduktus der frühen Blues-Queen und zeigt trotz scheinbarer Ausweglosigkeit auf, dass die einfachen Menschen trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben, durch harte Arbeit voranzukommen:

„If it keep on rainin’ the levee gonna break

If it keep on rainin’ the levee gonna break

Some of these people don’t know which road to take“

und

„Put on your cat clothes, Mama, put on your evening dress

Put on your cat clothes, Mama, put on your evening dress

A few more years of hard work then there’ll be a thousand years of happiness“

Ebenfalls 1929 veröffentlicht Charley Patton seinen Song „High Water Everywhere“, der plastisch das Hochwasser und die Überflutung des Ortes Marion City in Mississippi schildert:

Charley Patton. Copyright: http://www.commons.wikimedia.org

„Oh, I can hear, Lord Lord, water upon my door

You know what I mean, look-a here

I hear the ice, Lord Lord, was sinkin‘ down

I couldn’t get no boats there, Marion City gone down

So high the water was risin‘ our men sinkin‘ down

Man, the water was risin‘ at places all around

Boy, they’s all around

It was fifty men and children come to sink and drown“

Bob Dylans Flutsongs als Übernahme afroamerikanischer Perspektiven

Bob Dylans Song heißt zwar „High Water (For Charley Patton)“, ist aber im Gegensatz zu der offensichtlichen Verknüpfung von „The Levee’s Gonna Break“ mit Memphis Minnies Song weit weg von Pattons Song „High Water Everywhere“. Dylan verknüpft hier wieder in typischer Weise historische Ereignisse mit wirklichen Personen der Zeitgeschichte und Romanfiguren mit philosophischen Betrachtungen in absurden Situationen:

„High water risin‘, risin‘ night and day

All the gold and silver are being stolen away

Big Joe Turner lookin‘ East and West

From the dark room of his mind

He made it to Kansas City

Twelfth Street and Vine

Nothing standing there

High water everywhere“

und

„Well, George Lewis told the Englishman, the Italian and the Jew

You can’t open your mind, boys

To every conceivable point of view“

They got Charles Darwin trapped out there on Highway Five

Judge says to the High Sheriff

„I want him dead or alive

Either one, I don’t care“

High Water everywhere“

Dabei lässt er aber mit den oben genannten Big Joe Turner und George Lewis in seinem Song wichtige Persönlichkeiten der afroamerikanischen Kultur auftreten. Gleichberechtigt neben dem Naturforscher Charles Darwin und der Figur Bertha Mason aus Charlotte Brontës Roman Jane Eyre.

Die beiden oben genannten Dylan-Flutsongs aus den 2000er Jahren haben bereits 1967 einen Vorläufer, als Bob Dylan den Song Crash On The Levee (Down In The Flood) aufnimmt. Auch hier schon zeigt sich, dass Dylan ganz bewusst das afroamerikanische Musikidiom auswählt, um an die Mississippi-Fluten als existentielle Bedrohung darzustellen:

„Now, don’t you try an‘ move me

You’re just gonna lose

There’s a crash on the levee

And, mama, you’ve been refused

Well, it’s sugar for sugar

And salt for salt

If you go down in the flood

It’s gonna be your own fault

Oh mama, ain’t you gonna miss your best friend now?

You’re gonna have to find yourself

Another best friend, somehow“

und

„Well, that high tide’s risin‘

Mama, don’t you let me down

Pack up your suitcase

Mama, don’t you make a sound

Now, it’s king for king

Queen for queen

It’s gonna be the meanest flood

That anybody’s seen

Oh mama, ain’t you gonna miss your best friend now?

Yes, you’re gonna have to find yourself

Another best friend, somehow!

Dylans Flood-Songs als Zeichen der Verbundenheit mit der afroamerikanischen Community

Auch hier wieder zeigt sich die tiefe Verbundenheit Dylans mit der Sichtweise und kollektiven Erinnerungen der afroamerikanischen Community. Der Angst des afroamerikanischen Menschen um das nackte Überleben kommen Dylans archaische, düstere Flood-Songs weitaus näher, als das hochgelobte, textlich journalistische, musikalisch sehr sophisticated, teils mit klassischer Musik, gestaltete „Lousiana 1927“ von Randy Newman, das scheinbar keine Farben kennt. Wo Newman Kunst versucht, gelingt sie Dylan viel tiefer und mit viel dramatischeren, existentielleren Bildern, in dem er an die einfachen und archaischen afroamerikanischen Muster anknüpft. Bei Dylans Flood-Songs ist man immer mittendrin. So wie bei Memphis Minnie, Charlie Patton und John Lee Hooker, an die Randy Newman mit seinem Flood-Song gerade nicht anknüpft.

Bei Newman bleibt man Beobachter, bei Dylan bekommt man Angst vor der Flut.  

Memphis Minnie, Ma Rainey und Alicia Keys

5. Februar 2021

Black History Month II: Eine der fast schon mythischen Figuren der afroamerikanischen Populärkultur ist die schwarze Bluessängerin. Erinnerungen an die großen Bluessängerinnen Memphis Minnie und Ma Rainey und wie Bob Dylan sie in einem Song mit der R&B-Queen Alicia Keys verknüpfte.

Ma Rainey, Copryright http://www.commons.wikimedia.org

Anlässlich des Februars als „Black History Month“, wie er in den USA und Kanada begangen wird, stelle ich in diesem Monat in meinen Beiträgen wichtige afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler vor, die stets auch eine besondere Beziehung mit Bob Dylan verbindet. Heute: Memphis Minnie, Ma Rainey und Alicia Keys.

Bluessängerinnen Im Spannungsfeld zwischen Rassismus, Sexismus und Klassismus

Die schwarze Bluessängerin ist eine prototypische Figur der afroamerikanischen Populärkultur. Leidend im Spannungsfeld zwischen Rassismus, Sexismus und Klassismus erschaffen diese Sängerinnen große Kunst. Im wirklichen Leben werden sie oftmals zu tragischen Figuren.

Memphis Minnie lebte von 1897 bis 1973. Sie wurde arm als eines von 18 Kindern in Lousiana geboren und sie starb verarmt in Memphis, Tennessee. Dazwischen eine Karriere, die sich aus Talent und zäher Selbstbehauptung speiste. Um zu überleben eignete sie sich recht männliche Verhaltensweisen an, wie Tabak kauen oder Auseinandersetzungen mit Fäusten und Waffen. Zusammen mit ihren Fähigkeiten in Musik und Performance wurde sie so in den 1930er und 1940er Jahren zu einer der zentralen Figuren in der Blues-Szene in Chicago. Doch das extensive Leben fordert seinen Tribut. Ihre Gesundheit schwindet, sie kann nicht mehr auftreten und erleidet einen Schlaganfall. Sie ist auf Sozialhilfe angewiesen und stirbt nach einem weiteren Schlaganfall in einem Pflegeheim.

Memphis Minnie ehrt Ma Rainey

1940 widmet sie einen Song ihrem großen Vorbild Ma Rainey (geboren 1982 oder 1886), die als „Mutter des Blues“ gilt. Gertrude „Ma“ Rainey, geb. Pridgett, stammt aus Georgia und war eine der ersten professionellen Bluesmusikerinnen. Sie war die „Mutter“ der Bluesszene in den 1920 und 1930er Jahren in Chicago. Es war ihre Strategie, ganz mütterlich zu netzwerken, so dass viele bekannte Musiker mit Ihr befreundet waren. Ihre Performance war außergewöhnlich, so dass sie ziemlich gut verdiente. Sie war so geschäftstüchtig, dass sie, als sie 1935 nach Georgia zurückging, dort zwei Theater führte. Sie starb 1939 als reiche Frau an einem Herzinfarkt. Für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich, denkt man an ihre Kollegin Bessie Smith, mit der sie auch eine romantische Verbindung gehabt haben soll. Bessie starb 1937 nach einem Verkehrsunfall wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung von Schwarzen. Eine schwarze Bluessängerin, die in den 1930er Jahren reich wird, das hat tatsächlich Seltenheitswert.

Memphis Minnie singt über Ma Rainey:

Memphis Minnie, Copyright http://www.commins.wikimedia.org

„I was thinking about Ma Rainey wonder where could Ma Rainey be

I been looking for her even been ’n old Tennessee

She was born in Georgia traveled all over this world

And she’s the best blues singer peoples I ever heard

When she made Bo Weavil Blues I was living way down the line

Every time I hear that record I just couldn’t keep from crying“

Bob Dylan ehrt Alicia Keys

Von diesen Versen ließ sich Bob Dylan – ganz typisch für seine Arbeitsweise in späteren Jahren – inspirieren, als er 2006 seinen Song „Thunder On The Mountain“ veröffentlicht und die damals 25-jährige R&B-Queen Alicia Keys dort mit diesen Zeilen namentlich erwähnt:

I was thinkin‘ ‚bout Alicia Keys, couldn’t keep from crying

When she was born in Hell’s Kitchen, I was living down the line

I’m wondering where in the world Alicia Keys could be

I been looking for her even clear through Tennessee

Alicia Keys wurde 1981 in New York als Alicia Augello Cook geboren. Aufgewachsen im damals recht gefährlichen Viertel Hell’s Kitchen, wurde sie weitgehend von Ihrer Mutter alleine aufgezogen. Nicht unbedingt die beste Sozialprognose für ein farbiges Mädchen. Doch anstatt wie andere in einer Drogenkarriere oder in der Prostitution zu enden, wie sie selbst gesagt hat, beendet sie die High School als Klassenbeste und bekommt ein Stipendium für eine Elite-Uni, wendet sich jedoch rasch ihrem großen Traum – der Musik – zu. Bereits mit ihrem Debütalbum steigt sie zum erfolgreichsten R&B-Act des Jahres 2001 auf und bleibt bis heute in einer einzigartigen Erfolgsspur.

