Kammerspiel mit Fragezeichen

9. Dezember 2022

Warum Julien Condemines Film „Like A Rolling Stone“ über die Aufnahmesession des Rock-Klassikers letztlich unbefriedigend bleibt

Copyright: Wikimedia Commons

Den kannte ich noch gar nicht. Ein Freund aus Dylan-Fankreisen hatte mir den Tipp gegeben. „Like A Rolling Stone. 1965, im Studio mit Bob Dylan“ ist bis 3.12. in der Arte-Mediathek verfügbar. Eine französische TV-Produktion unter der Regie von Julien Condemine, die dem Phänomen der Entstehung der Aufnahme von „Like A Rolling Stone“ nachgeht. Angeblich auf dem Buch von Greil Marcus basierend.

Doch Greil Marcus liefert hier nur den Ausgangsplot, all seine zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Reflexionen rund um diesen Meilenstein der Rockmusik spielen hier keine Rolle. Regisseur Julien Condemine, Dylan-Darsteller Sébastien Pouderoux und dem Team geht es alleine um die Interaktion Akteure untereinander und dem eigentümlichen Verlauf der Aufnahmen. Man führt ein Kammerspiel auf.

Musikalisches Kammerspiel

Das Setting: Am 15. Juni 1965 geht Bob Dylan ins Studio, am Ende soll „Highway 61 Revisited“, sein neues Album – das erste, das vollständig elektrisch verstärkte Musik enthält – aufgenommen worden sein. Als erstes stellt man sich dem Song „Like A Rolling Stone“. Produzent ist Tom Wilson, als Studiomusiker sind Russ Savakus (E-Bass), Bob Bushnell (Bassgitarre), Bobby Gregg (Schlagzeug), Bruce Langhorne (Tamburin) und Paul Griffin (Klavier) mit dabei. Als Leadgitarrist hat Dylan den virtuosen Mike Bloomfield von der Paul Butterfield Blues mitgebracht, Tom Wilson hat noch Al Kooper als 2. Gitarristen ins Studio geholt.

Grundsätzlich ist die Aufnahmesession interessant, kurzweilig und durchaus auch humorvoll dargestellt. Schließlich hat man es hier mit Regisseur und Schauspielern der Comédie-Française zu tun, die ihr Handwerk verstehen. Nur ist die Vorlage und wie einzelne Figuren angelegt sind, so gar nicht auf der Höhe einer möglichen gesellschaftshistorischen Verortung oder entsprechen schlichtweg nicht den realen Vorbildern.

Warum ist Tom Wilson hier weiß?

Ein Knackpunkt ist die Figur des Produzenten. In diesem Film wird Tom Wilson als weißer, älterer Jazz-Produzent dargestellt, der mit den Gepflogenheiten der Rockwelt fremdelt. Der reale Tom Wilson war zum Zeitpunkt der Aufnahme 34 Jahre alt und Afroamerikaner. Ein schwarzer Bildungsbürger, der zu dieser Zeit der einzige schwarze Produzent im Mainstream der amerikanischen Popmusik. Obwohl er anfangs tatsächlich Dünkel gegen Folk und Rock hegte, schuf er in den 1960er Jahren mit weißen Musikern wie Bob Dylan, The Velvet Underground, Simon & Garfunkel oder Frank Zappa Meisterwerke der Popmusik. Diese Geschichte wäre spannend gewesen und warum ab einem gewissen Zeitpunkt das Dylan-Lager lieber mit dem weißen Country-Produzenten zusammenarbeitete.

Greil Marcus‘ Buch war nur mittelbar die Vorlage des Films, Copyright: Hachette Book Group

Doch leider beschränkt sich die Sensibilität dieser Inszenierung auf ein paar Allgemeinplätze, wenn sich die Protagonisten immer wieder einmal aus der Handlung ausklinken und sich direkt ans Publikum wenden.

Dylan als Autist

Zweiter Knackpunkt ist natürlich die Dylan-Figur. Hätte Dylan tatsächlich so im Studio agiert, er wäre schwer der produktive und kreative Kopf der Rockmusik der Mittsechziger geworden. Lockenkopf, Mundharmonika, Sonnenbrille und gepunktetes Hemd reichen nicht. Sébastien Pouderoux zeigt uns Dylan als Autisten. Arrogant und Unnahbar. Einer, der in Interviews nur verwirrt wirkt – und nicht etwa angriffslustig und originell wie er damals wirklich war. Da ist nichts von der kreativen Spirreligkeit des damaligen Dylan zu sehen. Da fehlt einfach die Energie. Pouderouxs Dylan irrt ziellos durch die Kulisse und wird damit im Laufe des Films immer mehr zur Nebenfigur.

Es gibt schöne Szenen und Situationen mit Al Kooper, der sich an die Orgel mogelt oder Paul Griffin, der sich das ganze Chaos nicht mehr antun will. Aber warum oder wie eigentlich wirklich der Song zu dem denkwürdigen Stück wurde, bleibt nebulös. Wer mit Dylan noch nie was anfangen konnte, wird sich wieder bestätigt fühlen, wer tiefer bohren will in Sachen Dylan, die 19060er und dem Aufstieg des Folk-Rock bleibt unbefriedigt zurück.

Bemühte dramatische Bearbeitung

Es gibt mittlerweile überall in der Welt viele dramatische Bearbeitungen von Dylans Wirken und seiner Bedeutung für die Rockmusik. Mal bessere, mal schlechtere. Mal enthusiastisch, mal bemüht. Diese hier fällt in die zweite Kategorie und besitzt ihre Legitimität allenfalls als Versuch in den Kammerspielen eines Schauspielhauses. Als Bob Dylan-Stück im französisch-deutschen Kulturkanal Arte hat sie aber nichts verloren.

Zum Film auf Arte geht’s hier:

https://www.arte.tv/de/videos/099752-000-A/like-a-rolling-stone/

Greil Marcus: Folk Music. A Bob Dylan Biography in Seven Songs

3. Dezember 2022

Das neue Buch des Popkritik-Altmeisters erfreut und erhellt, hat aber nicht die Dichte und Stärke früherer Werke

Greil Marcus ist der vielleicht legendärste lebende Popmusikjournalist. Sein ganzes Arbeitsleben lang hat er immer wieder über die Musik von Bob Dylan geschrieben (in der nächsten Ausgabe von Key West beschäftige ich mich systematisch damit). Wohlgemerkt über die Musik und weniger über Dylans Leben. Und so ist diese neue Bob Dylan-Biografie in sieben Songs ebenso wenig eine Biographie wie Dylans 66 Essays über Songs eine Philosophie darstellen. Und beides ist auch überhaupt nicht schlimm. Gut lesbar und erhellend sind beide.

Musik im geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext

Greil Marcus ist ein Meister seines Fachs, wenn es darum geht Musik in einen gesellschaftlichen, historischen, oder ideengeschichtlichen Kontext zu stellen. „Lipstick Traces“, „The Dustbin Of History“ oder „Invisible Republic“ sind popjournalistische Meisterwerke und haben mich stark geprägt in meiner Art, über Musik zu schreiben. Vielleicht war daher die Erwartung an den „neuen Marcus“ dann auch zu hoch. Denn so vergnüglich und erhellend das Buch ist, am Ende hätte ich mir doch mehr erwartet in Sachen Einblick in Dylans Werk und seiner Verbundenheit mit den Zeitläufen. Oder über seinen „Work in Progress“, an dem er Abend für Abend musikalische Revisionen seiner Werke vornimmt, so dass bei gleicher Setlist trotzdem kein Abend dem anderen gleicht. Hätte mir mehr erwartet, warum gerade diese Songs so wichtig sind, um daraus eine (Pseudo-)Biografie abzuleiten.

Stattdessen erzählt er uns zwar wieder interessante Geschichten und schenkt uns waghalsige Gedankensprünge, die mal zwingend, mal abseitig sind. Doch während Dylan die kurze Form gewählt hat, bleiben Marcus‘ abenteuerliche Exkursionen mitunter zu lose verknüpft mit den Dylan-Songs als Forschungsgegenständen und führen manchmal etwas weitschweifig weg von ihnen. Ganz so weit wie der Kritiker Daniel Gewertz auf der Website „the arts fuse“ würde ich dann aber nicht gehen: „An manchen Stellen kann Greil Marcus’ abschweifender Stil wie nervöse Brillanz wirken, an anderen wie eitle Launenhaftigkeit“, schreibt er, um dann aber versöhnlich zu werden: „Was das Buch adelt, ist die Liebe des Kritikers zu seinem zugrunde liegenden Thema: die seelenvolle Suche nach einem wahrhaftigeren Amerika.“

Keine Dylan-Biographie, sondern Gedanken zur amerikanischen Folkmusik

Und im letzteren treffen wir uns dann eben alle. Möglicherweise wäre Marcus besser beraten gewesen, hätte er den übergroßen Bob Dylan-Bezug aus dem Buchtitel genommen. Denn er schreibt keine Biographie über Dylan, sondern äußert frei und assoziativ seine Gedanken über die amerikanische Folkmusik im 20. und 21. Jahrhundert und dabei über die vielleicht wichtigste musikalische Ausdrucksform des „anderen Amerikas“. Und dabei sind die Dylan-Songs mehr verbindende Elemente als eigentliche Betrachtungsgegenstände.

Sehr gut startet das Buch mit der Beschäftigung mit „Blowin‘ In The Wind“. Von der Vorgeschichte mit „No More Auction Block“ über die Geschichte des Songs als musikalischer Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren bis hin zur pessimistischen gesellschaftspolitischen Conclusio im Angesicht der Ermordung George Floyds und den „Black Lives Matter“-Protesten.

Doch schon im zweiten Kapitel verirrt man sich in Marcus‘ Gedankenläufen. Um welchen Song geht es hier? „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ oder „The Times Are A-Changin‘“? Und was haben „Fleetwood Mac“ und „Rumours“ damit zu tun? Too Much!

Eines der interessantesten Kapitel im Buch behandelt „Desolation Row“. Denn es zeigt die Stärken und Schwächen des Buches wie im Brennglas auf. Sehr gut erzählt Marcus über die „versteckte Geschichte“. Der dreifache Lynchmord von Duluth, Minnesota im Jahre 1920 ist schon zwei Jahre kein öffentliches Thema mehr in der Stadt. Aber hinter vorgehaltener Hand wird erinnert, geraunt, geflüstert. Und Marcus sinniert, inwieweit Abe Zimmerman, Dylans Vater, der acht Jahre alt war, als der Mob die schwarzen Zirkusarbeiter ermordete, seinem Sohn Bob davon erzählt hat.

Es spricht schon einiges dafür, dass in der Familie Zimmerman, die vor den antijüdischen russischen Pogromen 1905 in die USA geflohen waren, diese Morde Thema waren. Denn auch im vorgeblichen Land der Freiheit erlebte man nun rassistischen Terror. Dies wird nicht spurlos an der Familie Zimmerman vorbeigegangen sein. Hier bleibt Marcus überraschend unbestimmt.

Greil Marcus, Foto: Wikimedia Commons

„Jim Jones“ und „Murder Most Foul“ zeigen Dylans Schaffensprozess und seine Stellung in der Folkmusik

Am nächsten kommt das Buch Dylans Schaffensprozess und wird damit stark, wenn Marcus den Song „Jim Jones“ zum Anlass nimmt, um Bob Dylans Wurzeln im Folk und im Greenwich Village zu erzählen. Er nimmt Mike Seeger, Bruder des weitaus berühmteren Pete Seeger und Frontmann der „New Lost City Ramblers“ als Referenzkünstler zu Dylan. Dylan konnte die Folksongs nicht so spielen wie Mike Seeger, er konnte sie besser spielen, weil er nicht nur ihre Tradition respektierte, sondern auch der Tradition etwas Neues, eigenes hinzufügte, schreibt Marcus sinngemäß in diesem Abschnitt des Buches. Und kommt darauf zu sprechen, dass Dylan als er seinen künstlerischen Kompass zu verlieren schien, sich anhand alter Folksongs auf Album und im Studio wieder selbst aus dem Sumpf zog.

Mit Spannung erwartet wurde natürlich das Kapitel über „Murder Most Foul“.  Und es ist tatsächlich der krönende Abschluss auf hohem Niveau, dass Marcus während des Buches nicht immer durchhalten konnte. Wie er hier Dylans eigene Verwobenheit in der Rezeption des Kennedy-Mordes mit dessen verunglückter Tom Paine Award-Rede in Verbindung herausstellt, zeigt, dass Dylan der Kennedy-Mord nie losgelassen hat, so dass er 2020 mitten im Lockdown den 17-minütigen Song „Murder Most Foul“ veröffentlicht hat. Und dieser Song erzählt von Amerika, und dieser Song ist auch gleich zwei Songs in einem. Erzählung über das Kennedy-Attentat und amerikanische Popgeschichte zugleich. Er ist aber auch das Echo der alten topical Folk Songs. Und Dylan ist plötzlich Clarence Ashley oder Sara & Maybelle Carter. Oder Mike Seeger.

In diese Reihe stellt Marcus Bob Dylan. Dylan hatte noch diese alten Folksänger spielen sehen und gesehen was mit ihnen aus der Welt gegangen sei.  Und Greil Marcus stellt die abschließende Frage: Was wird dereinst mit Bob Dylan aus der Welt gehen?

Fazit:  Ein „Must Have“ für jeden Bob Dylan und Folkmusik-Interessierten. Auch wenn es nicht die Stärke und Dichte früherer Arbeiten hat, bleibt Greil Marcus‘ Ansatz die Musik zu erklären weiterhin spannend und unverzichtbar.

„Dylans Begeisterung und Staunen sind ansteckend“

19. November 2022

Darmstädter Americana-Reihe feierte Bob Dylan anlässlich der Veröffentlichung seiner „Philosophie des modernen Songs“/ Vollbesetzte Halle der Bessunger Knabenschule/Glänzend aufgelegtes Ensemble und begeistertes Publikum

Alle Mitwirkenden freuten sich mit dem Publikum über einen wunderbaren, Funken sprühenden Abend, Foto: Americana

Es war wieder einmal mehr ein rauschender und Funken sprühender Abend in der Darmstädter Americana-Reihe. In der vollbesetzten Veranstaltungshalle des Kulturzentrums Bessunger Knabenschule entwickelte sich ein denkwürdiger Event, der das Publikum begeisterte.

Gedenken an Kristof Schreuf

In seinem Eröffnungs-Statement erklärte Americana-Kurator Thomas Waldherr, wie sehr man sich auf Conny Lösch gefreut hatte und wie traurig man über ihre Absage wegen des Todes ihres Mannes sei. Und er sprach von der Bestürzung über den Tod ihres Mannes Kristof Schreuf, der ein bekannter Musiker und Journalist gewesen war und maßgeblich die sogenannte Hamburger Schule der Popmusik beeinflusst hatte. Mit einem Augenblick der Stille gedachte man dem Verstorbenen und sendete gute Wünsche an Conny Lösch.

Thomas Waldherr und die „Dylan-Allstars“, Dan Dietrich, Philip Wetzel, Martin Grieben und Bernd Hoffmann, Foto: Americana

Ausgewählte Songs in Wort- und Musikbeiträgen

Das Programm des Abends begann dann mit Dylans „When I Paint My Masterpiece“ gespielt von den „Dylan All-Stars“, Dan Dietrich, Martin Grieben und Four Chords & The Truth aka Bernd Hoffmann und Philipp Wetzel. Thomas Waldherr bedankte sich dann beim C.H. Beck-Verlag für die Unterstützung des Abends und stellte Mitwirkende und Ablauf vor.

In der Folge las Waldherr Passagen aus dem Buch zu ausgewählten Songs, die die Musiker dann in ihren Interpretationen auf die Bühne brachten. Martin Grieben widmete sich mit großer Spielfreude der Abteilung Rock’n’Roll und Blues mit „Tutti Frutti“ von Little Richard und „Key To The Highway“ von Big Bill Broonzy. Dan Dietrich drückte „Ball Of Confusion“ von den Temptations und „Come Rain And Come Shine“ von Judy Garland seinen eigenen Stempel auf. Für die Country-Abteilung war dann Four Chords & The Truth zuständig. In lässig, gekonnter Manier ließen Bernd Hoffmann und Philipp Wetzel mit „Big River“ von Johnny Cash und „Pancho & Lefty“ die Klassiker der Countrymusik erklingen.

Einordnung des Buches in Dylans Werk durch Heinrich Detering

In zwei Talkrunden wurde dann Heinrich Detering, Deutschlands bedeutendster Dylan-Experte, zu Dylans neuem Buch sowie zu Dylan und anderen großen Songwritern befragt. „Es geht ihm wohl eher um eine offene Auswahl von Songs, mit denen er für seine Zwecke etwas anfangen, an denen er etwas Bestimmtes zeigen kann. Songs, die etwas an einem bestimmen Aspekt der amerikanischen Kultur zeigen oder die ihn zu poetischen Einfällen anregen“, sagte dabei Detering zur Frage, warum wichtige Songwriter wie Lennon/McCartney oder Leonard Cohen nicht vorkämen.

In zwei Talkrunden ging Heinrich Detering (links), befragt von Thomas Waldherr, dem Buch und seinem Autor auf den Grund, Foto: Americana

Detering zeigte sich sehr eingenommen von Dylans Buch: „Natürlich ist es wunderbar, wie ernst er es offensichtlich mit dem Satz gemeint hat, die Songs seien sein Philosophie- und sein Gebetbuch. Es gibt nichts im Leben, das er nicht in einer irgendwie kondensierten, geläuterten, verwandelten Form in Songs wiederfindet; diese Begeisterung und dieses Staunen sind ansteckend.“ Auf die Frage, wer neben Dylan der für ihn wichtigste Songwriter sei, führte er Dylans verstorbenen Freund und Kollegen Leonard Cohen an.

Dylan-Songs rütteln auf und geben Hoffnung

Im letzten Teil der Veranstaltung erklangen Songs von Bob Dylan. Dan Dietrich spielte ein, dem aktuellen Zustand der Welt angemessen aufrüttelnde engagierte und emotionale Version des apokalyptischen Frühwerks „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“.  „Four Chords & The Truth“ blieben beim Country, präsentierten ein humorvolles „Walkin‘ Down The Line“ und brachten den Saal zum Mitsingen. Martin Grieben folgte mit einer feinen, sehr berührenden Version des ebenso epischen wie nachdenklichen „Every Grain Of Sand“.

Mit einer zweiten, ungleich schnelleren und härteren Version von „When I Paint My Masterpiece“ endete dann das Programm mit tosendem Applaus und vielen lauten Bravo-Rufen. Aller Musiker, Heinrich Detering und Thomas Waldherr sangen dann gemeinsam mit dem Publikum die Zugabe „I Shall Be Released“. Ein gutes, weil tröstliches und hoffnungsvolles Zeichen zum Abschluss dieses wunderbaren Abends, in dem sich in der Musik, in Wortbeiträgen, Lesungen und Gesprächen das ganze Leben mit all seinen Gefühlszuständen abbildete.

Americana 2023 startet mit Bruce Springsteen-Tribute

Es war ein sehr schöner, ergreifender Abschluss des diesjährigen Americana-Programms. Weiter geht es nach einer Advents-/Weihnachts-/Jahreswechselpause am 26. Januar nächsten Jahres. Dann wir mit Bruce Springsteen eine weitere amerikanische Musik-Ikone geehrt. Markus Rill, Robert Oberbeck uns Maik Garthe bestreiten das Programm dieses besonderen Tribute-Abends. Karten können bereits unter www.knabenschule.de erworben werden.

Bob Dylans unterhaltsame Songdeutungen

2. November 2022

Das neue Buch des Literatur-Nobelpreisträgers und legendären Singer-Songwriters ist geistreich, humorvoll, waghalsig und oftmals verblüffend/ Talk und Musik zum Buch am 18. November in Darmstadt

Copyright: C.H. Beck

Dieser Mann hört auch mit 81 Jahren nicht auf zu überraschen und zu verblüffen. Seine mehr als sechzig „Riffs“ (Einfühlungen) und Essays (Abhandlungen) zu Songs aus Blues, Country, Rock, Soul und Swing – kongenial ins Deutsche übersetzt von Conny Lösch – sind so waghalsig, so wortreich, so verspielt, aber auch so meinungsstark, dass es eine wahre Freude ist. Der 352-Seiten starke Foliant ist eine wahre Fundgrube. Und was ganz wichtig ist: Nach der Lektüre ist man immer schlauer.

Noch immer hat er es drauf. Mit wenigen Bildern, in nur ein paar Sätzen bringt Bob Dylan gesellschaftliche Zustände auf den Punkt. Der Altmeister ist in diesem Buch alles andere als kryptisch oder sphinxhaft, was man ihm nur allzu gern immer wieder vorwirft. In Gegenteil. Es zeigt sich hier erneut: Der Alte ist viel näher an der Welt, als manche Kritiker, aber auch so manche Jünger es wahrhaben wollen. Vier Beispiele nach einem ersten Einblick ins Buch und der Lektüre einige dieser Essays und Riffs.

Die Verlogenheit der Heimatsehnsucht

„ALS DER SONG ENTSTAND, WAR DETROIT ein angesagter Ort. Neue Jobs, neue Hoffnungen, neue Gelegenheiten. Autos rollten vom Fließband direkt in unsere Herzen. Seither befindet sich die Stadt wie so viele andere amerikanische Städte auf einer Achterbahnfahrt zwischen Überfluss und Abstieg.“

So historisch-kritisch beginnt der allererste Essay im Buch zu Bobby Bares „Detroit City“. Im Riff fühlt er sich vorher in einen Menschen ein, der vom Land aufgebrochen ist in die große Stadt, um es dort zu etwas zu bringen. Er schreibt seinen Lieben daheim, wie hat er dort arbeitet. Im Essay räumt Dylan mit den Illusionen auf.

„Es gibt keine Mutter, keinen lieben alten Vater, keine Schwester und keinen Bruder. Sie sind alle entweder tot oder gegangen. Das Mädchen, von dem der Sänger träumt, ist längst mit einem Scheidungsanwalt verheiratet und hat drei Kinder mit ihm bekommen. Wie tausende andere verließ er die Farm, zog in die Großstadt, um es zu etwas zu bringen, und ging dort unter.“

Ebenso wie Dylan in „Detroit City“ die Lage der Städte des Rustbelts schonungslos wiedergibt, stellt er aber auch dar, dass aber auch die früheren Aufstiegsträume sehr oft zur Enttäuschung führten, weil es eben zum amerikanischen Traum auch gehört, dass es viele nicht schaffen.

Pat Boone weiß mehr als Elvis

Copyright: Legend Records

Dass er mehr von der amerikanischen Musik versteht, als viele andere, ist mittlerweile bekannt, aber wie er es hier beweist, ist vom aller feinsten. An dieser Stelle hat der Chronist ja vor wenigen Tagen Jerry Lee Lewis gewürdigt, und die Quellen dessen Rock’n’Roll-Extase in den Pfingstlergottesdiensten im Süden gefunden. Jerry Lee ist quasi das weiße Pendant vom Little Richard. Denn über den schreibt Dylan in seinem Buch:

 „A-WOP-BOP-A-LOO-BOP-A-WOP-BAM-BOOM. Little Richard sprach in Zungen, lange bevor irgendwer gemerkt hat, was los war. Er hat das Sprachgebet direkt aus dem verschwitzten Zeltgottesdienst geholt und ins Mainstream­Radio gebracht, hat geschrien wie ein geweihter Priester – und genau das war er ja auch. Little Richard ist der Meister der Zweideutigkeit.“ Denn „Tutti Frutti ist im Slang eine „Schwuchtel“, ein homosexueller Mann, ansonsten auch der Name einer Eissorte. „Ein Mädchen namens Sue und eins namens Daisy, beide sind sie Transvestiten“, behauptet Dylan. Und fragt: „Wer hat Elvis bei Ed Sullivan «TuttiFrutti» singen sehen? Ob er wusste, wovon er da singt? Ob Ed Sullivan es wusste? Oder wussten es beide? Von allen, die «Tutti Frutti» gesungen haben, war Pat Boone wahrscheinlich der Einzige, der kapiert hat, worum es ging. Pat versteht auch einiges vom Sprechen in Zungen.“

Wie er hier darstellt, wie im Rock’n’Roll die religiös-lautmalerische Ausdruckform der Fundamentalisten („in Zungen sprechen“) mit sexuellen Konnotationen versehen in den Rock’n’Roll überführt wird ist ganz großes Kino. Und dass noch nicht mal „Elvis, the pelvis“ wusste, wofür „Tutti Frutti“ stand, wohl aber der frühere Harmlos-Popsänger und heutige fundamental-evangelikale Prediger Pat Boone ist die böse Pointe dieses Riffs.

Jimmy Reed und der oberste Oligarch

Wie sehr sich Dylan im hier und jetzt befindet zeigen auch Riff und Essay zu Jimmy Reeds „Big Boss Man“. Der afroamerikanische Bluesmusiker wurde vom Meister auf seinem letzten Album „Rough And Rowdy Ways“ gewürdigt und dieser Song „Goodbye Jimmy Reed“, ist mittlerweile auch ein Höhepunkt seiner Konzerte. Hier erzählt er also über den großen Boss. Und im Riff zum Song kommt Dylan ins Fabulieren:

„Gewerkschaften, Aufstände, Revolten, leere Drohungen – auf so was achtest du gar nicht, du lässt das alles laufen, stehst drüber. Du bist der riesenhafte Zyklop – du befindest dich auf der richtigen Seite der Geschichte. Der oberste Oligarch, der Generalissimo, der omnipräsente Overlord, der die gesamte Welt wie Butler und Zimmermädchen behandelt. Du bist ein Mann von hohem Ansehen.“

Besser kann man diese Leute kaum beschreiben: Die Elon Musks, Donald Trumps, Bolsonaros und Putins dieser Welt.

Im Essay widmet er sich voll und ganz Jimmy Reed. Für ihn ist Reed kein Chicago-Blues, sondern elektrifizierter Country-Blues. Und er charakterisiert ihn wunderbar selbstironisch.: „Er spielt Mundharmonika auf einem Halter. Aber mit einer Mundharmonika auf einem Halter kann man nicht allzu viel anstellen. Er hat es trotzdem hingekriegt und ist bis heute darin unübertroffen“, sagt der Mann dessen Mundharmonika auf dem Halfter über Jahrzehnte ein Markenzeichen war.

Und er stellt ihn auf eine Stufe mit dem „Vater der Countrymusik“, Jimmie Rodgers: „Jeder Song hat eine typische Mundharmonika-Passage; das ist sein Markenzeichen, genau wie das Yodeling bei Jimmie Rodgers. Eigentlich ist es genau dasselbe. Little Walter, so großartig er war, wäre auf einer Jimmy Reed-Platte fehl am Platz gewesen, genauso wie Jimi Hendrix.“

Beobachter der gesellschaftlichen Spaltung

Pete Seeger, Copyright: Wikimedia Commons

Wenn er in seinem Essay über Pete Seegers „Waist Deep In The Big Muddy“ über die heutigen Medien spricht, dann beschreibt er die Zustände ziemlich treffend. Er fühlt sich im Riff in die Situation des Songs ein, als ein unverantwortlicher Offizier seine Soldaten in Todesgefahr bringt und diesem ihm wie die Lemminge folgen. Im Essay stellt der große Kritiker des Protestsongs, der zugleich auch dessen größter Wortschmied ist, dann fest, warum Protestsongs in den 1960er Jahren tatsächlich eine Wirkung entfalten konnten:

„Wir hatten alle ein gemeinsames kulturelles Grundvokabular. Menschen, die die Beatles in einer Abendsendung sehen wollten, mussten sich auch Flamenco-Tänzer, Komiker in weiten Hosen, Bauchredner und vielleicht sogar eine Szene aus Shakespeare anschauen. Heute ist das Medium so vielschichtig, man muss sich nur eine Sache herauspicken und kann sich ihr ganz ausschließlich auf einem spezialisierten Stream widmen.“

Heute aber gibt es Spartenkanäle für jegliche Interessen und keiner mehr kann oder mag mehr über seinen Tellerrand blicken. „Es gibt 24 Stunden am Stück Blues, Surf Music, linkes Gejammer, rechte Hetze, jede nur vorstellbare Glaubensrichtung.“ Genauso sind die Zustände, die mit zu einer gesellschaftlichen Polarisierung, Spaltung und letztendlich zum Auseinanderbrechen der Gesellschaft führen.

Die Essays zeigen, dieser Mann hat sehr wohl verstanden, dass Songs immer etwas mit künstlerischer Eingebung, aber auch mit gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen zu tun haben. Er analysiert dabei aber nicht knochentrocken, sondern assoziativ, exemplarisch, alltagskulturell.

Darüber hinaus ist auch dieses Buch farbenblind. Ganz selbstverständlich weist er allen ethnischen Gruppen ihren Anteil an der Entwicklung der amerikanischen Populärmusik zu: Den Schwarzen und den Weißen, den Italienern und den Juden.

Auch ein Buch über Dylan selbst

Wenn Dylan seinen ehemaligen Mentor Pete Seeger, der so verzweifelt über Dylan Hinwendung zum Rock war, mit einem Essay ehrt und darin auch ganz klar von der politischen Ächtung Seegers bei weit in die 1960er Jahre schreibt und dessen Song „Deep Muddy“ eine echte Wirkung zugesteht, dann arbeitet er sich auch an seiner alten Rolle als Protestsänger und seinen Streit mit Seeger ab. Wenn er bei Jimmie Reed über dessen Mundharmonikahalter dann auch, weil er selber damit Weltruhm erlangte.

Dylans Philosophie des modernen Songs ist natürlich kein philosophisches oder lexikalisches Werk. Es ist eine subjektive Auswahl von Songs, die Dylan wichtig sind. Aber wir er sie darstellt – mit klarem Blick, mal nüchtern, mal verspielt, aber immer wortgewandt und der guten Pointe zugetan, wird dieses Buch zu einer Liebeserklärung an den Song und seine Songwriter. Also zu der künstlerischen Welt, in der Dylan zu Hause ist, und die er selbst revolutioniert hat. Daher muss er auch keinen eigenen Song behandeln. Denn er ist mit jedem dieser Songs ohnehin verwoben. Genauso wie jeder neue Song, der eine Haltung, ein Anliegen und ein wirkliches Gefühl hat, sich bewusst oder unbewusst an ihm ausrichtet.

Bob Dylans Gesamtwerk ist nicht mehr und nicht weniger als eine weitere große „Anthology of American Folk Music“. Und dieses Buch ist ein wichtiges, wunderbares Nachschlagewerk darin, das zu den Wurzeln dieses Songwriters führt.

Bob Dylan, Die Philosophie des modernen Songs, C.H. Beck, 352 Seiten, 35 Euro.

Talk und Musik rund um Dylans neues Buch am 18. November in Darmstadt

Mit einer Veranstaltung in Darmstadt, in der Bessunger Knabenschule, geht am 18. November die Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ mit Talk und Musik dem neuen Dylan-Buch auf den Grund. Mit dabei sind Buchübersetzerin Conny Lösch, der Dylan-Experte Heinrich Detering sowie Dan Dietrich, Martin Grieben und Four Chords & The Truth.

Mehr Infos uns Tickets gibt es hier: https://www.knabenschule.de/?id=1171

Jerry Lee Lewis (1935 – 2022)

29. Oktober 2022

Jerry Lees Tod hat mich sehr berührt. Für mich war er der wildeste und waghalsigste aller weißen Rock’n’Roller. Kein braves Bübchen wie Elvis, sondern eben „The Killer“. Verrückt, ein bisschen brutal, aber sehr genial.

Jerry Lee Lewis, Copyright:
Wikimedia Commons

Mit Begeisterung habe ich Nick Tosches‘ Jerry Lee-Biographie „Hellfire“ gelesen. Die hat mir deutlich gemacht, wie bedeutend die evangelikalen Südstaaten-Kirchen für die Entwicklung des Rock’n’Roll waren. Die religiöse Extase, die Jerry Lee bei den Pfingstlern (die mit den Schlangen!) erfuhr, hat er in die Musik gelegt, die von sexueller Extase erzählte und sie bei den Fans durchaus auch hervorrief.

Auch den Film über ihn, „Great Balls Of Fire“ schätze ich sehr. Es soll aber hier auch nicht verschwiegen werden, dass die Heirat mit seiner damals 13-jährigen Cousine ersten Grades Myra Gale Brown 1958 natürlich moralisch eine sehr fragwürdige Angelegenheit war. Der Skandal führte zum Abbruch seiner England-Tournee und die US-Öffentlichkeit war entsetzt. Wobei gesagt werden muss, dass heute noch in einigen US-Staaten erlaubt ist, minderjährige zu heiraten. Und Jerry Lee schloss seine erste Ehe auch gerade mal mit 16 Jahren, seine Frau war 17. Bei den Pfingstlern im Süden waren Teenager-Ehen durchaus nicht ungewöhnlich.

Jerry Lees ganz große Karriere war mit diesem Skandal vorbei, doch er machte wieder die Ochsentour durch die kleinen Clubs. Und kam mit seinen Konzerten im Hamburger Star-Club 1964 nochmal groß raus. Das dort mitgeschnittene Album „Live At The Starclub, Hamburg“ gilt bis heute als wichtiges Dokument des ungezügelten Rock’nRoll und als eines der besten Live-Alben überhaupt.

Später wechselte der Südstaaten-Junge ins Countryfach und hatte auch hier einige Erfolge. Klasse auch seine 1981er Reunion mit Johnny Cash und Carl Perkins bei einem Konzert in Böblingen von dem ich vor mehr als zehn Jahren an dieser Stelle berichtet habe. Ich zitiere:

„Was den Zuschauern am 23. April 1981 in Böblingen bei Stuttgart geboten wurde, war nicht weniger als die Freilegung der Wurzeln des Rock. Country, Gospel und Rockabilly wurden von den Jugendfreunden in fast wahnwitzigerweise Weise zelebriert. „I saw the light“, Hank Williams fromme Erleuchtung, und die Carter-Family-Hymne „Will the circle be unbroken“ wurde von Jerry Lee derart umspielt, musikalisch paraphrasiert und gesanglich improvisiert dargeboten, dass es schon richtig „schwarz“ klang. Wobei Jerry Lee ohnehin eine der schwärzesten Stimmen aller weißen Rockmusiker hat. Während also Jerry Lee den ungezügelten, respektlosen Derwisch am Klavier gab, war Johnny Cash der logische, stoische und würdevolle Anführer des Trios und Carl Perkins der solide, treibende Motor des Ganzen.“

Das Album ist als CD nicht mehr erhältlich, dafür kann man es digital erwerben und es sich auf youtube anhören. Es lohnt sich. 1985 nahmen die drei noch Roy Orbison dazu und brachten mit „Class of 55“ ein Tribute für Sun Records und Elvis Presley heraus.

Jerry Lee und Bob Dylan

Und natürlich gibt es auch einen Dylan-Link. Dylan verehrte natürlich Jerry Lee Lewis, aber auch der schätzte Dylan. 1969 trafen sich die beiden, als Dylan „Nashville Skyline“ aufnahm und im Studio nebenan Jerry Lee an einem Album arbeitete. Im Rolling Stone-Interview von 1969 sagte Dylan dazu: „Ich habe To Be Alone With You geschrieben – das ist auf Nashville Skyline – ich habe es für Jerry Lee Lewis geschrieben. [Gelächter] Er war dort unten, als wir uns die Playbacks anhörten, und er kam herein. Er nahm nebenan ein Album auf. Er hat es sich angehört … Ich glaube, wir haben ihm einen Dub geschickt.“

Doch Jerry Lee nahm den Song nicht auf. Es sollten fast zehn Jahre vergehen, ehe er mit „Rita Mae“ einen Dylan-Titel einspielte. Dabei er war von Dylans Songwriting-Künsten absolut überzeugt. So soll er 1979 im Studio zum Song „Rita Mae“ gesagt haben „Von wem ist das? Bob Dylan? Oh, der Typ hat’s drauf, von dem singe ich alles!“ Und tatsächlich ist Jerry Lees Version von „Rita Mae“ großartig.

Ich habe Jerry Lee aber nie live gesehen. Wenn er noch aufgetreten ist, dann konnte man sehen, dass er nicht mehr gut bei Gesundheit war und man baute ein Programm um ihn herum. Da tat er einem schon leid.

Nun ist er von uns gegangen und Bob Dylan zollte ihm am Abend seines Todes bei einem Konzert in Nottingham Tribut. Für alle überraschend beendete Dylan sein Programm nicht direkt nach „Every Grain Of Sand“, sondern er sagte in etwa: „Ich weiß nicht, ob Ihr es wisst, aber Jerry Lee gegangen. Aber wir alle wissen, er wird unsterblich bleiben. Wir möchten diesen Song für ihn spielen.“ Und es erklang der sentimentale Country-Song  „I Can’t Seem To Say Goodbye“. Ein Motto das für Jerry Lee genauso galt wie es für Bob immer noch gilt.

Rest In Peace, Killer!

BOB DYLAN: DIE PHILOSOPHIE DES MODERNEN SONGS

28. Oktober 2022

In Thomas Waldherrs Americana-Reihe dreht sich am 18. November mit Talk & Musik alles um das neue Buch des Singer-Songwriters und Literatur-Nobelpreisträgers/ Conny Lösch und Heinrich Detering zu Gast

Conny Lösch und Heinrich Detering. Copyright: Polly Schroiff/ Wikimedia Commons

Nächste Woche, am 2. November ist es endlich soweit. Literatur-Nobelpreisträger und Songwriterlegende Bob Dylan veröffentlicht sein seit langem mit Spannung erwartetes Buch „Die Philosophie des modernen Songs“ (C.H. Beck-Verlag). Darin sind Essays über mehr als 60 Songs enthalten, die ihn beeindruckt und geprägt haben: eine einzigartige Meisterklasse in der Kunst des Songwritings, die von Little Richard zu Frank Sinatra, von Elvis Presley zu The Clash, von Nina Simone zu Elvis Costello führt.

Wie aus ersten Berichten der US-Presse zu entnehmen ist, bestätigen sich die Erwartungen. „Man darf sich auf ein wortgewaltiges, bildreiches und auch humorvolles Werk freuen, das voller literarischer und popmusikalischer Anspielungen steckt. Dylans reife Prosa, wie er sie erstmals in den Liner Notes zum Album „World Gone Wrong“ benutzt hat, dann in „Chronicles“ zur Meisterschaft führte und auch in seiner „Musicares Speech“ bestätigt hat, ist weiterhin vom Beatrhythmus – und -Duktus bestimmt und kombiniert dies mit philosophischen, literarischen, musikalischen und religiösen Bezügen, die alle zusammen zu manchmal waghalsigen, aber immer spannenden Schlüssen führen“, erklärt Dylan-Kenner Thomas Waldherr.

Martin Grieben, Dan Dietrich, Four Chords & The Truth. Copyright der Collage: Americana

In der Darmstädter Americana-Reihe wird Waldherr dazu am Freitag, 18. November, in der Bessunger Knabenschule durch einen Abend führen, der sich mit Talk und Musik eingehend mit dem Buch, dem Autor und den Songs beschäftigen wird. Als Talkgäste werden die aus Darmstadt stammende und jetzt in Berlin lebende Conny Lösch wird über ihre Arbeit an der Übersetzung des Buches berichten und der bekannte Dylan-Experte Heinrich Detering wird eine Einordnung des Buches in Dylans Werk vornehmen.

Musikalisch begleitet wird das Ganze von lokalen und regionalen Künstlern, die im Buch erwähnte Songs, aber natürlich auch Songs von Bob Dylan spielen werden. Mit dabei sind der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich, der früher in Darmstadt und jetzt in Frankfurt lebende Martin Grieben („Jay“) sowie das Weinheimer Duo Four Chords & The Truth.

Copyright: C.H. Beck

„Wir freuen uns sehr, dieses Programm mit Unterstützung des Verlages C.H. Beck auf die Beine stellen zu können. Wir versprechen uns interessante Einsichten in das Buch, in die Sprache des Autoren und in die Einordnung des Werkes ins Dylan’sche Oeuvre. Das Ganze soll ein rundum unterhaltsamer, musikalisch-literarischer Abend werden“, blickt Thomas Waldherr der Veranstaltung entgegen.

Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr). Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 12 Euro. Karten gibt es unter http://www.knabenschule.de .

Sechzig feinste Wort-Jonglagen

22. Oktober 2022

Wenn das neue Dylan-Buch in Gänze das Niveau der beiden soeben vorab veröffentlichten Essays erreicht, dann bekommen wir es bei „Die Philosophie des modernen Songs“ mit geistreichen und ganz-dylanesken Wortjonglagen voller wichtiger Einsichten zu tun

Back Cover von „The Philosophy Of Modern Song“, Copyright: Simon & Schuster

Also doch. Bereits vor dem Erscheinen des Buches am 2. November gibt es in der New York Times Auszüge aus „Die Philosophie des modernen Songs“ bzw. besser gesagt aus dem amerikanischen Original „The Philosophy Of Modern Song“ zu lesen. Und die Annahmen bestätigen sich. Es ist feinste Prosa des reifen Dylan, wie wir sie seit den Liner Notes zu „World Gone Wrong“ (1993) kennen. Im Beatrhythmus und -duktus, wort- und bildreich, humorvoll und immer wieder mit verblüffenden Schlüssen und Pointen.

Insbesondere in den „Riffs“, den Deutungsversuchen und Einordnungsversuchen, die vor den jeweiligen Essays stehen, ist Dylans wort- und bildreich, scheut kein erzählerisches Risiko, kommt zu halsbrecherischen Schlüssen und verführt uns mit seiner süffigen Prosa dazu, ihm zu glauben. In den Essays dann erzählt er etwas gezügelter, aber immer noch humorvoll, er die Geschichte des Songs und die Geschichten um ihn herum.

Strangers In The Night

Veröffentlicht wurden nun in der New York Times die Riffs und Essays zu „My Generation“ und „Strangers In The Night“. Und es ist eine Freude. Selten hat man so geistreich die Anbahnung eines One Night Stands beschrieben gesehen wie hier: „Zwei wurzellos entfremdete Menschen, zurückgezogen und isoliert, öffneten einander die Tür, sagten Aloha, Howdy, How you doing und Good Evening. Wie konntest du wissen, dass das Knutschen und Schmusen, Eros und Anbeten nur einen Schritt vom Mambo entfernt waren – ein seitenlanger Google-Augen-Blick und ein lüsternes Grinsen – dass du seit diesem Moment der Wahrheit unter Dampf stehst, Hals über Kopf, die Herzenswünsche des anderen“, dichtet Dylan.

Und dabei bekommt man von Dylan die Augen geöffnet. Wenn „Tangled Up In Blue“ Bob Dylans „Big River“ ist, dann ist „Simple Twist of Fate“ sein „Strangers In The Night“. Denn all das, was Dylan in seinem Riff für „Strangers Of The Night“ sagt, ließe sich auch über Dylans Song aus dem „Blood On Tracks“-Album sagen.

Das Essay dagegen mäandert plötzlich zu einer ganz anderen Geschichte. Der eigentliche Schöpfer der weltbekannten Melodie ist der armenische Musiker Avo Uvezian. Er schickt seine Melodie an Bert Kaempfert. Der legte den Song „Broken Guitar“ Frank Sinatra vor. Dem wiederum gefällt es nicht so sehr. Charles Singleton und Eddie Snyder werden hinzugezogen. Sie nehmen das melancholische Lied mit dem Titel „Broken Guitar“ und kehren eine Woche später mit „Strangers in the Night“ zurück. Der Rest ist Geschichte. Doch die Meriten für den Song bekommt bis heute Bert Kaempfert.

Aber die Geschichte endet nicht traurig, denn Avo Uvezian wurde später der Erfinder der Zigarre Avo XO aus feinem dominikanischen Tabak, die von Davidoff vermarktet wurde. Die verlorenen Tantiemen aus seiner Melodie wurden durch die Einnahmen aus der Zigarre mehr als vergolten.

Eine Geschichte, die zeigt wie sehr Bob Dylan mit 81 Jahren nun mit sich im reinen ist. Denn immer wieder hat man ihm vorgeworfen „gestohlen“ zu haben, ohne dass man das Prinzip „Diebstahl aus Liebe“ wirklich begriffen hätte. Und nun erzählt er diese Geschichte um Rechte und verlorenen Einnahmen. Dylan hat es immer noch drauf!

My Generation

Und so scheinen die Songs und die Geschichten hinter den Song durchaus etwas mit Dylan selbst zu tun zu haben. Wenn Dylan im zweiten veröffentlichten Essay sich mit einer der Hymnen der 1960er von The Who auseinandersetzt, dann ist das auch eine erneute Aussage, dass er mit dem Sixties-Ding eigentlich nicht viel zu tun hatte. Obwohl er immer noch von unverbesserlichen als „Protestsänger“ und „Stimme der Hippie-Generation“ bezeichnet wird, ist er der Protagonist dieser Generation, der einfach in seiner Entwicklung nie stillgestanden hat. Als sie noch aufgetreten sind, kamen The Who ohne „My Generation“ von keiner Bühne. Die Stones können keinen Gig ohne „Satisfaction“ spielen und Paul McCartney ist der ewige Beatles-Wiedergänger. Nur Bob Dylan kann es sich leisten, heutzutage im Konzert ohne einen seiner großen Hits „Blowin In The Wind“, „Like A Rolling Stone“, oder „Knockin‘ On Heaven’s Door auszukommen.

Und so wird die Scheidelinie zwischen Kunst, die nur in einem bestimmten Moment funktioniert und Kunst die universell ist und langfristig Bestand hat, bei „My Generation“ deutlich. „Wir alle schimpfen auf die vorherige Generation, wissen aber irgendwie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir selbst sie werden“ schreibt Dylan an einer Stelle und an einer anderen „Jede Generation scheint die Arroganz der Ignoranz zu haben und sich dafür zu entscheiden, das Vergangene über Bord zu werfen, anstatt auf der Vergangenheit aufzubauen.“ Und so wird aus der vitalen, trotzigen, selbstüberzeugten Hymne ein Fall fürs Archiv oder gar fürs Altersheim: „In Wirklichkeit bist du ein 80-jähriger Mann, der in einem Altenheim herumgefahren wird, und die Krankenschwestern gehen dir auf die Nerven…“sie sprechen über Ihre Generation, predigen, halten einen Diskurs.“ Und obwohl jede junge Generation eine ähnliche selbstüberzeugte Haltung einnimmt, wird „My Generation“ keineswegs von einer neuen Generation entdeckt, sondern ist eine Oldie-Nummer geworden, die den Jugendwahn ihrer Generation bloßstellt, da sie heute alles andere als taufrisch daherkommt.

Der 81-jährige Dylan dagegen ist indes weit davon entfernt, sich im Altenheim von Krankenschwestern piesacken zu lassen. Er ist ein „Rolling Stone, der kein Moos ansetzt“. Im Gegensatz zu den Rolling Stones oder eben The Who, die krampfhaft die Haltung und die Gesten ihrer Jugend zu konservieren versuchen. Dylan ist einfach gealtert und seine Musik mit ihm gereift und daher ganz anders wie früher. Seine Musik ist entgegen falscher Annahmen keine Musik nur für eine Generation. Und so entscheidet er sich, für sein aktuelles Programm die Songs auszuwählen, die sich mitentwickelt haben bzw. weiterentwickelt werden können.

Und so zeigen die nun vorveröffentlichten Riffs und Essays, wie Songs generationenübergreifend funktionieren und universell sind und andere zeitgeistig und speziell. Dylan essayistische Reflexionen versprechen ein großer Lese- und Denkgenuss zu werden. Was ich mir bei den Berliner Konzerten schon gedacht habe, ist auf gutem Wege durch das Buch ebenfalls bestätigt zu werden. Gerade wenn man denkt, ein bisschen distanzierter und nüchterner mit dem Dylan-Ding umgehen zu können, packt einem der Kerl wieder aufs Neue!

Cover der deutschen Ausgabe. Copyright: C.H. Beck

Talk und Musik rund um Dylans neues Buch am 18. November in Darmstadt

Langsam aber sicher geht es auf die Veröffentlichung des Buches zu, das hierzulande am 2. November erscheint. Mit einer Veranstaltung in Darmstadt, in der Bessunger Knabenschule, wollen wir am 18. November mit Talk und Musik dem neuen Dylan-Buch auf den Grund gehen. Mit dabei Buchübersetzerin Conny Lösch, der Dylan-Experte Heinrich Detering sowie Dan Dietrich, Martin Grieben und Four Chords & The Truth.

Mehr Infos uns Tickets gibt es hier: https://www.knabenschule.de/?id=1171

Es gibt noch Hoffnung

8. Oktober 2022

Berliner Bob Dylan-Tagebuch III: Bob Dylans drittes, wunderbares Berlin-Konzert (7. Oktober 2022)

Neue Plätze, neue Perspektiven. Nach Parkett Reihe 2 in den ersten beiden Konzerten nun Oberrang. Nun können wir Dylan das ganze Konzert übersehen und die Interaktion der Band und ihre Zusammenarbeit als Gesamtkunstwerk noch besser wahrnehmen. Negativ: Hier oben sitzen wohl die, die Dylan nicht so nahe sind. Noch mehr als dreißig Minuten nach Konzertbeginn irren die Nachzügler umher und suchen ihre Plätze. Nur um wenig später ein ständiges Kommen und Gehen zum Bierstand einzuläuten. Die Unruhe ist ein Ärgernis, das den Kunstgenuss stört. Doch egal. Ohren auf und Augen auf den Meister und man erlebt wieder einen Abend, der so anders ist als seine Vorgänger.

Dylan behält das Körperliche, Vitale, Präsente vom Donnerstag und hält auch das musikalische Niveau. So entsteht ein wunderbares, starkes Konzert, das Dylans performatives Konzept idealtypisch aufzeigt. Es gibt eine klare, nicht veränderbare Abfolge der Songs, die Arrangements sind durchgeplant, in diesem Rahmen sind wenige Soli der Musiker und vor allem die Stimmung des Meisters die variablen. Da wo am Mittwoch fatalistische Düsternis und am Donnerstag die Leiden daran herrschten, schimmerte am Freitag doch noch so etwas wie Hoffnung durch. „Key West“ – absoluter Höhepunkt und Auslöser von Standing Ovations – war der Gradmesser dafür. Da waren mehr idyllischere Töne, die mit den düsteren rangen. Key West, gelegen am grausam durch von Menschen gemachten Katastrophen malträtierten Golf von Mexiko, ist schon lange kein Paradies mehr. Nur noch in der Erinnerung, aber diese Erinnerung darf nicht sterben. Dylan nimmt uns in seinem Song mit auf die Reise zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Horror und Idylle und stemmt sich gegen das Schlechte. Eine großer, Hoffnung stiftender Moment in diesem Konzert.

Und so gehen auch die düsteren Töne diesmal Dylan scheinbar leichter von der Hand, aber er schafft es auch weitere Bedeutungsebenen zu geben. „I’ll Be Your Baby Tonight“ ergeht sich am gestrigen Abend in großartiger Ambivalenz zwischen sakraler Liebe und der Liebe zwischen Menschen. Es beginnt wie ein Gospelgottesdienst – die Liebe an Gott kommt zum Ausdruck- wird plötzlich ein ganz und gar fleischlicher Rhythm & Blues und kommt wieder zum Gospel zurück. Gott schafft Liebe, auch die körperliche, man kann Liebeslieder für Gott und für einen anderen Menschen singen und ein Unterschied besteht eigentlich gar nicht. Denn am Ende hat ja Gott die Liebe geschaffen.

So wie Dylan in diesen Tagen seinen Glauben in Worte und Strophen fasst, lässt mitfühlen und verstehen. Da ist kein missionarischer Eifer. Da will einer, dass man seine Beweggründe versteht, aber nicht, dass man ihm folgt. Und das wollte Dylan ja auch nicht, außer in diesen drei Jahren, als er scharf und unerbittlich predigte, als hätte er die absoluteste aller Wahrheiten gefunden.

Der heutige Dylan relativiert das schon früh, in dem er als dritten Song „I Contain Multitudes“ spielt, indem er endlich zugibt, was wir eh schon alles gewusst haben: Ich bestehe aus Vielheiten, ich bin widersprüchlich. Und so unterhält uns dieser Dylan am letzten Berliner Abend in sehr aufgeräumter Laune und mit manchem witzigen Spruch. Auch wenn er nicht mehr gut zu Fuß ist: Dieser 81-jährige Mann hat Kraft, Energie, Spielfreude und Lust an der Dichtkunst. Am Ende schickt er uns mit einem traumhaften „Every Grain Of Sand“ in die Berliner Nacht. Und wir haben wieder Hoffnung.

Ein genussreicher Abend für Kunstliebhaber

7. Oktober 2022

Berliner Bob Dylan-Tagebuch II: Bob Dylans zweites, phantastisches Berlin-Konzert (6. Oktober 2022)

„Thank You Art Lovers“! Dylans für viele überraschender, weil für seine Verhältnisse schon als Redeschwall durchgehender Ausruf, brachte es auf den Punkt. Bob Dylans gestrige Darbietung in Berlin hatte mit einem beiläufig zu konsumierenden Pop- oder Rock-Konzert nichts zu tun. Es war große Kunst, der man auf beim Entstehen auf offener Bühne zuschauen durfte. Was für ein Fest für alle, die sich darauf einlassen konnten. Und das war die überwältigende Mehrheit, viele begeisterte Standing Ovations zeigten das.

Dylan war im Gegensatz zum ersten Konzert viel wacher, präsenter, körperlicher. Mehrmals trat er vors Piano und zeigte sich, einmal sogar mit Show-Posing. Wo gestern statt Mienenspiel eine Art Maske zu sehen war, folgte nun Dylans Mimik der Musik und dem Text. Und der hatte es wieder in sich. „To Be Alone With You“ zeigte auf wie schnell Verlangen zur dunklen Begierde werden kann. „Gotta Serve Somebody“ brachte „Borderline“, Coast“ und „Zynical“ in einer Strophe zusammen und brachte damit den Umgang mit Flüchtenden auf den Punkt. Nur zwei Beispiele dafür, dass der 81-jährige Dylan noch sehr wach und klar die Dinge beobachtet und in Worte kleidet.

Zwar war auch dieser Abend von einer Art düsteren Dystopie geprägt, aber es war lebendiger und es war anteilnehmender. Da stemmte sich einer trotz allem den Zeitläufen, auch wenn er das schlimme Ende zu ahnen glaubt. Und wo beim ersten Konzert„Key West“ zum fatalistischen Abgesang auf jede Utopie war, wurde es gestern zu einem traurigen Bedauern.

Musikalisch war das Konzert auf hohem Niveau, einzig bei „Masterpiece“ hatte man den Eindruck, die Musikanten hätten das Arrangement in den ersten zwei Dritteln des Songs nicht so richtig im Griff. Aber dann um so mehr. Überhaupt: Es macht großen Spaß, diesen Musikern bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Tony Garnier ist zum freundlichen Stoiker geworden, der Drummer erledigt höchst aufmerksam seine Arbeit, wenn er zwischen Stöcken und Besen und Tambourin wechselt, wenn er die richtigen Rhythmusfolgen antizipiert. Don Herron ist zu einer wichtigen Säule geworden. Sehr oft kommuniziert Dylan direkt mit ihm und wenn die beiden ein tolles Riff gefunden haben, dann leben sie das aus. Einzig der zweite Gitarrist befremdet etwas, wenn er immer hinter Dylans Piano abtaucht, als wolle er hineinkriechen. Er scheint am meisten Schwierigkeiten mit Dylans oftmals unorthodoxen Wendungen zu haben. Aber insgesamt ist diese Band mit ihrem Chef zu einer Einheit verschmolzen, die mehrmalige Rhythmuswechsel in einem Stück spielerisch bewältigen und einen wunderbaren Kammermusikabend bereiteten.

So bot dieses Konzert für alle Kunstliebhaber mehr als genug und es hätte diesen trivialen Moment nicht gebraucht, als Dylan zweimal „Black Rider“ abbrach, um einen Fotografen zu maßregeln mit der Bitte man möge ihn entfernen. Nun sind die Vorgaben klar, nun kennt man Dylan über die Jahre. Da versteht er keinen Spaß. Wenn diese Aktion irgendeinen Sinn gemacht hat, dann vielleicht den, dass Dylan dann für den bösen „Black Rider“-Song auf der richtigen Betriebstemperatur war. Ja, große Kunst entsteht auch oftmals aus dem allzu trivialen.

Und so erlebten wir den Menschen und Künstler Bob Dylan an diesem noch lange unvergessenen Abend in Berlin mit großer Kunst. Und das Beste: Ein weiteres Konzert in der Hauptstadt folgt noch.

Dunkelgraue Dekonstruktionen

6. Oktober 2022

Berliner Bob Dylan-Tagebuch I (Konzert vom 5. Oktober 2022)

Dylans letzte vorherige Konzertreise durch Deutschland fand 2019 statt und wir erlebten einen aufgeräumten, spielfreudigen, bisweilen sogar sehr gut gelaunten Künstler. Drei Jahre später, eine Pandemie, eine Reihe apokalyptischer Naturkatastrophen infolge der Erderwärmung, und ein Krieg mitten in Europa mit Weltenbrand-Potential inklusive, ist wieder einmal – und jetzt erst recht – alles anders.

Dylan ist gebrechlicher, noch wackeliger geworden. Nur dreimal verlässt er beim ersten Berliner Konzert seine sitzende Position hinter dem Klavier, um sich zu zeigen und die Andeutung einer Verbeugung zu vollführen. Es dauert auch eine ganze Weile bis man ihn erstmals über sein sperriges Klavier lunsen sieht. Anfangs im sehr langen Instrumental-Intro von „Watching The River Flow“ fragt man sich sogar, ob er denn auf der Bühne ist, bis man seinen linken Arm erkennt, dessen Ende die Tasten bearbeitet.

Auch die Stimme ist am Anfang noch nicht richtig da, sowohl von ihm, als auch vom Soundingenieur scheint es da noch Anlaufschwierigkeiten zu geben. Doch irgendwann sind die alle überwunden und Dylans Kopf ist zumindest beim Singen sichtbar. Und dieses Singen ist dann einmal mehr und noch entschiedener zwischen deklamieren und predigen angesiedelt. Man versteht jedes Wort und erlebt die Texte voller Spannung mit, hört wie die Songs und Erzählungen sich entwickeln. Der Songwriter, der ein Bildermaler und kein Storyteller ist, hat uns einiges mit auf den Weg zu geben.

Die Stimmung der Songs ist dunkelgrau. Dylan 2022 hat seinen Songs von „Rough And Rowdy Ways“ auch noch den letzten optimistischen Ton ausgetrieben. Wo „Key West“ frische Seeluft und den Geist der Utopie atmete, wirkt es nun desillusioniert. Dylan glaubt seiner Utopie nicht mehr. In der Welt der „Zeitenwende“ absolut verständlich.

Aber Dylans Stimmung dieser Jahre ist ohne hin von Dunkelheit, Schatten und was dort geschieht, geprägt. Auch die alten Songs wie „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „To Be Alone With You“ – im Original von unbekümmerter Vitalität und Lebensfreude, werden von Dylan auf die dunkle, problematische Seite von Liebe und Begehren, und damit in die inhaltliche Nähe zu „Soon After Midnight“ von Tempest gerückt. Selbst „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ erlangt in Berlin eine gewisse Doppelbödigkeit. Alleine „Every Grain Of Sand“ scheint an diesem Abend ein positiver Ausdruck von Dylans Liebe und Glauben.

Musikalisch erleben wir also ein Kammerspiel in Moll, das mit einem Rock- oder Folk-Konzert nicht mehr viel zu tun hat. Denn Dylan dekonstruiert diese Musiken, indem er sie verlangsamt und sie Schritt für Schritt gut hörbar in ihre Einzelteile zerlegt. Er legt die Wurzeln frei: In dunklen, langsamen, schweren Bluestönen bei „Goodbye Jimmy Reed“. Er findet bei „Masterpiece“ ein musikalisches Gewand, das mit einem fernen Echo an Wiener Schrammel-Volksmusik erinnert. Die Baccharole von Offenbach bei „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“, und die Menuett-artigen Klaviertöne, die in ein paar Stücke eingestreut werden, zeigen ebenfalls die Verwandtschaft zur europäischen Unterhaltungsmusik auf. Und „Mother Of Muses“ wird zu einer Art „Parlor-Song“, dessen Klassiker wir „Hard Times“ von Stephen Foster ja zu Folksongs wurden.

Dylan bleibt bei allen dunklen Stimmungen ein Musikhistoriker. Seine derzeitigen Vorlesungen sind nicht leichtfüßig oder hip, sondern schwer und tiefgründig. Aber sie sind faszinierend und spannend. Nächste Lektion in der Verti Music Hall folgt.

Setlist Berlin, Verti Music Hall, 5. Oktober 2022

1.         Watching The River Flow

2.         Most Likely You Go Your Way (and I’ll Go Mine)

3.         I Contain Multitudes

4.         False Prophet

5.         When I Paint My Masterpiece

6.         Black Rider

7.         My Own Version of You

8.         I’ll Be Your Baby Tonight

9.         Crossing The Rubicon

10.       To Be Alone With You

11.       Key West (Philosopher Pirate)

12.       Gotta Serve Somebody

13.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

14.       That Old Black Magic

15.       Mother of Muses

16.       Goodbye Jimmy Reed

—         Band introductions

17.       Every Grain of Sand