Dylan im Studio, im Interview und in Geschichten

14. Mai 2021

Drei neue Bücher spüren dem Phänomen Bob Dylan auf ganz unterschiedliche Weise nach

Bob Dylan wird 80 Jahre alt und natürlich erscheinen zum Geburtstag des Meisters wieder eine ganze Reihe von Büchern. Auch vom Autor dieses Blogs. Ich möchte hier einmal drei Bücher herausheben, weil sie – jedes auf seine Weise – sich ganz unterschiedlich mit Dylan beschäftigen.

„May Your Song Always Be Song“. Bob Dylans große Studioalben.
Bob Dylan ist ein recording artist. Er hat durch seinen Alben mit dazu beigetragen, dass Longplayer gegenüber der Single an Wichtigkeit zunahmen, weil er sie auch programmatisch-künstlerischer Ausdruck seines Wirken waren. „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ war die Geburt eines der größten Songwriters unserer Zeit, „Bringing It All Back Home“ bedeutete „zurück zum Rock’n’Roll. Und „Blonde On Blonde“ war das erste Doppelalbum der Rockgeschichte, weil Dylans surreale, lange Text-Traumtänzereien Mitte der 1960er Jahre den Rahmen eines normalen Albums sprengten.

Copyright: Verlag LiteraturWissenschaft.de

In 10 Essays nehmen sich im vorliegenden Buch kluge Menschen aus der Wissenschaft die wichtigsten Alben Dylans vor. Dies tun sie – und das ist das schöne – keineswegs nur  akademisch-streng, sondern voller Respekt und Sympathie für den Forschungsgegenstand. Mal überwiegt das analytisch-theoretische, mal das autobiographische – was immer da ist, ist die Freude am Thema. So beispielsweise wenn Literaturwissenschaftler Stefan Höppner so anschaulich von den Basement Tapes erzählt, dass man sich schon selber mitten unter Dylan und The Band im Keller wähnt. Der Soziologe, Dozent und Musikjournalist Walter Sehrer entpuppt sich mit seinem Stück „Desire“ als Geistesverwandter des hier tätigen Chronisten. Auch ihn nahm Bob Dylan mit “ Desire“ ein und schreibt packend darüber, warum es eines der energetischsten Alben in Dylans langer Karriere ist.

Der Aufsatzband ist also allemal lesenswert und endet mit einem Beitrag des vielleicht wichtigsten deutschen Dylan-Deuters, Heinrich Detering. Mit sprachlicher Eleganz und Kurzweil sowie inhaltlicher Überzeugungskraft erzählt er von „Tempest“ als einer Sammlung von Songs über das zerrissene, ruinöse, gewalttätige Amerika. Wie uns Detering hier aufzeigt, wie sehr Dylan im Grunde Klagelieder über sein Land singt, indem er sich in seiner Lyrik der unterschiedlichsten Quellen bedient, ist atemberaubend.

Und auch wer nochmal so viele schlaue Bücher über Dylans Songs gelesen hat, die wird in diesem feinen Band immer noch neue Denkanstöße finden. (Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg, 160 Seiten, 16 Euro)

Copyright: Kampa-Verlag

Ich bin immer nur ich selbst, wer immer das ist. Gespräche aus sechzig Jahren. Herausgegeben von Heinrich Detering.
Heinrich Detering ist auch das Bindeglied zum zweiten Buch, das ich hier vorstellen will. Denn er ist der Herausgeber einer Sammlung von 12 Interviews von Dylans Anfängen bis zu seinem letzten Album im vergangenen Jahr. 11 reale und ein fiktives in dramatischer Form. In seinem klugen und kenntnisreichen Vorwort liefert er die Klammer all dieser Frage-Antwort-Spiele. Es ist die Kunst der Performance. Dort wo sonst die meisten Künstler versuchen in freundlicher Verbindlichkeit oder in lässiger Routine sich dieser obligatorische Notwendigkeit zu entledigen, da nutzt Dylan – ganz performativer Künstler – oftmals die Gelegenheit zu spielen. Mal etwas fürs Publikum vorzuspielen, mal mit dem Fragesteller zu spielen, mal ganz spielerisch an den Fragen vorbei zu antworten. Dylans Scharmützel mit der Presse sind legendär, man denke an all die dokumentierten Kämpfe in „Don’t Look Back“. Doch über die Jahrzehnte ist der Streithahn der Mittsechziger zur coolen Spottdrossel mit Rabenstimme geworden und die Fallen  oder Sackgassen in der er seine Interviewer laufen lässt eine ganz feine Kunst. Manchmal flunkert er nur ein bisschen und manchmal trägt er ganz schön dick auf.

Aber neben all diesen Spielereien sind Interview mit Dylan mittlerweile auch einfach informativ. Wenn er sie zu Unterrichtsstunden über amerikanische Musikgeschichte umwandelt, lässt er uns an seinem Wissensschatz teilhaben.

Doch ob Versteckspiel oder Unterrichtsstunde – spannend sind diese Interviews allemal und Heinrich Detering hat sie klug ausgewählt, so dass sie quasi jede Schaffensperiode abdecken. Eine der interessantesten Buchveröffentlichungen zu Dylans Geburtstag.
(Kampa-Verlag, Zürich, 352 Seiten, 24 Euro)

Maik Brüggmeyer, Look Out Kid. Bob Dylans Lieder, unsere Geschichten

Der Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeyer hat wieder einen anderen Ansatz gewählt. Er lässt renommierte Musiker und Autoren Texte über Bob Dylan beisteuern. Da erzählt dann Frank Goosen über einen langhaarigen Studenten im Bochum der 1970er Jahre, der Bob Dylan hörte oder Benedict Wells, der er erst schildert, was ihn an Dylan gepackt hat, um dann zu schreiben, dass es richtig dylanesk wäre, nicht über ihn zu schreiben. Oder Christiane Rösinger, die den Song „Don’t Think Twice“ erklärt oder Judith Holofernes, die „I Want You“ übersetzt hat. Die Unterschiedlichkeit der Autoren und die Unterschiedlichkeit ihrer Beiträge hinsichtlich Form und Inhalt machen das Buch zu einer höchst spannenden Lektüre, die weitaus anspruchsvoller ist, als das ewige „Dylan und ich“, das zu runden Geburtstagen immer Hochkonjunktur hat.
(Ullstein-Verlag, Berlin, 272 Seiten, 18 Euro)

Darmstädter Lied für Bob Dylan

13. Mai 2021

Die „Woog Riots“ veröffentlichen die Single „Bob Dylan“

Die Woog Riots, Copyright: Woog Riots

Eigentlich hätte heute, Freitag, 14. Mai, das große Bob Dylan-Tribute der Volkshochschule Darmstadt stattfinden sollen, bei dem „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ Kooperationspartner ist. Aber die Corona-Lage zwang die Veranstalter dazu, zu verschieben, so dass das Ganze nun am Freitag, 8. Oktober, vor Publikum in der Bessunger Knabenschule über die Bühne gehen soll. Dennoch gibt es heute ein besonderes Bob Dylan-Tribute. Denn das Darmstädter Indie-Pop-Duo „Woog Riots“ veröffentlicht heute offiziell ihre Single und ihr Video „Bob Dylan“.

Entstanden war die Idee bei den Überlegungen zum Dylan-Tribute. Thomas Waldherr: „Es war uns für unser Bob Dylan-Tribute wichtig, einmal Künstler im Fokus zu haben, die nicht offensichtlich von Bob Dylan beeinflusst oder gar als Dylan Cover-Band bekannt sind. Umso mehr freut es mich, dass das Darmstädter Indie/Elektro-Pop-Duo „Woog Riots“ mit so viel Spaß bei der Sache war und mit „Bob Dylan“ ein wirklich schönes Stück an den Start gebracht hat.“

Mit dabei im Video sind Freunde der „Woog Riots“ aus vielerlei Ländern, darunter auch die Darmstädter Singer-Songwriterin Vanessa Novak, Melina Hepp und Martin Grieben (Frankfurt) sowie der Darmstädter Musiker und Produzent Lolo Blümler.

Einer der ungewöhnlichsten und schönsten Beträge zu Bob Dylans Geburtstag. Hier könnt ihr ihn sehen und hören:

Mit Bobby durch den Mai

7. Mai 2021

Bob Dylan zum Achtzigsten: Ein Fahrplan durch den Geburtstagsmonat

Nun sind wir schon mitten drin im Dylan-Geburtstagsmonat. 80 Jahre alt wird der Meister am 24. Mai und natürlich gibt es überall viele Aktivitäten rund um Dylan. Was liegt da eigentlich näher, als hier einmal gebündelt die Aktivitäten vorzustellen, an denen der Betreiber dieses Blogs beteiligt ist.

Uwe Birnstein, Theologe und Autor des Buches „Forever Young, Bob Dylan“ (Verlag Neue Stadt) hat unter Dylan-Fans und Kennern 24 Video-Geburtstagsgrüße für den Meister gesammelt, die täglich bis zum 24. Mai auf facebook erscheinen. Auch Thomas Waldherr durfte einen der 24 Grüße übermitteln. Ein schönes Projekt, das Spaß gemacht hat, und hier zu sehen ist: https://www.facebook.com/ForeverYoungBobDylan .

Bob Dylan wird achtzig Jahre alt, Copyright: Wikimedia Commons

Am Freitag, 14. Mai, wäre eigentlich der Tag des großen Dylan-Tribute-Abends der Volkshochschule Darmstadt gewesen, bei dem „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ Kooperationspartner ist. Doch die Corona-Lage hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und ein 15-köpfiges Ensemble in diesen Zeiten zusammenzuholen, um ein Streamingangebot zu machen, erschien uns keine wirkliche Alternative. Solche Veranstaltungen leben von der Interaktion unter den Künstlern und mit dem Publikum. Darum verschieben wir diese Veranstaltung auf Freitag, 8. Oktober, und freuen uns auf einen tollen Abend vor Publikum in der Bessunger Knabenschule. Die Publikumsresonanz auf diese Veranstaltung war im Vorfeld bislang schon so gut, dass wir uns alle total auf einen fantastischen, stimmungsvollen Abend freuen!

Auch wenn diese Veranstaltung am 14. Mai nicht stattfindet, sollte man sich als Dylan-Fan dieses Datum dennoch merken. Denn zum einen veröffentlicht zehn Tage vor Dylans Geburtstag das Darmstädter Indie-Pop-Duo Woog Riots seinen extra für diesen Anlass aufgenommenen Song „Bob Dylan“, zum anderen erscheint an diesem Tag die zweite Ausgabe von „Key West“, dem historisch-kritischen Dylan- und Americana-Magazin im Netz. Die Herausgeber Richard Limbert und Thomas Waldherr freuen sich, wieder lesenswerte Beiträge von namhaften Autoren präsentieren zu können. Diesmal u.a. von Klaus Walter, dem legendären Radiomoderator, DJ, Journalist und Autor („Was ist Musik“, „taz-Mixtape“) und auch wieder von der Schweizer Radio-Legende und Dylan-Kapazität Martin Schäfer (ehem. Musikchef DSR3). Zu finden dann auf www.keywestmagazin.com .

Am Montag, 17. Mai, gehen die Web-Sonderseiten zu Bob Dylan der Musikbibliothek der Frankfurter Stadtbücherei online. Bei diesem Angebot erfahren die Besucher interessantes über Bob Dylans Konzerte in der Rhein-Main-Region, über die von Dylan inspirierten legendären Frankfurter DoubleDylans und Thomas Waldherr, der diese Seiten inhaltlich erarbeitet hat, erklärt im Interview mit Musikbibliotheksleiter Sebastian Wilke u.a. was ihn an Dylan fasziniert und welche Bedeutung der Künstler heute noch hat. Eine Dylan-Karrierechronik und eine Dylan-Playlist runden das Angebot ab. Zu finden dann auf:
https://frankfurt.de/service-und-rathaus/verwaltung/aemter-und-institutionen/stadtbuecherei/musikbibliothek

Thomas Waldherr

Am Mittwoch, 19. Mai, hält Dylan und Amerika-Kenner Thomas Waldherr einen öffentlichen Online-Vortrag zu seinem Buchthema „Bob Dylan & Black America“ beim Deutsch-Amerikanischen Institut in Tübingen. Los geht es um 19.15 Uhr, Infos und Zugangsmöglichkeiten hier: https://www.dai-tuebingen.de/node/2341

Zudem werden rund um den Geburtstag auch in verschiedenen Medien Dylan-Artikel aus Waldherrs Feder erscheinen.

Und zum Abschluss der Geburtstagsfeierlichkeiten im Frühjahr ist Waldherr dann am 25. Mai zu Gast in Christoph Borries Podcast https://7tage1song.de/ . Dann dreht sich alles um den Bob Dylan-Song „Goodbye Jimmy Reed“.

Und wer noch nicht genug hat, dem seien noch folgende Sendungen empfohlen. Denn wenn Klaus Walter beteiligt ist, wird es allemal hörenswert:

https://www.hr2.de/programm/doppelkopf/doppelkopf-mit-maik-brueggemeyer-bob-dylan-und-beatles-erzaehler,epg-doppelkopf-654.html

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-open-sounds/open-sounds-214.html

In diesem Sinne – stay tuned!

„Eine fesselnde und aufklärende Lektüre“

30. April 2021

Ende März wurde „Bob Dylan & Black America“, das neue Buch dieses Blogautors, im Hamburger Tredition-Verlag veröffentlicht. Nun, zum Beginn des Dylan Geburtstagsmonats, liegen bereits eine Reihe von Eindrücken und Stimmen zum Buch vor/ Vortrag zum Buchthema am 19. Mai.

Gestaltung: Atelier im Annche’haus, Ranstadt

„Thomas Waldherrs genau hinsehendes und gut geschriebenes Buch beleuchtet eine Seite von Dylans Werk, die viel zu lange im Schatten gelegen hat. Eine fesselnde und aufklärende Lektüre.“ Dies schrieb Heinrich Detering, seines Zeichens einer der besten Dylan-Kenner des Landes, zum neuen Buch „Bob Dylan & Black America“.

Das ist nur eine von vielen positive Stimmen zum neuen Buch. Ähnlich prononciert wie Detering äußerte sich auch der Singer-Songwriter Michael Moravek: „Das Buch schließt eine Lücke im Universum von Dylan-Büchern und hilft zu verstehen, wie sich Dylan zu dem einzigartigen Songwriter entwickeln konnte, der er heute noch immer ist.“

Dass das Buch nicht nur wichtiges in Bezug auf die Bewertung von Dylans Werk und Wirken leistet, sondern darüber hinaus auch einfach gut zu lesen ist, stellte auch Dr. Florian Pfeil, Leiter der Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung in Ingelheim heraus: „Ein sehr gelungenes und gut lesbares Buch, das ich mit Freude ‚verschlungen‘ habe.“

Dem pflichtete auch Dr. David Sirakov, Direktor Atlantische Akademie Rheinland-Pfalz, bei: „Eine wirklich tolle und gewinnbringende Lektüre.“

Auf eine kurze und präzise Formel, in jedoch alle Wertschätzung steckt, brachte es hingegen der Folk- und Cajunmusiker Yannick Monot: „Bravo für das Bob Dylan Buch!“

In Buchläden und im Versandbuchhandel

Am besten man bezieht das Buch über die Buchhandlung seines Vertrauens oder direkt beim Verlag:
https://tredition.de/autoren/thomas-waldherr-36760/bob-dylan-black-america-paperback-151883/

Online-Vortrag zum Thema des Buches am 19. Mai

Am Mittwoch, 19. Mai wird Thomas Waldherr das Buchthema in einem Online-Vortrag beim Deutsch-Amerikanischen Institut in Thüringen (Beginn 19.15 Uhr) behandeln. Weitere Infos und Zugangsdaten hier: https://www.dai-tuebingen.de/node/2341

„Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans Anderes Amerika“ jetzt am 8. Oktober

26. April 2021

Wegen aktueller Corona-Lage: Volkshochschule Darmstadt verschiebt den facettenreichen Hommage-Abend für den  „Tambourine Man“ auf Freitag, 8. Oktober 2021 (statt 14.Mai 2021). Mitteilung der VHS Darmstadt.

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Die Volkshochschule Darmstadt hat den Bob Dylan-Abend  „Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans anderes Amerika“, der bereits jetzt auf sehr positive Publikumsresonanz und große Nachfrage stößt, wegen der akuten Corona-Pandemie-Lage nun notgedrungen verschoben. Dies teilt die VHS in einer Pressemitteilung mit. Neuer Termin der langen Bob Dylan-Nacht ist nun Freitag, 8. Oktober 2021, 19 Uhr, in der Bessunger Knabenschule.  Mit Blick auf die bereits für Mai hohen Anmeldezahlen teilt die Volkshochschule Darmstadt weiter mit, dass alle bisher schon Angemeldeten für den 8.Oktober 2021 übernommen werden. Schon erfolgte Voranmeldungen behalten ihre Gültigkeit.

In diesem Jahr, am 24. Mai 2021, steht ein Jubiläum der besonderen Art bevor: Der „Picasso of Song“, der legendäre Singer-Song-Writer und Literaturnobelpreisträger von 2016, Bob Dylan, wird  80 Jahre alt.

Zusammen mit den Kooperationspartnern Bessunger Knabenschule, AStA der Hochschule Darmstadt und „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ bietet die Volkshochschule Darmstadt auch am 8. Oktober 2021 in der Halle der Bessunger Knabenschule einen facettenreichen Mix aus viel Live-Musik und ebenso informativen, unterhaltsamen Multimediavorträgen rund um Bob Dylan.

Auf dem Programm stehen Bild-Vorträge des preisgekrönten Musikjournalisten Klaus Walter und des Darmstädter Dylan-Experten und Amerika-Kenners Thomas Waldherr  über den „Picasso of Song“ zwischen Judentum und Black America, Politik, Pop und Poesie. Es sind dies zwei Multimedia-Vorträge, die sich der Wechselwirkung von Migration und US-Populärkultur sowie Dylans jüdischem Glauben und seiner engen Verbindung zur afroamerikanischen Kultur und Community widmen. Eigene Interpretationen von Dylan-Songs bieten  Dan Dietrich, Martin Grieben, das Folk-Duo Hannah & Falco sowie Wolf Schubert-K dar. Special Guests sind die „Woog Riots“. Schirmherr der Veranstaltung ist Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch.

Der Eintritt beträgt 15 Euro, Voranmeldung zu dieser Veranstaltung erfolgt über die Volkshochschule Darmstadt: http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur / Musik) oder per E-Post: vhs@darmstadt.de. Hinweis: Voranmeldung ist auch für den neuen Termin Freitag 08.10.2021, 19 Uhr, unbedingt erforderlich, es gelten die AHA-Regeln zum Schutz vor der Corona-Pandemie (Mund-Nasen-Bedeckung, Abstand, Hygieneregeln).

Benedict Wells‘ Amerika

23. April 2021

Er liebt Bob Dylan und erzählt amerikanische Geschichten. Selbst wenn sie nicht in Amerika spielen.

Copyright: Diogenes Verlag

Mal wieder Literatur. Und Bob Dylan ist nur mittelbar Thema. Das spannende an Dylan für mich ist ja auch, dass mir sich durch sein Werk neue musikalische Welten erschlossen haben. Country, Old Time, Folk, Roots Music zum Beispiel. Aber auch immer mal wieder Bücher. Zwar bin ich auch ohne ihn auf Benedict Wells aufmerksam geworden, aber dass da tatsächlich ein Dylan-Link besteht ist natürlich grandios.

Auf Wells aufmerksam wurde ich durch seinen literarischen Road Movie „Fast Genial“. Ich umschlich das Werk lange in den Buchläden, weil ich mir dachte, „ein amerikanisches Road Movie von einem deutschen Autoren, na ich weiß nicht so recht“. Dann kam „Hard Land“ raus. Und wieder Nachdenken. Und schließlich hab ich mir beides besorgt. Und den Bob Dylan-Geburtstagsband von Maik Brüggemeyer („Look Out Kid), zu dem Benedict Wells einen Beitrag geliefert hat. In dem er erst schildert, was ihn an Dylan gepackt hat, um dann zu schreiben, dass es richtig dylanesk wäre, nicht über ihn zu schreiben.

Wells‘ Wärme und Empathie für die Figuren

Das faszinierende an Wells‘ Prosa ist die Wärme und die Empathie für die Figuren. Obwohl er ein Freund und Kenner der Popkultur ist, befindet sich seine Literatur meilenweit von dem entfernt, das sehr oft als Popliteratur auftritt und sich als rein hedonistisch oder zynisch entpuppt. Im Gegenteil: Wells hat ein humanistisches Menschen- und Gesellschaftsbild. Er will eine bessere Welt. Und weil die Welt nicht gut ist, geht es auch seinen Protagonisten nicht gut. Und auch die sind nie einfach nur abgedreht und zynisch, sondern leiden an der Gesellschaft. Und behalten aber ihre Wärme und ihr Sentiment.

Vorliebe für Bob Dylan

Auch sein Sentiment für Amerika und seine Begeisterung für die amerikanische Popkultur, die zu seinen Jugendzeiten auch global noch stärker hegemoniell war als heute, ist ungebrochen stark. So ist es kein Wunder, dass er seine Romane immer wieder mit Versatzstücken aus dem Arsenal der amerikanischen Popkultur bestückt. Schon sein erstes Buch – Becks letzter Sommer – steckte da den Rahmen ab. Es ist in der klassisch-amerikanischen Erzählweise als Road Movie entworfen. Und dann spielt plötzlich Bob Dylan eine wichtige Rolle im Roman. Wells sagte dem Buchmagazin „Booksection“ dazu: …ich liebe Bob Dylan sogar, der Typ ist ein musikalisches und lyrisches Genie, wenn auch vielleicht nicht gerade der beste Sänger. Am Anfang hat er eigentlich nur eine kleine Rolle in der Geschichte gespielt. Irgendwann fiel mir aber auf, dass Rauli der junge Dylan sein könnte und dann kam die Idee, dass man Bob Dylan in eine Szene tatsächlich einbauen könnte. Als ich das wusste, war mir auch klar, dass ich das Buch in A und B-Seite aufteilen und die Kapitel nach Bob Dylan-Songs benennen muss. Ja, so ist Dylan durch die Hintertür immer mehr in die Geschichte rein gekommen. Aber es ist nur logisch, dass Beck Bob Dylan hasst. Anders wäre es nicht gegangen.“

Das Buch ist in A-Seite und B-Seite unterteilt und jedes Kapitel ist nach einem Dylan-Song benannt. Eines heißt „Things Have Changed“, ein anderes „Buckets Of Rain“, ein drittes „Like A Rolling Stone. „Ich mag Bob Dylan sehr gerne, mich nervt der auch nicht. Ich kann die Stimme hören und finde ihn extrem clever und gut. „All along the watchtower“ ist der Song, den ich mir immer für eine Reise vorstelle, da steckt so viel Reisegefühl und Power in dem Song, Freiheit, so dass klar war, damit beginne ich die Reise“, sagte Wells 2008 dem Deutschlandfunk.

In „Fast Genial“ war es wieder das Road Movie, das den Rahmen bildete. Wells siedelte sein Roadmovie nun tatsächlich in den USA an und der junge Held des Romans lebt im Trailerpark und erhält plötzlich eine ungeahnte Chance, der Perspektivlosigkeit zu entkommen. Er muss zu seinem Glück finden. Und das macht man auch heute noch in den USA typischerweise, in dem man ins Auto steigt und losfährt. Schon John Steinbeck stellte in einem der wohl bekanntesten literarischen Road Movies „Meine Reise mit Charley“ fest, dass die Amerikaner eigentlich ständig unterwegs sind. Das neueste und dunkle filmische Beispiel dieses amerikanischen Mobilität erzählt von der nackten ökonomischen Not: „Nomadland“, der Film von Chloé Zhao über eine Wanderarbeiterin mit der großartigen Frances McDormand in der Hauptrolle.

Amerika: „Größer als alle Vorurteile“

Copyright: Diogenes Verlag

Wells hat eine starke Bindung zu den USA, trotz der teilweise fragwürdigen politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte: „Für mich war die erste große Desillusionierung der Irakkrieg und dass Bush trotz all der ans Licht gekommenen Lügen wiedergewählt wurde. Doch als ich dann 2008 durch die USA gefahren bin, im letzten Bush-Jahr, wurde mir klar: Dieses Land ist einfach größer als alle Vorurteile. Das gleiche nun wieder, als ich 2019 monatelang dort war und Trump regierte. Auch da hatte ich vor der Reise gemischte Gefühle. Und ja, was immer du den Amerikanern vorwerfen möchtest, jedes Klischee, das findest du dort. Doch nur eine Ecke weiter begegnet dir schon das komplette Gegenteil. Und dann gibt es auch noch die Millionen Obdachlosen, Abgehängten und Durchs-Raster-Gefallenen, die eine Art drittes Land bilden, das öffentlich kaum stattfindet, weil es keine Stimme hat. Das alles hat mich demütiger gemacht in einem pauschalen Urteil gegenüber Amerika“ (Interview Berliner Zeitung, 28.2.2021).

In „Hard Land“, seinem neuesten Buch schreibt er einen klassisch amerikanischen „Coming Of Age“-Roman und siedelt ihn in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA in den 1980er Jahren an. Er sagt in eben diesem Interview in der Berliner Zeitung: „Und genauso wichtig war mir das Gefühl für diese Zeit, die in vielem so anders war als jetzt, und deren Popkultur ich als Kind aufgesaugt hatte. Ich kann über einen gelben Highschool-Bus in den USA viel mehr erzählen als über den RVA-Ostallgäu-Bus, den ich als Heimschüler selbst benutzt habe. Aber das alles soll keine Verklärung sein, die 80er waren auch ein schwieriges Jahrzehnt…Es gab Kalten Krieg und echte Angst vor einer atomaren Eskalation, sauren Regen, Rückständigkeit, Homosexualität war in den USA vielerorts verboten. Deshalb bildete die Popkultur für mich eher das Gegengewicht zu all dem. Das wurde mir auch beim Schauen unzähliger Eighties-Klassiker noch mal bewusst.“

Man muss sich nur an „Zurück in die Zukunft erinnern“ als Doc Brown es nicht glauben kann, dass Ronald Reagan jetzt Präsident sei: „Na klar, und John Wayne ist Verteidigungsminister!“ Das Buch erhebt keine lautstarken politischen Parolen, dafür sind seine Protagonisten und ihre Lebensumstände die Beweise für die unheilvolle Entwicklung, die Amerika seit Reagan nehmen sollte. Wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch. Und dieses erzählt Wells ganz selbstverständlich, bildstark, melancholisch-humorvoll, mit starken Figuren und irgendwie so nebenbei, neben der individuellen Geschichte der jungen Hauptfigur.

Wells schreibt amerikanische Erzählungen

Uns so sind Wells‘ Bücher nicht nur im Grunde auf ihre Weise amerikanische Erzählungen, ihr Erzähler, Benedict Wells ist fast sogar so etwas wie ein Bob Dylan der Prosa. Seine Botschaft kommt nicht mit dem Holzhammer, sondern liegt subtil im Kontext oder im Umfeld des Romans. Zu allererst ist seine Botschaft human und menschlich, dann erst in zweiter Linie politisch. Aber sie ist es dafür umso stärker.

Yannick Monot – En Chemin – Unterwegs 1

20. April 2021

Er ist seit vielen Jahrzehnten in Deutschland und Europa mit Cajun & Zydeco-Musik unterwegs. Nun hat einen farbenfrohen und stimmungsvollen Rückblick auf diese Zeit vorgelegt

Yannick Monot, Copyright Krokodil Records

Als uns vor einigen Jahren die erste Reise durch die USA zu den Wurzeln der amerikanischen Musik führte, da machten wir auch in Louisiana im Cajun Country Station. Wir besuchten Layfayette und waren abends in „Mulate’s“ zu Gast, einem typischen Cajun-Restaurant. Viel Seafood, dazu Musik und Tanz – Ziehharmonika, Steel-Guitar, E-Bass. Eine Reisegruppe fand sich im Lokal ein und bevölkerte die Tanzfläche. Ein schöner Abend in dem legendären Lokal, in dem, wie im Eingangsbereich zu lesen ist, auch schon Bob Dylan zu Gast war.

Am nächsten Tag ging es in das Cajun-Museumsdorf Vermillionville und anschließend auf eine Bootstour durch die Sümpfe, dem Swamp und dem Bayou. Unser Bootsführer Butch erklärte, was zu sehen und auf was zu achten war. Und so sahen wir neben interessanten Pflanzen und seltenen Vögeln auch Alligatoren und waren denen ziemlich nah. So ein bisschen unheimlich war das dann schon. Endstation unserer Reise war danach New Orleans, „The Big Easy“ mit Bourbon Street und Marching Bands.

Botschafter von Cajun & Zydeco

Was für eine wichtige Rolle dieser Landstrich für die amerikanische Rootsmusik spielt, daran muss ich immer denken, wenn ich die Musik von Yannick Monot höre. Der in der Bretagne geborene Musiker lernte die Musik der Franko-Amerikaner, die vor den Briten aus Kanada fliehen mussten, in Louisiana  kennen, nahm seine erste Cajun-Platte in Schweden auf, und ist seit vielen Jahrzehnten u.a. in mehreren Bandprojekten ein wichtiger Bestandteil der deutschen Folk-Szene und öffnete mit dem Quintett „Yannick Monot und Nouvelle France die Türen für Cajun & Zydeco Musik in Deutschland und Europa.

Neues Album

Nun hat er mit „En Chemin. Unterwegs 1“ einen Rückblick auf diese Jahrzehnte veröffentlicht. Und die Musik ist ein Zeugnis seiner Kunst. Sie ist ansteckend fröhlich, da lädt sie zum Tanzen ein, dann wieder ist sie melancholisch und man wird träumerisch und nachdenklich. Und vor allem: Monots Musik fängt Atmosphäre und Stimmung des Cajun Countrys ein. Wenn in „The old man in the bayou“ der alte Mann fröhlich in sein Boot steigt, dann ist man plötzlich mitten drin im Bayou. „Oh ‚tit fille“ beschwört die Leichtigkeit von „The Big Easy“ wie New Orleans auch genannt wird. „Elle ne veut pas danser“ erzählt eine weitere Geschichte aus Louisiana zwischen Tanzvergnügen, Liebe und Eifersucht. Und mit Stücken wie „Le petite Acadie“ oder „Ma Demoiselle“ reist er in die Geschichte der „Acadiens“ wie die Cajuns in ihrer früheren Heimat Kanada hießen.

Ob Soli oder mit seinen Bands, der Multi-Instrumentalist Monot – er spielt Gitarre, Dobro, Akkordeon und Mundharmonika, dazu ist er Texter und Sänger seiner Musik – drückt aller Musik seinen eigenen, ebenso lebensfrohen wie lebensklugen Stempel auf. Ein perfekt produziertes, im eigenen Studio von „Crocodil Records“ aufgenommenes Album. Es wird uns die Wartezeit versüßen bis Yannick Monot seine Konzertreisen wieder fortsetzen kann.

Das Album ist erhältlich über info@yannick-monot.de .

Happy Birthday, Bill Ramsey!

19. April 2021

Der amerikanisch-deutsche Entertainer wurde an diesem Wochenende 90 Jahre alt. Er brillierte nicht nur in Schlager und Jazz, sondern war auch eine der ersten American-Folk-Stimmen in Deutschland. Zu seinem Geburtstag ist nun eine Hommage in Buchform erschienen.

Copyright: Seitenweise Verlag

„Souvenirs, Souvenirs“, „Ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett“, „Pigalle“, „Die Zuckerpuppe von der Bauchtanztruppe“, Gassenhauer die jeder kennt. Und große, karrierebegründende Hits für Bill Ramsey. Wer in der alten Bundesrepublik aufgewachsen ist, der kam gar nicht vorbei an dem kräftigen, lustigen US-Amerikaner. Er sang seine Hits in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren auch in einigen Filmen, die zur Jugendzeit des Autors dieser Zeilen in den 1970er und 1980er Jahren immer noch gerne ausgestrahlt wurden.

Und doch war Ramsey da schon wo ganz anders. Nämlich wieder da, wo er angefangen hatte: Beim Jazz. Denn als er in den 1950er Jahren nach Frankfurt zum AFN kam, da tauchte er ganz tief in die dortige Jazzszene ein. Zwar wurde er vom Produzenten Heinz Gietz entdeckt, der selber Jazzer war, doch der schneiderte ihm eine Schlagerkarriere zurecht. Ramsey lustige und skurrile Songs haben bis heute Kultstatus.

Vom Schlager über American Folk zurück zum Jazz

Doch als Mitte der 1960er Jahre dann Beat und Rock auch in Deutschland immer mehr in den Vordergrund drängten, kehrte Ramsey wieder zu seinen Wurzeln zurück. Zum Jazz, zum Blues… und zu Folk und Country! Das erste Album, das 1965 seinen Schwenk vom Schlager zurück zur American Roots Music dokumentierte, war das Album „Bill Ramsey singt Lieder seiner Heimat – Songs from Home“ auf. Darauf waren amerikanische Folk-Klassiker wie „John Henry“ oder „Wabash Cannonball“.

In der soeben erschienen Hommage in Buchform „Bill Ramsey. Send In The Clown“ von Pit Klein, kann man nachlesen, dass es gar nicht so einfach war für den als Schlagersänger wahrgenommenen Ramsey, in der Öffentlichkeit mit seiner American Roots Music und dem Jazz zu reüssieren. Während Country & Western als musikalische Vorlage für deutsche Schlagerhits wie Peter Alexanders „Ich zähle täglich meine Sorgen“ („Heartaches By The Numbers“) oder als Klischees für Songs wie „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand (Bruce Low) gerne genommen wurden, war die Vorstellung, dass der Schlagersänger Bill Ramsey nun die echte Folkmusik seiner Heimat singen könnte, scheinbar schwer vorstellbar. Doch seine Plattenfirma ermöglichte es und er nahm noch im selben Jahr bei der deutschen Columbia zusammen mit Paul Kuhn auch „Blues And Ballads“ mit Standards wie „Fly Me To The Moon“ oder „But Not For Me“ auf.

Folk und Country mit Don Paulin

Copyright: Columbia Records

In den folgenden Jahren ging Ramsey zweigleisig vor. Er sang immer noch bei entsprechender Gelegenheit in Fernsehshows seine alten Hits – er stand immer zu dieser Musik – seine Kraft und Leidenschaft aber steckte er vor allem in die Jazzmusik. Mitte der 1970er Jahre unternahm er dann mit dem amerikanischen Folksänger Don Paulin erneut Ausflüge in die Folk Music. Von 1973 bis 1982 waren sie Gastgeber der Sendung „Show Ohne Shuh“, die internationale Folklore und darunter natürlich viel Folk, Country und Blues, in den Mittelpunkt stellte. 1975 veröffentlichten die beiden die LP „Hard Travelling“ mit amerikanischen Folk- und Country-Klassikern wie „Banks Of The Ohio“ oder „Railroad Bill“.

Rückzug von der Bühne

Bis ins hohe Alter blieb Ramsey aktiv, so konnte ihn der Autor dieses Artikels 2012 bei einem funkensprühenden Konzertabend in Frankfurt-Höchst erleben. Im letzten Jahr hat sich Ramsey aus gesundheitlichen Gründen von der Bühne zurückgezogen. An diesem Wochenende feierte er seinen 90. Geburtstag. Happy Birthday, Bill Ramsey!

Pit Klein, Bill Ramsey. Send In The Clown – das Buch
Mitte letzten Monats ist diese Hommage in Form von Erinnerungen von Weggefährten und Freunden, zusammengestellt von Pit Klein, erschienen. Beiträge zu diesem Band haben u.a. der Autor, Radiomoderator und Veranstalter Tom Schroeder und der Musikjournalist Siegfried Schmidt-Joos beigesteuert. Das Buch ist im Seitenweise Verlag erschienen, hat 272 Seiten, und kostet 28 Euro. ISBN-13: 9783943874372.

Bill Ramsey – Songs From Home – die Musik

Leider gibt es keine Aufnahmen dieser Musik von Bill Ramsey auf youtube. Einen Eindruck geben aber die Hörproben des Albums beispielsweise auf jpc.de wieder:

https://www.jpc.de/jpcng/jazz/detail/-/art/Bill-Ramsey-Ballads-Blues-Songs-From-Home/hnum/6580155

Der „Bob-Track“ des Lebens

16. April 2021

Die Musik von Dylan begleitet das Leben und öffnet tausend weitere Welten

Bob Dylan, Copyright Walter Steffek

In diesen Vorgeburtstagszeiten, in denen ich an Vorträgen und Beiträgen für verschiedene Veranstaltungen und Medien arbeite, stelle ich mir auch immer wieder die Frage: In welcher Weise war Dylan für Dich im Leben bedeutend? Die Antwort: Immer sehr und auch immer anders.

Um dies konkret dazustellen, komme ich zurück auf den Soundtrack meines Lebens, über den ich anlässlich meiner Berufung in die Jury der „Liederbestenliste“ der deutschsprachigen Musik nachgedacht habe. Denn zu der Zeit, als ich Dylan entdeckte, da entdeckte ich auch Hannes Wader und Bernies Autobahnband, Georg Danzer und etwas später Wolfgang Ambros. Letzteren nicht nur wegen seiner österreichischen Dylan-Adaptionen, sondern auch wegen „Schiefoan“ und „Zwickt’s Mi“. Danach BAP und in den 1990ern Ringsgwandl, aber nicht nur wegen „Nix Mitnemma“.

Songs für viele Lebenslagen

Soll heißen, auch neben Dylan gab es immer auch andere Musik für mich. Doch seine hat mich immer wieder in meinem Leben in besonderer Weise berührt. „Hurricane“ faszinierte mich 1976/77 komplett: Text, Haltung, Stimme, Musik. In seiner christlichen Phase blieb ich dabei, weil Songs wie „I Believe In You“ oder „Precious Angel“ auch Liebessongs für Frauen waren bzw. sein konnten. „I and I“ faszinierte mich, weil der junge Erwachsene sich damals einsam und zerrissen fühlte. „License To Kill“ war ein tolles Anti-Kriegslied. Anfang der 1990er sorgten Songs wie „Born In Time“ – den Song fand ich so romantisch, der ging mir nicht mehr aus dem Ohr- und die Live-Konzerte für eine neue, verstärkte Hinwendung. Weitere Songs, die mich mein Leben lang begleiten sind „Simple Twist Of Fate“ (Budokan-Version), Mr. Tambourine Man (Budokan) oder auch „Black Diamond Bay“, das er noch nie live gespielt hat.

Die gesellschaftlichen Hintergründe von Bob Dylan erforschen

Als Typ war er natürlich in seiner Anfangszeit ein „Role Model“. Aufmüpfig, lässig, frech. So wie ich damals nie war. Später dann setzte eine Distanz ein. Man liebt die Musik und Dylan gehört zum Leben, aber man emanzipiert sich mit der Zeit ein bisschen vom Vorbild oder „Role Model“. Respekt für Werk und Künstler steht dann immer mehr im Mittelpunkt. Heute bin ich 57 und Dylan 80. Er ist ein wohlsituierter älterer Herr, der seinen Beruf bzw. seine Berufung – Musiker, Songwriter, Maler etc. – bis ins hohe Alter ausüben kann. Vater und Großvater mit einem großen Haus in Malibu. Seine Nachkommen sind zu einem Großteil wiederum kreative Menschen. Soweit, so gut. Es reicht mir, dies zu wissen.

Also weniger Spekulation um persönliches Leben, aber auch keine reine Textexegese und obsessives Fahnden nach zitatquellen um Songs technisch zu dekonstruieren. Dies ist nicht das Dylan für mich so spannend macht. Viel spannender und mittlerweile am spannendsten empfinde ich zwei Dinge. Da sind zum einen die gesellschaftlichen Hintergründe und Wirkungen und zum anderen die musikalischen Wurzeln seines Werkes.

Dylan als Tor zur Americana-Welt

Was hat dieser Künstler mir für Welten eröffnet: Amerika und Americana! Bob Dylan ist ja nicht aus dem luftleeren Raum gekommen, sondern hat aus einem musikalischen Erbe schöpfen können. Dem „alten, unheimlichen Amerika“ wie es Greil Marcus genannt hat: Folk, Blues, Old Time, Bluegrass, Country. So richtig klar wurde mir das zur Jahrtausendwende mit „O Brother Where Art Thou?“. Immer mehr verliebt ich mich in diese Musik, schrieb für country.de und meinen Blog über Americana. Und so kam es, dass meine Konzertreihe, die in Darmstadt 2014 startete eine Americana-Reihe wurde. Ich wollte einen musikalischen Kontinent durchstreifen, mich nicht auf den Dylan’schen Mikrokosmos beschränken. Ich finde es bis heute reizvoll, wenn Künstler, die eben keine Dylan-Cover-Künstler sind, sich Dylan-Songs aneignen. So wird in meiner Reihe jeder Act gebeten, einen Dylan-Song im Konzertprogramm zu haben.

Bob Dylan & Black America

Zu den unbestrittenen musikalischen Wurzeln von Bob Dylan gehört der Blues. Dass er aber auch eine Affinität zu Soul, Jazz und Rap besitzt, verstand ich erst so richtig, als ich nach afroamerikanischen Musikbezügen in seinem Werk forschte. Dies hatte seinen Ursprung in den Carolina Chocolate Drops. Die schwarze Old Time Band spielte im Vorprogramm von Dylan und faszinierte mich. Über die Entstehung des Blues als Phänomen der gesellschaftlichen Hintergründe in den US-Südstaaten lernte ich viel von Florian Pfeil bei den gemeinsamen „Politik und Musik“-Seminaren. Und so erfuhr ich eben, dass die Verbindung von Bob Dylan zur Black Community viel mehr ist als der Blues und die Bürgerrechtslieder Anfang der 1960er Jahre. Es ist viel mehr und es geht tiefer.

Mehr dazu in meinem neuen Buch „Bob Dylan & Black America“. Jetzt überall wo es Bücher gibt. Am besten in der Buchhandlung des Vertrauens oder direkt beim Verlag:
https://tredition.de/autoren/thomas-waldherr-36760/bob-dylan-black-america-paperback-151883/

Bob Dylan & Eric Clapton: Born In Time 1999

Bob Dylan live with The Winston Marsalis Band 2004

Populär sein reicht nicht

10. April 2021

Ein neues Buch zeichnet den Weg von Joan Baez als politische Aktivistin nach

Beide feiern in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag. Der eine- Bob Dylan (24. Mai) – mit großem Medienecho und einer wieder einmal großen Welle von Buchneuveröffentlichungen, die andere – Joan Baez (9. Januar) – eher im Hintergrund, die medialen Wellen sind ungleich kleiner. Denn während Bob Dylan fortwährend Musikgeschichte schreibt – 2016 Literatur-Nobelpreis für einen Songpoeten, 2019 neues Album, 2020 bis zur Absage durch Corona weitere Konzerttouren geplant – hat sich Joan Baez bereits 2019 für immer von den großen Bühnen verbschiedet.

Copyright: ibidem-Verlag

Interpretin und Aktivistin, keine Songwriterin

Joan Baez ist eine wichtige musikhistorische Figur, da sie als musikalische Repräsentantin einer ganzen Generation für den politischen Veränderungswillen in den 1960er Jahren steht. Im engeren Sinne hat sie musikalisch wenig Bleibendes hinterlassen. Sie ist auch nie eine große Songwriterin gewesen. Gerade mal eine Handvoll von ihr selbst geschriebene Songs haben wirklich überdauert wie „Diamonds & Rust“ (über Bob Dylan), „Sweet Sir Galahad“ (über Richard Farina, den tödlich verunglückten Mann ihrer Schwester Mimi) oder „A Song For David“ (über ihren Ehemann David Harris, der als Anti-Kriegs-Aktivist in den USA im Gefängnis saß). Stattdessen war sie aber eine große Interpretin mit großer Stimme und großem Charisma. Und vor allem: Sie war und ist mit großer Glaubwürdigkeit, Integrität und Vehemenz ausgestattet, mit der sie für ihre politischen Ziele eintritt. Diese besondere, im Grunde fast einzigartige Mischung aus musikalischer Künstlerin und politischer Aktivistin trug sie durch die Jahrzehnte ihrer Karriere und schuf ihre historische Bedeutung.

Und nun endlich, im Jahr ihres 80. Geburtstages, ist die längst überfällige systematische Darstellung ihres Lebens als politischer Aktivistin in Buchform erschienen. Eines der wenigen neuen Bücher über sie in diesem Jahr. Dem österreichischen Auto Markus Jaeger gebührt der Verdienst dies angegangen zu sein. „Popular Is Not Enough. The Political Voice Of Joan Baez“ heißt das im Stuttgarter ibidem-Verlag auf Englisch erschienene Werk.

Eine politische Lebenslinie

Also endlich mal eine Darstellung, die sie nicht auf die „Queen Of Folk“ oder auf ihre komplizierte Verbindung mit Bob Dylan reduziert, sondern sachlich und kenntnisreich von ihren Wurzeln in Quäkertum und Pazifismus über die Einflüsse von Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Henry David Thoreau und Ira Sandperl bis hin zu ihren Aktivitäten insbesondere gegen Kriege und für die unter ihnen leidenden Menschen in aller Welt eine politische Lebenslinie zieht.

Dabei wird auch nicht verschwiegen, dass sie Teile ihrer Karriere in der Tat als Nostalgie-Nummer verbringen musste und sie in den Reagan-Jahren in den 1980ern in den USA zeitweise keine Plattenfirma unter Vertrag nahm. Umso stärker hat sie sich dann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für die unteilbare Freiheit engagiert. Sie war auf der Seite der Freiheitsbewegungen gegen den Poststalinismus in Polen und der Tschechoslowakei ebenso wie in Lateinamerika im Kampf gegen Militärdiktaturen und politischer Reaktion.

Weiterhin kritisch

Jaegers Buch schließt denn auch nicht bei der sattsam bekannten Geschichte aus den 1960ern, sondern zeigt uns auch die jüngsten politischen Aktivitäten. Gegen die Kriegspolitik von George W. Bush, die sogar zu Auftrittsverbot führte und ihre Opposition zu Donald Trump, die u.a. mit „Nasty Man“ zu einem der ersten frechen und bösen Protestsongs gegen den orangefarbenen Autokraten führte.

So ist ein unschätzbar wichtiges Werk entstanden, der frische Einblicke in ihr Leben und ihrer Karriere während 60 Jahren USA- und Weltgeschichte gewährt. Es soll ja Dylan-Fans geben, die mit dem Aktivismus von Baez auf Kriegsfuß stehen. Gerade jenen sei dieses Buch empfohlen. Dass Dylan und Baez zwei unterschiedliche künstlerische Konzepte haben, die beide ihre Berechtigung haben und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, habe ich hier an dieser Stelle vor wenigen Wochen bereits vermerkt. Hier also die spannende Geschichte einer dezidiert politisch-aktivistischen Musikerin. Respekt vor Joan Baez, Respekt aber auch vor dem Autor, diese Geschichte endlich aufgeschrieben zu haben.

Popular Is Not Enough: The Political Voice Of Joan Baez: A Case Study In The Biographical Method, Stuttgart 2021, 260 Seiten, 34,90 Euro.