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Ein amerikanisches Gesamtkunstwerk

24. Mai 2020

© Sony Music

Der legendäre Songpoet und Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan wird heute 79 Jahre alt und veröffentlicht im Juni das erste Album mit Originalsongs seit acht Jahren.

Mitten in der Corona-Krise veröffentlicht die unergründliche Sphinx des Pop plötzlich den ersten neuen Originalsong seit 2012. Bob Dylan schenkt der Welt „Murder Most Foul“ und ein paar Grüße, ganz der Situation angemessen:“ Greetings to my fans and followers with gratitude for all your support and loyalty across the years. This is an unreleased song we recorded a while back that you might find interesting. Stay safe, stay observant and may God be with you. Bob Dylan“.

Wortmeldungen während der Corona-Krise
Das epische Werk von gut siebzehn Minuten hat die Ermordung John F. Kennedys zum Thema, lässt uns spüren, welch Verlust für Amerika und die Welt das war, und wird im weiteren Verlauf zu einer Reminiszenz an die popkulturellen Mythen des amerikanischen Jahrhunderts, dessen Sohn Bob Dylan als amerikanischer Singer-Songwriter mit globaler Wirkung war und ist. Ohne Zweifel: Ein Great American Song!

Gut drei Wochen später erneut eine Veröffentlichung: „I Contain Multitudes“. Der amerikanische Künstler beruft sich auf den literarischen Urahn Walt Whitman, der in seinem „Song Of Myself 51″ schreibt: Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.).“ Dylan bekräftigt hier, er bestehe aus Vielfalt und aus Widersprüchen. Eben ganz wie sein Land.
Noch einmal drei Wochen später erscheint erst eine weitere Single, „False Prophet“ und dann wird sogar ein ganzes Album für den 19. Juni angekündigt: Rough And Rowdy Ways“.

Und schon nehmen die Spekulationen ihren Lauf. Sowohl das Cover der Single – ein Skelett mit Spritze in der Hand vor dem Schatten eines gehängten Mannes, in dem viele Donald Trump sehen wollen, als auch Verse wie „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain.“ lassen viele auf einen Kommentar zur aktuellen Situation in den USA und der Welt schließen, angesichts einer Corona-Pandemie und einem US-Präsidenten, der nur noch ein Deal-Maker ist, der Spaltung, Streit und Ausgrenzung forciert.

Doch Dylan wäre nicht Dylan, wenn es so eindeutig wäre. Dylan ist ein Meister, des Tricksens, des Haken-Schlagens und des falsche-Fährten-Legens. Denn vom Text her ist „False Prophet“ beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Diebstahl aus Liebe
Dylan zieht Bilanz auf der Grundlage dessen, was heute passiert: Über Amerika, die Welt und sein eigenes Leben. Er tut dies musikalisch auf der Grundlage von „If Lovin‘ Is Believing“, einem alten Rythm & Blues-Songs von Billy „The Kid“ Emerson“ aus dem Jahre 1954, von dem er sich scheinbar musikalisch ein bisschen was ausgeborgt hat. Da ist es wieder- eines der Grundmotive seines Alterswerks – „Love & Theft“ hieß sein Album von 2001, „Diebstahl aus Liebe“ das künstlerische Prinzip dahinter. Der bedeutende Dylan-Kenner Heinrich Detering hat dieses Prinzip des „Diebstahls aus Liebe“ ja für die Texte des Spätwerks in „Die Stimmen aus der Unterwelt: Bob Dylans Mysterienspiele“ (2016) in einzigartiger Weise herausgearbeitet.

Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass der Albumtitel „Rough And Rowdy Years“ einem alten Jimmie Rodgers-Song entlehnt ist. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die drei bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Plattencover wiederum zeigt eine Tanzszene, die an einen schwarzen Juke-Joint erinnert, und in Realiter 1964 in einem schwarzen Tanzlokal im Ost-Londoner Stadtviertel Whitechapel aufgenommen wurde. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, sie in seiner Person aufzuheben.

Vielstimmige Projektionsfläche
Dylan lässt in seinem Alterswerk viele Stimmen für sich sprechen. Denn Dylan – „die menschlichste aller Stimmen und der unstimmigste aller Menschen“ (Günter Amendt) – ist Medium und Resonanzboden für viele Stimmen, ist eine Projektionsfläche für viele Haltungen und Hoffnungen. Wie kaum ein anderer der modernen Singer-Songwriter-Zunft versteht er es, die Erzählperspektiven mitten im Song zu wechseln. Er nimmt in den Texten wie im künstlerischen Leben verschieden Rollen ein. Trägt verschiedene Masken. Spielt mit Musikgenres, ändert seine Singstimme wie es ihm gefällt. Dylan das Chamäleon.

Er geht schon seine ganze Karriere lang den universellen Fragen nach. Auf der Suche nach Antworten, auf der Suche nach Sinn. Wird Protestsänger, Folk-Rocker, Acid-Rocker, Country-Landlord, Big Band-Leader, wiedergeborener Christ und Gospelsänger, alternder, zielloser Rockstar, Southern Gentleman, Swing-Crooner, Fragender der letzten Fragen. Er komponiert sein Werk und die Kunstfigur Bob Dylan aus Homer, Ovid, Shakespeare, Bibel und aus ganz viel amerikanischer Populärkultur. In seiner legendären Radio Show hat er daraus den Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerika geknüpft. Wohl wissend, dass die Wirklichkeit draußen eine andere war.

Dieses idealtypische Amerika, dieser Sehnsuchtsort, konnte aber nur aufrechterhalten werden, solange die Widersprüche Amerika nicht versucht wurden, destruktiv aufzulösen. Solange es zumindest an der Oberfläche ein Amerika gab. Seit Trump ist diese Selbsttäuschung endgültig beendet.

Überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche
Bob Dylan weiß um die Dämonen seines Landes. Er weiß um den Rassismus: „Dieses Land ist einfach zu abgefuckt, was die Hautfarbe angeht… Leute gehen sich gegenseitig an die Kehle, nur weil sie verschiedene Hautfarben haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und wirft jede Nation – oder Nachbarschaft – zurück“ (Rolling Stone, 2012). – Genauso wie er um Gewalt und Spaltung weiß. Er hatte Hoffnung für seine Nation mit John F.Kennedy, Martin Luther King und Robert Kennedy und er hat sie alle sterben sehen. Als jüdischer Junge hat er von seinem Vater die Geschichte des Lynchmords an drei jungen Schwarzen 1920 in Duluth Minnesota erzählt bekommen. Als junger, wissbegieriger Mann hat er sich eingehend mit Ursachen, Verlauf und Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs beschäftigt. Er sang über die Morde an Emmeth Till, Hattie Caroll und Medgar Evers, er sang über den schwarzen Aktivisten George Jackson und über das Opfer der Rassenjustiz Rubin „Hurricane“ Carter.

Ob „The Ballad Of Hollis Brown“, sein Engagement für die amerikanischen Farmer, das zu Farm Aid führte oder „Workingman’s Blues #2“- Bob Dylan hat zudem einen feinen Seismograph für soziale Ungerechtigkeit. Er ist in der Iron Range unter hart arbeitenden Menschen groß geworden und in den 1940ern in die Jahre des New Deal hineingeboren worden.

Trotz seines Glaubens, den er auch nach der Abkehr von der Rolle des wiedergeborenen Christen nicht ablegte, folgte er nie der in den USA vieler Orts verbreiteten religiösen Überzeugung, dass die geschäftlich Erfolgreichen besonders hoch in der Gunst Gottes stehen und dass Armut der Ausdruck moralischen Versagens sei. Im Gegenteil: Mit „Gotta Serve Somebody“ las er den Besitzenden die Leviten und mit „Tempest“ beförderte er die oberen Zehntausend gleich mal mit der sinkenden Titanic auf den Meeresgrund.

Dylan ist wie viele andere Amerikaner ein gläubiger Mensch. Aber er ist im „Land der 1000 Kirchen“ schon lange an keine mehr gebunden. Er ist bis heute ein kritischer, unabhängiger Freigeist geblieben.

Falsche Propheten
Bob Dylan besitzt Empathie für die Menschen und ist ein überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche. 2018 hat er sogar einen Song für ein Album mit Hochzeitsliedern für gleichgeschlechtliche Ehen eingespielt. Seine Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan ist gleichgeschlechtlich verheiratet.

Bob Dylan hat also entgegen aller Annahmen einen genauen Blick auf die Verhältnisse. Kein Wunder daher, wenn er – natürlich in der ihm eigenen Art – universell und nicht konkret- die Lage der Welt und der Nation negativ beschreibt. Bob Dylan distanziert sich in „False Prophet“ von den falschen Propheten, vom Verrat, vom Streit, vom Leben ohne Sinn: „I’m the enemy of treason – the enemy of strife, I’m the enemy of the unlived meaningless life, I ain’t no false prophet – I just know what I know, I go where only the lonely can go.“ Konkreteres darf man von ihm nicht erwarten.

Aber das reicht schon, denn der Referenzrahmen ist klar: Es sind die falschen Propheten und zwielichtigen Prediger, die stets für Amerika gefährlich waren und die Entsprechungen in der amerikanischen Populärkultur fanden: „Hier spricht John Doe“, „Das Gesicht in der Menge“, „Die Nacht des Jägers“ oder „Weißer Terror“ hießen die Filme dazu, Dylan ließ sie in Songs wie „Man Of Peace“, „Man In The Long Black Coat“ oder TV Talkin‘ Song“ auftreten. Und: „Even the president of the United States sometimes must have to stand naked“. Der Bezug zum Automanen und Dauerwahlkämpfer im Weißen Haus stellt sich da schnell von ganz alleine her.

Vertonung des Auseinanderbrechens
Doch allen falschen Propheten zum Trotz: Bob Dylan aber weiß um seine eigene Bedeutung und seine Zeitlosigkeit und bekräftigt seinen frühen Schwur „It Ain’t Me Babe“ indem er uns nun in „False Prophet“ zuruft: „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain…I ain’t no false prophet – I’m nobody’s bride, Can’t remember when I was born and I forgot when I died.“

Bob Dylan, der heute 79 Jahre alt wird, ist das letzte amerikanische Gesamtkunstwerk. Doch sein Amerika gibt es nicht mehr, er kann ihm beim auseinander brechen zusehen. Und vertont dieses Auseinanderbrechen auf seine ganz eigene Weise.

Freedom Singer

22. Mai 2020

1962/63: Bob Dylan und die Bürgerrechtsbewegung

Als Bob Dylan Anfang 1961 nach New York kam, da lernte er bald Suze Rotolo kennen. Sie war jünger als er, aber politischer, sie stammte aus einer Familie italienischer Kommunisten und war aktiv in der Bürgerrechtsorganisation „Congress of Racial Equality (CORE)“. Und sie war interessiert an Literatur und Theater. Dies und die linke Boheme des Greenwich – ähnliches hatte er bereits in Dinkytown in St. Paul, Minnesota, kennengelernt – festigten Dylans kritische Weltsicht. In Greenwich-Village gab es keine Rassendiskrimierung und die Folkies verehrten die schwarzen Bluesleute. Sein erster offizieller Auftritt war denn auch im Vorprogramm des legendären John Lee Hooker.

Dylan wird zum politischen Songwriter

Joan Baez und Bob Dylan beim „March On Washington 1963, Foto: Wikimedia Commons/National Archive/Newsmakers


Dylan spielte anfangs nur alte Folkstücke, sein erster eigener Song war der über sein Folk-Idol Woody Guthrie. Als er dann mit Suze im Januar 1962 in ein gemeinsames Apartment zog, wirkte sich dies direkt auf seinen künstlerischen Output aus. Denn jetzt zeigte sicher einige seiner wichtigsten Eigenschaften: Dylan ist unermüdlich darin, sich Wissen und Können anzueignen. Er saugt die Dinge wie ein Schwamm auf. Und er ist in der Lage sie so weiterzuverwenden, dass er ihnen seinen eigenen Stempel aufdrückt. Als sein Debütalbum „Bob Dylan“ mit Folkstandards im März 1962 erscheint und floppt, ist er eigentlich schon viel weiter. Dylan ist im Village bereits als aufstrebender Songwriter bekannt und ein begehrter Live-Künstler. Er nimmt in verschiedenen Sessions „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ von April 1962 bis April 1963 auf. Als das Album am 27. Mai 1963 erscheint, ist sein „Blowin In The Wind“ schon bekannt von seinen Live-Auftritten, wird aber zum Hit durch die Version von Peter, Paul und Mary. Doch „The Freewheelin“ bringt den Durchbruch für ihn, das Album kommt einer künstlerischen Explosion gleich. Das Album enthält 13 Songs, davon ein gutes halbes Dutzend absolute bis heute gültige Klassiker seines Oeuvres.

Songs gegen Rassismus und Antikommunismus
Dylan entwickelt in den Jahren 1962-64 im Songwriting eine beispiellose Schnelligkeit, Kunstfertigkeit und Präzision. Und er schreibt einige der wichtigsten amerikanischen Songs gegen Rassismus: „The Death Of Emmett Till, „Oxford Town“, „Only A Pawn In Their Game“ und „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“.

In „Oxford Town“ schildert er die Ereignisse rund um die Durchsetzung des Rechts von James Meredith, erster schwarzer Student an der Universität von Mississippi zu sein. Es kam zu schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen und US-Marshalls mussten Meredith schützen. „Only A A Pawn In Their Game“ greift die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers am 13. Juni 1963 auf.

Im März 1963 lernt er bei gemeinsamen Fernsehaufnahmen bei Westinghouse TV Mavis Staples kennen. Er kennt die Musik der Staple Singers da schon eine ganze Zeit lang und ist begeistert von Mavis‘ rauer Stimme. Im Juni nehmen die Staple Singers „Blowin In The Wind“ auf. Eine Premiere, denen viele Dylan-Cover der Staples folgen.

In dieser Zeit freundet sich Bob auch mit den „Freedom Singers“ von der Bürgerrechtsorganisation Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) an, schreibt Robert Shelton in seiner Dylan-Biographie. Das SNCC – gesprochen „SNICK“ – waren mit „CORE“ zusammen die Veranstalter der „Freedom Rides“. Die jungen singenden Aktivisten hatten für Dylan eine besondere Relevanz, da sie über sich selbst und über ihr Leben singen würden. Mit einer von ihnen, Bernice Johnson, hatte er ein paar Jahre intensiven Kontakt.

Bob hatte in diesen Tagen durch klare politische Ansagen für reichlich Wirbel gesorgt. Er schrieb den Song „Talking John Birch Society Blues“, ein Spottlied über die gleichnamige antikommunistische Gruppe und sollte am Vorabend des geplanten Album-Release (12. Mai 1963) im CBS-Fernsehsender in der Ed Sullivan-Show auftreten. Sein Vorhaben, den John Birch-Song dort zu spielen, stieß bei den CBS-Fernsehleuten auf Widerstand. Sie fürchteten ins Kreuzfeuer der rechten, einflussreichen Extremisten zu geraten. Doch Dylan lehnte es ab, einen anderen Song zu spielen und trat nicht in der Sendung auf. Dies führte zwar zu einem positiven Echo im fortschrittlichen Teil Amerikas, brachte aber die Plattenbosse bei Columbia Records dazu, die geplante Veröffentlichung von „The Freewheelin'“ zu verschieben. Da Dylan nach seinem Debüt-Flop keine starke Ausgangsposition für eine Auseinandersetzung hatte, musste er die Kröte schlucken, nutzte es aber auch gleichzeitig dafür, selbst noch verschiedene Wechsel auf der Tracklist vorzunehmen. So wurden Songs, die nicht mehr ganz seinem aktuellen Profil entsprachen, u.a. durch „Masters of War“ und „Girl from the North Country“ ersetzt. Eine sehr gute Entscheidung, die großen Einfluss auf die Qualität und den Erfolg des Albums hatte.

Copyright: Sony Music

Greenwood, Mississippi
In diesen Tagen war Pete Seeger einer seiner großen Mentoren. Seeger war der politische Folksänger in der Nachfolge Woody Guthries und mit Theodore Bikel zusammen Begründer des Newport Folkfestivals, dass nach zweijähriger Pause Ende Juli seine Fortsetzung erfahren sollte. Einen Auftritt Dylans beim Festival hatten die beiden Folk-Impresarios schon im Blick, als sie den nun bundesweit bekannten Dylan zu einer „Vote Registration Rally“ in Mississippi einluden. Mit einem Nachtflug vom 1. auf den 2. Juli 1963 machte sich der jüdische Nordstaatler zusammen mit Pete Seeger auf den Weg in den tiefen, von Rassenkämpfen zerrissenen Süden der USA. Und folgte damit auf seine Weise dem Beispiel der jungen Leute vom SNCC, die sich als „Freedom Rider“ für die Sache der Schwarzen ebenfalls auf den Weg vom Norden in den Süden machten. Und zu einem beträchtlichen Teil ebenfalls Juden waren. Denn bis in die 1960er Jahre engagierten sich viele jüdische Amerikaner für und mit den Schwarzen in der Bürgerrechtsbewegung. Es war auch ihr Kampf, denn Rassisten sind immer auch Antisemiten. Erst mit dem Aufkommen der schwarzen „Nation Of Islam“ und den Black Panthers ab Ende der 1960er kam es wegen deren Anti-Zionismus zu Rissen im gesellschaftlichen Bündnis von Jewish und Black Community.

Dylan und Seeger kamen am 2. Juli 1963 in Greenwood, Mississippi an, und Bob traf dort neben Theodore Bikel, auch Bernice Johnson wieder. Ein paar Tage arbeiteten sie in Workshops zusammen: Die New Yorker Folkies, die College-Studenten aus den Nordstaaten und die armen schwarzen Farmer.
Am 6. Juli spielte Dylan dann auf Silas Magee’s Farm vor einem rund 300-köpfigem Publikum aus schwarzen und weißen Aktivisten, schwarzen Einheimischen, Journalisten und Fernsehleuten. Er trug einen neuen Song „Only A Pawn In Their Game“ vor und Bernice erzählte später Shelton: „‚Pawn‘ war das allererste Lied, das zeigte, dass die armen Weißen ebenso von Diskriminierung betroffen waren wie die armen Schwarzen. Die Greenwood-Leute wussten nicht, dass Pete, Theo und Bobby bekannt waren. Sie waren einfach froh, Unterstützung zu bekommen. Aber sie mögen Dylan dort unten im Baumwoll-Land wirklich.“

Newport Folk-Festival und „March On Washington“
Es kam wie es kommen musste. Suze Rotolo war weit weg in Italien, und Joan Baez, die „Queen Of Folk“, nahm immer mehr Platz in Bobbys Leben ein. Sie hatte ihn bereits 1961 kennengelernt, fand immer mehr Gefallen an dem „unwashed Phenomenon“, wie sie ihn später im Song „Diamonds And Rust“ nennen sollte. Bobby weckte bei vielen Frauen Beschützerinstinkte. Für ihn war Joan ein Glücksfall. Während Suze mit dem Folkstar-Leben fremdelte, war Joanie bereits seit 1959 beim Folk-Revival dabei und nun als Künstlerin an der Spitze der Bewegung. Auch sie war politische Aktivistin und war begeistert von Dylans Songs. Und es war es ihr vorbehalten, den sich bereits ankündigenden aufgehenden Stern die Bühne zu bereiten. Beim Newport Folk Festival 1963 (26. – 28. Juli) war sie die Queen und trug den aufstrebenden Singer-Songwriter ihrem Publikum an. In Workshops traten sie zusammen auf und Dylan hatte seinen Solo-Auftritt. Und plötzlich war er mit Joanie zusammen ganz vorne an der Spitze der Bewegung.

Doch nicht nur er erlebte seine Premiere in Newport, auch Mavis Staples und ihre Familie waren da. Es soll heftig geknistert haben zwischen den beiden. Bobby soll sogar um die Hand von Mavis angehalten haben, doch Mavis wollte nicht. Sie war jung und möglicherweise fürchtete sie auch die Tatsache, dass gemischtrassige Paare in den USA zu dieser Zeit noch vielen Anfeindungen ausgesetzt waren. In manchen Bundesstaaten waren gemischtrassige Beziehungen sogar gesetzlich verboten und wurden mit Gefängnis bestraft. Auch wenn Mavis ihm einen Korb gegeben hatte, haben sie ihre Freundschaft jedoch bis heute erhalten.

Bob sang in Newport seinen antirassistischen Songs „Only A Pawn In The Game“ und zusammen mit dem gesamten Line-Up die Bürgerrechts-Hymne „We Shall Overcome“. Bob Dylan und Joan Baez – das Traumpaar von Folk und Protest hatte sich öffentlich gefunden. Suze zog im August aus der gemeinsamen Wohnung aus, 1964 trennte sie sich endgültig von Bob. Joanie und Bobby aber gingen nach Newport 1963 zusammen auf eine Kurz-Tournee an der Ostküste, unterbrochen von den ersten drei Aufnahmesessions für Dylans neues Album „The Times They Are A-Changin“, das dann im Januar 1964 veröffentlicht wurde und den Höhepunkt seiner Protestsängerkarriere darstellt.

Am 28. August standen die beiden dann beim „March On Washington“ auf der Bühne, auf der Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ halten sollte. Joan Baez spielte „Oh Freedom“ und sang mit der Menge zusammen „We Shall Overcome“. Dylan sang solo “When the Ship Comes In” und mit Baez zusammen “Only A Pawn In Their Game. Im Finale sangen sie dann “We Shall Overcome” mit Peter, Paul and Mary und Theodore Bikel.

Am 31. Oktober fand die letzte Aufnahmesession für das Album „The Times They Are A-Changin'“ statt. Knapp drei Wochen später, am 22. November wurde John F. Kennedy in Dalla ermordet. Dylan ging dessen Tod sehr nahe, nur widerwillig gab er am Folgetag ein Konzert. Drei Monate nach der Ermordung Kennedys reiste Dylan dann nach Dallas und hatte nach dem Besuch des Attentats-Schauplatz erhebliche Zweifel an den offiziellen Schilderungen zum Tathergang.

Für ihn war Lee Harvey Oswald nur ein Bauernopfer und bis heute – Murder Most Foul! – geht er von einem Komplott des militärisch-industriellen Komplexes aus. Dies und die immer größere Angst davor, von der jugendlichen Protestbewegung als politischer Führer angesehen zu werden, führt zu einer Entwicklung, die 1964 in sein Album „Another Side Of Bob Dylan“ mündete.

Tom Paine Award

Copyright: Sony Music

Dies muss mitbedacht werden, als Dylan am 13. Dezember 1963 bei der Verleihung des „Tom Paine Awards“ durch die „Emergency Civil Liberties Union’s (E.C.L.U.)“ im New Yorker Hotel Americana in angetrunkenem Zustand eine verunglückte Rede hielt. Irgendwas hatte da in ihm geschlummert, das jetzt durch den Alkohol raus kam. Er war auf Krawall gebürstet, hielt erst dem Publikum vor, dass es vorwiegend grau und weiß sei (das stimmte!), dann dass seine Freunde nicht feine Anzüge tragen müssten, um als respektable „Negroes“ angesehen zu werden (auch nicht so dumm!), brachte es aber unglücklicherweise in den Zusammenhang mit dem „March on Washington“. Schließlich leistete er sich den Fauxpas zu sagen, auch er fühle Dinge in sich, die er bei Lee Harvey Oswald (dem Kennedy-Attentäter) gesehen habe, aber er würde natürlich nicht so weit gehen und schießen. Waren die liberalen Zuhörer vorher noch unruhig, aber höflich, so erntete der gute Bobby nun heftige Buhrufe. Skandal!

Dylan versuchte danach mit einem Brief die Wogen zu glätten. Relativierte, beschwichtigte, verschlimmbesserte. Wie auch immer, der zentrale Punkt lautete:
I can not speak. I can not talk
I can only write an I can only sing
perhaps I should’ve sung a song
but that wouldn’t a been right either
for I was given an award not to sing
but rather on what I have sung

I thought something else was expected of me
other than just sayin “thank you”
an I did not know what it was
it is a fierce heavy feeling
thinkin something is expected of you
but you dont know what exactly it is…
it brings forth a wierd form of guilt

Dylan wollte kein Speaker für irgendetwas mehr sein. Er wollte er selbst sein, das machen, was er wollte, nicht mehr das, was andere erwarteten.

Bob Dylan hatte 1963 für sein Empfinden sein Maß an konkretem politischem Engagement übererfüllt. Seine Zeit als vermeintlicher politischer Anführer war nun bereits wieder vorbei. Bernice Johnson sagte später Robert Shelton dazu: „Ich hatte das Gefühl, dass er einige emotionale Geschichten durchmachte, und ich wollte da kein Urteil fällen. Einige Weiße haben sich unserer Bewegung angeschlossen, weil sie Schwarze irgendwie besonders mochten, und andere waren einfach voll von Schuldgefühlen. Dylan war da ganz anders. Als er sich von der Bewegung zurückzog, da waren es die Weißen bei SNICK, die ihm das übel genommen haben. Dieses Gerede von wegen „er verkauft sich“ haben wir nur von den Weißen gehört, nie von den Schwarzen.“

Das Jahr 1964 sollte eine andere Seite Dylans zeigen und ein Jahr des Übergangs sein. Während im Januar 1964 „The Times They Are A-Changin'“ veröffentlicht wird, ist Bob Dylan wieder mal schon einen Schritt weiter.

Bob Dylan beim „March On Washington“:

Bob Dylan visits Jimmie Rodgers & The Carter Family

10. Mai 2020

„Rough And Rowdy Ways“ ist auch eine Hommage an die frühen Ikonen der Countrymusik

Bob Dylan – Rough And Rowdy Ways. Bildrechte: Columbia, Sony Music

Bob Dylan neues Album heißt „Rough And Rowdy Ways“. Im Inneren der Doppel-CD befindet sich ein Bild von Jimmie Rogers mit der Carter Family. Sie waren die ersten Stars der Countrymusik. Was hat dies miteinander zu tun hat und was bedeutet das? Nun, „My Rough & Rowdy Ways“ ist der Titel eines alten Jimmie Rodgers-Song. Dies und das Bild deuten möglicherweise auf eine besondere Inspiration Dylans für dieses Album hin, die von den Musiklegenden ausgegangen sein könnte. Dylans Karriere weist ohnehin viele Bezüge zur Musik dieser Künstler aus. Gehen wir dem doch mal ein bisschen genauer auf den Grund.

Der „Big Bang“ der Country Music
Es war der „Big Bang of County Music“ wie sich Johnny Cash auszudrücken pflegte. Als 1927 während der Auditions in Bristol, Tennessee/Virginia, die Sterne von Jimmie Rodgers und der Carter Family aufgingen. Mit ihnen fing die Countrymusik an. Der eine, Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, mischte Hillbillymusik mit schwarzem Blues und Jazz, sowie urbanem Schlager zu einer ganz wilden einzigartigen Mischung, die anderen, „The Carter Family“ aus dem Poor Valley in Virginia, sangen wie sonst niemand die alten Folk-Balladen der Appalachen und machten sie zu Hits. Während Rodgers viele ikonische Bilder des alten, gefährlichen Amerika in die Countrymusik einbrachte – „T For Texas“, „Waiting For A Train“, „In The Jailhouse Now“, konservierten die Carters die Atmosphäre des ländlichen Südens – Tradition, Armut, Arbeit, Glauben, Liebe, Hoffnung – auf Tonträgern. Beide Acts konnten durch die massenhafte Reproduktion von Tonträgern und Abspielgeräten sowie der Verbreitung der Songs im immer stärker aufkommenden Radio Ende der 1920er/Anfang der 1930er zu den ersten Popstars der Countrymusik werden.

50 Jahre später waren sie aber immer noch ursprünglich genug, Vorbilder für die jungen Folkies der frühen 1960er Jahre werden, die für die kommerzielle Nashville-Countrymusik dieser Jahre wenig übrig hatten. Auch der junge Bob Dylan hatte die frühen Countryhelden für sich entdeckt und Songs wie „Bury Me Beneath The Willow“ der Carter Family gespielt, das er über Woody Guthries Version kennengelernt haben sollte. Er nutzte die Melodie ihres „The Wayworn Traveler“ für seinen Song „Paths of Victory“ und hatte im Laufe seiner Karriere immer Songs der Carter Family wie „Little Moses“ oder „Girl From The Greenbriar-Show“ im Programm. Auch bei den Basement Tapes-Sessions waren die Songs der Carter Family, wie „Wildwood Flower“, stets präsent.

Vorbilder für die jungen Folkies
Jimmie Rodgers war für Dylan aufgrund seiner Hobo-Songs besonders interessant. Seine Songs kamen denen der „Anthology of American Folk Music“, die Harry Smith zusammengestellt hatte, recht nahe. Diese Zusammenstellung, die zwar keinen Rodgers-Song, dafür aber vier Nummern der Carter Family enthält, war auch für Dylan das reine Eldorado.

Sicher hat auch die Freundschaft zu Johnny Cash, der ja Mitte der 1960er quasi in die Carter Family eingeheiratet hatte, als er den Ehebund mit June Carter schloss, ihren Anteil an der Inspiration durch die Säulenheiligen der Countrymusik. Bei den erst im letzten Jahr offiziell veröffentlichten Dylan/Cash-Sessions von 1969 haben die beiden u.a. auch ein Jimmie Rodgers Medley eingespielt. Und bei den Sessions mit Earl Scruggs 1970 wurde mit dem „East Virginia Blues“ auch ein Song von A.P.Carter gespielt.

Bildrechte: Sony Music

Als Dylan sich Anfang der 1990er in einer Schaffenskrise befand, da half ihm explizit die Rückbesinnung auf die alten Folksongs. „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ sind die Dokumente. Mit zu dieser Rückbesinnung gehörten auch 1992 die Aufnahme-Sessions mit David Bromberg, bei denen der alte Jimmie Rodgers-Titel „Miss The Mississippi And You“ eingespielt wurde, das erst 2008 auf „Tell Tale Signs. The Bootleg Series Vol. 8“ veröffentlicht wurde.

Bob Dylan zollt Tribut
1997 erscheint auf Bob Dylans eigenem Label Egyptian Records das Tribute-Album „The Songs Of Jimmie Rodgers. A Tribute“ für das Dylan viele prominente Kolleginnen und Kollegen dazu gewinnen konnte, Songs des „Singin‘ Brakeman“ neu zu interpretieren. Darunter Van Morrison, Willie Nelson, Steve Earle, Mary Chapin Carpenter, Alison Krauss und Iris Dement. Dylan selber steuert „My Blue Eyed Jane“ bei. In den Liner Notes schreibt er: „Jimmie Rodgers ist natürlich eines der Leitsterne des 20. Jahrhunderts, dessen Umgang mit Liedern immer eine Inspiration für diejenigen von uns war, die dem Weg gefolgt sind. Ein lodernder Stern, dessen Klang die rohe Essenz der Individualität in einem Meer der Konformität war und bleibt, par excellence ohne Vergleich.“

2003 dann ein besonderes Kabinettstückchen. Er nimmt mit Mavis Staples für das Album „Gotta Serve Somebody – The Gospel Songs of Bob Dylan“ ein Duett von „Gonna Change My Way Of Thinking“ auf, das in eine kleine Rahmenhandlung eingebettet ist, die der berühmten Aufnahme „Jimmie Rodgers visits The Carter Familie“ nachempfunden ist.

Und 2012 schließlich bedient er sich für seinen Song „Tempest“ beim Motiv und bei der Melodie der Carter Family-Ballade „The Titanic“. Wieder einmal „Love And Theft“. Doch während der Song der Carter Family voller Empathie gerade für die ärmeren Schiffsreisenden der unteren Stände war, rechnet Dylan gnadenlos mit den vermögenden und hochgestellten Teilnehmern der Dampferfahrt ab, deren Geld, Macht und Waffen sie nicht vor dem Untergang des Schiffes retten kann.

Nun also rund um das neue Album zwei neue Fundstellen des besonderen Verhältnisses zu den musikalischen Urahnen. Wir dürfen gespannt sein, ob da noch mehr kommt.

Black Panthers and a Hurricane

1. Mai 2020

Wie Bob Dylan sich in den 1970er Jahren für die Sache der Black Community einsetzte

Als Bob Dylan im November 1971 die Single „George Jackson“ veröffentlicht, ist die Musikwelt verblüfft. Ausgerechnet Dylan, der sich seit Mitte der 1960er Jahre ausdrücklich nicht mehr als Protestsänger verstand und sich für keine politischen Zwecke mehr vereinnahmen lassen wollte, hatte erneut einen Protestsong aufgenommen. „What The Hell?“ dachte da so mancher Musikfreund.

Also was könnte dahinter stecken? Dylan hatte sich 1965 endgültig von konkreten tagespolitischen Protestsongs abgewandt. Nicht, dass er nun keine Gesellschaftskritik mehr äußern würde. „Maggies Farm“, „It’s Alright Ma, I’m Only Bleeding“, „Subterranean Homesick Blues“ oder „All Along The Watchtower“ sind große Gesellschaftspanoramen über den Menschen in der verwalteten Welt, dem Individuum im Kapitalismus. Er tut dies aber ohne Handlungsanleitung, ohne einer Bewegung zugehörig oder gar ihr Anführer sein zu wollen.

Dylan wird zum Held der Black Panther-Gründer
Dennoch gab es Menschen, die diese Songs durchaus als Handlungsanleitung verstehen bzw. Dylans Songs wichtige Beiträge für ihre Gesellschaftsanalyse verstehen. Die linke, studentische militante Gruppe „The Weathermen“ entlieh sich ihren Namen aus Dylans „Subterranean Homesick Blues“. Noch größer war aber wohl die Bedeutung für die Black Panther. Die beiden Studenten Bobby Seale und Huey P. Newton gründeten im Oktober 1966 die Black Panther Party (BPP) im kalifornischen Oakland. Sie versuchten die Frustration und Gewaltausbrüche der schwarzen in den Ghettos umzuleiten in eine sozialistische, antikapitalistische Kampforganisation. Gleichzeitig begeisterten sich die beiden für Bob Dylans Album Highway 61 Revisited. Als sie die erste Ausgabe ihrer Black Panther-Zeitung vorbereiteten, hörten sie die Platte rauf und runter. Sicher waren die beiden große Musikfans, aber sie waren auch bereit, Dylans Worte als wichtig für ihre eigene Lage zu begreifen.

Schon der Albumtitel war in diesem Sinne ein Statement. Der Highway 61 war für die Black Community als „Freedom Road“ im kollektiven Bewusstsein abgespeichert. Die Nord-Süd-Verbindung von führte von Minnesota bis New Orleans. Sie war die Straße, entlang die Sklaven in den freien Norden flohen, sie war der Blues Highway für die schwarzen Wandermusiker und sie war der Weg in die Hoffnung auf ein besseres Leben in der „Great Migration“ in den 1940er und 1950er Jahre. Für Seale und Newton war dies ein Zeichen dafür, dass „Bruder Bobby“ der Black Community nahestand. Und noch mehr: Der Song „Ballad Of A Thin Man“ war für sie ein Gleichnis über rassistische Unterdrückung. Bobby Seale: „Man muss verstehen, dass dieses Lied verdammt viel über die Gesellschaft aussagt.“ Ihre Begeisterung ging sogar soweit, dass sie den Song auf Versammlungen über die Tonanlage erschallen ließen, bevor und nachdem sie ihre Reden hielten.

In der Folgezeit radikalisierten sich die Black Panther, trafen aber auch auf einen entschiedene Feindschaft seitens der weiß dominierten Polizeibehörden. Für FBI-Chef J. Edgar Hoover, der schon Martin Luther King überwachen ließ, waren die militanten Black Panther die größte Gefahr für die Sicherheit der USA. Das FBI verwickelte die Black Panther in einen gewaltreichen Kleinkrieg. Irgendwann schworen die Black Panther dem bewaffneten Auftreten ab und entwickelten verstärkt politische und soziale Aktivitäten in den schwarzen Wohnvierteln und versuchten eine Ausrichtung auf die schwarze Arbeiterschaft. Doch es half ihnen nichts in Bezug auf die Verfolgung durch das FBI.

George Jackson
Zu dieser Zeit radikalisierte sich auch George Jackson, ein Ex-Mitglied der Black Panther, der am 21. August 1971 bei einem Fluchtversuch aus dem St. Quentin Staatsgefängnis erschossen wurde. Jackson wurde schon früh zu Jugendgefängnisstrafen verurteilt, kam dann wegen eines bewaffneten Raubüberfalls in den Strafvollzug, setzte sich gleichzeitig dort aber auch mit den Lehren von Marx, Lenin, Trotzky und Mao auseinander. Als Persönlichkeit ist er umstritten, als Mitbegründer des radikalen Panthers-Ableger Black Guerilla Family hat er dennoch Märtyrerstatus erlangt.

Warum sang Dylan aber ein zugegebenermaßen etwas romantisierendes und poetisch durchaus auch ein bisschen leichtgewichtiges Lied über den militanten schwarzen Aktivisten? Seit 1964 hatte er keinen konkret politischen Song mehr geschrieben? Dylan sang über Jackson:

„Prison guards, they cursed him
As they watched him from above
But they were frightened of his power
They were scared of his love.
Lord, Lord,
So they cut George Jackson down.
Lord, Lord,
They laid him in the ground.“

Eine Erzählung geht so: Nachdem er seit Mitte 1966, seit seinem Motorradunfall seine Version des amerikanischen Familienidyllls lebte und sich seine Songs immer weniger mit der konkreten Lebensrealität auseinandersetzten, sah er sich möglicherweise herausgefordert, mal wieder etwas zeitkritisches zu veröffentlichen. Joan Baez hatte im November 1971 auf einer New Yorker Bühne ihre vergiftete Ode „To Bobby“ gesungen. Ihr bekannter glockenheller Sopran klang sehnsuchtsvoll, während ihre Worte aus heutiger Sicht böse und übergriffig wirken. Bobby sollte sich gefälligst einreihen und an die Spitze der Bewegung stellen. Da wurde ein heftiger moralischer Druck aufgebaut:

„Do you hear the voices in the night, Bobby?
They’re crying for you
See the children in the morning light, Bobby
They’re dying“

Eine andere Erzählung geht so: Plötzlich war A.J. Weberman auf der Bildfläche aufgetaucht. Ein radikaler, abgedrehter, völlig auf Dylan fixierter Typ, der die „Dylan Liberation Front“ gegründet hatte und versuchte mit dem linksradikalen Aktivisten Jerry Rubin und John Lennon Druck auf Dylan auszuüben, wieder politisch aktiv zu werden. Sie sahen in dem Umstand, dass Dylan am 1. August 1971 am großen Benefizkonzert für Bangladesh teilgenommen hatte, einen Hinweis dafür, dass Bobby scheinbar doch wieder in die politische Spur zurückkam. Also veröffentlichte Bob Dylan den Song sozusagen um an der „Dylan Liberation Front“ Ruhe zu haben. Beide Seiten sollten sich irren. Dylan artikulierte sich über diesen Song hinaus weiterhin nicht tagespolitisch. Während Lennon sein böses „I don’t believe in Zimmerman“ schmetterte, nervte Weberman Dylan weiter. Dylan war mit seiner Familie 1970 aus den Bergen zurück ins Greenwich Village gezogen. Webermans abgedrehter Kreuzzug führte erst zu einer handfesten Prügelei mit Dylan und endete damit, dass Dylan mit seiner Familie schließlich weit weg nach Kalifornien zog. Die Bedrohung seiner Familie und seiner selbst durch Leute wie Weberman mögen ihren Beitrag dazu haben, dass Dylan in den folgenden Jahren endgültig zu einer „hidden persona“ wurde.

Doch bleiben wir bei „George Jackson. Eine weitere Erklärung für die Veröffentlichung liest sich so: Nachdem der Black Panther-Anwalt Gerald Lefcourt in einen Schreiben Dylan gebeten hatte, ein Benefizkonzert oder ähnliche Hilfen zu geben, um die Verfahrenskosten für vor Gericht stehende Black Panther-Aktivisten aufbringen zu können, traf sich Dylan mit den Black Panthern Huey Newton und David Hilliard. Dylan veröffentlichte zwar den Song „George Jackson“, wollte aber die Panther wegen ihrer antizionistischen Haltung nicht weiter unterstützen. Dylan selber stritt es ab, dass ein solches Treffen stattgefunden hatte.

Einleuchtender scheint da die Version, die Peter Doggett in seinem Buch „There ’s A Riot Going On“ schilder. Nach der war es möglicherweise Dylans Freund und Black Panther-Sympathisant Howard Alk, der Dylan Ende Oktober „Soledad Brother“, eine Sammlung von Jacksons Gefängnisbriefen geschenkt hatte. Die Erinnerung an den Tod Jacksons am 21. August war noch frisch und die Lektüre berührte Dylan persönlich. Und inspirierte ihn rasch, den Song zu schreiben und aufzunehmen.

Für den Autor dieser Zeilen liest sich die letzte Erklärung am plausibelsten. Dylan will sich seit Mitte der 1960er nicht mehr von irgendeiner Gruppe vereinnahmen lassen. Vielleicht flirtete er eine kurze Zeit mit den Black Panther, er flirtete jedoch wirklich, aber nur für kurze Zeit, mit der „Jewish Defense League“ und er war wenige Jahre eifriger Anhänger der evangelikalen Vineyard Fellowship. Und jedes Mal war der Mechanismus der Gleiche: Dylan begeisterte sich für Menschen. Für Rabbi Meir Kahane, für George Jackson, für Mary Alice Artes. Er ist aber kein Politiker, kein Polit-Taktiker, Stratege oder Parteisoldat. Er ist Humanist, Individualist und ein eigenwilliger, kritischer Geist. Er löst sich daher auch irgendwann wieder aus Organisationen, Kirchen und Vereinigungen, wenn sie seinen humanistischen Idealen widersprechen.

Rubin „Hurricane“ Carter“
Nur wenige Jahre nach „George Jackson“ begeisterte sich Dylan wieder über die Lektüre von Schriften aus dem Gefängnis für einen Menschen. Und wieder war es ein Afroamerikaner. „The Sixteenth Round“ war die Biographie des zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, die 1974 veröffentlicht wurde. Ein Exemplar ließ er Bob Dylan zukommen, der ihn daraufhin 1975 im Staatsgefängnis von Trenton besuchte. Dylan nahm eine erste Fassung des Songs „Hurricane“ Ende Juli 1975 auf, musste den Song aber etwas verändertem Text nochmals aufnehmen, da die Anwälte seiner Plattenfirma wegen bestimmter Textstellen gerichtliche Auseinandersetzungen befürchteten. Dylan nahm den Song dann im November 1975 erneut bei den Sessions auf, die später zur Rolling Thunder Review und zum Album Desire führen sollten.

Und dieser Song „Hurrricane“ war aufrüttelnd, mitreißend und verstörend. Ein ganz anderes Kaliber als „George Jackson“. Dylan, der angebliche Meister der wagen und unverbindlichen Songpoesie, hatte es hier geschafft, zu wohlklingender, treibender Musik einen Text zu schreiben, der mit genauester journalistischer Recherche aufzeigt, wie das Lügengeflecht und die rassistischen Justiz- und Polizei-Intrigen gegen Rubin Carter gesponnen wurden. Er setzte damit genau das um, was er einmal seinem Sangeskollegen Phil Ochs vorgeworfen hatte. Der wäre gar kein Sänger, sondern Journalist. Dylan wandte sich mit großer Eindrücklichkeit und Entschiedenheit gegen die Rassen-Justiz in den USA.

Wie Dylan aber seine Recherche künstlerisch aufarbeitete- unterstützt vom Off-Broadway-Regisseur Jaques Levy – war grandios. Die schon erwähnte mitreißende Melodie bildet den Hintergrund für großartige dramatische Literatur. Wie ein Bühnenstück wie ein Film-Drehbuch breitet Dylan die Geschichte vor uns aus. Dylans Song war zentraler Bestandteil von Desire und der Konzerte der Rolling Thunder Review. „The Night Of The Hurricane“, das Benefiz-Konzert im Madison Square Garden bei dem auch Muhammad Ali für Carter eintrat, beendete die Tour.

Rubin „Hurricane“ Carters Kampf gegen diese Justizwillkür sollte viele Jahre dauern. Dylan hatte das Lied gemacht, und. Doch es nutzte nichts, 1976 wurde die Revision abgelehnt. Erst 1985 wurde er – fast zwanzig Jahre nach dem Fehlurteil von 1967 – frei gesprochen. 2000 erschien dann ein Hollywood-Film mit Denzel Washington als „Hurricane“ in dem natürlich auch die Dylan-Geschichte und der Song vorkommen.

Dylans Empathie für die Black Community
Den Song hat Dylan seit der „Night Of The Hurricane“ nie mehr gesungen. Und dennoch bleibt er als einer seiner größten Hits unvergessen. Im Gegensatz zu „George Jackson“. Den hat er nie live gesungen und über den ist mittlerweile viel Gras gewachsen. Auch wenn seine Qualität sicher umstritten ist, als Zeichen der Empathie Dylans für die Lage der Afroamerikaner in den USA, ist er ein ganz wichtiger Schlüssel zum Verständnis für Dylans Beziehung zur Black Community.

Wie Dylan dann ab Ende der 1970er ganz persönlich einen sehr engen Austausch mit der Black Community hat, ist dann aber wieder eine andere Geschichte.

Kinderlieder für Gabby Goo Goo

28. April 2020

Vor 30 Jahren: Bob Dylans 1990er Album „Under The Red Sky“

Das wär‘ auch mal eine Disziplin. Weißt Du noch, wo Du das Bob Dylan-Album „XY“ gekauft hast? Ich gebe zu, sicher nicht bei allen wüsste ich es noch. Ganz sicher weiß ich, dass ich die Greatest Hits Musicassette bei Radio Wilms in Darmstadt-Eberstadt erworben habe. Wow, das war subversiv! Aber bitte, ich war auch erst 13 Jahre alt. Die „Desire“ habe ich als LP beim Kaufhof in der Darmstädter Innenstadt erworben. Sehr günstig, eine israelische Pressung. Aber bei anderen fällt es mir einfach nicht ein.

Support your local dealer: Ralphs Records vs. Uli’s Musicland
Bei „Under The Red Sky“ dagegen weiß ich es noch. Bei Ralphs Records in der Helia-Passage. Die etwas gediegenere Variante von Plattenladen im Vergleich zum jedoch als „kultiger“ gehandelten Uli’s Musicland“ nur ein paar Schritte weite in der Passage, die kurze Treppe runter. Da kaufte ich mir Konzertkarten, aber so lustige Sprüche vom mittlerweile leider verstorbenen Inhaber Axel wie „Wer ist der berühmteste Bob? Der Zweier-Bob“ waren als junger Dylan-Fan nicht so mein Humor.

Wie auch immer, „Under The Red Sky“ kaufte ich mir bei Ralph und wenn ich mich heute erinnere und jetzt wieder höre – mir gefiel die Platte gar nicht so schlecht. „Under The Red Sky“, „Unbelievable“ – im Musikfernsehen lief der Video dazu, in dem Dylan einen Chauffeur spielte – und natürlich „Born In Time“, das für mich immer noch in einer Reihe mit „I’ll Remember You“ und „Make Me Feel My Love“ steht, waren meine Favoriten. „Handy Dandy“ fand ich noch ganz nett, auch „God Knows“, obwohl er jetzt doch wieder auf den Herrn zurückkam. Diese Phase bei ihm hatte ich doch eigentlich schon überstanden. „TV-Talking Song“ war auch gar nicht so schlecht, wenn ich es auch inhaltlich ziellos fand und die Pointe in „Black Diamond Bay“ schon mal besser gehört hatte. Mit „10.000 Men“ und „Cat’s In The Well“ konnte ich überhaupt nicht viel anfangen, während ich „2×2“ ganz hübsch, aber für Dylan-Verhältnisse fast schon zu gefällig fand. Eine Absage an den Hippie-Traum seiner Generation, konnte ich irgendwo lesen. Wirklich? Hmm? Was wollte er uns sagen? Ein kindlicher Abzählreim? Doch das schlimmste war natürlich „Wiggle, Wiggle“. Da stürzten sich natürlich alle drauf, für die Dylan ein großer „has been“ war. Der Songpoet ergeht sich auf diesem Album in Kinderreimen und Wackel-Wackel-Bilder.

Abzählreime und kindliche Bilder
Und in der Tat. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger „Oh Mercy“ fehlte dem Album sowohl die Tiefe und die konzeptionelle Dichte, als auch das geheimnisvoll-flirrende. „Oh Mercy“ atmete den geheimnisvollen Geist von New Orleans. „Under The Red Sky“ wirkte wie eine unfertige Songsammlung, die musikalisch von nicht so richtig glücklichen Produzenten (Don Was, David Was und Jack Forst alias Dylan himself) mit Hilfe vieler Gaststars – David Crosby, George Harrison, Elton John u.v.m. – aufgemotzt wurde.

Dylan selbst sah die Defizite des Albums und schob sie in Interviews auf seine Tourverpflichtungen und die zeitgleiche intensive Zusammenarbeit mit den Traveling Wilburys. Und dennoch war „Under The Red Sky“ für mich nicht ganz so schlecht wie alle meinten. Ich hatte die guten Songs genannt. Aber vor allem es war für mich das richtige Album zur richtigen Zeit und „Born In Time“ war Soundtrack so mancher romantischer Stunde. Soll keiner sagen, Dylan hätte einem nicht auch immer irgendwas Passendes zur eigenen Lebenslage mitgegeben.

Doch die Kritik war unerbittlich. Warum singt ein Bob Dylan über „Wiggle, Wiggle“, in dem eine „Big Fat Snake“ vorkommt. Abgesehen vom „Swine“, dass sich auf „Vine“ reimt und vom „Land Of Milk And Honey“ in „Unbelievable“. Oder das Kindermärchen von „Under The Red Sky“: „There was a little boy and there was a little girl…One day the little boy and the little girl were both baked in a pie“. Oder der Abzählreim von „2×2“. Zeitgleich sang er doch hier so starke Stücke wie „Born In Time“ oder schrieb für die Traveling Wilburys „Tweeter And The Monkeyman“ oder „Dirty World“.

Vielleicht eines seiner menschlichsten Alben
Abgesehen davon, dass uns die durchaus nicht geglückte Produktion des Albums nicht die Sicht auf grundsätzlich gute Songs verstellen sollte: Es war schon eine Art Sammelsurium von Songs, die entweder noch aus „Oh Mercy“-Beständen kamen – „God Knows“ und „Born in Time“- oder die erst später erschienen wie „Alice Don’t Live Here Anymore“ (aber nicht von ihm, sondern von Don Was gesungen) oder „Heartland“, dass dann drei Jahre später als Duett mit Willie Nelson veröffentlicht wurde. Es gab kein kohärentes Konzept für ein ganzes Album. Da – aber nicht in der Güte der Einzelsongs- setzte das Album den unguten Weg von „Knocked Out Loaded“ und „Down In The Groove“ aus der zweiten Hälfte der 1980er fort, der nur von „Oh Mercy“ so überraschend genial unterbrochen wurde.

Aber wenn das Album gleichsam in Teile und Stücke auseinanderfällt, was hat es dann mit den kindlichen Songs und Bildern auf sich? Damals konnte sich das keiner erklären. Sicher, er hatte mit „Man Gave Names To All Animals“ schon mal ein Kinderlied aufgenommen. Und er hatte im Folgejahr 1991für das Disney-Album „For Our Children“ das alte Kinderlied „This Old Man“ beigesteuert. Wurde der Mann jetzt einfach kindisch?

Songs for Desiree Gabrielle
Erst mehr als 10 Jahre später, im Jahre 2001 deckte Biograph Howard Sounes auf, dass Bob von 1986 bis 1992 mit seiner früheren Background-Sängerin Carolyn Dennis verheiratet war. Mit ihr hat er ein Kind. Desiree Gabrielle Dennis-Dylan. Und jetzt war vielen die Widmung auf dem Album klar:“For Gabby Goo Goo“. Seiner damals vierjährigen Tochter hatte er dieses Album gewidmet und sie mag er bei vielen Songs um Sinn gehabt haben. Die kindliche Vorstellungs- und Erfahrungswelt, die so wunderbar kompatibel ist mit sich austoben – „Wiggle Wiggle“ – den Märchen – „Under The Red Sky“ und den vielen Tieren, die in den Songs vorkommen.

Ein höchst menschlicher Zug eines Vaters, der seinen Ruf als Songpoet ankratzt, um diese Songs zu singen und aufzunehmen. In diesem Sinne ist „Under The Red Sky“ vielleicht nicht das Beste aber sicher eines der menschlichsten Alben Bob Dylans. Und bis heute immer noch eine Art Ersatz. Denn Bob hatte immer mal wieder von einem Album mit Kinderliedern gesprochen. Schließlich gibt es das von anderen Ikonen der amerikanischen Musik wie Woody Guthrie, Pete Seeger und Johnny Cash durchaus. Doch immerhin hat uns Dylan vor einigen Jahren ein Weihnachtsalbum beschert. Auch hier wieder mit dem Ergebnis, durchaus auch Spott zu ernten. Doch Bob bleibt Bob und macht immer sein Ding.

Wie vor 30 Jahren mit den Songs für Gabrielle auf „Under The Red Sky“.

Bob Dylan: „Unbelievable“

„Don’t believe in Vodoo, pray to God“

24. April 2020

Bob Dylan und die afrikanische Tradition von Black America

Vor einigen Jahren sah ich Oliver Hardts bemerkenswerten Film “The United States Of Hoodoo”. Er spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Dies kam mir nun wieder in den Sinn, als ich mich mit dem Thema „Bob Dylan und Black America“ auseinandersetzte.

Damals schrieb hier ich anlässlich des Films: „Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba [Anm. Geist oder Heiligerin der afrikanischen und karibischen Religion des Voodoo] trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.“

Und tatsächlich führte ich noch Songs wie Blind Willie McTell, das Album „Oh Mercy“ und den Song „New Pony“ von Street Legal (1978) auf. In Letzterem wird sogar ausdrücklich „Vodoo“ erwähnt. Ich zitiere nochmals aus meinem damaligen Beitrag:
„Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’ „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt.

Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:
They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else“

Und in der Tat, im Blues lebt das alte afrikanische Erbe fort. Tony Atwood, der auf seinem wichtigen Dylan-Blog „Untold Dylan“ auch diesen Song besprochen hat, hat etwas verkürzt, so meine ich, für den Titel alleine „Sex und Blues, Blues und Sex. Total verschlungen“ als Fazit gezogen.

Aber warum Voodoo? Warum heißt das Pony Lucifer?

Natürlich geht es hier um Sex und Blues. Aber es geht auch um den Glauben an Vodoo und an den Glauben an den christlichen Gott. Und wenn Dylan hier singt, dass sein Baby Voodoo-Zauber benutzt, und er sagt ihr „es ist aber Gott zu dem Du gebetet hast und der gibt Dir zurück, was Du anderen gewünscht hast“, dann ist das auch eine Auseinandersetzung zwischen schwarzem christlichen und afrikanisch-karibischem Glauben.

Und so könnte man diesen Song auch als einen Vorgriff auf die drei christlichen Alben Dylans sehen. Wenn wir Street Legal als Übergangsalbum in einer schwierigen persönlichen Situation sehen, so zeichnet sich hier schon die neue Richtung ab.

Die Songs der von April bis Mai 1978 aufgenommenen Platte waren musikalisch von Gospel, Spiritual-Anklängen, von Soul und Blues geprägt. Kein Wunder arbeitete er doch schon seit Mitte Januar 1978 mit der schwarzen Background-Sängerin Helena Springs zusammen, hatte wohl auch eine Beziehung mit ihr, und schrieb mit ihr fast zwanzig Songs. Street Legal beendete die 1970er-Phase, die vom weißen Folk-Rock geprägt war. Bob Dylan setzte sich nun, so sagte es Mitmusiker Billy Cross dem Dylan-Biograph Clinton Heylin, ganz tief mit der schwarzen Kultur auseinander. Und er hatte unter seinen in den Jahren 1978 bis 1985 wechselnden Background-Sängerinnen auch immer wieder wechselnde Freundinnen mit denen er auch Lieder schrieb oder sang wie eben Helena Springs oder auch Clydie King. Das Video von Abraham, Martin and John, spricht Bände über seine Beziehung mit Clydie. Die Afro-Amerikanerin Mary Alice Artes, eine Freundin von Helena Springs, wurde auch eine gute Freundin von ihm, und wurde als „Queen Bee“ in den Liner Notes von Street Legal verewigt. Sie half ihm beim Übertritt zum christlichen Glauben.

Einem christlichen Glauben, der sich religiös in einer evangelikalen Kirche, kulturell aber in der Mischung aus Rock und schwarzem Gospel manifestierte. Es kann sehr gut sein, dass Dylan sich im Song „New Pony“ auch von den Empfindungen seiner damaligen schwarzen Freundinnen und deren Selbstfindung zwischen verdrängtem afrikanisch-karibischen Erbe, strenger kirchlicher Erziehung und dem ewigen Spannungsfeld zwischen Gospel, Soul und Blues, beeinflussen ließ.

Ein Spannungsfeld, durch das man nicht ohne Widersprüche kommt. Dylan predigte während seiner Born Again-Phase christlich-fundamentalistisch. Er spielte schwarzen Gospel-Rock. Sein damaliger privater Lebensentwurf schien aber sinnlichen und lebenszugewandten afrikanischen Traditionen näher zu stehen.
In dieser Phase lernte er dann Carolyn Dennis kennen, die seine Background-Sängerin bis Mitte der 1980er blieb und die er 1986 heiratete und mit der er die gemeinsame Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan hat.

Und Dylan blieb in den 1980ern der Black Community weiterhin zugewandt, 1985 nahm er mit Kurtis Blow zusammen einen Rap-Song auf. Doch das ist wieder eine andere Geschichte von „Bob Dylan und Black America“.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (30)

22. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

alles hat einmal ein Ende!

Und da mir mein letzter Beitrag so gut gefallen hat, dass es kaum noch besser werden kann und zudem die Home Office-Zeit scheinbar bald zu der sich in aller Munde befindlichen „neuen Normalität“ gehören wird, werde ich mit dem heutigen letzten Beitrag mein Bickenbach, Texas Home Office Diary abschließen und zuklappen. Mit der Nummer 30 nach fast genau vier Wochen ist das, so denke ich, ein guter Zeitpunkt. Auf diesem Blog werde ich neue Beiträge künftig in der Regel mindestens jeden Freitag veröffentlichen, um eine für die Lesenden verlässliche Erscheinungsweise zu haben.

Also hinein in den letzten Beitrag. Also dreht sich heute alles einen Song, in denen um das Ende geht. Ein Song aus dem großen Ouvre des Meisters, der zu Recht etwas in Vergessenheit geraten ist. Auf dem ebenfalls zu Recht vergessenen Album „Down In The Groove“ von 1988 ist auch das Stück „Death Is Not Dead“ enthalten. Da „Down In The Groove“ ohnehin wie ein Flickenteppich der Resteverwertung daher kommt, wundert es einem auch nicht, dass dieser Song von den Infidels-Sessions 5 Jahre vorher liegen geblieben war.

Inhaltlich ist das natürlich wieder eine religiöse Aussage und ich bin mir da mit dem Dylanologen Tony Atwood völlig einig, dass es nicht zu den stärkeren poetischen Werken Dylans gehört. Es enthält zu viele abgedroschene Phrasen, Bilder und Formulierungen, die wir woanders in seinem Werk schon besser gehört haben. Was ich im Übrigen auch lange Zeit „Make You Feel My Love“ vorgeworfen habe, das ja mit dem Wort- und Bildreichtum des übrigen Werkes von „Time Out Of Mind“ in keiner Weise mithalten kann. Allerdings bin ich da auch schon wieder vom Live-Bob eines besseren belehrt worden. Denn seine atemberaubende Version von Stuttgart im letzten Jahr hat doch einiges an Atmosphäre zwischen vielleicht zu routiniert gesetzten Zeilen herausgeholt.

Aber vielleicht sind diese so sattsam bekannten Bilder und Formulierungen, die solche Songs für andere Künstler interessant machen. Schließlich haben Billy Joel, Garth Brooks und Adele „Make You Feel My Love“ gecovert. Und auch von „Death Is Not The End“ gibt es Coverversionen vom ohnehin stets morbiden Nick Cave, von Kylie Minogue und den Waterboys.

Und es gibt – ein Nachtrag zum Eintrag 28 – auch eine deutsche Version von den Kölschen „Black Föös“. „Ein Leben nach dem Tod“. Ein ziemlich dämlicher Stimmungsschlager. Aber ich bleibe dabei: „Gelobtes Land“ von Maffay ist viel schlimmer!

In diesem Sinne: Es gibt auch ein Leben nach dem Bickenbach, Texas Home Office Diary. Es war für mich eine interessante Erfahrung, jeden Tag an dieser Stelle irgendetwas Neues rund um Bob Dylan und Americana zu schreiben. Und tatsächlich fiel mir immer etwas Neues ein und was ich gehört habe, war das wohl durchaus auch ganz interessant für die Leute.

Also in diesem Sinne: Schaut immer freitagabends auf die Seite, da kommt was Neues. Zudem werden alle neuen Beiträge in der Regel auch über expectingrain.com, Facebook und meinen Newsletter beworben.

Also dann bis demnächst!

Best
Thomas


The Bickenbach, Texas Home Office Diary (29)

21. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

The old, weird America

Howdee Everone,

reden wir über das alte und das neue, gefährliche Amerika!

Mit dem Terminus „the old, weird America versuchte Popkritik-Papst Greil Marcus die Verbindung zu ziehen zwischen den Songs von Bob Dylan & The Band, die später die Basement Tapes genannt wurden, und der Anthologie Of American Folk Music von Harry Smith von 1952.

Die Anthology, das sind uralte Folksongs von obskuren alten Sängern über eine obskure alte Welt. Ein Amerika der düsteren Folk-Songs, der Shanties, der Hillbillies, der Minstrel-Shows, der Gunfighter, der Bürgerkriegssoldaten, der fliehenden Sklaven, das Amerika von Rassismus und Gewalt, Liebe, Mord und Totschlag. Die Aufnahmen stammen von 1926 bis 1933. Die Songs selber sind viel älter und in mehrfacher Hinsicht zeitlos.

Ja, die Anthology wurde zum Kult bei der jungen Folk-Bewegung Anfang der 1960er. Doch während diese Folk-Bewegung oftmals nur an der Oberfläche kratzte, weil ihre Protagonisten entweder einen zu cleanen weißen Mittelstandshintergrund hatten bzw. man das Folk-Idiom hauptsächlich – zu einer natürlich gerechtfertigten – politischen Protestmusik nutzte, gingen Dylan & The Band im 1967 im Keller von Big Pink viel weiter.

Während draußen die weiße Mittelstandsjugend den „Summer of Love“ verlebte, der nur kurze Zeit wirklich einen Gegenentwurf zum durchkapitalisierten Amerika darstellte, ehe sich in die emanzipatorische Bewegung mit Scott McKenzie und Woodstock eine kräftige Prise Kommerz mischte, gingen Dylan und die Jungs dahin, wo’s weh tut.

Die dunkle Seele Amerikas
Eben nicht zu den wohlfeilen Wahrheiten, sondern in die dunklen und grauen Bereiche der amerikanischen Seele. Dylan war vom Motorrad gefallen und nutzte das, um dem von seinem Manager Albert Grossman veranstalteten Rattenrennen zu entfliehen. Er war nun erneut ein anderer als vorher. Er war nun ein Familienvater. Aber die Bilder von der Familienidylle mit der hübschen Sara und den süßen Kindern waren nur die eine Seite des Dylan’schen Wirken dieser Zeit.

Die andere Seite gehörte der Suche nach dem „alten, gefährlichen Amerika“ mit The Band im Keller von Big Pink. Seine enormen Kenntnisse des Folk fanden zusammen mit der „Street Credibility“ der Band, die zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre auf den Bühnen, in den Kaschemmen, den Clubs und Spelunken gespielt hatten. Sie kannten die dunkle Seite des amerikanischen Traums aus eigener Erfahrung wo es Dylan nur mit Instinkt, Verständnis und Empathie versuchen konnte. Aber dass er dies konnte, zeigt auch hier nochmal seine Ausnahmestellung.

Sie spielten alte Country, Folk, Blues- und Gospelstandards und ganz viel wirklich obskures und fragewürdiges Zug. Und Dylan schrie Songs und am Ende wusste keiner mehr, sind dies alte oder neue Songs. Dylans Songs dieser Zeit stammten nicht nur aus dem Keller. Nein, er holte sie noch viel tiefer hervor. Die Grundlage für Americana war gelegt, die losen Enden Jahre wurden Jahre zu Wurzeln aus denen auch das dunkle Alternative Country spross.

Dylan hat diese dunklen, grauen Stimmungen dieser amerikanischen Musik seitdem immer wieder in seiner Musik zum Ausdruck gebracht. Wir denken an den „Man In The Long Black Coat“ auf „Oh Mercy“ von 1989 oder die Alben und Songs seines Spätwerks. Ob Long And Wasted Years oder Scarlett Town – sie sind könnten, nein sie sind uralte Songs, weil durch den Sänger Bob Dylan die uralten Folk-, Blues- und Minstrelsänger singen.

Dallas: Aus diesem Haus heraus wurden die tödlichen Schüsse auf John F. Kennedy abgegeben.

Dylan sagt uns, was Amerika im 21. Jahrhundert verloren hat
Mit seinen beiden neu veröffentlichten Songs „Murder Most Foul“ und „I Contain Multitudes“ setzt Dylan nun im Jahr 2020 die Schnittstelle an, die zwischen dem alten, gefährlichen Amerika und dem neuen gefährlichen Amerika liegt. Er vertraut seiner Collage- und Zitate-Technik und schildert Kultur und Politik des amerikanischen 20. Jahrhunderts, die auch ein Gesamtkunstwerk wie Dylan selbst schufen. Gerade weil dieses Amerika der Welt so zugewandt war – was auch negative Folgen für die Welt mit sich brachte, weil sich die Außenpolitik überwiegend weniger demokratischen Werten, denn geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen verpflichtet fühlte – schienen die dunklen Dämonen der Nation im Inneren – Rassismus, Profitgier, Gewalt – gezähmt werden zu können. Von Roosevelts New Deal über die Bürgerrechtsbewegung und die Great Society schien sich in Amerika etwas zum positiven verändern zu können.“

Doch erst der Mord an John F. Kennedy – „Murder Most Foul“! – und die Morde an Bobby Kennedy und Martin Luther King nahmen der positiven progressiven Entwicklung die Spitze. Es folgte Stagnation bis der militärisch-industrielle Komplex und die Wirtschaftsschule der „Chicago Boys“ den Roll Back und schließlich den Siegeszug des Neoliberalismus einleiteten.

Fortan war dieser angebliche uramerikanische Egoismus – es gibt ja auch die andere Seite des nachbarschaftlichen Kümmerns und der Solidarität – wieder voll da. Die Evangelikalen Schaumschläger und Menschenfeinde individualisierten wieder die sozialen Unterschiede. „Wer wirtschaftlichen Erfolg hat, der liebt Gott besonders und der auch ihn. Wer arm ist, der ist selber schuld. Und wer arm und schwarz ist, der liegt uns guten, weißen und erfolgreichen Christen nur auf der Tasche. Und wir wollen keine Almosen für schwarze Faulenzer bezahlen. Wir brauchen keine staatliche Sozialsysteme und keine Gesundheitsversicherung für alle, weil wir freie, fleißige amerikanische Christenmenschen sind, die von ihrer Arbeit leben wollen und können!“ Das war das rassistisch-kapitalistische Evangelium des Ronald Reagan.

Und so wuchsen die Armut und die Gewalt. Und weil private Firmen in den USA an Gefängnissen verdienen können und struktureller Rassismus die Gesellschaft und die Justiz beherrscht, ist der Anteil der Schwarzen an den Gefängnisinsassen so überproportional groß.

Das neue, gefährliche Amerika
Trotz Clinton und Obama-Care: An der Herrschaft des Neoliberalismus rüttelten die Demokraten nicht. Und als die Bankenkrise im Sinne der Wall Street und nicht der Menschen gelöst wurde, da vermischten sich die soziale Verzweiflung der ärmeren und abstiegsbedrohten Weißen mit der Anti-Haltung gegen das Establishment der Küstenstreifen, gegen die Bundesregierung und gegen den schwarzen Präsidenten. Mit der „Tea Party“ war die Keimzelle für den späteren Erfolg von Trump und seinem weltabgewandten „America First“ auf die politische Bühne getreten.

2020 ist Amerika bedroht. Von der Corona-Krise, ab er vor allem auch von seinem Präsidenten, der sich auf gewaltbereite Anhänger stützt, deren Grenzen zu den White Supremacy-Leuten fließend sind.

Das ist das neue, gefährliche Amerika. Bob Dylan singt darüber, was Amerika verloren hat im 21. Jahrhundert. Das was kommen wird müssen wir zwischen den Zeilen lesen.

Die dunklen Folksongs genauso wie die politischen Protestsongs über einen wahnwitzigen Präsidenten aber und die bevorstehende Gewaltausbrüche müssen andere singen. Singt sie laut!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (28)

20. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute beschäftigen wir uns mal mit Mr. Zimmermann auf Deutsch!

Vor zwei Jahren durfte ich mit Norbert Saßmannshausen und Ilja Kamphues eine schöne Sendung bei Radio X in Frankfurt zum Thema „Dylan auf Deutsch“ machen. Da habe ich gerade dieser Tage dran denken müssen. Ein schönes Thema, um es hier nochmal ein bisschen zu beleuchten.

1960er
Wir gehen einfach mal die Jahrzehnte durch. Den Anfang von Dylan auf Deutsch machten Marlene Dietrich mit „Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind“ sowie Christopher & Michael. Während die erstere weiterhin Legendenstatus hat, sind die beiden anderen leider mittlerweile vergessen. Die beiden Frankfurter Liedermacher Christopher und Michael haben auch Dylan-Songs auf Deutsch gesungen. Aber das war alles noch voller Pathetik, noch waren Blues, Beatpoesie und die entsprechend lässige Haltung in Deutschland nicht richtig angekommen.

1970er
Zwei Songs gehören hier unbedingt genannt, weil sie nämlich zeigen, wie gut Dylan funktioniert, wenn man ihn frisch und ohne falschen Respekt auf sein eigenes Umfeld, Milieu und Idiom überträgt. Sowohl der Wiener Wolfgang Ambros (Allan Wia Stan), als auch die hessische Bernies Autobahn Band (Wenn es Nacht ist in der Stadt) haben hier bahnbrechendes geleistet. Und lässiger Folk-Blues und treibender Rock sind endlich im deutschsprachigen Raum angekommen.

1980er
Eine echte „Zeitgeist-Perle“ ist Paolas Version von „Mr. Tambourine Man“. Elf Jahre nach Woodstock erinnert die Sängerin in einer Schlagerversion des Songs die jetzt im bundesrepublikanischen Hier und Jetzt angekommene Protest- und Hippie-Generation an ihre wilde Zeit. Doch die tragen jetzt Sakko zum Turnschuh und sind Lehrer oder werden bald Minister sein. Ende des Jahrzehnts ist es schließlich Georg Ringsgwandl, der wieder das oben gesagte bestätigt, und auf bayerisch mit „Nix Mitnehma“ eine Version von „Gotta Serve Somebody“ einspielt, die dem so fatalistisch-autoritätsgläubigen Original in seiner Subversivität deutlich überlegen ist.

1990er
Es war die Lichterkettenzeit, als nach den Morden von Mölln und Solingen, sich diese Bewegung sich etwas zu gutmeinend und staatstragend verhielt, während die Asylgesetze verschärft wurden. Der leider viel zu früh verstorbene ebenso geniale wie gnadenlose Satiriker (und Bob Dylan-Freund!) Wiglaf Droste schrieb zu seiner Version „Musse Feife Inne Wind“ im „Neuen Deutschland“: „…abgesehen von diesen und diversen schon zuvor geäußerten Einwänden gegen auf links gestrickten Kitsch, Gratishumanismus und Gesinnungshuberei in Form von Lichterketten oder welchem sonstigen Gewürge auch immer, ist es mir unbegreiflich, warum, wenn man schon dergleichen veranstaltet, dann nicht auch die lagerfeuertaugliche und kerzenkompatible Hymne aller Tugutheinis dieser Welt ertönt, die Internationale der Fortschrittlichkeitsflachpfeiferei, Blowin‘ in the Wind von Bob Dylan, allerdings passend in der von Herrn Gerhard Henschel, Frau Kathrin Passig und mir besorgten Übersetzung ins Pidgindeutsche…“

2000er
Wieder kam gutes in Sachen „Dylan auf Deusch“ aus Hessen. Denn mitten aus dem „echten“ Frankfurt, im Gallus kamen die DoubleDylans. Mit ihrem Album „RettichRetter“ im Jahr 2007 leisteten sie etwas bislang nie dagewesenes: Sie überführten die Dylan’schen Songmotive in einen Gemüsekosmos und damit auf eine Stufe des höheren, doppelbödigen Blödsinns, die bis heute nicht wieder erreicht wurde.

2010- heute
Ich mag diesen Beitrag heute mal schräg enden lassen. Denn was rauskommt, wenn ein deutscher Rocksänger – (ich meine ja ein Rock-Schlagersänger) sich an dem wieder erstarkten Interesse an Dylan dranhängen will, aber einfach nicht von seinem eingefahrenen deutschen Stadion-Rock mit verschwurbelten Texten runterkommt, ist Peter Maffays „Gelobtes Land“, das überall mit beschwörender Stimme als Coverversion von Dylans „Girl From The North Country“ bezeichnet wurde. Von wegen: Es ist eine penetrante Pseudo-Springsteen-Mucke mit Maffays bekannten ziel- und sinnlosen Bildern zwischen Rock-Bombast und Religions-Brimborium. Für mich ein musikalisches Verbrechen und das mieseste deutsche „Dylan-Cover“ aller Zeiten. Noch schlechter als Mike Krügers „Nackig an der Himmelstür“ und „Komm’ doch rei, komm’ doch rinn“ von Malepartus. Denn dieser Mist von Maffay nimmt sich auch noch ernst.

Aber was soll’s: Eh isch misch uffreesch, is mers egal. Und nein, das ist nicht Bob Dylan auf hessisch…

Unten könnt Ihr die Radiosendung nachhören und für die ganz Harten habe ich auch den Maffay im Angebot!

Bis Morgen!
Best
Thomas

22. Mai 2018: Denknomaden im Radio X

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (27)

19. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute halte ich die Sonntagsruhe ein!

Und beschäftige mich dem Sonntag im Countrysong. Marty Stuart hat vor ein paar Jahren mal ein schönes Doppel-Album mit dem Titel „Saturday Night & Sunday Morning“ veröffentlicht und zum Ausdruck gebracht, um was sich Countrymusik im Großen und Ganzen dreht. Am Samstagabend wird einer harten Arbeitswoche so richtig abgefeiert, am Sonntag ist man dann ganz fromm in der Kirche.
Mit den hier ausgewählten Songs lässt sich anhand dieser Themenstellung eine Rückwärtsbewegung in der Countrymusik feststellen.

Der Titel „I’m S-A-V-E-D“ von den Georgia Yellow Hammers aus dem Jahre 1927 ist eines der witzigsten Old Time Stücke, die ich kenne. Denn hier wird der Sonntagsgottesdienst zum Anlass genommen, sich über Bigotterie und Doppelmoral lustig zu machen. Hier ein Auszug:

„I know a man; I think his name is B-R-O-W-N
He’ll talk for pro’bition but vote for R-U-M
He’ll help to mix the poison in his neighbor’s C-U-P
But yet he’s got the nerve to say, I’m S-A-V-E-D

I’m S-A-V-E-D, I am, I’m S-A-V-E-D (I am)
I know I am, I’m sure I am, I’m S-A-V-E-D“

In den kommenden Jahrzehnten verlor die Countrymusik ihre Derbheit und ihren bösen Witz. In den frühen 1960er Jahren war die Country-Welt heil und fromm. Bill Monroe singt mit „I’ll Meet You In Church in Sunday Morning“ ein braves Bluesgrass-Gospelstück der Stanley Brothers.

Erst Ende der 1960er war es Kris Kristofferson, der in „Sunday Morning Coming Down“ die Wahrheit aussprach „Wer am Samstagabend gesoffen hat, dem ist es Sonntagmorgen schlecht. Da ist an Kirchgang natürlich nicht zu denken.

Wieder ein paar Jahrzehnte später sind die bösen Outlaw-Gedanken ins Americana-Genre verzogen und Miranda Lambert zaubert einen idyllisch schönen Sonntag im Süden zwischen Limonade und Kirchgang hervor.

Ach so, auch unser Freund Bob Dylan hat einen Song mit Sunday im Titel. Passenderweise ist es ein Songfragment aus den Blonde On Blonde Sessions von dem man nicht einmal erahnen kann, warum es „Medicine Sunday“ heißt. In Zeiten von Corona mit Abstandsregeln beim Parkbesuch sowie Desinfektion und Händewaschen regelmäßig aber absolut passend. Da ist jeder Sonntag „Medicine Sunday“.

In diesem Sinne bis Morgen
Best
Thomas

The Georgia Yellow Hammers – I’m S-A-V-E-D

Bill Monroe – I’ll Meet You In Church Sunday Morning

Kris Kristofferson – Sunday Morning Coming Down

Miranda Lambert – Just Another Sunday In The South

Bob Dylan – Medicine Sunday