Things Have Changed

20. Oktober 2019

Als wäre es ihm zu perfekt gewesen: Zum Auftakt seiner US-Tour setzt Bob Dylan wieder einmal vieles neu zusammen

Bob Dylan ist wieder auf Tour. Seit 11. Oktober und noch bis zum 6. Dezember. Unter anderem wird er zum Abschluss dieses Tourneeabschnitts zehnmal Im Beacon Theatre in New York spielen und sich mit einem Auftritt in Washington D.C. in die Winterpause verbschieden. Eine erste Einschätzung nach fünf Konzerten.

Wie schrieben wir im Sommer nach majestätischen Konzerten in Stuttgart, London und Kilkenny: „Besser kann es nicht mehr werden, nur anders gut.“ Wie Recht wir hatten, ahnten wir damals noch nicht. Bob Dylan, der ewig Rastlose, der Veränderer und Verwirrkopf hat mal wieder alles kräftig durchgewirbelt: Die Band, die Setlist, das Setting. Die Herbstkonzerte mögen den Sommerkonzerten ähneln und doch sind sie etwas ganz anderes.

Das Setting
Das ist so typisch Dylan. Ein bisschen rätselhaft, ein bisschen retro: Drei stilvoll angezogene Schaufensterpuppen betonen jetzt noch mehr den Bühnenaufbau, der mit alten schweren Scheinwerfern das Ganze wirken lässt wie einen Musik-Club in den 1940er Jahren.

Das Set
Der Opener war in den ersten drei Konzerten „Beyond Here Lies Nothin'“ und ersetzte damit vorerst das schon etwas abgenudelte „Things Have Changed“. Beim vierten Konzert in Denver, Colorado, war es Augen- und Ohrenzeugen zufolge eher ein Versehen, dass der Meister wohl aus Gewohnheit wieder „Things Have Changed“ intonierte. Denn beim fünften Konzert in Lincoln, Nebraska, wurde wieder „Beyond“ gespielt. Dort ersetzte dann auch „It’s All Over Now, Baby Blue“ das zuletzt ebenfalls hinreichend gespielte „It Ain’t Me Babe“.

Ein völlig neues Arrangement von „Not Dark Yet“ ist umstritten, lässt doch eine völlig neue Melodie auch die kognitive Wahrnehmung des Songs nicht unberührt. Die Frage ist dann letztendlich: Holt das neue Arrangement neue Bedeutungs- oder Gefühlebenen aus dem Song heraus oder ist es schlicht l’art pour l’art? Wir werden sehen und hören.

Die Sensation war natürlich nach mehr als einem Jahrzehnt die Wiederaufnahme von „Lenny Bruce“. Wir erinnern uns, der jüdische Stand-up-Comedian stand bahnbrechend für eine satirische Blickweise auf das politische Zeitgeschehen, sein Witz war scharf und gnadenlos und traf vor allem auch die Eliten. Dass er noch dazu auf der Bühne recht derb und obszön sein konnte, lieferte den Mächtigen gute Vorwände, um Bruce mit Auftrittsverboten zu überziehen. Am Ende starb er 1966 mit einer Nadel Heroin im Alter von 42 Jahren.

Natürlich überlegt man als Dylanologe warum kommt Dylan jetzt wieder mit dem Song heraus. In einer Zeit, in der Satire die absurde Realität von Trump & Konsorten überhaupt nicht übertreffen und zuspitzen kann. Einer Zeit, in der zwar in TV, Internet und Social Media viele Witzchen über Politik erzählt werden, aber das Maß nicht stimmt. Im TV zu harmlos, in den Social Media hasserfüllt. Da ist Lenny Bruce tatsächlich eine Figur von Gestern, was aber nichts schlechtes sein muss. Denn Bruce hatte bei allem anarchischem schon einen Kompass, wen und was er sich in welcher Weise vornahm. Im tiefsten Innern leitete ihn die Humanität, nicht die Misanthropie. Auch wenn ich Lenny Bruce nicht zu den stärksten Songs von Dylan zähle – zu verschwommen ist mir die Aussage, zu einfach und harmlos erscheinen mir die Bilder – so liegen ihm doch der Song und die Person am Herzen. Und möglicherweise ist das Ganze dann doch sein Kommentar zum Medien-Overkill der Horrorclowns.

Und am Ende dann tauchte beim Eröffnungskonzert das wunderbare „Long And Wasted Years“ in den Zugaben auf, wurde aber leider bald durch das natürlich legendäre „Ballad Of A Thin Man“ ersetzt.

Die Band und die Musik
Ein Abgang, zwei Neuzugänge sind zu verzeichnen. Fast 20 Jahre trommelte der sympathische George Receli für Dylan. Nach dem wunderbaren „Tier am Schlagzeug“ Winston Watson, dem der etwas farblosen David Kemper folgte, war George wieder einer, der zum Fanliebling wurde. Er spielte mehrere Platten ein und wirkte auch in Videos und Filmen zusammen mit Dylan. Schon schade, aber wie gesagt, die Dinge ändern sich. Neu an seiner Stelle ist Matt Chamberlain, ein profunder Studio- und Livemusiker, ein alter Hase, der schon mit Pearl Jam, Tori Amos, The Wallflowers und Elton John zusammengearbeitet hat. Und mit Bob Britt ist wieder einmal ein zweiter Gitarrist dabei. Auch er ein alter Fahrensmann (Leon Russell, Dixie Chicks, John Fogerty). Die beiden geben dem Sound neue Impulse, aber auch Dylan wirkt ein, indem er zum Beispiel selber beim Opener zur Gitarre greift – zuletzt sogar beim zweiten Song ebenfalls – oder Donnie Herron ein bisschen aus dem Schattendasein holt und dessen Violinenspiel nun viel mehr der Melodieführung als dem Lücken füllen dient. Und auf seiner alten Tage scheint Dylan sogar serviceorientiert vorzugehen. Erstmals seit vielen Jahren stellt er die Band wieder vor. Das kann sich aber auch wieder ändern, denn irgendwann sollten die neuen Mitglieder bekannt sein und dann wird sich der Meister womöglich auch diese wenigen gesprochenen Worte wieder sparen.

Dylans Gesang bleibt auf den Niveau des Sommers und so ergeben sich aus dieser neuen Gesamtkonstellation wieder typische Dylan-Konzertmomente: Hohe Kunst wechselt sich ab mit solidem Handwerk und gescheiterten Versuchen der Neubelebung des Altbekannten. Soviel Risiko geht weiterhin unter den Altmeistern nur ein. Und daher strebt Dylan immer weiter nach vorne, immer weiter. Für die sicheren Nummern sind andere zuständig. Und wir beobachten das ganze sehr erfreut. Dylan is on his road again!

The Band – Sondereditionen zum 50. Geburtstag des „braunen“ Albums

5. Oktober 2019

Nachdem Bob Dylan und „The Band“ 1967 im Keller von Big Pink mit den Basement Sessions das „Americana“ schufen – noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil Dylan die Bänder erst 1975 veröffentlichen ließ – war es an der kanadisch-amerikanischen Truppe das neue Genre dem Publikum vorzustellen. 1968 erschien ihr Debüt-Album „Music From Big Pink“, das tatsächlich noch sehr den Geist des Kellers in Woodstock atmet. Und im selben Jahr traten sie dann mit Bob Dylan beim Woody Guthrie-Tribute anlässlich des Todes der Folk-Ikone auf. Auf diesem Blog habe ich vor zwei Jahren auf den Zeitraum 1967/68 verwiesen: https://cowboyband.blog/2017/12/28/vor-50-jahren-die-geburt-des-americana/

Die Geburtsjahre des „Americana“
1969 im Woodstock-Jahr führen die Protagonisten inmitten der Psychedelic-Welle ihre Arbeit an Americana und Country-Rock fort. Während Dylan mit „Nashville Skyline“ im April bereits seine Hinwendung zur Countrymusik dokumentierte (er nahm im Februar 1969 mit Johnny Cash auf, die Sessions werden nun endlich in wenigen Wochen, am 1. November, veröffentlicht!) erschien im September 1969 das zweite, das „braune“ Album der Band. Nachdem „The Band“ bei Woodstock aufgetreten waren, sie durch die Schnappschüsse von Elliott Landy sich auch optisch als „American Pilgrims“ stilisiert hatten, war die Zeit reif für „The Band“. Das zweite Werk von Levon, Robbie, Richard, Garth & Rick wurde in einem Atemzug mit dem weißen Album von John, Paul, George & Ringo genannt, was die Entwicklung der Pop- und Rockmusik anging. Insbesondere Eric Clapton war und ist des Lobes voll.

Robertson kuratiert die Neuausgabe und verarbeitet die Vergangenheit
Während also zum 50. Jubiläum von Nashville Skyline und den Dylan/Cash-Sessions letztere endlich veröffentlicht werden, wird auch das braune Album entsprechend gewürdigt. Unter dem Kuratel von Robbie Robertson wurde das Album neu gemischt, einige Bonus Tracks zusammengetragen und vor allem: Erstmals wird das Woodstock-Konzert von „The Band“ offiziell veröffentlicht.

Diese ganze Jubiläums-Kiste hat wohl Robbie Robertson indes so beschäftigt, dass er unter dem Titel „Once Were Brothers“ sowohl an einem Dokumentarfilm über seine Zeit mit „The Band“ mitwirkte, als auch einen Song schrieb. Beides an seiner Biographie „Testimony“ angelehnt. Der mittlerweile 76-jährige erzählt seine Version der Geschichte von „The Band“, nachdem Levon Helm in seiner Biographie „This Wheel’s On Fire“ Robertson schwere Vorwürfe machte bezüglich Songrechten und Bandleader-Allüren. Jahrelang waren die beiden zerstritten und legten die Fehde erst an Helms Totenbett im Jahr 2012 bei. Der Schreiber dieser Zeilen hat den Film, der am 5. September Premiere hatte, bislang noch nicht sehen können, aber was man hört, scheint Robbie einiges auf den angeblichen Drogenkonsum der anderen Bandmitglieder zu schieben. Wir werden sehen, wie wir das einzuschätzen haben, und uns hier wieder zu Wort melden.

Erscheinungsdatum 15. November
Wie auch immer, am 15. November erscheinen nun eine Reihe von 50th Anniversary Edition-Packages: ACD, Blu-ray, Doppel-Vinyl, 7-Inch-Boxset mit gebundenem Buch und vieles mehr. Auch hierfür gilt: Wir werden es hören und auch dazu hier wieder von uns hören lassen. 50 Jahre danach ist die Geschichte und die Musik von „The Band“ wieder neu zu entdecken. Und das ist gut so.

Marc Cohn And Blind Boys Of Alabama: Work To Do

4. Oktober 2019

Der Singer-Songwriter und das Gospel-Quartett brillieren live und im Studio

Die Blind Boys Of Alabama gehören zu den legendären Gesangsgruppen in der Tradition des vierstimmigen Gospel-Satzgesanges. Bei uns hier am populärsten ist sicher das Golden Gate Quartett. Eine weitere legendäre Gruppe waren die Five Blind Boys Of Mississippi. Doch während letztere in den 1990ern ihre Karriere beendeten, nachdem das letzte Gründungsmitglied verstorben war – mehr als 60 Jahre waren sie aktiv – gibt es die Blind Boys Of Alabama dank einiger Neubesetzungen immer noch. Und das ist gut so, denn ihr Gospelgesang ist immer noch bewegend, präzise und ausdrucksstark.

Marc Cohn ist hier zulande vor allem wegen „Walking In Memphis“ bekannt. Sein wunderschöner Song voller Südstaaten-Musik-Feeling – Elvis Presley, W.C. Handy, Beale Street, Catfish, Reverend Al Green – wurde ein Riesenhit. Doch Cohn als „One Hit Wonder“ zu bezeichnen, wäre ungerecht. Denn Cohn ist ein interessanter Singer-Songwriter, der sich stark in der Blues, Soul- und Americana-Musik verortet und noch dazu fast unermüdlich in den Jahren live unterwegs ist. Nur seine Discographie ist bislang recht übersichtlich geblieben.

Beide Acts haben nun zusammen ein Album herausgebracht. „Work To Do“ ist ein erfreuliches Highlight geworden. Cohn hat den Blind Boys Songs und Arrangements auf den Leib geschrieben und zeigt selber wieviel Soul und Gospel er in der Stimme hat. Drei Songs sind im Studio aufgenommen worden, der Rest live im Katharine Hepburn Cultural Arts Center in Old Saybrook, CT, im Rahmen der PBS-Konzertreihe »The Kate«.

Cohn und die Jungs harmonieren auf das Beste, so dass das Album 10 hörenswerte Songpretiosen enthält. Darunter faszinierende Versionen von „Ghost Train“ und „Walking Ihn Memphis“. Und auch sehr schön: Cohns Soloauftritt mit „Listening To Levon“, seinem Song über Levon Helm von „The Band“. Und natürlich darf auf solch einem Album auch nicht eines der schönsten Spirituals überhaupt fehlen: „Amazing Grace“, das durch den Gesangsvortrag von Barack Obama bei der Gedenkfeier für die Toten von Charleston noch bedeutender für die schwarze Community geworden ist. Hier in einer ungewöhnlichen und spannenden Version, die von der Melodie sogar etwas an „House Of The Rising Sun“ erinnert.

Perfekt produziert hat das wunderbare Album John Leventhal, der Ehemann von Rosanne Cash. Und für Dylan-Fans ist noch ein Detail interessant. Am Bass der Live-Band war niemand geringeres als Tony Garnier, seit 30 Jahren Bandleader von Dylans-Tourband.

Starke Stimmen, starke Frauen, starkes Festival

29. September 2019

39. Lahnsteiner Bluesfestival bot Programm der Extra-Klasse/ Blues-Louis an Brian Auger

Ali Neander’s Blues Bang & Friends

Am Ende waren es neben einem Rock-Veteranen vor allem die starken Frauenstimmen, die die 39. Auflage des Lahnsteiner Bluesfestivals prägten: Ann Vriend, Jessica Born (als Teil von Ali Neander’s Blues Band & Friends) und Shakura S’Aida begeisterten das Publikum mit perfektem Soul- und Bluesgesang, Brian Auger wurde für sein Lebenswerk mit dem Blues-Louis ausgezeichnet.

Den Auftakt des wie immer von Arnim Töpel souverän und humorvoll moderierten Abends in der Lahnsteiner Stadthalle machte die Kanadierin Ann Vriend. Zweifellos mit großem Talent ausgestattet, schöpfte sie an diesem Abend dieses jedoch nicht voll aus. Sie lieferte eine gute Show ab, die noch hätte besser sein können. Sie zeigte schöne Ansätze eines anspruchsvollen Pop-Souls und glänzt durch ideenreiches Songwriting , doch mit den Vergleichen mit Aretha Franklin, die ihr im Vorfeld zugeschrieben wurden, tut man ihr keinen Gefallen. Unterm Strich bleibt ein Auftritt, der auf eine sehr positive Resonanz im Publikum traf und Interesse macht, zu schauen, wie sich ihr Talent weiter entwickeln wird.

Ali Neander’s feine Band und Jessica Borns beeindruckende Gesangsleistung
Dann der erste Knaller des Abends: Ali Neander’s Blues Bang & Friends. Mit Jessica Born am Gesang, Felix Zöllner mit Vocals und Harp, Raoul Walton am Bass, Marcel Millot an den Drums, Markus Lauer an der Orgel, Biber Herrmann mit Gitarre und Gesang sowie dem Bläser-Set mit Tommy Schneller (Saxophone, Vocals), Gary Winters (Trompete) und Dieter Kuhlmann (Trombone). Hier wurde in mehrfacher Hinsicht mit dem ganz großen Besteck operiert. Nach einem tollen Solo-Beginn mit „I Got My Mojo Working“ von Biber Herrmann, bei dem er seine faszinierenden Gitarrenkünste eindrucksvoll unter Beweis stellte, und einem feinen Zweierauftritt mit Ali Neander, kam der Rest der Band auf die Bühne und es ging die Post in Sacken Blues-Rock und Soul ab. Insbesondere Sängerin Jessica Born begeisterte, in dem sie alle ihre stimmlichen Register zog und die sind enorm: da ist Soul und Blues in der Stimme, da ist Power, Gefühl und viel Seele.

Doch auch das konnte nur funktionieren mit einer perfekten Bandleistung: Die präzise Rhythmus-Sektion war präzise, Neanders Gitarrenspiel ebenso druckvoll wie einfallsreich und der Bläsersatz ergänzte mit starkem Timing. Zweite gesangliche Entdeckung des Auftritts von Neanders Blues Bang war Tommy Schneller, der mit seinem einzigen Solo-Vortrag stimmlich zwischen Stevie Wonder und Dr. John reüssierte. Denn für den Gesang war ja eben Jessica Born und daneben auch Felix Zöllner zuständig, der ansonsten an der Harp brillierte. Und so spielte sich das Ensemble durch viele Blues- und Soul-Klassiker u.a. von Sam & Dave sowie Howlin‘ Wolf.

Brian Auger mit Lilliana de los Reyes

Pete Yorks humorvolle Laudatio zur Preisverleihung an Brian Auger
Zum 21. Mal wurde dann der Blues-Louis vergeben. In diesem Jahr erhielt ihn Orgel-Rock-Veteran Brian Auger für sein Lebenswerk zur Entwicklung der Orgel in der Rockmusik. Laudator war der Blues-Louis-Preisträger von 2014, Pete York, und gemeinsam sorgten sie – da waren sich die Beobachter einig- für die bislang beste und unterhaltsamste Blues-Louis-Verleihung überhaupt. Wie die beiden Rock-Veteranen sich voller britischem Humor die Bälle zuspielten – da blieb kein Auge trocken und keine Pointe ungesetzt. Ein ganz großer Spaß.

Auch der folgende Auftritt von Brian Auger und Oblivion Express war perfekte Unterhaltung. Auger ist auch mit 80 Jahren voller Energie und Spielfreude, dabei blitzt ihm der stets der Schalk im Nacken. Dylan-Fans ist Brian Auger natürlich auch wegen seiner von Julie Driscoll gesungenen Version von „This Wheel’s On Fire“ bekannt, die 1968 zum einem großen Hit wurde. Die Rolle der Sängerin übernahm an diesem Abend Lilliana de los Reyes, die Ex-Santana-Sänger Alex Ligertwood vertrat. Wobei sie mehr als eine Vertretung war. Ihr perfekter, gefühlvoller Gesang und ihre optische Präsenz setzte Zeichen, und dabei hat sie Talent und Kontur genug, der Gefahr zu trotzen, möglicherweise nur als hübsches Beiwerk den genialischen Maestro an der Orgel wahrgenommen zu werden. Denn sie stammt schließlich aus einer großen kubanischen Musikerdynastie. Ihr Vater Wally ist ein legendärer Drummer und ihr Großvater Walfredo arbeite u.a. mit Linda Ronstadt und Steven Winwoord zusammen.

Shakura S’Aida

Shakura S’Aida setzt einen selbstbewussten und begeisternden Schlusspunkt
Der Abend schloss dann mit einer weiteren starken Frauenstimme. Shakura S’Aida brachte zu fortgeschrittener Stunde den Saal zum Kochen und Singen. Mit ihrem musikalisch abwechslungsreichen Mix aus Soul, Blues und Rock bildete sie alle menschlichen Emotionen ab. Sie war Entertainerin, Diva und Wildkatze. Vor allem aber eine selbstbewusste schwarze Frau, die stets die Kontrolle darüber behält, was sie macht. Und was sie macht, macht sie, weil sie es will und sie macht es gut. Mit „Gechee Woman“, „Don’t Tell Mama Where Her Children Hide“ oder „Devil Only Know My First Name“ heizte sie mit mit einer mitreißendne Performance voller souveränen Körperlichkeit dem Publikum ein, brachte die Halle zu toben und setzte dem großartigen Programm des diesjährigen Lahnsteiner-Bluesfestival einen großen und würdigen Abschluss.

Bei der Güte dieser Auftritte fragt man sich, wie das Ganze im kommenden Jubiläumsjahr noch getoppt werden soll. Doch wenn es das jemand schaffen kann, dann die klugen und kenntnisreichen Organisatoren dieses Festivals!

Brot und Rosen

6. September 2019

Das neue Cuppatea-Album „Silberstreif“ enthält auch Querbezüge zu Bob Dylan und Americana

Entscheidend zu Kultur der amerikanischen Arbeiterlieder und Protestsongs beigetragen haben die „Wobblies“ genannten Mitglieder und Aktivisten der IWW (Industrial Workers oft he World). Aus ihrer Bewegung heraus – die Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals Geschlechter-, Rassen-, Herkunfts- und Branchenübergreifend Arbeiterinnen und Arbeiter organisierte – entstanden unzählige Gewerkschafts, Arbeiter- und Protestsongs, die sich dann im berühmten „Little Red Songbook“ der IWW wiederfanden. Neben den Songs des charismatischen Gewerkschaftsführers und Songwriters Joe Hill (der wiederum selbst besungen wurde) ist es vor allem das Lied „Bread and Roses“, das zum Klassiker geworden ist.

Der Slogan „Brot und Rosen“ stammt aus einer Rede der New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman im Jahr 1911. Ihr ging es nicht nur um mehr Lohn, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiterinnen. Der Slogan fand Eingang in das Gedicht „Bread and Roses“ von James Oppenheim. 1912 wurde Brot und Rosen eine Streik-Parole und wurde auch als Lied mit dem Streik von mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence, Massachusetts bekannt. Seitdem wurde das Lied zu einem Klassiker der Internationalen Gewerkschaftsbewegung und der Frauenbewegung

Das Gedicht „Bread and Roses“ von Oppenheim wurde 1976 von Mimi Fariña, der Schwester von Joan Baez vertont, und von verschiedenen Interpreten und Interpretinnen wie Judy Collins, Ani DiFranco, John Denver oder eben auch Joan Baez aufgenommen. Die bekannteste Übertragung ins Deutsche schuf 1978 von Peter Maiwald. Renate Fresow vertonte es neu.

Nun hat „Cuppatea“ aus Münster das Lied neu aufgenommen. Das Duo, das sich vor allem auch dem politischen Lied verschrieben hat, spielt auf seinem neuen Album „Silberstreif“ eine wunderschöne Version, die dem auch in Deutschland oft gebrauchten und gehörten Kampflied neue, lyrische und ästhetische Seiten abgewinnt. Getragen wird ihre Fassung von der ausdrucksstarken und klaren Alt-Stimme von Sigrun Knoche. Melodisch orientieren sich Sigrun Knoche und ihr Partner Joachim Hetscher eindeutig an der Originalmelodie, so wie sie auch Joan Baez gesungen hat.

„Brot und Rosen“ ist übrigens auch in die Filmwelt eingegangen. So wurde der Song ein wichtiger Teil des Films „Pride“ aus dem Jahre 2014, der die Geschichte der Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ während der britischen Bergarbeiterstreiks in den 1980er Jahren erzählt. Und die englische Regie-Legende Ken Loach nahm den Slogan als Titel für seinen Film aus dem Jahr 2000 über die illegalen Einwanderin Maya, die sich in den USA für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ihrer rechtlosen Kollegen einsetzt.

„Silberstreif“ ist natürlich kein „Americana-Album“, aber wegen seiner schönen Folkmusik mit politischer Haltung ohnehin hörenswert. Zwei weitere Songs sind für mich neben „Brot und Rosen“ als Americana- und Bob Dylan-Apologeten ebenfalls besonders interessant. Der zweite Song auf dem Album heißt „Ich warte auf den Bus“ und ist eine deutsche Übersetzung von „Waiting For The Bus“ von „Chumbawamba“. Das Lied erzählt die Geschichte des Afroamerikaners Gary Tyler, der als Opfer der Rassenjustiz in einem obskuren Prozess des Mordes für schuldig befunden wurde und erst nach vier Jahrzehnten durch den Einsatz von Menschenrechtsorganisationen im Jahre 2016 frei kam. Eine Geschichte, die sich einreiht in die Erzählungen über Emmett Till, Hattie Caroll, Medgar Evers oder Rubin „Hurricane“ Carter, die allesamt Opfer des Rassismus in den USA wurden und deren Schicksal unter anderem auch durch die Songs von Bob Dylan einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.

„Wild Mountain Thyme“ schließlich, das alte irische Volkslied, das Joachim Hetscher hier sehr ruhig und zurückgenommen singt- nur im Chorus von Sigrun Knoche unterstützt – entfaltet in der Cuppatea-Version eine besondere nachdenkliche Präsenz. Auch Bob Dylan hat diesen Song immer wieder mal im Laufe seiner Karriere ausgegriffen. So gibt es eine Version von 1961 vom Minnesota Hotel Tape, von 1965 mit Joan Baez, von 1969 beim Isle Of Wight Festival. Die schönste Version aber, die Dylan von diesem Traditional aufgenommen hat, stammt von der Rolling Thunder Revue 1975. Eine schwungvolle midtempo-Version mit Joan Baez. Sicher dürfte seine Liebe zu dem Song auch durch seine Freunde von den Clancey Brothers beeinflusst worden sein, die den Song 1962 aufnahmen und Anfang der 1960er Jahre von New York aus zum Revival der irischen Folkmusik beigetragen haben.

Das Album „Silberstreif“ von Cuppatea ist über die Website http://www.cuppatea.de erhältlich.

Cuppatea beim Pete Seeger Tribute in Darmstadt:

Bob Dylan, Joan Baez & The Rolling Thunder Revue: Wild Mountain Thyme

Bob Dylan war nicht dabei

16. August 2019

Bob Dylan und 50 Jahre Woodstock: Beschreibung eines Verhältnisses und Einordnung in die gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA.

Nein, ich kann mich nicht erinnern 1969 irgendetwas von Woodstock

Woodstock 1969, Photo Credits: Wikimedia Commons

miterlebt zu haben. Das liegt an meinem Alter – ich war noch nicht einmal sechs Jahre alt – als auch an meinen Eltern, die der Vor-Woodstock-Generation entstammten und mit den damaligen gesellschaftlich-kulturellen Umbrüchen nichts anfangen konnten. Aber ich habe mich auch in den Folgejahren nie sehr leidenschaftlich um Woodstock gekümmert. Ja, Woodstock war halt wichtig. Und bei den älteren, langhaarigen Schülern auf dem Gymnasium ließ man sich schon gerne mit dem Woodstock-Album sehen. Aber mich berührte das nicht sonderlich, auch wenn der eine oder andere Auftritt – Joan Baez mit Drugstore Truck Drivin‘ Man (gegen Ronald Reagan) oder Country Joe McDonalds Anti-Vietnam-Hymne „Fell Like I’m Fixin‘ To Die“ – mir schon imponierte.

Bob Dylan floh vor dem Woodstock-Festival
Als ich Mitte/Ende der 1970er Bob Dylan für mich entdeckte, bekam ich schon recht schnell mit: Der war ja gar nicht bei Woodstock dabei. Der floh regelrecht davor. Obwohl es ja in Woodstock stattfand, weil er ja da wohnte. Der Messias der Rockmusik, der zu dieser Zeit sich vor der großen Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, wollte mit den Hippies nichts zu tun haben. Den „Summer Of Love“ 1967 verbrachte er mit „The Band“ im Keller und spielte alte Folk, Blues, Country-, Gospel- und Rock’n’Roll-Nummern, die erst Jahre später als „The Basement Tapes“ veröffentlicht wurden. Und während draußen die Psychedelic-Rockwelle tobte, da schrieb er einfache, kleine Folk- und Country-Songs (im Vergleich zu seinen textlich-überbordenden Mittsechziger Werken) und veröffentlichte 1968 „John Wesley Harding“. 1969 ging er sogar ins konservative Nashville und veröffentlichte „Nashville Skyline“. Woodstock, so sagte er später, war für ihn „nur ein großer Markt für Batik-Shirts“.

Doch dieser Bob Dylan, der damals gerade seine Inkarnation als Familienvater durchlebte, war in der Tat ein Wegbereiter für die Gegenkultur, deren Ausdruck Woodstock auch war. Er kaperte Anfang der 1960er das Folk-Revival und befeuerte dessen Politisierung durch Protestsongs mit einer lyrischen Qualität und einer Dringlichkeit der Botschaften, die überwältigend war. Er komponierte den Soundtrack der rebellischen Jugend, die sich mit den benachteiligten Schwarzen solidarisierte und gegen die Kriegsgefahr protestierte. Seine Songs über „Hattie Caroll“ oder den „Masters Of War“ sind unerreichte Meisterwerke, die die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt bringen, ohne sich in dumpfen Plakatismen und Wortdrechseleien zu ergehen.

Er war es aber auch, der der Vater aller Nonkonformisten wurde. Teils aus Eigenschutz, weil er als 22-Jähriger eben nicht die Kraft und den Willen besaß, zu einer politischen Führungsfigur – Che Guevara mit Gitarre? – zu werden, wie es einige gerne gesehen hätten und daher Druck auf ihn ausübten. Teils aus tiefer Überzeugung als autonomer Künstler, der sich seine Subversivität gegen alle mächtigen Institutionen erhalten wollte.

Er war es dann aber auch, der das Folk-Revival sprengte und die Bedeutung des Newport-Folkfestivals zum Implodieren brachte. Als er seine Gitarre 1965 einstöpselte, wurde er für die puristischen Folkies zum Judas. So schrie es einer 1966 in Manchester heraus. Gleichzeitig ebnete er der intelligenten Rockmusik den Weg. Er dichtete weiterhin gesellschaftskritisch, aber weniger tagespolitisch, weniger direkt politisch verwertbar. Dass die Botschaften dieser Songs wie „Subterranean Homesick Blues“ oder „It’s Alright Ma“ vielleicht noch radikaler waren, als die frühen Protestsongs, zeigten die Bereitschaft der linken militanten „Weathermen“ sich für ihren Namen bei einer Liedzeile von „Subterranean“ zu bedienen oder die Begeisterung von Black Panther-Anführer Huewy Newton für Bob Dylans Mittsechziger Rockmusik.

Er trug kulturell dazu bei, dass sich eine neue Linke entwickelte. Pete Seeger – bis heute ist nicht geklärt ob er wirklich mit der Axt bei Newport 1965 die Stromleitung kappen wollte – stand für die alte Linke. Dylan stand für eine individualistische, hedonistische und undogmatische Linke. Für sie war er einer der ihren, dessen Ruhm und Legende in seiner Abwesenheit nach seinem Motorradunfall und während seiner Elternzeit immer größer wurde, obwohl er jetzt andere, traditionellere Musik machte. Aber auch „All Along The Watchtower“ vom Album „John Wesley Harding“ war ja nichts anderes als das gegen die verwaltete Welt gerichtete „Sesam, öffne dich, ich will hinaus“, das sowohl gegen den westlichen Kapitalismus, als auch den gegen den Gesellschaftsentwurf des poststalinistischen Ostens rebellierte. Dylan war einfach nicht eins mit dieser Welt und lieferte so den Soundtrack des Generationenaufstandes Ende der 1960er.

Isle Of Wight statt Woodstock: Bob Dylan 1969

Woodstock-Generation und Neoliberalismus
In Woodstock – von jeher eine Künstlerkolonie – siedelten sich aus Verbundenheit zu ihrem Idol und Wegweiser Dylan, dann auch eine ganze Reihe weitere Musikerinnen und Musiker an. Und das war wiederum der Anlass für die Geschäftsidee von Michael Lang und Artie Kornfeld, die dort ein Tonstudio einrichten wollten, um von der Künstlerdichte zu profitieren. Sie fanden die jungen Finanzinvestoren John P. Roberts und Joel Rosenman und das Phänomen Woodstock ’69 nahm seinen Lauf. Von Anfang an war es beides. Sowohl ein Symbol der Gegenkultur, und der notwendigen Befreiung von überkommenen gesellschaftlichen Zwängen, als auch ihr Ende und der Anfang eines kommerzialisierten Mainstreams, der zumindest ein Jahrzehnt lang Glaube und Hoffnung gab, man könne die Gesellschaft verändern. Dann kamen Reagan (der Truckfahrer wurde US-Präsident), Thatcher, Kohl und begruben die Träume und in den 1990ern waren es Teile der Generation Woodstock, die mit dazu beitrugen, dass der Neoliberalismus auch in alten und neuen linken Organisationen seinen Siegeszug antrat. Clinton, Blair, Schröder, Fischer hatten sich mit dem Kapitalismus arrangiert.

Wie besinnungsloser Neoliberalismus die Globalisierung strukturiert, das konnte man schon in 1980ern sehen und spätestens mit Finanz-, Klima-, und Flüchtlingskrise ist unsere Art des Wirtschaftens kollabiert. Sie erfüllt nicht die Bedürfnisse der Menschen. Sie schafft Wohlstand nur in wenigen Zentren. Sie schafft Armut in der dritten Welt. Aber sie lässt auch in den wohlhabenden Zentren Wenige immer reicher werden. Und sie zerstört unseren Planeten.

Die Wohlstandsschere klafft immer weiter auf. Während soziale Ungleichheit für linksliberale Milieus aber so gut wie kein Thema ist, werden Geschlechtergerechtigkeit, Diversität und Klimaschutz von einflussreichen Kreisen den Globalisierungsverlierern zum Fraß vorgeworfen. Trump, Johnson, Gauland sind Männer des alten weißen Establishments, die für ihre Spielchen genug verzweifeltes Stimmvieh und Fußvolk finden. Es sind Vertreter von bestimmten Kapital- und Oberschichtenfraktionen.

Deren Kampf gegen den Linksliberalismus ist aber auch ein Kampf gegen jede linke Utopie, weil sie die hassen und der Linken die Ausgangsbedingungen nehmen wollen. In rechten autoritären Systemen werden die Linken im Gefängnis sitzen. Daher muss die Linke erstmal mit den demokratischen Kräften gegen den Siegeszug der neuen Rechten angehen. Aber es muss auch immer klar sein: Alle diese Probleme – Klimakrise, Flüchtlingselend, soziale Ungleichheit, Rassismus und Sexismus sind direkte oder indirekte Folgen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrem ungezügelten Durchgriff auf alle gesellschaftlichen Bereiche: Arbeit, Freizeit, Familie, Kultur, Gesellschaft. Das muss breit in der Gesellschaft diskutiert werden. Es geht um mehr als um den Status Quo oder die vermeintlich „schöne Zeit“ vor 2015.

Bob Dylan als Globalisierungskritiker
Bob Dylan hat sich auch nach seiner Protestphase immer mal wieder konkreter zur politischen Situation geäußert. Er hat mit „Union Sundown“1983 frühe Globalisierungskritik geäußert und hat 1985 beim Heiapopeia-Live Aid auf die Existenzprobleme der US-Farmer aufmerksam gemacht. 1993 hat er für Clinton bei dessen Inauguration gespielt, weil er sich von ihm Verbesserung erhoffte. Wie enttäuscht er als Vertreter des alten New Deals vom Neoliberalismus der Baby-Boomer sein musste, bewies seine Weigerung, in den allgemeinen Obama-Hype miteinzustimmen. Sein Song „Workingman’s Blues #2“ von 2006 ist eine klare Analyse des Niedergangs des Proletariats in Zeiten der Globalisierung und sein „Early Roman Kings“ von 2012 zeigt auf, dass Banker, Mafia oder Gangsta nur verschiedene Seiten derselben kapitalistischen Medaille sind.

Seit 2012 hat Dylan keine neuen Lieder mehr veröffentlicht, keine aktuelle Textstelle, die sich als Reaktion auf Trump werten ließe. Doch Bob Dylan hat auch zu Trump in seinen Liedern schon alles gesagt. Dylan steht für ein anderes Amerika, als es Trump will.

Die Linke muss sich neu erfinden während Bob Dylan zeitlos ist
Michael Lang ist mit seiner Woodstock-Neuauflage krachend gescheitert. Dylan war 1994 dabei, dass funktionierte noch irgendwie während des Baby-Boomer-Optimismus der ersten Clinton-Jahre. 1999 beim 30-Jährigen wurde Woodstock zur Tragödie, als von massiven sexuellen Übergriffen und Desorganisation die Rede war. Nun wurde Langs letzter Anlauf zur Farce. Ohne Geld, ohne Künstler, ohne Festivalgelände.

Ein guter Anlass, über die heutige neue Linke in den USA nachzudenken. Die Woodstock-Generation und ihre Protest- und Lebensformen helfen nur bedingt in der politischen Auseinandersetzung für einen sozial-ökologischen New Green Deal. Über vieles ist die Zeit hinweg gegangen. Und viele aus der Woodstock-Generation gehören heute zum Establishment. Und es hat auch seinen Grund, dass das Silicon Valley in der San Francisco Bay Area zum Ursprung der absoluten Herrschaft von Apple, Google, Microsoft und Co wurde. Denn der Siegeszug des Neoliberalismus hat seine Ursachen auch in den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er Jahre. Deren Umbrüche führten zu einer gesellschaftlichen Modernisierung, die in einigen Teilen eben bestens kompatibel zum Kapitalismus war.

Und so ist auch über viele Protagonisten der damaligen Gegenkultur die Zeit hinweg gegangen. „Love and Peace“ reichte damals nicht und reicht auch heute nicht zu einer Strategie für tiefgreifende gesellschaftlichen Veränderungen, die auch die Produktions- und Besitzverhältnisse in den Blick nehmen. Darum ist die ewige Beschwörung des Woodstock-Mythos auch so schal. Man muss Woodstock wichtiges Ereignis seiner Zeit mit einer gewissen Wirkung und Bedeutung würdigen. Man kann in Erinnerungen schwelgen und sich an der Musik erfreuen. Man muss aus dem Lernen, was es gewesen ist und was es nicht gewesen ist. Aber immer weiter eine nostalgieselige Überhöhung zelebrieren muss man nicht. Die Welt hat sich in 50 Jahren weitergedreht.

Bob Dylan hat damals nicht dazugehört. Und das macht ihn heute aktueller denn je. Er ist aktueller, weil er die universellen Fragen stellt, die seit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft von Shakespeare, Goethe, Brecht, von Marx, Marcuse und Adorno gestellt wurden. Er hat sich daher immer dem Zeitgeist entzogen – abgesehen von seiner christlichen Phase mit der ich nie ganz meinen Frieden schließen werde – war er ihm oftmals voraus und ist somit zeitlos geblieben. Bob Dylan war nicht bei Woodstock dabei gewesen und es war gut so!

„The Queen Of The City“

26. Juli 2019

Anita Honis-Bohländer (Standbild aus „The Queen Of The City“ von Lorelay)

Im Dezember 2018 verstarb die Sängerin und Gastwirtin Anita Honis-Bohländer. Nun hat ihr die Frankfurter Singer-Songwriterin Lorelay eine filmische Hommage gewidmet. „The Queen Of The City“ hat am 27. Oktober Premiere.

Sie war der Fixpunkt einer bunten Künstlerszene. In ihrem Lokal Balalaika in Sachsenhausen gaben sich viele Musiker aus der Mainmetropole ein Stelldichein und bis zuletzt war sie eine Art Mutterfigur dieser Szene. Abend für Abend war sie nicht nur die großherzige und verständnisvolle Gastgeberin, sondern liebte es, auch zur Gitarre zu greifen, um Blues- Soul- und Jazzsongs zu singen.

Ihr Tod im Dezember vergangenen Jahres machte viele traurig, weil dies für viele Menschen einen großen Verlust darstellte. Auch für die mittlerweile in Berlin lebende Frankfurter Singer-Songwriterin Lorelay. Die junge Frau hat nun ihren eigenen Weg gefunden, diese Trauer zu verarbeiten und diesen Verlust einzuordnen. Sie hat eine filmische Hommage an Anita Honis erstellt, die am 27. Oktober in Frankfurt Premiere hat.

„Ich hatte für mich selbst das Gefühl, dass Anita trotz einer wunderschönen Trauerfeier mit vielen Gästen nicht die Ehre zuteil geworden war, die sie verdient hatte. Ich hatte das Bedürfnis mit Menschen die sie ebenfalls kannten über sie zu sprechen, mehr zu erfahren.“ Das war der Ausgangspunkt für die junge Musikerin und dem Projekt „The Queen Of The City“. Ich wand mich an die in Berlin lebende Elisabeth Ok, die einige Jahre zuvor über Anitas Ehemann, Carlo Bohländer, einen Film gedreht hatte. Zu meiner großen Freude besaß Elisabeth Ok noch filmisches Archivmaterial von Anita und war so großzügig mir dieses zur Verfügung zu stellen.“

Mit diesem Grundstock begann sie, Bekannte und Freunde von Anita zu interviewen, unter anderem deren langjährige Freundin Sylvia Wunderlich. Man erfährt in dem Film einiges über den Menschen Anita Honis, der stets einen Rat oder ein freundliches Wort für ihre Schützlinge und Gäste hatte. In ihrer Balalaika- Bar, die für viele Künstler zum Treffpunkt wurde. Und man erfährt viel davon, wie sehr sie die Menschen verehrt haben und was für diese Menschen das Besondere an Anita Honis war.

„Und so wurde aus einem sehr persönlichen Lied, einem letzten Gruß an meine ganz persönliche Schlüsselfigur in die Welt der Musik und des Jazz, ein Film, „The Queen of the City“. Benannt nach meinem Lied für Anita“, beschreibt Lorelay die Entstehung des Films.
Lorelay selbst hatte in der Balalaika-Bar einen ihrer ersten Auftritte und ist ihr bis heute verbunden: „Die Balalaika ist an sich schon ein besonderer Ort, aber wir alle kamen dort wegen Anita hin. Sie war es, die uns ermutigte zu spielen, sie war es, die uns das Gefühl von Zugehörigkeit gab, davon willkommen und wertvoll zu sein. Wir kommen alle heute noch immer in ihre Bar, weil wir ihrem Geist nahe sein wollen. Und weil wir John, ihren Sohn sehen wollen. Es ist immer noch wie zu Hause, auch wenn sie sehr fehlt.“

Der Film von Lorelay, der am Sonntag, 27. Oktober, in der Frankfurter Art-Bar Premiere hat, wird diesen Verlust thematisieren, aber mehr noch: Er ist eine Hommage an eine Frau, die neben ihrer Persönlichkeit auch ihre musikalischen Wurzeln in Blues und Soul an den Main gebracht hat. Wer den Film sieht, wird erahnen, was Frankfurt mit ihr verloren hat.

Und hier der Trailer zu „The Queen of the City“:

„Von Newport nach Woodstock“-Tour gestartet

26. Juli 2019

Reges Interesse am Special Event „50 Jahre Pop & Protest“ des d.a.i. Tübingen

Vortrag in Tübingen, Photo Credits: Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen

Er war der Aufgalopp zu vier Veranstaltungen im zweiten Halbjahr 2019, die das Jubiläum „50 Jahre Woodstock“ zum Anlass nehmen, sich mit der Wirkung und der Perspektive der Protestkultur der 1960er Jahre zu beschäftigen und bei denen ich vortragen darf: Der Special Event „50 Jahre Pop & Protest“ des Deutsch-Amerikanischen Institutes in Tübingen am Freitag, 19. Juli. Im gut gefüllten Veranstaltungssaal des d.a.i Tübingen referierte ich zur Vorgeschichte, den Entstehungsbedingungen sowie Wirkung und Wirklichkeit des Woodstock-Festivals 1969. Katja Engelhardt und Vanessa Schneider berichteten über „Female Resistance in Pop Music“ heutzutage.

Vom Folk-Revival und „Dylan goes Electric“ über den „Summer Of Love“ zu Woodstock
Ausgehend von der These, dass die 1960er Protestkultur ihren Ursprung im Folk-Revival der späten 1950er Jahre hat, nahm ich das Publikum mit auf eine Zeitreise in die Hoch-Zeit der Protestsongs mit Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan. Mit seiner Hinwendung zum Folk-Rock verlor die Folkbewegung ihren Avantgarde-Status und die Rockmusik mit intelligenten Texten, aber auch der Psychedelic-Rock, der oftmals nicht mehr als der Soundtrack zum eskapistischen Trip war, bestimmten die progressive Musikszene in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Während sich im „Summer of Love“ 1967 ein kurzes Zeitfenster für eine wirkliche Gegenkultur zum kriegführenden, konsumistischen und kapitalistischen Amerika öffnete, war diese politische Hippiebewegung bei Woodstock schon an ihrem Ende angekommen. Nun war auch Love & Peace schon unverbindlich zu konsumieren, und gab den vier Jungs aus Musik- und Finanzszene, die Woodstock organisierten, damit die Gelegenheit ein Festival aus Kommerzinteresse zu veranstalten.

Der historische Witz dabei war, dass das Festival nicht gewollt, sondern aufgrund organisatorischer Unzulänglichkeiten zum „Free Festival“ wurde und somit auch erstmal zu einem finanziellen Desaster für die Beteiligten führte. Aber dennoch, es lebe die kapitalistische Verwertungskette – später rechnete sich das Festival dann wegen Film-, Musik- und Merchandising-Rechten dann doch noch.

Woodstock 1969: Gleichzeitigkeit von Gegenkultur und Konsumismus
Während Bob Dylan vor der Hippie-Seligkeit floh und einige großen Bands wie die Stones oder die Doors das Festival aufgrund der vielen Unwägbarkeiten mieden, waren doch eine Reihe von hochkarätigen Acts dabei. Während die Mehrzahl die Love & Peace-Gefühle streichelte, gab es auch einige dezidiert politische Augenblicke wie Country Joe McDonalds Anti-Vietnam Hymne „Fixin‘ To Die Rag“ oder Joan Baez‘ Spottlied auf Ronald Reagan „Drug Store Truck Drivin‘ Man“. Weitere Ironie des Festivals war, dass Jimi Hendrix das vermeintlich schärfste Statement zum Vietnam-Krieg – die mit E-Gitarre verzerrte Fassung der US-Hymne „Star Spangled Banner“ – später gar nicht so verstanden haben wollte.

Reges Interesse an der Veranstaltung „50 Jahre Pop & Protest“, Photo Credits: Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen

Bei der abschließenden Diskussion erinnerten sich einige Zeitzeugen, wie wichtig diese Jahre für ihre Entwicklung als kritische Menschen waren. Und so lautet das Resümee des Vortrags denn auch: Ja, Woodstock war auch ein Ausdruck der Gegenkultur, die für ein paar Jahre durchaus gesellschaftliche Kraft erlangte. Aber es zeigte auch an, dass die Rockkultur zum Mainstream wurde, und sich damit hervorragend kompatibel zur kapitalistischen Konsumgesellschaft erwies.

„Female Resistance in Pop Music“
Wie sich politisch-gesellschaftlicher Protest in der heutigen Popmusik zeigt, führten anschließend die beiden BR-Redakteurinnen Vanessa Schneider und Katja Engelhardt aus. In einem Live Podcast zeigten sie anhand von Beispielen von berühmten Mainstream-Künstlerinnen wie Lada Gaga oder Beyoncé, aber auch von dem großen Publikum weniger bekannten Musikerinnen wie Alynda Lee Segarra wie sich Botschaften gegen Rassismus, Sexismus oder Gentrifizierung mittels Popmusik verbreiten lassen. Ein spannender und hörenswerter Vortrag!

Lehren ziehen für heutige gegenkulturelle Strategien
So bleibt das positive Fazit: Veranstaltungen wie die vom d.a.i Tübingen helfen uns, angesichts unserer heutigen Situation mit dem Vormarsch von Autokraten und Rechtsextremen und deren Absicht, die Errungenschaften der 1960er Jahre wieder abzuschaffen, die Vergangenheit einzuordnen und aus den daraus folgenden Schlüssen, Ausgangsbedingungen für eine gesellschaftliche und kulturelle Gegenwehr zu diesen Tendenzen auszuloten sowie Strategien zu diskutieren und umzusetzen.

Weitere Veranstaltungen der „Von Newport nach Woodstock“-Tour sind dann vom 16. bis 20. September in der Gustav Heinemann Bildungsstätte in Malente, am 6. November in der Reihe „Americana im Pädagog“ in Darmstadt sowie am 6./7. Dezember im Weiterbildungszentrum Ingelheim.

They Are Younger Than That Now!

15. Juli 2019

Neil Young und Bob Dylans gemeinsamer Auftritt in Kilkenny

Promo: Veranstalter

Nein, das wird nicht passieren! Träumer, die da denken Bob Dylan und Neil Young würden sich zum Tour-Abschluss die Bühne für einen gemeinsamen Song teilen. Niemals wird das geschehen! So oder ähnlich dachte ich wie so manch anderer vermeintlicher Realist auch. Zu oft hatte Dylan solche Chancen trotz gemeinsamer Touren mit Willie Nelson, John Mellencamp oder Merle Haggard ausgelassen.

Dadurch hatte man fast vergessen, dass Dylan 2013 bei der Americanarama-Tour tatsächlich gemeinsam mit Wilcos Jeff Tweedy, My Morning Jackets Jim James, und Ryan Bingham zusammen den „Band“-Klassiker „The Weight“ gespielt hatte. Aber das war die große Ausnahme von der Regel.

Aber irgendwie passte dieser gemeinsame Auftritt am Sonntagabend im irischen Kilkenny zu dieser staunenswerten Dylan-Tour im Sommer 2019. Hatte Dylan im Frühjahr schon begeistert durch frische, neue Arrangements seiner Songs – „Don’t Think Twice“ am Klavier nur von Tony zart mit Bass und Bogen begleitet war der Höhepunkt im April in Augsburg – kam bei dieser Tour nun eine für Dylan überbordende Spiel- und Ausdrucksfreude dazu. Selten hat man ihn so entspannt im hier und jetzt gesehen, schon lange nicht mehr so voller Energie und der Lust und dem Spaß an der Performance. Die Konzerte 2017 und 2018 waren sehr gut, die Frühjahrstour auch, doch jetzt steigerte sich Dylan gegen Ende seiner diesjährigen Europatour zu einer beachtlichen Form empor.

Diesmal war „Girl From The North Country“ der Höhepunkt. Ganz zart, ganz langsam, ganz eindringlich hat der 78-jährige sein frühes Lied über eine Jugendfreundin gesungen. Mit so viel Melancholie, dass einem die Tränen kommen. Fast ebenso melancholisch kommt auch „Simple Twist If Fate“ in diesen Tagen daher. Erinnerungen des alten Mannes an vergangene Liebschaften voller Sehnsucht, voller Hingabe und voller Einsicht, dass das lange zurückliegt aber immer zu diesem Leben dazugehören wird.

Dylan scheint sich der eigenen Bedeutung in diesen Tagen sehr bewusst zu sein und reagiert mit Stolz und der Selbstverpflichtung, etwas Gutes abzuliefern darauf. Kein Auto-Pilot, nicht eine Zeile wird da weg genuschelt. Während Bob mit immer neuen Verfremdungen seiner Songs durch Deutschland reiste, war Neil Young indes als ton- und wortgetreuer Apologet seiner selbst unterwegs. Herausgefordert von der jungen Truppe um Willie Nelsons Sohn Lukas, treibt er die Jungen an, spielt seine Songs wie man sie halt kennt, nur eben live. Mit noch längeren und noch brachialeren Soli die Rocknummern, weich und geschmeidig die zarten Folknummern. Das macht richtig Spaß, ist sicher leichter zugänglich wie die Dylan-Methode, sollte aber nicht – wie in der britischen Presse geschehen- gegen Dylans Art der Performance ausgespielt werden.

Denn beide sind in ihrer Art einzig und besonders. Dass sie sich nun zusammen die Bühne zum Abschluss ihrer beider Touren in Kilkenny teilten, ist auch etwas Besonderes. Wie gesagt, beide sind sich ihrer Stellung bewusst. Und so singen sie aus vollem Herzen das alte Traditional „Will The Circle Be Unbroken“, das schon von so großen und wichtigen Interpreten wie der Carter Family oder den Staple Singers angestimmt wurde.

Dylan und Young hatten in jungen Jahren die Nachfolge der alten Folkmusiker mit ihren eigenen musikalischen Mitteln angetreten, nun im Herbst ihres Lebens nehmen sie die jenseitige Hoffnung des alten, überlieferten Liedes auf. Ein Lied, das auch immer dazu dient, einem die Last vom Leben zu nehmen, weil es verheißt, dass da noch etwas Besseres kommt.

Doch wer Dylan und Young im Sommer 2019 im Konzert erlebt hat, der hat alles andere als Künstler gesehen, die eine Last zu tragen haben. Im Gegenteil: Da konnte man zwei spielfreudige alte Haudegen sehen, die wir weiterhin gerne regelmäßig hierzulande zu Besuch hätten. They Are Younger than that now!

Besser geht’s nicht mehr – nur anders!

11. Juli 2019

Promo: Jazz Open Stuttgart

Bob Dylans außergewöhnliches Konzert bei den Jazz Open in Stuttgart.

Ich habe – u.a. auch am letzten Sonntag in Mainz – unter den fast 40 Bob Dylan-Konzerten, die ich über die Jahre gesehen habe – viele gute bis sehr gute Konzerte gesehen. Das aber vom Sonntagabend im Stuttgarter Schlosspark ist wirklich eines der schönsten Dylan-Konzerte gewesen, das ich je gesehen habe. Es war ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert.

Nach einer schieren Ewigkeit mit „Things Have Changed“ als Opener stand mit „Ballad Of A Thin Man“ ein anderer Song am Anfang des Abends. Und das in einer eindringlichen, packenden Fassung, die – ohne dass man es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte – geradewegs in einen fantastischen Auftritt mündete, in dem Dylan seine Songs mit klarer Stimme und ausdrucksstark prononciert, sie geradezu auslebt. Seine Stimme ist an diesem Abend laut und kräftig, seine Stimme ist sanft und fein, aber sie kann auch quietschen und gedehnt sein – ganz wie er es will und für notwendig hält.

Sein Vortrag ist aufrüttelnd bei „Can’t Wait“ und bitterböse bei „Scarlett Town“, die er beide in der Mittte der Bühne singt. Stehend und – in Begleitung des Mikrofonständers – auch tänzelnd. Sein Vortrag ist anrührend und emotional bei „Simple Twist Of Fate“ und „Girl From The North Country“. Da kamen einem wirklich die Tränen, so sehr glaubhaft berührend sind die Erinnerungen des alten Mannes an Liebe und Verlust in jungen Jahren. „Girl From The North Country“ gelingt ihm mit dieser mild-resignativen, leicht zweifelnden und durchaus sentimentalen Haltung – „trügt mich die Erinnerung oder war es wirklich so damals“ – überirdisch schön. Der stärkste Dylan-Moment, den ich je in einem Konzert erlebt bzw. gefühlt habe.

Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.

War „When I Paint My Masterpiece“ in Mainz nur als schräge Walzernummer eher in der Abteilung „Kuriositäten“ beheimatet, gelingt sie ihm in Stuttgart als ironische Selbstentlarvung. Damals mit 30 Jahren hat er mit dem Song nach vorne geblickt und hat auf seine künstlerische Vollendung geschaut. Nun ist er amüsiert über damalige Situation und die irrige Annahme irgendwann sei man vollendet. Solche trivialen Annahmen gehören einfach mit einem gemütlichen Walzertakt unterlegt. Apropos amüsiert. Aufmerksame Konzert-Zuschauer wissen, dass Dylan mit dem Rücken zum Publikum mit seinen Musikern scherzt und lacht, aber sobald er sich uns zuwende,t seine stoische Buster Keaton-Maske aufsetzt. Doch in Stuttgart wurden Schranken eingerissen und dem Publikum öfters mal ein Lächeln geschenkt. Und bei der ebenfalls fantastischen Version von „Love Sick“ lacht er laut.

Und so ist dieses Konzert so dicht und überwältigend, dass es überhaupt keinen Abbruch tut, dass das Publikum diesmal auf „It Takes A Lot To Love, It Tages A Train To Cry“ als zweite Zugabe verzichten muss. Zwingend fand ich diesen Song an dieser Stelle nie. Und so verbeugt sich Bob Dylan auch das ist neu auf diesem Tourabschnitt) womöglich selbst ergriffen von seinem Auftritt, steht noch etwas gagelig da und verschwindet wieder in die Nacht.

Dieses Konzert war so schön, dass man darüber traurig werden kann. Denn irgendwann werden diese ewigen Konzerttouren enden. Aber wir wünschen uns – und die Zeichen, die wir gestern sahen lassen leise Hoffnung aufkommen – dass Bob Dylan uns noch eine Zeit lang zu seinen Konzerten einlädt. Auch wenn diese nach dem gestrigen Abend kaum noch besser werden können. Aber dass sie anders gut sein werden, das reicht doch als Anlass allemal, neuen Auftritten Bob Dylans entgegenzufiebern.