„I Contain Multitudes“

Walt Whitman, Stephen King, Bob Dylan und die Vielheiten im amerikanischen Individuum

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Einer der faszinierendsten Filme, die wir in letzter Zeit gesehen haben, ist „The Life Of Chuck“. Ein Film von Mike Flanagan mit Tom Hiddleston in der Titelrolle. Ein Film, der drei Teile hat und der vom Ende her, also chronologisch rückwärts erzählt wird.

„The Life of Chuck“

Im ersten Teil geht gleichzeitig die Welt unter und Charles „Chuck“ Krantz stirbt. Doch kurz vor seinem Tod blinkt überall sein Bild auf.: „Vielen Dank für 39 gute Jahre!“. Als Chuck stirbt, endet die Welt.

Im zweiten Teil sehen wir Chuck, der als Buchhalter arbeitet, aber keine Lust hat, seine freie Zeit am Rande einer Konferenz mit anderen Buchhaltern zu verbringen. Stattdessen läuft er ziellos durch die Straßen bis er auf eine Straßenmusikerin trifft, die ihm mit ihrem Schlagzeugspiel zum Tanzen bringt. Als dann noch eine junge Frau, die sich gerade getrennt hat zu der Szene stößt, kommt es zu einer der fantastischsten Tanzszenen der jüngeren Hollywood-Geschichte.

Im dritten Teil erfahren wir dann von Chucks Kindheit. Seine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben und er wächst bei seinen Großeltern auf. Während seine Großmutter ihn für das Tanzen begeistert, ist der Großvater ein nüchterner, aber öfters betrunkener, Buchhalter. Nachdem seine Großmutter stirbt, besucht er an der Schule den Tanzklub und wird zu einem großartigen Tänzer. Er hat einen Platz in dieser Welt gefunden. In Anlehnung an ein Gedicht von Walt Whitman hatte ihm seine Lehrerin Miss Richards zuvor bereits erklärt, dass er „Vielheiten“ enthalte, sich in seinem Kopf also ein ganzes Universum mit all seinem Wissen und den ihm bekannten Personen befindet. Man kann es schon ahnen: das ganze Universum des ersten Teils befand sich in Chucks Kopf. Es starb mit ihm.

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Whitman und Dylan: „Ich enthalte Vielheiten“

Genau diese oben genannten Vielheiten machen das Individuum aus. Marx sagte, das menschliche Wesen sein kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit sei es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse und meinte damit, dass Ansichten, Wünsche, Träume, Werte und Haltungen des Individuums sich auf gesellschaftliche Beziehungen und Einflüsse begründen. Walt Whitmans berühmter Satz „Ich enthalte Vielheiten“ –  „I contain multitudes“ – stammt aus seinem grundlegenden Werk „Gesang von mir selbst“. Das lange Gedicht erzählt von der eigenen und der äußeren Natur und wie sich die eigene Seele aus dem speist, was um uns herum passiert. Das amerikanische Individuum basiert auf dem überlieferten universellen Glücksanspruch der Verfassung und der tatsächlichen Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft.

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Whitman erzählt von dieser höchst vielfältigen amerikanischen Gesellschaft und entwirft die demokratischen Ideale eines diversen und inklusiven Zusammenlebens in den USA. Er beeinflusste damit auch Woody Guthrie, die Beat-Poeten und Bob Dylan. Der nahm sich 2020 Whitmans „I Contain Multitudes“ als Songtitel und gab in hohem Alter endlich zu, wie widersprüchlich und vielfältig er selbst sei. Ein großartiger Titel und ein großartiger Beitrag zur Betrachtung des Phänomen Dylans von Dylan selbst.

Gleichzeitig ist das ganze Album „Rough And Rowdy Ways“ ein Plädoyer für die Vielfältigkeit und die amerikanische Demokratie: „False Prophet“, „Jimmie Reed“, „Mother of Muses“, „Key West“, „Murder Most Foul“. Und gleichzeitig ihr Schwanengesang angesichts der sich anbahnenden politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen.

Die Storysammlung enthält „Chucks Leben“, Copyright Heyne-Verlag

Stephen King: Lob der Vielfalt und Verantwortungsethos

Kommen wir zurück zum Film „The Life Of Chuck“, der wiederum auf den Kurzroman „Chucks Leben“ von Horror-Papst Stephen King zurückgeht. Der bekanntermaßen den Demokraten nahestehende King zeigt uns wie viel in einem Kurzroman stecken kann. Neben der Coming Of Age-Geschichte von Chuck und dem Lob der Vielfalt – einen typischen King-Horror mit dem verschlossenen Zimmer, das einem den eigenen Tod zeigt, kann sich der Autor sowieso nicht verkneifen – spießt King auch ein anders ebenso typisches amerikanisches Ideal auf. Den Arbeitsethos, das Verantwortungsgefühl und die Verpflichtung seine Familie mit eigener Leistung zu ernähren. So wie Merle Haggard im Workingman‘s Blues.

Chuck wird nämlich keineswegs Tänzer, sondern folgt der Haltung des Großvaters, der dazu rät als Buchhalter zu arbeiten, denn dieser Beruf ernährt seinen Mann und dessen Familie. Doch Chuck scheint darunter nicht zu leiden, oder doch und deswegen dieser „Tanzausbruch“ im zweiten Teil? Wie auch immer. Seine Nächsten sind im dankbar, trotz seiner nur 39 Jahre hatte er ein erfülltes Leben.

Trump als Gefahr für das amerikanische Selbstverständnis

Indem King beide Pole des amerikanischen Selbstverständnisses hier in einer Person verschmilzt, zeigt King sein Verständnis einer vielfältigen Nation, der unter Trumps erster Herrschaft, in der diese Geschichte erschien, schon bedroht war und nun noch viel größeren Gefahren ausgesetzt sieht.

Whitman wie King wie Dylan sind die Stimmen einer demokratischen, multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen US-Demokratie.  Einer US-Demokratie, vereint im Glücksversprechen, der Freiheit, Vielfalt und Gerechtigkeit. Doch derzeit übertönen die martialischen, menschenfeindlichen, profitgierigen Dealmaker diese Stimmen. Die Dealmaker bauen viele Mauern in der Gesellschaft auf. Wann kommen die Posaunen?

2 Antworten to “„I Contain Multitudes“”

  1. Avatar von Max Max Says:

    Lieber Verfasser. Regelmäßig lese ich den Blog.

    Ist immer sehr aufschlussreich und anregend.

    Leider enthält jeder Text zahlreiche Schreibfehler.

    Sie bräuchten dringend ein Editor.

    Wenn ich heute z.B. „Multiethisch“ lese, vermute ich jedoch, daß „Multiethnisch“ gemeint war.

    So kann ein Buchstabe ganze Sätze entstellen bzw. missverständlichen werden lassen.

    Beste Grüße

    Max

    • Avatar von bobby1963 bobby1963 Says:

      Vielen Dank für das positive, aber auch ehrlich-kritische Feedback.
      Sie haben Recht, ich sollte die Texte noch viel gründlicher auf Fehler prüfen, bevor ich sie veröffentliche. Leider steht mir meine Ungeduld, möglichst schnell zu veröffentlichen, hier im Weg.
      Aber es stimmt natürlich, dass ein Buchstabe ganze Sätze missverständlich werden lassen kann. Den konkreten Fehler habe ich korrigiert und nehme Ihre Anregung ernst, arbeite an der Verbesserung und werde mein möglichstes tun, damit keine Missverständnisse aufkommen.
      Viele Grüße
      Thomas Waldherr

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