Vom schwierigen Verhältnis zweier Musiklegenden

20. Mai 2022

Der Bühnenabend „Lennon & Dylan“ von und mit Martin Grieben und Thomas Waldherr begeistert das Publikum in der Knabenschule

Waldherr und Grieben bei „Lennon & Dylan“, Foto: Americana

Wenn man eine ganze Zeit lang an einem Thema arbeitet, etwas auf die Bühne bringen will, dann ist man von der Grundidee überzeugt, weiß aber noch nicht, ob das alles so richtig funktioniert. Dieses Spannungsgefühl beflügelt ebenso, wie es Respekt vor der Aufgabe schafft.

Doch wenn man während des gestrigen Abends in der gut gefüllten Halle der Bessunger Knabenschule immer wieder in vergnügte und aufmerksame Gesichter schaut, immer wieder zusammen mit dem Publikum lacht, mit dem Bühnenpartner immer mehr Leichtigkeit im Hier und Jetzt gewinnt, weil es im Moment nicht schöneres gibt, als diese gemeinsame Zeit auf der Bühne und mit den Menschen im Saal zu verbringen, dann hat man alles richtig gemacht, dann waren alle Grundannahmen und Ideen und deren Umsetzung einfach richtig.

Und da dies so war, war das gestern in der Bessunger Knabenschule mit „Dylan & Lennon“ ein grandioser Abend. Martin Grieben und Thomas Waldherr erzählten ebenso informativ wie kurzweilig über das schwierige Verhältnis der beiden Musik-Ikonen John Lennon und Bob Dylan. Immer wieder Gelächter des Publikums, das aufmerksam den Erzählungen und voller Freude den Songdarbietungen folgte.

Martin Grieben, Foto: Americana

Man erfuhr von den unterschiedlichen Kindheiten der beiden Ausnahmekünstler, davon wie sich gegenseitig inspirierten, neideten und auch schon mal der eine den anderen barsch kritisierte. In der Zeit seines Todes waren sie Welten voneinander entfernt und doch hätten sie sich möglicherweise auch wieder angenähert.

Von „Blowin In The Wind“ über „Norwegian Wood“ bis hin zu „You’re A Big Girl Now“ und „Just Like Starting Over“ reichte der Reigen der ausgewählten Lieder. Martin Grieben riss als fantastischer Lennon- und Beatles-Interpret das Publikum mit und Thomas Waldherr überzeugte an diesem Abend gesanglich als Dylan-Inkarnation.

Und so entließ das Auditorium die Bühnenpartner nicht ohne Zugabe. „I Shall Be Released“ war dann auch so etwas wie ein Wunsch für beide Musiklegenden. Und als das Saallicht anging schaute man nur in frohe Gesichter. Denn Martin Grieben und Thomas Waldherr hatten in diesen weit über zwei Stunden das Publikum auf eine Reise zu zwei sich inspirierenden Musik-Solitären mitgenommen, auf der es gerne und mit Begeisterung gefolgt war.

Zur Musealisierung Bob Dylans

13. Mai 2022

Der neue Bob Dylan Center in Tulsa ist mehr als eine Devotionalien-Sammlung, im Zusammenspiel mit dem Dylan-Institut der Universität Tulsa fördert er einen Dylan-Diskurs im gesellschaftlich-kulturellen Kontext.

Copyright: Walter Steffek

„Kein anderer Altstar, dessen Karriere in den 1960ern begonnen hat, wehrt sich so mit Haut und Haaren zu einem musealen Nostgalgie-Act zu werden, wie Bob Dylan, der auch mit fast 81 Jahren immer wieder neue Ideen hat und Fans und Kritiker damit immer wieder verblüfft. Und trotzdem: Seit diesem Dienstag (10. Mai) ist ein Museum geöffnet, das sich ausschließlich dem Werk und Wirken Bob Dylans verschrieben hat.  Es ist der Bob Dylan Center in Tulsa, Oklahoma.“ Soweit meine Worte in meiner News auf country.de: https://www.country.de/2022/05/10/bob-dylan-center-tulsa-oklahoma/

Ausgerechnet das Werk und Wirken dieses Künstlers, der sich nie einordnen ließ, der Zeit seiner Karriere mit immer neuen Wendungen, Stilbrüchen und Umorientierungen verblüffte, verwirrte und damit oftmals Ratlosigkeit, aber auch schroffe Ablehnung erntete ist nun sorgsam archiviert, katalogisiert. Auch kanonisiert?  

Dylans Kanon?

Mit dem Kanon in Literatur und Musik ist es so eine Sache. Wer legt fest, welche Werke zeitüberdauernde Bedeutung haben? Die Werke von Shakespeare und Goethe haben bis heute ihre Bedeutung, weil sie Fragen und Themen zum Inhalt haben, die zeitlos sind. „Herrschaftskonflikte und die Verteilung von Macht spielen in seinem Werk eine zentrale Rolle, aber auch die wachsende Bedeutung des Individuums in einer Zeit großer Umbrüche“, sagt Joachim Frenk, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft der Saar-Uni zu Shakespeare. (Quelle: Campus, Webmagazin der Uni Saarland) und weist damit dessen Aktualität nach. Das gleiche ließe sich auch von Goethe sagen.

Und auch von Dylan. Dessen 60 Jahre alten Songs wie „Masters Of War“, A Hard Rain Is A-Gonna Fall“ oder „Blowin In The Wind“ sind in einer Welt voller Kriege, Konflikte und Klimakatastrophen aktueller denn je.

Sie werden Dylan über seine Lebenszeit hinaus überdauern. Doch auch seine spätere Musik, in der es immer um die Autonomie des Individuums in der verwalteten Welt oder die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Spätkapitalismus auf den Einzelnen geht, werden solange aktuell sein, solange es Rassismus und Klassismus gibt, solange diese Gesellschaft sozial ungerecht ist, die Umwelt verschmutzt wird und Konflikte nicht friedlich gelöst werden.

Fazit: Alle Dylan-Songs gehören zum Kanon seiner Werke oder keines.

Dylan-Bilder

Und welches Dylan-Bild soll hier vermittelt werden? Auf den Dylan, wie ich ihn oben charakterisiert habe, der „nicht fassbare Dylan“ können sich im Grunde alle einigen. Weil es auch impliziert, dass er eigentlich gar nicht zu verstehen ist. Damit kommen alle zurecht.

Diejenigen, für die Popmusik sowieso keine Bedeutung über die zweiminutendreißig eines guten, hedonistischen Popsongs hinaus hat oder auch haben darf. Weil Dylan nervt, weil seine Songs Botschaften und Anliegen haben. Dylan war in den 1980er und 1990er Jahren in der breiten Öffentlichkeit fast bedeutungslos, weil erst Reaganomics und Thatcherismus in der Konservativen und dann die Blairs und Schröders in der sozialdemokratischen Variante eine Welt der entfesselten Märkte und des individuellen finanziellen Glücksversprechens predigten. Da gab es nur Positivismus. Jeder ist seines Glückes Schmied und der Weg geht immer nur nach oben. Wer wollte da schon Zeilen wie „We live in a political world, Love don’t have any place, We’re living in times where men commit crimes, And crime don’t have a face“ hören?

Erst als der Krieg gegen den Terror ab 2001, der ja auch mit Lügen (Irak-Krieg) geführt wurde und die Finanzkrise ab 2008 aufzeigen, dass die Politik in den westlichen Länder und Russland seit den 1990er dramatische, gesellschaftlichen Folgen hat, hört man Dylan wieder zu. Verarmung, Gewalt und Drogenseuchen in den USA, Oligarchenherrschaft und Autoritarismus in Russland. Und über all dem die Gefahr des Trumpismus als Abschaffung der Demokratie in den USA, um die Interessen und Besitzstände der alten, fossilen Kapitalfraktionen, des weißen, angelsächsischen Bevölkerungsteils und der religiösen Fundamentalisten gegen jede gesellschaftliche Veränderung zu verteidigen – die Welt ist wieder einmal aus den Fugen.

Und Bob Dylan ist wieder derjenige, der dazu mächtige Song-Epen schafft. „Workingmans Blues“ erzählt 2006 von der sterbenden Arbeiterklasse, in „Mother Of Muses“ (2020) erwähnt Dylan die Kämpfe im Bürgerkrieg (gegen die Sklaverei) und zweitem Weltkrieg (gegen den Faschismus), die gesellschaftlichen Fortschritt und ihre populären Entsprechungen – Bürgerrechte und Rock’n’Roll – erst möglich machten.

Doch auch viele die es mit Dylan halten, wollen auch das nicht hören, folgen lieber Dylan als vermeintlichem Poeten der Unentschiedenheit, ob damit einen quasi unwiderlegbaren Leumund für ihr Nicht-Engagement zu haben. Doch Dylans entschiedene Ablehnungen von Führerkult – „Don’t Follow Leaders““ und selber politischer Anführer zu sein – „It Ain’t Me Babe“ – heißt ja nicht, dass er uns dazu auffordert, jedes gesellschaftliches Engagement als sinnlos und nutzlos anzusehen. Gerade Leute, die ihn gleichermaßen wegen seiner Ablehnung von Autoritäten feiern, huldigen ihm als überlebensgroße Autorität. Vertrackt, ich weiß.

Copyright: Bob Dylan Center

Musikmuseen all überall – warum Dylan in Tulsa?

Auf unseren Reisen durch den Süden der USA haben wir festgestellt, dass dieser Landstrich ganz offensiv mit seinem Pfund „Musik“ wuchert. Der Staat Mississippi nennt sich selbst „Birthplace Of American Music“. Weil hier der Blues und seine Musiker wie Robert Johnson oder B.B. King ebenso geboren wurden wie der King of Rock’n’Roll Elvis Presley oder der „Father Of Country Music“ Jimmie Rodgers. Und so findet sich fast in jedes Städtchen im Mississippi Delta ein oder mehrere Bluesmuseen, wie beispielsweise in Clarksdale, wo Robert Johnson an den Crossroads der Highways 61 & 49 seine Seele an den Teufel verkauft haben soll. So hat Meridian sein Jimmie Rodgers- Museum und Tupelo hat das Geburtshaus von Elvis schön herausgeputzt.

Aber auch in den anderen Südstaaten ehrt man seine Musik und seine Musiker:innen. Nashville, Tennessee ehrt die Countrymusik und Johnny Cash und in Montgomery, Alabama befindet sich das Hank Williams-Museum. Letzteres ist didaktisch so ziemlich das schlimmste. Eine uninspirierte und ungeordnete Ansammlung von Devotionalien. Ganz anders dagegen eines, das wir eher zufällig gefunden haben. Das Earl Scruggs-Museum in Shelby, North-Carolina, ist didaktisch sehr gut konzipiert. Es erzählt die Lebensgeschichte des großen Bluegrassmusikers in Verbindung mit den Zeitumständen und bietet sogar die Möglichkeit, selber Banjo zu spielen.

Die bislang beste Ausstellung war jedoch die große Schau „Dylan, Cash & The Nashville-Cats“, die wir 2015 besucht haben. Sie zeigte auf, wie Nashville durch die popkulturelle Verbindung von Rockmusik mit Country eine ganz andere Stadt wurde. Und dies am Bespiel der bahnbrechenden Zusammenarbeit von Bob Dylan mit den Nashville-Studiomusikern und Country-Ikone Johnny Cash. Die zu Recht erfolgreichste Ausstellung in der Geschichte der „Country Music Hall Of Fame And Museum“.

Wenn die Dauerausstellung im neuen Bob Dylan Center ähnlich gut ist, kann man sich freuen. Die Vorberichterstattung zur Eröffnung hatte ja vor allem die Anzahl der Artefakte und den Umstand, warum der Center in Tulsa seine Heimat gefunden hat.

Der Dylan, der hier ausgestellt wird, ist erstmal sicherlich ein Dylan dessen Wegen man äußerlich gefolgt ist und die man anhand von Song-Manuskripten, Musikinstrumenten und Bühnenbekleidung auch wunderbar bildhaft und unterhaltsam darstellen kann.

Dass Dylan aber eben ganz im Stile Walt Whitmans für die Vielfalt Amerikas steht, das beweist erst einmal auch die Standortwahl Tulsa. Hier sitzt die „George Kaiser Family Foundation“, die mit dafür gesorgt hat, dass Tulsa, dessen Wahrnehmung lange zwischen verschlafenem Südstaaten-Städtchen und Ort einer der verheerendsten rassistischen Pogrome (Massaker von Tulsa 1921) changierte zu einer bedeutenden Kulturstadt gewandelt hat. Sie finanzierte den Woody Guthrie Center ebenso wie den neuen Bob Dylan Center. Dylan hat der George Kaiser Family Foundation einen Großteil seines Archivs verkauft. Dies bildet die Grundlage des Museums. George Kaiser ist ein philantropischer Multimillionär, dessen Eltern als Juden aus Nazi-Deutschland fliehen mussten und der seinen Reichtum im Öl-Geschäft erworben hat. Heute steckt er seine Millionen in seine Stiftung, die sich vor allem auch gegen Kinderarmut einsetzt.

In Tulsa gibt es auch ein Institut für Dylan-Forschungen an der dortigen Universität, was schon einmal für ein hohes Niveau der Auseinandersetzung mit Dylan garantiert. Guthrie- und Dylan-Center befinden sich im Tulsa Art District, wo sich auch einige Theater und Cain’s Ballroom, die Wiege des Western Swing, angesiedelt. Tulsa beherbergt daneben aber auch die „Oklahoma Jazz Hall Of Fame“, die gerade die afroamerikanische Tradition dieser Musik ehrt, und das Gilcrease Museum, das Kunst und anderen Objekten des amerikanischen Westens und der Ureinwohner Nordamerikas zeigt. Möglicherweise hat das alles den Ausschlag für Dylan gegeben, sein Archiv der Stiftung mit Sitz in Tulsa anzuvertrauen.

Doch Dylan – siehe oben – und die Musealisierung, das geht nicht zusammen. Dylan war in keinster Weise an der Konzipierung von Center und Ausstellung beteiligt und kam auch nicht zur Veröffentlichung. Bob Dylan hat sich schon immer lieber mit seiner aktuellen Arbeit beschäftigt, als mit seiner eigenen Vergangenheit. Und wenn er alte Songs spielt, dann erfindet er sie immer wieder neu. Und im Moment verzichtet er bei seinen Konzerten fast völlig auf seine alten Hits und legt den Schwerpunkt auf die Songs seines aktuellen Albums von 2020, „Rough And Rowdy Ways“.

Skyline von Tulsa, Copyright: Wikimedia Commons

Musealisierung ist nicht gleich Verklärung

Doch Musealisierung muss weder Historisierung noch Verklärung bedeuten. Dylans Werk und Wirken weist immer Gegenwartsbezüge auf, weil es universell ist. Das gute Zusammenspiel von Uni und Dylan-Center sorgen dafür, dass hier nicht nur das Großgenie Dylan abgefeiert wird, sondern dass man Werk, Wirken und Leben in gesellschaftlich-politisch-kulturelle Zusammenhänge stellt. Dafür steht zudem auch, dass das Museum der Lokalgeschichte Rechnung trägt und an das Massaker von Tulsa erinnert. Schließlich ist Dylan als einer der wichtigsten weißen US-amerikanischen Künstler in vielfältiger Weise der afroamerikanischen Kultur und Community verbunden. Die Erinnerungen seines Vaters an einen rassistischen Lynchmord 1920 in Duluth, Minnesota, dürften mit ursächlich für seinen lebenslangen Anti-Rassismus sein.

Und so ist die Musealisierung Dylans gar nichts schlechtes, weil es, fern der Ebene von Plattensammlern, Setlist-Nerds und Dylan-Imitatoren jeglicher Art, sich mit Dylan und seiner Kunst in deren gesellschaftlichen Verschränkung, mit seinen Wurzeln und mit seiner Wirkung beschäftigt.

Gut, dass es nun auch ein Bob Dylan-Museum gibt.

Inside The Museum:

Lennon & Dylan

29. April 2022

Ein Bühnenabend von und mit Martin Grieben und Thomas Waldherr beleuchtet mit viel Musik und interessanten Texten die Beziehung zwischen den beiden Ausnahmekünstlern

Lennon & Dylan (Foto: Americana)

Ein unterhaltsamer und informativer Bühnenabend mit viel Musik von und spannenden und oft humorvollen Geschichten über John Lennon und Bob Dylan ist am Donnerstag, 19. Mai, die nächste Veranstaltung in der Darmstädter Americana-Reihe in der Bessunger Knabenschule. Ausgedacht und umgesetzt haben ihn der Beatles und Lennon-Experte Martin Grieben und der Dylan- und Americana-Kenner Thomas Waldherr.

Ikonen der Gegenkultur

Lang, lang ist’s her als John Lennon und Bob Dylan Ikonen der Gegenkultur waren. Als „Imagine“ und „Give Peace A Chance“ oder „Masters Of War“ und „Blowin‘ In The Wind“ Hymnen einer Generation war, die ihr Nein zum Krieg mit gesamtgesellschaftlichen Gegenentwürfen verband. Während John Lennon 1980 ermordet wurde, hat Dylan überlebt, ist Literatur-Nobelpreisträger und scheinbar Common Sense der Feuilletonkultur geworden.

Gemeinsame Idee

Doch das, wofür die beiden künstlerisch und gesellschaftlich standen und stehen, ihre Gemeinsamkeiten, ihre Konflikte und Gegensätzlichkeiten sind – gerade auch vor dem Hintergrund der weltweiten Krisenherde Russland & Ukraine, weltweite Corona-Pandemie und Klimakatastrophe – heute aktueller denn je. Warum das so ist, wie sich das äußert und wie es dazu kam, steht im Mittelpunkt des Bühnenabends „Lennon & Dylan“.

Autoren und Protagonisten des Abends sind der Musiker und Pädagoge Martin Grieben und der Musikjournalist und Kulturvermittler Thomas Waldherr. „In der Zeit um Lennons 80. Geburtstag herum entstand bei uns beiden die Idee, das spezielle Verhältnis der beiden Ausnahmekünstler zum Thema eines Bühnenabends zu machen“, erinnert sich Grieben. „Denn es ist ein faszinierendes Verhältnis zwischen Künstlerfreundschaft und Hassliebe“, ergänzt Waldherr.

Texte über und von Lennon & Dylan

Die beiden haben seitdem stetig an dem Thema gearbeitet und sind derzeit intensiv mit der Finalisierung beschäftigt. Der Abend wird bestehen aus Lesungen von Texten über Dylan und Lennon, Texten von Dylan und Lennon sowie natürlich viel Musik – live und aus dem off. „Besonders Lennon hat sich stets ziemlich am anderen abgearbeitet. Erst hat er Dylan verehrt und dessen Songwriting adaptiert. Dann war er enttäuscht, als Dylan nicht mehr Sprachrohr einer Bewegung sein wollte. Zum Schluss hat er ihn wegen dessen Born Again-Phase verspottet“, beschreibt Martin Grieben Lennons Verhalten.

„Dylan hat sich da gegenüber Lennon eher nicht so aus dem Fenster gelehnt, zeitweise war er aber genervt von John und Yokos Friedensaktionen. Sein Tod hat ihn aber sehr betroffen gemacht und vor 10 Jahren hat er mit „Roll On, John“ ein spätes Requiem veröffentlicht“, berichtet Thomas Waldherr.

Waldherr & Grieben (Foto: Americana)

Viel Musik – live und aus dem Off

Der Bühnenabend erzählt die Geschichte der beiden Pop-Ikonen chronologisch von deren Kindheit und ersten musikalischen Gehversuchen, über den künstlerischen Durchbruch von Dylan und den Beatles bis hin zu den spannungsgeladenen 1970er Jahren, als Lennon sich im Umfeld der Rock Liberation Front tummelte und Rockstar Dylan wieder für den politischen Aktionismus gewinnen wollte. Da werden zentrale Alben und Songs der beiden gegenübergestellt und der Frage nach künstlerischer Autonomie und politischem Engagement nachgegangen. Eine Frage, die sich immer wieder stellt, und gerade jetzt wieder aktuell ist.

Eine ganze Reihe von Songs werden an diesem Abend live gespielt und gesungen. Während Beatles und Lennon-Spezialist Grieben zuständig für die Musik der Jungs aus Liverpool ist, wird Dylan-Kenner Waldherr auch den einen oder anderen Song des Meisters intonieren.

„Wir wollen Fragen aufwerfen, wir wollen zwei der größten Künstler unserer Zeit würdigen und wir wollen vor allem auch unterhalten. So wird an diesem Abend auch der Humor nicht zu kurz kommen“, versprechen Waldherr und Grieben.

Donnerstag, 19. Mai, 20 Uhr, „Lennon & Dylan“, Kulturzentrum Bessunger Knabenschule, Ludwigshöhstrasse 42, 64285 Darmstadt. Tickets: www.knabenschule.de

Fragen, die beklemmend aktuell sind

15. April 2022

60 Jahre „Blowin‘ In The Wind“: Ein eigentlich schon abgenudelter Song bekommt – wenn man ihn des Pathos beraubt – eine neue Dringlichkeit

Copyright: Columbia Records

Was habe ich und andere sich schon über diesen Song lustig gemacht: „Blowin In The Wind“. Der Liedermacher und DKP-Parteigänger Franz-Josef Degenhardt nannte es seinem bemüht-proletarischen Roman „Brandstellen“ die „Hymne der Herumtreiber“ und konstruierte fein den Gegensatz zum proletarischen Liedgut der absoluten Wahrheiten. Dylan-Biograph Liederschmitt nannte es ironisch das „Kirchenlied der Freaks“ und der geniale, aber mitunter sich an zu vielen Fronten aufreibende, zu früh verstorbene Wiglaf Droste war es so leid, dass er die Verballhornung „Musse Feife Inne Wind“ verfasste und aufnahm.

Einst: Der große Hit für Lagerfeuer und Kirchentag

Das war die Zeit, als dieser Song an keinem Lagefeuer, auf keiner Demo, bei keiner Lichterkette fehlen durfte. Totgenudelt mit Gitarrengeschrammel, aufgeblasen mit Kirchentagspathos und in Beliebigkeit ertränkt, weil zu jeder Gelegenheit passend. Ich mochte es fast gar nicht mehr hören und der Meister selbst spielte es oft nur widerwillig. Wenn er es nicht völlig vernölte, wie beim „Live Aid“ 1985, dann spielte er es entweder mal als flotten Country-Shuffle mit Tom Petty 1986 oder ab 2008 in einer ironischen Gospel-Schlagerversion mit viel zu viel Streicherseligkeit.

Das Licht der Welt erblickte der Song am 16. April 1962 bei Dylans Auftritt in „Gerde’s Folk City“. Er spielte fünf Songs. Einer von ihnen war „Blowin‘ In The Wind“, der wenige Wochen später im „Broadside“-Folk Magazin veröffentlicht wurde. Dylan hatte ganz folkmäßig auf die Melodie des afroamerikanischen Sprituals „No More Auction Block“ neu getextet. Für den Musikjournalisten Andy Gill war der Song für Dylans Songwriting der Übergang vom reinen Reportagesong konkreter Begebenheiten („The Death of Emmett Till“, „The Ballad Of Donald White“) hin zu allgemeineren Aussagen.

Dylan nahm „Blowin In The Wind“ im Juli 1962 für seine zweite LP auf, „The Freeheelin‘ Bob Dylan erschien dann im Mai 1963. Doch den großen Singlehit machten Peter, Paul & Mary daraus, die den Song bereits im Juni 1963 coverten. Später jedoch setzte sich Dylans Aufnahme als der Song-Klassiker durch.

Copyright: Warner Bros.

Über die Jahrzehnte ist die Liste der Coverversionen unübersehbar groß geworden. Marlene Dietrich sang eine deutsche Version, Stevie Wonder machte eine R&B-Nummer draus, Bobby Bare ein Country-Stück und die Hollies sangen schön konsumierbar „Blooowoowowowowin‘ in the wind“. So manch einer tat es eben dann in den letzten nur noch als Peinlichkeit ab.

Jetzt: Fragen statt Antworten

Angesichts aber einer Gegenwart, die den politischen Diskurs um den Krieg zwischen den scheinbar absoluten Wahrheiten „Zeitenwende“ versus „Pazifismus“ ohne jedwede wirkliche Debatte ins analytische Nirwana abdriften lässt, ist ein Song wie „Blowin‘ In The Wind“ genau der richtige. Denn er stellt Fragen, statt Antworten zu liefern, gibt daher auch nicht vor allwissend zu sein. Er entspricht daher auch der Befindlichkeit vieler Zeitgenossen, deren „Beendet den Krieg“ in einem Zug mit dem ratlosen „Ja klar, aber wie?“ artikuliert wird.  

Diese Ratlosigkeit und diese Ungläubigkeit und Verwunderung hat beispielsweise der deutsche Folk- und Bluesmusiker Biber Herrmann in den Mittelpunkt seiner aktuelles Bühnenversion von „Blowin In The Wind“ gelegt und den Song damit von jeglichem Pathos und Ballast befreit. Es ist eine genial- verhaltene, verwunderte Meditation geworden. So bekommt der Song eine neue Aktualität.

„Blowin‘ In The Wind“ indes sei auch allen ins Stammbuch geschrieben, die zu schnell und willfährig die Seiten wechseln. Die zwar noch in zivilem Grün unterwegs sind, aber schon längst im militärischen Oliv denken und handeln. Die in schnellster Zeit von Tauben zu Falken geworden sind.

Copyright: Electrola

Die sollten sich einfach mal in einer stillen Stunde, abseits von Medien und Lobbyisten, diese Fragen stellen: „Yes, and how many times must the cannonballs fly, Before they’re forever banned?“ oder „Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows, That too many people have died?“.  

Wichtig ist es, dem Sog der allzu wohlfeil-schnellen, einfachen Logik des Krieges zu entgehen, und diesen auf seinen inhaltlichen Kern zu reduzieren: Tot, Verderben, Zerstörung. Und das muss beendet werden und zwar schnellstmöglich. Ob Hochrüstung und schwere Waffen wirklich dazu taugen, ist auch so eine Frage, die gestellt werden muss. Verhandeln, politisch-wirtschaftlicher Druck und Diplomatie sollten weiterhin eigentlich die wichtigsten Optionen sein, oder?

Wer aber weiter unbedingt nach klaren Antworten sucht, dem sei „Masters Of War“ empfohlen. Das Lied, das erklärt, wer am Ende immer jeden Krieg gewinnt. Und damit auch eine wichtige Erklärung dafür gibt, warum es immer wieder Kriege gibt.

„Nature Punk“

10. April 2022

Was Alynda Segarra macht, das tut sie ganz. Da frisst sie sich rein, da stürzt sie sich Hals über Kopf hinein und wenn es sie Haut und Haar kosten würde. Sie macht keine halben Sachen. Auch nicht bei ihrem aktuellen Album „Life On Earth“.

Copyright: None Such Records

Kennengelernt haben wir Alynda Segarra, als sie Folk und Americana spielte. Ursprünglich aus der Bronx stammend, war sie einige Jahre mit einem Straßenmusikerkollektiv unterwegs und ließ sich dann in New Orleans nieder. Beeinflusst von Sam Doores wandte sie dem Americana zu, aber nicht ohne auf dem Album „Small Town Heroes“ 2014 die inhaltlichen Genregrenzen weiter zu entwickeln. Ihr „The Body Electric“ ist die ultimative Ent-Romantisierung und Anklage einer jeden frauenfeindlichen Mörderballade. Und mit diesen und anderen Songs hatte sie uns für sich eingenommen und noch heute denken wir mit großer Freude an ihren Auftritt bei einem Open Air in Utrecht im Sommer 2016 zurück.

Mit ihrem nächsten Album „The Navigator“ wandte sie sich dann schon dem Indie-Rock zu, war Patti Smith näher als Johnny Cash, entdeckte ihre Latino-Wurzeln wieder und wandte sich gegen Gentrifizierung. Ein starkes Album.

Das war 2017. Bis zum 18. Februar 2022 sollte es dauern, bis das Nachfolgewerk „Life On Earth“ erscheinen sollte. Dazwischen hier und da Live-Auftritte, man hörte Alynda hätte das „Lee“ aus ihrem Namen gestrichen und durch „Mariposa“ ersetzt. Zudem sei sie in dem fast nirgends zu sehenden Biopic von Ethan Hawke über den Countrymusiker Blaze Foley aufgetreten.

Dann Anfang des Jahres die neue Wendung. Obwohl immer klarer ist, dass „Hurray For The Riff“ keine organische Band mehr ist, sondern alleine ihr Projekt, behält sie den Namen und veröffentlicht das Album „Lif On Earth“. „Nature Punk“ nennt sich das ganze jetzt. Alynda singt mit Titeln wie „Wolves“, „Rhododendron“ oder „Pointed At The Sun“ über Natur, Klima, Mensch und Flucht gegen das Unheil und den negativen Wandel der Welt an. Sie schmettert uns das mit drastisch und derb entgegen und gefällt sich in den Videos dazu, in denen sie entweder kostümiert ist wie ein Faun in der Sommernachts-Traum-Aufführung des Open-Air-Theaters oder sich lasziv und frech auf Betten räkelt.

Das Album hat gewiss seine Momente, seine melodischen Akzente, aber die Songs entfalten wenig Eigenleben, stehen hinter dem großen Ganzen des Konzept-Albums zurück. Das aber leider dadurch auch etwas blass und bemüht bleibt, aller farbenfrohen Kostüme Segarras zum Trotz. So ist es denn auch kein weiterer Karriere-Peak für Alynda sondern eher ein Ausrufezeichen, dessen Wert sich erst mit der weiteren künstlerischen Entwicklung zeigen wird.

Dass Alynda Segarra sich hier eine künstlerische Autonomie herausnimmt, die fast ebenso dylanesk ist wie ihr Gesang in Rhododendron, lässt wenigstens weiterhin hoffen, dass da noch weiterhin bemerkenswertes folgen wird. Die Frau hat einfach so viel Talent, da sollte noch was Gutes kommen.

Musik für die Seele

10. April 2022

Biber Herrmann spielt – unterstützt von Anja Sachs – in Jugenheim ein ganz feines Folk- und Blueskonzert und trifft dabei im doppelten Wortsinn genau die richtigen Töne in Zeiten von Krieg und Pandemie

Copyright: Thomas Waldherr

Man dachte schon, man könne es gar nicht mehr hören: „Blowin‘ In The Wind“. Bob Dylans Meisterwerk, über die Zeit dermaßen an Lagerfeuern zerschrammelt oder andernorts pathetisch aufgeladen, so dass es der Meister selbst jahrelang nur ironisch gebrochen oder gar lustlos nölend zum Besten gegeben hat. Dass dieser Song dennoch zu einem der vielen Höhepunkte in Biber Herrmanns Konzert am vergangenen Samstag in Jugenheim wurde, liegt alleine an der Intention und dem musikalischen Können des Interpreten.

Melancholie und ein Schuss Ungläubigkeit

Biber Herrmann verschob nur ein paar Töne und Akkorde, und hatte die in diesen Zeiten richtige Haltung zum Song entwickelt. Nicht triumphal, pathetisch, selbstvergewissernd, auch nicht lyrisch-messianisch wie auf einem Kirchentag. Nein, Herrmann, einer der besten und wichtigsten Folk- und Bluesmusiker hierzulande, spielte es leise, mit Melancholie und einem Schuss Ungläubigkeit. Immer wieder Kriege, Blutvergießen, Verbrechen und Rüstungsspirale wegen Machtspielen, Territorialansprüchen, geo-politischen und wirtschaftlichen Interessen. Man hält es einfach nicht mehr aus und ist ein Stück weit ratlos.

„Last Exit Paradise“

Copyright: Happy Owl Records

Der aus dem Rheingau stammende Herrmann stellte Songs aus seinem neuen Album „Last Exit Paradise“ vor, welches wie so vieles, in der durch die Pandemie bedingte Konzertpause entstanden ist. Der Gitarrenvirtuose Herrmann scheint in dieser Zeit noch besser geworden zu sein, und ist gleichzeitig als Songwriter, als Texter, auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Und geht neue Wege. Spielt zwei Songs erstmals am Klavier. Seine Songs scheinen ein Stück weit persönlicher geworden zu sein. So erzählt er auf Englisch in „Place To Die“ über seine Mutter und leitet “Wie ein Leuchten in der Ewigkeit“ mit Erinnerungen an den Vater ein. Das seine Eltern aus der Kriegsgeneration stammen und sein Vater im Krieg traumatisiert war und wie so viele Väter dieser Zeit ihre Gefühle nicht teilen konnten, bekommt unter den Umständen des Krieges in Europa beklemmende Aktualität.

Mal nachdenklich, mal fröhlich

Aber Herrmann schafft es mit seiner ruhigen, freundlichen und humorvollen Art aber auch die Menschen im Saal für zwei Stunden raus aus der Welt zu holen und zu unterhalten. Sein fröhlicher Blues über die Krötenwanderung (!), „Toddy’s Toad Migration“, lässt die Leute schmunzeln und sein Song „Northern Light“ über einen gemeinsamen Urlaub in Dänemark mit seiner Partnerin Anja Sachs gibt einem die Freude an der Welt zurück. Liedermacherin Anja Sachs hatte mit drei Stücken ihres aktuellen deutschsprachigen Albums „Mu“ das Konzert eröffnet und mit ihren schönen, mal nachdenklich, mal fröhlichen Songs den Boden bestens bereitet. Später unterstützte sie Biber Herrmann dann auch bei ein paar Stücken gesanglich.

Copyright: Thomas Waldherr

Neben den eigenen Songs spielt der Sänger an diesem Abend auch Stücke von Bluesgrößen wie Robert Johnson, Muddy Waters und Willie Dixon, erzählt von seinen Jahren auf Lesereise mit Fritz Rau, und lässt sein ganzes musikalisches Können aufblitzen, wenn er nur mit Gitarre, Mundharmonika und Gesang eine ganze sechsköpfige Band erklingen lässt.

Musik für die Seele

Es war genau das richtige Konzert in diesen Zeiten. Humorvoll und unterhaltsam, ohne zu laut zu sein und menschlich und nachdenklich angesichts der Krisen unserer Zeit, ohne in absolute Wahrheiten zu verfallen.

Auch an diesem Abend hat Biber Herrmann wieder bewiesen, warum ihn Fritz Rau zu Recht einmal als „Soulbrother“ bezeichnet hat. Denn Biber macht Musik für die Seele.  

Biber Herrmann spielt am Donnerstag, 29. September, bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt.

Dylan, Lennon und die Beatles

25. März 2022

Zwei neue Bücher geben Auskunft über die Beziehungen zwischen den Ikonen der Pop- und Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre

Copyright: C.H. BECK

Von den Beatles die Musik, von Dylan die Texte. Auf diese einfache Formel scheint man immer noch die größten Einflüsse der westlichen Popmusik der 1960er und 1970er Jahre bringen. Und doch ist das Zusammenspiel und die Wirkung der Fab Four vom Mersey River und dem Songwriter-Papst aus Hibbing, Minnesota, gleichwohl verschränkter und komplexer.

Wer dem nachgehen will, dem sind zwei kürzlich erschienene Bücher empfohlen. „One, Two, Three, Four. Die fabelhaften der Jahre der Beatles“ von Craig Brown erzählt die eigentlich schon auserzählte Geschichte der Pilzköpfe auf’s Neue. Und das in so gekonnter Weise, das man dann doch staunt, was man über die „Fab Four“ so alles nicht wusste.

Browns Kaleidoskop entdeckt die Beatles neu

Denn Brown erzählt nicht chronologisch die Geschichte nach, sondern geht schlaglichtartig vor, in dem er Anekdoten, Geschichten und Reflexionen verbindet, aus Tagebucheinträgen, Fanbriefen und Partylisten zitiert und so ein buntes Kaleidoskop des Beatles-Kosmos vorlegt, der stets unterhaltsam und oftmals auch witzig ist. Die verschiedenen Collageteile ergeben dann am Ende doch eine Geschichte. Die menschliche, manchmal rührend, manchmal wundersame Geschichte einer Band aus vier Jungs aus Liverpool, die die (musikalische) Welt verändert haben.

Bob Dylan kommt hier nicht so oft vor, aber wenn, dann stets beziehungsreich. Dass Dylan die Beatles an Marihuana herangeführt hat, ist natürlich nix neues. Aber wie der Autor hier die erste Begegnung der Pop-Großmeister schildert – natürlich mit „I get high“ statt „I can’t hide – ist schon sehr fein notiert. Ganz klar sehen die Beatles in Dylan ihren Meister und Lennon ahmt ihn Aufnahmen dieser Zeit sogar unbewusst nach. Kein Wunder, dass Lennon da später von Dylan enttäuscht sein musste.

An einer anderen Stelle erwähnt dann Brown, dass Dylan bis in die jüngste Vergangenheit Lennon nicht losgelassen hat. Am Rand eines Konzerts besuchte er Mendips, Lennons Childhood Home. Und natürlich wird auch nicht Lennons spätere Kritik an Dylans Songwriting – „man sagt nicht was man meint, sondern erzeugt den Eindruck von etwas“ – unterschlagen.

Ein in vielerlei Hinsicht gelungenes Buch, das die Beatles-Geschichte in einer etwas anderen Form wieder spannend und entdeckenswert macht.

Ganz dem komplexen Verhältnis von Dylan und Lennon widmet sich Jon Stewart in seinem Buch „Dylan, Lennon, Marx And God“. Er erforscht die Beziehung der beiden, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand der Perspektive dreier Schlüsselthemen: Protest, Geschichte und Spiritualität.

Copyright: Cambridge University Press

Zu Protest, Geschichte und Spiritualität bei Dylan und Lennon

So arbeitet Stewart heraus, dass im Grunde Lennons Songs viel kompatibler für politische Bewegungen sind als die von Dylan. Lennon verkündet vermeintliche Wahrheiten und klare Meinungen wo Dylan Fragen stellt und den Hörenden überlässt, Schlüsse zu ziehen. Ironie der Geschichte: Der große Dylan-Kritikaster Lennon, der dies Dylan immer vorgeworden hatte, distanziert sich sogar in seiner „Hausmann-Phase“ von seiner Agit Prop-Attitüde.

Im Kapitel zur Historie führt Stewart das Geschichtsverständnis von Lennon zurück auf das Bewusstsein über seine migrantische Herkunft aus Irland und der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, während Dylan hier auf dem Amerikanischen Transzendentalismus von Thoreau und Emerson und dessen Einfluss auf Melville und Whitman fußt. Auch hier wieder die ironische Entwickung. Mit dem Erfolg des Sgt. Pepper-Album wird EMI-Records zu einer globalen Marke und die Beatles zum Imageträger von „Swingin‘ London“ während sich das „British Empire“ eigentlich in Auflösung befindet. Währenddessen spielt Dylan einfach, schlichte amerikanische Roots-Musik („John Wesley Harding“), die aufgrund ihrer Retro-Simplizität keine Blaupause für globalen Erfolg bietet und damit eher quer zur kapitalistischen Verwertbarkeit steht. Lennon wie Dylan gebührt jedoch gleichermaßen der Verdienst, die Widersprüche des Spätkapitalismus und die Verlorenheit des Individuums in dieser modernen, verwalteten Welt mittels ihrer Musik dargestellt zu haben.

Im Abschnitt zur Spiritualität der beiden weist er nach, dass sowohl Lennons Sinnsuche in Marxistischen Zusammenhängen, als auch Dylan Studien der jüdischen Orthodoxie oder des evangelikalen Fundamentalismus den Fundus der Sinnzusammenhänge westlicher Popmusik verbreitert hat. Auch hier haben sie – bei aller Umstrittenheit ihrer Konversionen – grundlegendes geleistet.

Stewart kommt dann am Ende des Buchs zum Schluss, dass Lennon und Dylan wie keine anderen Musikerpersönlichkeiten unser Zeit, die Spannungen und Brüche der Gesellschaft und der Kultur benannt und große Knust daraus geschöpft haben. Und auch wenn wir heutzutage vor ganz anderen Problemen stehen wie in letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, so sieht Stewart die Relevanz der beiden ungebrochen, wenn es darum geht sich an ihrer Kunst ein Beispiel zu nehmen.

Fazit: John Stewarts Buch ist eine Fleißarbeit, aus der man auch einigen Kenntnisgewinn zieht. Man merkt aber immer wieder, dass es eine wissenschaftliche Arbeit ist, dass ein sehr ernsthafter Antrieb dahintersteckt. Jon Stewart, Gitarrist bei der Britpop-Band „Sleepers“ und den Indie-Rockern von „Wedding Present“ ist hier manchmal etwas zu akademisch unterwegs. Beide Bücher haben aber ihre Berechtigung und ihren Wert. Das von Stewart, weil es sehr fleißig und profund wissenschaftlich gehalten ist, das von Brown, weil es gut unterhält, und eine lebensnahe Farbigkeit hat. Zwei Bücher mehr, die man als Dylan oder Beatles-Fans gelesen haben sollte.

Bob Dylan und seine Wurzeln im New Deal

18. März 2022

Die besondere gesellschaftliche Epoche in den USA prägte auch den legendären Singer-Songriter/ Darmstädter Americana-Abend zum New Deal am 28. April

Roosevelt und Dylan. Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylan aka Robert Zimmerman ist 1941 in eine jüdische Mittelstandsfamilie hineingeboren worden und dann in einer Bergarbeiterstadt aufgewachsen. Seine Großeltern sind aus dem russischen Reich, aus der heutigen ukrainischen Hafenstadt Odessa, vor antisemitischen Pogromen geflohen und siedelten sich in Duluth Minnesota an. Nur um dort 1920 die rassistischen Lynchmorde an drei afroamerikanischen Zirkusarbeitern miterleben zu müssen.

Jüdische Amerikaner als Teil der New Deal-Koalition

Man kann davon ausgehen, dass die Erfahrungen der Lynchmorde, als auch das Leben der Zimmermans in der Arbeiterstadt Hibbing, sie zum demokratischen politischen Lager von Präsident Roosevelt und seiner „New Deal-Koalition“ für Wirtschafts- und Sozialreformen tendieren ließ. Diese Koalition umfasste Gewerkschaften, Arbeiter, rassische und religiöse Minderheiten (wie Juden, Katholiken und Afroamerikaner), Bauern, ländliche weiße Südstaatler und städtische Intellektuelle. Die Koalition spielte bis Mitte der 1960er Jahre eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Politik, bis sie wegen den Rassen- und Wirtschaftsfragen zerbrach und Wählerwanderungen aus dem demokratischen Spektrum zu den Republikanern begannen.

Das Leben unter den hart arbeitenden Menschen in Hibbing prägte Dylan nachhaltig. Er hat großen Respekt vor den arbeitenden Menschen und er ist auch als Künstler ein Arbeiter. Ob Gitarre, oder Gesang – die musikalischen Anteile an seiner Kunst musste er sich hart erarbeiten. Da ist ihm nichts zugeflogen. Im Gegensatz zum Verse schmieden. Das hat er schon in frühester Jugend gekonnt und später perfektioniert. Indem er erst nachahmte und dann selber drauf los dichtete. Auch als Bühnen- und Studiokünstler hat Dylan einen hohen Arbeitsethos.

Bob Dylans sozio-kulturelle New Deal-Prägung

Dylan sieht auch heute noch das einigende, das gemeinsame als typisch für Amerika an. Denn die für Obama, wie vorher für Clinton, konstitutionelle Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ war nicht seine. Er war und ist ein Mann der alten New Deal-Koalition, die die arbeitenden Menschen miteinschließt. Und ist damit heute aktueller denn je. Denn die Koalition für einen neuen Green Deal muss die neuen sozialen Bewegungen, die ökologischen, die migrantischen und die traditionelle Arbeiterbewegung zusammenführen. Muss die ökologisch verantwortungsvollen Unternehmer und Hipster offen für sozialpolitische Fragen und die Arbeiter offen für ökologische Fragen machen.

So wie Robert Zimmerman sozial und gesellschaftlich durch den New Deal geprägt ist, so ist Bob Dylan durch ihn kulturell geprägt. Denn Woody Guthrie und Pete Seegers klassische politische Folkmusik hätte ohne die New Deal-Politik nie diesen immensen Einfluss gehabt. Kulturprogramme stellten plötzlich die Musik der arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt. Gewerkschaften konnten freier agieren als noch wenige Jahre vorher und Eleanor Roosevelt war eine große Freundin und Förderin der Folk Music.

Copyright: Warner Bros.

Diese Linie führte denn auch direkt ins jugendbewegte Folk Revival der späten 1950er und frühen 1960er Jahre. Pete Seeger war Johannes der Täufer, Woody Guthrie der Heilige Geist, Joan Baez die heilige Jungfrau, und Bob Dylan der Messias des Folk Revival. Und auch wenn Dylan die Folkszene verließ, so hat er das Folk-Idiom und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen nie abgelegt. So dass es kein Wunder war, dass er 1968 beim Tribute Konzert für den verstorbenen Woody Guthrie dessen Song „Dear Mrs. Roosevelt“ singt, der nichts anderes als eine Ode an den Schöpfer einer Politik der sozialen Reformen und der politischen Innovationen im Amerika der 1930er und 1940er Jahre ist.

New Deal aktueller denn je

In Zeiten von ökologischer Krise, von enormer sozialer Ungleichheit sowie Demokratien in der Legitimationskrise und unter Beschuss (im wahrsten Sinne des Wortes!) von autoritären, kapitalistischen und nationalistischen Maskulinisten wie Putin und Trump, ist eine Politik des New Deal, die alle mitnehmen will und denen, die mehr haben, auch abverlangt, mehr zu geben und den wildgewordenen Kapitalismus bändigt, wichtiger denn je. Nur wenn gleiche Chancen, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftsdemokratie erreicht werden, können gesellschaftliche Demokratie und Freiheit sich der Angriffe von Autoritären und Autokraten langfristig erwehren.

Cuppatea und Steffen Lehndorff. Copyright: Cuppeatea

„Rise Up Singin‘“ in Darmstadt

Um diese Aktualität und um die Geschichte des New Deal geht es auch am Donnerstag, 28. April, in der Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ beim musikalischen Vortragsabend „Rise Up Singin‘“ mit dem Autor Steffen Lehndorff und dem Münsteraner Gesangsduo „Cuppatea“. Steffen Lehndorff wird über den New Deal erzählen, „Cuppatea“ Musik aus dieser Zeit spielen. Kooperationspartner ist der DGB Darmstadt, es ist ein spannender und anregender Abend im Vorfeld des 1. Mai zu erwarten.

Infos und Tickets gibt es hier:

https://www.knabenschule.de/?id=1129

Bob Dylans Philosophie des modernen Songs

11. März 2022

Was wir darüber wissen und was wir (vielleicht) zu erwarten haben

Copyright: Simon & Schuster

Das war wieder ein grandioser Aufschlag in der Dylan-Welt. Mitten in der Nacht zum Mittwoch (9. März) teilte www.bobdylan.com mit, dass der Song-Großmeister am 8. November ein neues Buch herausgibt. „The Philosophy Of Modern Song“. 60 Essays, die Dylan seit 2010 über das Songwriting und über berühmte Kolleg:innen geschrieben hat.

Natürlich sind wir alle elektrisiert. Haben wir uns doch den Vol.2 der Chronicles erhofft. Das kommt jetzt erstmal nicht, vielleicht auch nie mehr. Das wäre ja auch wieder richtig dylanesk. Aber was kommt ist, eben auch großartig. 60 Essays auf die ich mich freue. Denn wenn das an die MusiCares Speech und die Nobelpreisvorlesung anknüpft, dann können wir uns auf erhellende, bildreiche und witzige Texte freuen.

Denn dort, genauso wie in den Liner Note zu den Tribute-Alben für Jimmie Rodgers oder Hank Williams, in Würdigungen von Johnny Cash oder anderen, hat Dylan stets mit feinen Worten die Künstler gefeiert und ihren kreativen Prozess anschaulich dargestellt. Oder eben auch niedergemacht, wie damals beim MusiCare den armen Tom T. Hall. Da kannte er nix.

So sagte Dylan in der Vergangenheit beispielsweise über…

Jimmie Rogers
The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. (Jimmie Rodgers Tribute 1997)

Leonard Cohen:
“When people talk about Leonard,” Dylan said, “they fail to mention his melodies, which to me, along with his lyrics, are his greatest genius.“ (The New Yorker, Oktober 2016)

Hank Williams:
„I became aware that in Hank’s recorded songs were the archetype rules of poetic songwriting.“ (Chronicles Vol 1)

 Nina Simone:
“Very strong woman, very outspoken and dynamite to see perform. That she was recording my songs validated everything that I was about. Nina was the kind of artist that I loved and admired.” (MusiCares Speech 2015)

Neil Young:
„Neil is very sincere, if nothing else. He’s sincere, and he’s got a God-given talent, with that voice of his, and the melodic strain that runs through absolutely everything he does. He could be at his most thrashy, but it’s still going to be elevated by some melody.“ (Rolling Stone Interview 2007)

 Johnny Cash:
„I Walk the Line” played all summer on the radio, and it was different than anything else you had ever heard. The record sounded like a voice from the middle of the earth. It was so powerful and moving. It was profound, and so was the tone of it, every line; deep and rich, awesome and mysterious all at once. “I Walk the Line” had a monumental presence and a certain type of majesty that was humbling. Even a simple line like “I find it very, very easy to be true” can take your measure. We can remember that and see how far we fall short of it.“ (Bob Dylans Statement zum Tod von Johnny Cash, 2003)

Diesmal also Texte von Little Richard bis zu Frank Sinatra, von Elvis Presley bis zu The Clash, von Nina Simone bis zu Elvis Costello. Da wird er keinen verreißen, oder doch? Man kann aber schon sehr gespannt sein, wie er die Songs und das Songwriting dieser Künstler:innen beschreiben wird.

Ebenso darf gespannt sein, wer nicht drin vorkommt. Wird Joni Mitchell erwähnt? Neil Diamond? Merle Haggard?

Deutsche Ausgabe erscheint zeitgleich

„Naheliegende Reime können leicht zu einer Falle werden, eine Silbe zu viel kann einen guten Song um seine Wirkung bringen, und Bluegrass hat mehr mit Heavy Metal gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist Bob Dylan persönlich, der hier die Philosophie des modernen Songs darlegt und dafür Werke wie „Long Tall Sally“, „Strangers in the night“ oder „London calling“ unter die Lupe nimmt“, schreibt der Verlag Ch. Beck, bei dem das Buch zeitgleich auf Deutsch erscheint, auf seiner Website. (https://www.chbeck.de/buehnen/bob-dylan-die-philosophie-des-modernen-songs/)

Auch über das Titelbild wird heftig gerätselt. Anstatt bekanntermaßen geachtete Songwriter wie Leonard Cohen, Carole King oder Neil Young abzubilden, sehen wir drei Helden des frühen Rock’n’Roll und des Rockabilly. Little Richard, der der Welt das lautmalerische „Awopbopaloobop Alopbamboom!“ schenkte und dann Priester wurde, das barfüßige One Hit Wonder Alis Lesley (klingt fast wie Elvis Presley) aka „The Barefoot Rockabilly Angel“ und Eddie Cochran, der 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam und wegen seines „Summertime Blues“ unsterblich geworden ist.

Das könnte zum einen zeigen wie weit er den Begriff Song dehnt, zum anderen aber auch beweisen, dass Dylan auch hier wieder die US-Populärmusik und ihre Vielfältigkeit im Blick hat.

Wie schön, dass uns Dylan nun bis November Zeit gibt, zu spekulieren und zu rätseln. Es gibt in diesen Zeiten so viel Ernstes mit dem man sich beschäftigen muss. Gut, dass uns der Picasso des Pop auch einfach mal was Zerstreuendes an die Hand gibt.

Bob Dylan, der Frieden, und der Krieg in der Ukraine

6. März 2022

Der Songwriter großer Friedenslieder und seine jüdischen Wurzeln in Odessa

Copyright: Barry Feinstein

Es ist schwer in diesen Tagen, nicht an diesen verdammten Krieg zu denken. Und es ist auch unsere verdammte Pflicht, uns damit zu beschäftigen. So schreibe ich nun also auf diesem Blog einen Artikel mit Bezug zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. So wie ich es im Americana-Konzert am Abend des russischen Überfalls gesagt habe, so halte ich es mit diesem Blog auch. Ich will unterhalten mit Haltung. Nicht umsonst beschäftige ich auf meine Weise mit Bob Dylan und Americana: Die gesellschaftlichen Hintergründe und politischen Entwicklungen sind für mich wichtige Bezugsgrößen für das Werk eines Künstlers. Selbst wenn er sich explizit nicht als politischen Künstler sieht, so ist sein Werk doch immer auch ein Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Und das macht es für mich gerade spannend.

Die Haltung des Blog-Autors

Der Autor dieses Blogs verurteilt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf das Schärfste. Es gibt keine Rechtfertigung dafür. Die brutal und menschenverachtend umgesetzten Großreichsfantasien eines ehemaligen KGB-Geheimdienstlers lassen sich nicht durch falsche politische Entscheidungen auf NATO oder EU-Ebene entschuldigen. Die Ukraine hat alles Recht der Welt, sich zu verteidigen und sollte darin auch unterstützt werden. Gleichwohl darf kein Automatismus des Militarismus gelten. Es muss auch weiterhin nach einer diplomatischen Lösung gesucht werden. Das Primat der Politik und zivile Konfliktlösungsstrategien sind weiterhin notwendig und unabdingbar. Dies jedoch ist nicht zu verwechseln mit Appeasement zu jedem Preis. Denn wir wissen ja, dass bei Putin sich ideologische Verblendung mit abseitigen Charakterzügen paart.

Jedes Land muss sich verteidigen können. Die Bundeswehr aber mal schnell mit 100 Milliarden auszustatten, muss kritisiert werden und hinterlässt die Frage, warum für Gesundheitswesen, Infrastruktur und Sozialpolitik keine Gelder in dieser Größenordnung da sind. Die Probleme der Bundeswehr liegen in erster Linie nicht an zu wenig Geld, sondern an dem Umgang mit den finanziellen Mitteln, an Bürokratie und Vergabepraxis.

Aber: Auch die jahrzehntelange Abwesenheit des Krieges zwischen Nationen hat Europa nicht einem Hort des Friedens gemacht. Bürgerkriege, ethnische Konflikte oder der Umgang mit Flüchtlingen an den europäischen Grenzen sind alles andere als friedfertig. Auch das gilt es zur Kenntnis zu nehmen und in unsere Anti-Kriegsproteste einzuschließen.

Dylan, der Frieden und die Sache des Friedens

Bob Dylan und Joan Baez 1984, Copyright: Wikimedia Commons

Ich habe mir für diesen Beitrag die Aufgabe gestellt, über das ebenso naheliegende wie notwendige Thema Dylan-Songs zu Krieg und Frieden, auch auf die Wurzeln seiner Familie Väterlicherseits, die aus Odessa aus der heutigen Ukraine stammen, zu sprechen zu kommen.

Bob Dylan hat unvergängliche Songs geschrieben, die zum Soundtrack jeder Anti-Kriegskundgebung gehören: Masters Of War, A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Blowin‘ In The Wind natürlich. Die sind in der Zeit der Kuba-Krise und Vietnamkrieg entstanden, als Dylan noch Teil der linken, jungen Protestbewegung war, die sich in der Folkszene sammelte. Später wandte er sich bekanntermaßen von der politisierten Folkszene ab. Er wollte kein Anführer einer politischen Jugendbewegung sein und trat schon gar nicht bei politischen Veranstaltungen auf.

Ausgerechnet während der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die sogenannte NATO-Nachrüstung tritt Dylan dann aber 1982 beim „Peace Sunday“ in Pasadena, Kalifornien zusammen mit Joan Baez auf. Und sein Album „Infidels“ enthält mit „License To Kill“ einen Song, den Günter Amendt damals als „schönstes zeitgenössisches Friedenslied“ bezeichnete.

Umso größer dann die Entrüstung, als Dylan sich bei der 1984er Tour auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Friedensbewegung sich keineswegs mit den Demonstrationen beschäftigen will, und gelangweilt auf entsprechende Fragen der Journalisten bei der Pressekonferenz in Hamburg antwortet. Er hätte angeblich nur gehört von der aktuellen Friedensbewegung und hätte sicher auch nicht gerne Missiles in seinem Hinterhof. Und überhaupt, er sei vielleicht mal ein Protestsänger gewesen, aber er wäre nicht so tief im politischen Geschehen drin.

Die Person Dylan ist im Gegensatz zu den Songs einfach nicht zu gebrauchen für politische Demonstrationen. Von ihm ist auch die interessante Aussage überliefert, dass er sehr wohl sich für den Frieden einsetze, aber nicht für die „Sache des Friedens“. Auch hier wieder keine Bereitschaft, sich von irgendwelchen Organisationen oder Bündnissen für den Frieden einspannen zu lassen.

Zudem ist auch klar, dass Dylan keineswegs Pazifist ist. Eher ein Antimilitarist, der nicht noch die andere Wange hinhalten will, sondern ein Recht auf Selbstverteidigung anerkennt. So ganz klar für den Staat Israel im Song „Neighbourhood Bully“ und Dylans eigene Autobiographie „Chronicles“ zeigt, dass er auch keineswegs Schusswaffen verurteilt. Einer seiner neueren Songs, „Mother Of Muses“ zeugt auch für seine Anerkennung von Kriegen, wenn sie der Abschaffung der Sklaverei oder der Befreiung von Hitler-Deutschland dienen:

„Sing of Sherman – Montgomery and Scott
Sing of Zhukov and Patton and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved out the path for Martin Luther King
Who did what they did and then went on their way
Man, I could tell their stories all day“

Dylans klassische Protestsongs sind großartige Hymnen gegen den Wahnwitz des Krieges, der im Übrigen überall auf der Welt tobt. Sie sind aber nicht die Gedanken eines Pazifisten.

Bob Dylans Wurzeln in Odessa

Odessa, Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylans Familie, also Robert Allen Zimmermans Familie väterlicherseits, stammt aus Odessa im russischen Reich, später erst Teil der Volksrepublik Ukraine, dann der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine und schließlich seit Dezember 1991 Teil des unabhängigen und souveränen Staats Ukraine. 1907 flohen Dylans Großeltern vor den russischen Pogromen aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Mit fast 40 Prozent Juden unter der Einwohnerschaft war Odessa damals ein kulturelles Zentrum der Juden in Osteuropa. Und ein politisches dazu. Teils waren die ansässigen Juden Zionisten, die ja später den Staat Israel gründeten, andere Kommunisten. Manche auch beides. Es gab eine starke jüdisch-progressive Arbeiterbewegung – der Singer-Songwriter Daniel Kahn erinnert in seinen spannenden  Projekten an dieses Erbe – und auch die zionistische Kibbuz-Bewegung hat kommunistisch-sozialistische Elemente.

Es ist anzunehmen, dass aus dieser familiären Odessa-gestützten Prägung heraus der junge Robert ins zionistische Jugendcamp geschickt wurde und Dylan bis heute sowohl den Demokraten und dem Gedanken der sozialen Gerechtigkeit als auch dem Staat Israel nahe steht.

Der amtierende Präsident des souveränen Staates Ukraine, der gerade völkerrechtswidrig vom Putin-Russland überfallen wurde, Wolodymyr Selenskyj, ist ukrainischer Jude und als Schauspieler und Regisseur sicher auch ein weiteres Glied in der Kette jüdischer Kulturschaffender in Osteuropa. Von einer Ent-Nazifizierung der Ukraine als Kriegsgrund zu sprechen, wie es Putin gerade tut, ist eine einzige monströse Lüge. Es geht ihm einzig und allein um die Wiederherstellung des Russischen Reiches.

Bob Dylans Kunst hat – auch wenn sie nach Form und Inhalt amerikanisch ist – sicher auch mit den familiären Wurzeln in der jüdischen Kulturmetropole Odessa zu tun. Dylan Poesie, sein Judentum, sein Menschenbild, seine gesellschaftliche Sichtweise ist in der westlichen Hemisphäre verortet, und doch führen die Spuren auch in die kulturelle Vielfalt des Odessas Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor wenigen Jahren fand in Odessa sogar eine Kampagne statt, die an die Wurzeln des Literatur-Nobelpreisträgers in der Stadt erinnerte. Ehrlicherweise mit nicht übermäßig großer Aufmerksamkeit versehen. (Siehe: https://www.timesofisrael.com/poetry-and-revolution-searching-for-bob-dylan-in-ukraine/)

Die Juden waren sowohl im Zarenreich, als auch in der Sowjetunion immer Gefahren ausgesetzt. Daher sind sie immer wieder in den Westen geflohen und haben dort wichtige kulturelle Spuren hinterlassen. Auch wenn Putin die Juden gerne umarmt, um seine geostrategischen Ziele zu erreichen, sollte man sich nicht täuschen lassen. Putin träumt von einem erneuten russischen Großreich. Da steht zu befürchten, dass er jederzeit auch wieder die Karte des Antisemitismus ziehen kann.