„The Freewheelin‘ Bob Dylan“ meets „The Basement Tapes“

15. Januar 2021

Das alte, unheimliche Amerika war immer auch gefährlich und nie wirklich weg / Gesellschaftskritische Folksongs sind aktueller denn je

Copyright: Picador

Greil Marcus hat mit seinen lesenwerten Büchern über die legendären „Basement Tapes“ den Begriff „The old, weird America“, das „alte, unheimliche Amerika“, geprägt. Als Marcus‘ „Invisible Republic“ 1997 erschien, also vor fast einem Vierteljahrhundert, war das die hohe Zeit  von Historizismus und Postmodernismus. Nach dem Zusammenbruch der poststalinistischen Regimes hinter dem eisernen Vorgang hatten Liberalismus und Kapitalismus scheinbar gesiegt. Das Ende der Geschichte wurde ausgerufen. Die soziale Frage und die Interessengegensätze zwischen Kapital und Arbeit schienen keine Rolle mehr zu spielen. Kein Wunder, dass sich die progressiven Volksparteien davon verabschiedeten. Sie machten ihren Frieden mit dem Neoliberalismus und machten noch mehr als ohnehin schon in Kosmetik der gesellschaftlichen Widersprüche. Jetzt wurden die Symptome nicht mal mehr repariert, sie wurden einfach übertüncht. Historizismus und Postmodernismus in Amerika gingen zu dieser Zeit gleichsam davon aus, dass in einer hochzivilisierten liberalen Gesellschaft auch die Verhältnisse des alten, unheimlichen Amerika vorbei und vergangen sind.

Songs über das alte, unheimliche Amerika

Die Songs über das alte, unheimliche Amerika erzählen von Mord und Totschlag aus Frauenfeindlichkeit und Eifersucht. Sie erzählen von Gesetzlosen und Totschlägern, die sich nicht von Ordnungsbehörden gängeln lassen wollen. Sie erzählen von Naturkatastrophen, aber auch von Katastrophen, die aus menschlicher Gier nach Reichtum verursacht wurden. Sie behandeln wahre Geschichten genauso wie Märchen und Mythen. Sie erzählen von Alkohol, dem Teufel und vom lieben Gott. Von Pioniergeist, Rassismus, Ausbeutung und Gewalt bei der Eroberung des Landes. Aber auch vom Kampf gegen die Mächtigen, gegen Unrecht und Verfolgung. Sie bilden ganz Amerika ab, das immer auch ein gefährliches Amerika war.

Wenn Dylan & The Band diese Songs bei den „Basement Tapes“ aufgenommen haben, dann in einer Mischung aus Nähe und Distanz und einer gewissen Faszination am Abgründigen. Sie wissen, dass dies die Tradition des Folksongs ist. Er sagt viel über die Wirklichkeit des alten Amerika. Er war das Medium zur Verbreitung von Nachrichten und Narrativen. Wenn Dylan und The Band diese Songs spielen, machen sie sich nicht immer die Haltung der Protagonisten zu Eigen. Sie sind Chronisten, sie sind gleichsam selbst die Medien.

Ein moderneres, gerechteres Amerika?

Das alte, unheimliche und gefährliche Amerika schien Ende der 1960er Jahre seine letzten Kämpfe zu führen. Der Roosevelt’sche „New Deal“ der 1930er und 1940er Jahre, Gewerkschaftskämpfe, der wirtschaftliche Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg und „The Great Society“ hatten die Willkür der Großgrundbesitzer, der Mächtigen in Wirtschaft und Finanzen beschnitten, die Rechtssicherheit, die soziale Gerechtigkeit und die Bildungschancen für alle gestärkt. Der beginnende Vietnamkrieg, der Rassismus, und die sich ausbreitenden gesellschaftlichen Haltungen von Konformismus und Konsumismus führten währenddessen zu Jugendprotest und Bürgerrechtsbewegung und diese wiederum zur Hoffnung auf ein anderes Amerika. Der Civil Rights Act hatte Mitte der 1960er Jahre dann die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß formal endlich festgeschrieben, doch aufgrund der tatsächlichen Lage im Land blieben die Rassenkonflikte latent.

Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnet den Civil Rights Act, Copyright: Wikimedia Commons

Dann kam der „Summer Of Love“ und während die einen in Lebensreform und Psychedelic-Rock eskapistisch abhoben, gingen Bob Dylan und die The Band in den Keller von Big Pink und erdeten sich mit amerikanischer Geschichte und einem Verständnis davon. Während Dylan seinen Fundus aus Folksongs mitbrachte, hatte The Band Blues, Soul, Gospel und Country im Gepäck. Zusammen erschufen sie das genreübergreifende Genre „Americana“. Der Begriff und das Genre wurden aber erst in den 1990ern und 2000ern wirklich manifest. Wieder waren es in diesen Jahren junge Rockmusiker, die zu den Country-, Folk- und Blueswurzeln zurückgingen.

Anfang des neuen Jahrtausends bekamen Americana und Old Time Music durch den Film „O Brother Where Art Thou“ und vor allem durch seinen Soundtrack einen enormen Aufschub. Aber auch dieser sehenswerte, bahnbrechende Film der Coen Brüder ist ein historisierendes Werk. Es ist eine postmoderne, schräg-humorvolle, abgeklärt-ironisierende Betrachtungsweise der US-Südstaaten in der Great Depression. Alle Zutaten – Armut, Gewalt, Rassismus, Korruption, Bigotterie – sind zwar vorhanden, aber die Härte der Auseinandersetzungen und Verwerfungen ist mit viel Sepia eingefärbt und Weichzeichner bearbeitet. „Davon sind wir heute weit entfernt. Wir können uns darüber amüsieren, weil es eben von gestern ist.“ So war die Gewissheit in liberalen Kreisen. Alleine Gruppen wie die schwarze Old Time Band „Carolina Chocolate Drops“ erinnerten in der Neo-Folkwelle an die rassistischen Kontinuitäten und die verdrängten afroamerikanischen Wurzeln der Folk- und Countrymusik. Und Bob Dylan zeigte die Widersprüche der amerikanischen Selbsterinnerung und der Rezeption der Südstaaten-Traditionen mit seinem Werk „Love und Theft“ auf.

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“

Denn hinter der Historisierung lebte die alte Welt weiter. Wie Williams Faulkner sagte: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Denn die alten Vorurteile lebten weiter, der alte Rassismus, der alte Geist der Sezession. Martin Luther King Jr. wurde 1968 in Memphis ermordet, Bobby Kennedy fiel im selben Jahr ebenfalls einem Attentat zum Opfer. Als dann mit Jimmy Carter ein Hoffnungsträger und Freund Bob Dylans zum US-Präsidenten gewählt wurde, hatten sich die Abwehrkräfte des gesellschaftlichen Fortschritts längst wieder neu formiert. Carters Präsidentschaft scheiterte.

Denn gepaart mit einem evangelikalen Furor grub sich der reaktionäre Ungeist ab Ende der 1970er in die Mentalitäten der Menschen wieder und verstärkt ein. Ronald Reagans Politik des Neokonservatismus – Law & Order, die Reagonomics von wirtschaftlichem Neoliberalismus und Sozialabbau, und unverhohlener Rassismus – führte die schon unter Nixon begonnene Zerschlagung des Sozialstaats weiter. Er trieb den Paradigmenwechsel voran und brach endgültig mit den letzten Relikten des New Deal. Die soziale und gesellschaftliche Spaltung nahm ihren Lauf.

