Archive for März 2021

Ungläubige

26. März 2021

Da die Infidels-Sessions der nächste Teil der Bootleg Series sind: Ein Blick zurück.

Copyright: Columbia Records

Die Dylan-Welt regierte ganz gespannt auf die Nachricht, die nächste Ausgabe der Bootleg-Series würde sich rund um die Infidels-Sessions drehen. Grund genug für mich, mich auf eine kleine Zeitreise zu begeben: Wie wirkte die Platte damals auf mich? Und: Wer war ich damals?

Als Ende Oktober 1983 Bob Dylan sein Album „Infidels veröffentlichte, hatte der Chronist gerade sein Studium an der TH Darmstadt – heute TU Darmstadt – begonnen. Und so begann für den Bob und für mich gleichermaßen ein neuer Lebensabschnitt. Er hatte seine evangelikale Phase hinter sich gelassen, ich das Gymnasium.

In meiner Schulzeit hatte ich Dylan kennengelernt und er hatte mich für sich eingenommen. „Hurricane“, „Hard Rain“ im Fernsehen, „The Last Waltz“ und „Renaldo & Clara“ im Kino und die Deutschland-Tour 1978, die ich nur aus der Ferne wahrnehmen konnte. Ich stand im engen Dylan-Austausch mit meinem Englisch-Lehrer und besuchte mit ihm mein erstes Dylan-Konzert 1981 in Mannheim – doch das ist eine andere Geschichte, die wird später im Jahr erzählt.

Doch dann der Jesus-Schock. Mit dem Glauben hatte ich ja damals nicht mehr viel am Hut, da schwang sich der Bob zum Prediger auf und sang mit Engelszungen jenes höhere Wesen an, das er verehrte. Manche Songs verachtete ich, aus anderen schloss ich, dass jenes höhere Wesen eine Frau sein musste. Das war gut, denn Dylans textliche Ambivalenz rettete mich durch diese Zeit.

Unterdessen war ich politisch im Jugendverband organisiert und hatte eben im Wintersemester 1983/84 mein Politikstudium begonnen. Und dann diese Platte.

Dylan wieder ganz cool mit Sonnenbrille

Mir gefiel sie schon mal vom äußeren her besser als „Shot Of Love“. Kein kitschig-dämliches „BOOOOM-BANG“-Bild auf dem Cover, sondern Dylan, der mit Sonnenbrille an uns ganz cool vorbeischaut. Meine Lieblingssongs auf „Shot Of Love“ waren „Heart Of Mine“, „Watered Down Love“, „In The Summertime“ und „Every Grain Of Sand“, während „Property Of Jesus“ und „Dead Man, Dead Man“ für mich „Verbrechen am Hörer“ waren und „Shot Of Love“ einfach nur chaotisch klang.

Solche Nullnummern fand ich auf „Infidels“ nicht. Auch wenn  „Jokerman“ für den Hörer mindestens so eine Anstrengung war wie gesanglich für den Künstler selbst, war der Song schon einmal ein  gutes Entree. Keine absoluten Wahrheiten und Evidenzen mehr! Da war wieder Raum für Interpretation. Da war kein vernageltes Weltbild mehr, sondern der freie Gedankenfluss, der aus ganz unterschiedlichen Kulturen – von Michelangelo bis karibischem Voodoo – alles zuließ. Heute weiß ich, dass man sowohl Reagan-Kritik als auch ein Selbstporträt Dylans in diesem Song finden kann. Stark!

„Sweetheart Like You“ war dann wieder einer der Songs, deren Melodien und Texte mich zum Mitsingen animierten, obwohl ich schon damals ahnte, dass sein Frauenbild hier etwas altväterlich herkam. „Neighbourhood Bully“ war der kontroverseste Song des Albums. Denn alles Leugnen des Meisters hilft nichts: Hier geht es nicht um Hunde, hier geht es um das Existenzrecht des Staates Israel. Hatte das was mit dem Bild auf der Innenhülle der Platte zu tun? Dylan kniet da auf dem Ölberg in Jerusalem.

„Das schönste zeitgenössische ‚Friedenslied'“

Über „License To Kill“ schrieb der kluge Günter Amendt, es sei das „schönste zeitgenössische ‚Friedenslied'“. Und tatsächlich: Von der individuellen Verzweiflung- „There is a woman on my block“ – bis hin zum menschenverachtenden heuchelnden Umgang der US-Gesellschaft mit ihren Kriegstoten – „And they bury him with stars, sell his body like they do used cars“ alle Ebenen des Kriegswahnsinns sind drin.

Innenhülle der LP „Infidels“, Copyright: Columbia Records

„Man Of Peace“ fängt mit starken Bildern an „Could be the fuhrer, could be the local priest“. Damals konnte ich nicht so viel damit anfangen: Doch vom Prediger in der „Nacht des Jägers“ bis zu Donald Trumps Nordkoreamission gibt es diese amerikanische Konstante: „Sometimes Satan comes as a man of peace…“

Wieder kontrovers und uneindeutig: „Union Sundown“. Selbst Günter Amendt konnte nicht erklären für wen jetzt die Sonne unterging: Für die Gewerkschaften oder die Vereinigten Staaten? Nein dieser Dylan taugte nicht mehr zum Protestsänger, auch wenn seine Analyse der globalen Ausbeutungsverhältnisse und der Produktionsverlagerung in Billiglohnländer hier absolut treffend ist.

„I and I“ ist vielleicht wirklich das Meisterwerk dieses Albums. Ein bisschen Nachdenklichkeit, ein bisschen Selbstmitleid, vor allem aber das Bild eines irgendwie Zerrissenen und Verlorenen. Ein unstimmiger Künstler und Mensch. Der aber vielleicht auch spürt wo das Ganze hinführen könnte. Eine Ahnung Dylans wie schwer die 1980er Jahr für ihn werden sollten?

Kater von der gottesseligen Trunkenheit?

Und was eben noch so nüchtern und lakonisch klingt, hört sich im Schlusssong dann ganz flehentlich an: „Don’t Fall Apart On Me Tonight“. Und man hat das Gefühl Dylan geht es genauso schlecht nach dem Erweckungserlebnis wie davor. Oder er hat einen Kater von der ganzen gottesseligen Trunkenheit. Auf jeden Fall machte der Song das Album rund. Nicht so recht hineingepasst hätte dagegen das Meisterwerk „Blind Willie McTell“. Es stand für Dylan wohl quer, paste nicht in den inneren Zusammenhang des Albums. Glücklicherweise hat es seine verdienten Meriten ein paar Jahre später doch noch bekommen.

Und so war dieses Album, das letzte Dylan-Album für einige Jahre, das mir wirklich etwas sagte. „Empire Buerlesque“: Aufgemotztes Geklingel. „Knocked Out Loaded“: Konzeptloses Sammelsurium. „Down In The Groove“: Gäääähnnn! Erst „Oh Mercy“ und auch – ich sehe die Stirnen runzeln – „Under The Red Sky“ brachten ihn mir wieder näher.

Dass Dylan mir etwas entglitt, ist aber nicht nur seine Schuld. Ich legte den Schwerpunkt auf die Politik. Während Dylan in Offenbach 1984 ein denkwürdiges Konzert gab, war ich in Dortmund bei einer politischen Großveranstaltung. Doch meine Dylan-Affinität blieb. Sehr zum Missfallen von Teilen meiner politischen Freunde, die sich an Dylans Uneindeutigkeit rieben. „Wer hat uns verraten? Der Junge mit der Mundharmonika!“ Was soll’s: Da habe ich das „Real Live-Album“ auf der politischen Ferienfreizeit eben noch lauter gedreht.

Danach kamen nüchterne Jahre

Schlussendlich war das Infidels-Album aber trotzdem auch das Ende einer bestimmten Phase meiner Dylan-Leidenschaft. Nach der heißen Begeisterung kamen nun ein paar nüchternere Jahre. Wie gesagt, in Offenbach war ich nicht dabei, 1985 schlug ich mir beim Live Aid die Nacht um die Ohren, um ein Desaster zu erleben und 1987 in der Festhalle Frankfurt sah ich einen ausgebrannten, müden Künstler. Die 1990er sollten dann die Jahre der Wiederentdeckung und der größer entfachten Begeisterung werden.

Doch seinen Beitrag dazu, dass ich ihn bei allen Unzulänglichkeiten nicht aufgab, leistete auch dieses Album, das mir heute noch was bedeutet. Ich freue mich auf das, was da in der Bootleg Series kommt!

Bob Dylan, License To Kill, Barcelona 1984:

Bob Dylan, I And I, Europa 1984:

Coming Soon…“Bob Dylan & Black America“!

19. März 2021

Ein popkulturelles Essay zu den vielfältigen Verflechtungen von Bob Dylans Werk und Wirken mit der afroamerikanischen Community und ihrer Kultur/ Erscheinung für den April geplant

Geschafft! Ganz schön lange Zeit habe ich an diesem Buch gearbeitet. Für meine Verhältnisse. Ich bin zwar ein Bücherlesemensch, aber selber Bücher schreiben? Ich bin ein Freund der kleinen Form, eher Journalist als Buchautor. Ewig an einem Thema zu arbeiten ist nicht so mein Ding. Das ist mein zweites Buch überhaupt und mein zweites Dylan-Buch nach fast exakt zehn Jahren. Daher ist mir Terry Gans, der Autor des in diesem Jahr sehr wichtig werdenden Buches „Surviving In A Ruthless World“ über die Infidels-Aufnahmen, so sympathisch. „Suviving“ ist sein zweites Buch…nach fünfzig Jahren!

Ein popkulturelles Essay

Mir ist es wichtig, vorhandenes Wissen auf bestimmte Fragestellungen anzuwenden, zu popularisieren oder auch zuzuspitzen. Daher ist mein Buch „Bob Dylan & Black America“ auch kein Werk der Grundlagenforschung, sondern ein Essay. Wikipedia schreibt zu diesem Begriff: Der bzw. das Essay (Plural: Essays)… ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden…Die Kriterien wissenschaftlicher Methodik können dabei vernachlässigt werden; der Schreiber (der Essayist) hat also relativ große Freiheiten.“

Jawohl, diese Freiheit nehme ich mir. Das hatte ich schon beim Vorgängerwerk „I’m in a Cowboy Band“ gemacht und nun wieder. Daher gibt es keinen großen Apparat oder riesige Fußnoten, sondern mir ist wichtig, verschiedene Dinge zusammenzubringen, die so vielleicht noch nicht zusammengebracht worden sind. Fragen aufzuwerfen oder Diskussionen anzuregen sind mir wichtiger als tausendmal auf gesicherte Quellen hinzuweisen, aber keine Schlüsse aus den Funden ziehen zu können.

Pop, Migration und Rassismus

Der Gedanke, Bob Dylans Werk und Wirken einmal unter dem Fokus seiner Beziehung zur afroamerikanischen Kultur zu beleuchten, speiste sich aus drei Quellen. Da war die Beschäftigung mit den afroamerikanischen Beiträgen zur Countrymusik, zu denen ich in den letzten Jahren wiederholt veröffentlicht habe. Dann war da der Einfluss von Florian Pfeil und Tom Schroeder, die mir den Blues und andere afroamerikanische Musikgattungen näher brachten und da war das Thema Pop und Migration, das Klaus Walter in einigen Hörfunkbeiträgen anschaulich darstellte. Dies war alles schon da, bevor die Ermordung George Floyds und die Black Lives Matter-Proteste das Thema „Rassismus in den USA“ so hochaktuell machten.

Und so zeichne ich in diesem Werk, das im Laufe des April im Hamburger Tredition-Verlag erscheinen soll, nach, wie Bob Dylan über Odetta zum Folk fand, dass ihn eine lebenslange Freundschaft mit Mavis Staples verbindet oder wie sehr er Rap und Hip Hop schätzt. Natürlich kommen auch George Jackson, Rubin „Hurricane“ Carter oder Victoria Spivey vor.

Es ist ein gutes Gefühl, das gewuppt zu haben. Ich hoffe, es findet Anklang und Interesse auch über das Dylan-Fachpublikum hinaus. Denn wie auch bei meinen Dylan-Geburtstagsaktivitäten möchte ich nicht nur die ansprechen, die sowieso schon begeistert sind, sondern gerade auch die, die vielleicht bislang nicht so viel von Dylan wussten oder aus welchen Gründen auch immer bislang keinen Zugang zu ihm gefunden haben. Denn mir geht es nicht darum, Dylan als größten Künstler aller Zeiten oder persönlichen Helden zu vergöttern, sondern ihn als jemanden zu betrachten, der weiterhin eine ungebrochene künstlerische und gesellschaftliche Relevanz für die heutige Zeit  hat.

Also unbedingt vormerken, it’s coming soon…

Vor 20 Jahren: Bob Dylan Live 1961 – 2000

12. März 2021

In den 2000er Jahren veröffentlichte Bob Dylan das letzte Mal aktuelle Livemusik seiner Konzerte auf offiziellen Tonträgern. In der Zeit der großen Konzertpausen würden sich über ein Album mit Musik der Never Ending Tour sicher viele freuen

Copyright: SME Records

Im Februar 2001 erschien das Album in Japan, im März dann auch in Europa: „Bob Dylan Live 1961 – 2000“. 39 Jahre Bob Dylan-Livemusik. Von 1961 mit „Wade In The Water“ aus Minneapolis bis „Somebody Touched Me“ aus Portsmouth im Jahr 2000. Wir hören darauf das wunderbare „Shelter From The Storm“ von „Hard Rain“ 1976 ebenso, wie das lahme, ausgeleierte „Slow Train“ von „Dylan & The Dead“ von 1987. Also, eine interessante,  abwechslungsreiche Kompilation erinnern wir uns, und erschrecken gleich darauf. Denn lang ist es her, dass uns Dylan mit Zeugnissen seiner aktuellen Bühnenkunst beglückt hat. Die sogenannte „Never Ending Tour“ (NET), die es ja laut Dylan nie gegeben hat, ist gegensätzlich proportional im Verhältnis der Konzerte zu den offiziell auf Alben oder Singles veröffentlichten Live-Mitschnitten.

„MTV Unplugged“ und ein paar Live-Perlen

Nach den manchmal doch verstörenden Klanggewittern und Kakophonien der frühen NET – wir bleiben mal der Einfachheit halber bei der Begrifflichkeit – schaffte es Dylan bis Mitte der 1990er zu durchweg hörenswerten Konzertleistungen. Seinen eigenen „Unplugged“-Mitschnitt der Supper Club-Konzerte von 1993 veröffentlichte er nie offiziell und auch das 1992er Jubiläumskonzert im Madison Square Garden konnte erst offiziell veröffentlicht werden, nachdem Dylan seinen Gesang nochmals im Studio neu aufgenommen hatte. Dylan traute wohl seinen eigenen Leistungen nicht so recht.

Doch das änderte sich Mitte der 1990er Jahre. Da erschien das einzige Bob Dylan-Livealbum der NET: das zwar hörenswerte, aber für die Never Ending Tour atypische MTV Unplugged-Album  von 1994/1995. Mit dem Erfolg von „MTV Unplugged“ im Rücken veröffentlichte er dann bis ins Jahr 2009 immer wieder einmal ein paar Live-Perlen auf Tonträgern. Ende der 1990er/Anfang der 2000er gab es – angebunden an den Erfolg von „Time Out Of Mind“ und „Things Have Changed“ – ein paar Single bzw. EP-Auskopplungen mit Livematerial der NET. Und 1997 bis 2006 gab es sogar auf der offiziellen Website bobdylan.com einen Bereich mit Live-Songs zum online hören, die gegen Downloads geschützt waren. Dieser Bereich wurde mit einem Relaunch der Seite eingestellt.

Der letzte offiziell auf Tonträger veröffentlichte Live-Track Bob Dylans resultiert aus dem Jahre 2004. Diese Version von „Down Along The Cove“ stammt von Bonnaroo-Festival in Manchester und wurde im April 2009 zusammen mit „Dreamin‘ Of You“ vom Album „The Bootleg Series Vol. 8 – Tell Tale Signs“ als Single veröffentlicht.

Copyright: Columbia Records

Und heute: Nichts, nichts, nichts

Und danach nichts mehr. Nichts von den Livekonzerten mit den Songs von „Together Through Life“ oder „Tempest“. Und auch von der Sinatra-Phase und von den fantastischen 2019er-Konzerten mit stimmlich-gesanglichen Höchstleistungen – nichts, nichts, nichts.

Während die Rolling Thunder Review und die Mittsechziger-Konzerte bestens dokumentiert sind, ist die mehr als zwei Jahrzehnte andauernde NET nur aufs spärlichste veröffentlicht. Warum? Das kann nur einer wissen. Doch wer weiß, der Herbst und die obligatorische Bootleg-Series-Veröffentlichung inklusiver editorischer Hinweise und kenntnisreicher Liner Notes kommen bestimmt.

Möglicherweise ist die Never Ending Tour durch die Pandemie beendet worden. Und falls Dylan dann doch nochmal mit über 80 Jahren Konzerte gibt, dann könnten sie ganz anders sein. Vielleicht eher mehrere Konzerte an einem Ort. In ein paar Metropolen in Amerika, Europa und Asien. All dies, um allzu große und ständige Reisestrapazen zu minimieren. Wer weiß?

Sehnsucht nach dem Souvenir-Album

Und wenn die NET oder um es mit Dylan zu sagen, die „Live-Tätigkeit der letzten 23 Jahre“, dann auch für ihn etwas Abgeschlossenes ist – so wie die Rolling Thunder Review und die Tour 1966 – vielleicht lässt das die Chancen steigen?

Ein Souvenir-Album von 2019 oder 1995 – mit der Crooner-Phase im Frühjahr und dem Gitarren-Hero im Sommer – das wäre einfach…. Na, bis dahin müssen wir uns mit dem Vorhandenen – bei Dylan Fans ist das ja auch gar nicht so wenig, zwinker – abfinden. Also hören wir wieder „Live 1961 – 2000“. „Grand Coulee Dam“ mit The Band“ beim Woody-Tribute 1968. Wow, was für ein starker und energischer Performer er da ist… 

Bob Dylan Dignity (MTV Unplugged):

Die schwierige Geschichte von Joanie und Bobby

5. März 2021

Zu den 80. Geburtstagen von Joan Baez (9. Januar) und Bob Dylan (24. Mai). Wenn große Egos und unterschiedliche künstlerische Konzepte aufeinanderprallen. Seminare zum Thema bei der VHS Frankfurt am Main am 14. März und 2. Mai.

Bob Dylan und Joan Baez 1984, Copyright: http://www.commons.wikimedia.org

Es war wirklich schade um das Traumpaar des Folk. Das was sich da am 31. Mai 1984 im Stadion des FC St. Pauli ereignete, war nicht mehr und nicht weniger als die Wiederholung der Geschichte als Farce. Fast 20 Jahre nachdem Dylan und Baez musikalisch, menschlich und künstlerisch getrennte Wege gingen – was für viele eine Tragödie darstellte – war dieser Auftritt bei dem die eine klammerte, und der andere sich ständig entwinden wollte, nur noch von bizarrer, böser Komik.

Ich will an dieser Stelle die Umstände rund um die gescheiterte Reunion-Idee nicht noch einmal erzählen. Da haben die Zeit- und Augenzeugen Günther Amendt und Fritz Rau schon alles gesagt. Ich möchte im Jahr, in dem beide 80 Jahre alt werden, versuchen zu erklären, was da schief gelaufen ist und warum. Und da geht es mir nicht um Gossip oder übermäßiges psychologisieren. Nein, die künstlerischen Konzepte passten ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach nicht mehr zusammen.

Dylan: Phantasiewelten, die  der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich sehen

Als Dylan nach New York kommt, ergriffen von der Folkmusik von Odetta und Woody Guthrie, wird er durch Suze Rotolo politisiert und lernt Brechts Dramatik kennen. Aus der Woody Guthrie-Jukebox wird binnen ein paar Monate ein talentierter Singer-Songwriter. Seine Text sind poetisch, clever gebaut und schaffen Empathie für ihre Protagonisten. Bob geht es bis heute nicht darum, dass Geschichten wahr sind. Es geht ihm darum, dass man sie glaubt. Dass sie wahr sein könnten. Er versteht den Sänger nicht als musizierenden Erzähler echter und eigener Schicksale, sondern als singender Romancier und Lyriker, der Phantasiewelten so erschafft, dass sie der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich sehen.

Authentizität ist keine künstlerische Kategorie. Daher ist auch sein Wille mit der Musik sich an die Spitze irgendeiner Bewegung zu stellen einfach nicht da. Er will als Künstler unabhängig, subjektiv und subversiv sein. Daher steckt auch in den Songs nach 1965 immer noch Gesellschaftskritik drin. Nur eben poetisch und nicht politisch-aktivistisch. Dass er dies mit immer neuen Masken macht, sich immer wieder neue Identitäten und Musikstile sucht ist, so Klaus Walter, „…die jüdische Kulturtechnik der Identitäts-Maskerade. Und im Zweifelsfall sagt er: nein Baby, ich bin nicht der, für den du mich hältst, ich ist ein anderer. Dylan betreibt Identitätsmaskerade“. (vgl. Judentum und Popmusik, http://www.faustkultur.de).

Baez: Die heilige Johanna der Folkmusik

Joan Baez stammt aus einer Quäkerfamilie. Zu deren Glauben gehört, dass jeder einzelne Mensch einen einzigartigen Wert hat, woraus sich die intensiven Bemühungen der Quäker verstehen lassen, Erniedrigung und Diskriminierung von Individuen und Gruppen zu verhindern (vgl. Wikipedia). So geprägt, entwickelt Joan Baez schon in jungen Jahren einen hohen moralischen Anspruch und ein starkes Engagement gegen das Unrecht in der Welt. Sie spielt wunderbar Gitarre, sie singt traumhaft klar, doch wie sie in „Diamonds and Rust“, ihrer Verarbeitung der Beziehung zu Dylan, zugibt: „My poetry was lousy you said“. Joan Baez ist keine große Songwriterin. Sie ist die Künstlerin der Interpretation. Während Dylan der Shakespeare ist, der seine eigenen Stücke schreibt, inszeniert, aufführt und darin mitspielt, ist Joan die Schauspielerin, die sich im Rollenfach der heiligen Johanna bestens eingerichtet hat, weil sie sich da immer selbst spielt.

Copyright: Ace Records

Doch um kein Mißverständnis entstehen zu lassen. Es ist eine große Lebensleistung von ihr, Songs unvergessen zu machen, indem sie sie in ihrer unnachahmlichen Weise interpretiert. Unzählige Songs hat sie auf diesem Wege veredelt. Besonders beeindruckend zuletzt noch Zoe Mulfords „The President Sang Amazing Grace“.

Joan Baez hat den moralischen Furor, der ihr die Kraft gibt, als singende politische Aktivistin dorthin zu gehen, wo es wehtut. Und sie hat die Autorität und die Glaubhaftigkeit dafür. Sie setzt ganz auf Authentizität. Und wird von ihrem Publikum dafür geliebt. Ihr Verständnis des Folk ist auf Pete Seegers Mitsingübungen gebaut. „Wir kämpfen zusammen und singen zusammen, denn das gibt Kraft zum Kampf“.

Doch Bob ist Poet, kein politischer Aktivist. Er kann das Songmaterial liefern, zu Waffen schmieden müssen sie andere. Wenn das überhaupt sinnvoll oder möglich ist. „With God On Our Side“ ist eine großartige, böse Analyse der amerikanischen Geschichte. Ein aufrüttelnder Protestsong ist er nicht.

So konnte das mit Joanie und Bobby in den bewegten Sixties einfach nicht klappen. Zwar versuchte Joan mit Songs und öffentlichem moralischen Druck Ende der 1960er/Anfang der 1970er Dylan wieder zum politischen Aktivismus zu locken, doch er ließ sie abblitzen.

1975: Wieder zusammen auf der Bühne

Umso interessanter die Wiedervereinigung 1975. Dylan – das Kapitel treusorgender Familienvater trat in den Hintergrund, seine Ehe mit Sara kriselte  – war er wieder bereit zu Neuem und verknüpfte es bei der Rolling Thunder Review mit einer Reunion mit seinen alten Weggefährten. Baez entdeckte erst ihre alte Liebe für Bobby wieder, dann genoss sie es, einmal nicht das Elend der Welt auf ihren Schultern zu tragen. Weder vorher noch nachher hat man Joan Baez so ausgelassen, humorvoll und sogar lasziv gesehen, wie auf dieser Tour. Wie persönlich nahe sie sich dabei gekommen sind, gehört ins Feld der Spekulation, dem ich mich nicht weiter zuwenden will.

Doch auch wenn ihre Wege sich wieder trennten, und Dylan nun plötzlich auf einem anderen, einem christlich-fundamentalistischen Dampfer unterwegs war, fanden sie wieder zusammen. Auch zu dem bis heute im Nachhinein überraschenden gemeinsamen Auftritt beim „Peace Sunday „1982 gibt es zu wenig belastbare Informationen über das warum. Sieht man die Bilder so merkt man, dass die Freude über den gemeinsamen Aufritt eher bei Joan liegt. Er bringt wieder seine für solche Auftritte typische Dosis Desorientierung hinein und am Ende ist es ein holpernder „so la la“-Auftritt.

Man kann diesen Gig von Dylan aber auch als Dokument des sich Lösens aus den Klauen allzu schneller evangelikaler Überzeugung deuten. Bob Dylan lässt sich in keine Schublade stecken, von keiner Kirche oder Sekte einengen. Wenn er zu einer Protestveranstaltung gehen will, dann tut er das. Wenn nicht, dann nicht.

War der 1982er Auftritt noch ganz charmant mit Dylans Tapsigkeit und Baez‘ Stolz auf und Nachsicht für Dylan, so ist das 1984er Debakel das endgültige Ende einer öffentlichen Beziehung. Bumm, aus!

Ihre Beziehung ist Geschichte, der gegenseitige Respekt bleibt

Copyright: A & M Records

Seitdem kein gemeinsamer Auftritt. Auch 2010 als Barack Obama im Weißen Haus die Songs der Bürgerrechtsbewegung spielen lässt, führt das nicht zu einer erneuten Reunion.

Ihre Beziehung, ihre gegenseitige künstlerische Befruchtung ist da aber schon längst Geschichte. So sehr, dass beide wieder in der Lage sind, respektvoll übereinander zu sprechen. So wie in der 2009er Baez-Doku „How Sweet The Sound“.

Zwei wichtige, ganz unterschiedliche Künstler sind 2021 80 Jahre auf dieser Welt. Sie haben ihr Gutes hinterlassen: Musik, Aufbruch, Haltung, aber auch Fragen und Rätsel. Mit zwei verschiedenen künstlerischen Konzepten, trotz derer sie sich doch immer wieder einmal getroffen haben.

Zwei Künstlerfiguren, zwei Idole. Alleine und zusammen. Alles andere ist das Leben, ist die Fiktion und alles dazwischen.

Die Volkshochschule Frankfurt veranstaltet zum Thema zwei Seminare, eins zu Joan Baez (14. März), eins zu Bob Dylan (2. Mai), Referent: Thomas Waldherr.
Info und Anmeldung Joan Baez: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144490
Info und Anmeldung Bob Dylan: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144491

Bob Dylan & Joan Baez in „How Sweet The Sound“

Bob Dylan & Joan Baez, Peace Sunday 1982: