Archive for the ‘Literatur’ Category

Besser geht’s nicht mehr – nur anders!

11. Juli 2019

Promo: Jazz Open Stuttgart

Bob Dylans außergewöhnliches Konzert bei den Jazz Open in Stuttgart.

Ich habe – u.a. auch am letzten Sonntag in Mainz – unter den fast 40 Bob Dylan-Konzerten, die ich über die Jahre gesehen habe – viele gute bis sehr gute Konzerte gesehen. Das aber vom Sonntagabend im Stuttgarter Schlosspark ist wirklich eines der schönsten Dylan-Konzerte gewesen, das ich je gesehen habe. Es war ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert.

Nach einer schieren Ewigkeit mit „Things Have Changed“ als Opener stand mit „Ballad Of A Thin Man“ ein anderer Song am Anfang des Abends. Und das in einer eindringlichen, packenden Fassung, die – ohne dass man es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte – geradewegs in einen fantastischen Auftritt mündete, in dem Dylan seine Songs mit klarer Stimme und ausdrucksstark prononciert, sie geradezu auslebt. Seine Stimme ist an diesem Abend laut und kräftig, seine Stimme ist sanft und fein, aber sie kann auch quietschen und gedehnt sein – ganz wie er es will und für notwendig hält.

Sein Vortrag ist aufrüttelnd bei „Can’t Wait“ und bitterböse bei „Scarlett Town“, die er beide in der Mittte der Bühne singt. Stehend und – in Begleitung des Mikrofonständers – auch tänzelnd. Sein Vortrag ist anrührend und emotional bei „Simple Twist Of Fate“ und „Girl From The North Country“. Da kamen einem wirklich die Tränen, so sehr glaubhaft berührend sind die Erinnerungen des alten Mannes an Liebe und Verlust in jungen Jahren. „Girl From The North Country“ gelingt ihm mit dieser mild-resignativen, leicht zweifelnden und durchaus sentimentalen Haltung – „trügt mich die Erinnerung oder war es wirklich so damals“ – überirdisch schön. Der stärkste Dylan-Moment, den ich je in einem Konzert erlebt bzw. gefühlt habe.

Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.

War „When I Paint My Masterpiece“ in Mainz nur als schräge Walzernummer eher in der Abteilung „Kuriositäten“ beheimatet, gelingt sie ihm in Stuttgart als ironische Selbstentlarvung. Damals mit 30 Jahren hat er mit dem Song nach vorne geblickt und hat auf seine künstlerische Vollendung geschaut. Nun ist er amüsiert über damalige Situation und die irrige Annahme irgendwann sei man vollendet. Solche trivialen Annahmen gehören einfach mit einem gemütlichen Walzertakt unterlegt. Apropos amüsiert. Aufmerksame Konzert-Zuschauer wissen, dass Dylan mit dem Rücken zum Publikum mit seinen Musikern scherzt und lacht, aber sobald er sich uns zuwende,t seine stoische Buster Keaton-Maske aufsetzt. Doch in Stuttgart wurden Schranken eingerissen und dem Publikum öfters mal ein Lächeln geschenkt. Und bei der ebenfalls fantastischen Version von „Love Sick“ lacht er laut.

Und so ist dieses Konzert so dicht und überwältigend, dass es überhaupt keinen Abbruch tut, dass das Publikum diesmal auf „It Takes A Lot To Love, It Tages A Train To Cry“ als zweite Zugabe verzichten muss. Zwingend fand ich diesen Song an dieser Stelle nie. Und so verbeugt sich Bob Dylan auch das ist neu auf diesem Tourabschnitt) womöglich selbst ergriffen von seinem Auftritt, steht noch etwas gagelig da und verschwindet wieder in die Nacht.

Dieses Konzert war so schön, dass man darüber traurig werden kann. Denn irgendwann werden diese ewigen Konzerttouren enden. Aber wir wünschen uns – und die Zeichen, die wir gestern sahen lassen leise Hoffnung aufkommen – dass Bob Dylan uns noch eine Zeit lang zu seinen Konzerten einlädt. Auch wenn diese nach dem gestrigen Abend kaum noch besser werden können. Aber dass sie anders gut sein werden, das reicht doch als Anlass allemal, neuen Auftritten Bob Dylans entgegenzufiebern.

Happy 78th Birthday, Bob!

24. Mai 2019

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Heute wird Bob Dylan 78 Jahre alt. Von mir die besten Glückwünsche an den Künstler, ohne den ich ein anderer wäre. Der mich in der Jugend mit „Hurricane“ für gesellschaftskritische Songs begeistert hat, der mich zum Singen gebracht hat, von dem ich unheimlich viel über Amerika und dessen Musik erfahren habe. Und der mich schließlich seit einigen Jahren immer wieder bei Live-Konzerten begeistert.

Er lässt mich nicht mehr los. Ist wichtiger Gegenstand meiner musikjournalistischen Arbeiten, meiner Seminare und stand immer wieder im Fokus meiner Konzertveranstaltungen. Heute Abend feiern wir ihn in Frankfurt in der Denkbar. Und Ende November zum Jahresausklang von „Americana im Pädagog“ wird er auch wieder im Mittelpunkt eines großen Abends stehen.

Bald wird mit dem Netflix-Scorsese-Film über die Rolling Thunder Review und den gesammelten Konzertmitschnitten dieser Zeit das nächste Kapitel aufgeschlagen. Und dann folgen auch schon wieder die nächsten Europa-Konzerte. Bleibt die große Frage ob wir nochmal die Veröffentlichung eines Albums mit neuen Songs erleben dürfen. Er scheint ja neben den Konzerten dieser Gage mehr Zeit und Aufmerksamkeit aufs Malen, Gartentore schweißen und Whiskey machen zu verwenden.

Wie auch immer, was jetzt noch kommt ist ohnehin nicht mehr als die Zugabe. Wobei Dylan wäre nicht Dylan, wenn auch ein erneuter Geniestreich möglich wäre.

In diesem Sinne bleibst Du auch weiterhin spannend, alter Bob. Gratulation!

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/

Johnny Cash: Forever Words – The Music

20. April 2018

Texte aus dem Nachlass von Johnny Cash wurden in wunderbarer Weise vertont und liefern einen neuen Blick auf die Legende des „Man in Black“

Wohl dem Künstler, der einen talentierten Nachlassverwalter hat. Bei Woody Guthrie sorgt seine Tochter Nora dafür, dass seine Musik und die Texte immer wieder neuen Generationen von Musikern nahegebracht werden. Die Aufnahmen von Wilco und Billy Bragg haben bereits Kultstatus und Del McCourys Vertonungen lieferten den Beweis, dass Woody tief im Innern ein Hillbilly-Musiker gewesen ist. In Hank Williams Familie war wenigstens jemand so schlau, dessen nachgelassene Texte dem großen Hank-Fan Bob Dylan zu überlassen, der sie dann mit vielen anderen Musikern unter dem Titel „Lost Notebooks“ vertonte. Nur nebenbei: Auch das Hank Williams-Museum in Montgomery, Alabama, das nichts anderes als eine runtergekommene Devotionalien-Rumpelkammer ist, würde einen guten Kurator dringend benötigen. Und Dylan selbst ist wiederum schon jetzt sein eigener Nachlassverwalter, er spielte eigene Texte aus der Basement-Tapes-Zeit T-Bone Burnett zu, der sie dann kongenial von einer Künstlerschar rund um Elvis Costello, Marcus Mumford und Rhiannon Giddens mit Musik unterlegen ließ.

Zu diesen gelungenen Projekten fügt sich nun auch „Johnny Cash: Forever Words – The Music“. In diesem Fall ist John Carter Cash der Nachlassverwalter. Als Singer-Songwriter weit im Schatten seiner Schwestern Rosanne und Carlene stehend, hat er mit der Pflege von Vater Johnnys Nachlass seine Berufung gefunden. Hatte man auch hier und da die Befürchtung, Carter Cash würde den Nachlass – Achtung Wortspiel! – zu sehr als reine „Cash-Cow“ betrachten, legt er mit diesem Album nun sein Meisterwerk vor. Unterstützt vom nordirischen Poeten Paul Muldoon und dem New Yorker Produzenten Steve Berkowitz wurden die Texte der 2016er Buchveröffentlichung „Forever Words“ gesichtet und mit sehr unterschiedlichen Musikern der Country- und Americana-Szene eingespielt. Das Spektrum reicht vom Mainstream Country-Star Brad Paisley über Altmeister wie John Mellencamp und T Bone Burnett bis hin zu den Töchtern Rosanne und Carlene. Am überraschendsten ist sicher die Mitwirkung des 2017 verstorbenen Grunge-Rockers Chris Dornell. Ganz am Anfang der Platte stehen natürlich die beiden Freunde und Weggefährten Kris Kristofferson und Willie Nelson, wunderschöne Beiträge haben auch Allison Krauss, Jewel und „I’m With Her“ beigesteuert.

Die Texte und Themen der Songs sagen einiges aus über Johnny Cashs Blick auf das Leben. Er war gläubig ohne missionarisch oder fanatisch zu sein. Er liebte die Menschen und hasste daher sinnlose Gewalt und Krieg. Rosannes Beitrag „The Walking Wounded“ über das Leiden eines Vietnam-Veteranen legt hiervon Zeugnis ab. Aber auch sehr persönlichen Themen hat sich Cash literarisch gestellt. Dornells Beitrag „You Never Knew My Mind entstand unmittelbar nach Cashs Scheidung von Vivian Liberto 1967.

Das Album zeigt noch einmal auf, wie Cash sich verstand. Auf der Seite der Beladenen auf der Seite der Liebe. Und daher ist Johnny Cash bei all seinen Widersprüchen keiner, den die heutige politische Rechte in den USA für sich reklamieren könnte. Und jeder Versuch wird von der Familie Cash auch in großer Einigkeit abgewehrt. Auch Johnny Cash steht für ein Amerika, das es so derzeit nicht mehr gibt. Umso wichtiger ist dieses Album, das eines der besten seiner Art ist. Respekt, John Carter Cash!

Eine offene Wunde, die immer wieder neue Schmerzen schafft

14. Januar 2018

Sklaverei und Rassismus konstituieren Amerikas Gesellschaft bis heute: Drei Bücher zum Thema

Sie sind offene Wunden Amerikas und konstituieren die US-Gesellschaft bis heute: Sklaverei und Rassismus. Drei Bücher, die davon handeln, sollen hier kurz vorgestellt werden. Drei Bücher zu wechselnden Themen, aus wechselnden Genres, die aber dennoch untergründig verbunden sind: In einer Erzählung über die Rassenbeziehungen in den USA, die von der Zeit der Sklaverei bis kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg über die gewalttätigen Rassenunruhen Ende der 1960er Jahre bis in die jüngste Vergangenheit reichen.

Underground Railroad
„Underground Railroad“ war einer der literarischen Überraschungserfolge der letzten Jahre. Die „Underground Railroad“ war im 19. Jahrhundert ein konspiratives Fluchthilfesystem, das versuchte, geflohene Sklaven in die nicht sklavenhaltenden Staates des Nordens gelangen zu lassen. Wobei „Railroad“ nur ein bildlicher Begriff war. Autor Colson Whitehead erzählerischer Coup ist es nun, diesen Begriff ganz wörtlich zu nehmen und so zu tun, als hätte es tatsächlich geheime Tunnel und Eisenbahnanlagen gegeben. Seine Protagonistin, die Sklavin Cora, flieht mit Hilfe der geheimen Eisenbahn über mehrere Stationen nach Norden. Ausgehend von der Grausamkeit auf der Plantage in Georgia geht es ins vermeintlich liberalere South-Carolina, das allerdings nur eine „fürsorglicher Rassismus“ ist und ebenfalls keine Perspektive. Und so schlägt sie sich weiter durch – Station für Station. Überall gibt es hilfreiche Menschen, aber die Mehrheit der Weißen denkt rassistisch und ist grausam. Einmal muss sich Cora auf dem Dachboden eines Abolitionisten verstecken und gleichzeitig tägliche Hinrichtungen von unbotmäßigen Schwarzen und weißen „Negerfreunden“ mitanschauen. Dabei bemerkt sie wie gespalten die Familie eigentlich ist und so wird das sie beherbergende Ehepaar von der Tochter verraten, in Angst und Verzweiflung entzweien sich die Eheleute und werfen sich gegenseitig die Alleinschuld vor, sterben aber letztendlich zusammen in den Flammen. Cora wird von dem sie schon lange verfolgenden Sklavenjäger verschleppt, doch wieder kann sie fliehen, diesmal mit Hilfe von jungen Schwarzen. Sie lebt später in einer Art schwarzen Freistaat. Hier scheint die Befreiung möglich, aber auch dieses emanzipatorische Projekt inmitten der Sklavenhaltergesellschaft wird gewaltsam ausgelöscht. Am Ende ist sie über den Norden auf den Weg nach Kalifornien in eine ungewisse Freiheit.

Whitehead schafft Spannung, Beklemmung und Schrecken durch Atmosphäre. Grausamkeiten schildert er dezent, aber dadurch umso verstörender. Das Buch zeigt frank und frei und ohne falsche Beschönigung die ganze grausame Realität des Rassismus in den USA. In den Sklavenhaltergesellschaften des Südens wurde die Wunde zugefügt, die bis heute schmerzt.

Hard Revolution
Wie scheinbar an der Oberfläche der Rassismus zurückgedrängt wird, aber weiter lebt und in bestimmten Situationen es auch wieder zu ganz offenen brutalen Rassenunruhen kommt, erzählt George Pelecanos Krimi „Hard Revolution“, der in Washington 1968 spielt. Erzählt wird aus der Perspektive der kleinbürgerlich-proletarischen Schichten – weiß wie schwarz- der Bundeshauptstadt. Der junge schwarze Polizist Derek Strange steht für den vermeintlichen gesellschaftlichen Aufstieg der Schwarzen in der Stadt. Seine Mutter ist Putzfrau, sein Vater arbeitet in einem Imbiss. Sein Bruder Dennis gerät mit seinen schwarzen Freunden auf die schiefe Bahn. Der andere Erzählstrang berichtet von einer weißen Gruppe von Kleinkriminellen und Gelegenheitsarbeitern.

Auch dieser Roman ist atmosphärisch dicht. Der alltägliche Rassismus der Weißen wird ebenso wenig ausgespart wie die Konflikte innerhalb der Black Community um den richtigen Weg zur gesellschaftlichen Emanzipation. Dazu erfährt man ganz nebenbei einiges über die Musik der damaligen Zeit. Den Rock’n’Roll, den Soul. Und Schwarz und Weiß lebt in einer Art „Burgfrieden“ zusammen, denn unter der Oberfläche ist nichts geklärt, lebt der Rassismus weiter. Alles gerät aber ins Wanken, als die Ermordung Martin Luthers Kings zu Gewaltexzessen und Plünderungen führt. Und sich die Einsicht einstellt, dass auch nach überstandenen Unruhen nichts, aber auch gar nichts gelöst ist.

Black And Proud
Ein ganz anderes Buch ist James McBrides „Black And Proud. Auf der Suche nach James Brown und der Seele Amerikas“. Eines das auf beste Art und Weise Musikgeschichte mit Gesellschaftsgeschichte verknüpft. Wer sich hier eine stringente, chronologisch erzählte Musikerbiographie vorstellt, wird enttäuscht. McBride, einer der wichtigsten US-Autoren der Gegenwart begibt sich auf die Reise in die Heimat des Superstars James Brown, ins konservative ländliche Amerika der Südstaaten. Hier im Rassismus, der heute mancherorts subtiler aber nicht weniger ausgrenzend gelebt wird, hier im Armenhaus der USA, liegen viele der Ursachen, warum James Brown so geworden ist, wie wir ihn kennen, respektive glauben zu kennen.

Denn kaum einer kannte James Brown wirklich. Er war ein begnadeter Musiker, einer der Millionen Dollar an arme Kinder, gleich welcher Hautfarbe, vermachen wollte. Der Menschen förderte und einen hohen Arbeitsethos hatte. Aber er war janusköpfig: Eigensinnig, verletzend, nicht zimperlich im Umgang mit seinen Bandmitgliedern, er führte ein diktatorisches Regiment. Viele, die mit ihm gearbeitet haben, möchten von diesen Seiten Browns nicht erzählen, aber merkt ihnen deutlich die Verletzungen an, die er ihnen zugefügt hat.

Den sozialen Aufstieg durch Geld hatte Brown total verinnerlicht, ebenso das Misstrauen gegenüber allen, die Einfluss auf seine Geschäfte nehmen könnten. Er wusste um den Rassismus, der ihn noch nach seinem Tod als irres Faktotum durch manche Biographie taumeln ließ. McBride räumt hier gleich mit mehreren Legenden auf, ohne Browns schwierige Art auszublenden.

Umso tragischer, dass Browns Plan, nach seinem Tod sein Erbe in eine Stiftung für benachteiligte Kinder anzulegen, von habgierigen Verwandten und deren ebenso habgierigen Anwälten völlig torpediert wurde. Auch so eine typisch amerikanische Geschichte.

Und doch, so John McBride, hat James Brown auch mehr als 10 Jahre nach seinem Tod noch immer eine starke Rolle als Identifikationsfigur für die Black Community in den USA. „I’m Black And Proud“ erfüllt sie immer noch mit Stolz, gerade in den unsicheren Zeiten der Trump-Administration.

Colson Whitehead, Underground Railroad, 24 Euro
George Pelecanos, Hard Revolution, 24 Euro
James McBride, Black And Proud, 20 Euro

Buddy Holly, Leadbelly, Homer

10. Dezember 2017

In seiner Nobelpreis-Vorlesung folgt Bob Dylan legendären Sängern/ Übersetzung von Heinrich Detering soeben erschienen

Ob seine Songs etwas mit Literatur zu tun haben, fragt sich Bob Dylan angesichts der Verleihung des Literatur-Nobelpreises. Und er greift das in seiner mittlerweile bekannten, aber immer wieder aufs Neue überraschenden Art auf. Schon in seiner in seiner Abwesenheit gehaltenen Tischrede. Eine Vorlesung musste er ja halten, um auch wirklich das Preisgeld zu bekommen. Und diese Nobelpreis-Vorlesung wurde zum letzten Akt einer unendlichen Geschichte von „kommt er?, kommt er nicht?, kommt er doch…?“ Erst ging er nicht ans Telefon, dann äußerte er sich freundlich über die Preisverleihung, ließ aber offen, ob er nach Stockholm kommen wolle, dann kam er nicht und ließ sich von Freundin Patti Smith musikalisch und von der US-Botschafterin in Schweden Azita Raji mit der besagten Tischrede vertreten. Und dann reize er die Frist für seine Nobelpreisvorlesung bis aufs letzte aus und schickte kurz vor Ende eine Audioaufnahme mit Klavieruntermalung.

In dieser Nobelpreisvorlesung, die soeben in einer deutschen Ausgabe – kongenial übersetzt einmal mehr von Heinrich Detering – stellt sich Dylan also nochmals die eingangs erwähnte Frage. Und er bringt tatsächlich zusammen, was von einigen bornierten Geistern immer noch nicht verstanden haben: Songs sind der Literatur gleichwertig. Sie sind gesungene Literatur, die aber eine für den Rezipienten weitere Erfahrungsebene hat. Der Gesang und die Performance erschließen den geschriebenen Songtexten weitere Bedeutungsebenen. Daher sind Songtexte ohne Musik und Gesang auch beschränkt in ihrer Sinnhaftigkeit und Wirkung beim Leser. Aber: Schlechte, banale oder triviale Songtexte werden auch durch besten Gesang und Performance selten besser. Es gibt diese Fälle, aber sie bleiben Ausnahmen.

Ein beträchtlicher Teil von Dylans Texten – es gibt auch bei ihm die Ausnahmen – entfalten durchaus schon auf dem Papier ihre Wirkung. „Desolation Row“ zum Beispiel in seinem bunten Jahrmarktstreiben der surrealen Begegnungen. Andere brauchen die Performance. Die Wirkung von „All Along The Watchtower“, dem Lied über die scheinbare Ausweglosigkeit aus der verwalten Welt des Spätkapitalismus wird noch verstärkt durch die Performance. Sei es die von Dylan oder von Hendrix.

Dylan referiert in seiner Vorlesung gekonnt, wie die Ebene von Literatur und Songs bei ihm verbunden sind. Und er bemüht seine frühen Vorbilder Buddy Holl und Leadbelly. Erwähnt daneben Jean Ritchie die New Lost City Ramblers oder Sonny Terry and Brownie McGhee, interessanterweise aber nicht seinen stärksten Einfluss Woody Guthrie. Jedenfalls erzählt er sehr anschaulich, dass er das gesamte „Alphabet“ des Folksongs – seine Wurzeln, seine Sprache und Bilder und die Entstehungslinien der wichtigsten Songs recht schnell von Grund auf beherrschte.

Aber was er neu einbrachte in die Welt des Folksongs, das benennt er eindeutig und bestätigt damit einmal mehr seine Apologeten. Er fügte dem aus der ruralen Welt stammenden Folksong – wir reden hier ja nicht vom Kunstlied – eindeutig Bilder, Motive und Erzählweisen aus der Welt der Literatur hinzu. Und gibt uns auch gleich seine wichtigsten Quellen mit auf den Weg.

Er erzählt mit großer Lässigkeit über Moby Dick, der Geschichte vom Kampf von Mann gegen Wal, vom sich verlieren des Menschen im Jagdeifer und zu welchen Katastrophen das führt. Er erzählt sehr persönlich von der Wirkung von „Im Westen nichts Neues“ auf ihn. Wer das Buch gelesen hat, kann Kriege nicht gut finden. Und stellt ganz cool den Hillbilly-Sänger Charlie Poole neben Erich Maria Remarque. Und er referiert natürlich über die Odyssee, dem Epos von Homer, diesem so grundlegenden Werk übers nie ankommen und immer wieder geprüft werden. Homer ist natürlich absolut passend zum Thema Literatur Nobelpreis für den Folk-Rock-Sänger Dylan. Zum einen, weil Homers Epen ursprünglich mündlich aus dem Gedächtnis vorgetragen wurden und Homer ja auch gerne als blinder Sänger mit der Lyra (Blind Willie McTell?!) dargestellt wird (soweit die Parallelen zum Gesangsvortrag) – zum anderen weil die Odyssee immer wieder auch in Dylans Songdichtungen eine Rolle spielt. Übersetzer Detering hat ja jüngst erst in großartiger Manier den Zusammenhang von Dylans Song „Roll On John“ über John Lennon mit der Odyssee herausgearbeitet.

Zu guter Letzt kommt dann Dylan in seiner kurzweiligen Betrachtung über Songs und Literatur dann doch dahin, dass Songs und Literatur etwas anderes sind und Songtexte gehört werden müssen. Und kommt am Ende wieder zu Homer zurück: „Singe in mir, Oh Muse, und durch mich erzähl die Geschichte.“

Aber auch diese Nobelpreis-Vorlesung wird nicht die bornierten Großkritiker von der Legitimität der Preisvergabe an Dylan überzeugen. Schließlich begann auch hier wieder der typische Anti-Dylan-Reflex zu greifen. Es mag ja sein, dass Dylan Internetquellen benutzte um die von ihm genannten literarischen Werke zu zitieren oder mit Inhaltsangaben zusammenzufassen. Aber wie er dies wieder zusammengesetzt hat, wie er was zusammenbrachte, und welche Schlüsse er daraus zog, das ist wieder eine ganz klare eigenständige künstlerische Leistung. Dylan gehorcht dem Entstehungsprinzip des Folksongs. Immer und überall. Das muss aber auch kein Literatur-Großkritiker verstehen. Denn: „Something is happening here, but you don’t know what it is, do you Mr. Scheck?“

Dass Dylan im letzten Jahr nicht nach Stockholm zu Preisverleihung und steifem Festbankett gereist ist – die Atmosphäre brachte sogar die alte Fahrensfrau Patti Smith ins Schlingern – vermerkt man zudem aufgrund der schlechten Nachrichten rund um die Akademie der letzten Wochen noch stärker als positive Entscheidung Dylans.

Bob Dylan, Die Nobelpreis-Vorlesung, übersetzt von Heinrich Detering, Hoffmann & Campe, 14 Euro

Die Wiederentdeckung der Hinterwäldler

16. September 2017

Seit ich diesen Blog betreibe habe ich immer mal wieder betont, dass die Küstenstreifen der USA nicht typisch sind für das Land, sondern das weite Land dazwischen. Dass der Mittlere Westen (Heartland) und der Süden sowohl spannend und faszinierend aber auch erschreckend zugleich sein können. Der Süden steht für die Kulturschätze Blues, Jazz, Country, Gospel und Rock’n’Roll, aber auch für Rassismus und Gewalt. Und dort wie auch im ländlichen Raum des Mittleren Westens ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös.

Während über lange Jahre die liberalen Küstenautoren wie Ford, Auster oder DeLillo die Helden des amerikanischen Feuilletons waren, sind erst in den letzten Jahren Schriftsteller wie Daniel Woodrell oder Donald Ray Pollock in den Fokus gerückt, die Geschichten aus dem Leben der Hillbillys erzählen. Im Kriminalroman waren und sind es James Lee Burke, Joe R. Lansdale und James Sallis, die ihre Stories in den Bayous, den verödenden Orten und den weiten Landschaften des sogenannten „Fly Over Country“ ansiedeln.

Wer diese Bücher aufmerksam gelesen hat, der las über Gewalt, religiöse Eiferer, Elend in den Trailerparks und die Perspektivlosigkeit ganzer Landstriche. Diese latent vorhandene unheilvolle Melange hat Trump erst möglich gemacht. Nur – die liberalen Eliten der Küstenstreifen haben zu lange die Augen davor verschlossen, haben sich im Gegenteil sogar ein bisschen erhoben über die Hinterwäldler.

Nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, erscheinen gleich mehrere Bücher, die sich mit den Zuständen dieses Hinterlandes beschäftigen. Auf zwei wollen wir hier kurz Blicken:

Fremd in ihrem Land
Die Soziologin Arlie Russel Hochschild hat den Süden bereist und festgestellt – Achtung: das sind ja ganz nette Menschen! Sorry, scheinbar sind die Bayous von Lousiana weiter entfernt von Berkeley als von Bickenbach. Die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und der Humor der Menschen des Südens sind legendär. Und nicht jeder weiße Südstaatler ist ein Rassist. Einmal mit den Menschen reden und man stellt fest, dass sie schon vieles verstanden haben, aber eben die objektiv falschen Schlüsse daraus ziehen. „Fremd in ihrem Land“ ist gerade wegen der Neugier und der Überraschung der Autorin so lesenswert. „Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht“, heißt es in der Rezension der FAZ. Sie arbeitet dadurch heraus, dass diese einfachen, konservativen Menschen ihre Freiheit über ihre Arbeit definieren. Nur wenn sie Arbeit haben, können sie frei und unabhängig vom Establishment in Washington und der mittelmäßigen Bürokratie ihrer Nachbarschaft leben: Heiraten, Kinder kriegen, jagen, fischen, feiern. Dass sie mit der Arbeit bei den Chemo- und Petro-Konzernen, die die größten Arbeitgeber Louisianas sind, und ihrem Votum für Trump mithelfen, ihr Leben, ihre Landschaft und ihre Kultur zu zerstören, bildet eine Zwickmühle, die unentrinnbar scheint und zu einer Ausweglosigkeit führt, die die Menschen im Süden zunehmend depressiv und Teile davon auch aggressiv macht.

Die alte amerikanische Linke hatte Woody Guthrie, der bei den Menschen lebte und für sie Lieder sang. Heute scheinen viele Linke abgekoppelt von der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen. Da ist das Buch von Arlie Russel Hochschild eine wichtige Erinnerung: Die Linke muss zu den Menschen gehen!

Hillbilly Elegie
J.D. Vance dagegen ist ein Kind des Rust Belt. Der Rust Belt („Rostgürtel“), früher Manufacturing Belt, ist die älteste und größte Industrieregion der USA und erstreckt sich im Nordosten über mehrere Staaten: Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey, auch West Virginia wird wegen des Bergbaus dazugezählt. Vance erzählt in „Hillbilly Elegie“ die Geschichte seiner Familie und seiner Heimatregion. Hier wurde in den Wohlstandsjahren nach dem Krieg die Arbeiterklasse zur Mittelschicht. Als dann der Niedergang der US-Industrie einsetzte, standen die Leute plötzlich massenweise vor dem Nichts. Armut führt zur Perspektivlosigkeit, führt zu Drogen, zu Apathie, zu Gewalt. Plötzlich ist der amerikanische Traum ausgeträumt. Vom stolzen Arbeiter zum Arbeitslosen, der froh ist sich mit Handlanger-Jobs über Wasser zu halten. Doch da die Demokraten seit Clinton des Spiel des Neoliberalismus mitmachen, sind diese Leute allein gelassen, völlig desparat und eben anfällig für Demagogen wie Trump.

Vance hat seinen individuellen Aus- und Aufstieg aus den prekären Verhältnissen seiner Heimat geschafft. Dass er sie uns in Erinnerung ruft ist löblich. Dass er selber an der Elite-Uni Yale studiert und heute in San Francisco als Investor genau zu dem gesellschaftlichen Establishment gehört, das die Strukturen befördert, die eine Problemlösung für diese Menschen verhindern, ist eigentlich die böse Pointe dieses lesenswerten Buchs.

Es bleibt zu hoffen, dass die amerikanischen Demokraten, die gerade von den Erinnerungen der Wahlverliererin Hillary Clinton gequält werden, sich mehrheitlich zu einer Politik á la Bernie Sanders entschließen. Trump absägen ist das eine, die Ursachen seines Aufstiegs und des irrwitzigen gesellschaftlichen Risses, der quer durch Amerika geht, zu bekämpfen ist das andere, noch Schwierigere. Aber das eine braucht das andere, will man am Traum eines demokratischen und vielfältigen Amerika noch festhalten können.

Sam Shepard (1943 – 2017)

2. August 2017

Natürlich habe ich Sam Shepard über die Beschäftigung mit Bob Dylan kennengelernt. Er reiste mit Dylans-Wahnsinns-Tross 1975 durch die Neu-England-Staaten und sollte das Drehbuch für des Meisters verkanntes Filmwerk „Renaldo & Clara“ verfassen. Seine Ideen wurden nicht umgesetzt, stattdessen verfasste er das „Rolling Thunder Logbook“ und setzte damit der Tour ein literarisches Denkmal. Er schrieb mit Dylan einen der wenigen guten Dylan-Songs der 1980er Jahre: „Brownsville Girl“. Und er schrieb über Dylan das Stück „True Dylan“. Was natürlich Ironie ohne Ende war. Denn auch dieses Bühnenwerk kam dem „wahren“ Dylan so nah oder so fern, wie alle sonstigen Biographien über den Meister. Aber keiner verstand es wie Shepard, aus den Facetten der öffentlichen Figur Bob Dylan eine Bühnenfigur zu erfinden, die so viele richtige Fragen über Dylan aufwarf.

Erst danach habe ich seine Kurzgeschichten gelesen, habe ihn als Schauspieler wahrgenommen und seine Bedeutung für Wim Wenders in „Paris, Texas“ erfasst und den wunderbar selbstironischen „Don’t Come Knocking“ gesehen. Vielleicht jetzt erst habe ich seine Bedeutung für das „andere Amerikas“ richtig einzuschätzen gelernt.

In jedem Film, in jeder Rolle, in all seinen Stücken und Geschichten, arbeitete er sich an Amerika ab. An dessen Glücksversprechen, an den Hoffnungen der Menschen, es möge ihnen irgendwann besser gehen und an den unendlich vielen Situationen, in denen die Hoffnungen dieser Menschen enttäuscht werden: Von den Umständen, von den anderen Amerikanern, von Amerika. Denn genau so großzügig wie Amerika mit seinem Glücksversprechen ist, so großzügig ist es auch mit seiner Gewalt, ist es darin, dass es Menschen ins Bodenlose stürzen lassen kann, dass es Menschen um ihre Existenz bringen kann.
Shepard hat dies immer in einer unheimlichen Weite und Lakonie beschrieben. Der Weite der amerikanischen Landschaft, der Lakonie seiner Menschen, die in dieser Weite darum kämpfen müssen, wahrgenommen zu werden. Um am Ende dann oftmals zu scheitern. An den falschen Plänen, an ihren Ängsten, an ihrem Versagen oder an ihren moralischen Maßstäben.

Sam Shepard hat über die alltägliche Zerstörung des amerikanischen Traums geschrieben. Mit ihm ist nun ein weiterer unserer großen amerikanischen Träume gestorben. Rest In Peace, Sam Shepard!

Gegen individuelle und historische Demenz

23. Juli 2017

J. Paul Hendersons „Letzter Bus nach Coffeeville“ zeichnet auch Amerikas Geschichte des 20. Jahrhunderts nach

Immer mal wieder bespreche ich in meinem Blog Bücher, die für mich echtes „Americana“ sind. Schon vor geraumer Zeit – weit vor dem Trump-Desaster – habe ich hierbei darauf hingewiesen, dass mir die Autoren, die in kritischer Sympathie und echter Empathie für die Menschen aus dem Heartland über deren Leben und Probleme schreiben, mir näher sind, als die liberal-elitäre Nabelschau der Großschriftsteller von den Küstenstreifen.

Während meines Urlaubs waren es die Bücher von zwei Schriftstellern, die sich mit dem besagten „inneren Amerika“ beschäftigen, die mich gefesselt haben. Zum einen die Hackberry Holland-Saga des hier bereits ausführlich erwähnten James Lee Burke, zum anderen „Letzter Bus nach Coffeville“.

Letzteres war so ein typischer „kurz vor dem Urlaub-Kauf“. In der Bahnhofsbuchhandlung gesehen, und als wohl recht unterhaltsam eingestuft, entpuppte es sich am Ende als riesengroße positive Überraschung. Denn beim Modethema „Demenz“ kann man sich natürlich auch ganz dem Generationenthema hingeben, kann sich ganz auf ein belletristisches, humorvolles Gegenstück zur überbordenden Ratgeberliteratur beschränken. Doch genau das wollte Henderson nicht.

Zwar war der Antrieb für diesen Roman die Alzheimererkrankung der Mutter des Autoren, doch mit der in der Luft liegenden Mutter-Sohn-Geschichte beschäftigt sich Henderson überhaupt nicht. Was er stattdessen schafft, ist ein zutiefst menschliches Panorama der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts von einem eindeutig fortschrittlichen Standpunkt aus. Die individuelle Demenz einer der Hauptpersonen des Romans ist nur der Anlass, die Geschichten der Protagonisten so zu erzählen, dass das Buch zum Mittel gegen die historische Demenz Amerikas, gegen das Vergessen der Geschichte des fortschrittlichen Amerikas wird.

Mittels einer linearen Geschichte, sowie durch Rückblenden, um die Geschichte der zueinanderfindenden Charaktere zu erzählen, erzählt Henderson vom ungewöhnlichen Personal eines aberwitzigen Road-Trips, der dazu dient, um den letzten Wunsch der an Alzheimer erkrankten Nancy zu erfüllen. Auf beiden Erzählebenen erfahren wir nicht mehr und nicht weniger als wichtige Geschichten und Zusammenhänge aus der Historie des anderen Amerika. Von den Streikbewegungen der Bergarbeiter in Kentucky und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung über die Anti-Vietnam-Kriegsbewegung bis hin zu subkulturellen Entwicklungen der 1970er Jahre.

Auf beste amerikanische, nämlich unterhaltsame Art, übt Henderson immer wieder Kritik an den Mächtigen und deren Organisationen und beschreibt den lebenslangen Kampf des Individuums, um unter den herrschenden Verhältnissen einigermaßen den Kopf über Wasser halten zu können.

Dabei zeichnet er natürlich auch ein Panorama der amerikanischen Populärkultur und ihrer Chiffren und Mythen, die hier u.a. Hersheys Schokolade, Waltons Mountain, Nashville oder Memphis heißen. Nebenbei spielt der typisch amerikanische religiöse Fundamentalismus genauso eine Rolle wie der US-Militarismus oder das modische esoterische New Age-Hipstertum des neuen Bürgertums.

Und so entsteht aus all diesen Ingredienzen ein außerordentlich intelligentes, anrührendes Buch, das allem Unbill zum Trotz, den Leser mit Hoffnung erfüllt. Individuelle und gesellschaftliche.

J. Paul Henderson, Letzter Bus nach Coffeeville, Diogenes-Verlag, 13 Euro.

Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

13. März 2016

Die Köchin von Bob DylanWieder versucht ein Autor sich daran, einen fiktiven Roman mit der Figur Bob Dylan zu verknüpfen. Was bei Liaty Pisanis „Der Spion und der Rockstar“ gerade noch als bizarr durchging, bei Maik Brüggemeyers „Catfish“ als ernsthaft bemüht aber letztlich zu verkrampft zu werten ist, hinterlässt einen bei Markus Berges‘ neuem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ hingegen sehr positiv gestimmt.

Denn Berges führt Dylan als netten, sonderlichen alten Herrn in den Roman ein, ohne ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Der Respekt des Songwriters Berges vor einem Säulenheiligen seiner Zunft und viel echte Empathie für die unermüdlich tourende bald 75-jährige Musiklegende lässt Berges Schilderungen von Dylan und seinem Leben auf der Tour zu kleinen, wunderbaren Miniaturen werden, die einen guten Kontrast zum tragischen Leben von Jasmin Nickenigs Großvater Florentinius Malsam abgeben.

Berges gelingt hier das Kunststück, in einer Sprache, die in ihrer Menschlichkeit und Wärme für die Figuren an den großen Joseph Roth erinnert, das tragische Leben des deutschstämmigen Ukrainers Florentinius zwischen Stalinismus, Nazismus und Krieg so zu erzählen, dass es realistisch und berührend ist, dass es Grausamkeiten nicht ausspart, aber auch sich nicht daran weidet.

Und so ganz nebenbei gelingt ihm auch am Beispiel von Jasmin Nickenig noch eine realistische Schilderung der Generation der „thirty-somethings“ zwischen der früheren Begeisterung für „Irgendwas mit Medien“ und der späteren Ernüchterung, trotz alledem irgendwie bedeutungs- und perspektivlos in der Sackgasse gelandet zu sein.

Berges, der schon als Songschreiber einer der ungewöhnlichsten im Land ist, bestätigt das auch als Romancier. Schade, sagt man sich bei diesem Buch, dass er sich noch nicht an die ganz große Form gewagt hat. Denn die Geschichte von Florentinius Malsam und seiner Zeit schreit gerade nach einer noch ausführlicheren Behandlung. Vielleicht greift Berges ja Figur und Thema noch einmal auf. Und vielleicht braucht er dann auch Bob Dylan nicht mehr dazu.

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rowohlt Berlin, Gebunden, 288 Seiten, 19,95 Euro.