Reagonomics: Ronald Reagans Steuergesetzgebung, Copyright: Wikimedia Commons

Der schwere Fehler von Clinton und später Obama war es, dies nicht als eine Episode anzusehen und wieder zurückzudrehen, sondern sich mit den Reagan’schen Veränderungen weitgehend abzufinden. Obama lobte sogar Reagans Appelle an die Eigenverantwortlichkeit der US-Bürger. Die aber nichts anderes waren, als Reagans Maskerade für den Sozialabbau, der gerade die Afroamerikaner traf.

Der Geist aus der Flasche und der Folksong

So kam das alte unselige alte Denken in den Zeiten der Finanzkrise und dem ersten schwarzen Präsidenten wie der Geist aus der Flasche stärker denn je zurück. Viele einfache weiße Leute verbanden Obama aufgrund dessen verfehlter Politik in der Finanzkrise mit dem Verlust ihres Häuschens. Rassismus, desparater, unreflektierter Sozialprotest und die übliche ablehnende Haltung zur Bundesregierung und zum „Washingtoner Establishment“ führten zur Tea Party-Bewegung und veränderten die Partei der Republikaner deutlich. Und dies machte einen Trump erst möglich. Und der nutzte die sozialen Medien und schürte Hass und Verschwörungstheorien.

Das Ergebnis sehen wir heute: Den Sturm auf das Kapitol und die Angst dass in den Tagen um die Amtseinführung von Joe Biden erneut marodierende Banden in ganz Amerika aufmarschieren und Gewalt ausüben.

Copyright: Columbia Records

In meinem letzten Blogeintrag – https://cowboyband.blog/2020/04/21/the-bickenbach-texas-home-office-diary-29/ – habe ich nach dem neuen Folksong gefragt, der den Sturm auf das Kapitol zum Inhalt hat. Denn dieses nationale Trauma schreit nach Vertonung. Denn es stimmt leider nicht, was Joe Biden aus gutgemeintem Versöhnungswillen sagt, das wäre nicht Amerika. Doch, das ist auch Amerika, sagen sowohl Sportstar Megan Rapinoe als auch die Historikerin Jill Lepore. Denn die amerikanische Geschichte ist auch eine Geschichte der Gewalt. Der junge Bob Dylan hat diese Tatsache auf seinem epochalen Longplayer „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ in „With God On Our Side“ genauso besungen wie fast 50 Jahre später die Avett Brothers mit „We Americans“. Amerika ist auf dem Rücken der Schwarzen und auf dem Land der Indianer aufgebaut worden. Amerikas Geschichte war auch immer von Spaltungen geprägt. Und „Oxford Town“ oder „Only A Pawn In Their Game“ zeigen auf, wozu der Mob fähig ist. „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ und „The Times They Are A-Changin'“ beschrieben das damalige zeitgenössische gefährliche Amerika der Rassenauseinandersetzungen und stehen damit ebenfalls in der Tradition der Songs, die Dylan und The Band vier Jahre später aufnehmen sollten. In diesen Traditionen würde denn auch der Folksong stehen, der noch geschrieben werden muss. Eine erste Annäherung ist unten im Video zu hören und zu sehen.

Quo vadis, Amerika?

Amerika muss, wenn es wieder gleicher, vielfältiger, einiger und gerechter werden will, sich zu zwei markanten Punkten bekennen: Der Hypothek des gefährlichen Amerika und der Tradition des Roosevelt’schen New Deal. Je weniger sozial gespalten die Demokratie, je weniger sie von unkontrollierten Kapitalinteressen ausgehöhlt ist, desto stärker ist sie. Warum sollte nicht auch irgendwann das gefährliche Amerika vergangen sein?

Zwei Klassiker von Bob Dylan:

Und ein erster Folksong zum Sturm auf das Kapitol:

Der Trump-Aufstand – Eine Katastrophe, wie gemacht für einen großen Folksong des jungen Bob Dylan

11. Januar 2021

Der faschistische Sturm auf das Kapitol in Washington hat den USA ein weiteres Trauma beschert. Wer schreibt den Folksong dazu?

War das Ziel eines faschistischen Aufstandes: Das Kapitol in Washington. Copyright: Wikimedia Commons.

So sehr ich Bob Dylan für sein Spätwerk schätze, gerade würde ich mir wünschen, der junge Bob Dylan würde sich vom Sturm aufs Kapitol zu einem seiner bitterbös-humorigen, scharfsinnig-beobachtenden und anklägerischen Folksongs inspirieren lassen. Ein Song ganz mit den Zutaten des „John Birch Society Blues“, von „Oxford Town“, von „Who Killed Davey Moore“ und „Only A Pawn In Their Game“.

Miese Show eines närrischen Präsidenten und seiner bösen Armee

Denn was für eine miese Show wurde hier vom rechtsextremen Personal der Republikaner und ihrer faschistischen Bündnispartner der „Proud Boys“ und der Verschwörungsphantasten der „Quanon“-Bewegung inszeniert: Der Präsident, der ein böser Narr ist, ist abgewählt und will es nicht wahrhaben. Also schwört er seine Leute auf seine riesengroße Lüge vom Wahlbetrug ein. Seine Armee des faschistischen Bodensatzes, der Rassisten, der durch Verzweiflung und falschen Stolz verrückt und gewalttätig Gewordenen und der politischen Abenteurer, wiegelt er zum Sturm des Hauses der gewählten Volksvertreter auf. Eine bunte, böse Lumpenarmee, durchdrungen von Soldaten und Polizisten trifft auf eine überforderte und zahlenmäßige viel zu kleine Sicherheitstruppe.

Denn es sind Leute aus der Regierung des närrischen Präsidenten selbst, die dafür sorgen, dass die Truppen zu wenige sind. Und inmitten der im Hintergrund laufenden unheilvollen Auseinandersetzungen vor dem Sturm tritt als tragische Figur eine Bürgermeisterin von Washington auf, die aus falsch verstandener Liberalität nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um die Black Lives Matter-Proteste nicht gerne viel Polizei und Militär in der Stadt hat. So nimmt keiner die böse, bunte Lumpenarmee ernst. Sie durchbrechen die Linien, und wüten und marodieren durch das Parlamentsgebäude. Sie suchen nach den „Feinden des Volkes“ wie sie sie nennen und finden sie glücklicherweise nicht.

Denn der Vizepräsident, der erst viel zu spät gemerkt hat, welche Geister er da rief und dem deswegen nun der Tod durch den wütenden Mob droht, kann in Sicherheit gebracht werden. Ebenso wie die als Hexe verschriene Anführerin der parlamentarischen Gegner des Präsidenten.

Der Geist ist aus der Flasche

Derweil sitzt der närrische Präsident im Weißen Haus am Fernsehen und schaut sich unbekümmert im Fernsehen das an, was er angerichtet hat. Widerwillig nur versucht er seine Leute zu beschwichtigen, indem er gewalttätige Taugenichtse und Chaoten zu „besonderen Menschen“ adelt.

Noch einmal kann die Ordnung wieder hergestellt werden. Man versucht, den närrischen Präsidenten zur Rechenschaft zu ziehen. Und auch wenn dies gelingen sollte: Der Geist ist aus der Flasche und seine neuen Herren, Donald Trump Jr. und Jared Kushner werden nicht müde, die Gemeinschaft mit diesem Geist weiter zu zersetzen. Auf, dass ein neuer Sturm erfolgreich sei. Können der neue Präsident und seine Leute das verhindern?

Ein Komplott wie bei „Hurricane“, eine Brutalität der selbst ernannten Patrioten, die potentiell so gefährlich ist wie die von den Mördern von Hattie Caroll und Emmett Till. Auch hier trifft es wieder zu, was Bob Dylan in späteren Jahren zu seinen frühen antirassistischen und gesellschaftskritischen Songs gesagt hat: Die Mechanismen sind immer noch die Gleichen, nur die Namen müssen ausgetauscht werden.

Wer schreibt den Folksong, der jetzt gebraucht wird?

Und daher wird ein Bob Dylan heutzutage auch keinen neuen Folksong dieser Art schreiben. Und er muss es auch nicht. Sein lyrisches und dramatisches „Murder Most Foul“ über den Kennedy Mord war schon der Abgesang auf die alte amerikanische Herrlichkeit im 20. Jahrhundert. Sein Film „Masked and Anonymous“ war bereits die Dystopie einer dynastischen Diktatur in Amerika wie die Trumps sie wollen. Er hat den Boden bestellt für das Lied gegen die böse amerikanische Zeitenwende.

Wer schreibt also den Folksong über dieses Ereignis, den man braucht, um die Strippenzieher anzuklagen und der Lächerlichkeit preiszugeben und sie Schimpf und Schande auszusetzen?

Wie Odetta den jungen Bobby für den Folk begeisterte

8. Januar 2021

Nicht Woody Guthrie, sondern die afroamerikanische „Queen Of Folk“ – sie wäre am 31. Dezember 90 Jahre alt geworden – war Bob Dylans erster Folk-Einfluss.

Odetta, Copyright: Wikimedia Commons

Als der junge Robert Zimmerman Anfang 1961 in das verschneite New York kam, da war er so etwas wie ein Woody Guthrie-Impersonator. Dazu gereift in Dinkytown, dem Boheme-Viertel der Zwillingsstädte Minneapolis/St. Paul. So gut gereift, dass er seinem Idol bald als lebende Woody Guthrie-Juke Box dienen konnte.

Doch seine ersten musikalischen Gehversuche hatte er im Rock’n’Roll gemacht. Er hatte im Radio viel Musik gehört, lernte im jüdische Sommercamp die Gitarre spielen und die Rock’n’Roll-Rebellion, die im Land in den Jahren 1954-58 ihren Höhepunkt hatte, erfasste dann auch ihn.

Mit Kumpels gründete er verschiedene Bands, darunter „The Golden Chords“ bei denen Bobby Zimmerman wie eine Mischung aus Jerry Lee Lewis und Little Richard entfesselt auf sein Klavier hämmerte. So wurde ein Konzert der Band an der Hibbing Highschool wegen der enormen Lautstärke vom Direktor abgebrochen. In dieser Erinnerung begründet liegt wohl der ihn kennzeichnende Satz im Schuljahrbuch 1959: „To join Little Richard“.

Die Entdeckung im Plattenladen

Doch da war er längst schon wieder auf einem anderen Trip. Es passte irgendwie in die Zeit: Als 1958 der Rock’n’Roll so langsam auch wegen des Drucks von Staat und religiösen Organisationen seine rebellische Kraft verlor – „Ehe-Skandale“ um Chuck Berry und Jerry Lewis führten zu deren Karriereknick, Elvis ging zur Armee – da lösten sich auch die Golden Chords auf.

Bobby Zimmerman war nun wieder auf sich allein gestellt, saugte alle möglichen Einflüsse in sich auf, suchte nach musikalischer Orientierung. Da entdeckte er im Plattenladen „Odetta sings Ballads and Blues“. Er war begeistert, setzte nun voll auf Folk und tauschte seine elektrische Gitarre gegen eine akustische „flat-top“ Gibson ein. „Das erste, was mich zur Folkmusik brachte, war Odetta“, sagte er in späteren Jahren in einem Interview. Bei Odetta hört er „etwas Vitales und Persönliches. Ich habe alle Songs auf dieser Platte gelernt“, darunter Stücke wie „Mule Skinner“, „Jack of Diamonds“ und „Water Boy“.

Odetta sagte, Bobby habe Talent

Und er begegnete ihr sogar persönlich, noch bevor er als Bob Dylan Karriere macht. Im Januar 1961 war er in New York City eingetroffen, im Mai des Jahres besuchte er nochmal alte Freunde in Minnesota. Da kam Odetta zu einem Konzert nach St. Paul. Seine Freundin Bonnie Beecher erinnerte sich vor einigen Jahren: „Ich erinnere mich an eine Zeit … Odetta kam in die Stadt … Also planten ich und Cynthia Fisher …, wie wir Dylan dazu bringen könnten, Odetta zu treffen und für sie zu spielen … Und tatsächlich traf er sie. .. und ich erinnere mich, dass Cynthia Fisher zu mir nach Hause gerannt kam … und sagte: „Sie sagte, dass Dylan echtes Talent hat und er es schaffen kann!“ Mit diesem „Ritterschlag“ einer Königin des Folk ausgestattet, ging Dylan nach New York zurück und startet seine Karriere richtig durch.

Gegenseitige Wertschätzung

Odetta sings Dylan, Copyright Camden Records

Und Odettas Kompliment für Bobs Talent war keineswegs pure Höflichkeit. In den Zeiten von Folk Revival und Bürgerrechtsbewegung begegneten sich die beiden beim Newport Folk Festival oder beim „March To Washington“. Und sie lernte Dylans Können immer stärker zu schätzen. Und die Wertschätzung war wirklich enorm. Denn als sie im Januar 1965 – als Dylan schon längst im Clinch mit der politischen Folkbewegung lad und sie wenige Monate später beim „March To Selma dabei sein würde – ein ganzes Album nur mit Dylan-Songs veröffentlichte, da legte die Civil Rights-Aktivistin keinesfalls einen Schwerpunkt auf Dylans bekannte Protestsongs. Denn neben „Don’t Think Twice“ und „Mr. Tambourine Man“ sind mit „Baby, I’m in the Mood For You“, „Long Ago, Far Away“ und „Tomorrow Is A Long Time“ drei unbekanntere Songs, von denen zwei Songs leidenschaftliche Hingabe bzw. melancholische Erinnerungen zum Thema haben, auf dem Album. Sie entdeckte Dylan quasi als den universellen Songpoeten, der er wirklich ist, und suchte nicht den Protestlyriker, den sich die Bewegung wünschte. Und dass sie hier Songs singen konnte, die er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht hatte, spricht für ihren besonderen Zugang sowohl zu Dylan, als auch zu seinem Songbuch.

Obwohl sie schon leicht genervt in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit klarstellen musste, dass sie die jüngeren Superstars Dylan und Baez beeinflusst hatte und nicht umgekehrt –  „Ich bin die Mama und sie sind die Kinder, und ich habe diese Sänger beeinflusst“ – war sie keineswegs nachtragend. Beide wussten um ihre musikalische Bedeutung für einander. Sie wusste, was sie konnte und sie wusste, was Dylan kann. Und Bob Dylan wusste das auch. Und er weiß das bis heute.

Am 31. Dezember wäre die 2008 verstorbene Odetta 90 Jahre alt geworden. Ihr Einfluss als Künstlerin und Mensch auf neue Generationen von Musikern – wie beispielsweise heute auf Rhiannon Giddens – ist ungebrochen.

Und hier geht es zum großen Odetta-Special von country.de:
https://www.country.de/2020/12/31/odetta-koenigin-des-folk/

Odetta sings Dylan:

Save The Date: Der „Bob Dylan-Jimmy Reed-Podcast“ von Christoph Borries am 25. Mai

6. Januar 2021

Projekt „7 Tage – 1 Song“/ Kooperation für Dylan-Ausgabe mit Thomas Waldherr

Copyright: Delta Blues Records

Seit dem ersten Lockdown im März 2020  veröffentlicht der Grevenbroicher Berufsschulpfarrer Christoph Borries jeden Dienstag auf der Website http://www.7tage1song.de einen Podcast über einen Song, der ihm gut gefällt und dessen Botschaft ihm wichtig ist.

„Ich hatte im März damit angefangen, damit ich nicht nur digitales Futter für die Gehirne meiner Schüler*innen im Lockdown anbiete, sondern auch die Gespräche über Musik und Konzerte, die ich mit meinen Schüler*innen führe, durch irgendetwas ersetzen kann – also etwas für Herz und Seele anbiete“, äußert sich Borries zu den Gründen für das digitale Hör-Angebot.

Für den Dienstag, 25. Mai, hat Borries nun einen Bob Dylan-Song ausgewählt – schließlich ist das der Tag nach dem 80. Geburtstag des Meisters. Die Wahl fiel auf „Goodbye Jimmy Reed“ vom jüngsten Dylan-Album „Rough And Rowdy Ways“. „Den Song finde ich in seiner Vielschichtigkeit so interessant, da steckt so vieles drin: Themen wie Religion, Rassismus oder Afroamerikanisches Leben in den USA“, so Borries.

Bei seinen Recherchen zum Song entdeckte er Thomas Waldherrs Analyse auf dessen Cowboy Band Blog. Kurzum: Nun werden Borries und Waldherr gemeinsam in der etwa 10-minütigen Folge am 25. Mai (Hörbar auf der website ab 1 Uhr) grundlegende Gedanken zum Song vorstellen.

Musikjournalist und Kulturvermittler Waldherr freut sich über die neue Zusammenarbeit: „Goodbye Jimmy Reed“ ist einer der stärksten, aber auch vertracktesten Songs auf „Rough And Rowdy Years“. Diesen Song mit Christoph Borries im Rahmen seines tollen Podcast-Projektes zu analysieren – darauf freue ich mich sehr.“


Christoph Borries‘ Podcast-Projekt „7 Tage – 1 Song“:

Homepage: https://7tage1song.de

Instagram: https://www.instagram.com/7tage1song/

Playlist bei Spotify: https://open.spotify.com/playlist/0M5tOXTC0lM8RVycUBQnjy?si=FC077c_NRFaSvKOqBBg2hw


Thomas Waldherrs Song-Analyse auf dem Cowboy Band Blog:

https://cowboyband.blog/2020/07/03/goodbye-jimmy-reed/

Was bringt uns das Dylan-Jahr 2021? Ein Ausblick

1. Januar 2021

Virtuelle Leuchtturm-Veranstaltung in Tulsa/ Was wird die nächste Bootleg-Folge?/ Viele Ideen rund um Dylan aus dem Hause „Cowboy Band Blog & Thomas Waldherr präsentiert Americana“

Nun, erstmal bringt uns das Jahr 2021 den 80. Geburtstag von His Bobness am 24. Mai. Hoffen wir, dass unser Held gesund bleibt. Unverändert aktiv ist er ja trotz jähem Stopp der Never Ending Tour in 2020 dennoch gewesen: Ein neues meisterliches Album, eine ganz starke neue Radio-Show, Beteiligung an zwei Filmprojekten – Dylan-Biopic und Baseball! – dazu eine neue Ausstellung seiner Gemälde in der Londoner Halcyon Gallery und die Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Jahr 1970 auf drei CDs in extrem kleiner Auflage. Und dann natürlich die Geschichte mit dem Verkauf der Songrechte.

Thomas Waldherr und der Cowboy Band Blog wünschen ein gutes neues Jahr 2021! (Foto: Andrea Goldschmidt)

Dylan war 2020 trotz Corona und Absage der Konzerte ungemein produktiv

Ich habe Letzteres für mich eher positiv interpretiert, als ein Zeichen dafür, dass Dylan den Nachlass ordnet und die Familie absichert. Bei anderen spült es aber scheinbar wieder die alten antisemitischen Reflexe nach oben: „Ja, ja die Juden und ihr Händchen für Geld und ihr Einfluss im Finanzkapital.“ Schon Günter Amendt hat anlässlich der Berichterstattung über Dylans Deutschlandtournee 1978 antisemitische Stereotype bezüglich Dylans „Reichtum“ festgestellt. Einfach dumm und überflüssig!

Mit der Veröffentlichung der 1970er-Aufnahmen ist dann die Brücke ins neue Jahr geschlagen. Was wohl wieder der Copyright-Sicherung diente, wird nun aufgrund der großen Nachfrage, so heißt es offiziell, ganz regulär am 26. Februar als 3-CD-Box „Bob Dylan 1970. With special guest George Harrison“ auf den Markt gebracht. Die Veröffentlichungen nehmen also weiter zu, und wie ich finde, wird dadurch die Bootleg Series etwas verwässert. Diese war immer gut editiert, inhaltlich sinnvoll aufbereitet und hat dadurch stets wichtige Einsichten in Dylans künstlerische Entwicklung geboten. Dies tritt nun leider zugunsten scheinbar situativer Veröffentlichungen etwas in den Hintergrund. Erst zum Scorsese-Film, jetzt eben zu 1970.

Ich hoffe dennoch für 2021 auf einen weiteren Teil der Bootleg Series. Vielleicht endlich mal was aus der Never Ending Tour. Oder Aufnahmen rund um die 1978er Tour, oder die Duette mit Clydie King. Letzteres wäre aber zu sensationell, als dass man wirklich darauf hoffen sollte. Na, ja, träumen…

Viele Veranstaltungen zu Dylan anlässlich des 80. Geburtstages

Veranstaltungen rund um Dylan anlässlich des Geburtstages wird es wieder sehr viele geben. Der Leuchtturm ist hier natürlich der große Online-Dylan-Event „Dylan@80“ vom 22. bis 24. Mai des „Institute for Bob Dylan Studies“ der Universität Tulsa. Wer den großen Kongress 2019 vor Ort miterlebt hat, der weiß, welch vielfältiges und interessantes Programm uns alle hier erwartet. Darauf kann man sich nur freuen.

Doch nicht nur in der virtuellen Welt, sondern auch in der realen Welt wird tüchtig an Tribute-Veranstaltungen – quer durch diese Republik – gearbeitet. Ich selber habe einiges vor, von dem ich gar nicht schon alles verraten möchte. Los geht es am 28. Februar und 14. März mit zwei Veranstaltungen zu Joan Baez (die ebenfalls 80 wird) und Bob Dylan bei der Volkshochschule Frankfurt:

https://cowboyband.blog/2020/12/01/die-heilige-johanna-und-das-chamaleon/

Und am Freitag, 14. Mai veranstaltet die Volkshochschule Darmstadt einen großen Bob Dylan-Abend, bei dem meine Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ Kooperationspartner ist und ich einen Multimedia-Vortrag halte. Natürlich gibt es da auch viel Livemusik rund um Dylan:

https://cowboyband.blog/2020/12/20/save-the-date-volkshochschule-darmstadt-wurdigt-den-tambourine-man-bob-dylan-zum-80-geburtstag-am-freitag-14-mai-2021-mit-groser-veranstaltung/

Daneben wird es von mir weitere Publikationen geben, weitere Vortragsveranstaltungen und Konzerte sind im Gespräch und es gibt auch die Idee eines Dylan-Bühnenabends mit Lesungen, Spielszenen und Livemusik. Was dann wie und wo davon umgesetzt wird, gebe ich natürlich rechtzeitig auch dieser Stelle bekannt. Vieles ist möglich und der spannende Findungsprozess wird jetzt Anfang des Jahres in die entscheidende Phase gehen.

Copyright: Wikimedia Commons

Wird Dylan wieder Konzerte spielen?

Bleibt natürlich noch die wichtige Frage danach, ob wir noch einmal Dylan-Konzerte erleben werden. Ich denke ja, aber anders. Ich könnte mir vorstellen, dass Dylan sich den Stress des ständig um die Welt jetten nicht mehr antun wird. Wenn er 2021 Konzerte geben wird, dann glaube ich ab der zweiten Jahreshälfte im Herbst mit kleinen Konzertreihen an wenigen Orten in den USA: Vielleicht immer so 3-5 Konzerte in Los Angeles, Las Vegas, Nashville, Chicago, New York. Und wenn er 2022 dann noch einmal nach Europa kommen sollte, dann wahrscheinlich London, Paris, Madrid, Rom, Wien, Frankfurt, Berlin. Ich glaube nicht, dass Dylan, wenn es seine Gesundheit zulässt, sich das Ende seiner Konzertkarriere von der Pandemie vorschreiben lässt.

Und so sind die Aussichten auf das Dylan-Jahr 2021 eigentlich ziemlich positiv. Hoffen wir – und das tue ich fest – dass wir im Laufe des Jahres 2021 die Pandemie im Griff und dann bald hinter uns gelassen haben. Wenn dem so ist, steht einem tollen Dylan-Jahr nichts mehr im Wege.

In diesem Sinne möchte ich allen Leser*Innen meines Blogs für Ihr bisheriges Interesse sehr herzlich danken und wünsche allen ein gutes, gesundes und zufriedenstellendes Jahr 2021 und weiterhin eine anregende Lektüre von „I’m in a Cowboy Band“!

Vielfältige Masken und starke Bindungen

25. Dezember 2020

Robert Zimmerman und Bob Dylan zwischen jüdischer Herkunft und afroamerikanischer Kultur. Notizen zu den Ausgangsbedingungen der Kunstfigur Bob Dylan.

Bob Dylan in Toronto 1980, Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylans amerikanisch-bürgerlicher Name ist Robert Zimmerman, sein jüdischer Name lautet Shabtai Zisl ben Avraham. Aufgewachsen in einer jüdischen Familie, deren Vorfahren vor den antisemitischen Pogromen aus dem zaristischen Russland geflohen sind. Sozialisiert in der jüdischen Diaspora, im mehrheitlich katholischen Bergarbeiterstädtchen Hibbing in der Iron Range in Minnesota und deren kleinen jüdischen Gemeinde. Inklusive Sommerferien im zionistischen Jugendcamp.

Jüdisches Engagement in der Bürgerrechtsbewegung

Sein Vater Abe hatte 1920 als Jugendlicher mitansehen müssen, wie in der Hafenstadt Duluth drei schwarze Zirkusarbeiter gelyncht wurden. Ein Vorgang sinnbildlich für die Lebensrealität von Juden in den USA. Entflohen vor den Verfolgungen in Europa, mussten sie in der neuen Welt feststellen, dass Rassismus und Antisemitismus und seine Stereotypen, Vorurteile und Verschwörungstheorien auch hier fröhliche Urstände feierten. Denn Rassismus und Antisemitismus waren auch in den USA weit verbreitet und seine Träger waren in der Zwischenkriegszeit nicht nur der Ku-Klux-Klan, sondern auch solche amerikanische „Helden“ wie Auto-Mogul Henry Ford, Flieger-As Charles Lindbergh oder der katholische Radioprediger Charles Coughlin.

So lag es in der Natur der Sache, dass Juden sich oftmals für die Rechte der Afroamerikaner einsetzten, auch um den gegen sie gerichteten Rassismus zu bekämpfen. So wurde eine der wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen, die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) von Juden mitbegründet und kooperierte in den 1950er Jahren mit der jüdischen Anti-Defamation League (ADL).

Diese Erfahrungen haben sicher auch ihren Einfluss auf die Erziehung Dylans und auf seinen vorurteilsfreien, emphatischen Umgang mit afroamerikanischen Menschen gehabt. Und vielleicht auch die Erfahrungen, die er im zionistischen Sommercamp, im Herzl Camp, machen konnte. Wohlgemerkt kein religiös orthodox oder reformerisch ausgerichtetes Camp, sondern ein zionistisches. In den zionistischen Camps ging vor allen darum, dass die Idee des Staates Israel und seine Gründungsphilosophie –  Gemeinschaftlich, Kollektiv, sozial gerecht, der Kibbuz als vorbildliche Lebensweise – an die jungen Jüdinnen und Juden herangetragen werden sollten. Sie sollten stolz auf diesen Staat sein. Vielleicht wurde hier auch der Grundstein für Dylans Empathie für Unterdrückte und Außenseiter und sein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit gelegt.

Als Jugendlicher im zionistischen Sommercamp

Denn der Zionismus hat sozialistische und internationalistische Wurzeln. Und diese Einflüsse mögen mittelbar auch auf Bob Dylan während seiner Camp-Aufenthalte 1953 bis 1957 gewirkt haben. Genau in der Zeit, in der sich jugendliche Identität bildet. Und während dieser Jahre wird Bob Zimmerman im Camp zum Typ mit Gitarre und Motorrad, der schon eine kleine Sonderstellung hat. So ist vom ersten öffentlichen Gitarrenkonzert auf dem Dach und ersten Songwriting-Versuchen die Rede.

Bob Dylan wurde in seiner Jugendzeit in zweifacher Hinsicht zum Außenseiter und Rebell. Er war einer der wenigen Juden im Ort und er spürte gleichzeitig – wie er später verlautbarte – „in die falsche Familie in den falschen Ort“ hineingeboren zu sein. Ganz unverstandener junger Künstler also. Kein Wunder, dass sich Dylan für die Blues- und Rock’n’Roll-Musik der Schwarzen begeisterte. Die Musik der Unterdrückten! Little Richard und Chuck Berry wurden zu seinen ersten großen Vorbildern während seiner Schulzeit.

„Identitäts-Maskerade“ als Schutz vor Antisemitismus

Und noch bevor er Woody Guthrie entdeckte, war es die schwarze Folksängerin Odetta, die ihn beeinflusste. Ihr erstes Soloalbum „Odetta Sings Ballads and Blues“ von 1957 begeisterte ihn. „Das erste, was mich zur Folkmusik brachte, war Odetta“, sagte er 1978 in einem Interview mit dem Playboy-Magazin. In diesem Album hörte er „etwas Vitales und Persönliches. Ich habe alle Songs auf dieser Platte gelernt “, darunter„ Mule Skinner “, „Jack of Diamonds “und„ Water Boy “. Während der Studienzeit in Dinkytown, dem damaligen Bohéme-Viertel von Minneapolis, vollzog zog sich dann endgültig die Metamorphose zum Folksänger.

Klaus Walter, zu Recht preisgekrönter Musikjournalist, hat es in seinen bemerkenswerten Arbeiten zu Pop und Migration im Abschnitt zu Bob Dylan herausgearbeitet: „Er beherrscht die jüdische Kulturtechnik der Identitäts-Maskerade. Und im Zweifelsfall sagt er: nein Baby, ich bin nicht der, für den du mich hältst.“ Es gehört zur kollektiven jüdischen Mentalität, gezwungen zu sein, sich zum Schutz zu tarnen, sich als Jude unkenntlich zu machen, um zu überleben. Dylan macht die Maskerade lebenslang zu seiner individuellen Überlebensstrategie. So sind denn auch seine Angeber-Geschichten über seine wilde Jugend, die er in frühen Jahren in der New Yorker Folkszene verbreitet auch dem verwischen seiner jüdischen Spuren geschuldet. Und wie die kürzlich erst veröffentlichten Briefe an seinen Freund Tony Glover verraten, war auch die Wahl seines Künstlernamens Bob Dylan ein Mittel, um die Öffentlichkeit nicht sofort auf seine jüdische Herkunft schließen zu lassen und seine Folksänger-Persönlichkeit zu stärken.

Enge Bindung an die afroamerikanische Kultur

Und so wurde aus Bobby Zimmerman der Sänger Bob Dylan, der bis heute – trotz christlicher Born Again-Phase – seinen jüdischen Wurzeln treu und der Black Community und ihrer Kultur eng verbunden geblieben ist. Und daher ist er bis heute in seiner Wortwahl gegenüber dem Rassismus klar und deutlich, wie beispielsweise in einem Interview mit dem „Rolling Stone“ vor wenigen Jahren:

„Dieses Land ist einfach zu beschissen in Bezug auf die Hautfarbe. Es ist verstörend. Menschen an den Kehlen des anderen, nur weil sie eine andere Farbe haben. Es ist der Höhepunkt des Wahnsinns und wird jede Nation unterdrücken – oder jede Nachbarschaft…Schwarze wissen, dass einige Weiße die Sklaverei nicht aufgeben wollten – wenn sie ihren Willen hätten, wären sie immer noch unter dem Joch und können nicht so tun, als wüssten sie das nicht. Wenn du einen Sklavenmeister oder Klan im Blut hast, können Schwarze das spüren. “

Save the Date: Volkshochschule Darmstadt würdigt den „Tambourine Man“ Bob Dylan zum 80. Geburtstag am Freitag, 14. Mai 2021 mit großer Veranstaltung

20. Dezember 2020

Titel des vhs-Hommage-Abends der besonderen Art: Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans Anderes Amerika. Der „Picasso of Song“ zwischen Judentum und Black America, Politik, Pop und Poesie / Kooperationspartner der Volkshochschule Darmstadt sind „Thomas Waldherr präsentiert Americana“, Bessunger Knabenschule und ASTA der Hochschule Darmstadt / Viel Musik und zwei Vorträge/ Schirmherr: Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Am 24. Mai wird Bob Dylan 80 Jahre alt. Die Volkshochschule Darmstadt würdigt ihn anlässlich des Geburtstages schon ein paar Tage früher. Am 14. Mai heißt es „Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans anderes Amerika“. Zusammen mit den Kooperationspartnern Bessunger Knabenschule, AStA  der Hochschule Darmstadt und „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ bietet die Volkshochschule Darmstadt in der Halle der Bessunger Knabenschule ein interessanter Mix aus viel Live-Musik und ebenso informativen, unterhaltsamen Multimediavorträgen rund um Bob Dylan angeboten.

Auf dem Programm stehen Bild-Vorträge des preisgekrönten Musikjournalisten Klaus Walter und des Darmstädter Dylan-Experten und Amerika-Kenners Thomas Waldherr  über den „Picasso of Song“ zwischen Judentum und Black America, Politik, Pop und Poesie. Es sind dies zwei Multimedia-Vorträge, die sich mit der Wechselwirkung von Migration und US-Populärkultur sowie Dylans jüdischem Glauben und seiner engen Verbundenheit mit der afroamerikanischen Kultur und Community widmen. Eigene Interpretationen von Dylan-Songs bieten Dan Dietrich, Martin Grieben, das Folk-Duo „Romie“ und Wolf Schubert-K dar. Special Guests sind die „Woog Riots“. Schirmherr der Veranstaltung ist Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch.

Der Eintritt beträgt 15 Euro, Tickets für diese Veranstaltung gibt es ab Montag, 21. Dezember 2020 über die Volkshochschule Darmstadt: http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur / Musik). Hinweis: Voranmeldung ist unbedingt erforderlich, es gelten die AHA-Regeln zum Schutz vor der Corona-Pandemie (Mund-Nasen-Bedeckung, Abstand, Hygieneregeln).

Mal Freunde, mal Konkurrenten

18. Dezember 2020

Phil Ochs wäre in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden. Ein talentierter und wichtiger Künstler, der sich auch selbst im Weg stand und tragisch endete. Das Verhältnis zwischen Dylan und ihm war kompliziert.

Phil Ochs, Copyright: Wikimedia Common

Die Helden der „Goldenen Greenwich Village Generation“ der 1960er kommen in die Jahre. 2021 feiern sowohl Joan Baez (9. Januar), als auch Bob Dylan (24. Mai) ihre 80. Geburtstage. Dieser Tage (19. Dezember) wäre Phil Ochs 80 Jahre alt geworden. Doch er starb bereits am 9. April 1976, er nahm sich das Leben. Es ist ohnehin mehr als überfällig, ihn an dieser Stelle einmal zu würdigen und über das nicht einfache Verhältnis der beiden Folkmusiker Ochs und Dylan zu erzählen.

Bob Dylan, Copyright Wikimedia Commons

Talentierter Folksänger

Kürzlich haben wir an dieser Stelle über das Verhältnis von Dylan und Lennon geschrieben, nun also diese Zeilen zur Beziehung zwischen diesen beiden Künstlern, die beide als befreundete Greenwich Village-Folkies begannen. Auch Ochs rieb sich an Dylan. Dylan selber, der von 1963 bis 1966 den Grundstein für seine Weltkarriere legte, urteilte sowohl sehr respektvoll, aber auch wohl ein kleines bisschen neidisch im „Broadside Magazine“ über Ochs: „Ich kann mit Phil einfach nicht mithalten. Und er wird immer besser und besser und besser.“

Denn auch Phil Ochs legte in den Jahren 1964 – 1966 den Grundstein dafür, warum er bis heute noch als einer der besten Songwriter seiner Generation gilt. Die Alben „All The News That’s Fit To Sing (1964)“, „I Ain’t Marching Anymore“ (1965) und „Phil Ochs In Concert“  (1966) waren voller starker politischer Lieder und heutige Songklassiker wie eben „I Ain’t Marching Anymore“ oder „Love Me, I’m A Liberal“. Aber auch seine eher nach innen gerichteten Songs wie „Changes“ und „When I’m Gone“ gehörten zum Besten, was die damalige Folkmusik zu bieten hatte. Dennoch schaffte er im Gegensatz zu Dylan den Durchbruch nicht. Manche behaupten, sein Manager Al Grossman, der auch Dylan betreute, hätte zu wenig für ihn getan. Ochs setzte sich zwar für Dylan ein, als der die Folkpuristen mit seiner Hinwendung zum Folk-Rock-Rock vor den Kopf stieß: „Musik zu spielen, bloß weil sie dem Publikum gefällt, heißt das Publikum nicht zu respektieren. Wenn das Publikum das nicht versteht, dann verdient es allerdings auch keinen Respekt.“ Aber er litt auch darunter, Dylan an sich vorbeiziehen zu sehen.

Als Sohn eines manisch-depressiven Vaters war auch Ochs wohl schon früh im Kampf mit diesen Dämonen. Wahrscheinlich rührt auch daher seine sehr starke, verletzte Enttäuschung über den ausbleibenden Ruhm, so dass er immer wieder in der Szene gegen den „Konkurrenten“ Dylan stichelte, wie der legendäre Musikjournalist Karl Bruckmaier in einem Porträt zu Ochs‘ 70. Geburtstag schrieb. So wurde Ochs langsam aber sicher zur tragischen Figur. Obwohl mit großen Talent ausgestattet, stand er sich immer ein bisschen selbst im Weg. Und hatte Pech: Als Dylan zum Rock ging, hoben ihn die Folkies an dessen Stelle auf den Schild. Aber da war der Zeitgeist bereits zu Dylan gewechselt und das Folkrevival am Ende.

Copyright: Elektrola Records

Legendär, die Szene als beide Protagonisten zusammenrasselten. Dylan spielte Ochs seinen Song „Sooner Or Later (One Of Us Must Know)“ vor und der reagierte mit der Kritik, dass Dylan in seinem Songwriting die Klarheit verlieren würde. Dylan soll wütend reagiert haben: „Du bist Journalist, kein Folksänger“. Ihn nervte Ochs mit seinem Beharren, tagespolitische Protestsongs zu schreiben. Ironie der Geschichte: Fast 10 Jahre später veröffentlichte Dylan mit „Hurricane“ einen epischen Protestsong, der der Inbegriff eines journalistisch-genau geschriebenen Liedes war.

Wie auch immer. Ochs hatte das Glück nicht gepachtet und dennoch schaffte er 1966 mit viel Eigeninitiative die Carnegie Hall zu füllen. Doch hohes Lampenfieber ließ das Konzert zum Desaster werden.

Ochs ließ daraufhin sein altes Leben und Frau und Kind in New York hinter sich und das Irrlichtern begann. So versuchte er, Folk und Pop zu verschmelzen und arbeitete mit Bands und Orchestern zusammen. Obwohl er versuchte, weg vom Folk sich kommerzieller hin zu orientieren, hatte er keinen Erfolg. Das größte Ereignis war da ein kleiner Hit, den Joan Baez‘ mit einem Cover von seinem Song „There But For Fortune“ hatte.

Politischer Aktivist

Phil Ochs, Copyright: Wikimedia Commons

Gleichzeitig blieb sich Ochs als politischer Aktivist treu, demonstrierte gegen den Vietnam-Krieg, war Mitbegründer der politisch linke  Youth International Party (Yippies) und engagierte sich für den linken demokratischen Präsidentschaftsbewerber Eugene McCarthy. Doch die Ermordung Martin Luther Kings und Robert Kennedys sowie die Wahl von Richard Nixon zum US-Präsidenten führten zu einer großen depressiven Krise.

Fortan versuchte er Anfang der 1970er sich mehr zur Countrymusik und zum frühen Rock’n’Roll hin zu orientieren. Möglicherweise war dies auch eine Reaktion auf Dylans Countrymusik und dessen Preisen des Landlebens. Er trat im Glitzeranzug auf und ließ sich von einer Band begleiten und mischte musikalisch Elvis Presley mit Merle Haggard. Letztlich auch ohne Erfolg. Was ihn seelisch noch weiter belastete. Er verfiel Depressionen und dem Alkohol, war aber weiter politisch aktiv, u.a. begeisterte er sich für Salvadors Allendes Chile und freundete sich mit Victor Jara an.

Trotz all seiner psychischen Schwierigkeiten schaffte er es, immer wieder einmal gute Songs zu schreiben wie „Here’s To The State Of Richard Nixon“, als der Präsident im Strudel des Watergate Skandals unterging. Ochs reiste zu der Zeit viel im Ausland umher und wurde 1973 in Tansania Opfer eines Raubüberfalls. Er behielt davon einen bleibenden Schaden an den Stimmbändern zurück. Für den Überfall machte Ochs die CIA verantwortlich. Nun war er aber nicht nur psychisch beeinträchtigt, auch physisch, seine Stimmvermögen war eingeschränkt.

Im selben Jahr putschte das Militär in Chile und sowohl Allende als auch Victor Jara kamen ums Leben. Wieder ein traumatisches Erlebnis für Ochs. Er organisierte ein großes Benefizkonzert für die Menschen in Chile, an dem am 11. Mai 1974 u.a. Pete Seeger, Arlo Guthrie und Bob Dylan teilnahmen. Und auch an der großen Kundgebung zum Ende des Vietnamkrieges am 30. April 1975 nahm er teil und sang mit Joan Baez sein „There But For Fortune“ und solo „War Is Over“.

Tragisches Ende

Doch trotz dieser Lichtblicke war Ochs bereits zu sehr den Depressionen und dem Alkohol verfallen. In diesem Sommer legte er sich eine neue Identität zu, begründet mit kruden Theorien. Ein weiteres Mal war es Bob Dylan, der ihn enttäuschte, als er ihn nicht mit auf seine Rolling Thunder Revue mitnahm, obwohl sie im Sommer 1975 wieder öfters aufeinander trafen. Aber es ging einfach nicht. Ochs war am Ende, psychisch derangiert und eine Gefahr für sich und andere, da er immer wieder Schlägereien provozierte.

Im Januar 1976 zog er zu seiner Schwester Sonny, eine bipolare Störung wurde bei ihm festgestellt und er dämmerte lethargisch vor sich. Am 9. April 1976 schließlich erhängte er sich.

Mit Phil Ochs starb einer der talentiertesten und wichtigsten amerikanischen Singer-Songwriter. Seine Geschichte ist tragisch und es ist wichtig, dass er und seine Musik nicht in Vergessenheit geraten.

Copyright: Disappear Fear

Sonia Rutstein würdigt Phil Ochs

Eine interessante Volte der Musikgeschichte ist wohl dabei, dass die Künstlerin, die vielleicht heutzutage mit am meisten dafür sorgt, dass Ochs nicht vergessen wird – Sonia Rutstein aka „SONiA disappear fear“ – eine Cousine von Bob Dylan ist. Ochs ist Ihr Held und ihre Songwriter-Inspiration. Sie veröffentlichte zum 4. Juli 2011 ein Album mit 10 Songs von Phil Ochs mit ihrer Band Disappear Fear unter dem Titel „Get Your Phil“. Phils Schwester Sonny Ochs hat SONiA als „einen der größten Interpreten von Phil Ochs“ bezeichnet.

Ihren Helden Phil Ochs ehrt sie nun auch an seinem 80. Geburtstag, am Samstag, 19. Dezember. Sie wird ab 19.15 Uhr EST (Sonntag, 20. Dezember, 2.15 Uhr MEZ) live auf Facebook streamen und über den Einfluss von Phil Ochs auf ihre eigene Arbeit sprechen. Fans können eine Live-Aufnahme eines seiner Songs im Studio miterleben. Zu SONiA stoßen zudem ihre Schwester Cindy Rutstein sowie Tony Correlli.

SONiA Disappear Fear – Tribute für Phil Ochs“ ist zu sehen und zu hören auf: https://www.facebook.com/disappear.fear

Phil Ochs: I Ain’t Marching Anymore:

Phil Ochs – There But For Fortune:

SONiA disappear fear sings Phil Ochs‘ „Changes“:

Mally plays Dylan

11. Dezember 2020

Das österreichische Blues-Urgestein hat im letzten Jahr ein wunderbares Dylan-Album veröffentlicht

Copyright: Timezone Records

Ja, es ist manchmal schon irre. Da beschäftigt man sich irgendwie eigentlich schon fast täglich mit Bob Dylan und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mit „Mally plays Dylan“ ein sehr schönes Dylan-Cover-Album verpasst. Und dass ich es jetzt doch entdeckt habe, habe ich dem tollen Blues- und Folkmusiker Biber Herrmann zu verdanken. Denn der hat mich für ein Konzert in meiner Americana-Reihe mit dem österreichischen Blues-Urgestein „Sir“ Oliver Mally in Kontakt gebracht. Ein Musiker, der in seiner Heimat sehr geschätzt wird und dort als der „beste Blues-Sänger des Landes“ („Die Presse“) bezeichnet und sogar zu den Vertretern des „besten Blues Europas“ (Musikzeitschrift „Concerto“) gezählt wird.

Trotz aller Lobeshymnen ist der Mann auf dem Boden geblieben. Ein herzlicher, lebensbejahender Musiker, der erst den Blues für sich adaptiert, und in den letzten Jahren sich verstärkt in Richtung Singer-Songwriter entwickelt hat. Und so vereint er mittlerweile das Beste aus beiden Welten. Er hat den Blues, das Gefühl dafür und den Drive und er erzählt Geschichten, die hörenswert sind. Beeinflusst ist er in Sachen Singer-Songwriting von Größen wie Steve Earle, Townes van Zandt und natürlich Bob Dylan, dem er eben im letzten Jahr ein ganzes Album gewidmet hat.

Wagna, nicht Wien

Denkt man an Österreich und Bob Dylan, dann denkt man natürlich unwillkürlich an Wolfgang Ambros und die besondere österreichische, Wiener Dylan-Rezeption, Stichwort „Austro-Bob“.

Mally jedoch ist kein Wiener, sondern kommt aus der Steiermark und lebt dort auch immer noch in der 6000-Seelen-Marktgemeinde Wagna. Er hat seinen eigenen Zugang zu Dylan. Er versucht, Dylans Songs sich persönlich anzueignen, in ihnen quasi heimisch zu werden. Sein Album ist kein lautes, sondern ein kluges, leises, voller Gefühl und Verständnis für Dylans Songideen.

Wenn er mit „One Too Mornings“ beginnt, sich auf den Weg durch das Album und die Dylan-Welt zu machen, so nimmt man ihm die Einsamkeit ab, sieht ihn etwas stockend und stolpernd nach vorne gehen, dabei stets zu wissen, dass er diesen, seinen Weg, gehen muss. „Blind Willie McTell“ gewinnt durch die Reduktion und Sparsamkeit im Arrangement. Mit Peter Schneider an der zweiten Gitarre kommt eine feine Bluesstimmung auf und Dylans pralles Panoramabild der amerikanischen Südstaaten wird in feine Skizzen unterteilt und gewinnt damit nochmals Eindringlichkeit.

Schöne, hörenswerte und ganz eigene Versionen von Dylans Klassikern

Das vielleicht schönste Stück der Platte – das Album gibt es ausschließlich auf Vinyl – ist „I Want You“. Ganz zerbrechlich, voller ehrlicher Hingabe, mit ein bisschen Ängstlichkeit, ob die Liebste denn auch so empfindet. „Girl From The North Country“ ist dann ein weiterer Höhepunkt. Auch hier gelingt es Mally, dass sich die melancholische Stimmung des Originals hier wiederfindet, ohne eine bloße Kopie zu sein. Martin Burböcks Akkordeon unterstützt diese melancholischen Erinnerungen an das Mädchen aus dem kalten Norden kongenial.

Nah am Dylan-Original, das ja ein Cover der Mississippi Sheiks ist, gerät Mally dann „Blood In My Eyes“. Ebenfalls eines der stärksten Stücke des Albums. Das Album schließt dann mit einem von, wie ich finde, Bob Dylans schönsten Songs. „Simple Twist Of Fate“, die sentimentale Ballade über zufällige und schicksalhafte Liebe, über kurze Begegnungen und lebenslange Erinnerungen. Auch hier schafft es der großartige Musiker Mally dieses Lied so anrührend zu spielen, dass die Hörenden von all den eigenen Erinnerungen an ähnliche Erfahrungen eingeholt werden. Das beste was man von einer Interpretation dieses Dylan-Originals sagen kann. Großartig!

Ruhig, fesselnd, großartig

„Sir“ Oliver Mally, Copyright: Wikimedia Commons

Als Bonustrack kommt dann noch „Blowin‘ In The Wind“, dass „Sir“ Oliver eigentlich gar nicht aufnehmen wollte, das dann aber aufgrund der guten Stimmung im Studio dann doch noch gespielt wurde. Und siehe da, Mally meistert es fantastisch, dieses an den Lagerfeuern der Welt niedergeschrammelte Stück wieder zusammenzusetzen. In einer ganz reduzierten, unpathetischen, unsicheren, wirklich fragenden Form, legt er seinen Gehalt frei. Hörenswert.

Ich bin so froh, dieses Album doch noch entdeckt zu haben. Es steht ganz gleichberechtigt neben den Dylan-Cover-Alben von so unterschiedlichen Künstlern wie Willie Nile, Joan Osborne oder Betty LaVette. Es ist ein ruhiges, stets fesselndes, ein großartiges Singer-Songwriter-Album geworden. Dafür müsste man „Sir“ Oliver Mally glatt nochmal zum Ritter schlagen.

Trackliste:

Seite 1:

  1. One Too Many Mornings
  2. Blind Willie McTell
  3. Love Minus Zero/No Limit
  4. I Want You

Seite 2:

  1. Girl From The North Country
  2. All I Really Want To Do
  3. Blood In My Eyes
  4. Simple Twist Of Fate
    Bonus Track: Blowin In The Wind

Zu beziehen ist das Album u.a. hier: https://sir-oliver.com/music/

Mehr Infos zu „Sir“ Oliver Mally: https://sir-oliver.com/


Nicht auf dem Album, aber auch sehr schön – Shelter From The Storm:

Die DoubleDylans jetzt auf bandcamp

8. Dezember 2020

Dass Bob Dylan alle Songrechte seines Backkataloges an Universal Music Publishing in einem großen Millionen-Deal verkauft hat, sorgte für große Aufregung. Dass fast zeitgleich die DoubleDylans ihren Backkatalog nun über die Web-Plattform bandcamp vertreiben, ging da leider unter. Um so wichtiger, dies in der Dylan-Welt nochmal publik zu machen. 

Die DoubleDylans, Foto: Promo DoubleDylans

Seit mehr als 20 Jahren On The Road

Denn seit mehr als 20 Jahren sind die Frankfurter Doubledylans – Matze Schmidt, Robert Noetzel und Uli Klapdor – die Rhein-Main-Kultband rund um Bob Dylan. Auf sechs Alben, einer EP und einer Single haben sie ihre kongenialen Adaptionen von Dylan-Songs veröffentlicht. Und dabei laufen sie nicht in die altbekannten Fallen, die Versionen entweder nah am Original spielen zu wollen oder das Ganze gar ins Deutsche übersetzen zu wollen. Aus der Einsicht, dass dies oftmals nicht funktioniert, haben sie einen anderen Weg eingeschlagen. Sie nehmen Melodiemotive, Thema und Stimmung eines Dylan-Songs und übertragen sie in ihren eigenen Mikrokosmos zwischen Gallus, Mainufer und Marrakesch. Mit viel Lokalkolorit und großer Originalität entstehen somit immer wieder von Dylan inspirierte Songpretiosen.

Rettichretter

Unvergessen: Für ein ganzes Album verfrachteten sie Dylan-Songs in das Rettichretter-Gemüse-Universum. Es entstanden Juwelen des höheren Blödsinns wie „Leute esst Rettich“ (People Get Ready), „Ich arbeite für den Rettichretter nicht mehr“ (Maggies Farm) oder „Lili, Rosmarie und der Rettichretter“ (Lily, Rosemary and the Jack of Hearts). Dabei spielen auch sie, ganz wie der Meister – außer natürlich in Zeiten des Lockdown – unermüdlich Konzerte und man kann sie immer wieder an den ungewöhnlichsten Schauplätzen zum konzertieren treffen. Und so wird man sie sicherlich auch im kommenden Jahr, wenn das Schlimmste mit der Pandemie vorüber ist, wieder live erleben können. 

Music From Little Green

Jelly Pearl Smith: Music From Little Green

Neben dem Backkatalog gibt es bei bandcamp auch etwas Neues zu entdecken. Jelly Pearl Smith alias Matze Schmidt hat vor zwei Jahren Songklassiker von „The Band“ wie „Life Is A Carnival“, „Stafe Fright“ oder „The Night They Drove Old Dixie Down“ eingespielt. Ein Albumprojekt wurde daraus zwar nicht, die „Teaser“-Aufnahmen sind aber nun unter dem Titel „Music From Little Green“ über Bandcamp zu beziehen. Es lohnt sich, die frischen Folkrock-Versionen sind absolut hörenswert. Und hier kann man alle DoubleDylans-Alben in digitaler Form beziehen:  https://thedevilishdoubledylans.bandcamp.com/