Field Trippin Fest Germany, am 11.08.2018 in Niederdorfelden

9. August 2018

Ein ganz besonderes Americana-Fest findet am kommenden Samstag in Niederdorfelden statt

(promo) Die Musik und den Spirit Süd-Kaliforniens in die Mesa nach New Mexico zu bringen, das war die ursprüngliche Idee die Karen Criswell, Filmmacherin aus Los Angeles und Gründerin des Field Trippin, im Sinn hatte. Und da das Leben an beiden Orten nicht nur eine grüne Wiese ist, wurde der Name der Music`n Arts Initiative „Field Trippin“ als Markenname, als Etikett erdacht. Jetzt ist Niederdorfelden weder Los Angeles noch Taos, aber trotzdem oder gerade deshalb wird das Field Trippin Germany am kommenden Samstag (11.8./ Beginn 18 Uhr, Eintritt 8 Euro) ganz unprätentiös im Bürgerhaus in Niederdorfelden stattfinden.

Süd-Kalifornien und ganz besonders Los Angeles Venice Beach schickt eine hoch interessante Mischung von Musikern, die dem Publikum ihr Bestes geben Live Musik, Live Musik, Live Musik. Da wären: Michael Jost, Ausnahme-Gitarrist, Produzent aus L.A. – einer der großartige Konzerte an großartigen Plätzen in der ganzen Welt bereits sein Eigen nennt und ein nimmer müder Antreiber und Aktivist in der Venice Beach Musik-Szene ist; Los Pochos – das Komplizen- Live-Projekt mit Isaac Irvin und Rick Boston – die Musik für einen besonderen Sonnen-Untergang, das Sidewalk Cafe lässt grüßen; Billy Stobo, der als Drummer der Psycho-Rock Band Golden Buddha einen Rockstar-Status in seiner Heimat „Cali“ erreicht hat und nun als Gitarrist Brother Billy das Field Trippin mit wunderbaren Songs und Geschichten versorgt.

Dann die inländische Fraktion: „The Free Spirit“ Mr. Wolf Schubert K. mit Bine Morgenstern und Daniel Tochtermann – die drei, die auch das musikalische Erzählen perfektioniert haben und ganz bestimmt auch die aktuellen Geschichten z. B. von der diesjährigen Kanada – Vancouver – Festival Tour weitergeben werden.

Na und dann noch Niederdorfelden selbst: LaMimosas – die Gastgeber (and co-hosted by Radio Venice) – die Rock´n Soul Band die Ihren Ursprung und Basis dort hat- wo das Field Trippin Germany stattfindet. Das Band-Konzept der Musiker, der Brüder Uli und Andreas Keppler, jeden Ton der ungewöhnlichen, ausgefeilten Musik selbst in die Hand zu nehmen und diese im eigenem Sinne zu formulieren ist das, was das Publikum in Niederdorfelden erwarten und erleben kann.

Nach der Fertigstellung und Veröffentlichung des Debütalbums
„Soul on Fire“ wurde die bekannt ausdrucksstarke Musik-Idee durch den vielschichtigen musikalischen Input und der Einflussnahme von Jacques Voutay (Drums) vervollständigt und mit Rainer Backe (Bass) zu einer schlagkräftigen Live-Band komplettiert- dabei entstand zeitgleich das aktuelle Album „Unity in Diversity“. Beide Alben wurden von Michael Jost mit den LaMimosas produziert. Auf jeden Fall wird das LaMimosas Musik-Credo mit aller Konsequenz auch auf die Bühne in Niederdorfelden transportiert.

Im Fazit: Man könnte glauben, dass ein paar Hippies mit notorischem Hang zur handgemachten Live Musik sich zusammengeschlossen haben, um in einem hessischen Bürgerhaus ein Konzert zu veranstalten. Wer das denkt, hat auch in großen Teilen Recht- aber irgendwie gibt es bei Field Trippin Fest in Niederdorfelden viel mehr zu entdecken.

Bob Dylan als Kompass

9. August 2018

Looking for Bob Dylan: Michael Brenners kleines, feines und sehr persönliches Bob Dylan-Buch

Michael Brenners Kindheit, er ist 1951 geboren, war schlimm. Sein Vater gehörte zu der Generation, die noch aktiv und überzeugt im 2. Weltkrieg ins Geschehen eingegriffen hatte. Der Vater war nie wirklich auf Distanz zu dieser Zeit gegangen, für ihn war die Niederlage subjektiv keine Befreiung, sondern ein Trauma. Obwohl mehr als 10 Jahre später geboren, kennt der Autor dieses Blogs die Situation, auch sein Vater gehörte dieser Kriegsgeneration an.

In den 1950er und 1960er Jahren aufgewachsen, war Michael Brenners Umfeld eng, borniert und spießig, unter den Lehrern so mancher alte Nazi. Michael Brenners wichtiger Kompass auf dem Weg aus diesem bornierten Nachkriegselend wurde Bob Dylan. In seinem soeben erschienen Buch „Looking for Bob Dylan. Bob Dylan & Zeitgeschichte. Vol.1: Krieg der Generationen“ schildert er Dylans Aufstieg und Karriere vom jugendlichen Protestidol bis zu seinen Auftritten in Deutschland 1978 und ’81.

Es sind viele Bücher über diese Phase in Dylans Karriere geschrieben worden. Eigentlich neues erfährt man über Dylan hier nicht. Doch die Leistung Michael Brenners ist eine andere. Er kontrastiert die Dylan’sche Entwicklung mit seiner eigenen. Erzählt von der großen Befreiung, als die Schule endlich vorbei ist und er ins Studentenleben in Hamburg eintaucht. Hier sind die zeitgeschichtlichen Schilderungen mit so viel Lokalkolorit und persönlichen Erlebnissen flankiert, dass dies dem Buch seine eigene, faszinierende Note gibt. So muss es also gewesen sein, wenn man in den 1960ern mit Bob Dylan aufwächst und sich gegen die Eltern- und Lehrergeneration auflehnt. Zwar konnte mein Vater mit Bob Dylan auch nichts anfangen, aber die Zeiten und das Umfeld waren in den 1970ern schon anders.

Dies Buch sei all den zynischen Zeitgeist-Surfern empfohlen, die 1968 und Bob Dylan keine Bedeutung mehr zumessen. Und es liefert beste Argumente, warum man gegen die AfD-Propaganda von der „linksversifften 68er-Generation“ kämpfen muss. Leute, die hinter 1968 zurück wollen, wollen in ein Deutschland zurück, in dem hinter vorgehaltener Hand, manchmal auch offener, die Naziverbrechen gerechtfertigt wurden und Nonkonformisten terrorisiert wurden. Selten habe ich über diese bleierne, dumpfe Zeit so plastisch erzählt bekommen.

Ein Buch für alle, die sich vor lauter Dylan-Begeisterung eben nicht aus der Welt verbschiedet haben, sondern die bis heute einen ganz bewussten Weg mit Bob Dylan gegangen sind. Ein zweiter Teil ist bereits angekündigt. Ich kann es kaum erwarten.

Michael Brenner, Looking For Bob Dylan. Bob Dylan & Zeitgeschichte. Vol.1: Krieg der Generationen, Michael Brenner Books 2018, 12,90 Euro.

Stoischer Sänger, tanzendes Publikum

3. August 2018

Der bekanntermaßen introvertierte nordirische Blues- und Soulbarde Van Morison braucht keine flotten Mitklatsch-Ansagen, um im Schlosspark Schwetzingen die Leute zum Tanzen zu bringen. Es reicht seine wundervolle Musik.

Welch ein Kontrastprogramm. Setzte noch vor dem Konzert von Joan Baez am 1. August der Regen ein, der zumindest die Stimmung in den ersten 30 Minuten etwas dämpfte, so war der 2. August an derselben Stelle, dem Schlosspark Schwetzingen, geprägt durch fetten Sonnenschein und knallheiße Temperaturen. Und dennoch: Auch das Konzert von Van Morrison benötigte eine gewisse Anlaufzeit. Die ersten Stücke waren noch nicht so richtig zupackend vorgetragen, auch wenn Van Morrisons Stimme von Anfang an voll dar war und er auch körperlich einen besseren Eindruck hinterließ wie beispielsweise bei seinem Frankfurter Gastspiel vor 10 Jahren. Und auch damit ergeht es ihm wie seinem stoischen „Bruder im Geiste Bob Dylan, der heutzutage so fit wirkt und gut singt wie lange nicht.

Mit dem dritten Song – dem Sister Rosetta Tharpe-Cover „How Far from God“ – kam Bewegung in die Sache. Und mit einem schönen Bluesmedley aus „Baby Please Don’t Don’t Go“, „Parchman Farm“, „Don’t Start Crying Now“ und „Got My Mojo Working“ war dann endgültig der Boden bereitet. Denn jetzt folgten die ersten Klassiker wie „Moondance“ und „Carrying A Torch“. Dazwischen musikalisch besonders reizvoll „Broken Record“, das Morrison mit seinem unnachahmlichen Talent für Phrasierung und Prononcierung zu einem kleinen Meisterwerk machte. Ab „Precious Time“ war es dann geschehen, immer wieder kamen Leute nach vorne und wollten tanzen. Zuerst wurden sie von den Ordnern mehr oder minder freundlich auf ihre Plätze zurück komplimentiert, bis Sir Van eine klare Ansage machte, man solle bloß nicht glauben, sie hätten etwas gegen tanzende Menschen, sie würden gerne tanzende Menschen sehen. Nun gab es kein Halten mehr, das Publikum drängte nach vorne und in die Seitenwege, und alle standen an ihren Plätzen und tanzten und bewegten sich freudig bis zum Schluss. Großartig!

Nun fielen die Höhepunkte dem Publikum vor die tanzenden Füße wie reifes, süßes Obst. Der vor allem in der Fassungen der „Beach Boys“ und des „Kingston Trios“ bekannte Folk-Gassenhauer „Sloop John B.“ wurde „Van The Man“ in einer verlangsamten, intensiven Skiffle-Version gespielt, inklusive Steel Guitar-Klängen. Und dann folgten auf der Zielgrade natürlich auch noch „Real, Real Gone“ und „Brown Eyed Girl“. Nach anderthalb Stunden verließ Van Morrison mit „Gloria“ die Bühne und ließ sich seine starke Band noch mehr als zehn Minuten mit mehreren Soli so richtig austoben bis das Konzert dann endgültig vorbei war.

