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Johnny Cash: Forever Words – The Music

20. April 2018

Texte aus dem Nachlass von Johnny Cash wurden in wunderbarer Weise vertont und liefern einen neuen Blick auf die Legende des „Man in Black“

Wohl dem Künstler, der einen talentierten Nachlassverwalter hat. Bei Woody Guthrie sorgt seine Tochter Nora dafür, dass seine Musik und die Texte immer wieder neuen Generationen von Musikern nahegebracht werden. Die Aufnahmen von Wilco und Billy Bragg haben bereits Kultstatus und Del McCourys Vertonungen lieferten den Beweis, dass Woody tief im Innern ein Hillbilly-Musiker gewesen ist. In Hank Williams Familie war wenigstens jemand so schlau, dessen nachgelassene Texte dem großen Hank-Fan Bob Dylan zu überlassen, der sie dann mit vielen anderen Musikern unter dem Titel „Lost Notebooks“ vertonte. Nur nebenbei: Auch das Hank Williams-Museum in Montgomery, Alabama, das nichts anderes als eine runtergekommene Devotionalien-Rumpelkammer ist, würde einen guten Kurator dringend benötigen. Und Dylan selbst ist wiederum schon jetzt sein eigener Nachlassverwalter, er spielte eigene Texte aus der Basement-Tapes-Zeit T-Bone Burnett zu, der sie dann kongenial von einer Künstlerschar rund um Elvis Costello, Marcus Mumford und Rhiannon Giddens mit Musik unterlegen ließ.

Zu diesen gelungenen Projekten fügt sich nun auch „Johnny Cash: Forever Words – The Music“. In diesem Fall ist John Carter Cash der Nachlassverwalter. Als Singer-Songwriter weit im Schatten seiner Schwestern Rosanne und Carlene stehend, hat er mit der Pflege von Vater Johnnys Nachlass seine Berufung gefunden. Hatte man auch hier und da die Befürchtung, Carter Cash würde den Nachlass – Achtung Wortspiel! – zu sehr als reine „Cash-Cow“ betrachten, legt er mit diesem Album nun sein Meisterwerk vor. Unterstützt vom nordirischen Poeten Paul Muldoon und dem New Yorker Produzenten Steve Berkowitz wurden die Texte der 2016er Buchveröffentlichung „Forever Words“ gesichtet und mit sehr unterschiedlichen Musikern der Country- und Americana-Szene eingespielt. Das Spektrum reicht vom Mainstream Country-Star Brad Paisley über Altmeister wie John Mellencamp und T Bone Burnett bis hin zu den Töchtern Rosanne und Carlene. Am überraschendsten ist sicher die Mitwirkung des 2017 verstorbenen Grunge-Rockers Chris Dornell. Ganz am Anfang der Platte stehen natürlich die beiden Freunde und Weggefährten Kris Kristofferson und Willie Nelson, wunderschöne Beiträge haben auch Allison Krauss, Jewel und „I’m With Her“ beigesteuert.

Die Texte und Themen der Songs sagen einiges aus über Johnny Cashs Blick auf das Leben. Er war gläubig ohne missionarisch oder fanatisch zu sein. Er liebte die Menschen und hasste daher sinnlose Gewalt und Krieg. Rosannes Beitrag „The Walking Wounded“ über das Leiden eines Vietnam-Veteranen legt hiervon Zeugnis ab. Aber auch sehr persönlichen Themen hat sich Cash literarisch gestellt. Dornells Beitrag „You Never Knew My Mind entstand unmittelbar nach Cashs Scheidung von Vivian Liberto 1967.

Das Album zeigt noch einmal auf, wie Cash sich verstand. Auf der Seite der Beladenen auf der Seite der Liebe. Und daher ist Johnny Cash bei all seinen Widersprüchen keiner, den die heutige politische Rechte in den USA für sich reklamieren könnte. Und jeder Versuch wird von der Familie Cash auch in großer Einigkeit abgewehrt. Auch Johnny Cash steht für ein Amerika, das es so derzeit nicht mehr gibt. Umso wichtiger ist dieses Album, das eines der besten seiner Art ist. Respekt, John Carter Cash!

Merle Haggard

17. April 2016

Merle_Box_Cover

Über Mel Haggard sind in den vergangenen Tagen seit seinem Tod sehr viele gute Beiträge zu lesen gewesen, allem voran auf country.de, dem deutschsprachigen
Country-Onlinemagazin. Dem hatte und habe ich nicht viel hinzuzufügen und dennoch dachte ich mir, dass auf einer Seite, die sich nun schon seit fast sieben Jahren mit Bob Dylan und Americana beschäftigt, sich eine Würdigung von Merle Haggard einfach gehört. Also hier ein paar persönliche Gedanken.

Jeder weiß, und das steht ja auch über diesem Blog, dass ich über Bob Dylan musikalisch sozialisiert wurde. D.h. auch, dass ich viele Künstler erst durch ihn kennen- bzw. schätzen gelernt habe. Merle Haggard ist so ein typischer Fall. Ich habe ihn erst spät entdeckt. Für mich war er viele Jahre nicht mehr als ein bekannter Countrysänger, von dem ich eine Best of-Kompilation im Plattenregal hatte. Und was ich von ihm kannte – „Okie from Muskogee“ – war ja auch eher schlecht beleumundet.

Doch dann kam ja Anfang des Jahrtausends für mich die Entdeckung der Old Time Music und dann hatte Dylan 2005 den alten Merle für sein Vorprogramm verpflichtet und den Song Workingmans Blues #2 – also ein direkter Merle-Bezug – auf seinem 2006er Album „Modern Times“ veröffentlicht. Und ich dachte mir, was soll das jetzt? Also begann ich zu forschen und zu recherchieren. Ich entdeckte den original „Workingmans Blues“. Ich entdeckte Merles Vorliebe für Jimmie Rodgers und holte mir seine Tributalben zu dem „Singin‘ Brakeman“ und zu den Bristol Sessions. Ich sah eine interessante Doku über ihn und las in einem Interview, wie kritisch er die Politik der Republikaner in den USA sah. Ich staunte über seine Songlyrik und über sein Ansehen bei Musikern wie Joan Baez, Kinky Friedman oder Kris Kristofferson. Ich hatte viel Spaß mit seinen neueren Alben und seiner Zusammenarbeit mit Willie Nelson – Cool Old Cats! Und der Video zu „We’re All Going To Pot, wie ironisch da Merle und Willie am Joint zogen. „We don’t smoke Marihuana in Muskogee“- hahaha!

Dann kam Angang 2015 Dylans atemberaubende Music Cares-Rede und ihre verstörende Haggard-Passage, die Dylan umgehend noch einmal klar stellte. Nein, er hat nichts gegen den Merle von heute. Er ist mit ihm getourt und hätte ihn gerne als Fiddler für sein Jimmie Rodgers-Projekt gewonnen. Aber in den 60er Jahren, da hätte ihn Haggard mit den Hippies, die er damals nicht leiden konnte, in einen Topf geworden. Und dann sagt Dylan dann etwas sehr entscheidendes: „Merle Haggard zählt heute eher zur Gegenkultur“.

Und doch war dieser Merle Haggard, so sehr ich ihn bewundere, stets eine ambivalente Erscheinung. Als wir ihn letztes Jahr in den Staaten in North Carolina noch bei einem Konzert sehen durften, da war das musikalisch großartig, Atmosphäre und Publikum jedoch recht speziell. Alle waren weiß, alle trugen Basecaps und Karohemd, nur wenige Cowboyhut. „America Is Great“ sowie „If you don’t love it, leave it“ waren auf Merles Devotionalien so dick aufgetragen, dass es schwer verdaulich war. Aber wohl eindeutig zielgruppengerecht. Sie haben ihn geliebt, aber sie haben seine Songs sicher nie so ironisch verstanden, wie er den „Okie from Muskogee“ zuletzt gerne verkauft hat. Es waren die weißen amerikanischen Arbeiter und Farmer, die Merle Haggards Konzert in North Carolina besucht haben. Diejenigen, die in ihrer prekären sozialen Situation Zuflucht im rückwärtsgewandten Patriotismus suchen. Und es ist sicherlich nicht zu gewagt anzunehmen, dass viele von denen jetzt auch Donald Trump-Fans sind.

Merle Haggard ist somit einer dieser Künstler, die immer weit toleranter und geistig freier sind als ihr Publikum, und die einfach nicht rauskommen aus ihrer Schublade, so sehr sie sich auch bemühen und somit auch stets gezwungen sind oder sich gezwungen fühlen, ihre alten Fans und deren Lebens- und Gedankenwelt zu bedienen. Und dennoch jeden Respekt verdienen, weil sie künstlerisch großartiges geschaffen haben. Und das hat Merle Haggard. Wie kaum ein anderer in Countrymusik.

Kinky Friedman sang im letzten Jahr auf Tour stets Haggards „Hungry Eyes“ und kündigte den Song mit den Worten „der ist von dem großen amerikanischen Songwriter Merle Haggard“ an. Merle hinterlässt eine große Lücke. Gut, dass ich ihn noch erleben durfte.

Happy Birthday, Willie!

30. April 2013

Willie_coverUnglaublich: Unser Lieblings-Outlaw ist heute 80 Jahre alt geworden! Willie Nelson – Texaner und linksliberaler Freigeist, Sänger wunderschöner Lieder, stilsicherer Instrumentalist auf seiner Gitarre „Trigger“ und einer der wichtigsten Protagonisten der Countrymusik überhaupt.

Anfangs noch braver Sänger im Nashville-Sound, ging er später zurück in seine Heimat Texas und wurde zu einem der Anführer rebellischen Outlaw-Country-Bewegung, bildete mit seinen Freunden Johnny Cash, Waylon Jennings und Kris Kristofferson die legendären „Highwaymen“, nahm die Anregung seines Freundes Bob Dylan auf und rief die Farm Aid-Festivals ins Leben, und bringt heute ein entspanntes Alterswerk nach dem anderen heraus. Eine Legende, eine Ikone, ein Stück Musikgeschichte.

Hut ab vor dem großen Willie Nelson. Happy Birthday, Willie! Auf die nächsten 80 Jahre!

Als musikalische Verneigung hier Mr. Bob Dylan mit Willies Song „Angel Flying Too Close to The Ground“:

On The Road Again

22. Juni 2010

Willie Nelson begeistert in Stuttgart

Punkt 19.30 Uhr öffnet sich ein Tor zur Freilicht-Arena, rechts oberhalb der Bühne. Ein schmächtiger Mann mit Cowboyhut nimmt die vielen Treppenstufen, die nach unten führen, sorgfältig, aber bestimmt. Neben ihm wird eine Frau die Stufen hinuntergeführt. Es sind Willie Nelson und seine Schwester Bobbie, die mit einer Handvoll Musikern verstärkt, als Willie Nelson & Family wieder auf Tour sind, an diesem Abend gastieren sie in der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg.

Noch einmal Willie Nelson sehen, dachten wir uns, als wir davon erfuhren dass der 77-jährige Ausnahmekünstler nun endlich wieder einmal in Deutschland unterwegs ist. Also hieß es am 19. Juni: Auf in die Schwabenmetropole! Während den ganzen Tag über in Stuttgart Sprühregen angesagt war und wir auf der Fahrt immer wieder durch Regengebiete kamen, war es bei der Ankunft am Höhenpark Killesberg trocken und so blieb es auch den ganzen Abend lang.

Die Freilichtbühne Killesberg ist eine kleine schmucke Freiluftarena, vergleichbar mit der Bühne im Hamburger Stadtpark, Kapazität 3.000 bis 4.000 Zuschauer, von jedem Platz aus gute Sicht und relativ nah dran. Die Atmosphäre an diesem Abend: Gelassen, aber mit Vorfreude. Und: Heute darf man Hutträger sein. Wir haben tolle Plätze in der ersten Reihe des zweiten Blocks, unverstellbare Sicht und los geht’s mit oben beschriebener Szene.

Willie ergreift seine abgeschabte Gitarre namens „Trigger“ und nimmt uns mit auf einen 90minütigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Countrymusic, in der er als Protagonist des „Outlaw-Conutry“ bekanntermaßen eine wichtige Rolle einnimmt. Doch heutzutage nimmt er sich zurück, geht völlig in den Songs auf und tritt hinter sie. Seine eigenen Klassiker, wie „On The Road Again, „Whiskey River“, It’s Funny How Time Slips Away“, lässt er neuere folgen wie „Whiskey For My Men And Beer For My Horses”. Doch dann blättert er das große Liederbuch auf. Singt Songs von Waylon Jennings, gibt mehre Stücke von Hank Williams („Hey Good Lookin’“, „Jambalaya“) zum besten und geht sogar bis zu den Genrewurzeln zurück, in dem er die Traditionals „Will The Circle Be Unbroken“ und „I’ll Fly Away anstimmt.

Immer wieder fordert er uns zum Mitsingen auf, was wir auch gerne tun. Da aber Willies Gitarrenspiel und die Songarrangements immer wieder mal ins jazzige gehen – er spielt mehr Jazz- als Westerngitarre – ist das aufgrund der mitunter verschnörkelten Melodieführung nicht ganz einfach. Zum Hören ist diese Musik aber immer ein Erlebnis. Willies Gitarre, Bobbies mit Boogie-Woogie-Figuren durchtränktes Klavierspiel und Mickey Raphaels feine Mundharmonikasoli prägen unverwechselbar den Sound, während der Bassist solide begleitet und die beiden Percussionisten doch etwas abfallen.

Die Stimmung ist prächtig und als Willie dann „I Saw The Light“ zum Abschied intoniert, springt alles auf und es weht ein Hauch von Südstaaten-Gospel-Gottesdienst durch die pietistische Landeshauptstadt und der Country-Veteran wird sicher für so manchen im Publikum in diesem Augenblick zu Prediger und Messias in einem. 21.05 Uhr geht Willie ab und hinterlässt eine beglückte Gemeinde!

Bobby & Willie

5. Mai 2010

Aus der großen Reunion auf der Bühne wird es nix. Zu unterschiedlich sind die Tourpläne. Während Willie Nelson drei Konzerte hierzulande spielt, zeigt His Bobness Deutschland diesmal die kalte Schulter. Wie zuletzt 2008. Und davor 1997 und davor 1992. Dylans Besuche in schöner Regelmäßigkeit waren in den letzten Jahren fast so sicher wie das Amen in der Kirche. Während Willie nur sporadisch den Weg über den großen Teich fand und findet.

Doch das diesjährige Dylan-Jahr lässt einem im Moment etwas am Meister zweifeln. Nach den vor Kreativität fast überbordenden Jahren 2004 bis 2009, scheint er sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben. Ein paar Wochen Tour in Fernost, dann zwei Monate Pause, dann ein paar Wochen Tour in Europa und dann? Keine Platte, kein Gastauftritt, nicht mal irgendwas für die bunten Seiten. Erste Alterserscheinungen oder hebt er sich das große Besteck für kommendes Jahr auf? Der 70. Geburtstag naht. Doch vor dem kommt erstmal der 69. Geburtstag und den feiern wir natürlich mit den DoubleDylans in der Frankfurter „Filiale“. The Same Procedure as last year…

Gegen Willie mit seinen 77 Jahren ist Bobby ein Jungspund. Faszinierend wie klar Stimme, Geist und Wesen des texanischen Outlaws immer noch sind. Zeugnis legt hierfür unter anderem sein neues Werk „Country Music“ ab, kongenial produziert von Wunderkind T-Bone Burnett. Willies Country Music ist so wie ich sie am liebsten mag. Traditionell in der Instrumentierung und im Gefühl, modern und innovativ in der Spielweise und in der Produktion, subversiv zu den Zeitläufen. Willie am 19. Juni in Stuttgart live auf der Bühne diese Lieder spielen zu sehen, ist ein Traum.

Ebenso wie Bobby in Linz. Denn kommt er nicht zu uns, dann fahren wir ihm halt nach. Linz ist soweit nicht entfernt, eine erholsame Zugfahrt, ein schönes Wochenende in der Kulturhaupstadt 2009 und unsere Dylan-Geschichte ist für dieses Jahr wieder ins Lot gebracht.

Aber Bobby und Willie auf einer Bühne sehen, das wäre was… Man muss ja schließlich noch Ziele haben!