„Goodbye Jimmy Reed“

3. Juli 2020

Interpretationsansätze zu einem der ungewöhnlichsten und interessantesten Songs von Bob Dylans Meisterwerk „Rough And Rowdy Ways“

Im Netz ist unter Dylan-Afficionados ein kleiner Intertextualitäts-Wettbewerb ausgebrochen. Jeder kennt noch eine Zeile, einen Vers, den der Meister sich aus anderen Werkzusammenhängen entliehen hat. Natürlich habe ich früh bemerkt, dass die Eingangszeilen aus „Key West“ aus Charlie Pooles „White House Blues“ stammen. Und dass die letzte Zeile aus „Black Rider“ – „you’ve been on the job too long“ – ihr Vorbild in der Schlusszeile der traditionellen Mörderballade „Duncan And Brady“ hat: „you been on the job too long“, die in dem alten Song als „he been on the job too long“ als eine Art Refrain immer wiederkehrt. Dylan hat den Song Anfang der 2000er immer wieder live im Programm gehabt.

Doch da dies meiner Meinung nach außer dem Nachweis von Dylans enormem musikalischem Wissen und dem Eifer und der Freude der Fans am Finden für mich ganz sich leicht sich vom Erkenntniswert löst und reiner Sport wird, habe ich kein Bestreben mich hier offensiv zu beteiligen. Mich treibt eher eine zielgerichtete Suche an. Wenn meine These, die ich über einige Artikel an dieser Stelle zuletzt ausgebreitet habe, stimmt, und Bob Dylan sich wie kaum ein anderer weißer amerikanischer Künstler in besonderer Weise den afroamerikanischen Beiträgen zur US-Kultur verbunden fühlt, dann müssten dies auch auf diesem Album zu finden sein.

Dylans Verbundenheit mit der afroamerikanischen Kultur
Natürlich schauen wir da zuerst auf „Goodbye Jimmy Reed“. Das ist offensichtlich, denn der Künstler war ein Vertreter des Chicago-Blues. Doch was steckt in diesem Song – der allgemein als Tribute für Reed angesehen wird – wirklich drin?

Die ersten beiden Strophen haben deutliche religiöse Bezüge. Und Dylan zeigt sich hier wie auch anderen Stellen durchaus multireligiös. Während er in „Key West“ „limbo spirituals and hindu rituals“ erwähnt, sind hier Juden, Katholiken, Moslems und Protestanten vertreten. Und Jimmy Reed soll ihm die „Old Time Religion“ geben. Das ist der Name eines Spirituals, der zum ersten Mal 1872 als Titel der afroamerikanischen Gesangsgruppe „The Fisk Jubilee Singers“ publiziert wird. 1891 erwarb der weiße Liedersammler Charles Davis Tillman die Rechte am Song und popularisierte ihn wie andere schwarze Gospels unter den weißen Südstaatlern, so dass die frommen Südstaatler – ob schwarz oder weiß – im Jim Crow-Land der Rassentrennung die gleichen religiösen Lieder sangen. Und damit eigentlich die ganze menschenverachtende Rassentrennung völlig absurd macht und für fromme Geister eigentlich auch „gotteslästerlich“ sein müsste.

Die ganze zweite Strophe über soll Jimmy Reed dann die frohe Botschaft verkünden. Interessante Vorstellung für einen Bluessänger. Diese waren ja bei frommen Schwarzen nicht unumstritten, denn ihre weltlichen und lebensbejahenden Songs über Liebe, Leben, Genuss, Leiden, Suff und Tod waren denen zu weit weg von Gottes Wort und zu nah an alten afrikanischen Traditionen.

Religiösität und Rassismus
Dann folgt der Perspektivwechsel. Der Sänger singt nun von sich. Dass man auf ihn nicht viel gegeben habe, da er nicht sehr kunstfertig an der Gitarre gewesen sei. Auch nie gereizt oder stolz gehandelt hätte oder gar seine Schuhe ins Publikum geworfen hätte. Jimmy Reed könne sich eine Juwele an die Krone stecken, er lösche das Licht. Was ist das? Ist das eine Selbsteinschätzung Dylans oder eine fiktives Ich, das neben dem großen Jimmy Reed sich ganz klein fühlt.

In der vierten Strophe erzählt der Sänger wie schlecht – mit rassistischer Gewalt? – er behandelt wird. Und hätte nichts, womit er kämpfen könne, außer einem Fleischerhaken. Wieder ein interessantes Bild. Denn wie so viele Schwarze in der Zeit der „Great Migration“ verließ Jimmy Reed seine Heimat in Mississippi in den 1940er Jahren, um im Norden Arbeit und Freiheit zu finden. Was er vorerst bekam, war ein Job im Schlachthof. Der Sänger aber wird schlecht behandelt und kann kein Lied singen, dass er nicht versteht und er kann auch die Platte (von Jimmy Reed?) nicht spielen, weil die Nadel steckengeblieben ist.

Die fünfte Strophe ist dann eine des verzweifelten Begehrens. Scheinbar steht er auf die Gefährtin von Jimmy und drückt das auch durchaus witzig aus – Transparent woman in a transparent dress, Suits you well, I must confess – dann aber scheint er die Frau wirklich sexuell zu begehren – I break open your grapes, I suck out the juice – um dann ein böses Bild des Verlangens, einer „Amour fou“ zu malen: „I need you like my head needs a noose“. Mit der besonderen Konnotation, dass die Schlinge bis in die 1960er Jahre für viele Schwarze im Süden eine reale Gefahr war.

In der letzten Strophe schließlich scheint der Sänger Jimmy Reed zu fragen, was er hier mache und der antwortet ihm, er wolle nur mal nachsehen wo der Herr denn in diesem verlorenen Land liege. Beendet wird der Song mit der Anrufung Jimmy Reeds „Can’t you hear me calling from down in Virginia?“ „Down In Virginia“ ist ein Titel Jimmy Reeds, den Dylan hier für seine Frage nutzt.

Doppelbödig und vertrackt
Die große Frage des Songs aber ist: Wer singt hier über Jimmy Reed und was erlebt er konkret. In meiner ersten Bewertung des Songs habe ich eine Geschichte aus der Great Migration heraus gelesen. Da singt einer unten aus Virginia, der dort nicht losgekommen ist und keine Karriere in Chicago gemacht hat. Der immer noch den alten Country Blues spielt – ohne Mätzchen und Verstärkung. Der immer noch zwischen Blues und Gospel gespalten ist. Der Rassismus und Gewalt aushalten muss. Der davon träumt, Jimmy Reeds Leben zu führen, inklusive dessen Freundin zu begehren. Das Ende ist das Flehen eines Verlorenen. Ich finde das durchaus eine haltbare Interpretation des Songs.

Es gibt aber auch die Deutung, dass der Sänger Dylan selber ist, der ganz bescheiden auf sein Vorbild – Reed hatte auch immer seine Mundharmonika im Gestell um den Hals – schaut. Ihn erhöht und sich selbst relativiert. Wobei das auch durchaus ironische Anteile haben könnte, denn gerade Dylan reagierte auch schon mal gereizt auf sein Publikum, ist immer noch gerne als arrogant verschrien, auch wenn das ein völlige Nicht-Verstehen der Kunstfigur Bob Dylan darstellt. Und gerade im letzten Jahr hat er zwar keine Schuhe geschmissen, aber in Wien seinem Publikum eine klare Ansage gemacht, dass er keine Fotos im Konzert wünscht.

Wie so oft bei Dylan ist der Text doppelbödig und vertrackt. Aber öffnet dadurch viele mögliche Bedeutungsebenen. Dylan mag die Ambivalenz, er mischt auch hier wieder die Perspektiven. Vielleicht will er in diesem Song auch in einem armen Schwarzen im Süden aufgehen, leiht sich dessen Person, dessen Charakter aus? Diebstahl aus Liebe auch hier wieder. Dylan kennt die Geschichte von Sklaverei und Rassismus und er kennt auch die politische und kulturelle Geschichte seines Landes zu genau, als wüsste er nicht, wie seine Bilder, seine Zitate, seine kulturellen Einsprengsel wirken.
Wie auch bei Blind Willie McTell dient bei „Goodbye Jimmy Reed“ ein afroamerikanischer Musiker letztendlich dazu, amerikanische Themen wie Religiösität, Armut, Rassismus und Populärmusik in ihrer komplexen Verschränktheit zu verhandeln.

„Goodbye Jimmy Reed“ ist meiner Meinung alles andere als ein Nebenwerk, sondern einer der interessantesten Songs eines Albums – es gibt im Übrigen keine Nullnummer und keinen Füller darauf – das vor allem ein Blick Dylans auf die eigene und auf die amerikanische Geschichte ist. Und es ist einfach ein super Song und klasse Musik!

Love Out Loud – Best of SONiA disappear fear

25. Juni 2020

Die amerikanische Singer-Songwriterin legt hörenswerten Rückblick auf 30 Jahre Musikkarriere vor

Ich erwische Sonia Rutstein aka SONiA disappear fear am Telefon in North Carolina. „Ich bin da bei meiner Familie für eine Woche“, sagt sie. „Danach geht es wieder nach Baltimore.“ Und damit wieder zurück in einer der vielen US-Metropolen, die momentan gekennzeichnet sind von Massendemonstrationen und Aktionen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Karriere-Retrospektive in aufwühlenden Zeiten
SONiA, die ihre gesamte Karriere über eingetreten ist für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung aufgrund von sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft oder religiöser Überzeugung fühlt sich natürlich als Teil der Bewegung: „Armut, Rassismus, Corona – das Land ist voller Unsicherheit, Trump spaltet nur und im Land steigt der Zorn.“ Sie hofft natürlich darauf, dass Trump im November abgewählt wird.

Inmitten dieser aufwühlenden Zeiten hat sie nun mit „Love Out Loud“ eine Karriere-Retrospektive veröffentlicht. Zwar ist auf ihrer Website „SONiA’s most loved LGBT Songs“ zu lesen, aber im Gespräch versichert sie, dass die Bedeutung ihrer Musik natürlich viel universeller ist: „Ich trete mit meiner Musik ganz allgemein gegen Ausgrenzung und ‚Othering“ ein.“

Und wie gut sie das über Jahrzehnte schon tut, zeigt dieses Album wieder einmal mehr. Zwölf Songs sollen 30 Jahre dokumentieren? „Es war wirklich schwierig, die Songs auszuwählen, die drauf kommen, aber war einfach eine pragmatische Entscheidung dieses kompakte Format zu wählen. Ganz bestimmt werde ich auch irgendwann „Love Out Louder“ veröffentlichen“, kündigt sie lachend bereits ein Volume 2 an.

Songs gegen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus
„Die Auswahlkriterien waren“, so sagt sie, „bestimmt durch die politische Verbindung der Songs mit den Themen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.“ Als einen zentralen Song des Albums nennt sie hierzu „Who’s So Scared“, der auf einem Poem des schwulen afroamerikanischen Dichters Countee Cullen fußt und der genau diese drei Themen in sich vereinigt.

Aber natürlich sind die Songs, die sie ausgewählt hat, auch verbunden mit ihrer eigenen Entwicklung als lesbische Frau und politischer Mensch. Ob „Fix My Life“ über die Entwicklung ihrer sexuellen Identität oder „Gangsters Of Love“: „Man muss verstehen, dass, als ich „Gangsters Of Love“ geschrieben habe, gleichgeschlechtliche Ehen noch verboten waren“, erinnert sie daran, dass unterschiedliche sexuelle Orientierungen noch gar nicht all zulange gesellschaftlich und juristisch akzeptiert sind und dies immer wieder neu verteidigt werden muss.

Fröhlich und zart, optimistisch und kämpferisch
Das besondere an SONiA Disappear Fear wird auf dieser Kompilation wieder in wunderbarer Weise deutlich. Wie kaum jemand anders versteht sie, diese ernsten Anliegen in zarte, optimistische und fröhliche Worte und Musik zu kleiden. „Love Out Loud“ ist daher nicht nur eine kämpferische Platte, sondern auch ein Album, dass Laune macht und dadurch Kraft gibt. Und daher auch genau richtig für diese Zeiten ist.

Denn als Mensch ist Sonia Rutstein – und das macht sie so sympathisch – eine schier hoffnungslose Optimistin, die man fast nur frohgelaunt erlebt. Auch wenn die Corona-Zeiten mit den Konzertausfällen sie finanziell und mental beeinträchtigen. Insbesondere die notgedrungene Absage ihrer liebgewonnen jährlichen ausführlichen Deutschland-Tour bedauert sie sehr, denn sie hat hierzulande über die Jahre viele Fans und Freunde gewonnen: „Ich vermisse Deutschland. Ich möchte, sobald es wieder möglich ist, so schnell wie es geht auch wiederkommen“, bekräftigt sie das besondere Verhältnis zu ihrem deutschen Publikum.

Viele Aktivitäten ins Netz verlegt
Bis das wieder möglich ist, kann man sich dieses Album besorgen und regelmäßig ins Netz schauen: „Ich habe ja meine Deutschland-Tour damals ins Netz verlegt und an jedem Konzerttermin ein Online-Konzert gegeben. Nun gebe ich jeden Dienstag unter den Titel „Terrific Tuesdays“ ein Online-Konzert, bei denen ich viele gute alte Songs wie ‚Corrina, Corrina‘ spiele.“ Zudem veröffentlicht sie unter dem Titel „Fideo Friday“ jeden Freitag ein Video auf youtube-Kanal. Wer sie dabei unterstützen möchte, hier Einnahmen zu generieren, der kann den Kanal abonnieren. Ehrensache, oder?

Und bis die ersten Auftritte vor Publikum möglich sind, übt sie auch fleißig Gitarre und schreibt an einem Buch und an einem Musical gleichzeitig. Die Frau ist einfach nicht zu bremsen- und schon gar nicht von Corona!

Love Out Loud – Trackliste:
1. Fix My Life
2. Who’s So Scared
3. Me, Too
4. Ride This Ride
5. Be The One
6. Gangsters Of Love
7. Michelangelo
8. Priceless
9. Fallin
10. Grass For The Lamb
11. Who I Am
12. Love Out Loud

Infos und Links:
Website:

https://soniadisappearfear.com
Youtube-Kanal:
https://www.youtube.com/channel/UC63FZOoQdbZ6MffqW_dYuVQ
Facebook:
https://www.facebook.com/disappear.fear/

Bob Dylans amerikanische Geschichtsschreibung

22. Juni 2020

New York Public Library, Copyright: Wikimedia Commons.

Notizen zu „Rough And Rowdy Ways“: Das neue Album nimmt auch Amerikas raue und rauflustige Wege in den Fokus.

Ich habe immer wieder betont, dass in Bob Dylans Werk auch nach Ende seiner „Protest-Phase“ keineswegs gesellschaftliche Entwicklungen ausgeblendet werden. Er hat im Laufe der Karriere immer wieder treffende Bilder und Beschreibungen für gesellschaftliche Zustände gefunden. „Von All Along The Watchtower“ über „Hurricane“ bis hin zu „Workingman’s Blues #2“. Er sieht aber seine Aufgabe als Künstler darin, gesellschaftliche Entwicklungen in Worte, Bilder und Songs aufzugreifen und nicht darin, als politischer Aktivist für eine Sache einzutreten. Musik kann nicht die Welt verändern, aber den Menschen auf die Sprünge helfen, es zu tun. Auch in diesem Sinne hat Dylan gleich mehrere Generationen beeinflusst.

Dylan schreibt amerikanische Geschichte
Seit der junge Bob Dylan in der New York Public Library gierig nach Erkenntnissen die Zeitungen aus der Epoche des amerikanischen Bürgerkrieges geradezu verschlungen hat, lässt er uns an seiner Art der amerikanischen Geschichtsschreibung teilhaben. „With God On Our Side“ hat die Kriege im Blick, die Amerika zur Weltmacht haben aufsteigen lassen. Von den Indianer-Feldzügen bis zum Kalten Krieg. In „Only A Pawn In Their Game“ klärt er über die Mechanismen des sich immer weiter vererbenden Rassismus in den Südstaaten auf. Und in „Blind Willie McTell“ malt er ein großformatiges Bild des Südens mit Plantagen und Galanterie, Rassismus und Religion. Vom Zeltgottesdienst über die Minstrel Show bis zu Bootlegin‘ Whiskey und Blind Willie McTells Blues.

Wenn nun Dylans neues Werk „Rough And Rowdy Ways“ betitelt ist, so mag das zwar vordergründig ein Selbstbild des Künstlers oder seinem „lyrischen Ich“ sein, es ist aber mindestens genauso auf den Aufstieg und den Niedergang Amerikas gemünzt. Einem Amerika, dessen Geburtsfehler, Lebenslügen, dessen Widersprüche und Aberwitzigkeiten nun angezündet von der Lunte eines diabolisch-dummen Neros im Weißen Haus, das Land ex- und implodieren lassen. Einem kindischen Nero, der das amerikanisch-raue, laute und rauflustige geradezu idealtypisch verkörpert.

Dylans musikalische Geschichtsstunden beschränken sich auf diesem Album nicht auf das offensichtliche „Murder Most Foul“, in dem Dylan den Beginn der Abwärtsspirale auf den 22. November 1963, den Tag der Ermordung John F. Kennedys, datiert. Dylan hatte sich nur wenige Monate nach dem Attentat vor Ort in Dallas umgesehen und teilt seitdem die Meinung vieler in den USA, dass dieses Attentat nie wirklich vollständig aufgeklärt wurde. Auch in anderen Songs äußert sich Dylan zum Weg Amerikas.

Dialektik von Aufklärung und Befreiung
In „Mother Of Muses“ singt Dylan: „Sing of Sherman, Montgomery and Scott/ And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought/ Who cleared the path for Presley to sing/ Who carved the path for Martin Luther King/ Who did what they did and they went on their way/ Man, I could tell their stories all day.“ Damit treibt er die Widersprüche und die Dialektik von Aufklärung und Befreiung auf die Spitze. Denn Shermans grausamer, vernichtender Feldzug durch Georgia brach die Kriegsmoral der Menschen im Süden. Eine Moral, einen Krieg weiterzuführen, in dem der Süden für sein Recht kämpfte, weiterhin Menschen zu versklaven. Und Patton, der im 2. Weltkrieg mit der US-Army Europa vom Faschismus befreite, war durchaus ein fragwürdiger Charakter. Doch beide bereiteten den Boden dafür, dass der weiße Presley die Musik der Schwarzen sang, die eine Nachkriegsjugend global adaptierte, als auch dass Martin Luther King die Bürgerrechte der Schwarzen einfordern konnte und Hoffnung auf politische Veränderung im Sinne der Menschen aufkeimte.

Song aus der „Great Migration“
„Goodbye Jimmy Reed“ wiederum ist durchaus auch als eine Geschichte über eine typische afroamerikanische Biographie aus der Zeit der „Great Migration“ zu verstehen. Reed wurde 1925 in Mississippi im tiefsten Süden geboren und ging wie viele Afroamerikaner seiner Zeit 1943 nach Chicago, arbeitete erst bei der Marine, dann im Schlachthof und kam dort in Kontakt mit Leuten aus der Bluesszene und würde selbst einer ihrer Stars. Dieser Jimmy Reed wird hier besungen von einem Afroamerikaner, der es nicht geschafft hat. Der mit dem Rassismus und der Gewalt in Virginia kämpft – „They threw everything at me, everything in the book/ I had nothing to fight with but a butcher’s hook/ They had no pity, they never lent a hand/ I can’t sing a song that I don’t understand“ – und über sein Idol ins Schwelgen gerät.

Böse Prediger
Auch „False Prophet“ ist nicht nur irgendwo zwischen Selbstporträt, Weltgeist und Teufel angesiedelt. Der „False Prophet“ steht auch für die in den USA wohlbekannte Figur des gefährlichen Predigers, des zur Gewalt anstiftenden Anführers. Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“, Andy Griffith in „A Face In The Crowd“ oder William Shatner in „Weißer Terror“ haben ihm Gesichter gegeben. Dylan hat ihn in Songs wie „Man Of Peace“ oder „Man In The Long Black Coat“ verewigt. Diesmal scheint der amtierende Präsident als falscher Prophet benannt zu werden: „Hello stranger, hello and goodbye/ You rule the land but so do I/ You lusty old mule, you got a poisoned brain/ I’ll marry you to a ball and chain.“ Dass der Schatten des gehängten Mannes auf dem Cover von „False Prophet“ dem Orangefarbenen ähnelt, scheint ein weiterer Beleg dafür zu sein.

Dylans Sehnsuchtsort

Copyright: Wikimedia Commons.


„Key West“ in Florida dagegen ist Dylans Sehnsuchtsort des anderen Amerika. Hier haben die Beatniks Ginsberg, Corso und Kerouac gelebt, hier verbrachten Tennessee Williams, Louis Armstrong oder Ernest Hemingway Teile ihres Lebens. Wenn er das Bild „I was born on the wrong side of the railroad track“ benutzt, dann identifiziert er sich auch hier wieder mit der afroamerikanischen Community, deren Platz stets am Rande der Orte, in den windschiefen Hütten hinter den Eisenbahnschienen war. Hier in Key West haben sie alle ihren Platz. Alle Menschen, alle Ethnien können nach ihrer Fasson im liberalen und optimistischen Klima zu sich selbst finden, nachdem sie am restlichen Amerika den Verstand verloren haben.

Dylans Erzählung vom amerikanischen Sehnsuchtsort beginnt mit der Ermordung Williams McKinleys, dem US-Präsidenten, der die Nation in den imperialistischen spanisch-amerikanischen Krieg 1898 geführt hatte und 1901 an den Folgen eines anarchistisch motivierten Attentats starb. Schon der Old Time Musiker Charlie Poole hatte McKinley im „White House Blues“ besungen. In Key West zog sich während des spanisch-amerikanischen Krieges die US-Flotte zusammen. Dylan lässt hier McKinley nochmals sterben, um Key West die Unschuld zurück zu geben, die es braucht, um zum Sehnsuchtsort des anderen Amerikas zu sein. Ein Ort, der sogar sein „Little White House“ besitzt, den Wintersitz des US-Präsidenten Harry S. Truman. Und Dylan setzt auch wieder ein Zeichen für religiöse Toleranz. Singt er in „Goodbye, Jimmie Reed“: I live on a street named after a saint/ Women in the churches wear powder and paint/ Where the Jews and the Catholics and the Muslims all pray/ I can tell a party from a mile away“ – nebenbei auch ein Wink wie nah der Juke Joint an der Kirche liegt – so heißt es hier „I play gumbo limbo spirituals/ I know all the Hindu rituals/ People tell me that I’m truly blessed.“ Auch in religiöser Hinsicht stimmt die Selbsteinschätzung „I Contain Multitudes“.

Und so sind die letzten Zeilen des letzten Songs der ersten CD denn auch die Anti-These zu so vielem, was vorher auf dieser Platte von Dylan beklagt und besungen wurde. Wenn die Welt ein besserer Ort werden möchte, dann sollte sie sich ein Beispiel an Key West nehmen: „Key West is paradise divine/Key West is fine and fair/ If you lost your mind, you’ll find it there/ Key West is on the horizon line.“

Uncle Nearest

8. Juni 2020

Was Leslie Riddle für die Carter Family und Rufus Paine für Hank Willams waren, das war Nathan „Nearest“ Green für den Whiskey-Mogul Jack Daniel. Der Erfolg von Jack Daniel’s gründete auf dem Wissen und der Hilfe eines Afroamerikaners.

Copyright: Uncle Nearest Premium Whiskey

Ich mag das zwar eigentlich nicht, aber hier passt es so gut: Ich gehe davon aus, dass Leute, die gerne Countrymusik hören, zu einem großen Teil auch gerne mal einen amerikanischen Whiskey trinken. Und wie heißt die meistverkaufte amerikanische Whiskeymarke weltweit? Richtig, Jack Daniel’s! Da ich an dieser Stelle gerne mal zu Themen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft schreibe, musste dieser Eintrag zur Trink-Kultur einfach sein. Denn Countrymusik und Jack Daniel’s haben noch mehr gemeinsam als gedacht.

Die Geschichte der Countrymusik ist auch eine Geschichte des Rassismus
Der Rolling Stone hat es gerade wieder aufgegriffen: Die Geschichte der Countrymusik hat auch eine starke rassistische Komponente: https://www.rollingstone.com/music/music-country/country-music-racist-history-1010052/ . Bis heute soll die Countrymusik als rein weißes Musikgenre gesehen werden. Ihre afroamerikanischen Wurzeln jedoch werden systematisch ausgeblendet. Dabei gäbe es ohne das ursprünglich afrikanische Banjo, ohne die schwarzen Stringbands und ohne Blues keine moderne Countrymusik. Und viele Country-Stars hatten schwarze Helfer, Lehrer und Mentoren, ohne die ihr Erfolg kaum vorstellbar wäre. Ohne Leslie Riddle keine Carter Family, ohne Rufus Payne kein Hank Williams und ohne Arnold Shultz kein Bill Monroe. Doch die werden gerne vergessen. Und der einzige Künstler in der Grand Ole Opry , DeFord Bailey, wurde rausgemobbt.

Die Afroamerikaner hören und spielen seit jeher gerne Countrymusik. Doch mit Charley Pride und Darius Rucker gibt es gerade mal zwei Afroamerikaner, die Mitglied der Grand Ole Opry sind. Und Kollege Franz-Karl Opitz erinnerte gerade wieder auf country.de daran, dass Mickey Guyton die einzige schwarze Countrysängern ist, die zurzeit bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag steht. Und wenn Lil Nas X einen musikalischen Hybriden, der auf einem klaren Country-Riff fußt und mit Hip Hop-Tönen gemischt ist, zum Mega-Hit macht, dann überschlägt sich das Countrybusiness förmlich darin, zu sagen, das sei kein Countrysong und schiebt ihn in die Pop-Charts.

Doch die Zeiten ändern sich. So wie heute weiße und schwarze Menschen gemeinsam gegen Rassismus aufstehen, so haben sich nicht nur Mickey Guyton und Darius Rucker zum Tod von George Floyd und gegen Rassismus geäußert, sondern auch eine Reihe von Country-Künstlern. Und Charley Pride, Rhiannon Giddens, Darius Rucker, Mickey Guyton, Yola, Lil Nas X, Dom Flemons, Blanco Brown, Swamp Dogg – sie alle zeigen: Die Countrymusik gehört schwarzen und weißen Menschen gemeinsam!

Der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskey-Kultur
Doch wer weiß eigentlich, dass der Begründer und Namensgeber des Whiskey-Imperiums aus Lynchburg, Tennessee auch einen schwarzen Lehrer hatte? Erst 2016, im 150. Jahr des Bestehens, gab die Firma zu: Nicht der Whiskeyhändler und -Brenner Dan Call hatte Jack Daniel das Whiskeybrennen beigebracht, ihm die spezielle Brenntechnik gelehrt, sondern sein Sklave Nathan „Nearest“ Green. Und als Daniel dann 1866 seine Whiskey-Distillery eröffnete, waren auch Nearest als Blendmaster und zwei seiner Söhne als Mitarbeiter dabei. Doch mit der Zeit und insbesondere unter den Jim Crow-Gesetzen wurde auch dieser afroamerikanische Beitrag zur US-Kultur verleugnet. Nichts erinnerte noch vor zehn Jahren in der Distillery in Lynchburg an Nearest Green. Erst seit der Offenbarung – sei es aus ernster Überzeugung oder als Marketingmittel, um die Millenials, die heute mit den Schwarzen zusammen gegen Rassismus auf die Straße gehen, nicht als Käufer zu verlieren – wird Green in Führungen, auf dem Gelände und in Firmenpublikationen erwähnt. Und trotzdem wirkt die Firma Jack Daniel’s Tennessee Whiskey nicht so richtig glücklich damit.

Vielleicht hätte man noch offensiver vorgehen sollen und eine Spezialabfüllung oder Eigenmarke nach Nearest Green benennen sollen. Doch soweit wollte man die Marke Jack Daniel’s und dessen Image als Meister des Tennessee Whiskey wohl nicht „verwässern“. Da ging die afroamerikanische Schriftstellerin Fawn Weaver 2017 viel entschlossener zu Werke. Nachdem sie im Vorjahr von Nearest Green in einem Zeitungsartikel gelesen hatte, wollte sie dessen Verwandte für ein Buchprojekt interviewen. Doch je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde ihr: Das Vermächtnis des profunden Whiskeybrenners Nearest Green und der afroamerikanische Beitrag zur US-Whiskeytradition konnte nur durch die Kreierung einer gleichnamigen Whiskeymarke erfolgen. Jack Daniel und Jim Beam, aber vor allem die Sklavenhalter Elijah Craig und Henry McKenna bekamen nun durch „Uncle Nearest Premium Whiskey“ Konkurrenz. Mit Hilfe der Green-Familie und von Investoren launchte sie den neuen Brand und der entwickelte sich auch prompt in den wenigen Jahren seines Bestehens zu dem Whiskey mit dem am steilsten steigenden Marktanteil, der noch dazu immer wieder hochdekoriert wird. Ein Erfolg auch der Blendmasterin Victoria Eady Butler, die die Ur-Ur-Enkelin von Nearest Green ist. September letzten Jahres wurde in Shelbyville, Tennessee ,die „Nearest Green Distillery“ auf dem Gelände einer früheren Pferdefarm eröffnet. Und auch in anderer Weise fühlt sich Fawn Weaver der Familie Green verbunden: Die „Nearest Green Foundation“ bezahlt jedem direkten Verwandten von Nearest Green eine College-Ausbildung.

Und es gibt auch eine Verbindung von Fawn Weaver zur Musik: Sie ist die Tochter des Motown-Songwriters und Produzenten Frank Wilson!

Mehr zu Fawn Weaver und „Uncle Nearest Premium Whiskey“ gibt es hier zu lesen:

Fawn Weaver: The Whiskey Benefactor

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Und ein Fernsehbericht:

„Reign of Chaos?“ Die USA unter Donald Trump und die Wahlen 2020

8. Juni 2020

„Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ und „Denkbar e.V.“ laden ein zu Online-Vortrag von Dr. David Sirakov am 30. Juni

Dr. David Sirakov

Bereits der Wahlkampf 2016 suchte seinesgleichen und ging in die Geschichte als beispiellos polarisiert ein. Und die sich daran anschließende Präsidentschaft Donald Trumps steht diesem Eindruck in nichts nach. Was macht diese Präsidentschaft so beispiellos? Wie fällt die bisherige Bilanz des 45. Präsidenten aus? Und was ist – auch und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie sowie der schweren Unruhen infolge des Todes von George Floyd – vom Wahlkampf 2020 zu erwarten?

Auf Einladung von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ und „Denkbar e.V.“ gibt der Amerika-Experte Dr. David Sirakov von der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz in seinem Online-Vortrag am Dienstag, 30. Juni, ab 19.30 Uhr Einblicke in das Innenleben der Trump-Administration, ihre politischen (Miss)Erfolge sowie die Herausforderungen, die der Trump’sche Populismus für die USA und die westliche Welt birgt.

Die Veranstaltung findet als Webinar über das Videokonferenzsystem Zoom statt. Interessierte können sich anmelden unter: rhein-main@gegen-vergessen.de .Am Tag der Veranstaltung erhalten sie dann die Zugangsdaten.

Wer noch keine Erfahrung mit Zoom gemacht haben – eine gute Anleitung findet sich auf den Seiten von UNICEF: https://www.unicef.de/blob/209484/cff55a04ecab17553aead8f2513b34d3/anleitung-webkonferenz-desktop-data.pdf

Die Veranstaltung wird unterstützt durch „Partnerschaft für Demokratie Frankfurt am Main“

Rap, Hip-Hop und die Sprache der Rebellion

5. Juni 2020

Notizen zu Bob Dylan & Black America: Bob Dylan versteht, dass Rap und Hip-Hop die musikalische Ausdrucksformen der Black Community sind, die sich mit ihrem Leben im weißen Amerika beschäftigen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Bob Dylans Musik auch stark auf dem Blues begründet ist. Mit Odetta, Mavis Staples, Muddy Waters, Sam Cooke oder Blind Willie McTell, haben ihn afroamerikanische Musikerinnen und Musiker, haben ihn Gospel, Blues und Soul stetig begeistert und geprägt. Und der Blues wird ja bei vielen Musikfreunden seiner Generation als „ehrliche Musik der armen Schwarzen“ geradezu verehrt. Während Rap und Hip-Hop, eine der aktuellen musikalischen Ausdrucksformen (und auch schon fast vierzig Jahre alt!), der Black Community bei vielen, auch progressiven Musikfreunden, eher auf Ignoranz oder gar Ablehnung gestoßen sind. Der protzige, selbstverliebte Gewalt- und Sexismus verherrlichende „Gangsta Rap“ hatte – von der Musikindustrie konsequent als auch für weißes Publikum konsumierbare Popmusik aufgebaut – die ursprünglichen gesellschaftspolitischen Wurzeln als Ausdrucksform der schwarzen Verlierer von Strukturwandel und Gentrifizierung in den kapitalistischen Metropolen der 1970er und 1980er Jahre in den Hintergrund treten lassen. Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis auch die linke, politische Musikszene verstand, dass auch Rap und Hip-Hop Protestmusik sind. Heute ist es Konsens, dass die Songs von Kendrick Lamar oder Childish Gambino zu den stärksten Protestsongs gegen die herrschenden Zustände in den USA gehören.

„Subterranean Homesick Blues“ kündigt die Rebellion an
Bob Dylan, der ja – noch so eine Binsenweisheit – mit „Subterranean Homesick Blues“ sowohl das erste Rap-Stück als auch das erste Musikvideo zur Musikgeschichte beigesteuert hat, war da schon in den 1980er Jahren viel weiter. Die 1980er waren für ihn künstlerisch eine Durstrecke. Nach seinem Album „Infidels“, das mit Jokerman einen Song enthält, der sehr wohl als Kritik an Ronald Reagan und seiner rücksichtslosen, sozialdarwinistischen und rassistischen Politik interpretiert werden kann – Reagan machte den „schwarzen Sozialschmarotzer“ zum Pappkamerad und Prügelbock des konservativen Amerikas – irrlichterte er durch die Jahre mit schlechten Alben und schlaffen Konzerten – sieht man einmal von der Europa-Tour 1984 und den 1985-86er-Auftritten mit Tom Petty ab. Dylan hatte nicht mehr die richtungsweisende Rolle im sich rasant mit MTV und Michael Jackson verändernden Popbusiness inne. Aber er hatte immer noch ein Gespür für relevante Musik und eine große Empathie für die Black Community und deren musikalische Ausdrucksformen. In seinen „Chronicles“ schreibt er, dass Ice-T, Public Enemy, NWA, Run DMC nicht nur herum stehen würden und große Reden schwingen würden. „Sie hauten auf die Drums und auf den Putz und schmissen Pferde von den Klippen. Sie waren allesamt Dichter und wussten, was Sache war.“ Und dass er mit Rapper Kurtis Blow zusammen aufgenommen hätte, der hätte ihn an diese Musik und Texte herangeführt. Der ewige Rebell und Nonkonformist schätzte die schwarzen Rebellen, die meist aus einer Lebenswelt aus Armut und Rassismus stammten und davon Lieder singen konnten, sehr und war ihrer Kunst zugewandt.

Bob Dylan und die Rapper
In einem Spiegel-Interview sagte Blow zur Zusammenarbeit mit Dylan: „Ich machte gerade Aufnahmen in einem riesigen New Yorker Studio, das 250 Dollar in der Stunde kostete. Plötzlich steckte Bob Dylan seinen Kopf durch die Tür und sagte: ‚Hey Kleiner, deine Sängerinnen hören sich gut an – kann ich sie mir kurz ausleihen?‘ Ich war 22 Jahre alt und völlig von den Socken. Bob Dylan! Ich sagte also ‚Okay. Aber wenn ich sie für dich singen lasse, schuldest du mir einen Gefallen‘. Er willigte ein. Zwei Jahre später rief ich ihn an, er lud mich in sein Haus in Malibu ein und wir nahmen „Street Rock“ zusammen auf. An Bob Dylan ist ein Rapper verloren gegangen – ich gab ihm den Text und er knallte das im ersten Take sofort raus. Unglaublich.“

Sprache von Nonkonformismus und Rebellion
In der Tat wissen ja nicht nur alle Dylan-Freunde, dass der gute Bob der Musiker ist, der am meisten Text in seinen Songs unterbringt, sondern dass seine Sprache, sein Sprachrhythmus und seine Bilder geprägt sind von den Blues- und Beatpoeten, von Folk, Talking Blues und Woody Guthrie. Man merkt dies allen seinen Texten an, selbst wenn sie Collagen sind. Ob Songlyrics, Liner Notes oder seiner Autobiographie. Es ist eine vorwärtsdrängende, bildreiche, abgeklärte Sprache, oftmals auch mit lakonischem Humor gespickt. Es ist die Sprache des Nonkonformismus, die situativ auch Sprache der Rebellion sein kann. Cool und rebellisch. Und Dylan schafft es heute noch in seinen Konzerten, den Text oftmals mehr rhythmisch zu sprechen als zu singen. Er hat diese Fähigkeit, die Blow bei ihm bewunderte.

In der Tat war ja „Subterranean Homesick Blues“ ein politisches Lied, weil es mittels Bilder und Atmosphäre die Rebellion ankündigte. Dylans Mittsechziger-Musik war der Soundtrack zu Subversion und Rebellion. Nicht umsonst entliehen sich die militanten „Weathermen“ ihren Namen aus Dylans Song. Und nicht umsonst waren die Black Panther-Gründer Bobby Seale und Huey P. Newton begeisterte Fans von Dylans Musik der 1965/66er Jahre. Das Folk-Revival und die Bürgerrechtsbewegung waren Schritte auf dem Weg zur Rebellion der 1960er Jahre. Der „Summer Of Love“, die Black Panther, der späte Martin Luther King waren die Rebellion. Doch das Establishment schaffte es gerade wieder einmal so. Martin Luther King und Bobby Kennedy wurden ermordet, es kam zu erheblichen Unruhen und am Ende wurde Richard Nixon US-Präsident.

Dylan, der ja stets einen engen und ganz selbstverständlichen Umgang mit afroamerikanischen Menschen hatte und in den 1980er Jahren auch mit Afroamerikanerinnen liiert und verheiratet war, weiß um die Lebensbedingungen der Schwarzen in Amerika. Daher weiß er auch die Sprache des Rap einzuschätzen. Und deswegen ist seine Aufnahme von „Street Rock“ auch ein Zeichen des Respekts, der Bewunderung des Rap und ein Zeichen der Sympathie für die Black Community.

Das zerrissene Amerika und Bob Dylans Werk
Bob Dylan hat George Jackson, Rubin Hurricane Carter, Hattie Caroll, Emmeth Till und Medgar Evers musikalische Denkmale gesetzt und mit „Blind Willie McTell“ ein großes Gemälde des Südens mit Sklaverei, Rassismus, Gottesglauben und Blues geschaffen. Seine Lieder sind wie der Mord an George Floyd zeigt, unverändert aktuell und gehören zum Soundtrack eines zerrissenen Landes. So wie Rap und Hip Hop eben die zeitgenössische musikalische Ausdrucksform des um seine Freiheit und im wahrsten Sinne um sein Leben kämpfenden schwarzen Teils des amerikanischen Volkes ist. Das in Rassen und Klassen zerrissene Amerika wird von Bob Dylan in seinem künstlerischen Werk vereint.

Ein Land implodiert

31. Mai 2020

Jahrhundertelanger struktureller Rassismus, Polizeigewalt gegen Schwarze und ein hemmungslos zündelnder Präsident zerstören die USA von innen

Nicht von dem was jetzt passiert ist grundsätzlich neu. Weiße Polizeigewalt nicht. Schwarze Aufstände in den Metropolen auch nicht. Denn Rassismus ist einer der Konstanten in den USA und der Aufbau des Wohlstands der Nation durch die Ausbeutung von aus Afrika verschleppten Sklaven eine der dunklen Geburtsfehler des Landes. Auch die Sklavenbefreiung in der Folge des US-Bürgerkrieges änderte daran nichts. Denn die wirtschaftliche und politische Macht der Schwarzen blieb weiterhin beschnitten. Die Eliten des Nordens gingen nach dem Bürgerkrieg recht pfleglich mit den Eliten des Südens um. Die Rassenfrage und die Klassenfrage blieben weiterhin ungelöst – bis heute.

Es ist die politische Lage, die neu ist und den jetzigen desparaten Protesten eine neue Qualität gibt. Waren bislang Aufstände als Folge von Polizeigewalt vor allem regional verortete Probleme, so sind nun 25 große US-Städte davon betroffen. Darunter New York, Los Angeles, Chicago, Dallas, Atlanta und Nashville.

Frust und Wut der Black Community
Die Enttäuschung und die Wut der Schwarzen sitzen tief. Ihre politischen Interessensvertretungen wurden von der Staatsmacht in die Schranken gewiesen. Man hatte Martin Luther King, der jahrelang vom FBI überwacht wurde, durch weiße Gewalt sterben sehen. Die „Black Panther“ wurden durch das FBI in einem jahrelangen Kleinkrieg aufgerieben. Die Chancen zu mehr Partizipation, mehr Bildungsgerechtigkeit und sozialem Aufstieg für Afroamerikaner sind seit 1980 stetig gesunken. Die Präsidentschaft Ronald Reagans ging einher mit einer Politik des drastischen Soziabbaus, deren Unterstützung durch die armen Weißen mit der rassistischen Denkfigur der „schwarzen Sozialschmarotzer“, die auf Kosten des Staates leben, erkauft wurde. Korrespondierend dazu wurde eine Ordnungspolitik der Härte durchgesetzt, die ebenfalls auf dem Rücken der Schwarzen ausgetragen wurde. Die rücksichtslose gesellschaftliche Spaltung begann mit Ronald Reagan, der die Politik von „New Deal“ und „Great Society“ zerstörte.

Es ist der historische Fehler der Demokraten, dem Roll Back von Reagan kein erneutes Roll Back entgegengesetzt zu haben. Im Gegenteil, man versuchte sich nicht mehr an Politik, sondern an technokratischem Demoskopismus. Man folgte dem Neoliberalismus, rührte Grundwidersprüche nicht an und versuchte mit PR-Angeboten entsprechende Wahl-Mehrheiten zu finden. Noch dazu trieb Bill Clinton die Privatisierung der US-Gefängnisse voran, um Staatsausgaben zu sparen. Nun waren Gefängnisse plötzlich Geschäftsmodelle, die rentabel waren. Und wieder waren die Schwarzen die Opfer: Es sind die armen Schwarzen, die ihre Mieten, ihre Strafzettel, ihre Schulden nicht bezahlen können und in die Knäste wandern. Und diese rechnen sich ja auch nur, wenn sie ausgelastet sind. Dies sind die Delikte, weswegen Schwarze überproportional zu ihrem Bevölkerungsanteil in den Gefängnissen sitzen und nicht wegen dem ihnen von den Weißen gerne zugewiesenen besonderen Hang zu Gewalt und Diebstahl und Drogen. Und weil Auslastung sich auch nur rentiert, wenn an Personal und Versorgung gespart wird, sind die Zustände in vielen Gefängnissen mittlerweile unfassbar schlecht und menschenunwürdig. Schon vor ein paar Jahren schrieb Adam Gopnik im Magazin „New Yorker“: „Das Interesse von Privatgefängnissen liegt nicht im offensichtlichen sozialen Wohl, sondern darin, so viele Menschen wie möglich so billig wie möglich einzusperren.“ („Das Geschäft mit dem Knast“, Frankfurter Rundschau, 2. September 2016)

Keine grundlegenden Änderungen durch Barack Obama
Auch Barack Obama, der erste schwarze Präsident der US-Geschichte, änderte am grundlegenden strukturellen Rassismus in den USA nicht viel. Afroamerikanische Kritiker werfen ihm vor, zu wenig gegen den Rassismus in Polizei und Justiz unternommen zu haben. Black Lives Matter entstand während seiner Amtszeit und streute immer wieder Salz in diese Wunde. Als fatal stellte sich zudem heraus, dass der latente Rassismus in Teilen der amerikanischen Mittel- und Unterschicht damit befeuert wurde, dass in der Folge der Finanzkrise unter seiner Präsidentschaft der amerikanische Traum des eigenen Häuschens zerplatzte. Obama hatte es zum einen nicht verstanden, dass grundsätzlich am Finanz- und Wirtschaftssystem etwas nicht stimmte – er ließ sich weiterhin von Wall Street-Leuten beraten, sein Finanzminister war für die Banker einer der ihren. Zum anderen sah er die daraus hervorgehende Gefahr für ihn und für die US-Gesellschaft nicht. So konnte sich ein von der Tea Party gefüttertes Narrativ durchsetzen: „Der schwarze Kerl im Weißen Haus ist schuld, dass wir unser Häuschen verlieren, dass wir nicht mehr jagen und fischen dürfen und das es die Homo-Ehe gibt“.

Das Land war also schon tief gespalten, als Hillary Clinton gegen Donald Trump verlor. Die demokratische Establishment-Blase und ihre Unterstützer von Wall Street und Silicon Valley und Teile der Medien hatte es nicht glauben wollen. Die Trump-Koalition aus den Kapitalfraktionen Öl, Stahl, Auto und Bergbau, aus Tea Party, Evangelikalen, weißer Mittelschicht und desparater Arbeiterschaft hatte keine Mehrheit bei den Wählerstimmen, wohl aber im Wahlmännergremium.
Und Donald Trump nutzte seine neue Macht, um das Land immer weiter zu spalten. Rassismus, Sexismus, Androhung von Gewalt und stetiger Hass sind präsidiale Machtinstrumente geworden. Vor diesem Hintergrund ist der latente Rassismus im US-Polizeikorps nochmal verstärkt worden, häufen sich erneut die gewaltsamen Übergriffe mit Todesfolge.

Trump als autoritärer Staatsführer
Diese Gemengelage mit der immer offensichtlicheren Ungleichheit der Corona-Folgen zuungunsten der Black Community aufgrund der strukturellen sozialen Ungleichheit, einem omnipräsenten Twitter-Präsidenten, und einer bundesweiten Vernetzung der afroamerikanischen Community, auch unter dem Label Black Lives Matter, verstärken die Proteste zu einer noch nie dagewesenen Lage. Es sind die immer schon bekannten Muster von friedlichen Protesten, die von einem kleinen Teil auch zu Gewalt und Plünderungen genutzt werden, die aber nun bundesweit und flächendeckend eskalieren. Hinzu kommt zudem, dass im Weißen Haus einer sitzt, der Benzin ins Feuer schüttet. Der statt Zusammenzuführen und zu Versöhnen, Gewalt androht und die demokratischen Stadtoberhäuptern – anstatt ihnen Unterstützung zu geben – mit Kritik, Häme und Anschuldigungen überzieht. So erodiert ein Staatsgebilde, es wird von innen zerstört. Trump versucht sich in der Rolle des omnipotenten autoritären Staatsführers. Dass er dabei im Widerspruch zu dem historisch gewachsenen starken Föderalismus in den USA steht, könnte derzeit die einzige Hoffnung in einem ansonsten apokalyptischen Szenario sein. Das Land bricht nicht nur auseinander, es implodiert vor unser aller Augen.

Als Bob Dylan zweimal im Apollo spielte

30. Mai 2020

Notizen zu Bob Dylan & Black America: Im Frühjahr 2004 kehrt Dylan zu seinen schwarzen Wurzeln zurück

Das Apollo Theatre im New Yorker Stadtteil Harlem ist quasi der Musiktempel für ausschließlich schwarze Musik – Blues, Jazz, Soul, Pop und Hip Hop – in den USA. Im Frühjahr 2004 aber trat Bob Dylan innerhalb nur weniger Wochen zweimal dort auf. Es spricht einiges dafür, dass der Künstler Bob Dylan sich wieder einmal über seine schwarzen Wurzeln vergewissern wollte. Denn immer wieder kehrt Dylan zu dem Referenzrahmen zurück, der ihn als Künstler, sein Werk und seine Wirkung erst möglich gemacht hat. Er hat das zur Jahrtausendwende mit Country- und Bluegrass-Songs in seinen Konzerten und in der Zusammenarbeit mit Ralph Stanley und Marty Stuart gemacht, und in den 2010er Jahren mit dem Great American Songbook mit drei Alben. 2004 tauchte er wieder einmal in die schwarze Musik ein.

Das Apollo: Ein Epizentrum afroamerikanischer Musik
2004 feierte das Apollo sein 70-jähriges Bestehen als Club für afroamerikanische Musik. Es bestand schon seit 1914, aber da Harlem als afroamerikanische Community seit Anfang der 1930er Jahre immer mehr Bedeutung bekam, öffnete sein Besitzer Sidney S. Cohen es für schwarzes Publikum. Und verpflichtete schwarze Künstler. Hier begannen die Karrieren von Billie Holiday und Ella Fitzgerald, hier spielten Louis Armstrong und Duke Ellington, später traten hier Soulstars wie Marvin Gay und Diana Ross auf. Und Sam Cooke, dessen Lied Dylan am 28. März 2004 im Apollo sang.

Cooke hatte sich als Soulsänger bereits mit Hits wie „Cupid“, „Twistin‘ the Night Away“ und „Wonderful World“ einen Namen gemacht, als er sich durch Dylans „Blowin In The Wind“ inspirieren ließ und „A Change Is Gonna Come“ schrieb. Er war erstaunt, dass ein Weißer ein Lied wie „Blowin‘ In The Wind“ schreiben konnte und beschämt, dass er es nicht selber geschrieben hatte. Denn er hatte in seinem Leben tiefgehende Erfahrungen mit dem Rassismus in den USA machen müssen. „A Change Is Gonna Come“ erschien zuerst auf seinem Album „Ain’t That Good News“ im Februar 1964 und dann als B-Seite der Single „Shake“ am 22. Dezember 1964. Doch da war er bereits Tod. Er starb unter Umständen, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Die Motelmanagerin Bertha Franklin soll ihn in Notwehr erschossen haben, nachdem er sie bedroht habe, Teile der Black Community sehen das anders. Ganz geklärt werden konnte das bis heute nicht.

Dylan sings Cooke
„A Change Is Gonna Come“ wurde einer der Hymnen der Bürgerrechtsbewegung. Und so war es absolut passend, dass der Schauspieler und Bürgerrechtsaktivist Ossie Davis den Sänger Bob Dylan an jenem Abend im Apollo ansagte und das Publikum erinnerte, dass er ihn bereits mehr als vierzig Jahre vorher bei der Kundgebung des „March On Washington“ angesagt hatte. Dylans Auftritt gerät denkwürdig. Dylan stürzt sich mit heiserer rabenrauer Stimme in eine wunderschöne Version des Songs, begleitet von seiner Tourband. Dabei sieht er laut Greil Marcus aus wie ein „Kartenhai“ und das Mikro ist so tief, dass er beim Singen fast auf seinem Keyboard liegt. Aber dennoch: Ein majestätischer Auftritt, der Standing Ovations erntet. Und musikalisch vom Arrangement her ein Vorgriff auf seine spätere Great American Songbook-Phase.

Dylan meets Marsalis
Nur wenige Monate später, am 7. Juni, trat er abermals im Apollo auf. Ein Benefizkonzert für „Jazz at Lincoln Center“ und dem „House of Swing“, der weltweit ersten Konzerthalle für Jazz, die 2004 in New York eröffnet wurde. Doch war er beim Apollo-Jubiläum dahingehend noch auf gewohntem Terrain, dass er mit seiner routinierten Tourband sich einen Song von Sam Cooke aneignete, lieferte er sich nun mit seinen eigenen Songs einer fremden Band und einem kritischen Publikum aus. War er im März noch der weiße Junge, der früher die Songs für die Bürgerrechtsbewegung gesungen hatte, war er nun der „White Guy“, der sich ausgerechnet an diesem Ort in dem Genre versuchte, das allgemein aufgrund seiner starken afroamerikanischen Wurzeln als wichtigster Beitrag Black Americas zur amerikanischen Hochkultur angesehen wird. So ganz wohl schien er sich da in seiner Haut nicht zu fühlen. Dylan hat sich zwar immer schon auch für Jazz interessiert, aber nie hatte er sich bis dahin in diesem Genre versucht. Er hatte alle Genres der amerikanischen Populärmusik verinnerlicht, aber dieses hier, das stets die Schnittstelle zwischen Popkultur und Hochkultur bildete, war bislang nicht seine Ausdrucksform gewesen. Die Folktradition, die Tradition des Liedes, die war seine. Auch wenn ihm in jungen Jahren schon der Jazzer Thelonious Monk sagte: „Wir spielen alle Folkmusik“. Er fand einfach nicht hinein.

The Jazz Singer
Doch nun mit dem Wynton Marsalis Septett ging er volles Risiko. Der Einstieg mit „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ war noch einigermaßen im gewohnten Gleis, spielte das Septett doch einen langsamen Jazz-Blues. Da trafen sich der Folker und die Jazzer. Aber was dann folgte und leider nicht auf dem Albummitschnitt des Konzertes „United We Swing“ ist, war ein „Don’t Think Twice, It’s Alright“ ohne Netz und doppelten Boden. Das hatte so gut wie nichts mehr mit traditionellem Folk und Blues zu tun. Das Septett gab ihm eine urbane New York-Jazz-Melodielinie vor. Hier war Dylan, der Instinktsänger gefordert. Und wie er das – einschließlich der Mundharmonika als Echo der Septett-Musik – löste, ist große Klasse und die Beifallstürme waren gleichermaßen ehrlich und verdient. Dylan jazzte, croonte und swingte sich durch den Song. Für Dylan war der 7. Juni sicher ein einschneidendes Erlebnis. Auch das konnte er, wenn er wollte.

Die Auftritte im Apollo im Jahre 2004 waren für Dylan eine wichtige Bestätigung seiner schwarzen Wurzeln. Und die Musik mit der sich beschäftigte – Soul und Jazz – forderten Ihn als Sänger und Arrangeur heraus. Was er hier mitgenommen hat, kam ihm sicherlich bei seiner Arbeit am Great American Songbook in den 2010er Jahren zu Gute. Auch ein amerikanisches Gesamtkunstwerk ist nie zu Ende gefertigt, ist immer ein „Work in Progress“.

Hier kann man beide Songs mit dem Marsalis-Septett hören:
http://dylanesco.com/tags/wynton-marsalis/

Und hier der Auftritt zum Apollo-Jubiläum:

Songs aus der Corona-Isolation

30. Mai 2020

J.S. Ondara überrascht mit neuem Album

Für den Blogger war das nach der Albumankündigung von Bob Dylan der überraschendste und größte musikalische Moment während der Corona-Krise: J.S.Ondara hat kurzerhand auf allen digitalen Plattformen gestern aus dem Nichts heraus ein neues Album veröffentlicht. Die physische Veröffentlichung folgt Ende August, aber der historische Moment ist jetzt. „Folk n’ Roll Vol. 1: Tales Of Isolation“ ist in nur drei Tagen nach wochenlanger Isolation und Nichtstun entstanden. Es musste jetzt raus.

Ondara knüpft in Echtzeit da an, wo der Vorgänger „Tales Of America“ aufhört. Er sieht dem auseinanderbrechenden Amerika während der Corona-Krise zu und erzählt in „Pulled Out Of The Market“ von arbeitslosen Restaurantbedienungen und gefeuerten Arbeitern. Er erzählt in „Isolation Depression Syndrome (IDS)“ von seinen Ängsten, von seiner Isolation und Depression und er singt in „Ballad Of Nana Doline“ über die typisch amerikanische Lebensgeschichte einer älteren Frau bis zu ihrem Tod durch Corona.

Ondara, hat sich ja seinen amerikanischen Bob Dylan-Traum erfüllen können und siedelte vor ein paar Jahren von Kenia über nach Minneapolis. Weil er da Verwandte hat und weil Bob Dylan aus Minnesota kommt. Die jetzigen Unruhen und die Ermordung George Floyds in seiner neuen Heimatstadt, konnten noch nicht in die neue Musik einfließen. Aber die Geschehnisse gegen die ja auch in Louisville, Denver, Dallas, Los Angeles, New York und Washington demonstriert wird, sind ja ohnehin ein trauriges Kontinuum für die afroamerikanische Community. Polizeigewalt ist für Afroamerikaner eine das ganze Leben durchziehende reale Bedrohung.

Ondara, für den ich mir sehr gewünscht habe, dass er sein starkes Debütalbum bestätigt, hat sein Soll mehr als erfüllt. Er ist der derzeit schärfste Beobachter des amerikanischen Alptraums und er tut dies in einer Bildsprache, die klar und kräftig ist, er tut dies in Songs, die spannende Geschichten erzählen, mit Gesang und Melodien, die absolut mitreißend sind. Und das alles macht er mit einer großen Empathie für die Menschen.

Eigentlich wollte er ein ganz anderes Album herausbringen, eines mit voller Band, aber jetzt er sich aus der Not heraus ganz alleine in große Höhen geschwungen. J.S. Ondara wird man wirklich fest im Auge behalten müssen. Er ist zu gut, um stehen zu bleiben. Ganz wie sein großes Vorbild.

The Death of George Floyd

28. Mai 2020

Bild: Black Lives Matter

„They’re selling postcards of the hanging“ singt Bob Dylan in seinem Jahrhundertsong „Desolation Row“ und erinnert damit an die Lynchmorde an drei schwarzen Zirkusarbeitern in Duluth, Minnesota, im Juni 1920. Fast genau hundert Jahre später ist in Minnesota wieder ein farbiger Mensch – George Floyd – getötet worden. Getötet am 25. Mai 2020 von einem weißen Cop, der sechs Minuten lang mit seinem Knie auf dem Nacken Floyds diesen auf den Boden presste, sein Flehen nach Luft überhörte, und ihn kaltblütig sterben ließ. Drei weitere Cops schauten zu. Trotz protestierender Passanten wurde George Floyd auf offener Straße von dem Polizisten Derek Chauvin umgebracht.

„The Death Of Emmett Till“, „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, Only A Pawn In Their Game“, „George Jackson“, „Hurricane“ – Bob Dylan hat einige der stärksten und wichtigsten amerikanischen Songs über Rassismus, Mord und Gewalt geschrieben. Sie sind heute aktueller denn je. George Floys musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und ein Weißer ihn umbrachte. Der 14-jährige Emmett Till musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und zwei Weiße ihn umbrachten. Ahmaud Arbery musste vor wenigen Wochen sterben, weil er schwarz war und zur falschen Zeit am falschen Ort war und zwei Weiße ihn umbrachten.

Das Grundprinzip bleibt immer dasselbe. Dylan hat es längst besungen und sagte vor wenigen Jahren in einem Interview sinngemäß dazu, die Songs wären unvermindert aktuell, man müsse nur die Namen austauschen. Dylan weiß genau, was in den USA vor sich geht, und er hat es bereits hinreichend beschrieben. Man sollte diese Songs täglich mehrmals in Heavy Rotation in den US-Radiostationen spielen.

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ hat William Faulkner einmal gesagt. Der Rassismus in den USA war nie weg, ist nie vergangen. Doch er wird immer stärker und unverhohlener, weil ein Mann im Weißen Haus offen rassistisch agiert und Leute wie den Cop aus Minneapolis das Gefühl geben, seine rassistische Gewalt wäre damit legitimiert. Derek Chauvin ist bereits vor dem Tod von George Floyd durch brutale Polizeigewalt aufgefallen.

Trump kündigt die gerechte Sühne für diesen Mord an. Doch das ist keine Einsicht und kein Eintreten für die schwarze Sache. Er will Ruhe im Wahlkampf und er will vor allem seine Omnipotenz beweisen. Gerechtigkeit für George Floyd wird es erst geben, wenn Amerika sich seinen offenen strukturellen Rassismus eingesteht, wenn Justiz und Polizei sich ihren Rassismus eingestehen.

Der Mord an George Floyd sorgt unterdessen für schwere Ausschreitungen in Minneapolis bei denen bereits mindestens ein Mensch ums Leben gekommen ist.

„Now’s The Time For Your Tears“ singt Bob Dylan am Ende von „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“. Erzürnt über die lächerlich milde Strafe für einen rassistischen Mord. Hoffen wir, dass in Minneapolis im Jahr 2020 ein klares Exempel gegen rassistische Polizeigewalt statuiert wird.