„The Man in Me“ und „The Big Lebowski“

7. August 2020

Notizen zu Song und Film

Gestern Abend bin ich mal wieder beim Zappen reingerutscht. „The Big Lebowski“. Der geniale Film der Coen-Brüder. Diese einzigartige, funkensprühende Mischung aus Buddy-Kino, Schwarzer Reihe und absurdem Trash-Movie ist Outstanding. Und dabei gefallen mir die Filme der Coen-Brüder gar nicht immer. Mir gefallen „O Brother Where Art Thou“, „Fargo“, „True Grit“ und „Inside Llewyn Davis“. Sehr oft fehlt diesen postmodernen Filmemachern aber die wirkliche Empathie für die Figuren. Sie verraten und verkaufen sie. So wie bei „Burn After Reading“ oder „No Country For Old Men“. Dann wird mitunter ein Wettrennen in skurriler Brutalität entfacht und die Firme werden zum „posen“ missbraucht. Schicksal der Figuren, Sinnhaftigkeit der Handlung? „Nö, interessiert uns nicht, wir machen lieber knall, bumm, beng!Und warum? Weil wir es können!“

„The Big Lebowski“ ist aber von Anfang an ein empathischer Film. Der „Dude“ ist ein sympathisch-harmloser Looser, genial von Jeff Bridges gespielt. Er hält sich über Wasser und ihn und seine Freunde meint man wirklich zu kennen. Die Leute, die versuchen noch den letzten Zipfel des amerikanischen Traums zu erwischen. Kohle machen, auch wenn man nicht so schlau ist und Skrupel unterdrückt. Dass sie es letztendlich doch nicht schaffen und zu Flipperkugeln zwischen verschiedenen kriminellen Gruppen werden, macht sie um so sympathischer.

Und die Coens schaffen das, indem sie aus vertrauten Versatzstücken amerikanischer Populärkultur etwas ganz neues schaffen. Bowlingbahn und Porno-Business, Los Angeles und Cowboy-Kultur sowie die multi-ethnische Zusammensetzung der amerikanischen Gesellschaft rollen den Teppich ausm auf dem die Handlung ihren Lauf nehmen kann.

Ein 50 Jahre alter programmatischer Song
Dass dann „The Man in Me“, dieses nun 50 Jahre alte Stück von Bob Dylans Album „New Morning“ der quasi-Titeltrack des Films ist, ist ebenso passend wie große Ironie. Denn wie singt Bobby so schön: „The man in me will do nearly any task/ And as for compensation, there’s little he would ask/ Take a woman like you/ To get through to the man in me.“

Und genau so einer ist der „Dude“ eigentlich nicht. Vielleicht war er es mal. Aber jetzt will er keine Verantwortung mehr übernehmen und keine Arbeiten erledigen. Er ist so desillusioniert, nur das „Bowlen“ gibt ihm einen Halt. Eine ruhige Kugel schieben, seine Freunde treffen und einen „White Russian“ trinken – das strukturiert ihm den Tag. Man könnte darüber lamentieren, man könnte zornig die Ungerechtigkeit anprangern – aber ganz postmodern enthalten sich die Coen-Brüder der Bewertung und zeigen stattdessen, das was ist. Die von mir aufgeführten schlechten Filmbeispiele aber zeigen, was aus postmodernem „Anything Goes“, das ja auch das kulturelle Gegenstück zur neoliberalen Politik- und Wirtschaftssphäre ist, werden kann.

Wärme und Menschlichkeit als universelle Werte
Hier aber liegt der Fall anders. Denn der „Dude“ zeigt in dieser aufregenden Episode seines ansonsten doch ziemlich ereignisarmen Lebens, dass er doch noch so einige menschlich Reflexe beherrscht. Verpeilt, aber letztendlich dann doch empathisch und auf seine Art verantwortungsvoll.

Wie singt doch Bobby: „The man in me will hide sometimes to keep from bein’ seen/ But that’s just because he doesn’t want to turn into some machine/ Took a woman like you/ To get through to the man in me.“ Ja, auch der Dude möchte nicht auffallen, kein großes Aufheben machen, gar nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. John Waynes konservativ-knorriges „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“ werden hier von Dylan und dem Dude zweifach gebrochen, um viel selbstverständlicher, gleichberechtigter und wärmer neu zusammengesetzt zu werden.

Für Bob Dylan war es 1970 in der Hochphase seines Rückzugs ins Familienleben ein programmatisches Lied. Er will keine Maschine werden, der auf Knopfdruck seriell funktioniert. Der Lieder am Fließband schreibt, Konzerte gibt und auf Künstlerparties abhängt. Er will nur sein Leben führen, ohne allzu große Aufregung und Öffentlichkeit. Das will der „Dude“ auch.
Die verschränkte Ironie des Gebrauchs dieses Bob Dylan-Songs für diesen Film ist aber nun die: Für Dylan war die Ruhe in familiärem Rückzug nur eine kleine Insel in einem Meer von „stardom“. Für den „Dude“ war die aufregende Kriminalgeschichte nur eine Insel in einem Meer von Langeweile und Bedeutungslosigkeit.

Dass der Song aber so wunderbar funktioniert zeigt wieder einmal mehr die Qualität von Dylans zeitlosem Songwriting. „The Man In Me“ – ein Klassiker voller Wärme und Menschlichkeit. Und auch wenn es nicht typisch für die Coen Brüder sein mag: Auch beim „Dude“ sind – aller Antriebslosigkeit, Verpeiltheit und Erfolglosigkeit zum Trotz – diese positiven universellen Werte zu spüren.

Drei Versionen von „The Man In Me“

„Could be the Fuhrer, could be the local priest“

1. August 2020

Die ungebrochen Aktualität des Werkes von Bob Dylan und was es uns zum heutigen Amerika zu sagen hat

Es gibt eine ganze Reihe von Dylan-Afficionados, die meinen, Dylan wäre auf einem höherwertigen moralischen und intellektuellen Level als zu früheren Zeiten, da er sich heutzutage nicht in seinen Songs oder mit anderen Aussagen tagespolitisch zu Wort meldet. Ich sehe das profaner: Es ist halt so und er darf das. Kein Künstler ist verpflichtet, politischer Aktivist zu sein. Sein kritisches Denken, seine Subversivität wirkt zu allererst durch seine Kunst.

Aber das heißt andersherum auch, dass Kunst und Künstler nicht per se besser sind, wenn sie sich tagespolitisch enthalten. Und auch nicht, dass die Kunst von Künstlern, die politische Aktivisten sind, per se schlechter ist. Es gibt gute und schlechte Kunst – ob sie nun direkt politisch ist oder nicht.
Was Dylan allerdings vielen anderen Künstlern Voraus hat, und was ihn so einzigartig macht, ist sein Niveau der Beschäftigung mit den universellen Fragen, die seine Songs zu zeitlosen Klassikern werden lassen, da sie Gültigkeit haben, solange unsere Welt so ist wie sie ist.

In Dylans Werk Amerika studieren
Und daher funktionieren auch seine Protestsong-Klassiker auch heute unvermindert gut. Denn die USA waren in den 1960er Jahren ähnlich gespalten wie heute. Und die Brutalität der White Supremacy, denen sowohl ein Medgar Evers, als auch die vier Mädchen in Birmingham Four schließlich auch Martin Luther King zum Opfer fielen, war noch offener und spektakulärer. Den Unterschied macht heute ein protofaschistischer Präsident aus, der einen positiven Resonanzboden von höchster Stelle aus für menschenverachtendes Denken, Rassismus und gefährlichen Irrsinn bietet.

Dylan äußert sich nicht dezidiert tagespolitisch zur aktuellen Lage. Aber wer sein Werk aufmerksam studiert – gerne auch einmal rückwärts von „Rough And Rowdy Ways“ bis zu seinen Anfängen – der kann sehr viel darüber herauslesen, warum Amerika heute so ist wie es ist. Ob er in „Who Killed Davey Moore“ oder „Union Sundown“ oder „Workingmans Blues #2“ die kapitalistische Leistungs- und Gewinnmaximierung sichtbar macht, in „With God On Our Side“, „Masters Of War“ oder „Murder Most Foul“ die politische Klasse und den Einfluss des militärisch-industriellen Komplex auf die Geschicke des Landes anspricht, in „Only A Pawn In Their Game“ oder „Hurricane“ die Mechanismen einer rassistischen Klassengesellschaft offenlegt oder in „Jokerman“, „Man Of Peace“, „Man In The Long Black Coat“ oder „TV Talking Song“ die Führerhörigkeit und die Verführbarkeit der Massen durch Autokraten und Medien zum Thema macht. Diese gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen Strukturen haben in den USA bis heute ihre Gültigkeit und sind ursächlich für das aktuelle Chaos und den Niedergang.

The Times They Are A-Changin‘
Und daher muss Dylan dem auch nichts grundlegend Neues hinzufügen. Und deswegen sind seine Klassiker auch heute noch immer wieder der Soundtrack jeder Bewegung und jeden Amerikaners gegen den nicht enden wollenden amerikanischen Alptraum. Von den Jugendlichen, die sich seinerseits nach dem ixten Schulmassaker mit „The Times They Are A-Changin‘ gegen den Waffenwahn gewandt haben bis zu Neil Young, der soeben neben seinem eigenen nun neu getexteten „Looking For A Leader“ (gegen Trump und für Biden) ebenfalls nun dieses unverwüstliche „Times'“ anstimmt.

Denn auch die Bewegung, die unter dem Banner von „Black Lives Matter“ auf die Straße geht ist jung wie damals die Kids in den 1960ern. Aber sie ist auch bunter, diverser und weiblicher. Und gibt uns die Hoffnung, dass das Diktat der alten weißen Männer, der Trumps und ihrer menschenfeindlichen Gesinnung, die im Schoß des Hire und Fire-Kapitalismus gewachsen ist, endlich gebrochen wird.

Dass man dafür jetzt erstmal wieder den alten weißen Mann Biden braucht, ist eine Notwendigkeit die sich nicht ändern lässt. Hinter ihm aber kann eine neue hoffnungsvolle Generation kommen. Es ist das Entscheidungsspiel für Amerika. Mit Biden die Hoffnung und vor allem die Ausgangsbedingungen für eine progressive Umgestaltung Amerikas erhalten und erweitern oder mit Trump in die die brutale Diktatur des Chaos abrutschen.

Bob Dylan – Only A Pawn In Their Game:

D.C. choir sings with Jennifer Hudson, ‚The Times They Are A Changin‘ at March For Our Lives Rally:

Neil Young – The Times They Are A Changin‘ 2020:

Bob Dylan and the President of the United States

24. Juli 2020

Die US-Präsidenten im Leben und Werk des Songpoeten und Literatur-Nobelpreisträgers

In einer Zeit, in der ein US-Präsident kurzerhand aus wahltaktischen Gründen die föderale Grundordnung der USA mit Füßen tritt und dabei einen ersten Vorgeschmack auf mögliche Bürgerkriegsszenarien liefert, interessiert mich, welche Rolle zu welchen Zeiten die Figur des US-Präsidenten im Werk von Bob Dylan gespielt hat. Schließlich hat der soeben mit „Murder Most Foul“ einen US-Präsidenten – John F. Kennedy – und seine Ermordung in seinem längsten Song, der gleichzeitig einer seiner besten Songs ist, thematisiert.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Natürlich liegt es beim Thema nahe: Ala das Dylan-Zitat in Sachen US-Präsident wird liebend gerne „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ aus „It’s Alright Ma“ von 1965 angesehen. Natürlich besonders in seiner Reinkarnation von 1974: Jubel beim Publikum, Nixon ist wegen Watergate am Ende. Und da im Grunde fast jeder US-Präsident auch einmal schwere Zeiten durchmachen muss oder auch im Zwielicht steht, passt das auch so gut. Ob Reagan und seine Iran-Contra-Affäre, Bill Clintons Zigarrenspiele oder George W. Bushs Lügen im Irak-Krieg: Diese Zeile, wenn Dylan sie singt, ist immer noch für Juchzen und Applaus gut.

Kennedy, der jetzt nach fast 60 Jahren wieder im Werk Dylans auftaucht, hat für ihn 1963, wie für seine ganze Generation, eine ambivalente Bedeutung. Auf der einen Seite stellte er gegenüber dem ewigen Kriegshelden Eisenhower einen Fortschritt dar. Zum anderen bleibt er trotzdem noch der Logik des Antikommunismus verhaftet. Man hofft, mit ihm wichtige Veränderungen in Amerika – Bürgerrechte! – erringen zu können. Aber substantiell ist noch wenig da. Dylan geht denn auch sehr unverkrampft mit Kennedy um, als der ihn in seinem Song „I Shall Be Free“ anruft und fragt, was denn ein Land zum Wachsen bringen könne: „Brigitte Bardot, Anita Ekberg, Sophia Loren“ antwortet der Sänger spöttisch-anzüglich.

Und im Hinterhirn möchte man flugs noch Marylin Monroe dazu addieren, das amerikanische Sexsymbol der 1950er Jahre. Nur starb die aber schon im August 1962 unter bis heute ungeklärten Umständen an einer Überdosis Barbituraten. Und Dylans Aufnahme stammt aus dem Dezember 1962. Sie konnte also nicht mehr Ziel seines Spottes sein. Aber: Marylin wird auch eine Affäre mit John F. Kennedy nachgesagt. Und auch wegen diesem Yellow Press und Jet-Set-Status des ersten amerikanischen Popstar-Präsidenten zählt hier Dylan die Riege der Sexbomben auf.

Und – Achtung Verschwörungstheorie! – ihr Tod wird auch gerne in Verbindung mit Kennedy gebracht. Und damit steht Kennedy schon im Mittelpunkt vor zwei Verschwörungstheorien. Dieser und der Theorie seiner eigenen Ermordung. Dylan hat übrigens wenige Monate nach dem Attentat Dallas bereist und den Tatort in Augenschein genommen. Auch er hält den überlieferten Tathergang für nicht stichhaltig. Doch es wird eben fast 60 Jahre dauern, bis er sich in Liedform damit beschäftigt.

Dylan und die Präsidenten im „richtigen Leben“
Zeit seines Lebens versucht Bob Dylan soweit es geht, die Nähe zur politischen Klasse zu meiden. Es gibt ansonsten unendlich viele Berührungspunkte in der Geschichte der US-Gesellschaft zwischen Unterhaltungsbusiness, Medien und Politik. Wie erinnern uns an den singenden Gouverneur Jimmie Davis („You Are My Sunshine“), an den Schauspieler Ronald Reagan und eben den Reality-Show-Star Donald Trump. Und selbst der kluge und humane Kopf Kinky Friedman, wird nicht müde zu betonen, dass er sowohl mit George W. Bush als auch mit Bill Clinton befreundet sei.

Jimmy Carter, Copyright wikimedia commons

Umso bedeutsamer ist daher bei Bob Dylan die Personalie Jimmy Carter. Kennengelernt hat er den Ex-US-Präsidenten als der Gouverneur von Georgia war und ihn 1974 nach einem Konzert in Atlanta zu sich nach Hause einlud. Jimmy Carter, so heißt es, freundete sich mit Dylan an und zitierte ihn sogar in seiner Inauguration Speech. Dylan wiederum bezeichnete sich 1978 in einem Interview selbst als Carters Freund und sagte, „der hätte das Herz am rechten Fleck.“ Doch Dylan spielte unter Carters Präsidentschaft nie im Weißen Haus und wie eng die Freundschaft dann über die Jahre letztendlich wirklich war, ist so gut wie nichts bekannt.

Neu bekräftigt wurde diese Freundschaft dann 2015 durch die Laudatio von Jimmy Carter bei der MusciCares-Preisverleihung. Näher ließ Dylan aber keinen Politiker mehr an ihn ran. Bei Bill Clinton spielte er auf der Inaugurationsfeier, was schon als politisches Statement nach fast anderthalb Jahrzehnten Republikanern im Weißen Haus zu werten ist. Aber an den Bildern sieht man schon: Bill & Family haben deutlich mehr Spaß daran als Dylan. 1997 bekommt Dylan dann von Clinton die Kennedy Medaille. Auch hier sind keine größeren Vertraulichkeiten zwischen den Künstler und Präsident überliefert.

Ambivalent scheint auch das Verhältnis zu Obama zu sein. Dylan hat sich vor der Wahl Obamas im Juni 2008 in einem Interview mit der London Times positiv über Barack Obama geäußert und auch am Wahlabend 2012 bei einem Konzert – ohne allerdings den Namen von Obama zu nennen – seine Zuversicht für dessen Wiederwahl geäußert. Auch Obama ehrte Dylan, und zwar mit der Freiheitsmedaille und Dylan folgte dessen Einladung ins Weiße Haus und spielte in einem Konzert mit Songs der Bürgerrechtsbewegung.

Auch 2009 war in einem Interview die allgemeine Zustimmung von Dylan für Obama zu spüren, er wollte aber nicht in den allgemeinen Obama-Hype miteinstimmen: „Er wird als Präsident sein Bestes geben. Viele der Jungs traten mit den besten Absichten an und gingen als gebrochene Männer. Lyndon Johnson ist ein gutes Beispiel, oder auch Nixon, Clinton oder Truman. Beinahe, als würden sie alle zu hoch fliegen und sich dann verbrennen“, so Dylan.

2012 aber ließ er sich im Rolling Stone von Mikal Gilmore zu keiner eindeutig positiven Aussage zugunsten von Obama drängen. Wobei dieses Interview von Unklarheiten und Ablenkungsmanövern wieder einmal nur so strotzte. Stichwort „Transfiguration“.

Möglicherweise sah Dylan seine Erwartungen von Obama enttäuscht, denn der hat außer der Gesundheitsreform kaum etwas im Land verändert. Sicher, das Klima war insgesamt liberaler geworden. Aber: In der Finanzkrise hatte er den Bock zum Gärtner gemacht, als er sich von der Wall Street beraten ließ. Für viele Leute ist der Name Obama mit dem Verlust des eigenen Hauses verbunden. Er hat weder substantiell am strukturellen Rassismus des Landes etwas verändert, noch hat er die Bekämpfung der neoliberalen Auswüchse in der Gesellschaft in Angriff genommen. Und er hat Drohnenkriege geführt und das US-Militär weiterhin in Auslandseinsätzen gehalten.

Natürlich hat Dylan keine Bezugspunkte zu Trump und Dylan hat auch keine Songs aufgenommen, die Trump für seine Zwecke einsetzen könnte, so wie er das bei Tom Petty, Neil Young oder Bruce Springsteen versucht hat. Dylan straft Trump durch Nichtbeachtung und doch kann man Andeutungen in Richtung Trump durchaus aus „False Prophet“ heraushören. Und damit zu Dylans Werk.

Fundstellen zur Figur des US-Präsidenten in Dylans Werk

Bildrechte: Columbia, Sony Music


Wir haben „I Shall Be Free“ erwähnt und „It’s Alright Ma“. Direkte Bezugnahmen auf konkrete Präsidenten sind bei Dylans eigenen Songs nicht übermäßig viele festzustellen. In Talkin‘ World War III (1963) zitiert und nennt er beispielsweise noch Abraham Lincoln. Interessant sind aus den 1960ern aber zwei Songs. Und beide haben was mit „The Band“ und den „Basement Tapes“ tun. Letztere hat Greil Marcus ja als Songs „von alten, gefährlichen Amerika genannt. Da ist zum einen der Song „Clothes Line Saga“. Darin wird ganz beiläufig in einem Gespräch an der Wäscheleine/übern Gartenzaun erzählt, dass der Vizepräsident durchgedreht sei. Größer kann die Distanz der Sprechenden zum Geschehen und zur politischen Instanz des Vizepräsidenten nicht sein: „Was kümmert’s uns?“ Eine alte Denkfigur aus einem weiten Amerika, in dem die politischen Instanzen des Bundes weit weg sind.

Ganz anders dagegen der Song „Dear Mrs. Roosevelt“ von Woody Guthrie, den Dylan und The Band beim Tribute Konzert für die verstorbene Folk-Legende spielten. Sie spielen den Song auch als Ehrbezeugung für Franklin D. Roosevelt, dessen Präsidentschaft und New Deal-Politik bis heute eine einzigartige Ära in den USA darstellen.

Nachdem der besagte Jimmy Carter nur ein vierjähriges Intermezzo im Weißen Haus gab, prägte sein Nachfolger Ronals Reagan wieder eine Ära. Sie war gekennzeichnet vom Durchgriff der Kapitalinteressen durch eine neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik, massiven Sozialabbau und institutionellen Rassismus, indem Reagan die Schwarzen als vermeintliche Sozialschmarotzer seinem konservativen Klientel zu Fraß vorwarf.

Man kann „Infidels“ von 1984 durchaus als Dylans Auseinandersetzung mit den Veränderungen in den USA verstehen. In „Jokerman“ kann man Textstellen als Einschätzung von Reagans Ideologie sehen: „Book of Leviticus and Deuteronomy, law of the jungle.“ steht für Regans neoliberales evangelikales Weltbild. „rifleman’s stalking the sick and the lame…Nightsticks and water cannons, tear gas, padlocks, Molotov cocktails and rocks“ sind die Mittel, um die Herrschaft des Neoliberalismus gegen die Proteste zu verteidigen. „Jokerman“ ist nach dieser Lesart der Schauspieler Ronald Reagan, der seine Politik gegen die Armen und Beladenen (oftmals Afroamerikaner) rücksichtlos und ohne Empathie durchzieht. Und in „Sweetheart Like You“ singt Dylan “They say that patriotism is the last refuge to which a scoundrel clings/ steal a little and they throw you in jail/ Steal a lot and then they make you king.”

Treffender kann man Reagans Mischung aus Patriotismus und Neoliberalismus nicht beschreiben. Die Sixties und die Seventies sind vorbei. Kein Wunder, dass Bob Dylan in Reagans Jahrzehnt sich seine künstlerische Krise nahm. Der Mainstream wanderte nach rechts und ins Unverbindliche – Elvis war Tod, Dylan in der Krise, da begann der Aufstieg des „King Of Pop“, Michael Jackson, und seinem bombastischen Eskapismus. Gepaart mit körperlichem Drill – perfekte Tanzeinlagen! – und neoliberaler Selbstoptimierung – Michael Jackson will immer weißer werden!- war Jacksons Musik der perfekte Soundtrack für das Reagan-Jahrzehnt, der zudem den Schwarzen noch vormachte, sie gehörten dazu.

Dass die Figur des Präsidenten für Dylan eine besondere Bedeutung hat, zeigt auch die Episode „Presidents Day“ aus seiner Radio Show aus dem Jahre 2008, die am 13. Februar, vier Tage vor diesem amerikanischen Gedenktag ausgestrahlt wurde. Und die Playlist lügt nicht. Seine Präferenzen bezüglich der Präsidenten Roosevelt und Kennedy und die Missachtung für Richard Nixon wird deutlich. Wer dachte damals schon, dass irgendwann ein rassistischer Mega-Schreihals und proto-faschistischer Verfassungsverächter wie Trump an die Macht kommen würde.

Nach Obama kommt Trump
Auf den ersten schwarzen Präsidenten folgte die Rache des konservativen, rassistischen Amerika in der Person von Donald Trump. Zu ihm ist keine Äußerung Dylans belegt, zumal bis zu diesem Frühjahr ja während Trumps Regentschaft kein neuer Dylan-Song erschienen war. Umso elektrisierter reagierte die Dylan-Gemeinde auf die beiden neuen Songs „Murder Most Foul“ und „False Prophet“. Ersterer zeigte ja deutlich auf, welch Qualitätsverlust in der Besetzung des Präsidentenstuhls durch Trump von statten ging. Und wie eng auch Kennedy mit dem amerikanischen Jahrhundert und dessen kulturellen Output verwoben ist. Dagegen ist Trump nur eine zwielichtige Figur ohne jede Tiefe und literarischen Wert. Ihn nennt man nicht beim Namen, ihn redet man so an:

„Hello stranger – Hello and goodbye/ You rule the land but so do I/ You lusty old mule – you got a poisoned brain/ I’m gonna marry you to a ball and chain.“

Und auf der Illustration zu „False Prophet“ ließ sich unschwer ein Schatten als Trump an Frisur und Figur erkennen. Dylan verwebt in „Rough And Rowdy Years“ die Bilanz seines eigenen künstlerischen und menschlichen Strebens mit der Geschichte Amerikas. Und daher gibt es auch noch Referenzen zu Roosevelt und Truman.

Bob Dylan ist – man kann es nicht oft genug sagen – kein tagespolitischer Künstler. Aber er hat universelle Werte und ein Verständnis von amerikanischer Geschichte, von griechischer Klassik und Shakespear’schen Tragödien. Und in diesem Kosmos siedelt er „seine Präsidenten“ an. Da bleibt für Trump nur die Rolle des namenlosen Schuftes, der einen Schatten an die Wand wirft und sonst nichts Gutes hinterlässt.

Bob and Bruce (eh…the other one!)

17. Juli 2020

Nein, hier geht es nicht um die erneute Untersuchung des Verhältnisses von Dylan zu Springsteen. Bruce Hornsby ist der Bruce, um den es heute hier gehen soll. Er veröffentlicht am 14. August seine neuen Longplayer „Non-Secure Connection“, der zahlreiche Kollaborationen mit anderen Künstlern enthält, aber keine mit Dylan.

Gemeinsame Freunde: David Mansfield und „Grateful Dead“
Dabei gibt es doch einige Verknüpfungen und Gemeinsamkeiten der beiden. Doch beginnen wir vorne. Hornsby gründet 1986 seine Band „Bruce Hornsby and The Range“. Und wer ist mit dabei? David Mansfield! Der Geiger und Komponist spielte sowohl mit Bob Dylan auf der Rolling Thunder Tour 1975/76 als auch auf der Welttournee 1978. Später spielte er Steven Soles und T Bone Burnett in der „Alpha Band“ und komponierte Filmmusik und schauspielerte für den Western Heaven’s Gate (Die berühmte Rollschuhszene!). Um sich dann eben sich mit Hornsby zusammenzutun. Allerdings verließ er die Gruppe bereits vor ihrer ersten Tour wieder.

Der größte Hit Hornsbys und heute noch gerne gespielt im Radio ist „The Way It Is“. Hinter der butterweichen, gefälligen Pop-Produktion, die von Hornsbys Klavierspiel geprägt ist, entpuppt sich der Song als ein kritischer Blick auf Armut und Rassismus als Kontinuitäten der amerikanischen Gesellschaft. Auch für andere schreibt er Hits, beispielsweise für Huey Lewis & The News („Jacob’s Ladder“) und 1989 zusammen mit Don Henley (Ex-„Eagles“) „The End Of The Innocence“. Den spielen die beiden Künstlern fortan in ihren Konzerten.

Ab 1990 spielt er für einige Jahre dann auch bei Dylans Freunden von „The Grateful Dead“ mit. Und 1990 schließlich arbeitet er dann direkt mit Dylan zusammen. Da ist Hornsby einer der unzähligen Gastmusiker, die Produzent Don Was für „Under The Red Sky“ anschleppt.

Gastmusiker bei „Under The Red Sky“
In einem Artikel des britischen Musikmagazins „Uncut“ aus dem letzten Jahr beantwortete Hornsby die Leserfrage, wie es denn so war, mit Dylan zu arbeiten: „Bob kam ins Zimmer, er trug einen großen Hoodie mit einer Baseballkappe darunter. Er stellte sich uns vor, dann ging er zu einem Tisch und begann, alle seine Taschen zu leeren und all diese Servietten und Hotelpapiere herauszuholen, die mit Notizen gefüllt waren. Dann kam er zum Klavier und brachte mir dieses großartige Lied mit dem Titel „Born In Time“ bei. Das war ein surrealer Moment für mich, als ich mich daran erinnerte, wie wichtig seine Musik für mich als Kind war. Also haben wir das aufgenommen, dann haben wir eine kleine Pause gemacht und sind zurückgekommen und haben diesen kleinen Ein-Akkord-Jam gestartet. Plötzlich kommt Bob herein, geht zum Tisch, durchsucht die Servietten, nimmt eine und geht zum Mikrofon und beginnt zu singen. Und das wurde ein Song auf der Platte namens „TV Talkin ‚Song“. Sprechen wir über Spontanität!“

„The End Of The Innocence“
Ob die Begegnung oder die gemeinsamen Weggefährten Einfluss auf die Songauswahl von Dylan auf seiner Tour Herbsttour 2002 hatte, ist schwer zu sagen. Da sang er mehrmals „The End Of The Innocence“. Der Song, den Hornsby mit Henley schrieb ist wieder so ein gefälliges Pop-Rock-Stück mit engagiertem, kritischem Text, der allgemein als Aussage gegen Ronald Reagans Außen und Rüstungspolitik angesehen wird, aber natürlich auch als allgemeine Metapher gegen den Wahnsinn des Krieges gesehen werden muss. Und damit im Herbst 2002 erneut aktuell wurde, als George W. Bush den Krieg gegen den Irak vorbereitete.

Etwas weiteres Verbindendes beschreibt Tony Atwood auf der Website „Untold Dylan“ . Die beiden hätten bei die Empathie für die Nöte der kleinen Farmer gemein. Und Hornsby wiederum hat immer mal wieder Dylan-Titel im Gepäck. U.a. auch immer wieder „Girl From The North Country“. Der Song soll ihn der Legende nach beim Schreiben von „The Way It Is“ beeinflusst haben.

Auf jeden Fall ist Bruce Hornsby auch ein Künstler mit dessen Musik die Beschäftigung lohnt. Auch seine Viesleitigkeit ist faszinierend. Denn abseits von Pop und Rock hat er auch großes Faible füer Folk und Bluegrass. U.a. hat er mit der Bluegrass-Legende Ricky Skaggs eine Platte zusammen eingespielt.

Die Besprechung von Hornsbys neuem Album ist dann demnächst auf http://www.country.de zu lesen.

Bruce Hornsby: The Way It Is

Bob Dylan live: The End Of The Innocence“

Die Muse Amerika

10. Juli 2020

Und noch mehr Notizen zu Rough And Rowdy Ways“: Dylan singt in „Mother Of Muses“ auch über sein Land

General William T. Sherman, Foto: Wikimedia Commons

Der Song klingt erst wie eine alte Folk-Ballade aus dem US-Bürgerkrieg, dann noch älter. Als würde Homer sein Lied singen und die Laute anschlagen. Denn Dylan ruft die alten griechischen Musen an: Mnemosyne und Calliope.

Wie ein uraltes Lied
Doch die dritte Strophe führt aus der Antike mitten in das 19. und 20. Jahrhundert, als die Grundlagen des amerikanischen Jahrhunderts gelegt wurden:

Sing of Sherman, Montgomery and Scott
And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved the path for Martin Luther King
Who did what they did and they went on their way
Man, I could tell their stories all day

Sherman ist natürlich der legendäre General aus dem US-Bürgerkrieg, Montgomery ein amerikanischer General des Unabhängigkeitskrieges und Winfield Scott war ein US-General, der die US-Armee im 19. Jahrhundert bis in den Bürgerkrieg hinein prägte. Zhukov war der oberste russische Militär im 2. Weltkrieg und Patton ein legendärer amerikanischer Haudegen in diesem Krieg.

Die ersten drei stehen für die Entwicklung und Ausdehnung der USA mittels teilweise grausamer Kämpfe gegen die Briten, die Indianer, die Mexikaner und die US-Südstaaten. Die letzten beiden für den Sieg über den Faschismus und die Befreiung Europas.

Dylan sang über den Aufstieg des Landes…
Bei aller Fragwürdigkeit mancher Feld- oder Charakterzüge dieser Männer sieht Dylan diese Siege als Voraussetzung des amerikanischen Jahrhunderts an. Diese Kämpfe sind die Voraussetzung für den Sieg Amerikas und Russlands über den Faschismus, für Elvis und eine globale Rock- und Jugendkultur und für Martin Luther King und dem Glücksversprechen, Rassismus und Ungleichheit zu beenden.

Dylan weiß um die Widersprüche im Kampf für die Freiheit. Er weiß um die Widersprüche seines Landes. Er hat in frühen Jahren mit „With God On Our Side“ schon einmal den Aufstieg der Vereinigten Staaten besungen. Hat ihre Kriege aufgezählt. Er weiß, dass Amerika eine einzigartige Populärkultur hervorgebracht hat, aber auch Gewalt, Indianerkriege und Rassismus. Dies beschäftigt ihn seinem Alter in diesen Zeiten um so stärker.

Elvis Presley, Foto: Wikimedia Commons

Dylan bringt exemplarisch ja auch mit „Murder Most Foul“ die zwei Seiten Amerikas poetisch zum Klingen. Und nicht von ungefähr spricht Dylan im die Veröffentlichung des Albums begleitenden Interview über das Sand-Creek-Massaker an den Cheyenne und Arapahos im Jahr 1864 und über den Tod George Floyds dieser Tage. Dylan hat die schwarzen Märtyrer Emmett Till und George Jackson besungen und hat vor wenigen Jahren erst gesagt, man müsse nur die Namen austauschen, diese Songs hätten noch immer ihre Gültigkeit.

…nun singt er über den Niedergang
Dylan singt auf diesem Album den Schwanengesang auf Amerikas vermeintliche Größe, er singt im fortgeschrittenen Alter über den Niedergang Amerikas. Er kassiert den amerikanischen Traum ein, weil der schon immer auch den Albtraum inkludiert hatte. Dylan argumentiert dialektisch. Und wie bei Dylan üblich liefert er auch hier nur die Analyse. Denn den Reim darauf, also den Weg um diese Widersprüche zu überwinden, den müssen wir selbst finden.