Der düstere Song „Thunder On The Mountain“ handelt vom Mensch zwischen Gut und Böse und allem dazwischen und von der Hoffnung auf Erlösung. Alicia Keys stammt wie die frühen Bluessängerinnen Ma Rainey und Memphis Minnie aus wenig begüterten Verhältnissen, konnte sich aber in einem schwierigen Umfeld durchsetzen und mit der Musik dort hinauskommen. Dylan zeigt damit mehr als – wie so mancher alte weiße Mann vielleicht unterstellen mag – erotisches Gefallen an der damals 25-jährigen Keys. Nein, er stellt sie auf eine Stufe mit den großen Bluessängerinnen und sein Blick gilt der erfolgreichen Künstlerin, die ihren Weg aus der Misere fand. Sie steht für den alten Sänger gleichsam für die Hoffnung auf Erlösung.

Dylans Gespür für afroamerikanische Lebenslagen

Alicia Keys, Copyright http://www.commins.wikimedia.org

Dylan hat wie üblich natürlich selber nie erklärt, wie oder warum Keys zu einem wichtigen Teil von ‚Thunder On The Mountain‘ wurde. In einem Interview mit dem  Rolling Stone sagte er einmal, dass er nach einer Grammy Awards-Show mit Keys zu sich gesagt habe: „Es gibt nichts an diesem Mädchen, das ich nicht mag.“

Einige Jahre später revanchiert sich Alicia Keys mit einer besten der Dylan Cover-Versionen überhaupt. Sie wählt für die 2013er Dokumentation über die Muscle Shoal Studios in Alabama mit „Pressing In“ einen von Dylans Gospelsongs aus, den er dort für das Album „Saved“ aufgenommen hat. Sie macht daraus ein energiereiches Gospel-Soul-Stück.

Im letzten Jahr hat sie ihr siebtes Album veröffentlicht, auf dem in Zeiten von Polizeigewalt und Pandemie auch wieder gesellschaftskritische Töne angeschlagen wurden.

Dylan hat das Gespür die Lebenslagen der afroamerikanischen Lebenslagen. Farbig zu sein bedeutet eine lebenslange Hypothek. Memphis Minnie und Bessie Smith sind an Rassismus und Klassismus zugrunde gegangen. Ma Rainey und Alicia Keys sind mit diesem Druck einigermaßen fertig geworden und haben sich gesicherte Existenzen aufbauen können. Sie sind Sinnbilder afroamerikanischer Hoffnung und stehen für Dylan somit für die Hoffnung auf Erlösung.

Memphis Minnie sings Ma Rainey:

Bob Dylan sings Thunder On The Mountain

Alicia sings Bob Dylan’s Pressing On:

Alicia Keys & Patti Smith:

Nina Simone

31. Januar 2021

Black History Month I: Die große Grenzgängerin zwischen Jazz, Blues, Pop und Folk war eine tragische Heldin, hielt viel von Dylans Musik und spielte kongeniale Cover

Nina Simone 1965, Copyright: http://www.commons.wikimedia.org

Anlässlich des Februars als „Black History Month“, wie er in den USA und Kanada begangen wird, werde ich in diesem Monat in meinen Beiträgen wichtige afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler vorstellen, die stets auch eine besondere Beziehung mit Bob Dylan verbindet. Zum Auftakt freut es mich sehr, hier endlich einmal der großen Nina Simone den Platz einzuräumen zu können, den sie verdient.

Aus armen Verhältnissen über Umwege zum Erfolg

Nina, die am 21. Februar 1933 in Tryon/North Carolina als Eunice Kathleen Waymon zur Welt kommt, stammt aus ganz ärmlichen Verhältnissen. Ihre Mutter ist Methodistenpredigerin, ihr Vater Handwerker. Da ist es schon ein wunderhafte Volte ihres Lebens, dass sie mit vier Jahren beginnt, Klavier zu spielen und ein Lehrer ihr Talent entdeckt und ihr hilft, ein Stipendium für das Musikstudium an der renommierten Juilliard School of Music in New York zu bekommen. Doch für ein armes, schwarzes Mädchen vom Land blieb der Weg zur klassischen Pianistin versperrt. So ging sie den Weg von vielen schwarzen Musikerinnen und Musikern, die gezwungen waren, in Nachtclubs Musik zu machen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Nina, die sich ihren Künstlernamen von der Schauspielerin Simone Signoret entlehnt, ist zäh, kämpferisch und voller Charisma. Ihre stets expressive Performance, ihre ungewöhnliche Repertoire-Mischung aus Jazz, Blues, Folk, Pop und Soul rücken sie schon bald in den Fokus von Plattenlabeln und 1957 macht sie ihre ersten Aufnahmen. Ihren ersten Hit hat sie 1958 mit einem Stück aus George Gershwins „Porgy and Bess“, mit dem Titel  “I Love You, Porgy”.

Mit dem Wechsel zur Plattenfirma „Philips Records“ beginnt ihre erfolgreichste Zeit. Sechs Alben nimmt sie in neu drei Jahren (!) auf: „Nina Simone In Concert“, „Broadway-Blues-Ballads“, „I Put A Spell On You“, „Pastel Blues“, „Let It All Out“, „Wild Is The Wind“ und „High Priestess Of Soul“.

Gesellschaftskritische Songs und Interesse an Bob Dylans Musik

Neben auch kommerziell erfolgreichen Hits wie „My Baby Just Cares For Me“, „Don’t Let Be Misunderstood“ oder „I Put A Spell On You“ und „One Night Stand“ veröffentlicht sie auch gesellschaftskritische Songs, die heute Klassiker sind: „Mississippi Goddam!“, „To Be Young, Gifted and Black“ oder „Sunday In Savannah“. Sie setzt sich aktiv für die afroamerikanische Emanzipation ein und begeistert sich für die Songs von Bob Dylan.

Bob Dylan sprach über Nina Simone in seiner legendären „MusiCares Speech“ von 2015: „Nina Simone. Ich habe sie in New York City im Nachtclub Village Gate getroffen. . Sie hat einige meiner Songs aufgenommen, die sie direkt von mir gelernt hat, als sie in einem Ankleidezimmer saß.“

1965 erscheint ihre Version von „The Ballad Of Hollis Brown“ auf dem Album „Let It All Out“. Ihr Album „To Love Somebody“ aus dem Jahr 1969 enthielt ihre Interpretationen von „Just Like Tom Thumbs Blues“, „I Shall Be Released“ und „The Times They Are A-Changin“. Zwei Jahre später nahm sie „Just Like a Woman“ auf. Mit ihrer Energie, und ihrem erdigen Gesang macht sie jeden Song  zu ihrem eigenen. Gerade auch bei „I Shall Be Released“ ist das zu erkennen, der sehr wohl religiös als auch gesellschaftspolitisch zur Lage der Schwarzen in Amerika gedeutet werden kann. Und vielleicht am stärksten bei ihrer Version von „The Ballad Of Hollis Brown“. Wo Dylans Performance abgeklärt über das Schicksal von Hollis Brown berichtet, schlüpft Nina Simone gleichsam in die Erzählung hinein und verschmilzt das mit ihrem eigenen Hintergrund, so dass der Song an Tiefe, Umittelbarkeit und Bitterkeit gewinnt und die Tragödie auf die Spitze getrieben wird.

In seiner Rede sagte Dylan dann weiter, er könnte „Oh, Lord, Please Don’t Let Me Be Misunderstood” aufnehmen, und spielte natürlich damit auf Ninas “Don’t Let Me Be Misunderstood an.

Copyright: RCA/Legacy

Resignation und Rückschläge

Doch Nina resigniert Anfang der 1970er und bezweifelt, dass sich die Lage für die Schwarzen in Amerika je verbessern wird. Auch privat muss sie Rückschläge erleiden Nachdem sie sich von ihrem Mann und Manager Andrew Stroud getrennt hatte – hier soll Gewalt in der Ehe ein Grund gewesen sein – kehrt sie 1974 den USA den Rücken. Sie hat eine Affäre mit dem Premierminister von Barbados, versucht in Afrika Fuß zu fassen und unternimmt Europatourneen. Sie wirkt immer zerrissener und zielloser, wird 1978 in den USA wegen Steuerhinterziehung festgenommen – sie hatte aus Protest gegen den Vietnam-Krieg keine Steuern bezahlt – und bekommt den Stempel „Schwierig“ auf die Stirn gedrückt.

1987 wird ihr 30 Jahre alter Hit “My Baby Just Cares For You” für einen Chanel-Parfüm-Werbespot benutzt nochmals zum großen Welthit. Doch die neue Aufmerksamkeit zahlt sich aufgrund ungünstiger alter Verträge so gut wie gar nicht für sie aus. Doch Musik von ihr wird für Filme und Remixe benutzt, sie bekommt Klassiker-Status. Ihr letztes reguläres Album erscheint 1993. In diesem Jahr lässt sie sich in der Nähe von Marseille nieder. Sie verabschiedet sich krankheitsbedingt um die Jahrtausendwende  von der Bühne und stirbt im Jahr 2003 im Alter von 70 Jahren.

Es ist keine durchgehend schöne Geschichte, dieses Leben von Nina Simone. Sie litt unter Rassismus – sie konnte keine klassische Pianistin werden, also spielte sie in Nachtclubs. Damit ihre streng religiöse Mutter das nicht bemerkte, nahm sie einen Künstlernamen an. Als schwarze Frau wurde sie bei Verträgen in der Plattenindustrie stets übervorteilt, hatte privates Pech in der Ehe mit ihrem Mann und Manager und verlor die Hoffnung auf afroamerikanische Emanzipation.

Vermächtnis

Doch was künstlerisch geleistet ist kaum hoch genug einzuschätzen. Sie hat unsterbliche Songs geschrieben und gesungen. Sie hat mit ihrer Performance und ihrem Rollenverständnis als Künstlerin die Tür geöffnet für viele weibliche, schwarze Künstlerinnen. Letztlich ist sie im Spannungsfeld zwischen Rassismus, Sexismus und Musikindustrie unglücklich geworden. Aber als starke und energische Sängerin und antirassistische Kämpferin wird sie unvergessen bleiben.

Nina Simone – Mississippi Goddam:

Nina Simone – My baby just cares for me

Nina Simone sings Hollis Brown:

Nina Simone sings „I Shall Be Released“:

Bob und Kris

28. Januar 2021

Kris Kristofferson, Country-Altmeister, Schauspieler und Freund von Bob Dylan setzt sich zur Ruhe.

Kris Kristofferson und Bob Dylan, Copyright: http://www.commons.wikimedia.org

Heute entdeckte ich die Nachricht, die ich auch bei Bob Dylan immer befürchte: Kris Kristofferson tritt in den Ruhestand. Keine Konzerte und Touren mehr, sehr wahrscheinlich auch keine Alben. In einer Erklärung von Kristoffersons Manager heißt es fast beiläufig: „Nachdem sein Vaters sich im Jahr 2020 zur Ruhe gesetzt hat, übernimmt Kristoffersons Sohn John die Leitung aller Familienunternehmen. John und der langjährige PR-Repräsentant seines Vaters werden künftige Bemühungen mit MHM koordinieren, Sonderprojekte leiten und weiterhin das Kristofferson-Indie-Plattenlabel KK Records leiten.“

Ein einzigartiger Künstler tritt damit von der großen Bühne ab. Am 22. Juni wird er noch einige Aktivitäten rund um seinen 85. Geburtstag entfalten, aber das wird so etwas wie ein Abschied sein. Von gesundheitlichen Problemen war in den letzten Jahren ja immer wieder mal die Rede.

Eine einzigartige Karriere

Mehr als 50 Jahre dauerte die Karriere an. Drei Grammys, viele unvergessene Songs, darunter der ewige Klassiker „Me And Bobby McGee“, den Janis Joplin weltberühmt machte und „Sunday Morning Coming Down“, der die Countrymusik veränderte. Dazu erfolgreich als Schauspieler in vielen Filmen wie in „Convoy“, in dem erst verkannten und dann bejubelten „Heaven’s Gate“ und natürlich in „Pat Garrett & Billy The Kid“. An seiner Seite hier im Cast: Bob Dylan.

Kris hatte immer eine starke Verbindung zu Bob. Die beiden lernten sich kennen, als Kris Hausmeister in den CBS-Studios in Nashville war, als Dylan dort Blonde On Blonde aufnahm. Und er sorgte dafür, dass Dylan im Film Pat Garrett & Billy The Kid die Rolle des Alias bekam. Peckinpah selber konnte mit Dylan nicht viel anfangen und obwohl die Entstehung des Films doch ziemlich holprig wurde, avancierte der Film zum Klassiker und Bob Dylans Film-Song „Knockin‘ In Heaven’s Door“ wurde einer der größten Hits für Dylan überhaupt.

Später hat er ebenso wie Dylan beim ersten Farm Aid-Concert 1985 gespielt. Im Repertoire hatte Kris immer auch mal Bobs „I’ll Be Your Baby Tonight“. So auch an dem denkwürdigen Abend im Oktober 1992, als Dylan dafür gehrt wurde, 30 Jahre bei Columbia Records zu sein. Kris begrüßte und führte durchs Programm und er war es auch, der Sinead O’Connor tröstete, als sie von der Menge ausgebuht wurde, weil sie ein paar Tage ein Bild des Papstes zerrissen hatte.

Große Wertschätzung von Bob Dylan

Kris Kristofferson engagierte sich auch politisch, unterstützte die Sandinisten in Nicaragua und wurde dafür von so mancher konservativen Radio-Station geächtet. Er stand immer links vom Mainstream-Country und gab keinen Cent auf die Konventionen. Umso schöner war der Erfolg mit seinen Kumpels Cash, Jennings und Nelson mit den „Highwaymen“.

Zu „Chimes Of Freedom“, einer 4-CD-Box mit 75 Songs von Dylan anlässlich des 50-jährigen Bestehens von Amnesty International im Jahre 2012 steuerte Kris „Quinn The Eskimo (The Mighty Quinn)“ bei. Aber Dylan wiederum sang auch Songs von Kristofferson wie „They Killed Him“. Und vor wenigen Jahren äußerte er sich in der berühmt gewordenen „MusiCares Speech“ voller Wertschätzung über Kris:

„Alles war in Ordnung, bis – bis – Kristofferson in die Stadt kam. Oh, sie hatten noch niemanden wie ihn gesehen. Er kam in die Stadt wie eine Wildkatze, flog mit einem Hubschrauber in Johnny Cashs Hinterhof, kein typischer Songwriter.

Und er ging Dir direkt an die Kehle. Wie in „Sunday Morning Coming Down“:

‚Nun, ich bin am Sonntagmorgen aufgewacht

Ohne die Möglichkeit, meinen Kopf zu halten, ohne dass es wehtat.

Und das Bier, das ich zum Frühstück hatte, war nicht schlecht

Also hatte ich noch einen zum Nachtisch

Dann fummelte ich durch meinen Schrank

Ich habe mein sauberstes schmutziges Hemd gefunden

Dann wusch ich mein Gesicht und kämmte meine Haare

Und stolperte die Treppe hinunter, um den Tag zu treffen.‘

Sie können sich Nashville vor und nach Kris ansehen, weil er alles verändert hat.“

Eine große Persönlichkeit

Bis in die jüngste Vergangenheit legt er noch Platten vor, die richtig stark waren, seine späten Konzerte aber, ich konnte ihn vor ein paar Jahren in Frankfurt sehen, waren schon mehr der Legende geschuldet, zu brüchig die Stimme und Performance. Und doch war das Charisma da.

Und sollte er wirklich zu seinen Lebzeiten keinen Ton mehr veröffentlichen: Für mich war und ist er neben Dylan, Cash, Neil Young, Joan Baez oder Willie Nelson eine der ganz großen Persönlichkeiten im Bereich Country, Folk und Americana.

Möge er nun in Ruhe noch einen langen Lebensabend verbringen!

Kris Kristofferson & Rita Coolidge: „I’ll Be Your Baby Tonight“:

Kris Kristofferson: Quinn, The Eskimo (The Mighty Quinn):

Neue Termine für „Johanna“ und „Chamäleon“

23. Januar 2021

Aufgrund der Pandemielage verschiebt die Volkshochschule Frankfurt am Main die beiden Veranstaltungen zu Joan Baez‘ und Bob Dylan. Neue Termine für die zwei Seminare mit dem Musikjournalisten Thomas Waldherr sind der 14. März und der 2. Mai.

Joan Baez und Bob Dylan, Foto: Wikimedia Commons

Joan Baez wurde am 9. Januar 80 Jahre alt, Bob Dylan feiert am 24. Mai seinen 80. Geburtstag. Für die Volkshochschule (VHS) Frankfurt am Main Grund genug, sich einmal mit den unterschiedlichen künstlerischen Konzepten der Folk-Ikonen zu beschäftigen.

„Mit dem Musikjournalisten und Amerika-Kenner Thomas Waldherr gehen wir den Karrieren und Kontroversen zweier musikalischer Leitfiguren nach. Sie begegnen den beiden Ausnahmekünstlern vor dem Hintergrund der politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA seit den 1960er Jahren. Mit Audio- und Videoeinspielungen sowie Songtexten werden wir deren unterschiedliche künstlerische Konzepte beleuchten und diskutieren.“, heißt es in der Ankündigung der Frankfurter VHS für die zwei Seminare, die nun wegen der Pandemielage auf den 14. März und 2. Mai verschoben wurden.

Weitere Infos und Anmeldung hier:

Joan Baez: Die heilige Johanna des Folk – zwischen Musikbusiness und Politaktivismus

So, 14. März 2021,16.00 – 18.00 Uhr

VHS Frankfurt am Main, Sonnemannstraße;

Kursgebühr: € 11

Anmeldung: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144490

Bob Dylan: Rebell und Sucher, Chamäleon und Trickster

So, 2. Mai 2021, 16.00 – 18.00 Uhr

VHS Frankfurt am Main, Sonnemannstraße;

Kursgebühr: € 11

Anmeldung: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144491

Joan Baez und Bob Dylan bei der Rolling Thunder Revue 1976:

Die Hoffnung, die vom Kapitol ausging

22. Januar 2021

Vor etwas mehr als zwei Wochen noch Ort der Schande, ging nun bei der Inauguration von John Biden vom Hügel des Kapitols die Hoffnung auf ein besseres Amerika aus. Nicht zuletzt – auch wenn Bob Dylan wie zu erwarten war nicht teilnahm – durch das musikalisch-kulturelle Programm

Lady Gaga und Joe Biden, Copyright: http://www.commons.wikimedia.org/ Foto: Carlos M. Vazquez II

Natürlich kann man den Amerikanern den Hang zu Pathos und Schmalz vorwerfen. Doch ehrlich gesagt: Gerade in Krisenzeiten brauchen die Menschen Hoffnung und das Vertrauen in Menschen, die gerade große Gefühle und tiefe Anteilnahme verkörpern, ausstrahlen und in Worte fassen.

Und wahrscheinlich ist für viele bei uns diese Pandemie gerade jetzt so schwer zu ertragen, weil uns die Politik dies nicht gibt. So richtig und unerlässlich die Anti-Corona-Regeln auch sind, der vorherrschende Politikstil ist rein technokratisch. Ob härter oder lockerer. Es fehlt die Verbreitung von Hoffnung. Regeln, Abstände, Mengen – die Politik vergisst beim Ausführen des wissenschaftlich-medizinisch notwendigen ihre eigene Rolle. Perspektiven zu geben: Ab welchen Werten ist was wieder möglich? Sinnstiftend tätig zu sein: Welche Gesellschaft wollen wir nach der Pandemie sein?

Wir sind im Lockdown. Neben der Beobachtung der kurzfristigen Entwicklungen und die Bekämpfung der Seuche sollte jetzt die Zeit sein, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Die Menschen mitnehmen und ihnen Hoffnung geben: Warum keine großangelegten Kampagnen über die Medien wie bei AIDS in den 1980ern. Stattdessen überlässt man es Zalando zu sagen: „Wir werden uns wieder umarmen!“

Hoffnung, Zuversicht und die Perspektive des politischen Diskurses

Und da schaue ich nach Amerika und da geht genau das vom Hügel des Kapitols aus: Hoffnung und Zuversicht, gemeinsam aus dem Schlamassel rauszukommen. Nicht nur Corona zu überwinden, sondern auch Rassismus und Spaltung. Spaltung zwischen Arm und Reich, Spaltung zwischen Küsten und „Fly Over Country“, Spaltung zwischen Rot und Blau usw. usw.

Joe Biden und Kamala Harris versprühen den Geist des Aufbruchs. Inmitten von Pandemie, Wirtschaftskrise und sozialer Spannungen malen sie das Bild eines besseren Amerikas. Ja, sie werden an ihren Taten gemessen werden und ja, von Biden darf man nicht die progressivste Politik erwarten, aber wichtig ist, dass hier Politik wieder als Auseinandersetzung um den richtigen Weg angesehen wird, und nicht als hasserfüllter Vernichtungskampf gegen Feinde mit allen seinen brutalen Konsequenzen. Natürlich ist Amerika das Land des Neoliberalismus, der eine bizarre soziale Ungleichheit hervorgebracht hat. Natürlich ist dieses Land auf dem Rücken der Ureinwohner und der schwarzen Sklaven aufgebaut worden. Gleichzeitig hat es jedoch den Geist, die Möglichkeiten und die Instrumente, den ungehemmten Kapitalismus zu zügeln und den Gemeinsinn wiederherzustellen. Der New Deal von Roosevelt muss heute von einem Green New Deal gefolgt werden, der zum sozial-ökologischen Umbau führt. Die progressiven Demokraten werden hier nicht locker lassen.

Musik und Lyrik malen das Bild eines besseren Amerikas

Doch mindestens genauso hoffnungsvoll wie die Reden klangen die Musik und die Lyrik an diesem Tag. Nein, Bob Dylan war nicht da. Aber sein Geist des anderen Amerikas, wofür er steht, war auch präsent. Die Auswahl der Künstler war genial. Mit Lady Gaga trat eine der erfolgreichsten weißen Popstars unserer Tage auf. Die Tochter italo-amerikanischer Eltern ist auch für ihr politisches Engagement gegen sexuellen Missbrauch und gegen Trump bekannt. Längst ist sie aus ihrer Rolle des reinen Paradiesvogels herausgewachsen. Leider ist das immer noch nicht bei einigen angekommen, denn eine hiesige Radiomoderatorin sah bei ihr am Kapitol einen rosafarbenen Rock, wo sie doch ganz staatstragend blau-rot gewandet war. Von ihr die Nationalhymne „Star Spangled Banner“ singen zu lassen, zeugt dann auch davon, dass die neue Regierung Gleichstellung und Schutz der Frauen auf der Agenda hat.

Jennifer Lopez ist der größte Latino-Popstar der USA. Sie sang als Medley „This Land Is Your Land, This Land Is My Land“ und „America The Beautiful“, die ebenfalls so etwas wie nationale Hymnen sind. Also stand Woody Guthrie wieder einmal Pate für ein besseres Amerika. Gefehlt hat in dem Medley die dritte inoffizielle Nationalhymne „God Bless America“. Doch das wäre des Guten zu viel gewesen, zumal Guthries Songs Antwort und Gegenentwurf auf „God Bless America“ war. Ob da jemand das mitbedacht hat? Wie auch immer, „J.Lo“ fügte ihrer Gesangsdarbietung noch eine Sprachbotschaft hinterher. Sie rief „Una nacion, bajo Dios, indivisible, con libertad y justicia para todos.“ Auf Deutsch: „Eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle.“ Und auf Englisch fügte sie dann noch „Let’s get loud!“ (auf Deutsch: „Lasst uns laut werden!“) hinzu, was auch ein Songtitel von ihr ist, der aber inhaltlich natürlich passt.

Amanda Gorman, Copyright: http://www.commons.wikimedia.org/ Foto: Shawn Miller.

Für viele war der Höhepunkt der Zeremonie der Auftritt der 22-jährigen afroamerikanischen Dichterin Amanda Gorman. In „The hill we climb“ eröffnet sie die Utopie eines geeinten Amerikas, das aus seiner Geschichte gelernt hat. Sie hat es an einer Stelle folgendermaßen formuliert:

„Und ja, wir sind alles andere als lupenrein,

alles andere als makellos,

aber das bedeutet nicht, dass wir danach streben,

eine Gemeinschaft zu bilden, die perfekt ist.

Wir streben danach, gezielt eine Gemeinschaft zu schmieden.

Ein Land zu bilden, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt.

Und so erheben wir unseren Blick nicht auf das, was zwischen uns steht,

sondern auf das, was vor uns steht.

Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen,

zuerst unsere Unterschiede beiseitelegen müssen.

Wir legen unsere Waffen nieder,

damit wir unsere Arme

nacheinander ausstrecken können.“

Es schwingt ein Geist mit, der Abraham Lincoln, Whalt Whitman und Woody Guthrie, Martin Luther King und Black Lives Matter in sich vereinigt. Das Gedicht ist unter den Eindrücken der Präsidentschaft von Donald Trump und dem Sturm aufs Kapitol entstanden und findet die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

Das starke Zeichen des Garth Brooks

Waren die bis jetzt Genannten ohnehin in ihrer politischen Ausrichtung erwartbar gewesen, so bildete Garth Brooks die Überraschung des Programms. Der weiße, republikanische Countrysänger Garth Brooks sang den Gospel „Amazing Grace“, der als Kirchenlied vor allem auch in den schwarzen Gemeinden verbreitet ist. Dieser Song gehörte auch immer zum Repertoire von Joan Baez, als sie noch auf Konzerttouren ging. Barack Obama stimmte ihn persönlich bei der Trauerfeier für die Opfer des rassistischen Massakers in Charleston vor sechs Jahren an und Joan Baez wiederum sang auf ihrem letzten Album den Song „The President Sang Amazing Grace“, der aus der Feder von Zoe Mulford stammt.

Garth Brooks, Copyright: http://www.commons.wikimedia.org/ Foto: Carlos M. Vazquez II)

„Amazing Grace“ also stimmte Brooks an. Das alleine war schon ein großartiges Zeichen dafür, jetzt die Gräben zuzuschütten. Und wer die Geschichte des Songs kennt – er wurde von einem ehemaligen, geläuterten Slavenhändler geschrieben, der später die Sklaverei bekämpfte – der weiß, dass der Song auch für die Fähigkeit von Menschen steht, sich zum Guten zu verändern. Leider ebenso deutlich wie dieses Statement von Brooks war aber auch die Ablehnung, die ihm dafür von Teilen seiner Fan-Base entgegenschlug. Spätestens seit den Ereignissen um die „Dixie Chicks“ und ihrer Kritik an George W. Bush weiß man, welches Risiko Garth Brooks hier eingegangen ist.

Das kulturelle Rahmenprogramm war gut ausgewählt und ebenso programmatisch wie die Reden. Amerika hat noch einen weiten Weg vor sich und sowohl die mächtigen wirtschaftlichen Interessensgruppen als auch die Republikaner und die extreme Rechte werden sich dagegen stellen. Doch die Chance, Amerika zu erneuern, wieder sozial gerechter, friedlicher, bunter und vielfältiger zu machen, die ist da, und der wurde in großer Form Ausdruck verliehen. Mit Pathos!

Garth Brooks singt „Amazing Grace“:

Barack Obama singt „Amazing Grace“:

Joan Baez singt „The President Sang Amazing Grace“: