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„Hard Rain“ Forever!

12. September 2020

Bob Dylans Live-Album von 1976 bleibt für mich immer etwas besonderes und ist definitiv eines seiner aufwühlendsten Werke

In Großbritannien war der Musikjournalismus schon immer ein bisschen anders. Schräger, lauter und oftmals recht nahe an dem Boulevard für den „The Sun“ steht, deren Niveau zu Recht berüchtigt ist. Jetzt durch die Online-Welt kann ja jeder sich seine Homepage basteln und seinen Unsinn in die Welt hinausblasen (So auch der Schreiber dieser Zeilen). Sollen sie doch. Oft liest man auch interessante und fundierte Darstellungen.

Problematisch wird es aber, wenn wie jetzt bei „Far Out“ geschehen, schon mal Geschriebenes, eine stramme Zahl von Klischees und eine gesunde Halbbildung ordentlich faschiert, pürriert und dann nochmals aufbereitet werden. Das Stück über „Hard Rain“ im „Far Out Magazine“ ist wie ich finde so ein problematischer Beitrag. Das ist kein Journalismus, sondern Ergebnis eines seelenlosen, hingehuddelten Content Managements. Man halte der Musik-Ikone einfach mal zwei, drei Nullnummern aus dem Back-Katalog vor, schreibe hier und da ab und fertig ist die Laube. „Self Portrait“ hat man sich als die eine Nullnummer – wie originell, gähn! – herausgepickt.

Aber vor allem hat man sich „Hard Rain“ ausgesucht. Und tatsächlich: Die Tournee von der die Live-Aufnahme stammt – die zweite Rolling Thunder Revue von 1976 (RTR II) – war in der Abwärtsbewegung, irgendwo gestrandet im mittleren Westen. Die künstlerische Kraft hatte sie verloren, das magische Band zwischen den Musikern war dünn geworden. Auch die Verfilmung des Konzerts war vergleichsweise dünn und uninspiriert.

Ohne Maske
Ganz anders aber ist der Eindruck, den das dazugehörige Live-Album hinterlässt. Wenn ich mir jetzt wieder das Album anhöre, so ergreift mich das Ding immer noch so stark wie damals. Dylans Schwarz-Weiß-Bild auf dem Cover ist eines der stärksten und berührendsten von ihm, dass ich kenne. Der Maskenmann scheint uns hier tatsächlich ungeschützt anzusehen. Na, ja, vielleicht ein bisschen viel Mascara unter den Augen, aber das verstärkt den traurigen und nachdenklichen Ausdruck. Und tatsächlich: Dylan weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wo es hingehen soll. Beschwingt vom Rolling Thunder-Erlebnis schaute er auf dem „Desire-Cover“ noch optimistisch nach vorne. Jetzt scheint er ratlos zu sein. Die Tour, die so triumphal begonnen hat, ist versandet. Seine Ehe und die „Menage Aux Trois“ mit Sara und Joanie im Film auf der Tour zu Ende. Was nun? Also stürzt er sich in sein Filmprojekt und wirft wohlüberlegt und absichtsvoll produziert diese Platte noch auf den Markt.

Dylan ist darauf verletzt und wütender denn je. „Hard Rain“ knüpft daher fast unmittelbar an „Blood on The Tracks“ an. Drei Songs alleine von dem Album, insgesamt sieben Songs von neun, die man in Relation zu seinen Beziehungsproblemen stellen könnte. Doch war „Blood On The Tracks“ noch die Auseinandersetzung mit künstlerisch geschliffener Feder, so haut uns Dylan jetzt die Worte scheinbar mit dickem, fettem Textmarker um die Ohren. Und jault und greint und faucht und schreit und wütet: „Like a cork ccrew in my heaaart!“ oder „You’re an idiot, babe, It’s a wonder that you still know how to breathe“ – Hahaha!

Agressiv, Wütend, Verstört
Dazu die Musik: Roh und ungeschliffen und laut und mitreißend, mancher sagt Dylan hätte hier Punkmusik gemacht. Und tatsächlich – Dylans Musik, die auf „Desire“ und „Rolling Thunder“ noch von Folk-Rock und Melodik geprägt war – ist hier ein ziemlicher „hau drauf“. Dylans Haltung ist aggressiv, empört, verstört – voller zorniger Trauer und selbstgerechter Anklage. So spielt er auch „Maggies Farm“ und „Stuck Inside Of Mobile“, die zwei, die in keiner Beziehung zum Liebesleid zu stehen scheinen. Aber auch die sind Ausdruck von der Unzufriedenheit mit der Welt.

„Hard Rain“ ist Dylan’scher Existenzialismus in Höchstform. Ist auch ein bisschen nihilistisch, erzählt aber vor allem von einem Verlorenen in einer bedrohlichen Welt. Und Dylan weiß momentan keinen Ausweg. Wo er in jungen Jahren altersweise schien, oder einfach hoffnungsvoll, voller Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten war, scheint er jetzt tatsächlich angeschlagen. Private und künstlerische Misserfolge – RTR II – zehren an ihm. Er reagiert wie ein angeschlagener Boxer.

Heute wissen wir natürlich wie Dylan das auflöste. Erst mit einem großartigen Mummenschanz und der Schubidu-Welttournee 1978, dann voller Hoffnung im freien Fall unter die Gottesanbeterinnen und fundamentalen evangelikalen Prediger. Es folgen die Selbstbefreiung, ein Jahrzehnt in künstlerischer Krise und dann das Comeback wie Phoenix aus der Asche.

Damals aber, im September 1976, legte er eines seiner eindringlichsten, aufwühlendsten und stärksten Alben vor: „Hard Rain“. Ich höre mir es mir gleich nochmal an. Und nicht vergessen: „Play It Fucking Loud!“

Hard Rain – Trackliste:
„Maggie’s Farm“
„One Too Many Mornings“
„Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“
„Oh, Sister“ (Dylan, Jacques Levy)
„Lay Lady Lay“
„Shelter from the Storm“
„You’re a Big Girl Now“
„I Threw It All Away“
„Idiot Wind“

Von Buddha bis Woody

4. Januar 2016

DesireVor 40 Jahren erschien Desire. Dem Top-Album folgte eine ebenso produktive wie umstrittene Schaffensphase Dylans

Am 5. Januar 1976 erschien Bob Dylans Album „Desire“. Es ist nicht nur eines der bis heute erfolgreichsten Alben des Meisters, sondern für mich auch eines seiner Schönsten und Wichtigsten.

Den ersten Dylansong, den ich je bewusst gehört habe, war „Hurricane“. Im Schulunterricht, als es um Protestsongs ging. Ja, es waren die Siebziger. Der Song faszinierte mich: Melodie und Rhythmus waren straight nach vorne gerichtet und der Typ, der sang, war gleichzeitig unglaublich zornig und unheimlich cool.

Also kaufte ich mir „Desire“ im Kaufhof als preisgünstige israelische Pressung und es breitete sich, auch wenn ich nicht alles verstand, ein ganzes Universum vor mir aus. Denn auf dieser Platte wurden ja neben dem Boxer Rubin Carter auch noch eine „Isis“, ein „Joey“ und eine „Sara“ besungen. Und die Texte waren teilweise realistisch wie eine Reportage – „Hurricane“ und „Joey“ – und teilweise mystisch vertrackt wie „Oh Sister“ oder „Isis“. Die Songs hätten Filmdrehbücher sein können – „Romance In Durango“ und „Black Diamond Bay“ und sogar ein völlig überflüssiger trivialer Song war dabei, der mir aber stets gute Laune machte: „Mozambique“. Ein Album mit klaren Konturen und Schwerpunkten, sowie einer inneren Logik. Und dennoch in seiner Vielfalt so aufregend.

Denn Dylans Meisterwerk war dessen Ausdrucksform, für alles, was ihn damals umtrieben hat. Das Ende seiner Ehe, die Empathie für gesellschaftliche Outsider, die Lust auf ein Folk-Rock-Revival und die Suche nach neuem Sinn. Und so treffen sich hier also mystische Weisheiten mit Gangsterballaden, politischer Protest mit Hippie-Theater, Commedia dell‘ arte mit Medicine Show: „Buddha meets James Cagney meets Woody Guthrie meets Hank Williams meets Allen Ginsberg“ – Dylans Gedankenwelt dieser Zeit ist in seiner Grenzenlosigkeit großartig!

Dieses Album ist nicht denkbar ohne den Impuls Dylans, zurück „On The Road“ zu gehen. Als es erscheint haben Dylan & Kollegen eine triumphalen ersten Teil der Rolling Thunder Review in kleinen Sälen im Nordosten, Dylans „Magical Mystery Tour“, hinter sich. Doch wie immer bei Dylan ist auch dieser Moment so flüchtig. Denn den Triumph von Platte und Tour folgt der Flop des zweiten Teils der Review, dem in den Stadien des mittleren Westens die Luft ausgeht. Das indian summer farbene Feuer des Gründergeistes der Neuengland-Staaten erstickt in der endlosen Weizenfeld-Monotonie des „Heartlands“. Das Tondokument „Hard Rain“ ist ein Zeugnis dafür, dass hier immer noch großartige Musik gemacht wird – Dylans Stimme ist nur noch zornig und böse, selbst in den Lovesongs nie zärtlich, sondern immer sehr viril: Bestimmend, fordernd, voller Verlangen. Die Musik dazu ist hart, krachig und nimmt teilweise den Punk vorweg. Das gleichnamige TV-Special jedoch ist konzeptlos und merkwürdig fahrig und unfokussiert gefilmt. Es spiegelt daher in keinster Weise die Energie der Auftritte wieder, auch wenn es hübsche Momente – Bobbie & Joanie! – hat.

Zu Ende geht diese Phase im Dylan’schen Schaffen dann mit zwei weiteren Filmen: Sein eigener – „Renaldo & Clara“ geht unter. Zu lange, zu kompliziert, zu künstlerisch ambitioniert und sicherlich auch zu unausgegoren, wird er mit hämischen und bösen Kommentaren nur so zugeschüttet. Der Film ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeführt worden und ist offiziell auch nicht erhältlich. Hätte er sich darauf beschränkt, aus dem Live-Material der ersten Rolling Thunder Review mit einem guten Regisseur einen Konzertfilm zu machen, der Erfolg wäre ihm sicher gewesen.

So wie „The Last Waltz“. Robbie Robertson, der coole kalkulierende Businessman, hatte dies mit dem Abschiedskonzert von The Band so gemacht und gewonnen. Martin Scorseses Konzertfilm ist bis heute eine der Besten. Und – das passt zu Tragik Dylans in dieser Zeit – sein Auftritt im Film ist der absolute Höhepunkt auf den der Film hinsteuert. Auch hier purer Vollstoff-Rock’n’Roll.

Dylans Desire und seine Aktivitäten 1975/76 sind auch als eine Phase des Übergangs zu bewerten. Es folgten die Scheidung und finanzielle Verluste, eine erfolgreiche Welttournee 1978, die dennoch oftmals auch als Alimente-Tour und Las Vegas-Rentnernummer verspottet wurde und dann 1979 der Übertritt ins Christentum. Nichts war vorerst mehr geblieben von der oben genannten ebenso eklektischen wie grenzenlosen Gedankenwelt. Er brauchte einige Zeit, um sich aus dem engen fundamental-christlichen Dogmengebäude wieder zu befreien. Aber er schaffte es.

Dieser freigeistige, immer noch rebellische Verwirrkopf von „Desire“ hat mich damals angesprochen, als ich die Platte hörte. Ihn suche und finde ich seither immer noch in jeder Platte, in jedem Konzert und hinter jeder Maske, die er sich aufsetzt.