Das Lied zu Shermans „March Through Georgia“:

Und Elvis‘ erster Hit:

Bob Dylan, Freud und Marx

6. Juli 2020

Zwei große Denker in der Hölle: Weitere Notizen zu Rough And Rowdy Ways.

Sigmund Freud, copyright: wikimedia commons

Ja, da musste ich schon schlucken, als ich bei „My Own Version Of You“ hören musste, dass mein Singer-Songwriter-Hero dort kurzerhand zwei meiner wichtigsten Einflüsse zum Verständnis von Mensch und Gesellschaft kurzerhand in die Hölle verfrachtet und auspeitschen lässt:

„Step right into the burning hell/ Where some of the best known enemies of mankind dwell/ Mister Freud with his dreams and Mister Marx with his axe/ See the raw hide lash rip the skin off their backs“

Da kam auch manch anderem Zeitgenossen wieder die gesellschaftspolitisch dunklen Gospel-Jahre in den Sinn. Immer noch so hart drauf? Davon sollten wir nicht ausgehen, sei allen „Right Wing-Bob“-Jüngern ins Stammbuch geschrieben. Denn im Gegensatz zur Ur-Version von „Gonna Change My Way Of Thinking“ mit seinem Bashing von Karl Marx und Henry Kissinger handelt es sich hier nicht um ein persönliches Manifest, sondern um eine Art dunklen Novelty Song. In dem Song stecken ja einige humorvolle Bilder – „I’ll take Scarface Pacino and the Godfather Brando/ Mix ‘em up in a tank and get a robot commando“! – also kann man auch hier davon ausgehen, dass das zumindest augenzwinkernd ironisch gemeint ist. Einfach zu dick aufgetragen, um wahr zu sein.

Vielleicht hebt Dylan hier aber auch nur auf eine allgemeine Sichtweise der beiden Intellektuellen ab. Denn von den Herrschenden sind sie ja tatsächlich immer als zu kritische Geister angesehen worden, die die Ordnung gefährden. Jeder wird hier mit seinem Werkzeug eingeführt, mit denen sie angetreten sind, das menschliche Zusammenleben und die Welt zu verändern. Freud mit der Traumdeutung, um dem Individuum ein Instrument zur Selbsterfahrung zu geben, Marx mit der Axt, um die gesellschaftlichen Ketten in denen das Proletariat liegt, zu zerschlagen.

Karl Marx, copyright: wikimedia commons

Auch sollte man das lyrische Ich nie mit dem Sänger Bob Dylan verwechseln. Warum sollte ein Dr. Frankenstein, der Menschen am Reißbrett entwirft und im Labor erschafft, denn eigentlich ein Interesse an einem individuell und gesellschaftlich befreiten Individuum haben? Der Mann, der den Golem erschafft, ist ein autokratischer, selbstverliebter Herrscher und muss deswegen Freud und Marx zu Feinden der Menschheit erklären.

Einige Dylan-Foristen haben zudem auf das Mitleid mit den Unterdrückten verwiesen, das hier anstatt der Verdammung ausgelöst würde. Finde ich auch, wer so dick aufträgt, weiß um die Wirkung. Hier wird keiner verdammt, hier wird absurdes Theater gespielt.

Und das den ganzen Song über auf hohem Niveau und mit hohem Unterhaltungswert. „My Own Version Of You“ – einer meiner unbestrittenen Favoriten auf dem Album!

Einer von vielen Song über Freud:

Und auch Karl Marx war ein talentierter Songwriter:

„Goodbye Jimmy Reed“

3. Juli 2020

Interpretationsansätze zu einem der ungewöhnlichsten und interessantesten Songs von Bob Dylans Meisterwerk „Rough And Rowdy Ways“

Im Netz ist unter Dylan-Afficionados ein kleiner Intertextualitäts-Wettbewerb ausgebrochen. Jeder kennt noch eine Zeile, einen Vers, den der Meister sich aus anderen Werkzusammenhängen entliehen hat. Natürlich habe ich früh bemerkt, dass die Eingangszeilen aus „Key West“ aus Charlie Pooles „White House Blues“ stammen. Und dass die letzte Zeile aus „Black Rider“ – „you’ve been on the job too long“ – ihr Vorbild in der Schlusszeile der traditionellen Mörderballade „Duncan And Brady“ hat: „you been on the job too long“, die in dem alten Song als „he been on the job too long“ als eine Art Refrain immer wiederkehrt. Dylan hat den Song Anfang der 2000er immer wieder live im Programm gehabt.

Doch da diese Zeilensucherei meiner Meinung nach außer dem Nachweis von Dylans enormem musikalischem Wissen, und dem Eifer und der Freude der Fans am Finden, wenig Erkenntniswert hat, und somit reiner Sport wird, habe ich kein Bestreben mich hier offensiv zu beteiligen. Mich treibt eher eine zielgerichtete Suche an. Wenn meine These, die ich über einige Artikel an dieser Stelle zuletzt ausgebreitet habe, stimmt, und Bob Dylan sich wie kaum ein anderer weißer amerikanischer Künstler in besonderer Weise den afroamerikanischen Beiträgen zur US-Kultur verbunden fühlt, dann müsste dies auch auf diesem Album zu finden sein.

Dylans Verbundenheit mit der afroamerikanischen Kultur
Natürlich schauen wir da zuerst auf „Goodbye Jimmy Reed“. Das ist offensichtlich, denn der Künstler war ein Vertreter des Chicago-Blues. Doch was steckt in diesem Song – der allgemein als Tribute für Reed angesehen wird – wirklich drin?

Die ersten beiden Strophen haben deutliche religiöse Bezüge. Und Dylan zeigt sich hier wie auch anderen Stellen des Albums durchaus multireligiös. Während er in „Key West“ „limbo spirituals and hindu rituals“ erwähnt, sind hier Juden, Katholiken, Moslems und Protestanten vertreten. Und Jimmy Reed soll ihm die „Old Time Religion“ geben. Das ist der Name eines Spirituals, der zum ersten Mal 1872 als Titel der afroamerikanischen Gesangsgruppe „The Fisk Jubilee Singers“ publiziert wurde. 1891 erwarb der weiße Liedersammler Charles Davis Tillman die Rechte am Song und popularisierte ihn wie andere schwarze Gospels unter den weißen Südstaatlern, so dass die frommen Südstaatler – ob schwarz oder weiß – im Jim Crow-Land der Rassentrennung die gleichen religiösen Lieder sangen. Und damit eigentlich die ganze menschenverachtende Rassentrennung völlig absurd machte und für fromme Geister eigentlich auch „gotteslästerlich“ gewesen sein müsste.

Die ganze zweite Strophe über soll Jimmy Reed dann die frohe Botschaft verkünden. Interessante Vorstellung für einen Bluessänger. Diese waren ja bei frommen Schwarzen nicht unumstritten, denn ihre weltlichen und lebensbejahenden Songs über Liebe, Leben, Genuss, Leiden, Suff und Tod waren denen zu weit weg von Gottes Wort und zu nah an alten afrikanischen Traditionen.

Religiösität und Rassismus
Dann folgt der Perspektivwechsel. Der Sänger singt nun von sich. Dass man auf ihn nicht viel gegeben habe, da er nicht sehr kunstfertig an der Gitarre gewesen sei. Auch nie gereizt oder stolz gehandelt hätte oder gar seine Schuhe ins Publikum geworfen hätte. Jimmy Reed könne sich eine Juwele an die Krone stecken, er lösche das Licht. Was ist das? Ist das eine Selbsteinschätzung Dylans oder eine fiktives Ich, das neben dem großen Jimmy Reed sich ganz klein fühlt?

In der vierten Strophe erzählt der Sänger wie schlecht – mit rassistischer Gewalt? – er behandelt wird. Und hätte nichts, womit er kämpfen könne, außer einem Fleischerhaken. Wieder ein interessantes Bild. Denn wie so viele Schwarze in der Zeit der „Great Migration“ verließ Jimmy Reed seine Heimat in Mississippi in den 1940er Jahren, um im Norden Arbeit und Freiheit zu finden. Was er vorerst bekam, war ein Job im Schlachthof. Der Sänger aber wird schlecht behandelt und kann kein Lied singen, dass er nicht versteht und er kann auch die Platte (von Jimmy Reed?) nicht spielen, weil die Nadel steckengeblieben ist.

Die fünfte Strophe ist dann eine des verzweifelten Begehrens. Scheinbar steht er auf die Gefährtin von Jimmy und drückt das auch durchaus witzig aus – Transparent woman in a transparent dress, Suits you well, I must confess – dann aber scheint er die Frau wirklich sexuell zu begehren – I break open your grapes, I suck out the juice – um dann ein böses Bild des Verlangens, einer „Amour fou“ zu malen: „I need you like my head needs a noose“. Mit der besonderen Konnotation, dass die Schlinge bis in die 1960er Jahre für viele Schwarze im Süden eine reale Gefahr war.

In der letzten Strophe schließlich scheint der Sänger Jimmy Reed zu fragen, was er hier mache und der antwortet ihm, er wolle nur mal nachsehen wo der Herr denn in diesem verlorenen Land liege. Beendet wird der Song mit der Anrufung Jimmy Reeds „Can’t you hear me calling from down in Virginia?“ „Down In Virginia“ ist ein Titel Jimmy Reeds, den Dylan hier für seine Frage nutzt.

Doppelbödig und vertrackt
Die große Frage des Songs aber ist: Wer singt hier über Jimmy Reed und was erlebt er konkret? In meiner ersten Bewertung des Songs habe ich eine Geschichte aus der Great Migration heraus gelesen. Da singt einer unten aus Virginia, der dort nicht losgekommen ist und keine Karriere in Chicago gemacht hat. Der immer noch den alten Country Blues spielt – ohne Mätzchen und Verstärkung. Der immer noch zwischen Blues und Gospel gespalten ist. Der Rassismus und Gewalt aushalten muss. Der davon träumt, Jimmy Reeds Leben zu führen, inklusive dessen Freundin zu begehren. Das Ende ist das Flehen eines Verlorenen. Ich finde das durchaus eine haltbare Interpretation des Songs.

Es gibt aber auch die Deutung, dass der Sänger Dylan selber ist, der ganz bescheiden auf sein Vorbild – Reed hatte auch immer seine Mundharmonika im Gestell um den Hals – schaut. Ihn erhöht und sich selbst relativiert. Wobei das auch durchaus ironische Anteile haben könnte, denn gerade Dylan reagierte auch schon mal gereizt auf sein Publikum, ist immer noch gerne als arrogant verschrien, auch wenn das ein völlige Nicht-Verstehen der Kunstfigur Bob Dylan darstellt. Und gerade im letzten Jahr hat er zwar keine Schuhe geschmissen, aber in Wien seinem Publikum eine klare Ansage gemacht, dass er keine Fotos im Konzert wünscht.

Wie so oft bei Dylan ist der Text doppelbödig und vertrackt. Aber öffnet dadurch viele mögliche Bedeutungsebenen. Dylan mag die Ambivalenz, er mischt auch hier wieder die Perspektiven. Vielleicht will er in diesem Song auch in einem armen Schwarzen im Süden aufgehen, leiht sich dessen Person, dessen Charakter aus? Diebstahl aus Liebe auch hier wieder. Dylan kennt die Geschichte von Sklaverei und Rassismus und er kennt auch die politische und kulturelle Geschichte seines Landes zu genau, als wüsste er nicht, wie seine Bilder, seine Zitate, seine kulturellen Einsprengsel wirken.

Wie auch bei Blind Willie McTell dient bei „Goodbye Jimmy Reed“ die vermeintliche Hommage an einen afroamerikanischen Musiker letztendlich dazu, amerikanische Themen wie Religiösität, Armut, Rassismus und Populärmusik in ihrer komplexen Verschränktheit zu verhandeln.

„Goodbye Jimmy Reed“ ist meiner Meinung alles andere als ein Nebenwerk, sondern einer der interessantesten Songs eines Albums – es gibt im Übrigen keine Nullnummer und keinen Füller darauf – das vor allem ein Blick Dylans auf die eigene und auf die amerikanische Geschichte ist. Und es ist einfach ein super Song und klasse Musik!

Love Out Loud – Best of SONiA disappear fear

25. Juni 2020

Die amerikanische Singer-Songwriterin legt hörenswerten Rückblick auf 30 Jahre Musikkarriere vor

Ich erwische Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear am Telefon in North Carolina. „Ich bin da bei meiner Familie für eine Woche“, sagt sie. „Danach geht es wieder nach Baltimore.“ Und damit wieder zurück in einer der vielen US-Metropolen, die momentan gekennzeichnet sind von Massendemonstrationen und Aktionen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Karriere-Retrospektive in aufwühlenden Zeiten
SONiA, die ihre gesamte Karriere über eingetreten ist für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung aufgrund von sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft oder religiöser Überzeugung fühlt sich natürlich als Teil der Bewegung: „Armut, Rassismus, Corona – das Land ist voller Unsicherheit, Trump spaltet nur und im Land steigt der Zorn.“ Sie hofft natürlich darauf, dass Trump im November abgewählt wird.

Inmitten dieser aufwühlenden Zeiten hat sie nun mit „Love Out Loud“ eine Karriere-Retrospektive veröffentlicht. Zwar ist auf ihrer Website „SONiA’s most loved LGBT Songs“ zu lesen, aber im Gespräch versichert sie, dass die Bedeutung ihrer Musik natürlich viel universeller ist: „Ich trete mit meiner Musik ganz allgemein gegen Ausgrenzung und ‚Othering“ ein.“

Und wie gut sie das über Jahrzehnte schon tut, zeigt dieses Album wieder einmal mehr. Zwölf Songs sollen 30 Jahre dokumentieren? „Es war wirklich schwierig, die Songs auszuwählen, die drauf kommen, aber war einfach eine pragmatische Entscheidung dieses kompakte Format zu wählen. Ganz bestimmt werde ich auch irgendwann „Love Out Louder“ veröffentlichen“, kündigt sie lachend bereits ein Volume 2 an.

Songs gegen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus
„Die Auswahlkriterien waren“, so sagt sie, „bestimmt durch die politische Verbindung der Songs mit den Themen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.“ Als einen zentralen Song des Albums nennt sie hierzu „Who’s So Scared“, der auf einem Poem des schwulen afroamerikanischen Dichters Countee Cullen fußt und der genau diese drei Themen in sich vereinigt.

Aber natürlich sind die Songs, die sie ausgewählt hat, auch verbunden mit ihrer eigenen Entwicklung als lesbische Frau und politischer Mensch. Ob „Fix My Life“ über die Entwicklung ihrer sexuellen Identität oder „Gangsters Of Love“: „Man muss verstehen, dass, als ich „Gangsters Of Love“ geschrieben habe, gleichgeschlechtliche Ehen noch verboten waren“, erinnert sie daran, dass unterschiedliche sexuelle Orientierungen noch gar nicht all zulange gesellschaftlich und juristisch akzeptiert sind und dies immer wieder neu verteidigt werden muss.

Fröhlich und zart, optimistisch und kämpferisch
Das besondere an SONiA Disappear Fear wird auf dieser Kompilation wieder in wunderbarer Weise deutlich. Wie kaum jemand anders versteht sie, diese ernsten Anliegen in zarte, optimistische und fröhliche Worte und Musik zu kleiden. „Love Out Loud“ ist daher nicht nur eine kämpferische Platte, sondern auch ein Album, dass Laune macht und dadurch Kraft gibt. Und daher auch genau richtig für diese Zeiten ist.

Denn als Mensch ist Sonia Rutstein – und das macht sie so sympathisch – eine schier hoffnungslose Optimistin, die man fast nur frohgelaunt erlebt. Auch wenn die Corona-Zeiten mit den Konzertausfällen sie finanziell und mental beeinträchtigen. Insbesondere die notgedrungene Absage ihrer liebgewonnen jährlichen ausführlichen Deutschland-Tour bedauert sie sehr, denn sie hat hierzulande über die Jahre viele Fans und Freunde gewonnen: „Ich vermisse Deutschland. Ich möchte, sobald es wieder möglich ist, so schnell wie es geht auch wiederkommen“, bekräftigt sie das besondere Verhältnis zu ihrem deutschen Publikum.

Viele Aktivitäten ins Netz verlegt
Bis das wieder möglich ist, kann man sich dieses Album besorgen und regelmäßig ins Netz schauen: „Ich habe ja meine Deutschland-Tour damals ins Netz verlegt und an jedem Konzerttermin ein Online-Konzert gegeben. Nun gebe ich jeden Dienstag unter den Titel „Terrific Tuesdays“ ein Online-Konzert, bei denen ich viele gute alte Songs wie ‚Corrina, Corrina‘ spiele.“ Zudem veröffentlicht sie unter dem Titel „Fideo Friday“ jeden Freitag ein Video auf youtube-Kanal. Wer sie dabei unterstützen möchte, hier Einnahmen zu generieren, der kann den Kanal abonnieren. Ehrensache, oder?

Und bis die ersten Auftritte vor Publikum möglich sind, übt sie auch fleißig Gitarre und schreibt an einem Buch und an einem Musical gleichzeitig. Die Frau ist einfach nicht zu bremsen- und schon gar nicht von Corona!

Love Out Loud – Trackliste:
1. Fix My Life
2. Who’s So Scared
3. Me, Too
4. Ride This Ride
5. Be The One
6. Gangsters Of Love
7. Michelangelo
8. Priceless
9. Fallin
10. Grass For The Lamb
11. Who I Am
12. Love Out Loud

Infos und Links:
Website:

https://soniadisappearfear.com
Youtube-Kanal:
https://www.youtube.com/channel/UC63FZOoQdbZ6MffqW_dYuVQ
Facebook:
https://www.facebook.com/disappear.fear/

Bob Dylans amerikanische Geschichtsschreibung

22. Juni 2020

New York Public Library, Copyright: Wikimedia Commons.

Notizen zu „Rough And Rowdy Ways“: Das neue Album nimmt auch Amerikas raue und rauflustige Wege in den Fokus.

Ich habe immer wieder betont, dass in Bob Dylans Werk auch nach Ende seiner „Protest-Phase“ keineswegs gesellschaftliche Entwicklungen ausgeblendet werden. Er hat im Laufe der Karriere immer wieder treffende Bilder und Beschreibungen für gesellschaftliche Zustände gefunden. „Von All Along The Watchtower“ über „Hurricane“ bis hin zu „Workingman’s Blues #2“. Er sieht aber seine Aufgabe als Künstler darin, gesellschaftliche Entwicklungen in Worte, Bilder und Songs aufzugreifen und nicht darin, als politischer Aktivist für eine Sache einzutreten. Musik kann nicht die Welt verändern, aber den Menschen auf die Sprünge helfen, es zu tun. Auch in diesem Sinne hat Dylan gleich mehrere Generationen beeinflusst.

Dylan schreibt amerikanische Geschichte
Seit der junge Bob Dylan in der New York Public Library gierig nach Erkenntnissen die Zeitungen aus der Epoche des amerikanischen Bürgerkrieges geradezu verschlungen hat, lässt er uns an seiner Art der amerikanischen Geschichtsschreibung teilhaben. „With God On Our Side“ hat die Kriege im Blick, die Amerika zur Weltmacht haben aufsteigen lassen. Von den Indianer-Feldzügen bis zum Kalten Krieg. In „Only A Pawn In Their Game“ klärt er über die Mechanismen des sich immer weiter vererbenden Rassismus in den Südstaaten auf. Und in „Blind Willie McTell“ malt er ein großformatiges Bild des Südens mit Plantagen und Galanterie, Rassismus und Religion. Vom Zeltgottesdienst über die Minstrel Show bis zu Bootlegin‘ Whiskey und Blind Willie McTells Blues.

Wenn nun Dylans neues Werk „Rough And Rowdy Ways“ betitelt ist, so mag das zwar vordergründig ein Selbstbild des Künstlers oder seinem „lyrischen Ich“ sein, es ist aber mindestens genauso auf den Aufstieg und den Niedergang Amerikas gemünzt. Einem Amerika, dessen Geburtsfehler, Lebenslügen, dessen Widersprüche und Aberwitzigkeiten nun angezündet von der Lunte eines diabolisch-dummen Neros im Weißen Haus, das Land ex- und implodieren lassen. Einem kindischen Nero, der das amerikanisch-raue, laute und rauflustige geradezu idealtypisch verkörpert.

Dylans musikalische Geschichtsstunden beschränken sich auf diesem Album nicht auf das offensichtliche „Murder Most Foul“, in dem Dylan den Beginn der Abwärtsspirale auf den 22. November 1963, den Tag der Ermordung John F. Kennedys, datiert. Dylan hatte sich nur wenige Monate nach dem Attentat vor Ort in Dallas umgesehen und teilt seitdem die Meinung vieler in den USA, dass dieses Attentat nie wirklich vollständig aufgeklärt wurde. Auch in anderen Songs äußert sich Dylan zum Weg Amerikas.

Dialektik von Aufklärung und Befreiung
In „Mother Of Muses“ singt Dylan: „Sing of Sherman, Montgomery and Scott/ And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought/ Who cleared the path for Presley to sing/ Who carved the path for Martin Luther King/ Who did what they did and they went on their way/ Man, I could tell their stories all day.“ Damit treibt er die Widersprüche und die Dialektik von Aufklärung und Befreiung auf die Spitze. Denn Shermans grausamer, vernichtender Feldzug durch Georgia brach die Kriegsmoral der Menschen im Süden. Eine Moral, einen Krieg weiterzuführen, in dem der Süden für sein Recht kämpfte, weiterhin Menschen zu versklaven. Und Patton, der im 2. Weltkrieg mit der US-Army Europa vom Faschismus befreite, war durchaus ein fragwürdiger Charakter. Doch beide bereiteten den Boden dafür, dass der weiße Presley die Musik der Schwarzen sang, die eine Nachkriegsjugend global adaptierte, als auch dass Martin Luther King die Bürgerrechte der Schwarzen einfordern konnte und Hoffnung auf politische Veränderung im Sinne der Menschen aufkeimte.

Song aus der „Great Migration“
„Goodbye Jimmy Reed“ wiederum ist durchaus auch als eine Geschichte über eine typische afroamerikanische Biographie aus der Zeit der „Great Migration“ zu verstehen. Reed wurde 1925 in Mississippi im tiefsten Süden geboren und ging wie viele Afroamerikaner seiner Zeit 1943 nach Chicago, arbeitete erst bei der Marine, dann im Schlachthof und kam dort in Kontakt mit Leuten aus der Bluesszene und würde selbst einer ihrer Stars. Dieser Jimmy Reed wird hier besungen von einem Afroamerikaner, der es nicht geschafft hat. Der mit dem Rassismus und der Gewalt in Virginia kämpft – „They threw everything at me, everything in the book/ I had nothing to fight with but a butcher’s hook/ They had no pity, they never lent a hand/ I can’t sing a song that I don’t understand“ – und über sein Idol ins Schwelgen gerät.

Böse Prediger
Auch „False Prophet“ ist nicht nur irgendwo zwischen Selbstporträt, Weltgeist und Teufel angesiedelt. Der „False Prophet“ steht auch für die in den USA wohlbekannte Figur des gefährlichen Predigers, des zur Gewalt anstiftenden Anführers. Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“, Andy Griffith in „A Face In The Crowd“ oder William Shatner in „Weißer Terror“ haben ihm Gesichter gegeben. Dylan hat ihn in Songs wie „Man Of Peace“ oder „Man In The Long Black Coat“ verewigt. Diesmal scheint der amtierende Präsident als falscher Prophet benannt zu werden: „Hello stranger, hello and goodbye/ You rule the land but so do I/ You lusty old mule, you got a poisoned brain/ I’ll marry you to a ball and chain.“ Dass der Schatten des gehängten Mannes auf dem Cover von „False Prophet“ dem Orangefarbenen ähnelt, scheint ein weiterer Beleg dafür zu sein.

Dylans Sehnsuchtsort

Copyright: Wikimedia Commons.


„Key West“ in Florida dagegen ist Dylans Sehnsuchtsort des anderen Amerika. Hier haben die Beatniks Ginsberg, Corso und Kerouac gelebt, hier verbrachten Tennessee Williams, Louis Armstrong oder Ernest Hemingway Teile ihres Lebens. Wenn er das Bild „I was born on the wrong side of the railroad track“ benutzt, dann identifiziert er sich auch hier wieder mit der afroamerikanischen Community, deren Platz stets am Rande der Orte, in den windschiefen Hütten hinter den Eisenbahnschienen war. Hier in Key West haben sie alle ihren Platz. Alle Menschen, alle Ethnien können nach ihrer Fasson im liberalen und optimistischen Klima zu sich selbst finden, nachdem sie am restlichen Amerika den Verstand verloren haben.

Dylans Erzählung vom amerikanischen Sehnsuchtsort beginnt mit der Ermordung Williams McKinleys, dem US-Präsidenten, der die Nation in den imperialistischen spanisch-amerikanischen Krieg 1898 geführt hatte und 1901 an den Folgen eines anarchistisch motivierten Attentats starb. Schon der Old Time Musiker Charlie Poole hatte McKinley im „White House Blues“ besungen. In Key West zog sich während des spanisch-amerikanischen Krieges die US-Flotte zusammen. Dylan lässt hier McKinley nochmals sterben, um Key West die Unschuld zurück zu geben, die es braucht, um zum Sehnsuchtsort des anderen Amerikas zu sein. Ein Ort, der sogar sein „Little White House“ besitzt, den Wintersitz des US-Präsidenten Harry S. Truman. Und Dylan setzt auch wieder ein Zeichen für religiöse Toleranz. Singt er in „Goodbye, Jimmie Reed“: I live on a street named after a saint/ Women in the churches wear powder and paint/ Where the Jews and the Catholics and the Muslims all pray/ I can tell a party from a mile away“ – nebenbei auch ein Wink wie nah der Juke Joint an der Kirche liegt – so heißt es hier „I play gumbo limbo spirituals/ I know all the Hindu rituals/ People tell me that I’m truly blessed.“ Auch in religiöser Hinsicht stimmt die Selbsteinschätzung „I Contain Multitudes“.

Und so sind die letzten Zeilen des letzten Songs der ersten CD denn auch die Anti-These zu so vielem, was vorher auf dieser Platte von Dylan beklagt und besungen wurde. Wenn die Welt ein besserer Ort werden möchte, dann sollte sie sich ein Beispiel an Key West nehmen: „Key West is paradise divine/Key West is fine and fair/ If you lost your mind, you’ll find it there/ Key West is on the horizon line.“

Uncle Nearest

8. Juni 2020

Was Leslie Riddle für die Carter Family und Rufus Paine für Hank Willams waren, das war Nathan „Nearest“ Green für den Whiskey-Mogul Jack Daniel. Der Erfolg von Jack Daniel’s gründete auf dem Wissen und der Hilfe eines Afroamerikaners.

Copyright: Uncle Nearest Premium Whiskey

Ich mag das zwar eigentlich nicht, aber hier passt es so gut: Ich gehe davon aus, dass Leute, die gerne Countrymusik hören, zu einem großen Teil auch gerne mal einen amerikanischen Whiskey trinken. Und wie heißt die meistverkaufte amerikanische Whiskeymarke weltweit? Richtig, Jack Daniel’s! Da ich an dieser Stelle gerne mal zu Themen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft schreibe, musste dieser Eintrag zur Trink-Kultur einfach sein. Denn Countrymusik und Jack Daniel’s haben noch mehr gemeinsam als gedacht.

Die Geschichte der Countrymusik ist auch eine Geschichte des Rassismus
Der Rolling Stone hat es gerade wieder aufgegriffen: Die Geschichte der Countrymusik hat auch eine starke rassistische Komponente: https://www.rollingstone.com/music/music-country/country-music-racist-history-1010052/ . Bis heute soll die Countrymusik als rein weißes Musikgenre gesehen werden. Ihre afroamerikanischen Wurzeln jedoch werden systematisch ausgeblendet. Dabei gäbe es ohne das ursprünglich afrikanische Banjo, ohne die schwarzen Stringbands und ohne Blues keine moderne Countrymusik. Und viele Country-Stars hatten schwarze Helfer, Lehrer und Mentoren, ohne die ihr Erfolg kaum vorstellbar wäre. Ohne Leslie Riddle keine Carter Family, ohne Rufus Payne kein Hank Williams und ohne Arnold Shultz kein Bill Monroe. Doch die werden gerne vergessen. Und der einzige Künstler in der Grand Ole Opry , DeFord Bailey, wurde rausgemobbt.

Die Afroamerikaner hören und spielen seit jeher gerne Countrymusik. Doch mit Charley Pride und Darius Rucker gibt es gerade mal zwei Afroamerikaner, die Mitglied der Grand Ole Opry sind. Und Kollege Franz-Karl Opitz erinnerte gerade wieder auf country.de daran, dass Mickey Guyton die einzige schwarze Countrysängern ist, die zurzeit bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag steht. Und wenn Lil Nas X einen musikalischen Hybriden, der auf einem klaren Country-Riff fußt und mit Hip Hop-Tönen gemischt ist, zum Mega-Hit macht, dann überschlägt sich das Countrybusiness förmlich darin, zu sagen, das sei kein Countrysong und schiebt ihn in die Pop-Charts.

Doch die Zeiten ändern sich. So wie heute weiße und schwarze Menschen gemeinsam gegen Rassismus aufstehen, so haben sich nicht nur Mickey Guyton und Darius Rucker zum Tod von George Floyd und gegen Rassismus geäußert, sondern auch eine Reihe von Country-Künstlern. Und Charley Pride, Rhiannon Giddens, Darius Rucker, Mickey Guyton, Yola, Lil Nas X, Dom Flemons, Blanco Brown, Swamp Dogg – sie alle zeigen: Die Countrymusik gehört schwarzen und weißen Menschen gemeinsam!

Der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskey-Kultur
Doch wer weiß eigentlich, dass der Begründer und Namensgeber des Whiskey-Imperiums aus Lynchburg, Tennessee auch einen schwarzen Lehrer hatte? Erst 2016, im 150. Jahr des Bestehens, gab die Firma zu: Nicht der Whiskeyhändler und -Brenner Dan Call hatte Jack Daniel das Whiskeybrennen beigebracht, ihm die spezielle Brenntechnik gelehrt, sondern sein Sklave Nathan „Nearest“ Green. Und als Daniel dann 1866 seine Whiskey-Distillery eröffnete, waren auch Nearest als Blendmaster und zwei seiner Söhne als Mitarbeiter dabei. Doch mit der Zeit und insbesondere unter den Jim Crow-Gesetzen wurde auch dieser afroamerikanische Beitrag zur US-Kultur verleugnet. Nichts erinnerte noch vor zehn Jahren in der Distillery in Lynchburg an Nearest Green. Erst seit der Offenbarung – sei es aus ernster Überzeugung oder als Marketingmittel, um die Millenials, die heute mit den Schwarzen zusammen gegen Rassismus auf die Straße gehen, nicht als Käufer zu verlieren – wird Green in Führungen, auf dem Gelände und in Firmenpublikationen erwähnt. Und trotzdem wirkt die Firma Jack Daniel’s Tennessee Whiskey nicht so richtig glücklich damit.

Vielleicht hätte man noch offensiver vorgehen sollen und eine Spezialabfüllung oder Eigenmarke nach Nearest Green benennen sollen. Doch soweit wollte man die Marke Jack Daniel’s und dessen Image als Meister des Tennessee Whiskey wohl nicht „verwässern“. Da ging die afroamerikanische Schriftstellerin Fawn Weaver 2017 viel entschlossener zu Werke. Nachdem sie im Vorjahr von Nearest Green in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, wollte sie dessen Verwandte für ein Buchprojekt interviewen. Doch je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde ihr: Das Vermächtnis des profunden Whiskeybrenners Nearest Green und der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskeytradition konnte nur durch die Kreierung einer gleichnamigen Whiskeymarke erfolgen. Jack Daniel und Jim Beam, aber vor allem die Sklavenhalter Elijah Craig und Henry McKenna bekamen nun durch „Uncle Nearest Premium Whiskey“ Konkurrenz. Mit Hilfe der Green-Familie und von Investoren launchte sie den neuen Brand und der entwickelte sich auch prompt in den wenigen Jahren seines Bestehens zu dem Whiskey mit dem am steilsten steigenden Marktanteil, der noch dazu immer wieder hochdekoriert wird. Ein Erfolg auch der Blendmasterin Victoria Eady Butler, die die Ur-Ur-Enkelin von Nearest Green ist. September letzten Jahres wurde in Shelbyville, Tennessee ,die „Nearest Green Distillery“ auf dem Gelände einer früheren Pferdefarm eröffnet. Und auch in anderer Weise fühlt sich Fawn Weaver der Familie Green verbunden: Die „Nearest Green Foundation“ bezahlt jedem direkten Verwandten von Nearest Green eine College-Ausbildung.

Und es gibt auch eine Verbindung von Fawn Weaver zur Musik: Sie ist die Tochter des Motown-Songwriters und Produzenten Frank Wilson!

Mehr zu Fawn Weaver und „Uncle Nearest Premium Whiskey“ gibt es hier zu lesen:

Fawn Weaver: The Whiskey Benefactor

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Und ein Fernsehbericht: