Posts Tagged ‘Stuttgart’

Besser geht’s nicht mehr – nur anders!

11. Juli 2019

Promo: Jazz Open Stuttgart

Bob Dylans außergewöhnliches Konzert bei den Jazz Open in Stuttgart.

Ich habe – u.a. auch am letzten Sonntag in Mainz – unter den fast 40 Bob Dylan-Konzerten, die ich über die Jahre gesehen habe – viele gute bis sehr gute Konzerte gesehen. Das aber vom Sonntagabend im Stuttgarter Schlosspark ist wirklich eines der schönsten Dylan-Konzerte gewesen, das ich je gesehen habe. Es war ein ganz außergewöhnliches Dylan-Konzert.

Nach einer schieren Ewigkeit mit „Things Have Changed“ als Opener stand mit „Ballad Of A Thin Man“ ein anderer Song am Anfang des Abends. Und das in einer eindringlichen, packenden Fassung, die – ohne dass man es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte – geradewegs in einen fantastischen Auftritt mündete, in dem Dylan seine Songs mit klarer Stimme und ausdrucksstark prononciert, sie geradezu auslebt. Seine Stimme ist an diesem Abend laut und kräftig, seine Stimme ist sanft und fein, aber sie kann auch quietschen und gedehnt sein – ganz wie er es will und für notwendig hält.

Sein Vortrag ist aufrüttelnd bei „Can’t Wait“ und bitterböse bei „Scarlett Town“, die er beide in der Mittte der Bühne singt. Stehend und – in Begleitung des Mikrofonständers – auch tänzelnd. Sein Vortrag ist anrührend und emotional bei „Simple Twist Of Fate“ und „Girl From The North Country“. Da kamen einem wirklich die Tränen, so sehr glaubhaft berührend sind die Erinnerungen des alten Mannes an Liebe und Verlust in jungen Jahren. „Girl From The North Country“ gelingt ihm mit dieser mild-resignativen, leicht zweifelnden und durchaus sentimentalen Haltung – „trügt mich die Erinnerung oder war es wirklich so damals“ – überirdisch schön. Der stärkste Dylan-Moment, den ich je in einem Konzert erlebt bzw. gefühlt habe.

Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.

War „When I Paint My Masterpiece“ in Mainz nur als schräge Walzernummer eher in der Abteilung „Kuriositäten“ beheimatet, gelingt sie ihm in Stuttgart als ironische Selbstentlarvung. Damals mit 30 Jahren hat er mit dem Song nach vorne geblickt und hat auf seine künstlerische Vollendung geschaut. Nun ist er amüsiert über damalige Situation und die irrige Annahme irgendwann sei man vollendet. Solche trivialen Annahmen gehören einfach mit einem gemütlichen Walzertakt unterlegt. Apropos amüsiert. Aufmerksame Konzert-Zuschauer wissen, dass Dylan mit dem Rücken zum Publikum mit seinen Musikern scherzt und lacht, aber sobald er sich uns zuwende,t seine stoische Buster Keaton-Maske aufsetzt. Doch in Stuttgart wurden Schranken eingerissen und dem Publikum öfters mal ein Lächeln geschenkt. Und bei der ebenfalls fantastischen Version von „Love Sick“ lacht er laut.

Und so ist dieses Konzert so dicht und überwältigend, dass es überhaupt keinen Abbruch tut, dass das Publikum diesmal auf „It Takes A Lot To Love, It Tages A Train To Cry“ als zweite Zugabe verzichten muss. Zwingend fand ich diesen Song an dieser Stelle nie. Und so verbeugt sich Bob Dylan auch das ist neu auf diesem Tourabschnitt) womöglich selbst ergriffen von seinem Auftritt, steht noch etwas gagelig da und verschwindet wieder in die Nacht.

Dieses Konzert war so schön, dass man darüber traurig werden kann. Denn irgendwann werden diese ewigen Konzerttouren enden. Aber wir wünschen uns – und die Zeichen, die wir gestern sahen lassen leise Hoffnung aufkommen – dass Bob Dylan uns noch eine Zeit lang zu seinen Konzerten einlädt. Auch wenn diese nach dem gestrigen Abend kaum noch besser werden können. Aber dass sie anders gut sein werden, das reicht doch als Anlass allemal, neuen Auftritten Bob Dylans entgegenzufiebern.

Mellencamp begeistert in Stuttgart mit umfassender Werkschau

10. Juli 2011

Retrospektive streift alle Schaffensphasen

Der Konzertabend beginnt unerfreulich. Pfiffe und Unmutsbekundungen erntet Mellencamps Dokumentation über das Entstehen seiner aktuellen Platte, „It’s About You“. Da wollen wohl einige nur Rockmusik hören, ohne sich über den Künstler und seine Beweggrunde Gedanken machen zu müssen. Unverständlich, Respektlos, Unangemessen, fällt mir dazu ein.

Nach einer Stunde wird die Leinwand recht umständlich abgebaut und gegen 21.20 Uhr betritt Mr. John Mellencamp die Bühne. Das Konzert beginnt mit voller Rockbesetzung, dann spielt der Heartland-Rocker einige Stücke akustisch und solo, dann kommt der Mittelteil mit Folkbesetzung – Geige, Akkordeon, Banjo, Akustikgitarre, Stehbass, dann wieder Mellencamp solo, um zum Schluss noch mal richtig rockig loszubrettern.

Mellencamp hat stets das Pech gehabt im Schatten des „Übervaters“ Dylan und des „Boss“ Springsteen im Segment „Amerikanische Rockikone“ nur die dritte Geige zu spielen. Ein Liebling der Kritiker war er nie, eine treue Fangemeinde hat er aber stets um sich geschart.

So haben auch viele schlichtweg ignoriert, welch großer Geschichtenerzähler der in Bloomington, Indiana, geborene ist. Dies beweist er im Konzert sowohl mit Songs wie „Jack and Diane“ oder „John Cockers“, aber auch mit Geschichten, die er zwischen den Stücken einflechtet.

Zwei Stunden lang gibt Mellencamp an diesem Abend den „American Musician“. Gegen den Arbeiter-Habitus von Springsteen, wirkt er neuerdings eher wie der Politiker, Prediger oder Intellektuelle. Dazu passt ja, dass der überzeugte Demokrat immer wieder für politische Ämter seines Heimatstaates im Gespräch ist.

In Stuttgart paart sich dies mit vollendetem Entertainment. Er mischt beeindruckend stilsicher, und im Ergebnis erstaunlich homogen seine alten Radio-Rockklassiker mit seinen neueren Roots-Rock und Americana-Songs. Seine Scheibe „No Better Than This“, die er mit dieser Tour bewirbt, ist denn voll starker Songs wie „Save Some Time To Dream“ oder „No One Cares About Me“, die ebenso zu den Höhepunkten des Konzerts zählen, wie seine alten Songs.

Am Ende gegen 23.20 Uhr hat sich der Kreis geschlossen und keine Zugabe mehr möglich. Mellencamp hat sich beeindruckend in Deutschland zurückgemeldet, das Publikum ist begeistert. Die Kritik aber wird wie eh und je reagieren.

Setlist:
1. Authority Song
2. No One Cares About Me
3. Death Letter
4. John Cockers
5. Walk Tall
6. The West End
7. Check It Out
8. Save Some Time to Dream
9. Cherry Bomb
10. Don’t Need This Body
11. Easter Eve
12. Jack and Diane
13. Jackie Brown
14. Longest Days
15. Small Town
16. Rain on the Scarecrow
17. Paper In Fire
18. Crumblin‘ Down
19. If I Die Sudden
20. Pink Houses
21. R.O.C.K. in the U.S.A.

On The Road Again

22. Juni 2010

Willie Nelson begeistert in Stuttgart

Punkt 19.30 Uhr öffnet sich ein Tor zur Freilicht-Arena, rechts oberhalb der Bühne. Ein schmächtiger Mann mit Cowboyhut nimmt die vielen Treppenstufen, die nach unten führen, sorgfältig, aber bestimmt. Neben ihm wird eine Frau die Stufen hinuntergeführt. Es sind Willie Nelson und seine Schwester Bobbie, die mit einer Handvoll Musikern verstärkt, als Willie Nelson & Family wieder auf Tour sind, an diesem Abend gastieren sie in der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg.

Noch einmal Willie Nelson sehen, dachten wir uns, als wir davon erfuhren dass der 77-jährige Ausnahmekünstler nun endlich wieder einmal in Deutschland unterwegs ist. Also hieß es am 19. Juni: Auf in die Schwabenmetropole! Während den ganzen Tag über in Stuttgart Sprühregen angesagt war und wir auf der Fahrt immer wieder durch Regengebiete kamen, war es bei der Ankunft am Höhenpark Killesberg trocken und so blieb es auch den ganzen Abend lang.

Die Freilichtbühne Killesberg ist eine kleine schmucke Freiluftarena, vergleichbar mit der Bühne im Hamburger Stadtpark, Kapazität 3.000 bis 4.000 Zuschauer, von jedem Platz aus gute Sicht und relativ nah dran. Die Atmosphäre an diesem Abend: Gelassen, aber mit Vorfreude. Und: Heute darf man Hutträger sein. Wir haben tolle Plätze in der ersten Reihe des zweiten Blocks, unverstellbare Sicht und los geht’s mit oben beschriebener Szene.

Willie ergreift seine abgeschabte Gitarre namens „Trigger“ und nimmt uns mit auf einen 90minütigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Countrymusic, in der er als Protagonist des „Outlaw-Conutry“ bekanntermaßen eine wichtige Rolle einnimmt. Doch heutzutage nimmt er sich zurück, geht völlig in den Songs auf und tritt hinter sie. Seine eigenen Klassiker, wie „On The Road Again, „Whiskey River“, It’s Funny How Time Slips Away“, lässt er neuere folgen wie „Whiskey For My Men And Beer For My Horses”. Doch dann blättert er das große Liederbuch auf. Singt Songs von Waylon Jennings, gibt mehre Stücke von Hank Williams („Hey Good Lookin’“, „Jambalaya“) zum besten und geht sogar bis zu den Genrewurzeln zurück, in dem er die Traditionals „Will The Circle Be Unbroken“ und „I’ll Fly Away anstimmt.

Immer wieder fordert er uns zum Mitsingen auf, was wir auch gerne tun. Da aber Willies Gitarrenspiel und die Songarrangements immer wieder mal ins jazzige gehen – er spielt mehr Jazz- als Westerngitarre – ist das aufgrund der mitunter verschnörkelten Melodieführung nicht ganz einfach. Zum Hören ist diese Musik aber immer ein Erlebnis. Willies Gitarre, Bobbies mit Boogie-Woogie-Figuren durchtränktes Klavierspiel und Mickey Raphaels feine Mundharmonikasoli prägen unverwechselbar den Sound, während der Bassist solide begleitet und die beiden Percussionisten doch etwas abfallen.

Die Stimmung ist prächtig und als Willie dann „I Saw The Light“ zum Abschied intoniert, springt alles auf und es weht ein Hauch von Südstaaten-Gospel-Gottesdienst durch die pietistische Landeshauptstadt und der Country-Veteran wird sicher für so manchen im Publikum in diesem Augenblick zu Prediger und Messias in einem. 21.05 Uhr geht Willie ab und hinterlässt eine beglückte Gemeinde!