„Schultzes…more“

23. Februar 2020

More Schultzes!, Foto: http://www.schultzes-weinheim.de

Sie sind voller Spielfreude und Liebe zur Musik und dabei gleichzeitig ausgebufft und voller lässiger Routine: Die Schultzes aus Weinheim sind Bluesmusikanten, die so schnell nichts umwerfen kann. Wir hatten sie hier schon vorgestellt. Auch auf ihrem neuen Album „Schultzes…more“ ziehen sie in 13 Songs wieder alle Register ihres Könnens.

„Mojo“ Schultzes Können an der Gitarre ist legendär, Petra Arnold-Schultz zupft virtuos den Bass und gibt den Songs damit Kontur und Rückgrat. Darauf aufbauend lässt Mojo seiner Kunstfertigkeit freien Lauf. Schultz ist einer der besten Bluesgitarristen Deutschlands. Auch auf diesem Album sticht sein Bottleneck-Spiel auf Resonatorgitarren, Lapsteel und E-Gitarren hervor.

Vorgenommen haben die beiden sich 12 Klassiker und eine Eigenkomposition. Mit J.J. Cale, einem von Mojos erklärten Favoriten geht es bei „If I Had Me A Rocket“ schon mal cool und lässig los. Sehr schön geraten Ihnen auch „Nine Pound Hammer“ – hier unterstützt von Andi Töngi-Morgen an der Dobro – und „Country Boy“ von Albert Lee. Eine kleine Überraschung ist „Abracadabra“ von der Steve Miller Band. Die Bandversion genial adaptiert für die kleine Besetzung. Mit einem Schuss Latin-Swing wird die Duo-Version rund. Ein echtes Schmankerl.

Und man könnte noch von „Devil In Dusguise“ schwärmen oder von „Drunken Hearted Man“. Absolut schlafwandlerisch sicher bewegt sich das Blues-Paar durch das Genre und angrenzende Gebiete. Mojo schafft es immer wieder packende Riffs rauszuhauen, und wie eine gut geölte Maschine tuckern er und Petra durch den Longplayer.

Eine absolut unterhaltsames Album, den die zwei da wieder produziert haben. Die beiden Vollblutmusiker, die neben ihrem eigenen Duo noch mit einigen weiteren Projekten wie die „Acoustic Blues Community“, „Magnolia“ oder „Midnight Tokers“ unterwegs sind, gehören zum Besten, was man hierlande im Blues bekommen kann!

Zu beziehen ist das Album „Schultzes“ bei Auftritten der beiden und über die Website http://www.schultzes-weinheim.de .

Und Hörproben gibt es hier:
https://www.schultzes-weinheim.de/musik/

Darmstädter Dylan-Tag 2020: Plakat und Flyer gehen in Druck

15. Februar 2020

Es ist vollbracht. Das visuelle Zeichen des Darmstädter Dylan-Tages 2020 (18. April) steht. Basierend auf der Idee von Marco Demel hat die Grafikerin Ursula Raapke eine unverwechselbare Anmutung geschaffen, mit der in den nächsten beiden Monaten kräftig für die Veranstaltung geworben werden soll.

Grundlage des Designs ist eine Reminiszenz an das Tour-Plakat der legendären Rolling Thunder Revue von 1975. In der Mitte Dylan, um ihn herum in Kreisform die Bilder der Headliner, in Hintergrund eine Western-Lokomotive. Motto: „Da kommt was auf uns zu!“

Darunter sind in drei Blöcken die restlichen Referenten und Künstler sowie die Initiatoren und Moderatoren Thomas Waldherr & Marco Demel gesetzt.

Auch die Farbgebung in der Fläche und der Schrift korrespondiert mit dem Original Tour-Plakat von 1975.

Plakat und Flyer werden nun gedruckt, sind aber bereits im Internet und Social Media zu sehen. Das Plakat kann dann auch am Veranstaltungstag, am 18. April, vor Ort als Erinnerungsstück erworben werden.

Darmstädter Dylan-Tag 2020: Programm steht!

7. Februar 2020

Der Darmstädter Dylan-Tag nimmt immer stärkere Konturen an. Jetzt steht der Programmablauf

Copyright: Wikimedia Commons

für das von Marco Demel und Thomas Waldherr organisierte Event fest:

Darmstädter Dylan-Tag 2020
„Whatever Colours You Have In Your Mind“

Ablauf am Samstag, den 18. April 2020:

15.00 Some Dylan-Songs: Uli Spiegel

15.15
Eröffnungsrede zum 1. Darmstädter DylanTag
von Thomas Waldherr und Marco Demel

15.25 Jadwiga Frej – Dylan goes Geige
15.35 Vortrag Anne-Marie Mai – Einführung Marco Demel

16.05 Jadwiga Frej – Dylan goes Geige
16.15 Vortrag Jochen Markhorst – Einführung Marco Demel

16.45 Pause/ Snack/ Dia-Show von Bob Egan/Dylan-Hour-Outtakes/Musik aus der Konserve/

17.00 Some Dylan-Songs mit Martin Grieben – Einführung Thomas Waldherr

17.15 Vortrag Thomas Waldherr Bob Dylan & Black Music

Einer der Headliner: Manfred Maurenbrecher

17.45 Pause/ Snack/ Dia-Show/ Musik aus der Konserve

ab 18.00
Bernie Conrads + Bernhard Schumacher

18.45 Uhr Pause/ Snack/ Dia-Show

ab 19.00
Einführung Thomas Waldherr
Heinrich Detering + Dan Dietrich

ab 20.00
Einführung Marco Demel
Manfred Maurenbrecher

ab 21.00
Einführung Thomas Waldherr
Double Dylans

In Kürze wird zur finanziellen Unterstützung des Dylan-Tags auch eine Crowdfunding-Kampagne anlaufen. „Wir freuen uns über jegliche Unterstützung für unseren großen Dylan-Tag, den wir mit viel Freude und Engagement vorbereiten“, erklärt Thomas Waldherr für die Veranstalter.

Tickets und weitere Infos unter: https://paedagogtheater.de/veranstaltung/dylany/

Neu im Kino: Black Power Back Again?

17. Januar 2020

„Get Out“, „Black Klansman“, „Queen & Slim“ (Notizen zum schwarzen Amerika, Teil 2)

Seinen Höhepunkt hatte das schwarze Kino Anfang der 1970er Jahre mit den „Blaxploitation-Filmen“. Neben dem Klassiker „Shaft“ waren es Werke wie „Straße ins Jenseits“ oder „The Bus is Coming“, die erstmals in größerem Umfang Geschichten aus schwarzer Perspektive mit schwarzen Darstellern erzählten, die auch von Weißen gesehen wurden. Vor diesen Filmen mit ihren schwarzen Helden waren Afroamerikaner im weißen Mainstream-Kino auf die Rolle der freundlich bis debilen Gehilfen, Schaffner oder Butler beschränkt. Professionell produzierte schwarze Filme für schwarzes Publikum gab es durchaus, erreichte aber darüber keine Zuschauer. Bekanntestes Beispiel hierfür ist vielleicht der Western wie „Two Gun Man from Harlem von 1938.

Doch die Blaxploitation-Welle ebbte irgendwann Ende Anfang der 1980er ab. Dabei war mit der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung und der stärkeren Akzeptanz von Farbigen in der US-Gesellschaft in den 1960er Jahren der Boden bereitet für schwarze Schauspieler wie Sidney Poitier, der lange Jahre der einzige wirklich große afroamerikanische Hollywood-Star war. Lou Gossett Jr. oder Yaphet Kotto rangierten da eher im Mittelfeld der Hollywood-Mimen, während Eddy Murphy im Reagan-Amerika der 1980er dann wieder alle Klischees bediente und in der schon seit den Minstrel Shows tradierten Kasper-Rolle für Schwarze zum Hollywood-Hanswurst wurde. Es blieb dabei: Schwarze Themen und Schwarze Darsteller waren im Mainstream-Kino Nebensache.

Spike Lee
Erst in den 1990er Jahren gelang es u.a. durch den Regisseur Spike Lee schwarze Perspektiven ins Mainstream-Kino zu überführen. Sein Film „Malcolm X“ von 1992 ist ein Klassiker was schwarze Geschichtsschreibung im Kino angeht. Die Hauptrolle spielt Denzel Washington, der neben Morgan Freeman, Samuel L. Jackson, Jamiee Foxx und Forest Whitaker die Gilde der Nr.1.-Stars der afroamerikanischen Schauspielergilde anführt.

Doch während Washington und Freeman immer öfter die Hauptrollen in Actionfilmen oder Thrillern besetzten, die reine Unterhaltungsfilme darstellten, ist eine Renaissance schwarzer Themen erst in den letzten Jahren wieder festzustellen. Und zwar als Reaktion einer immer größer werdenden Rassenspaltung und rassistisch orientierter (Polizei)-Gewalt. „Black Lives Matter“ wurde zur starken Stimme und seit 2017 ist eine ganze Reihe von Filmen entstanden, die das schwarze Amerika in den Mittelpunkt rücken. Drei Beispiele seien hier genannt.

„Get Out“ (2017) ist eine der ungewöhnlichsten, schrägsten, dabei aber auch schärften, tiefsinnigsten und intelligentesten Behandlungen des Themas Rassismus in der Filmgeschichte. Das Werk von Regisseur Jordan Peele nutzt das Genre des Horrorfilms um einen Einblick in Geschichte und Gegenwart des Zusammenlebens von Schwarz und Weiß in den USA. Laut dem „Guardian“ beschäftigt geht der Film ein auf „gemischtrassige Beziehungen, die Eugenik, den Sklavenhandel, schwarze Männer, die im Horrorfilm zuerst sterben, den Vorort-Rassismus und die Polizeigewalt, die an Schwarzen verübt werde“. Insbesondere das Grundmotiv – junge schwarze Männer verlängern das Leben von alten Weißen – nimmt eine der Grundlagen des Rassismus auf. Der schwarze Mann wird als Bedrohung wahrgenommen, weil man seine körperliche Stärke und seine Potenz fürchtet. Man dichtet ihm etwas Animalisches an. Wenn also hier Schwarze gekidnappt und benutzt werden, weil man ihnen eine Vitalität unterstellt, die einem nutzen kann, dann ist diese Furcht die Erklärung dafür. Gleichzeitig sind die Weißen aber davon überzeugt, dass die die überlegene, intelligentere Rasse darstellen. Neu an diesem Film für Hollywood ist – so sind sich die Kritiken einig – dass erstmals ein Horrorfilm aus der Perspektive eines Schwarzen dargestellt wird, eine gemischtrassige Beziehung ausführlich dargestellt wird und ein Schwarzer brutale Gewalt gegen Weiße ausüben darf, ohne dafür bestraft zu werden.

„Black Klansman“ (2018) ist vom Genre her eine turbulente Krimikomödie, erzählt aber eine ebenso wahre wie unglaubliche Geschichte vom ersten schwarzen Kriminalpolizisten von Colorado Springs, der als verdeckter Ermittler sich per Telefon in den Ku-Klux-Klan einschleust. Die Story wird noch schräger, da der weiße Kollege, der in nun in den Treffen mit dem Klan darstellt, ein Jude ist. Die beiden großen Feindbilder des Klans hebeln die Rassisten aus und am Ende zerstört sich die örtliche Klan-Gruppe im wahrsten Sinne des Worts selbst. Vordergründig bestes Hollywood-Kino nutzt Regisseur-Altmeister Spike Lee dazu, zu zeigen, dass der Klan keineswegs Geschichte ist. Im Gegenteil er scheint mächtiger denn ja, da er nun sich mit dem amtierenden Präsidenten verbunden fühlt und ihn unterstützt. Von Spike Lees Können, die Hollywood-Muster für seine Geschichten sowohl zu nutzen, als auch zu überschreiten ist ein stilbildend für alle neueren schwarzen Filmemacher. Für Jordan Peele ebenso wie für George Tillman Jr. und seinem Streifen „The Hate U Give“ von 2018, den wir im vergangenen Jahr an dieser Stelle bereits besprochen haben: https://cowboyband.blog/2019/03/04/the-hate-u-give/ .

Ein politisches Roadmovie
Aktuell ist gerade mit „Queen & Slim“ ein schwarzes Roadmovie der besonderen Art angelaufen. Die Regisseurin Melina Matsoukas ist zwar keine Schwarze hat aber einen griechisch-kubanischen Hintergrund, kann sich also in der Rolle der „Alien“ in einer weißen angloamerikanischen Gesellschaft hineinversetzen. Zudem stammt das Drehbuch von der Afroamerikanerin Lena Waithe. Legendär ist Matsoukas Musikvideo zu Beyoncés Song „Formation“, das auf mehreren Ebenen Bilder und Erzählungen des schwarzen Amerikas ineinanderwebt.

Wer aber nun gedacht hätte, „Queen & Slim“ wäre ähnlich schnell und rasant geschnitten und erzählt, der irrt sich. Matsoukas Roadmovie ist ein episches. Sie nimmt sich viel Zeit, die Geschichte zu erzählen. Sie lässt auch einige Hollywood-Stilmittel aus. So sind die Dialoge nicht aufs witzig sein angelegt und die Typen, die das Pärchen unterwegs trifft, übertreffen sich nicht in ihrer Schrägheit. Es ist als Film weniger ein flottes R&B-Musikvideo als eine lange Mörderballade aus schwarzer Perspektive.

Unterlegt mit viel Soulmusik gehen die Hauptdarsteller Daniel Kaluuya – er spielte auch bei „Get Out“ die Hauptrolle und Jodie Turner Smith – auf eine Reise durch das heutige Amerika. Unterwegs treffen sie angepasste und unangepasste Schwarze, aber auch weiße, die eher aus rechts-libertärer Perspektive nicht mit dem Staat zu tun haben wollen. Ausgelöst wird das Drama durch die alltägliche Gefahr für Schwarze, die von Polizeikontrollen ausgeht. Die war schon der Auftakt der Geschichte bei „The Hate U Give“ und nun auch hier. Weiße Polizisten werden scheinbar aus Eskalation trainiert und sind immer in Gefahr überzureagieren. Hier im Film ist der Cop offen rassistisch und wird von Countrystar Sturgill Simpson gespielt. „Queen“ erschießt in einem Gerangel den Cop und die Flucht beginnt.

Renaissance der Black Power?
Am Ende werden die beiden Protagonisten – verraten durch einen schwarzen Drogensüchtigen – von einer Gruppe von Polizisten geradezu hingerichtet. Dass die beiden am Anfang nicht auf die staatliche Justiz geben – wohl gerade weil Queen Anwältin ist – und am Ende die Opfer völlig überdrehter und entmenschlichter Polizeigewalt sind, entspricht der Lebensrealität der afroamerikanischen Community. Wohlfeile Kritik an der angeblich problematischen Aussage des Films geht an den gesellschaftlichen Zuständen des Films völlig vorbei. Hier wird nichts beschönigt, hier wird gezeigt wie ganz normal Rassismus und Gewalt gegen Schwarze in den USA ist. Es ist ein politischer Film, der die Botschaft von „Black Lives Matter“ und die Tradition der „Black Panther“ aufgreift. Deren Gruß sieht man inmitten des Films, aber vor allem am Ende wenn mit ihm die schwarze Trauergesellschaft ihren Kampfeswillen ausdrückt. Black Power back again?

Auch wenn uns das Thema „Rassismus und Gewalt in den USA“ immer nur begegnet, wenn es nach einer Ermordung durch Polizisten zu großen Unruhen kommt, schwelt das Thema weiter vor sich hin. Man darf gespannt sein, wenn das wieder ansteigende afroamerikanische Selbstbewusstsein auf eine durch Wahlen bestätigte Trump-Administration träfe. Die USA sind mehrfach gespalten: Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Küstenstreifen und „Fly-Over-Country“, Silicon Valley und Rust Belt. Eine Wiederwahl Trumps würde die Spaltungen nicht nur vertiefen, sondern sie würden weiter als Mittel der Politik benutzt. Wohlwissend um alle möglichen Konsequenzen.

„Whatever Colours You Have In Your Mind“

10. Januar 2020

Darmstädter Dylan-Tag 2020/ Marco Demel und Thomas Waldherr zur Premiere am 18. April

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Seit 2014 gibt es in Darmstadt die von Thomas Waldherr kuratierte, sich ausdrücklich auf Bob Dylan berufende, Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Seit 2016 ist bei Radio Darmstadt die „Dylan Hour“ von Marco Demel auf Sendung. So entstand die Idee, sich einen ganzen Tag mit Werk und Wirken von Bob Dylan zu befassen. Beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 am Samstag, 18. April, im Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5) sind mit dabei Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), die Literatur-Professoren und Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne-Marie Mai, der New Yorker Künstler Bob Egan, der niederländische Dylan-Autor Jochen Markhorst, sowie die Musiker Martin Grieben, Dan Dietrich und die DoubleDylans. Beginn ist 15 Uhr, das Ende gegen 22.30 Uhr, der Eintritt beträgt 30 Euro.

„Bob Dylan und sein Werk in Erinnerung zu rufen und die Bedeutung seiner Songs gerade auch für die heutige Zeit darzustellen, und das musikalischen Erbe Dylans zu neuen Räumen auch in neuen Köpfen zu verhelfen, ist die Idee hinter den „Darmstädter Dylan-Tagen“, erläutert Marco Demel. Und Thomas Waldherr ergänzt: “ Dabei geht es uns nicht um Heldenverehrung und Mystifizierung der Person Dylan, sondern um eine von Sympathie und Respekt befeuerte historisch-kritische Beschäftigung mit seinem ebenso großen wie manchmal auch komplexen Oeuvre.“ Und dies aus den verschiedensten Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Denkansätzen. „Daher auch unser Motto „What Ever Colours You Have In Your Mind“, erklären die beiden.

Marco Demel

Und dies geschieht an diesem Tag in vielfältiger Art und Weise mittels Vorträgen, Lesungen, einer Dia-Show und natürlich viel Musik von Bob Dylan, denn darum geht es ja letztendlich. „Wir haben beide Bob Dylan in unserer Jugend entdeckt, und dann über die Jahre gemerkt, wieviel seine Musik und seine Texte, seine wichtigen Denkanstöße, und durchaus auch seine Irrungen, einem bedeuten, welch wichtige Konstante im Leben die Beschäftigung mit seinem Werk darstellt. Da war es klar, dass die Beschäftigung mit ihm auch irgendwann öffentlich stattfinden wird“, so Thomas Waldherr.

Während der Journalist Waldherr (www.country.de, Folker) schon seit vielen Jahren über Bob Dylan – u.a. auch als Buchautor und Blogger – schreibt, und ihn explizit als „Stifterfigur“ der von ihm seit 2014 kuratierten Konzertreihe „Americana im Pädagog“ nennt, hatte der Sozialpädagoge Demel schon länger die Idee eines Dylan-Tages. Nachdem er im Vorfeld des 75. Geburtstags von Dylan dann Thomas Waldherr über die gemeinsame Arbeit an der Sendung „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt kennenlernte, blieben die beiden in Kontakt und nun war die Zeit reif, das Projekt endlich anzugehen.

„Wir sind sehr gespannt auf diesen Tag. Wir haben ein dichtes Programm mit Vorträgen der Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne Marie Mai, und viel Musik u.a. von Dan Dietrich und den DoubleDylans. Ganz besonders stolz sind wir aber auf die Mitwirkung von Manfred Maurenbrecher und Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), der extra für uns einen seiner mittlerweile sehr seltenen öffentlichen Auftritte haben wird“, ist Marco Demel voller Vorfreude. Für Thomas Waldherr schließt sich mit Bernie Conrads sogar so etwas wie ein Kreis. „Als ich 1976/77 begann, mich für Bob Dylan zu interessieren, da spielte Bernies Autobahn Band immer wieder mal in der Darmstädter Fußgängerzone. Ihre Songs von Dylan auf Deutsch wie „Weit weg, lange her“ haben mich stark beeinflusst. Toll, Bernie dabei zu haben.“

Thomas Waldherr

Auch Waldherr selbst wird einen Vortrag zu „Bob Dylan & Black America“ halten, beide moderieren die Veranstaltung und Marco Demels Tochter Jadwiga, die in Dresden und Linz Komposition studiert, wird ebenfalls im Programm mitwirken, indem sie Dylan-Stücke für ihr Geigenspiel adaptiert.

Noch ist jetzt ein knappes Vierteljahr Zeit, an den Details zu arbeiten. „Wir wollen allen interessierten Dylan-Freunden ein abwechslungsreiches Programm in angenehmem Ambiente bieten. Dafür bedanken wir uns bei Klaus Lavies und seinem Team vom „Theater im Pädagog“ sehr herzlich, sie bringen viel Erfahrung in die Organisation mit ein“, lobt Marco Demel die Zusammenarbeit. „Es ist immer ein kleines Wunder, wenn eine Vision Wirklichkeit wird.“ Und Thomas Waldherr, dessen Reihe „Americana im Pädagog“ Kooperationspartner ist, nimmt auch überregionale Gäste in den Blick: „Bei unseren erfolgreichen Dylan-Abenden 2016 und 2019 kamen auch einige Gäste extra von weit her angereist. Wir wünschen und hoffen auf eine bundesweite Wahrnehmung des ersten Darmstädter Bob Dylan-Tages.“

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Darmstadt ist eine Reise wert
Das mit ÖPNV oder auch Auto gut erreichbare, zentral in der Republik gelegene Darmstadt (30 km südlich von Frankfurt am Main) ist als ehemalige Residenz und Jugendstil-Stadt immer eine Reise wert. Neben dem hochkulturellen Leuchttürmen Residenzschloss, dem Jugendstilzentrum Mathildenhöhe, dem Hessischen Landesmuseum, dem Hessischen Staatstheater und dem Hessischen Staatsarchiv, ist Darmstadt als Sitz des Jazz-Instituts und der Ferienkurse für neue Musik auch eine Musikstadt mit Tradition und besitzt eine vielfältige freie Musik- und Kunstszene. Und mit dem SV Darmstadt 98 auch einen traditionsreichen Fußball-Zweitlisten, der auch schon drei Spielzeiten erstklassig war.

Darmstadt bietet also vieles, was neben dem Dylan-Tag auch noch zu einem Wochenend-Aufenthalt einlädt. Weitere Infos hierzu: https://www.darmstadt-tourismus.de/

Notizen zum schwarzen Amerika (Teil 1)

10. Januar 2020

James Baldwin, Maya Angelou, Aretha Franklin

Die Geschichte der schwarzen Amerikaner*innen ist geprägt durch Ausbeutung, Rassismus und Gewalt. Und das bis zum heutigen Tag. Trotzdem oder gerade deswegen hat die schwarze Community bedeutende Intellektuelle und Künstler*innen hervorgebracht. In diesen Tagen kreuzten sich meine Wahrnehmungen dreier afroamerikanischen Persönlichkeiten und ich sah Parallelen in deren Wege und Werke und entdeckte neue Parameter für das Verständnis afroamerikanischer Kultur in den USA.

Der Debütroman des großen Schriftstellers und Intellektuellen James Baldwin (1924 – 1987) „Von dieser Welt“ ist für mich eines der finstersten und traurigsten Bücher überhaupt. Selten wurde die Verlorenheit und die Überwältigung in kirchlichen Strukturen dermaßen ausweglos dargestellt. Der junge John wird in einer ernsten, sittenstrengen und zugleich äußerst bigotten Welt groß. Daran kann man zerbrechen. Die ausführlichen Schilderungen der Gottesdienste beendeten mein Klischeedenken über ausgelassene, fröhliche und bunte afroamerikanische Kirchen. Die gibt es, aber eben nicht nur. Es gibt auch welche, die machen in ihren Gottesdiensten den jungen Menschen genauso viel Angst wie oftmals hierzulande. Denn es geht immer um Gehorsamkeit gegenüber dem strafenden Gott und selten um den verständnisvollen, vergebenden und liebenden Gott.

Eine Kindheit im Süden
Daran musste ich denken als ich Maya Angelous Biographie „Ich weiß, warum der gefallene Vogel singt“ las. Auch hier ist der Gottesdienst erst einmal ernst und den Kindern wird Gehorsam und Demut abverlangt. Umso tiefer die Fallhöhe, als ein weibliches Gemeindemitglied dermaßen spirituell aus dem Ruder läuft, dass sie eine Gefahr für die Pfarrer und die Gottesdienstbesucher darstellt. Wie die spätere Schriftstellerin, Professorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou ( 1928 – 2014) diese Szene aus ihrer Kindheit beschreibt ist grandios, und was da im Gotteshaus passiert, ist an Irrwitz und Groteske nicht zu überbieten. „Predige es, Predige es“, ruft das ausgeflippte Gemeindemitglied immer wieder und geht auf den Pfarrer los. Ein ganz großer Lesespaß. So groß wie der Spaß, den Maya und ihr Bruder Bailey damals auch hatten. Aber der war nur kurz, denn nachdem die beiden Kinder so laut gelacht und sich auf dem Boden gewälzt hatten, folgte die schmerzhafte Strafe per Gürtelhiebe. Kinder hatten im Gottesdienst nichts zu lachen.

Maya Angelous Buch ist ein faszinierender Einblick in die schwarze Community der 1940er Jahre. Im Süden, in Arkansas, herrschen die Jim Crow-Gesetze. In Stamps wächst Maya bei ihrer Großmutter auf, die für die dortigen Verhältnisse relativ wohlhabend ist, denn sie besitzt einen kleinen Gemischtwarenladen. Der Rassismus und die latente Gefahr für die Schwarzen, Gewalttaten ausgesetzt zu sein, sind bedrückend. Lynchmorde an Schwarzen sind im Süden zu dieser Zeit keine Seltenheit. Dennoch haben Maya und ihr Bruder auch schöne Kindheitstage, später kommen sie zu ihrer Mutter nach St. Louis, wo Maya von deren Freund vergewaltigt wird. Nach einem erneuten Intermezzo in Stamps ziehen die Kinder wieder zu ihrer Mutter, die jetzt in Oakland, Kalifornien lebt. Wie Maya zu einer selbstbewussten, belesenen und kämpferischen jungen Frau wird, davon erzählt dieses Buch in großartiger Manier. Spannend, direkt und klug schildert Maya Angelou, die mit James Baldwin gut befreundet war, ihre Kindheits- und Jugendgeschichte. Lesenswert!

„Amazing Grace“: Ein besonderes Zeitdokument
Die dritte Persönlichkeit ist Aretha Franklin (1942 – 2018). Die große „Queen of Soul“ begann ihre Weg zur Sängerin im Chor der „New Bethel Baptist Church“ ihres Vaters, Clarence LaVaughn Franklin, der sowohl Baptistenprediger, als auch Bürgerrechtsaktivist war. 1972 – schon einige Jahre nach ihrem Durchbruch mit Soul und Pop – gibt sie ein reines Gospelkonzert in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles. Der Mitschnitt bekommt als LP unter dem Titel „Amazing Grace“ mit einem Grammy geehrt. Der ebenfalls dort produzierte gleichnamige Konzertfilm wird aufgrund technischer Problem (Ton- und Bildspur stimmten nicht überein) nie gezeigt. Auch als mittels moderner digitaler Technik dies von ein paar Jahren repariert werden kann, verhindert Aretha Franklin dessen Veröffentlichung. Erst jetzt – gut eineinhalb Jahre nach ihrem Tod – sieht der Film das Licht der Welt.

Und es ist ein großartiges Zeitdokument. Wobei uns die Musik nicht völlig überzeugt. Zu oft dekonstruiert Aretha quasi die Songs, indem sie Töne langsam zerdehnt, so dass sie jeden Zusammenhalt verlieren, „Amazing Grace“ wird so zur endlosen Folge einzelner Töne und der Song verliert an Form und Eindruck. Wohlgemerkt uns geht es heute so. Im Gospelkonzert im Gotteshaus im Film reagieren aber sowohl der Chor wie auch die Zuhörer mit spontanen ekstatischen spirituellen Ausbrüchen auf einzelne Töne. Wobei wir fast schon wieder beim Gottesdienst von Maya Angelou wären. Wie auch immer, wir können es nicht nachvollziehen, warum diese Art des Vortrags so zündet. Andere Songs dagegen – Climbing Higher Mountains – entsprechen eher unseren Hörgewohnheiten. Für uns das Highlight: Die Kombination und Verschmelzung des Spiritual „Precious Lord, Take My Hand“ mit Carol Kings Popsong You’Ve Got A Friend“. Wie beides ineinander verwoben wird, so das Pop zu Gospel und Gospel zu Pop wird ist genial.

Mit zur Seite stehen Aretha an diesen zwei Abenden musikalisch zwei Männer. Chorleiter Alexander Hamilton und Reverend Dr. James Cleveland. Letzterer, Arethas väterlicher Freund und Klavierlehrer und wichtige Gründerfigur der modernen Gospelmusik führt mit viel Humor und Schweiß durchs Programm. Dennoch: Aretha spricht in diesem Film ausgesprochen wenig und schaut meist ernst. Ob sie dieses „Back tot he Roots“ dann doch überwältigt. Auf alle Fälle am zweiten Abend könnte das so gewesen sein. Denn da sind nicht nur einige Weiße mehr Anwesend – darunter auch Edelfans wie Mick Jagger und Charlie Watts – sondern auch ihr Vater unter dessen Augen in unmittelbarer sie nun musiziert.

Manchmal wirken die Aufnahmen unfertig und improvisiert und man merkt, wie sehr sich der Film und die Sehgewohnheiten in den fast 50 Jahren verändert haben. Da ist noch echter Schweiß zu sehen, da wirkt manches ungelenk und bedächtig, da ist nichts schnell und auf den Effekt zielend geschnitten. Heutzutage würde solch ein Film ganz anders aussehen. Martin Scorsese hatte 1977 das Genre des Konzertfilms durchaus revolutioniert. Wie er Bob Dylan und Robbie Robertson in „The Last Waltz“ inszeniert hat, wie er längere Erzählpassagen der Bandmitglieder mit den Konzertbildern verwebt ist große klasse. Aber gut, dass die Produzenten rund um Regisseur Spike Lee bei „Amazing Grace“ widerstanden haben, dies hier anzuwenden und einen neuen Film zu schaffen.

Von der Black Power zum Überlebenskampf
So sehen wir ein Zeitdokument der frühen 1970er Jahre, in denen der Stolz der schwarzen Community zu spüren ist. Zwar sind Malcolm X und Martin Luther King ermordet worden, aber es ist die Hochzeit der Black Power des Soul, der Black Panther, der Blaxploitation-Filme mit ihrem König „Shaft“. Noch gibt es bei allen Rückschlägen Erfolge auf dem Weg zur schwarzen Emanzipation in den USA. Die Abwärtsbewegung beginnt mit einige Jahre später Präsident Ronald Reagan und dessen Einsatz rassistischer Denkfiguren und Vorurteile in seiner politischen Kommunikation sowie seinen Kürzungen bei Sozialleistungen, die vor allem die schwarze Community treffen. Die musikalische Antwort darauf waren Hip Hop und Rap und völlig neue popkulturelle Codes. Jetzt ging es nicht mehr um Emanzipation, jetzt ging es oftmals nur noch ums Überleben im Ghetto zwischen Drogen und Gewalt. Doch das ist eine andere Geschichte.

So sind die drei Geschichten, die hier in den zwei Büchern und dem Film erzählt werden, auch gute Beispiele für die Bedeutung der Religion für die Afroamerikaner bis in die 1970er Jahre. Für Glauben und Gehorsam. Für Bigotterie und persönlichen Aufstieg. Für scheinbar dominante Männer- und wirklich starke Frauenfiguren. Und für die Hoffnung, dass Gott seine schwarzen Brüder wirklich befreien möge aus all ihren Ketten. Dass der Kampf des Volkes vom Herrn unterstützt wird.

Diesen Optimismus hat „Black Lives Matter“ nicht mehr. Hier geht es scheinbar alleine um den Abwehrkampf gegen die Ausformungen einer Staatsmacht, die auch mehr als 150 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs und der Sklaverei strukturell dem Rassismus Vorschub leistet.

Wie weiter mit der afroamerikanischen Emanzipation im Amerika der alten, weißen Männer?

Jahr der Entscheidungen

2. Januar 2020

Amerika und Americana im Jahr 2020

Amerika wird 2020 zum großen Rätsel. Weihnachtsspaziergang in der Darmstädter Lincoln-Siedlung.

Die Veröffentlichung von Americana-Alben mit direktem oder indirektem Kommentar zur politisch-gesellschaftlichen Lage in den USA schien 2019 gleichsam Legion. Ob Newcomer J.S. Ondara oder Altmeister Neil Young, ob Singer-Songwriter Eilen Jewell oder Americana-Reibeisen Ryan Bingham – viele, viele wollten und mussten sich äußern zur großen gesellschaftlichen Spaltung und zum Verlust des amerikanischen Traums in den USA.

Americana ist so bunt und vielfältig wie nie
Americana ist heute mehr als Alternativ Country plus Folk plus Blues oder Old Time. Längst haben Künstlerinnen und Künstler wie Rhiannon Giddens, Dom Flemons, Alynda Lee Segarra oder Vikesh Kapoor es für eine große Vielfalt geöffnet. Dieses Americana betont die Weite des Landes, und dass dort Platz für viele Menschen unterschiedlichster Herkunft, Überzeugungen und Religion ist. Giddens und Flemons haben die schwarzen Wurzeln der amerikanischen Folk- und Countrymusik offengelegt. Alynda Lee Segarra hat die lesbische und Latino-Perspektive eingebracht und Vikesh Kappoor hat vor einigen Jahren gezeigt, wie sich auch die Kinder der neuen Einwanderer aus Asien die amerikanische Rootsmusik aneignen. Während der gebürtige Kenianer J.S. Ondara noch einmal gezeigt hat, wie sehr Künstler des anderen Amerika wie Bob Dylan weltweit noch heute ein positives Amerika-Bild erzeugen. Allerdings hat Ondara, in der Wirklichkeit angekommen, mittlerweile durchaus ein gebrochenes Verhältnis zum amerikanischen Traum. Er weiß wie viele ihn gar nicht mehr leben können, weil es ihnen verwehrt wird.

Aber der Trend zur Vielfältigkeit scheint unumkehrbar. So erscheint Ende des Monats hierzulande das Album „Rearrange My Heart“ der Gruppe „Che Appalache“, die sich der Fusion von Latino und Amerikanischer Roots Music widmen und inhaltlich sich klar gegen Fundamentalismus und Othering wenden. Produzent ist Bluesgrass-Legende Bela Fleck. Beeindruckend ihr Song „The Dreamer“, der den Hoffnungen und Ängsten der sogenannten „Dreamer“, der jungen Menschen, die seit ihrer Kindheit in den USA leben, aber aufgrund der politischen Gegebenheiten nie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekamen. Über ihnen schwebt nun das Damoklesschwert der weiteren Entscheidungen der Trump-Administration, die auch in diesem Fall eine klare Politik der Spaltung und Ausgrenzung betreibt.

Migration
Denn die Kriminalisierung der Einwanderer aus Lateinamerika und Mexiko ist zugleich Grundpfeiler und wichtiges Stilmittel des Trumpismus. Da ist die grenzüberschreitende Fusion-Musik von Che Apalache ebenso wichtig wie das neue Projekt von Folksänger M.Ward. Seine „Migration Stories“, die im April dieses Jahres erscheinen, verbinden Motive der Migrationsgeschichte seiner eigenen Familie mit den aktuellen Migrationsgeschichten. An die Migrationsgeschichte der Pfälzer Familie Trump muss man da leider auch wieder erinnern. Der Nachfahre der Kallstädter Trumps möchte gerne die Schotten dichtmachen. Ein wichtiges Identifikationsmerkmal und eine bedeutender Bestandteil des amerikanischen Traums wären zerstört.

Allegorien und Metaphern
Eine interessante Platte verspricht auch „Just Like Moby Dick“ von Terry Allen & The Panhandle Mystery zu werden. Das von Dylan-Gitarrist Charlie Sexton koproduzierte Album widmet sich einem der archetypischen amerikanischen Romane „Moby Dick“ und verknüpft es assoziativ, allegorisch und metaphorisch mit Brecht, Amerika im Krieg und dieser scheinbar ur-amerikanischen Mentalität des Eroberns, des Kräftemessens, des Daseinskampfes in all seinen tragischen und tragikomischen Ausformungen. Eine fast dylanesk anmutendes Panorama scheint den Hörer hier zu erwarten.

Zur aktuellen Bedeutung von Bob Dylan
In Darmstadt findet am 18. April der Darmstädter Dylan-Tag 2020 statt (mehr unter https://paedagogtheater.de/dylantag2020/). Da werden sich manche fragen, was hat der uns denn zur aktuellen politischen Situation noch zu sagen? Und in der Tat, Dylan äußert sich nicht zum orangefarbenen Präsidenten. Er hat sich aber auch nicht zu einer öffentlichen Unterstützung von Obama hinreißen lassen. Zu sehr wusste und weiß er, dass das vermeintliche Machtzentrum der USA selber in einem festen Rahmen von wirtschaftlicher und politischer Macht eingebunden ist. Für Clinton hat er noch gespielt, als Kind der alten New Deal-Koalition von gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten“ hat er noch Erinnerungen an amerikanische Politik jenseits des Neoliberalismus. Umso enttäuschter muss er von der Politik der Demokraten in den letzten Jahrzehnten gewesen sein.

Mit Songs wie „Union Sundown“, „Heartland“ oder „Workingman’s Blues #2“ hat er sich auch in den späteren Phasen seiner Karriere immer wieder einmal mit den Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen in den USA auseinander gesetzt. Immer wieder voll Empathie für die einfachen Menschen. Dylan ist zwar ein Mittelklasse-Kid, aber er stammt aus einer Bergarbeiterregion und weiß wie hart und entbehrungsreich deren Leben war. Zugleich hat er in seiner gesamten Karriere stets einen fruchtbaren Austausch mit dem schwarzen Amerika gepflegt (siehe auch: https://cowboyband.blog/2018/05/11/bob-dylan-und-black-music/).

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Dass Dylan durchaus noch teilnimmt am aktuellen Geschehen, beweist auch eine andere Begebenheit, die hierzulande kaum bemerkt wurde. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er 2018 den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte.

Ansonsten gilt bei Dylan: Seine Songs sind – solange die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft gerade auch im Zusammenspiel von Ökonomie, Sozialisationsinstanzen und politischem Raum in ihren Grundsätzen unverändert ist – so universell wie Stücke wie Stücke von Shakespeare oder Goethe. „Masters Of War“, It’s Allright Ma“, „All Along The Watchtower“ oder „Hurricane“ haben ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren.

Bob Dylan bleibt qua Botschaft der Anti-Trump. Da muss er gar nix mehr Neues sagen oder schreiben.

Aktuelle politische Auseinandersetzungen und ihre musikalischen Ausdrucksmittel
Und so wird auch immer wieder gern auf sein Liedgut zurückgegriffen. So erklang beim „March For Our Lives“ am 24. März 2018 eine von Jessica Houston gesungene Version des Dylan-Klassikers „The Times They Are Changin“. Es waren die Schülerinnen und Schüler die massenhaft gegen den Waffenwahn in den USA aus die Straße gingen. Denn eine – man muss es so sagen – mittlerweile fast alltägliche Gefahr für Schülerinnen und Schüler sind Schulmassaker.

Und überhaupt: Sieht man einmal von den klassischen Arbeitskämpfen in den traditionellen Industrien wie Automobil- oder Bergbau ab, sind die Akteure der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu einem Großteil jung und weiblich. Das mag bei #MeToo und „Women’s March to Washington“ in der Natur der Sache liegen. Aber auch bei „Sunrise Movement“ – vergleichbar mit „Fridays For Future“ – oder den im vergangenen Jahr in vielen Bundesstaaten im Streik befindlichen Pflegekräften und Lehrenden ist dies so.

Das Alter der Protagonisten verhindert aber nicht die Anknüpfung an traditionelles Protestliedgut. So kann man in youtube hören wie die vielen Mädels und ein paar Jungs von Sunrise Movement das alte Arbeiterlied „Which Side Are You On“ zu „Does It Weigh On You?“ wird. „Belastet es Dich, wenn Kohle verbrannt und Klima geschädigt wird?“ Also: Auf welcher Seite stehst Du? Und da die sozialen Medien nun jedem erlauben viral zu gehen, setzt sich auch so mancher hin und beantwortet die Zukunftsfragen mit der Unterstützung des Green New Deals in der musikalischen Folkästhetik des 1930er und 1940er Jahre. Genauso wie die streikenden Pflegekräfte des Kaiser-Gesundheitskonzerns ihr Dilemma im archaischen Country-Blues-Schema ausdrücken.

Pop und Rapmusik kann man dagegen hören, wenn man den Lehrenden aus Chicago und die Streikenden von General Motors auf youtube folgt. Da erklingt ein optimistisches Streiklied in der „Windy City“ nach der Melodie von „YMCA“ von den Village People oder ein anklagender Rap mit dem Titel „Burn Barrel“ bei den Automobilarbeitern.

Sunrise Movement-Logo, Copyright: http://www.sunrisemovement.org

All das zeigt: Die neuen gesellschaftlichen Protestbewegungen sind so vielfältig, kraftvoll und jung wie seit den 1960er Jahren nicht. Und sie sind absolut nicht geschichtslos. Die weitgehende Entpolitisierung, Individualisierung und Vereinzelung der Gesellschaft durch den Neoliberalismus hat es trotzdem nicht geschafft die Traditionslinien gesellschaftlichen Protests und ihrer musikalischen Ausdrucksformen zu kappen. Darauf lässt sich etwas aufbauen.

Quo vadis Amerika und Americana?
Auch 2020 wird es, wie schon oben festgestellt, interessante Alben geben, die sich mit den politischen Zuständen in den USA auseinandersetzen. So wird auch Kyshona, eine interessante schwarze Stimme aus Nashville, im Februar ihr Album „Listen“ veröffentlichen, deren Single-Auskopplung „Fear“ als Aufforderung zu hören ist, Ungleichheit und Diskriminierung eben nicht hinzunehmen, sondern ohne Furcht dagegen anzugehen.

Man darf gespannt sein wie klar und in welcher Form sich beispielsweise Rhiannon Giddens oder Alynda Lee Segarra positionieren. Jack White hat sich abermals im Vorwahlkampf für Bernie Sanders engagiert. Von John Mellencamp darf man ebenfalls einen pro-demokratischen Einsatz erwarten wie von Steve Earle. Spannend wird es ob wieder die Music Row Democrats in Nashville reaktiviert werden, bei den Emmylou Harris engagiert war. Gerade die Protagonisten der Country Music tun sich bekanntermaßen schwer mit klaren Statements, da muteten die jüngsten Äußerungen von Superstar Garth Brooks positiv überraschend an. Der erklärte nämlich, so konnte man bei country.de lesen, anlässlich eines Treffens mit Ex-US-Präsident Jimmy Carter: „„Die Carters repräsentieren Menschlichkeit und Selbstlosigkeit und da spielt es keine Rolle, ab man Demokrat oder Republikaner ist. Man respektiert die anderen, egal welche Hautfarbe sie haben, welche sexuelle Orientierung oder Religion sie haben“.

Stimme des anderen Amerika: Rhiannon Giddens.

Im Amerika der beleidigenden Twitter-Gewitter des US-Präsidenten stellen solche Worte schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr da. Das Land scheint verroht, gespalten und desparat. Trotz oder gerade wegen des Impeachment-Verfahrens ist ein erneuter Wahlsieg Trumps nicht ausgeschlossen. Die Demokraten sind ihrerseits ebenfalls gespalten. In das weniger politisch-strategisch als demoskopisch-betriebswirtschaftlich agierende Parteiestablishment – hier schaut man nach Umfragen, nach den Swing States und unternimmt keine Anstalten neue politische Mehrheiten zu gewinnen – und in die Parteilinke, die (noch) nicht die charismatischen Figuren hat, die mit progressiver Agenda auch in konservativeren Staaten bestehen können. Trotzdem sind Kandidaten wie Elisabeth Warren oder Bernie Sanders und die junge Politikhoffnung Alexandria Ocasio Cortez eine Bedrohung für das Partei-Establishment. Da deren Hoffnung John Biden schwächelt, kommt nun der Milliardär Michael Bloomberg ins Spiel. Sollte er wirklich der Gegner von Trump werden, könnte das zum großen Vorteil von Trump werden. Auch über die entschiedenen Parteigänger Trumps hinaus wird der New Yorker im Süden und im Heartland nichts ausrichten können. Stattdessen würde endgültig deutlich, wie sehr die Demokratie in den USA zur Manege der Superreichen geworden ist.

Es steht also vieles auf dem Spiel bei diesen Wahlen. Und es kann noch viel passieren bis zum November. Trump hatte keine Mehrheit unter der Bevölkerung, möglicherweise wird er das wieder nicht schaffen und trotzdem gewinnen. Und sollte er verlieren, dann weiß keiner, ob er auch wirklich gehen will. In einem bemerkenswerten Aufsatz in „Blätter für deutsche und internationale Politk hat Alexander Hurst ein keinesfalls abwegiges Bürgerkriegs-Szenarie -Szenario“ im Falle von Impeachment oder Abwahl an die Wand gemalt.

Die Americana-Szene wird sich, wenn sie sich engagiert, mehrheitlich auf die Seite der Demokraten schlagen. Spannend wird es, wie stark und wie polarisierend für Kultur- und Unterhaltungsszene sich diese Wahl in Gänze auswirken wird.

2020 wird in vielerlei Hinsicht ein entscheidendes Jahr.



Dieser überirdische Moment in Stuttgart

20. Dezember 2019

Das Dylan- und Americana-Jahr 2019 – eine Rückschau. Und eine Vorschau auf 2020

Die Dylan-Konzerte im Jahr 2019 gehören zu den Besten, die der Meister je gegeben hat. Ich falle hier also mal gleich mit der Tür ins Haus. Die Stimme großartig, die Musik inspirierend, die Performance cool und sensibel zugleich. Ob Augsburg im April oder Mainz und Stuttgart im Juli. Einfach stark. Und dann dieser überirdische Moment, als er „Girl From The North Country“ in Stuttgart spielt. Voller Wehmut, voller Schönheit. Gänsehaut! Auch die Erzählungen über die Konzerte in den Staaten im Herbst mit neuem Gitarristen und neuem Drummer hören sich sehr gut an. Dass er dann auch noch die Dylan-Cash-Sessions veröffentlichen lässt, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Wenn er doch nur endlich nochmal ein Album mit neuen Originalsongs veröffentlichen würde. Während Willie Nelson – noch älter und auch nicht mehr ganz gesund- fast ständig neue Songs herausbringt, herrscht bei Dylan-Fehlanzeige. Abwarten und „Heavens’s Door“-Whisley trinken scheint die Devise zu sein in diesen Tagen.

Americana wird immer politischer
Doch auch außer Dylan konnten wir noch weiteres interessantes beobachten. Z.B. dass das Americana immer politischer zu werden scheint. Mehr oder minder politische Bezüge zur Situation Amerikas hatten in diesem Jahr u.a. Songs und Alben von Trapper Schoepp, J.S. Ondara, Ryan Bingham, Son Volt, Our Native Daughters, Rhiannon Giddens, Eilen Jewell, The Felice Brothers und Tim Grimm. Der amerikanische Traum zerbröselt, die Nation ist sozial, politisch, kulturell und ethnisch gespalten, die Rassismus wuchert immer weiter und die Gewalt nimmt immer katastrophalere Ausmaße an. Und natürlich Trump. Viele singen dagegen an, wir werden sehen, was das Wahljahr 2020 bringt.

Country meets Hip Hop
Eine der vertracktesten Diskussionen im US-Musikjahr 2019 entzündete sich an dem Song „Old Town Road“ von Lil Nas X, einem eingängigen Country-Hip Hop-Hybriden, der just aus den Country-Charts gestrichen wurde, als er zum Höhenflug ansetzte. „Das ist kein Country“ sagen die einen, „Country war immer schon Fusion“, sagen die anderen. Aber es geht dabei letztlich um mehr, als um Geschmacksfragen. Hip Hop und Rap sind die musikalischen Ausdrucksformen einer aufmüpfigen jungen Black Community. Das hört der weiße Countryhörer nicht so gerne. Wenn dann nur in einer softeren Version von weißen Jungs und es als Mainstream-Country verkauft wird. Und wenn die Schwarzen dann auch noch das mit Countrymusik mischen, dann verbitten sich das viele weiße Musikhörer. Doch der Erfolg von Lil Nas X und auch von Blanco Brown gibt Hoffnung, dass hier endlich Grenzen fallen werden.

„Wir spielen unsere Americana-Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag.“

Dom Flemons sah das bei unserem Treffen im Juni in Chicago auch so. Einer der denkwürdigsten Momente in diesem Jahr bei unserer an Höhepunkten reichen USA-Reise. Ebenso wie der Besuch des Dylan-Kongresses in Tulsa, Oklahoma nebst Visite des Woody Guthrie Centers.

Von Newport nach Woodstock
2019 – Jahr der Jubiläen: Meine inhaltlichen Schwerpunktthemen waren in diesem Jahr „100 Jahre Pete Seeger“ und „50 Jahre Woodstock“. In Vorträgen in Tübingen, Malente, Darmstadt und Ingelheim habe ich über den Weg von Newport und Woodstock referiert und was die beiden Festivals mit Seeger und Dylan verbindet.

„Americana im Pädagog“
Zu Seeger konnte ich mich bei „Americana im Pädagog“ Anfang Mai über zwei ausverkaufte Pete Seeger Tribute-Konzerte freuen. Cuppatea und ich haben das Pete Seeger-Programm dann im Oktober nochmal in Münster aufgeführt.

Weitere Höhepunkte bei „Americana im Pädagog“ waren in diesem Jahr das ebenfalls ausverkaufte Konzert von Menna Mulugeta mit den Songs der schwarzen amerikanischen Sängerinnen im Februar und der genauso ausverkaufte Bob Dylan-Abend zum Abschluss des kleinen Jubiläums „5 Jahre Americana im Pädagog“ Ende November. Die Konzerte von „Americana im Pädagog“ sollen immer unterhalten, aber sie sollen auch durchaus zum Nachdenken anregen. Und wenn ich mir Programme zu Pete Seeger, Woody Guthrie oder Bob Dylan überlege, dann habe ich durchaus auch den Anspruch, Zusammenhänge zu erklären und auf gesellschaftliche Hintergründe hinzuweisen. „Wir spielen unsere Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag, sage ich dann immer scherzhaft.

Wie gesagt, im kommenden Jahr sind US-Präsidentschaftswahlen und sie werden entscheidend sein für die Zukunft dieses Landes, auf das so viele Menschen ihre Träume gebaut haben. Ich werde dies in verschiedener Form aufgreifen. Bei meinen Seminaren, mit dem Themenmonat „Voices Of The Other America“ in meiner „Americana“-Reihe, einem literarisch-musikalischen Programm zum Thema USA und einem besonderen Konzertformat in der zweiten Jahreshälfte. Und möglicherweise gelingt es mir, meine publizistische Produktion zu diesem Thema in Richtung einer größeren Form zu lenken, aber das werden wir sehen.

Blick nach vorn
Es wird also ein aus vielerlei Hinsicht wichtiges Americana-Jahr, das Jahr 2020. Es geht um einiges, aber jetzt ist einfach die Zeit mit kulturellen Beiträgen in die politische Debatte einzugreifen. Mit guter Musik macht das besonders viel Freude!

Bleibt mir nun noch fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen! Auch in der Cowboy Band-Welt kehrt nun Ruhe ein, im Januar geht es hier wieder weiter. In diesem Sinne wie immer an dieser Stelle Santa Bobs Weihnachtsgruß!

Darmstädter Dylan-Tag 2020

16. Dezember 2019

„Whatever Colours You Have in Your Mind“/ 18. April im Theater im Pädagog/
Kooperation mit „Americana im Pädagog“/ mit Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads, Heinrich Detering und anderen

Copyright: Wikimedia Commons

Im kommenden Jahr wird in Darmstadt erstmals der Darmstädter Dylan-Tag veranstaltet. Am Samstag, 18. April, wird sich unter dem Motto „Whatever Colours You Have In Your Mind“ von 15 Uhr bis ca 22.30 Uhr in Vorträgen und musikalischen Beiträgen und Konzerten alles rund um Werk und Wirken Bob Dylans drehen.

Seit 2014 gibt es in Darmstadt die von Thomas Waldherr kuratierte, sich ausdrücklich auf Bob Dylan berufende, Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Seit 2016 ist bei Radio Darmstadt die „Dylan Hour“ von Marco Demel auf Sendung. So entstand die Idee, sich einen ganzen Tag mit Werk und Wirken von Bob Dylan zu befassen. Kooperationspartner der Veranstaltung ist die Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Diese veranstaltet im US-Wahljahr 2020 erstmals im April einen Themenmonat „Voices For The Other America“, dessen Teil der Dylan-Tag ist.

Beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 sind u.a. mit dabei Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), die Literatur-Professoren und Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne-Marie Mai sowie Dan Dietrich und die Double Dylans. Der Eintritt beträgt 30 Euro.

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Vielstimmige Suche nach dem Maskenmann

30. November 2019

Fast drei Stunden Kurzweil: Bob Dylan-Abend von „Americana im Pädagog“ begeistert in ausverkauftem TIP

Zehn Musikerinnen und Musiker und ein Moderator entführten am Donnerstagabend (28.11.) das Publikum im bis auf den letzten Platz vollbesetzten Darmstädter Theater im Pädagog in den Bob Dylan-Kosmos. Es wurde eine vielstimmige, erlebnisreiche und kurzweilige Suche nach dem großen Trickser, Chamäleon und Sinnsucher der Rockgeschichte. Auch nach fast drei Stunden Programm ging keiner vorzeitig. Das Programm traf genau den Nerv der Dylan-Interessierten.

„Americana im Pädagog“ hatte eingeladen und viele Dylans kamen. Der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich hatte natürlich Heimspiel, den weitesten Weg hatte Stiff La Wolf aus Mecklenburg-Vorpommern. Aus Frankfurt kamen die DoubleDylans, die Singer.Songwriterin Jen Plater und Martin Grieben, der in Darmstadt aus seiner Zeit bei der Band „Jay“ bestens bekannt ist. Aus Weinheim stießen Zimmerman‘s Friends zur bunten Truppe.

Ihnen allen hatte Thomas Waldherr, Kurator der Americana-Reihe, Songs vorschlagen, die zu den von ihm gesetzten inhaltlichen Schwerpunkten des Abend passten. Ziel war es, die weniger bekannten Seiten des Songwriter-Papstes auszuloten. Und wie die Künstler die Songs aufbereitet hatten, rief immer wieder Beifallstürme des Publikums hervor. So glänzte Martin Grieben mit fantastischen Versionen von „When He Returns“ (Dylans religiöse Phase) und „Po‘ Boy (Dylans Alterswerk). Mitreißend und genau traf er die Beseeltheit Dylans in Ausdruck und Stimme bei „Returns“, musikalisch genial war die Idee, den Po‘ Boy auf der kleinen Ukulele zum Besten zu geben.

Die Double-Dylans fesselten das Publikum mit ihrer ungewöhnlichen Rap-Version von „The Lonesome Death Of Hattie

Matze Schmidt, Stiff La Wolf, Thomas Waldherr, Foto: AIP

Caroll“ (Bob Dylan und Black America) und zusammen mit Jen Plater und deren Maskierung als Mann arbeiteten sie fein heraus, dass die „Political World“ eine Männerwelt ist (Bob Dylans politische Welt). Im Duett hatten Jen Plater und Lokalmatador Dan Dietrich schon lange vorher die Erinnerung Dylans an das „Girl From The North Country“ (Bob Dylans Jugend) mit viel Gefühl intoniert.

Zimmerman’s Friends führten dann die Country-Abteilung an. Mit „Make You Feel My Love“ – u.a. auch von Country-Superstar Garth Brooks gecovered – wurde Dylans Liebeslied von den Weinheimer Dylans in genialer Art, ganz wunderbar zart und sinnlich vorgetragen. Überhaupt schreibe Dylan die schönsten und gefühlvollsten Liebelieder meinte Bandleader Bernd Hoffmann dazu. Anschließend gingen sie beim schmissigen „You Aint‘ Goin‘ Nowhere“ in packender Manier voran und rissen das gesamte Ensemble und das Publikum mit, ehe es in die Pause ging.

Stiff La Wolf wiederum brachte das Publikum durch Vortrag, Bühnenpräsenz und Charisma dazu, ihm bei den langen, textlich besonders anspruchsvollen Stücken „Not Dark Yet“ und „Every GrainOf Sand“ aufmerksam zu folgen. Da schien für einen Moment im Pädagogkeller die Zeit still zu stehen. Aber auch Kurator und Moderator Thomas Waldherr ergriff an diesem Abend seine Chance und sang zusammen mit Stiff La Wolf, begleitet von DoubleDylan Matze Schmidt, die Bob Dylan und Willie Nelson Koproduktion „Heartland“. Das ließ sich hören.

Auch nach fast drei Stunden ließ das frenetisch applaudierende Darmstädter Publikum die Dylan-Truppe einfach nicht von der Bühne und so wurde als allerletzter Song „All Along The Watchtower“ improvisiert. Als dann das Saallicht wieder anging schaute man ringsherum nur in strahlende Gesichter. „Vielen Dank, Ihr habt uns mit diesem Abend ein großes Geschenk gemacht“, drückte eine Besucherin ihre Freude aus. Und beschenkte damit wiederum Ensemble und Moderator. Ein Abend, der für alle, die dabei waren – ob auf, vor oder hinter der Bühne – unvergessen bleiben wird.

Am 13. Dezember unterstützt „Americana im Pädagog“ das Konzert der Country-Rockband „Music Road Pilots in der Darmstädter Michaelsgemeinde und geht dann in die Weihnachts- und Winterferien. Die Americana-Saison 2020 startet dann im TIP am Donnerstag, 30. Januar, mit Martin Griebens Programm „Elvis Pur. Songs und Geschichten vom King of Rock’n’Roll“.