Ein starker Abend mit einem sehr wachen und agilen und für seine Verhältnisse fast schon extrovertierten Van Morrison. Fantastisch!

Paul Robeson

20. Juli 2018

Zum 120. Geburtstag des Sängers/ Mehr als „Ol‘ Man River“

Sein Name bleibt wohl untrennbar mit „Ol‘ Man River“ verbunden. Dem bekanntesten Song aus dem Mississippi-Musical „Show Boat“. Er verkörperte am Broadway und in der Verfilmung von 1936 den Joe und sang dort eben diesen Song. Seine Interpretation des Liedes mit markanter Bassstimme wurde zum Welterfolg und Gassenhauer und machte Robeson unsterblich. Im Jahr seines 120. Geburtstages ( geboren am 9. April 1898) lohnt es sich jedoch, daran zu erinnern, dass der gefeierte Sänger auch ein politischer Aktivist war und im McCarthy-Amerika verfolgt wurde.

Von 1927 bis 1939 lebt Robeson in Großbritannien. Dort kam er mit dem Schriftsteller George Bernard Shaw sowie Politikern von Labour und den Kommunisten in Kontakt und wurde zum überzeugten Linken, ohne jemals in eine Partei einzutreten. Er hegte durchaus Sympathien für die Sowjetunion und bereiste sie, war jedoch vor allem ganz praktisch politisch tätig, indem er die Arbeitskämpfe der walisischen Bergarbeiter unterstützte und für die spanischen Internationalen Brigaden sang. 1939 kam er zurück in die USA, unterstützte die Anti-Hitler Allianz im 2. Weltkrieg und engagierte sich später für den Civil Rights Congress und gegen Rassismus und Rassentrennung. Zudem wurde er der Förderer des jungen Harry Belafonte.

Nach Ende des 2. Weltkriegs und der Veränderung des politischen Klima durch die antikommunistische Hexenjagd des Senators McCarthy geriet auch Robeson ins Visier. Seine Platten verschwanden aus den Läden, er stand auf der schwarzen Liste für Funk und Fernsehen und bekam sogar seine Pässe entzogen. erst 1958 führten ihn wieder Auslandsreisen in die Sowjetunion und nach England. Hier er einen weiteren Karrierehöhepunkt, als den Othello an der Royal Shakespeare Company spielte. Überhaupt wurde der Othello und nicht der Joe im „Show Boat“ die Rolle seines Lebens. Bereits 1930 hatte er den Othello am Broadway gespielt, dann wieder ab 1943 erst in sagenhaften 296 Vorstellungen in New York und dann auf einer Nordamerika-Tour.

Eigentlich hatte er in den frühen 1960ern nach der erneuten Rückkehr in die Staaten vor, sich stärker für das Civil Rights Movement zu engagieren, doch psychische und physische Gesundheitsprobleme schränkten seine Möglichkeiten sehr ein, dann starb seine Frau Essie 1965 und sein Alter forderte zunehmend Tribut. Nun zurückgezogen lebend, erhielt er im erneut veränderten Klima der USA Anfang der 1970er Jahre nun auch in Amerika die Ehren, die ihm vorher verweigert wurden.

1976 verstarb Paul Robeson. Er hinterließ ein beeindruckendes künstlerisches und politisches Werk. Sein Leben war nicht mehr und nicht weniger als die prototypische Odysee eines schwarzen linken Amerikaners in den USA des 20. Jahrhunderts.

Heaven’s Gate

18. Juli 2018

oder: Amerika war schon immer so. Aber auch anders.

Warum wundern wir uns eigentlich über ein Amerika mit einem vor Machtlust überschäumenden Präsidenten? Warum wundern wir uns eigentlich über ein Amerika, in dem Rassismus nach innen und Abschottung nach außen einen fröhlichen Urstand feiert? Warum wundern wir uns über ein Amerika, dem der gute Deal, der wirtschaftlich erfolgreiche Händel jedes Mittel heiligt.

Amerika war schon immer so. Die Geschichte des Schmelztiegels ist keine fröhliche Erfolgsstory, sondern eine oftmals widersprüchliche, brenzlige, brutale, verstörende und traurige Erzählung. Der amerikanische Traum des individuellen Glücksversprechens zerschellt an den Mächtigen, die sich im Wohlstandsevangelium eingerichtet haben. Nach dem ist Erfolg und Macht in der Wirtschaft ein Beweis für die Gunst Gottes. Sprich: wer nicht erfolgreich ist, der ist selbst schuld, weil er Gott entzürnt hat. Dieses Christentum, das in den USA weit verbreitet ist, kennt keine Soziallehre. Und wenn sich dann der Mythos der Amerikaner als Gottes ausgewähltes Volk mit diesem biblischen Kapitalismus paart, dann wird der arme Einwanderer als ungläubiger Eindringling gebrandmarkt und bekämpft. So ist das heute und so war es schon in den späten 19. Jahrhundert.

Davon erzählt gleichsam allegorisch Michael Ciminos Western Epos „Heaven’s Gate“, den ich kürzlich als DVD erstanden habe. Die reichen Rancher bekämpfen die armen osteuropäischen Einwanderer. Mit Billigung der Regierung. Es gehörte zum Westen des „Guilded Age“, des „vergoldeten Zeitalters“, dass Viehbarone, Ölprinzen und Eisenbahnmogule Amerika in dieser Zeit rücksichtslos nach Westen erweitert und brutal geformt haben, und die Regierungen nur willfährige Gehilfen waren.

Doch Ciminos Film zeigt auch das andere Amerika auf, das es schon immer gab. Das Amerika der Sozialreformen und der Arbeitnehmerrechte, für die Präsidenten wie die beiden Roosevelts Theodore und Franklin Delano oder Woodrow Wilson standen, oder die weitaus radikaleren „Wobblies“ (Spitzname für Industrial Workers of the World), die Arbeitskämpfe der Minenarbeiter im Harlan County, die gewerkschaftlichen Kampagnen des Sängers Woody Guthrie bis hin zur Bürgerechts- und Anti-Vietnam-Bewegung in den 1960ern und „Black Lives Matter“ und dem „March for our Lives“ heutzutage.

Das Bild, das der Präsident und seine Administration von Amerika derzeit vermitteln, ist Wasser auf die Mühlen des Antiamerikanismus. Dabei ist es nicht wirklich politisch reflektiert, ein ganzes Land für seine politisch-wirtschaftlichen Eliten in Gesinnungs-Geiselhaft zu nehmen. Die Klassenauseinandersetzungen in Amerika sind für die Ausgangsbedingungen für progressive Politik und Gesellschaftsveränderung von enormer Bedeutung. Daher gilt es, diese Auseinandersetzungen zu studieren und die herrschende Politik nach dem ebenso alten, wie einfachen wie wahren Grundsatz „Cui Bono“ zu hinterfragen. Zwar ist der jetzige autokratische Kapitalismus eine direkte Folge des Neoliberalismus – insbesondere seine „inneren Landnahme“ in punkto Wertesystem, Menschenbild und politische Sphäre – und in gewisser Weise auch eine Spielart desselben. Doch wer jetzt nicht den dramatischen Unterschied zwischen dem liberalen, rechtsstaatlichen Neoliberalismus und dem autoritären Neoliberalismus erkennt, der wird Schwierigkeiten haben, ihn wirklich grundlegend kritisieren zu können und geeignete Strategien zur Überwindung beider entwickeln.

In „Heaven’s Gate“ kommt der gleichermaßen intellektuelle wie bodenständige Kümmerer Kris Kristofferson und organisiert die Armen und Benachteiligten zur letzten Schlacht. Am Ende greifen die staatlichen Ordnungskräfte ein, doch gelöst wird das Problem nicht, da stets nie das System in Frage gestellt wird, sondern Grenzüberschreitungen nicht als Wesensbestandteil, sondern als einzelne Entgleisungen gesehen werden. Und so hat hier der intellektuelle Kümmerer eine Niederlage erlitten, am Ende sich in seine gutbetuchte Welt zurückgezogen und weiß doch, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt.

Und auch genau deswegen ist Ciminos Film ein Plädoyer für ein anderes Amerika und für den steten Kampf gegen die Willkürherrschaft der wirtschaftlich und daher auch politisch Mächtigen. Und daher sollten wir uns auch nicht von Amerika in Gänze abwenden. Der Wahlsieg von Alexandria Ocasio-Cortez hat zuletzt wieder ein Hoffnungspotential aufgezeigt. Und Amerika ist auch ein reiches Land, was solche Personen und Charaktere angeht. Denken wir nur an Michael Moore oder Bernie Sanders. Ihnen muss unsere Unterstützung gelten, Sie und an die Politik und Kultur des anderen Amerika muss immer und immer wieder erinnert werden.

Und nicht zuletzt deswegen spielen wir auch weiterhin „Americana“ und die Songs des anderen Amerika. Es ist das mindeste, was wir tun können.

„Super 8“: Sich auf das Fremde einlassen

6. Juli 2018

Wie ein sieben Jahre alter Science-Fiction-Film unverhofft ein anderes Amerika aufleben lässt/ Eine Kurzkritik

Kürzlich mal wieder aus Langeweile am Abend den Fernseher angeschaltet. Einziger Ankerpunkt in einem Meer aus seichtem und schrillem, abseitigem und alarmistischem: „Super 8“, ein kleiner Film, eine Art Nebenwerk der großen Blockbuster-Regisseure und Produzenten J.J. Abrahams und Steven Spielberg. Ein Film, der mich unverhofft nicht mehr losgelassen hat.

Was auf den ersten Blick als schönes Popcorn-Unterhaltungsmovie aus dem Amerika der Vor-Trump-Ära daherkommt, ist vielschichtiger. Gleich vier Bedeutungsebenen hat dieser Film. Da ist die Familiengeschichte um Sohn/Vater/verstorbene Mutter. Da ist die Geschichte mit dem geflohenen Alien und der Air Force, die ihn wieder festsetzen will. Da ist der „Film im Film“ von den jugendlichen Filmemachern. Und da sind noch die Zeitumstände. Lillian, Ohio, ein Ort mit Stahlwerk im Jahr 1979. Also bevor das große Industriesterben im Rust Belt einsetzte, bevor Reagans neoliberale Agenda die Gewerkschaftsrechte beschnitt, in dessen Folgen deren Niedergang begann.

Was aber meine ich mit dem „anderen Amerika“ in diesem Film? Nun, die örtliche Gemeinschaft scheint keine Spaltung zu kennen. Noch ist die Gesellschaft nicht atomisiert. Klar, hier sind fast alle weiß, aber hier ist ein Mittelstand zu Hause, der noch nicht niedergegangen ist. Denn hier gibt es eine funktionierende Industrie und starke Gewerkschaften.

Ganz wichtig: Die Rolle der Armee. Die Air Force ist hier eine Bedrohung für die zivile Gesellschaft. Kein Objekt patriotischen Stolzes. Würde der Film in der Gegenwart spielen, wäre das nicht möglich. Er musste vor dem 11. September 2001 spielen.
Und schließlich: Den ganzen Film über ist das Wesen bedrohlich. Dem Fremden hat es auf die Erde verschlagen und man hat ihm übel mitgespielt. Also agiert er zerstörerisch, um fliehen zu können. Doch als Joe ihm klar macht, dass man keine böse Absicht hat, da wird aus dem dunklen gesichtslosen Fremden, ein Lebewesen mit Gesicht, Mimik und Charakter. Da versteht man einander.

In den Kritiken wurde immer darauf abgehoben, dass der Junge dieses Auftreten dem Fremden gegenüber nur geschafft habe, wie er endlich mit sich und seinem Vater im Reinen war. Ich würde dies nicht nur individualpsychologisch, sondern auch sozialpsychologisch deuten: Die hier lebenden können den Fremden auch akzeptieren, weil ihre eigene Lebenssituation noch gefestigt und mit Perspektiven behaftet ist. Und noch nicht von Armut und Niedergang gekennzeichnet ist.

Heutzutage würde der Junge dieses Vergeben nicht aufbringen. Der Alien müsste für seine Zerstörung bestraft werden. Einfach aus Genugtuung und Verbitterung. „Uns geht es ohne Schuld nicht gut, da soll es anderen, die nicht schuldlos sind, auch nicht gut gehen. Die lassen wir nicht davon kommen“. Und die Jungs wären wahrscheinlich die eifrigsten darin, die Gewaltspirale anzuheizen. Statt Super 8-Filme drehen würden sie mit dem Smartphone die zerstörerische Gewalt als Videofilmchen über die sozialen Medien weltweit teilen. Verbunden mit wüsten fremdenfeindlichen Beschimpfungen.

So ist dieser Film, der guten Unterhaltung bietet, nur sieben Jahre alt, und wirkt dennoch mit seinen Kernbotschaften des Zusammenkommens, des Verständnis für den Fremden, und dem Misstrauen gegenüber dem Militär, so weit weg vom heutigen Amerika, weiter geht’s nicht.

Die Blues-Meister

2. Juni 2018

Die Schultzes aus Weinheim sind wie ganz selbstverständlich Blues-Virtuosen

Wenn man Mojo Schultz und Petra Arnold-Schultz bei einem der vielen Konzerte, die die beiden in den verschiedensten Band-Konstellationen geben, erlebt, fällt sofort eines auf: Die unheimliche Leichtigkeit mit der sie den Blues spielen. Da ist keine große Anstrengung und da ist auch keine falsche Ehrfurcht, sondern stattdessen viel Humor. Die beiden spielen den Blues, weil er ganz selbstverständlich zum Leben gehört. Mojo ist ein Virtuose auf der Bluesgitarre, ob akustisch oder elektrisch oder slide. Mojo gelingt das alles mit viel Spaß und einer frohen Energie. Rhythmisch unterfüttert und mit stoischem Humor ergänzt wird Mojo dabei von Petra am Stand Up-Bass. Wobei „Lady Bass“ auch singt, so dass die beiden auch gesanglich zu überzeugen wissen.

Unter dem ebenso schlichten wie selbstbewussten Titel „Schultzes“ haben sie im vergangenen Jahr als Duo ein Album veröffentlicht, das die Live-Beobachtungen ebenso eindrucksvoll auf CD bestätigt, und zudem einen weiteren wichtigen Aspekt ihrer Kunst unterstreicht: Sie können nicht nur den Blues spielerisch leicht zum Gehör bringen, sie kennen auch seine Geschichte und sein Liedgut in- und auswendig, und wissen letzteres zusammen mit angrenzenden Gebieten wie Country, Bluegrass oder Rock in ihrem Repertoire fein auszutarieren. Und so wird dieses Album ebenso wie ihre Konzerte abwechslungsreich und vielfältig und nie langweilig. Und so wird diese CD auch zu einer Entdeckungsreise.

Nach dem gelungen Auftakt mit „Midnight Rider“ von Greg Allman, dem Gitarrenschulen-Klassiker „Get Back“ von den Beatles und „Riverboat Song“, dem bei J.J. Cale-Fan Schultz obligatorischen Titel aus dem Werk des Tulsa Sound-Begründers, nehmen sich die beiden Zeit für ein ausführliches Leadbelly-Medley. Es fällt mit sieben Titeln üppig aus und beinhaltet mit „Midnight Special“ oder „John Hardy“ bekannte Songs, aber gleichzeitig mit „Yellow Gal“ oder „Western Cowboy“ Stücke, von denen sicher fast nur eingefleischte Kenner des legendären „American Songster“ wissen. Die große Überraschung des Medleys ist aber „House Of The Rising Sun“. Der Song, den sowohl Bob Dylan als auch Eric Burdon in den 1960er Jahren bekannt machten, spielen die beiden so frisch und so anders als wäre er nie – ähnlich wie Blowin In The Wind“ -an unzähligen Lagerfeuern totgeschrammelt und gegrölt worden. Es entsteht ein völlig neuer Song!

Es folgen dann noch Klassiker wie der „Mercury Blues“, mit „Temptation“ ein Tom Waits-Song und zum Abschluss mit „Claire“ ein Stück aus der Feder von Mitmusikant Bernd Dalmann. Er und Mundharmonika-Spieler Albert Koch haben die Schultzes bei wenigen Stücken unterstützt, so dass es wirklich ein Album „Schultzes Pur“ geworden ist. Und genau deshalb ist es so ein schönes Album, das man immer wieder gerne hören mag und einen durch den Tag tragen kann. Chapeau und Gruß nach Weinheim!

Zu beziehen ist das Album „Schultzes“ bei Auftritten der beiden und über die Website http://www.schultzes-weinheim.de .

Und Hörproben gibt es hier:
https://www.schultzes-weinheim.de/musik/

Voices of Mississippi

1. Juni 2018

Von dieser CD/DVD-Box konnte ich bislang nur Kostproben hören. Aber die haben es in sich. Beste schwarze Blues- und Gospelmusik, dazu Wortbeiträge wie die von Ray Lum – seines Zeichens weißer Maultierhändler und Geschichtenerzähler – zeichnen ein lebendiges Bild der Populärkultur der US-Südstaaten. Alle Aufnahmen sind Field Recordings des US-Folkloristen William R. Ferris. Dazu eine DVD mit Filmen über die Kunst und Musik aus Mississippi.

Der heute 76-jährige Ferris war der Mitbegründer des „Center For Southern Folklore“ in Memphis, Tennessee und Gründungsdirektor des „Center For The Study Of Southern Culture“ an der University Of Mississippi. Er hat sich um die Erforschung der Alltags- und Populärkultur der Südstaaten verdient gemacht. Und dabei hat er die im Süden immer noch landläufige Spaltung in Schwarz und Weiß geflissentlich ignoriert. Ihm war stets das verbindende wichtig. Dass in Mississippi so unterschiedliche und für die Musikgeschichte so wichtige Künstler wie Jimmie Rodgers, Elvis Presley oder B.B. King geboren wurden. Dass man in der Old Time Musik von Plattenaufnahmen nicht unterscheiden konnte, ob Weiße oder Schwarze hier Singen und Musizieren. Dass sich die Musiken der Weißen und der Schwarzen mischten. Ferris selber ist als Sohn einer weißen Pflanzerfamilie geboren worden, die auf einer Farm zusammen mit anderen schwarzen Familien das Land bewirtschaftete. Da gab es keine Segregation. Beste Voraussetzungen also, um ohne Rassismus aufzuwachsen.

Für viele Europäer sind der US-Süden und der Staat Mississippi eine große Unbekannte. Die Touristen zieht es nach New York, nach Kalifornien, Florida, in die Nationalparks oder auf die Route 66. Mississippi liegt da ab vom Schuss, ist jedoch so etwas wie der Geburtsort der amerikanischen Musik. Im Mississippi Delta wurde der Blues geboren. Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, brachte weiße Hillbillymusik und schwarzen Blues zusammen und wurde dadurch zum „Vater der Countrymusik“.

Aber dennoch: Auch uns blieb auf unseren Reisen in den Süden vieles dort fremd. Wir erinnern uns an die windschiefen Holzhäuser der Schwarzen in Clarksdale, Mississippi. Dort wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen. Wir erinnern uns an fremde Tänze in Morgan Freemans Blues Club und das Geheimnisvolle eines noch ursprünglicheren Juke Joints im Ort.

Diese Box erscheint in einer Zeit, in der die herrschende politische Klasse in den USA die Gräben der Spaltung wieder tiefer zieht. Der Kampf um den Referenzrahmen tobt. Gerade ist Roseanne Barr richtigerweise wegen eines rassistischen Tweets gefeuert worden. Man wünschte diese Box würde gerade den Weißen aufzeigen, dass Weiße und Schwarze mehr eint als trennt.
Vielleicht eine der wichtigsten musikalischen Neuerscheinungen dieses Jahres.

Ein kleine Kostprobe von der DVD: Vier Künstlerinnen aus Mississippi

Mein Amerika

31. Mai 2018

Mein Amerika ist Bob Dylan mit weißgeschminktem Gesicht
und breitkrempigem Hut in der Rolling Thunder Review.
Mein Amerika sind die ratternden U-Bahnen, die Diners
und die Busse in New York.

Mein Amerika sind Ben, Adam Hoss & Little Joe Carwright,
die auf ihrer Ponderosa für ein vielfältiges und tolerantes Land kämpfen.
Mein Amerika sind die aufrechten Bergarbeiter vom Harlan County,
die sich von der Gewalt nicht schrecken ließen.
Mein Amerika sind „Easy Rider“ und „Blues Brothers“,
die Bigotterie und Rednecks trotzen.

Mein Amerika ist der weite Himmel über Texas
und der Washington Square in Greenwich Village.
Mein Amerika ist Woody mit seiner Gitarre,
auf der steht „This Machine kills Fascists.

Mein Amerika sind die Grand Ole Opry,
in der Del McCoury, die Old Crow Medicine Show
und die Carolina Chocolate Drops spielen.
Mein Amerika ist der Broadway in Nashville
und die Beale Street in Memphis.

Mein Amerika sind Mark Twain und Walt Whitman,
sind Hemingway, Faulkner und Ambrose Pierce.
Mein Amerika sind Alice Walker und Toni Morrison,
James Lee Burke und Joe E. Lansdale.
Mein Amerika sind Rhiannon Giddens und Alynda Lee Segarra,
Joan Baez und Ani Di Franco.

Mein Amerika sind die Blue Ridge Mountains,
the little Cabin in the hills, Woodstock, die Catskills und Big Pink.
Mein Amerika sind Martin Luther King, Angela Davis,
Rubin „Hurricane“ Carter und Rosa Parks.

Mein Amerika sind Levon Helm und Larry Campbell,
Johnny Cash, Hank Williams, Jimmie Rodgers und die Carter Family.
Mein Amerika sind die Brooklyn Bridge, die Sun Studios,
Bristol, Tennessee/Virginia und Clarksdale, Mississippi.
Mein Amerika war und ist, und war doch nie so da
wie geträumt.

Mein Amerika sind Black Lives Matter, Childish Gambino,
Denzel Washington, Susan Sarandon und Tim Robbins,
The Roots, Kendrick Lamar und
die couragierten Jugendlichen der Parkland High School.

Jetzt wollen sie ihm den Garaus machen da drüben, von innen.
Du, mein Amerika, das ein anderes Amerika ist,
sei stark und wehrhaft!

Bob Dylan und „Black Music“

11. Mai 2018

Dass Bob Dylan seine Wurzeln auch im Blues hat, ist hinlänglich bekannt. Seine Beziehung zu Gospel, Soul und Rap lohnt aber einer genaueren Betrachtung

Die Generation aus der Bob Dylan stammt hat den Blues der Schwarzen aufgesogen, war doch die Musik der unterdrückten Afroamerikaner für diese rebellische Jugend ein perfektes Ausdrucksmittel gegen die Kultur ihrer Eltern, die musikalisch in den Zentren Classic Urban Pop und im ländlichen Raum Country Music hörte. Das war bei Dylan auch nicht anders, jedoch hat der schon früh in seinem Werk auch die Verbindungslinien vom Blues zum Country offengelegt. So ist „Only A Hobo“ beispielsweise von Jimmie Rodgers beeinflusst, der Blues und Hillbilly-Elemente zusammenführte und somit zum „Vater“ der klassischen Countrymusik wurde.

An der Seite der Bürgerrechtsbewegung
Dylan hat seine ganze Karriere über Blues gespielt und ist somit – ohne dieses Label direkt zu tragen – im Grunde einer der wichtigsten und einflussreichsten weißen Bluesmusiker überhaupt. Zudem ist er schon in jungen Jahren ein Bewunderers der Gospel Music der Staple Singers gewesen, mit Mavis Staples war er eine Zeit lang liiert, seinen Heiratsantrag in jungen Jahren lehnte sie ab. Dylan gehörte der jungen weißen Generation an, die ganz selbstverständlich mit den Schwarzen als ihnen gleichberechtigte Menschen umging und sich für deren Rechte einsetzte. Er spielt in seiner Frühzeit in New York im Vorprogramm von John Lee Hooker. Er reiste im Juli 1963 mit Pete Seeger und Theodore Bikel in den Süden, um die Bürgerrechtsbewegung zu unterstützen und er spielte mit Joan Baez bei „March to Washington“ im August 1963, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt.

Die schwarze Community wurde natürlich auf den jungen weißen Freiheitssänger aufmerksam. Insbesondere natürlich die schwarzen Musiker. Sie ließen sich von ihm inspirieren wie Sam Cooke, dessen „A Change Is Gonna Come“ eine direkte Antwort auf „Blowin In The Wind“ darstellt. Oder sie sangen seine Lieder. So wie die schon erwähnten Staple Singers. Oder Odetta oder Nina Simone oder Jimi Hendrix. Sie alle spielten bereits in den 1960ern Dylans Songs. Und 1969 nahm ein von Lou Adler zusammengestellter Gospel-Chor Dylan-Songs unter dem Titel „Dylan’s Gospel“ auf. Mit dabei Clydie King, die in den frühen 1980ern dann Dylans Backgroundsängerin und Freundin werden sollte. Doch dazu später mehr. Die Linie der schwarzen Musiker, die Dylan geschätzt und gecovert haben führt über die O’Jays, Solomon Burke und Bobby Womack bis hin zu Bettye LaVette, die soeben unter dem Titel „Things Have Changed“ ein Soul-Album mit Dylan-Songs veröffentlicht hat. Eine schöne Sammlung zu diesem Thema ist unter dem Titel „How Many Roads. Black America Sings Bob Dylan“ erschienen.

Und Dylan blieb der schwarzen Community und deren Problemen wie Kriminalisierung und Rassimus auch in den 1970ern treu. Nicht von ungefähr stellen seine beiden einzigen wirklichen Protestsongs dieser Dekade schwarze Protagonisten in den Mittelpunkt. 1971 den erschossenen Black Panther-Führer George Jackson und 1975 den zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxer Rubin „Hurricane Carter“. Zum großen Benefizkonzert kam dann auch Muhammad Ali in den Madison Square Garden. Übrigens war Black Panther-Mitbegründer Huewy Newton ein großer Dylan-Fan. Wobei er sich weniger von den Bürgerrechtssongs, also von Dylans Rockmusik begeistert zeigte. Letztlich hat sich Dylan aber wohl – es soll bei einem Treffen zu einem Disput zwischen den Panther-Funktionären und dem Sänger gekommen sein – wegen der Gegnerschaft der Panther zu Israel sich dann nie wirklich für sie verwendet.

Dylan entdeckt den Gospel für sich
Eine tiefere, systematische Beschäftigung mit der schwarzen Musik jenseits vom Blues jedoch begann für Dylan dann mit seiner Welt-Tournee 1978 und den darauf folgenden „Born Again“-Jahren. „Street Legal“ war schon gekennzeichnet durch Soul- Rhythm & Blues sowie Gospel-Elementen, und es wurde erstmals bei Dylan ein Background-Chor schwarzer Sängerinnen eingeführt. Verstärkt wurde das dann durch seinen Übertritt zum Christentum. Denn Bob spielte fortan schwarzen Gospel, keinen weißen Country-Gospel. Und es war die schwarze Schauspielerin Mary Alice Artes, die ihn bei seiner Konvertierung zum Christentum unterstützte.

Dylan verband übrigens mit einigen seiner schwarzen Backgroundsängerinnen mehr als nur die Musik. so war er eine Zeit lang mit besagter Clydie King liiert – es gibt ein wunderschönes Video der beiden, wie sie Abraham, Martin & John singen und die tiefe Zuneigung überhaupt nicht zu übersehen ist. Und mit Carolyn Dennis war er dann Mitte der 1980er verheiratet und hat mit ihr auch ein Kind.
Bis in die frühen 1990er Jahre spürt man in seiner Musik den Einfluss von Rhythm & Blues, Soul und Gospel. Insbesondere sein 1985er Album „Empire Burlesque“ atmet – unabhängig von den bekannten Qualitätsproblemen bei Songs und Produktion – viel Soul und Funk. 1986 nimmt er zur Verblüffung vieler bis heute einen Song zusammen mit dem Rapper Kurtis Blow auf. Was von vielen als künstlerische Desorientierung Dylans in den 1980ern angesehen wird, ist meiner Meinung nach ein Zeugnis für die Hochachtung Dylans vor der schwarzen Musik in all ihren Ausprägungen. 1986 und 1987 tritt er zusammen mit den Queens Of Rhythm als Background-Sängerinnen auf, Gospel-Einflüsse halten sich weiterhin in seiner Musik.

Blues und Jazz
Mit seinen Alben „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ erinnert er sich dann wieder an seine Blueswurzeln. Aber diesmal auch an die schwarze Musik, die es fernab dem typischen Delta-Blues gab. Er spielt „Frankie & Albert“, einem Stoff, der u.a. auch von den Songsters – nicht Bluesern! – Leadbelly und Mississippi John Hurt bekannt ist. Und „World Gone Wrong“ ist auch eine Reminiszenz an die Mississippi Sheiks, einer Gruppe von Unterhaltungsmusikern aus dem Süden, deren Repertoire weit über den klassischen Blues hinausging.

Bis heute sind all diese Einflüsse – Blues, Soul, Funk, Rythm & Blues – in seiner Musik vorhanden. Sogar Ausflüge in den Jazz gibt es zu notieren. Wie zum Beweis ist gerade „United We Swing: Best of The Jazz at Lincoln Center Galas“ erschienen, auf dem Dylan mit dem Winston Marsalis Septet „It Take A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry singt und dabei Mundharmonika spielt. Die ebenfalls auf einer dieser Galas Anfang der 2000er Jahre verjazzte Version von Don’t Think Twice“ hat es leider nicht auf die Platte geschafft.

Und wenn man sich heute seine Konzerte anhört, dann hat „Blowin‘ In The Wind“ mittlerweile einen starken Gospel-Soul-Touch. Bob Dylan ist bis heute ein kultureller Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß geblieben. Auch das ist eine Qualität für sich im heutigen Amerika.

The O’Jays sing Bob Dylan:

Bob Dylan sings Solomon Burke: