Er kann’s nicht lassen

16. Oktober 2020


Bob Dylan mischt wieder im Filmgeschäft mit

Bob Dylan und der Film ist eigentlich die Geschichte einer unglücklichen Liebe. Kaum einer ist so verliebt in dieses Medium, und ambitioniert, und scheitert stets auf hohem Niveau wie Mr. Bob Dylan. Wenn renommierte stilbildende Regisseure die filmischen Ausdrucksformen finden, die zu Dylans musikalischen passen wie D.A. Pennebaker (Don’t Look Back“), Todd Haynes („I’m Not There“) oder Martin Scorsese („No Direction Home“, „Rolling Thunder Revue) dann entsteht denkwürdiges.

Plakat zum Film, Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylan und der Film: Eine unglückliche Liebe

Doch wenn Dylan selbst versucht, sich filmisch auszudrücken, dann haut es nicht so recht hin. Sein erster Versuch „Eat The Document“ schlummert irgendwo im Panzerschrank. „Renaldo & Clara“ ist zwar schwer zugänglich, hatte aber ein künstlerisches Konzept und wurde zu Unrecht verrissen. „Masked & Anonymous“ ist für Dylan-Eingeweihte“ natürlich herrlich, aber darüber hinaus schwer zu genießen. An dieser Stelle habe ich vor ein paar Monaten dazu geschrieben:

„Wenn also die literarische Vorlage gar nicht zur umgesetzten Gattung passt, wenn der Film in seiner Plausibilität durch Drehbuchkürzungen leidet, wenn genauso naturalistisch wie psychologisierend geschauspielert wird, und nicht episch und maskenhaft typisierend wie es dem Stück angemessen wäre – man sieht dies doch schon an den sprechenden Namen: Jack Fate, Tom Friend! – wenn die Schauspieler sich wie beim Method Acting-Kurs benehmen und nicht geführt werden und sowohl Kamera als auch Kulisse auf dürftigem Niveau sind, dann kann das nur krachend schief gehen.“

Als Schauspieler hatte sein Auftreten bei „Pat Garett & Billy The Kid“ noch Witz und Charme, beim missglückten B-Movie „Hearts Of Fire“ fiel seine schauspielerische Nichtleistung bei diesem hanebüchenen Projekt schon gar nicht mehr ins Gewicht. Kurzum: Der Mann, der mit Songs wie „Lily, Rosemarie And The Jack Of Hearts“, „Hurricane“, „Black Diamond Bay“ oder „Clean Cut Kid“ Songs wie Drehbuchvorlagen liefert, scheitert in der Umsetzung regelmäßig.

Als hätte er es selbst eingesehen, hat er sich in den letzten Jahren in Sachen Film rar gemacht. Lieferte 2009 den Soundtrack zum – leider auch nicht erfolgreichen – Renée Zellweger-Film „My Own Love Song“, der ihn immerhin zum Album „Together Through Life“ animierte und trat als Zeuge seiner eigenen Vergangenheit in der Joan Baez-Dokumentation „How Sweet The Sound Is“, in Scorseses-Rolling Thunder Film sowie in der Jimmy Carter Hommage „Rock’n’Roll President“ auf.

Neue Rolle als Filmproduzent

Nun aber scheint er zwischen neuer Musik, Radio-Show, Nachlassverwaltung und Arbeit am eigenen Vermächtnis eine neue Rolle im Filmgeschäft gefunden zu haben: Als Ideengeber, Berater und Produzent. Dass er mittlerweile auf die Überlieferung so mancher Phase seiner Karriere Einfluss nehmen will ist legitim. Auch wenn die Bearbeitung seiner Gospel-Phase unserer Meinung nach jetzt nicht das Vordringlichste gewesen wäre, und uns nebenbei zeigt, dass Clinton Heylin scheinbar vom Kolportage-Journalisten in die Rolle des eilfertigen Hofberichterstatters gewechselt ist, ist Dylans Bestreben nachvollziehbar.

Spannender wird es bei der Darstellung seiner ersten Karriere-Scheidelinie. Als er 1965 einstöpselt und die Folkies vor den Kopf stößt. Der Film dazu ist schon in der Mache, Hauptdarsteller ist Timothée Chalamet, Regisseur ist James Mangold, der auch schon das Leben von Johnny Cash verfilmt hat. Sowohl Dylans Manager Jeff Rosen als auch Dylan selbst sind als Produzenten am Film beteiligt. Dass der Film plausibel ist und historisch sowohl die Verhältnisse als auch die damaligen Protagonisten richtig einordnet – wer spielt eigentlich Pete Seeger? – darauf kann man hoffen, weil der Film „Going Electric“ wohl in Teilen auf Elija Walds großartigem Buch „Dylan goes electric fußt“. Bleibt uns noch zu wünschen, dass die Geschichte, als Dylan sich gegen alle Widerstände zum Rock hinwendet, nicht allzu dick und pathetisch als xter Aufguss eines amerikanischen Traums daherkommt.

Musik und Baseball

Baseball-Spiel, Copyright: Wikimedia Commons

Doch scheinbar reicht es Dylan wirklich nicht mehr, sich alleine mit der Musik zu beschäftigen. Jetzt auch im Film nicht mehr. Denn als Mitproduzent an der Seite von George Clooney bringt er nun mit „Calico Joe“ ein Baseball-Epos an den Start. Dass Dylan ein großer Baseball-Fan ist, wissen wir ja spätestens seitdem er eine Baseball-Ausgabe seiner Radio-Show machte und dort A-Cappella „Take Me Out To The Ball Game“ sang. Aber bereits während der Desire-Sessions 1975 nahm er den Song „Catfish“ auf. Der Song über den legendären Baseballspieler Jim „Catfish“ Hunter wurde dann aber erst 1991 in der Bootleg Series Vol. 1-3 veröffentlicht.

Die Geschichte von „Calico Joe“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von John Grisham – auch ein großer Baseball-Narr – und handelt von einem Baseballspieler, der so unglücklich vom Ball an den Kopf getroffen wird, dass er ins jahrzehntelange Koma fällt. Inspiriert ist Grishams Werk vom Schicksal Ray Chapmans (1891 – 1920), dem einzigen US-Profi-Baseballspieler der bislang nach einem Ballwurf durch den Pitcher starb. Hollywood hat tolle Sportfilme hervorgebracht, hoffen wir, dass dieser Film auch so einer wird. Und vielleicht steuert Dylan ja auch was zum Soundtrack bei. Und wenn es A-Capella ist…

Dylan und Lennon wie Heaven und Sky, wie Feuer und Wasser?

9. Oktober 2020

Über das schwierige Verhältnis zweier Protagonisten der Rock-Generation

Vom vermeintlichen kulturellen Antipodentum von Bob Dylan und Johnny Cash – die letztlich aber gar nicht so weit voneinander entfernt waren – war auch an dieser Stelle schon mehrfach die Rede Nun, da wir in diesen Tagen sowohl den 80. Geburtstag, als auch den 40. Todestag von John Lennon begehen, möchte ich hier einmal auf das schwierige Verhältnis von Lennon und Dylan eingehen. Über zwei Ausnahmekünstler, die sich nicht immer grün waren.

John Lennon und Bob Dylan, Copyright Wikimedia Commons

Für mich war Lennon immer der coolste Beatle. Wobei das auch der Charakterisierung der Figur in den Beatles-Filmen und deren deutschen Synchronisation geschuldet sein mag. Mitte der 1970er waren die Beatles bei uns Jugendlichen noch ziemlich präsent. In Kino und im Fernsehen liefen die beiden Beatles-Filme von Richard Lester aus den Jahren 1964 und 1965 und die Sprüche waren Thema auf dem Pausenhof. Und natürlich war auch ich geschockt von seiner Ermordung am 8. Dezember 1980. Dylan lernte ich erst nach den Beatles 1976/77 kennen, beeindruckte mich aber um so mehr und ziemlich nachhaltig (lol!) und über die besondere Beziehung von Lennon zu Dylan war mir damals auch nix bekannt.

Dylan beeinflusst Lennon

Erst später habe ich erfahren wie sich die Beiden bzw. Dylan und die Beatles gegenseitig beeinflusst hatten. Dylan musikalisch von den Beatles – er stöpselt 1965 ein! – Lennon im Songwriting von Dylan. War vorher „She Loves You, Yeah, Yeah, Yeah!“ angesagt, veränderte sich nun Lennons Songwriting. Er eignete sich das narrative des Folk an, erzählte Geschichten, die Texte wurden anspruchsvoller, tiefschichtiger. „Norwegian Wood“ von 1965 gilt gemeinhin als der erste Song dieser neuen Art. Typisch Dylan, dass er „Norwegian Wood“ 1966 mit „Fourth Time Around“ parodiert. Ganz nach dem Motto „Ich bin das Original!“

Doch als die Beatles in den Jahren 1966ff immer tiefgründiger und experimenteller wurden, als Lennon immer politischer wurde, da schlug Dylan den entgegengesetzten Weg ein. Sehr zum Missfallen seines Apologeten Lennon.

Lennon hat sich über die Jahre an Dylan abgearbeitet. Er bewunderte sein Songwriting und dass sein Publikum ihm zuhört. Er schrieb dylaneske Songs und schrieb enttäuschte Songs – in „God“ singt er „Don’t Believe Zimmerman“. Kurzum: Lennon führte sich fast auf wie ein vom Lehrer enttäuschter Musterschüler. Da hatte er sich von Dylan dazu anleiten lassen, tiefschürfende Songs zu schreiben und was machte der? Knödelte 1969 die vermeintlich konservative Countrymusik und veröffentlichte mit „Self Portrait“ eine Platte voller Coverversionen und oller Kamellen. In Interviews ließ er kein gutes Haar an Dylans Musik. Auch Dylans „New Morning konnte ihn nicht versöhnlicher stimmen.

Dylan enttäuscht Lennon

Dem Rolling Stone sagte er damals, „New Morning“ sei nichts Besonderes. Dass er aber sich möglicherweise so gefühlt habe, weil er zu viel von Dylan erwartet habe. Und meinte, er sich nicht mehr so für Dylans Musik interessierte wie früher. Lennon war wirklich tief enttäuscht.

Doch mehr noch: In diesen Jahren tummelte sich Lennon sogar im Umfeld von A.J. Webermann und dessen „Dylan Liberation Front“. Weberman war ein radikaler, abgedrehter, völlig auf Dylan fixierter Typ, der die „Dylan Liberation Front“ gegründet hatte und versuchte mit dem linksradikalen Aktivisten Jerry Rubin und eben John Lennon Druck auf Dylan auszuüben, wieder politisch aktiv zu werden. Sie sahen in dem Umstand, dass Dylan am 1. August 1971 am großen Benefizkonzert für Bangladesh teilgenommen hatte, einen Hinweis dafür, dass Bobby scheinbar doch wieder in die politische Spur zurückkam. Und sahen sich durch Dylans „George Jackson“ bestätigt.

Doch weit gefehlt: Der Protestsong „George Jackson“ blieb vorerst eine Ausnahme und Lennons Liebe zu Dylan kühlte sichtlich ab. Erst Recht, als Dylan seine Born Again-Erlebnis hatte. Zu „Gotta Serve Somebody“ sagte John, „Bob will wohl jetzt Kellner werden“. Haha, nicht schlecht! Er schrieb als Antwort „Serve Yourself“. Und durchaus nachvollziehbar ist auch seine Kritik über die angeblichen absoluten Wahrheiten, die Dylan in seinem Glauben jetzt gefunden hätte. Ja, Lennon war Atheist. Knut Wenzel hat es so schön benannt. Dylan steht für den Heaven, Lennon für sly. „Imagine there’s no heaven, above us only sky.“

Doch wie dachte Dylan über Lennon? Auf jeden Fall dachte er schon mal weniger über Lennon nach, als der über ihn. Die direkten alleinigen Begegnungen lassen sich an einer Hand abzählen. Die bekannteste Dylan-Lennon-Szene stammt aus „Eat The Document“, als beide aber so richtig stoned sich ein Taxi teilen. Selbst da scheint wenig Harmonie zu herrschen. Den Lacherfolg auf Kosten Dylans hat auch hier wieder Lennon, der sagt: „Leidest Du unter Augenschmerzen, grooviger Stirn oder lockigem Haar? Nimm, Zimdawn! Komm, komm, Junge, es ist nur ein Film. Reiß dich zusammen!“

Bob Dylan und John Lennon, Copyright: Wikimedia Commons

Dylans Lieblings-Beatle war George Harrison, auch so ein eher introvertierter Sinnsucher. Lennon war da zu forsch, zu cool, vielleicht zu sehr aufgesetzter Durchblicker. Er war ein großer Musiker wie Dylan, ließ sich von ihm beeinflussen, hätte aber die Fixierung auf ihn nicht nötig gehabt.

Dylan ehrt Lennon

Dylan wiederum schien sich Lennon nicht beeindrucken zu lassen. Dylan war Dylan, er machte, was er wollte. Aber er hatte immer Respekt vor Lennon. Als letztes Zeichen schrieb er „Roll On, John“ für ihn und wob einige Lennon-Textzitate ein. Doch es war – und das fiel schon beim ersten Hören auf – auch ein letztlich distanzierter Respekt. So wie er die Geschichte der Beatles erzählt – „From the Liverpool docks to the red light Hamburg streets/ Down in the quarry with the Quarrymen/ Playing to the big crowds, playing to the cheap seats“ zeugt das nicht gerade vom Willen an den Menschen Lennon heranzukommen. Er preist die Legende, er schreibt einen Folksong über eine Legende, nicht über einen Freund wie Tony Atwood auf „Untold Dylan“ nachgewiesen hat.

Heaven und Sky, Sinnsucher und Kritikaster, aber auch Feuer und Wasser? Nein, als Antipoden kann man Dylan und Lennon sicher nicht bezeichnen. Sie haben sich schließlich immer wieder mal in ihrer Musik getroffen. Themen wie Autonomie des Individuums, Menschlichkeit, Verlorenheit in der verwalteten Welt, Krieg und Gewalt war bei beiden präsent. Dennoch sind ihre Künstler- und Kunstkonzepte sehr verschieden.

Wer weiß, wie John Lennon sich noch entwickelt, welche Musik er noch hinterlassen hätte. Vor 40 Jahren hat man ihn erschossen. Rest In Peace, John Lennon!

„Roll On, John“ live:

Lockdown mit Dylan

2. Oktober 2020

Mal reduziert, mal majestätisch: Chrissie Hynde und James Walbourne bearbeiteten 9 Dylan-Stücke ganz lässig kongenial im Lockdown

Foto: Chrissie Hynde & James Walbourne

Bestimmt war das so: Chrissie, die ja schon seit Mitte der 1980er gut mit Bobby kann, hat direkten Zugang – mailen die oder what’sappen die? – und schreibt „I’ve recorded some stuff frim you: I want to publish it.“ Und Bob schreibt Jeff Rosen: „Hey Jeff, give Chrissie what she want“.

Britische Rockgeschichte
Uns fiel Chrissie Hynde bei Dylans Londoner Konzert 1984 erstmals auf und dann kam natürlich der so frech-lässige und ein bisschen laszive Auftritt beim 30-jährigen Plattenjubiläum mit „I Shall Be Released“. Die Frau ist britische Rockgeschichte. 1951 in den USA in Ohio geboren, zog sie 1973 nach London und gründete dort auch später „The Pretenders“, Sie war mit den britischen Rocklegenden Ray Davis (Kinks) und Jim Kerr (Simple Minds) zusammen und lebte den Rock’n’Roll. Mal engagierte sie sich für Nelson Mandela, dann wieder gegen McDonalds.

Dylan-Erlebnis im Lockdown
Die Pretenders hatten Hits, zogen sich zurück, kamen wieder hervor und sind mittlerweile eigentlich weniger eine organische Band, als das Markenformat von Hynde. In der neuesten Inkarnation rund um das neue Album „Hate für Sale“ speist sich die Gruppe aus der produktiven Zusammenarbeit von Hynde und James Walbourn. Walbourn gehört zu den Pretenders seit 2008. Eigentlich wollten sie im Frühjahr auf Tour für ihr neues Album „Hate For Sale“. Doch im Lockdown hatten sie plötzlich viel Zeit und als Dylan dann „Murder Most Foul“ und „I Contain Mutitudes veröffentlichte, war es um Chrissie geschehen. Dylan berührte sie so sehr, dass sie sich entschloss, mit Walbourne ein paar Dylan-Songs zu covern.

Und wie sie das tun ist wirklich kongenial. Sie haben sich neun sehr schöne Songs ausgesucht, deren Gemeinsamkeit und Vorteil ist, dass sie nicht schon tausenmal gecovert worden sind. Manchmal wundert man sich wirklich, denn da hat man den Eindruck so mancher Apologet kennt nur die 1960er. Doch hier kommen wir in den Genuss von Songs, die selten nachgespielt werden und daher um so stärker wirken können in der Neubearbeitung von Chrissie und James.

Berührende Interpretationen
Die Songs haben sie strikt chronologisch nach dem Entstehen veröffentlicht, so dass man auch wirklich eine Entwicklung feststellen kann. Bei „In The Summertime“ scheinen sie sich noch etwas ranzutasten, aber es gelingt ihnen eine leicht verträumte Laid Back-Version des Songs einzuspielen, die man wirklich gern hört.

Bei „You’re A Big Girl Now“ gelingt es ihnen genau, dieses Gefühl des schmerzvollen Loslassens zu treffen, das schon bei Dylan so weh getan hat.

Und es wird noch besser. „Standing In The Doorway“ gelingt Ihnen überirdisch-schwebend und Chrissies Gesang ist ein überzeugender, weil sich voran tastender Gesang. Gänsehaut!

Korrespondierende Videos mit eigenem Gehalt
Und auch die Videos dazu sind passend, haben einen eigenen, mit dem Song korrespondierenden Gehalt. Der zu „Love Minus Zero“ beispielsweise erzählt eine romantische junge Liebesgeschichte in Zeiten von Corona und „Social Distancing“.

Bei „Don’t Fall Apart On Me Tonight“ wird der Song um die Angst vor der Verlorenheit in einer kalten und brutalen Welt mit kontrastierenden Bildern von Sehnsucht, Liebe und Engagement gegen Rassismus und Gewalt illustriert.

Und ganz majestätisch endet die Lockdown Series dann schließlich mit dem wunderschönen „Every Grain Of Sand“. Das Lied über die Schönheit der Schöpfung und dem Versprechen der Erlösung ist Dylans schönstes, weil persönlichstes und unmissionarischstes Lied seiner religiösen Phase. Hier predigt kein Rachejünger, hier findet einer Gott und die Liebe im kleinsten Sandkorn. Chrissie singt den Song ebenfalls voller schönem Timbre und setzt einen würdigen Schlusspunkt unter die Lockdown Series.

Bislang keine CD oder DVD
Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es ein Doppelpack CD+DVD mit allen Songs und Videos. Für mich die überzeugendste Dylan-Cover seit langem und auf einer Höhe mit den Dylan-Alben von Willie nile und Joan Osborne.

Ob das so kommt, wissen wir nicht, bisweilen müssen wir uns mit youtube und dem neuen Album „Hate For Sale“ begnügen. Aber auch mit letzterem unterstreicht Chrissie Hynde erneut ihre Ausnahmestellung im Musikbusines.

Chrissie Hynde – Meine Wiederentdeckung des Jahres!

Alle Videos:

Eine rundum gelungene Geburtstagsfeier!

27. September 2020

40. Lahnsteiner Bluesfestival: Packendes Programm und starke Künstler sorgen für tolle Atmosphäre im „Bluesclub“ in der Stadthalle

Stadthalle Lahnstein: Wo sonst die Stuhlreihen dicht an dicht gebaut sind, damit viele, viele Zuschauer jedes Jahr beim Lahnsteiner Bluesfestival das Musikprogramm verfolgen können, da sind diesmal wegen der Corona-Lage in angemessenem Abstand kleine Tische aufgebaut, an denen stets 2-3 Personen sitzen. So sind es gerade mal schätzungsweise irgendwo zwischen 60 – 80 Zuschauer, die in den Genuss gekommen sind. live dabei zu sein. Die großen Zuschauerzahlen erreicht das Festival in diesem Jahr über die Ausstrahlungen im Internet und im Fernsehen. Doch die Organisatoren rund um den Spiritus Rector des Festivals, Tom Schroeder, sind einfach nur froh, dass die Jubiläumsausgabe, das 40. Lahnsteiner Bluesfestival überhaupt stattfinden kann.

Bluesclub-Atmosphäre in der Stadthalle
Und so wird das Festival mit seinem auch in diesem Jahr wieder qualitativ besonderen und vielfältigen Programm vom Publikum denn auch in den kommenden gut vier Stunden als Geschenk aufgenommen. Denn was da auf der mitten im Parkett der Stadthalle aufgebauten runden Bühne auftritt, gehört zum Besten, was die deutsche und europäische Bluesszene zu bieten hat.

Moderator Arnim Töpel bringt in seiner Begrüßung die Atmosphäre in der Halle auf den Punkt, als er sich einen Bluesclub versetzt fühlt. Nach seinem Beginn mit dem trotzigen A-Cappella-Stück „Blues bleibt“, führt er als diesjährigen Co-Moderator Rolf Hüffer ein. Seit dem Jahr 2000 produziert und moderiert Hüffer alljährlich den 90-minütigen TV-Film vom Lahnsteiner Bluesfestival. Gemeinsam werden sie an diesem Jubiläumsprogramm Abend moderieren und kurze Interviews mit den Künstlern führen.

Mike Andersen lässt die Betriebstemperatur spürbar steigen

Mike Andersen, Foto: Cowboy Band Blog


Den musikalischen Auftakt macht dann der Däne Mike Andersen mit seiner „Big Soul And Blues Revue“. Seine fünfköpfige Stammband ist extra für diesen Anlass um den Perkussionisten Mads Michelsen und den Tenorsaxophonisten Niels Mathiasen verstärkt worden. Und die sieben Musiker lassen von Anfang an keine Blueswünsche offen. Mike Andersen ließ sich schon in seiner Jugend von Bluesgrößen wie Otis Rush für diese Musik begeistern und so ist er auch mittlerweile auch schon gut dreißig Jahre im Geschäft. Der Songwriter und Bandleader wechselt stetig zwischen E-Gitarre und Akustik-Gitarre und spielt sowohl alte Songs-, u.a. den Radio-Hit „Who’s Cheating Who“, mit dem für ihn seine Musikkarriere so richtig begann – wie auch neue. „Brandneu“, so sagt er, ist „Midnight Coffee“, es ist im Lockdown entstanden. Gekrönt wird das Blues-Rock-Stück von einem überirdisch-wilden Bottleneck-Gitarren-Solo von Johannes Nørrelykke.

Dann kommen wieder leisere Töne. Mike Andersen tritt bei „One Million Miles“ alleine mit der Akustikgitarre auf die Bühne und fesselt das Publikum. Dann kommt wieder die Band und begeistert voller Spielfreude mit weiteren musikalisch packenden Stücken wie „I Was Wrong“ oder „I Wanna Go“. Andersen und seine Band haben den Bluesclub in der Stadthalle schon ordentlich auf Betriebstemperatur gebracht und werden mit Standing Ovations verabschiedet.

„Blues-Louis“ für Manfred Miller
Nun ist wieder „Blues-Louis“-Zeit. Alljährlich wird der Preis an Persönlichkeiten verliehen, die sich um den Blues in besonderer Weise verdient gemacht haben. Zum 40. Lahnsteiner Bluesfestival bekommt ihn Mitbegründer Manfred Miller. Der 1943 geborene Miller ist einer der legendären deutschen Musikjournalisten und Populärmusikforscher, der den Blues hierzulande sowohl populär gemacht, als ihn auch tiefergehend nach seinen gesellschaftlichen Ursprüngen hin beleuchtet hat. Sein Buch „Um Blues und Groove – Afroamerikanische Musik im 20. Jahrhundert“ ist eines der Standardwerke zu dieser Musik im deutschsprachigen Raum. In einem Einspielfilm wird gezeigt, wie ihn Tom Schroeder zu Hause besucht, eine ebenso geistreiche wie wertschätzende Laudatio hält, und ihm den Preis überreicht.

Rolf Hüffer und Arnim Töpel, Foto: Cowboy Band Blog

Danach ist erstmal eine 45-minütige Umbaupause, ehe wieder Arnim Töpel und Rolf Hüffer die Bühne betreten. Mit einem Video-Mitschnitt von Highlights der letzten 20 Jahre nimmt das Programm wieder Fahrt an und der Boden wird bereitet für den zweiten musikalischen Teil des Programms. Auf der Bühne entspannt sich in den folgenden gut anderthalb Stunden ein fulminanter Reigen großartiger Musik und Musiker: Die Kai Strauss Band & The Lahnstein Birthday All Stars feat. Inga Rumpf, Giorgina Kazungu-Hass, Tosho Todorovic, Tommy Schneller, Dieter Kuhlmann und Gary Winters. Kai Strauss, eher von kleinerer, schmaler und sehniger Statur, ist mit starker Stimme und kunstvollem Gitarrenspiel ganz klar der Chef im Ring. Er und seine Band sind die Idealbesetzung, um den Gaststars eine Bühne zu bereiten und einen verlässlichen musikalischen Rahmen zu bieten. „Hard Life“ heißt sein meisterhaft vorgetragener langsamer Soul-Blues, auf den der erste Gastauftritt folgt. Saxophonist Tommy Schneller, der mit Dieter Kuhlmann (Posaune) und Gary Winters (Trompete) den Bläsersatz bildet, tritt hinter der Plexiglasabtrennung hervor und intoniert mit wunderbarer Soulstimme „Put It Where You Want It“. Es folgt das erste Interview. Kai Strauss und Tommy Schneller werden zur Blues-Hochburg Osnabrück befragt. Dort entwickeln sich auf festen Session-Strukturen immer wieder große Bluestalente.

Kai Strauss Band & The Lahnstein Birthday All Stars- ein fulminanter musikalischer Reigen

Giorgina Kazungu-Haß, Foto: Cowboy Band Blog


Giorgina Kazungu-Haß, die dann die Bühne entert, hat schon mit 16 Jahren das Publikum auf der Lahnsteiner Festivalbühne begeistert. Mit einer großartigen Blues- und Soulstimme sowie einem überragenden Temperament ausgestattet, hat sie sich dennoch entschlossen, nicht von der Musik zu leben. Erst arbeitete sie als Lehrerin, jetzt vertritt sie als SPD-Landtagsabgeordnete den Wahlkreis Neustadt – Haßloch – Lambrechter Tal im Mainzer Landtag. Für dieses Jubiläum kehrte sie aber nochmals zum Lahnsteiner Bluesfestival zurück. Und wie!

Auf der Bühne ganz extrovertierte Power-Frau, singt sie mit „A Change Is Gonna Come“ aus aktuellem Anlass eine Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung. Der Sänger Sam Cooke ließ sich 1964 von Bob Dylans „Blowin‘ In The Wind“ zu diesem Song inspirieren. Cooke wurde im selben Jahr von einer Motelmanagerin erschossen, die genauen Todesumstände wurden nie geklärt. Bob Dylan sang eine Version des Liedes im Jahr 2004 zum 70-jährigen Bestehens des Apollo-Theaters in Harlem sicher auch zu Ehren von Cooke. Und genau diesen Song trägt Giorgina Kazungu-Haß vor und gibt ihm Tiefe, Raum und eine unbestechliche Botschaft. Gänsehautmomente!

Mit Tosho Todorovic folgt ein weiterer Vertreter der Osnabrücker Blues-Schule. Der Gitarrist und Bandleader der Blues Company spielt beeindruckende Blues-Stücke auf seiner elektrischen Gitarre. Dazwischen erzählt er launige Geschichten wie die von dem Song „Blue And Lonesome“, den Hollywood-Produzenten als Titelmelodie für einen Bluesfilm einsetzen wollten. Das klappte auch alles, jedoch kam der Film nie nach Europa. Sagt er und stürzt sich in eine ausgefeilte Version dieses Songs. Wieder Zeit für ein kurzes Interview: Diesmal fragen die beiden Moderatoren die ehemalige Lehrerin Kazungu-Haß und den aktiven Bluesdozenten Todorovic, ob man den Blues lernen könne. Klare Antwort: Die Technik ja, aber zum Blues gehört noch viel mehr.

Tosho Todorovic, Kai Strauss, Inga Rumpf, Giorgina Kazungu-Haß, Foto: Cowboy Band Blog

Inga Rumpf – die deutsche Rock- und Blueslegende begeistert
Nun ist es soweit! Der absolute Stargast des Abends betritt das Bühnenrund: die deutsche Musiklegende, Rock- und Blueskoryphäe Inga Rumpf. Seit 50 Jahren ist die im Geschäft, arbeitete u.a. mit ihrer Band „Frumpy“, mit Udo Lindenberg, Peter Herbolzheimer oder Joja Wendt. Drei Songs sang sie in ihrer unnachahmlichen Art und erntete stürmischen Beifall. Darunter die ganz starke Nummer „Slow Motion“. Und schließlich endet mit allen „Lahnstein Birthday All Stars“ gemeinsam auf der Bühne ein unvergessliches Jubiläumsprogramm. Und wieder stehende Ovationen! Es war großartig, so wie es war. Die Organisatoren haben angesichts der Corona-Bedingungen einen fantastischen Job gemacht.

Blues bleibt!
Und doch hofft man, im kommenden Jahr zur 41. Auflage wieder etwas mehr Normalität erfahren zu dürfen. Aber wie auch immer: Lahnstein zeigt – Blues bleibt!

Cheerio, Mr. Bob!

25. September 2020

Theme Time Radio Hour Revisited: Bob Dylans akustische Whiskey-Verkostung vermittelt in hörenswerter Form interessante Einblicke in die alten amerikanischen Exportschlager Populärmusik und Feuerwasser/ Schwerpunkt auf afroamerikanische Künstler gelegt

Foto: Heaven’s Door Whiskey

Das Fazit gleich vorweg: Es ist ein großartiges Hörvergnügen. So wie man es erhofft und insgeheim erwartet hatte. Und es war doch wieder ganz anders. Denn Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“ zum Thema „Whiskey“ war mehr als die übliche, ohnehin schon großartige Melange aus interessanter Musik, witzigen Späßen und unverhofften literarischen Zitaten, Erklärungen und Vergleichen.

Afroamerikanische Musikbeiträge
Denn schaut man sich die Playlist an, so sieht man: Dylan hat uns in ganz selbstverständlicher Beiläufigkeit erklärt, welch großen Beitrag zur amerikanischen Populärmusik die African American Community geleistet hat. Es geht schon los mit dem wunderbaren langsamen und ruhigen „Quiet Whiskey“ der Bluessängerin Wynonie Harris. Später lernen wir Edmund Tagoe & Frank Essien kennen, die in ghanaischer Sprache zu in London aufgenommener amerikanisch verwurzelter String Band Musik singen. Typisch Dylan der Musikhistoriker. Er zeigt uns auf, wie die Schallplatten-Aufnahmen zu einer ersten musikalischen Globalisierung führten. Denn die beiden Musiker haben sich von Aufnahmen von Bo Carter von den Mississippi Sheiks inspirieren lassen.

Mit Timmie Rogers‘ „Good Whiskey (And a Bad Woman)“ führt er den schwarzen Komödianten ein, der einer der ersten war, die direkt ein weißes Publikum ansprechen durften. Es war ein weiter Weg von den weißen Blackface Minstrels und ihrer „Dummen August“-Figur Jim Crow bis zu dem selbstbewussten afroamerikanischen Komiker der 1960er und 1970er Jahre. Der Bluessänger Jimmie Witherspoon besingt den „Corn Whiskey“ und der Reggaemusiker Alfred covert „One Scotch, One Bourbon, One Beer“ der Blues-Legende John Lee Hooker.

Und aus der Sendung begleiten uns dann die Jazzsängerin Miss Byllye Williams mit dem „Hangover Blues“ – nach dem Saufen kommt der Kater!- und R&B-Bandleader Tuff Green. Der und sein Orchester führen mit dem Titel „Let’s Go to the Liquor Store“ aber schon wieder in Versuchung. Es hört halt nie auf.

Ohne diesen Fakt herauszustellen, legt die Sendung einen Schwerpunkt auf afroamerikanische Musik und ihre Verbindungen zur Karibik und Westafrika. Dylan at its best: Seine Art von Kommentar zu den aktuellen politischen Auseinandersetzungen um den Rassismus in den USA.

Mit alten Freunden den Whiskey genießen
Und was noch? Ebenfalls viel Hörenswertes. Dylans alter Freund Charlie Poole ist wieder mit dabei. Denn der war nicht nur ein großer Old Time Musiker, sondern auch ein großer Trinker. Seine spezielle Banjotechnik eignete er sich notgedrungen nach einem „Getränkeunfall“ an. Von einem „Getränkeunfall“ ganz anderer Dimension erzählt uns Dylan dann in der Geschichte der Melassekatastrophe von Boston, als sich nach einer Tankexplosion ungeheure Mengen der Sirupmasse über die Straßen der Ostküstenstadt ergossen. 21 Menschen verloren dabei ihr Leben. Merke: Wer Rum liebt, lebt gefährlich, man greife besser zu einem Glas Whiskey!

Natürlich kommen in der Sendung noch weitere gute Freunde von Dylan vor. Frank Sinatra, dessen Vorliebe für Jack Daniel’s legendär ist, ist ebenso mit von der Partie wie der Vertreter einer anderen großen Whiskey-Nation, Van Morrison. Der (Nord-)Ire besingt den schwarzgebrannten, den „Moonshine Whiskey“ und Dylan zählt uns dazu einige Synonyme für den „illegalen“ Whiskey auf. „White Lightning“ war uns bekannt. Aber „Tiger Sweat“ und „Panther Piss“? Da muss sogar Dylan lachen.

Und natürlich passt da auch die Geschichte der NASCAR dazu. Kurz nach der Prohibition wurde privat gebrannter Moonshine-Whisky heimlich mit aufgemotzten Autos quer durch Amerika transportiert. Mit diesen Boliden wurden später dann Rennen veranstaltet. Dies führte wiederum zur Gründung der National Association for Stock Car Auto Racing, kurz NASCAR im Jahr 1947.

Dylan näht weiter am amerikanischen Patchwork-Quilt
Komplettiert wird das musikalische Programm im Übrigen durch zwei Musiker mit Cajun-Hintergrund. Die Cajuns sind ja bekanntermaßen die Nachfahren, der aus Kanada nach Lousiana geflohenen französisch-stämmigen Siedler. Dylan legt uns Bobby Charles und Harry Coates ans Herz. Letzterer wurde als „Fiddle King of Cajun Swing“ und „Godfather of Cajun music“ gerühmt. Ersterer hat den legendären Song „See you later, alligator“ geschrieben und war der einzige weiße Musiker auf dem „schwarzen“ Chess-Label. Er ging mit schwarzen Musikerkollegen wie Chuck Berry auf Tour und war dabei im Süden denselben Repressalien ausgesetzt wie diese.

Die beiden Stunden gehen vorbei wie im Flug. Gute Musik und starke Geschichten beleuchten die enge Verbindung der beiden amerikanischen Kulturgüter Populärmusik und Whiskey. Und es gibt eben eine wichtige Botschaft zwischen den Tracks und den Zeilen: Die amerikanische Populärkultur ist ohne die Einwanderung und Vermischung von Menschen verschiedenster Herkunft nicht denkbar. Bob Dylan bleibt sich auch mit dieser Nachzügler-Folge seiner Theme Time Radio Hour treu: Er näht weiter am großen, amerikanischen Patchwork-Quilt und straft damit die „Make America Great Again“- und „Othering“-Propagandisten von Spaltung, Eingrenzung, Isolationismus und Rassimus Lügen!

Playlist:
Quiet Whiskey – Wynonie Harris
If the River Was Whiskey – Charlie Poole and the North Carolina Ramblers
Whiskey River – Willie Nelson
Whiskey Sonn Onuo Da – Edmund Tagoe & Frank Essien
He’s Got All the Whiskey – Bobby Charles
Timmie Rogers – Good Whiskey (And a Bad Woman)
Laura Cantrell – The Whiskey Makes You Sweeter
Frank Sinatra – Drinking Again
Jimmy Witherspoon – Corn Whiskey
Billie Harbert – Ain’t That Whiskey Hot
One Scotch, One Bourbon, One Beer – Alfred Brown
Rye Whiskey – Harry Choates
Comin’ Thru the Rye – Julie London
Mountain Dew – The Stanley Brothers
Moonshine Whiskey – Van Morrison
Alabama Song – Lotte Lenya
Jockey Full of Bourbon – Tom Waits
Tennessee Whiskey – George Jones
Whiskey in the Jar – Thin Lizzy
The Parting Glass – The Clancy Brothers
Hangover Blues – Miss Byllye Williams
Let’s Go to the Liquor Store – Tuff Green and His Orchestra

Die Sendung zum nachhören:

Whiskey!

18. September 2020

Copyright: Heaven’s Door Whiskey

Und wieder meldet er sich zurück: Bob Dylans hochprozentige Neuauflage seiner Radio Show

Die Meldung von Radio Eins, deutschlandweit am 24. September exklusiv ein neues Special von Bob Dylans Theme Time Radio Hour zum Thema „Whiskey“ zu übertragen, entfachte einen großen Hype. Dylans Radio Show ist wieder da! Und wie! Sie ist Teil einer größeren Kampagne. Zu hören ist sie nämlich auch am 21. September beim Satelliten- und Streaming-Radiosender Sirius XM und ab dem 25. September u.a. auf Dylans Website http://www.bobdylan.com und auf verschiedenen Streamingportalen.

Trinken aus Philantropie
Bob Dylan macht wirklich nur noch das, was er will. Hat er vor ein paar Jahren sich sehr auf die Ausstellung seiner Zeichnungen und Malereien konzentriert, so liegt ihm nun seine Whiskey-Marke sehr am Herzen. Und was liegt da näher als verkaufsstrategisch eine Neuauflage seiner Radio Show mit dem Thema „Whiskey“ in den „Bourbon Heritage Month“ zu legen, der alljährlich im September stattfindet. Und Heaven’s Door führt just zu dieser Zeit wieder eine karitative Aktion im Rahmen seines „#ServeSomebody philanthropic program“ durch. Teile der Einnahmen des Whiskeyverkaufs von September und Oktober gehen in die Speisung von Bedürftigen. Trinken für einen guten Zweck und unser Bobby kurbelt das alles an. Großartig!

Beworben wird die Radiosendung ausführlich über die Medien der Marke „Heaven’s Door“. Für Dylan gibt die Sendung die Möglichkeit, über die unzähligen Verbindungen zwischen Whiskey und Gesellschaft, Kultur und Politik zu erzählen und viele, viele Titel zu spielen, die in Beziehung zu dem Kult-Getränk stehen und/oder dieses im Namen führen.

Wobei wir davon ausgehen können, dass er eigene Songs, in denen der Whiskey vorkommt, aussparen wird. Also werden auch nicht diese Zeilen erklingen:

„Might like to wear cotton, might like to wear silk
Might like to drink whiskey, might like to drink milk
You might like to eat caviar, you might like to eat bread
You may be sleeping on the floor, sleeping in a king-sized bed
But you’re gonna have to serve somebody, yes
Indeed you’re gonna have to serve somebody.“

Und wahrscheinlich auch nicht diese:

„I’ve been a moonshiner
For seventeen long years
I’ve spent all my money
On whiskey and beer.“

Copyright: Heaven’s Door Whiskey

Wer aber jetzt naheliegende Songs wie „One Bourbon, One Scotch, One Beer“ von John Lee Hooker oder „Whiskey In The Jar“ von „Thin Lizzy“ erwartet, der könnte enttäuscht werden. Vielleicht bekommt man eher „White Lightning“ von George Jones zu hören oder – ganz anspielungsreich – „With Whiskey on My Breath“ von der Gruppe „Love and Theft“.

Mit der Leiter zur Himmelstür
Wie auch immer, ich werde mir die Sendung mit einem schönen Glas „Heaven’s Door“ anhören. Die erste Begegnung mit Dylans Whiskeys am Gaumen und in der Kehle war auf unserer letztjährigen USA-Reise ausgerechnet im Bourbon-Mekka Bardstown. Dreimal schickten unser amerikanischer Freund und ich den Barkeeper auf die Leiter, denn der Bourbon, der Rye und der Double Barrel waren ganz oben auf dem Barschrank platziert. Also ganz stilecht mit der Leiter zur Himmelstür.

Der Bourbon war mein Favorit, leider war aber davon kein Mitbringsel möglich, so dass der ganz ordentliche Rye (in St. Louis hatte ich vorher den bis heute besten Rye meines Lebens, den dort heimischen Rally Point getrunken) meine Hausbar ziert. Geöffnet wurde die Flasche Heaven’s Door Rye – wie es sich gehört – erst zur Feier des neuen Albums in diesem Jahr.

Und was auch ganz klar ist: Sollte es irgendwann wieder möglich sein, in die USA zu reisen, dann steht natürlich der Besuch der dann hoffentlich endlich eröffneten „Heaven’s Door Distillery“ in Nashville auf dem Programm.

Whiskey und Musik
Der amerikanische Whiskey begleitet die amerikanische Populärmusik seit es beide gibt. Da kann Dylan einiges erzählen. In der Tat: Von Moonshine-Whiskey und Folksongs in den Wäldern Tennessees über Prohibition und Jazz in Chicago bis hin zu Frank Sinatras Vorliebe für zwei Finger breit Jack Daniels Whiskey, mit vier Eiswürfeln und einem Schuss Wasser. Die Verbundenheit von Sinatra zu diesem Bourbon ist so legendär, dass es mittlerweile schon eine Sinatra Selection des berühmten Tennessee-Whiskeys gibt.

Vielleicht erzählt uns Bob aber auch die Geschichte von Uncle Nearest, dem afroamerikanischen Brennmeister, der der eigentliche Erfinder des Jack Daniels Whiskey ist. Lange wurde er in der Firmengeschichte verschwiegen, heute wird er in den Führungen erwähnt. Es ist aber einer engagierten und schwarzen Schriftstellerin zu verdanken, dass es mittlerweile eine eigene Brennerei gibt, die den Uncle Nearest Whiskey auf dem Markt eingeführt hat und damit den afroamerikanischen Beitrag auch zu diesem amerikanischen Kulturgut würdigt.

Die Vorfreude wächst und innerlich der Gedanke: Es wird ja doch wieder ganz anders werden, als man denkt.

Ein paar Whiskey-Songs:

„Hard Rain“ Forever!

12. September 2020

Bob Dylans Live-Album von 1976 bleibt für mich immer etwas besonderes und ist definitiv eines seiner aufwühlendsten Werke

In Großbritannien war der Musikjournalismus schon immer ein bisschen anders. Schräger, lauter und oftmals recht nahe an dem Boulevard für den „The Sun“ steht, deren Niveau zu Recht berüchtigt ist. Jetzt durch die Online-Welt kann ja jeder sich seine Homepage basteln und seinen Unsinn in die Welt hinausblasen (So auch der Schreiber dieser Zeilen). Sollen sie doch. Oft liest man auch interessante und fundierte Darstellungen.

Problematisch wird es aber, wenn wie jetzt bei „Far Out“ geschehen, schon mal Geschriebenes, eine stramme Zahl von Klischees und eine gesunde Halbbildung ordentlich faschiert, pürriert und dann nochmals aufbereitet werden. Das Stück über „Hard Rain“ im „Far Out Magazine“ ist wie ich finde so ein problematischer Beitrag. Das ist kein Journalismus, sondern Ergebnis eines seelenlosen, hingehuddelten Content Managements. Man halte der Musik-Ikone einfach mal zwei, drei Nullnummern aus dem Back-Katalog vor, schreibe hier und da ab und fertig ist die Laube. „Self Portrait“ hat man sich als die eine Nullnummer – wie originell, gähn! – herausgepickt.

Aber vor allem hat man sich „Hard Rain“ ausgesucht. Und tatsächlich: Die Tournee von der die Live-Aufnahme stammt – die zweite Rolling Thunder Revue von 1976 (RTR II) – war in der Abwärtsbewegung, irgendwo gestrandet im mittleren Westen. Die künstlerische Kraft hatte sie verloren, das magische Band zwischen den Musikern war dünn geworden. Auch die Verfilmung des Konzerts war vergleichsweise dünn und uninspiriert.

Ohne Maske
Ganz anders aber ist der Eindruck, den das dazugehörige Live-Album hinterlässt. Wenn ich mir jetzt wieder das Album anhöre, so ergreift mich das Ding immer noch so stark wie damals. Dylans Schwarz-Weiß-Bild auf dem Cover ist eines der stärksten und berührendsten von ihm, dass ich kenne. Der Maskenmann scheint uns hier tatsächlich ungeschützt anzusehen. Na, ja, vielleicht ein bisschen viel Mascara unter den Augen, aber das verstärkt den traurigen und nachdenklichen Ausdruck. Und tatsächlich: Dylan weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wo es hingehen soll. Beschwingt vom Rolling Thunder-Erlebnis schaute er auf dem „Desire-Cover“ noch optimistisch nach vorne. Jetzt scheint er ratlos zu sein. Die Tour, die so triumphal begonnen hat, ist versandet. Seine Ehe und die „Menage Aux Trois“ mit Sara und Joanie im Film auf der Tour zu Ende. Was nun? Also stürzt er sich in sein Filmprojekt und wirft wohlüberlegt und absichtsvoll produziert diese Platte noch auf den Markt.

Dylan ist darauf verletzt und wütender denn je. „Hard Rain“ knüpft daher fast unmittelbar an „Blood on The Tracks“ an. Drei Songs alleine von dem Album, insgesamt sieben Songs von neun, die man in Relation zu seinen Beziehungsproblemen stellen könnte. Doch war „Blood On The Tracks“ noch die Auseinandersetzung mit künstlerisch geschliffener Feder, so haut uns Dylan jetzt die Worte scheinbar mit dickem, fettem Textmarker um die Ohren. Und jault und greint und faucht und schreit und wütet: „Like a cork ccrew in my heaaart!“ oder „You’re an idiot, babe, It’s a wonder that you still know how to breathe“ – Hahaha!

Agressiv, Wütend, Verstört
Dazu die Musik: Roh und ungeschliffen und laut und mitreißend, mancher sagt Dylan hätte hier Punkmusik gemacht. Und tatsächlich – Dylans Musik, die auf „Desire“ und „Rolling Thunder“ noch von Folk-Rock und Melodik geprägt war – ist hier ein ziemlicher „hau drauf“. Dylans Haltung ist aggressiv, empört, verstört – voller zorniger Trauer und selbstgerechter Anklage. So spielt er auch „Maggies Farm“ und „Stuck Inside Of Mobile“, die zwei, die in keiner Beziehung zum Liebesleid zu stehen scheinen. Aber auch die sind Ausdruck von der Unzufriedenheit mit der Welt.

„Hard Rain“ ist Dylan’scher Existenzialismus in Höchstform. Ist auch ein bisschen nihilistisch, erzählt aber vor allem von einem Verlorenen in einer bedrohlichen Welt. Und Dylan weiß momentan keinen Ausweg. Wo er in jungen Jahren altersweise schien, oder einfach hoffnungsvoll, voller Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten war, scheint er jetzt tatsächlich angeschlagen. Private und künstlerische Misserfolge – RTR II – zehren an ihm. Er reagiert wie ein angeschlagener Boxer.

Heute wissen wir natürlich wie Dylan das auflöste. Erst mit einem großartigen Mummenschanz und der Schubidu-Welttournee 1978, dann voller Hoffnung im freien Fall unter die Gottesanbeterinnen und fundamentalen evangelikalen Prediger. Es folgen die Selbstbefreiung, ein Jahrzehnt in künstlerischer Krise und dann das Comeback wie Phoenix aus der Asche.

Damals aber, im September 1976, legte er eines seiner eindringlichsten, aufwühlendsten und stärksten Alben vor: „Hard Rain“. Ich höre mir es mir gleich nochmal an. Und nicht vergessen: „Play It Fucking Loud!“

Hard Rain – Trackliste:
„Maggie’s Farm“
„One Too Many Mornings“
„Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“
„Oh, Sister“ (Dylan, Jacques Levy)
„Lay Lady Lay“
„Shelter from the Storm“
„You’re a Big Girl Now“
„I Threw It All Away“
„Idiot Wind“

Yes, Left Wing Dylanogy!

4. September 2020

Noch was zur Selbstverständigung

Für den Left Wing-Dylanologen ist Woody Guthrie natürlich ebenfalls eine wichtige Konstante

Da legt ein nunmehr 80 Jahre alter Künstler, der wie kein anderer im Laufe seiner Karriere Haken geschlagen hat, Masken auf- und wieder abgesetzt hat und chamäleongleich uns immer wieder vor Rätsel gestellt hat, ein weiteres Alterswerk vor und plötzlich beginnen einige der Dylan-Deuter damit, aus den in den Texten dargestellten Befindlichkeiten und Beschreibungen Schlüsse ziehen zu wollen, die als universelle Wahrheiten über eine lebenslange gesellschaftspolitische Verortung Dylans taugen sollen. Die lauten dann in etwa so: „Dylan war nie ein Linker“, „Dylan war nie politisch“, „Dylan war immer schon tief religiös“, „Dylan war immer schon fatalistisch“, „Dylan hat nie Protestsongs geschrieben“. Hoppla, da müssen wir jetzt aber mal kräftig auf die Bremse treten!

Vereinnahmungsversuche
Wir kannten das ja schon einige Jahre durch Blogs wie „Right Wing Bob“. Und natürlich versuchen auch immer wieder Evangelikale oder Libertäre, Dylan für sich zu vereinnahmen. Klar, denn Dylan war ja mal ein paar Jahre Mitglied einer evangelikalen Sekte. Und man kann – wenn man will – in seinem Riesen-Opus auch hier und da Gedanken finden, die sich als „libertär“ auslegen lassen. Eine Frage stellt sich dabei allerdings: Warum soll der Rechten im Jahr 2020 eine Vereinnahmung gelingen, die der Linken 1964 nicht gelang?

Nun, es gibt Zeitgenossen auf der Linken, die Dylan heute immer noch und wieder und wieder abstrafen, weil er keine aktuellen Protestsongs mehr schreibt. Schon vor geraumer Zeit habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Dylan im Grunde bereits die universellen Wahrheiten über die Mechanismen der US-Gesellschaft in Songs wie „Only A Pawn In Their Game“, „With God On Our Side“; „The Ballad Of Hollis Brown“, „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“, „Masters Of War“ oder „Hurricane“ dargelegt hat. „Sie gelten alle weiterhin. Sie müssen nur andere Namen einsetzen“, sagte Dylan vor wenigen Jahren dazu. Warum soll er über Donald Trump schreiben, „because somestimes even the president oft he United States must to have stand naked“? Weil er es schon geschrieben hat. Oder warum über Fake News? Nun: „Propaganda, all is phony.“

Aus der Mitte der Dylanologie: Der Versuch, Dylan die Widersprüche austreiben
Der derzeitige Versuch aus der Mitte der Dylanologie, den Protestsongs den Protest, also ihren kritischen Impetus abzusprechen (vgl. Untold Dylan, 28. August 2020, „With God on our Side versus Mother of Muses: the puzzling politics of Bob Dylan“) ist interessengeleitet. Man will mit dem alten, über den konkreten Dingen stehenden Dylan, eine Kirche des unpolitischen, fatalistischen Dylan gründen. Aber dafür taugt Dylan nicht. Dylan selber war und ist ein Freigeist, der für keine Kirche, Sekte oder Partei taugt. Weder als Mitglied noch als Stifterfigur.

Als Dylan seine Protestsongs geschrieben hat, war er mitten drin im linken Boheme von Greenwicch Village, war erst mit Suze Rotolo zusammen, dann mit Joan Baez, beide politisch bewusste linke Frauen. Als er George Jackson geschrieben hat, als er Hurricane geschrieben hat, hat er sich e n g a g i e r t! Nur um gleich wieder auf Landleben oder Frömmelei zu machen. Aber das sind die Widersprüche eines Freigeistes. Bob Dylan ist kein Politiker, er ist Humanist, Existenzialist und er glaubt an Gott. Er swingt zwischen Christentum und Judentum und führt auf seiner neuen Platte in Grunde alle Weltreligionen auf. Er ist spirituell und er ist realistisch. Er hat Träume und er ist Mahner. Er hat Dystopien und hofft dennoch, dass sie nicht wahr werden. Er mokiert sich über Marx („Change My Way Of Thinking“ 1979) und schreibt an anderer Stelle „The buyin power of the proletariat is goin‘ down („Workingman’s Blues“ 2006). Er ist zeitlebens der lebende Widerspruch. In sich selbst und gegen das was ist. Genau darum eignet er sich für keine Kirche.

Dylan taugt nicht als rechte Leitfigur
Wer Dylans Schriften liest, „Chronicles“, vor allem aber auch die Liner Notes zu „World Gone Wrong“, der entdeckt den Rhythmus der Beat-Poeten, die gegen die dumpfe Eisenhower-Ära angeschrieben haben. Wer seine Nobelpreisvorlesung studiert, erfährt viel über Homers „Odyssee“, Melvilles „Moby Dick“ und Remarques „Im Westen nichts Neues“. Das ist alles, aber kein Kanon evangelikaler Literatur. Alles dreht sich hier um das Individuum in der Welt, das sein Schicksal nicht in der Hand hat, aber immer wieder auf’s Neue darum kämpft. Und ließ Dylan nicht in „Tempest“ die Erfolgreichen, die Reichen und Schönen mit der Titanic untergehen. Eigentlich müsste doch ein evangelikaler Sänger sich die Holzklasse vornehmen, die zu weit weg von Gott ist und daher die ganz große Überfahrt ins Verderben antritt. Und suchte er nicht in „All Along The Watchtower“ den Ausweg aus dem Spätkapitalismus, der verwalteten Welt (Adorno)? “There must be some way out of here,” said the joker to the thief/ There’s too much confusion, I can’t get no relief/ Businessmen, they drink my wine, plowmen dig my earth/ None of them along the line know what any of it is worth”. Apropos Adorno: Für mich als Left Wing-Dylanologen und kritischen Gesellschaftstheoretiker verhält sich der frühe zum alten Dylan wie Marcuse zu Adorno. Wo der eine für Rebellion und Aufbegehren gegen die Widersprüche steht, steht der andere eher für die Ausweglosigkeit, dafür, die Widersprüche aushalten zu müssen. Von „The Times They Are A-Changin'“ zu „I used to care, but things have changed“.

Lieblingsmusikerund lebenslanges Forschungsobjekt – kein Messias!
Bob Dylan war schon immer eine große Projektionsfläche für vieles gewesen. Das ist ein Grund, warum er von so vielen unterschiedlichen Menschen geschätzt wird. Er ist vielseitig interpretierbar. Man kann ihn unterschiedlich auslegen. Ich lege ihn aus linker, fortschrittlicher und freier Perspektive aus.

Man sollte sich aber davor hüten, ihn als Komplizen, Parteigänger, Kronzeugen von irgendetwas benutzen zu wollen. Wie schon vormals gesagt: Er ist weder mein Freund, noch mein großer Bruder oder mein Messias. Er ist und bleibt für mich ein verdammt interessanter, weil widersprüchlicher Künstler, der mich ihn loben und an ihm verzweifeln lässt. Aber er lässt mich vor allem nie kalt. Und bleibt ein lebenslanges, lohnendes Forschungsobjekt. Und vor dem allem einfach mein Lieblingsmusiker!

Country, Kapitalismuskritik und Bob Dylan

28. August 2020

Die Berliner Americana-Band Rodeo FM spannt einen interessanten Bogen

Americana aus Berlin: Rodeo FM, Foto Rodeo FM Promo

„Wenn es Country klingt, ist es das, es ist ein Country-Song. Das hat Kris Kristofferson gesagt. Der Schriftsteller, der über die einfachen Leute sprach, als die einfachen Leute noch nicht von 40 Jahren Neoliberalismus niedergeschlagen wurden.“ Das schreibt die Berliner Band Rodeo FM und zeigt damit sehr deutlich auf wohin sie will: Countrymusik mit politischer Haltung und klaren Aussagen. Und, um das deutlich zu sagen: Rodeo FM macht „Left Wing Countrymusik“.

In ihren Texten zielen sie auf die Widersprüche des Kapitalismus und die Hoffnung auf eine andere, gerechte Gesellschaft. Und nicht einen kleinen Moment lang geraten sie in Gefahr, Agit Prop zu machen. Da sind ihre Songwriter-Vorbilder schon vor. Der schon erwähnten Kristofferson und Bob Dylan haben die Band gelehrt, dass Gesellschaftskritik im Song am besten über die Songpoesie subjektiver Betrachtungen geht und nicht über das Deklamieren sogenannter objektiven Wahrheiten.

Zu Bob Dylan sagt Leadsänger und Songwriter Patrick: „Seine Art zu mäandern und Gedanken schweben zu lassen, hat mich sicher schon beeinflusst, siehe auch „Summer Rain“… eine abgeschlossene Story zu präsentieren, das ist schon ziemlich advanced. Ich arbeite da eher oft wie „Stuck inside of mobile“ (auch ein bisschen der Summer Rain-Ansatz), mit kleinen Episoden, die aber irgendwie auf ein gemeinsames Thema einzahlen. Also geprägt auf jeden Fall, andere Texter und Komponisten sind aber sicher zugänglicher…“

Kein Wunder, dass daher auch Bob Dylan-Songs in ihrem Repertoire sind. Das von Patrick erwähnte textlich-atmosphärische wilde „Stuck Inside of Mobile“ passt ebenso bestens in ihr Oeuvre wie das verliebte „I Want You“.

Ja, sie haben viel von ihren Leitfiguren gelernt und ihre neue Single zeigt dies exemplarisch und die Band beweist dabei Bestform. „Summer Rain“ erinnert im elegischen Intro an Dylans „Workingman’s Blues #2 (wir bleiben beim Thema!) und gewinnt dann aber eine eigene starke Form. „Summer Rain“ ist ein wunderbar melancholischer Song, der recht drastisch davon erzählt, wie es ist, in dieser Gesellschaft einen eigenen kritischen Weg zu gehen. Einen Weg, der die Probleme und Ungerechtigkeiten klar benennt und wie schwer es ist, dies auszuhalten. Doch immer wieder findet man die Liebe und damit Kraft, diesen schweren Weg weiterzugehen.

Die Musik von „Rodeo FM“ ist Neo-Folk-Country-Americana mit Einflüssen von Tom Petty und Gram Parsons und damit absolut radiotauglich. Denn die Jungs von Rodeo FM wollen auch immer unterhalten und wie sie auf ihre Website schreiben: „immer, immer Leute auf die Tanzfläche ziehen.“

Im Dezember erscheint ihr neues neues Album „Upgrade To Truth“. Das wird ein frohes Fest!

Ja, ich bin Dylanologe!

21. August 2020

Mal wieder eine Art Selbstverständigung

Im Anbetracht mancher aktueller Buchveröffentlichung, mancher Diskussion unter Dylan-Freunden, Dylans neuestem Werk Rough And Rowdy Ways und meines eigenen Dylan-bezogenen Outputs, kam ich wieder mal ins Grübeln. Während ich früher durchaus schon einmal das dicke Etikett „Dylanologe“ von mir wies, während ich Dylan-Kenner immer anmaßend fand – Wer kennt schon Dylan? – und Dylan-Fan im Grunde ein umgangssprachlicher kleiner gemeinsamer Nenner mit so Vielen darstellte, bekenne ich mich jetzt endlich dazu: Ja, ich bin Dylanologe!

Denn so wie ich den Terminus verstehe, hat der Dylanologe eine ausreichende Distanz zum Forschungsgegenstand. D.h. ich beschäftige mich mit Dylan ausführlich in kritischer Sympathie, weil ich ihn für einen der bedeutendsten lebenden Künstler der Welt und für den größten amerikanischen Künstler der Gegenwart überhaupt halte. Sein Werk hat mich zu einem bestimmten Zeitpunkt eine wichtige persönliche und gesellschaftliche Erfahrung machen lassen. Seine öffentliche Persönlichkeit und sein Werk haben mich danach nie wieder losgelassen.

Und das heißt nicht, dass ich bis heute alle seine Schaffensphasen mit Inbrunst billige. Nein, ich finde seine Born Again-Phase bis heute grässlich. Starke Performance und starker Spirit des Musikers können letztendlich die fundamentalistische, reaktionäre Weltsicht des Texters und Bühnenpredigers nicht wettmachen. Denn Dylan ist als Freigeist und Verwirrkopf faszinierend und am besten, nicht als Parteisoldat eines hermetisch abgeriegelten fundamentalistischen Denkgebäudes.

Ich verstehe Dylanologie tatsächlich als Wissenschaft – sympathisch finde ich in diesem Zusammenhang das Bonmot, das Dylanologie eine „ironische Wissenschaft“ sein müsse. Ja, das muss sie. Und humorvoll und respektlos gleichermaßen. Denn es geht hier nicht um Heldenverklärung. Und Dylan ist auch nicht mein großer Freund. Für mich ist er noch nicht einmal „the brother that you never had“. Und schon gar nicht finde ich es erstrebenswert, wenn Leute Dylan romantisieren, oder ihr Verhältnis zu ihm messianisch aufgeladen ist. Für die würde eher das Wort „Dylanianer“ oder „Dylan-Jünger“ passen. Den auf Dylan bezogenen Begriff „Meister“ verstehe ich daher ironisch. Andere doch wohl auch?

Nein, als Dylanologe verzweifele ich auch mal an Dylan. Sei es, wenn er uns mit 5 Sinatra-Silberlingen nervt, zum x-ten Mal wagt, uns einen neuen Song mit einem schon tausendmal gehörten Blues-Schema anzubieten oder uns bestimmte Pretiosen – Livematerial der letzten Jahre! – weiterhin in großem Stil vorenthält. Oder wenn er sich vorzugsweise mit Boxern oder Models ablichten lässt, und eine feiste Piloten-Sonnenbrille dabei trägt.

Jede Wissenschaft hat verschiedene Denkschulen und Richtungen. Da im Moment gerne die religiös-motivierte Dylan-Deutung auf dem Vormarsch ist und die Right Wing-Bob-Bewegung in den USA recht offensiv auftritt, sage ich, der von Greil Marcus, Günter Amendt, Klaus Theweleit und der kritischen Theorie geprägt wurde: Ich bin ein Left Wing-Dylanologe! Dylan ist meiner Meinung nach nur zu verstehen, wenn man stets die Verschränkung von gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründen und Wirkungen seiner Musik miteinbezieht.

Meine Meinung: Reine Text-Exegese – bringt nix! Nur Bibel und sämtliche Weltreligionen durchforsten – bringt nix! Nur im biographischen Erklärungen finden wollen – bringt nix. Aus Setlists, Tracklists, Outtakes und Statistiken sein Denken und Handeln verstehen zu wollen – fleißig! Und Transfigurationsphantasien durchspielen – viel Spaß damit!

Das kulturell-gesellschaftliche Phänomen Bob Dylan ist für mich persönlich nur auf der Basis einer kritischen Theorie der Gesellschaft möglich. Und vor allem: Immer schön über den Tellerrand blicken. Dylan hat so viele musikalische Einflüsse und Wurzeln. Auch ohne die kann man gar nicht sinnvoll über Dylan nachdenken.

Ich bin weder religiös, noch spirituell. Und trotzdem faszinieren mich der Künstler und sein Werk seit mehr als 40 Jahren. Es lädt sein, sich kritisch mit dem Hier und Jetzt und wie es dazu gekommen ist, auseinanderzusetzen. Und immer wieder den Schein nicht für bare Münze zu nehmen. Dylan ist selber ein cleverer Trickser. Das macht ihn zum idealen Forschungsgegenstand für eine ebenso kritisch-historische wie spekulative Dylan-Forschung.

Und mich zu einem begeisterten Dylanologen.

Drei wichtige Songs zum Thema: