Archive for the ‘Film’ Category

Brot und Rosen

6. September 2019

Das neue Cuppatea-Album „Silberstreif“ enthält auch Querbezüge zu Bob Dylan und Americana

Entscheidend zu Kultur der amerikanischen Arbeiterlieder und Protestsongs beigetragen haben die „Wobblies“ genannten Mitglieder und Aktivisten der IWW (Industrial Workers oft he World). Aus ihrer Bewegung heraus – die Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals Geschlechter-, Rassen-, Herkunfts- und Branchenübergreifend Arbeiterinnen und Arbeiter organisierte – entstanden unzählige Gewerkschafts, Arbeiter- und Protestsongs, die sich dann im berühmten „Little Red Songbook“ der IWW wiederfanden. Neben den Songs des charismatischen Gewerkschaftsführers und Songwriters Joe Hill (der wiederum selbst besungen wurde) ist es vor allem das Lied „Bread and Roses“, das zum Klassiker geworden ist.

Der Slogan „Brot und Rosen“ stammt aus einer Rede der New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman im Jahr 1911. Ihr ging es nicht nur um mehr Lohn, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiterinnen. Der Slogan fand Eingang in das Gedicht „Bread and Roses“ von James Oppenheim. 1912 wurde Brot und Rosen eine Streik-Parole und wurde auch als Lied mit dem Streik von mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence, Massachusetts bekannt. Seitdem wurde das Lied zu einem Klassiker der Internationalen Gewerkschaftsbewegung und der Frauenbewegung

Das Gedicht „Bread and Roses“ von Oppenheim wurde 1976 von Mimi Fariña, der Schwester von Joan Baez vertont, und von verschiedenen Interpreten und Interpretinnen wie Judy Collins, Ani DiFranco, John Denver oder eben auch Joan Baez aufgenommen. Die bekannteste Übertragung ins Deutsche schuf 1978 von Peter Maiwald. Renate Fresow vertonte es neu.

Nun hat „Cuppatea“ aus Münster das Lied neu aufgenommen. Das Duo, das sich vor allem auch dem politischen Lied verschrieben hat, spielt auf seinem neuen Album „Silberstreif“ eine wunderschöne Version, die dem auch in Deutschland oft gebrauchten und gehörten Kampflied neue, lyrische und ästhetische Seiten abgewinnt. Getragen wird ihre Fassung von der ausdrucksstarken und klaren Alt-Stimme von Sigrun Knoche. Melodisch orientieren sich Sigrun Knoche und ihr Partner Joachim Hetscher eindeutig an der Originalmelodie, so wie sie auch Joan Baez gesungen hat.

„Brot und Rosen“ ist übrigens auch in die Filmwelt eingegangen. So wurde der Song ein wichtiger Teil des Films „Pride“ aus dem Jahre 2014, der die Geschichte der Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ während der britischen Bergarbeiterstreiks in den 1980er Jahren erzählt. Und die englische Regie-Legende Ken Loach nahm den Slogan als Titel für seinen Film aus dem Jahr 2000 über die illegalen Einwanderin Maya, die sich in den USA für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ihrer rechtlosen Kollegen einsetzt.

„Silberstreif“ ist natürlich kein „Americana-Album“, aber wegen seiner schönen Folkmusik mit politischer Haltung ohnehin hörenswert. Zwei weitere Songs sind für mich neben „Brot und Rosen“ als Americana- und Bob Dylan-Apologeten ebenfalls besonders interessant. Der zweite Song auf dem Album heißt „Ich warte auf den Bus“ und ist eine deutsche Übersetzung von „Waiting For The Bus“ von „Chumbawamba“. Das Lied erzählt die Geschichte des Afroamerikaners Gary Tyler, der als Opfer der Rassenjustiz in einem obskuren Prozess des Mordes für schuldig befunden wurde und erst nach vier Jahrzehnten durch den Einsatz von Menschenrechtsorganisationen im Jahre 2016 frei kam. Eine Geschichte, die sich einreiht in die Erzählungen über Emmett Till, Hattie Caroll, Medgar Evers oder Rubin „Hurricane“ Carter, die allesamt Opfer des Rassismus in den USA wurden und deren Schicksal unter anderem auch durch die Songs von Bob Dylan einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.

„Wild Mountain Thyme“ schließlich, das alte irische Volkslied, das Joachim Hetscher hier sehr ruhig und zurückgenommen singt- nur im Chorus von Sigrun Knoche unterstützt – entfaltet in der Cuppatea-Version eine besondere nachdenkliche Präsenz. Auch Bob Dylan hat diesen Song immer wieder mal im Laufe seiner Karriere ausgegriffen. So gibt es eine Version von 1961 vom Minnesota Hotel Tape, von 1965 mit Joan Baez, von 1969 beim Isle Of Wight Festival. Die schönste Version aber, die Dylan von diesem Traditional aufgenommen hat, stammt von der Rolling Thunder Revue 1975. Eine schwungvolle midtempo-Version mit Joan Baez. Sicher dürfte seine Liebe zu dem Song auch durch seine Freunde von den Clancey Brothers beeinflusst worden sein, die den Song 1962 aufnahmen und Anfang der 1960er Jahre von New York aus zum Revival der irischen Folkmusik beigetragen haben.

Das Album „Silberstreif“ von Cuppatea ist über die Website http://www.cuppatea.de erhältlich.

Cuppatea beim Pete Seeger Tribute in Darmstadt:

Bob Dylan, Joan Baez & The Rolling Thunder Revue: Wild Mountain Thyme

Happy 78th Birthday, Bob!

24. Mai 2019

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Heute wird Bob Dylan 78 Jahre alt. Von mir die besten Glückwünsche an den Künstler, ohne den ich ein anderer wäre. Der mich in der Jugend mit „Hurricane“ für gesellschaftskritische Songs begeistert hat, der mich zum Singen gebracht hat, von dem ich unheimlich viel über Amerika und dessen Musik erfahren habe. Und der mich schließlich seit einigen Jahren immer wieder bei Live-Konzerten begeistert.

Er lässt mich nicht mehr los. Ist wichtiger Gegenstand meiner musikjournalistischen Arbeiten, meiner Seminare und stand immer wieder im Fokus meiner Konzertveranstaltungen. Heute Abend feiern wir ihn in Frankfurt in der Denkbar. Und Ende November zum Jahresausklang von „Americana im Pädagog“ wird er auch wieder im Mittelpunkt eines großen Abends stehen.

Bald wird mit dem Netflix-Scorsese-Film über die Rolling Thunder Review und den gesammelten Konzertmitschnitten dieser Zeit das nächste Kapitel aufgeschlagen. Und dann folgen auch schon wieder die nächsten Europa-Konzerte. Bleibt die große Frage ob wir nochmal die Veröffentlichung eines Albums mit neuen Songs erleben dürfen. Er scheint ja neben den Konzerten dieser Gage mehr Zeit und Aufmerksamkeit aufs Malen, Gartentore schweißen und Whiskey machen zu verwenden.

Wie auch immer, was jetzt noch kommt ist ohnehin nicht mehr als die Zugabe. Wobei Dylan wäre nicht Dylan, wenn auch ein erneuter Geniestreich möglich wäre.

In diesem Sinne bleibst Du auch weiterhin spannend, alter Bob. Gratulation!

10 Jahre Cowboy Band Blog: Der Typ mit dem Hut

1. Mai 2019

Persönliche Gedanken zu Film und CD-Box zur Rolling Thunder Revue

Immer wenn wieder die Rolling Thunder Revue vom Dylan-Camp und Afficionados (Martin Scorsese!) aufgegriffen wird, ist das was Besonderes für mich. Denn „mein Dylan“, also der, den ich für mich entdeckte, war der Typ mit dem Hut aus der „Desire/Rolling Thunder-Phase“. Es muss Ende 1976 gewesen sein, als ich im Schulunterricht Bob Dylan begegnete. Wir beschäftigten uns im Deutschunterricht mit Protestsongs und ich hörte zum ersten Mal Bob Dylan. Er sang „Hurricane“ so böse und rebellisch und doch so cool, und dazu war die Musik so mitreißend und treibend. „Desire“ wurde daher meine erste Dylan-Platte, denn vorher noch bekam ich die „Greatest Hits“-Musikkassette zu Weihnachten geschenkt und ich besorgte mir „Hard Rain“ ebenfalls auf Musikkassette. Am 5. Juli 1977 wurde dann der „Hard Rain“-Konzertfilm von der ARD zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Unglaublich und ich konnte ihn sogar zu Hause sehen!

Dylan-Filme
Ich weiß noch, dass ich in diesen Jahren mit einem Freund zusammen „The Last Waltz“ im „Pali“ in Darmstadt gesehen habe. Die magische Szene im Scorsese-Film über das Abschiedskonzert von „The Band“, als die Kamera langsam von ganz oben nach weiter unten schwenkt bis der großkrempige weiße Hut Dylans ins Bild kommt. Immer noch Gänsehaut. Und irgendwann 1978 oder ’79 habe ich dann Dylan stundelanges leider völlig unterschätztes und zu Unrecht verrissenes Film-Epos „Renaldo und Clara“ im Darmstädter City-Kino in der Schulstraße gesehen. Habe vorher das Kinoprogramm in der Telefondurchsage gecheckt und mit mir waren glaube ich drei andere in der Nachmittagsvorstellung, die waren älter und Dylan-erfahrener. Ich hatte nichts verstanden und fand es trotzdem faszinierend. Dylan mit Hut und großartiger Livemusik. Zu Bob Dylan ins Konzert fand ich 1978 aber nicht, dafür sah ich ihn dann 1981 das erste Mal in Mannheim im Eisstadion. Da war er aber ohne Hut.
Nun also wird erneut diese Rolling Thunder Revue gewürdigt. Von Scorsese mit einem Film, der von Netflix als „teils Konzertfilm, teils Dokumentation, teils Fiebertraum“ bezeichnet wird. Schade mit Netflix, aber hier hat Scorsese Geld und alle Freiheiten bekommen. In dem Alter und bei der Bedeutung der er hat, hat er keine Lust mehr auf die Bedingungen des herkömmlichen Filmbusiness. Und wir hoffen, dass wir jemand kennen, der Netflix hat bzw. dass das Ding dann bald auch auf DVD erscheint.

Dylans Musik und ihre gesellschaftlichen Hintergründe
Der Film und die Tour prägen bis heute mein Bild von Dylan und meine Rezeption von Konzerten und Musik. Vielleicht mag ich es deswegen so, wenn ich bei „Americana im Pädagog“ Veranstaltungen mit großem Line-up zu Dylan, Guthrie oder Seeger machen kann. Dann bin ich der Typ mit dem Hut. Der aber nicht Musik macht, sondern über sie und ihre gesellschaftlichen Hintergründe erzählt. Und das mache ich mittlerweile auch jährlich auf mehreren Seminaren und Vortragsveranstaltungen. Auch das gehört zu meiner Bob Dylan-Rezeption. Ob der Typ mit dem Hut es jetzt wollte oder nicht: Seine Musik hatte und hat gesellschaftliche Relevanz. Entweder in den Bezügen in den Texten oder in der Wirkung. Und das nicht nur bei offensichtlichen Protestsongs wie „Hattie Caroll“, „George Jackson“ oder „Hurricane“, die übrigens auch Dylans starken Link zu Black Community aufzeigen. „Gotta Serve Somebody“ atmet den Zeitgeist der konservativen Wendezeit in den USA Ende der 1970er. „Union Sundown“ (1983) reflektiert den neoliberalen globalen Kapitalismus ebenso wie „Working Man’s Blues #2“ (2006). Abgesehen von Dylans Ansage für die unter der Herrschaft der Banken leidenden amerikanischen Farmer bei Live Aid 1985, die Jet-Set-Moralist Geldof schlichtweg nicht verstanden hatte. Ich schlug mir damals im Juli 1985 die Nacht um die Ohren, um dann den merkwürdigen Auftritt von Dylan mit Ron Wood und Keith Richards erleben zu dürfen. Nach drei Stunden Schlaf ging es dann ins internationale Falken-Zeltlager nach Döbriach.

Von Bärten und Hüten
Mit Masken, Bärten, Sonnenbrillen und Hüten meint man ja, sich gut tarnen und verstecken zu können. Dylan, der ja im Grunde sich immer verstecken will, was aber im Widerspruch zu seinem Beruf als öffentlich auftretender und wirkender Künstler steht, hat daher die Sonnenbrille als Element der Coolness in die Rockmusik eingebracht. Vorher war da nur Buddy Holly mit Hornbrille. Zum ersten Mal mit Hut zeigte er sich dann auf seiner Country-Platte Nashville Skyline (ha! Cowboy Band!), dann wurde der Hut während der Rolling Thunder-Jahre zum Markenzeichen, verschwand 1978ff. Da waren dann (wie in Nürnberg 1978) wieder gepunktete Hemden und Sonnenbrille en vogue, ab und zu kam 1978 ein Zylinder (!?) in den Einsatz. In den Achtzigern war er nur auf der 1984er Tour in dem überhaupt für Dylan so schwierigen Jahrzehnt mit Hut zu sehen. Auf der Never-Ending-Tour sah ich ihn und entdeckte ich ihn neu für mich 1991 in Offenbach mit Hut. Das mit dem Bart übrigens hat bei Dylan nie so richtig, das Cover von „New Morning“ (1970) zeigt warum. So richtig klappt das bei ihm nicht. Fusselbart halt. Im Gegensatz zu mir, der ich bis Ende der 1980er einen struppigen Vollbart trug. Sicher auch ein Versteckspiel. Meinen ersten Hut kaufte ich mir indes erst Anfang der 1990er.

Jetzt trage ich ganz offensiv Hut, auch mal Cowboy-Hut. Und betreibe den Cowboy-Band-Blog seit gut 10 Jahren. Meine Arbeiten bei country.de – ebenfalls seit 10 Jahren! – sind bei allen Freiheiten, die ich dort habe (tausend Dank an Dirk & Beate!) immer ein bisschen zielgerichteter und formaler und eben vorwiegend über andere Americana-Künstler. Auf meinem Cowboy Band-Blog schreibe ich vorwiegend über Bob Dylan, aber auch über persönliches und alles was darüber hinaus mit Americana und nicht unmittelbar mit veröffentlichter Musik zu tun hat.

Danke, Bob Dylan!
Mein Blog ist ein Geschenk für mich, das ich zu schätzen weiß. Ebenfalls, dass ich mich traue kritisch zu denken, zu schreiben und es zu veröffentlichen. Und dafür auch noch Lob und Respekt bekomme. Ohne den Typ mit dem Hut aus den Jahren 1975/76, der jetzt wieder in den Fokus der großen Öffentlichkeit gerückt wird, gäbe es diesen Blog und dies alles für mich nicht. Dafür und für noch viel mehr ein großes Dankeschön an den Künstler Bob Dylan!

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/

The Hate U Give

4. März 2019

Bei den Oscars wurde jüngst „Green Book“ als bester Film des Jahres ausgezeichnet. Welch ein fataler Irrtum. Denn dieser Film nutzt die Rassenfrage in den USA nur als Oberfläche für ein Feelgood Buddy-Movie mit einem ungleichen Paar. Ein bisschen „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, ein bisschen „Ziemlich beste Freunde“. Der Dimension der Rassentrennung und des Rassismus im Süden der USA in den 1960er Jahren wird dieser Film nicht gerecht. Ein Beitrag zur heutigen Situation ist er auch nicht. Aber vor allem: Er wird aus der Sicht der Weißen erzählt.

Schonungsloser Blick auf amerikanische Realitäten
Wenn ich einen Film des Jahres benennen dürfte, dann wäre es „The Hate U Give“. Denn der Film zeigt schonungslos den immer noch herrschenden Alltagsrassismus in den USA auf. Wer schwarz ist, der lebt mit großer Angst bei jeder Verkehrskontrolle. Von den rund 1000 durch Polizeischüsse im Jahr getöteten Amerikaner sind rund ein Viertel schwarzer Hautfarbe. Und dies obwohl Afroamerikaner nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Auch Starr Carter wächst in den Garden Height, einem Schwarzenviertel irgendwo in den USA, mit dieser Angst aus. Deswegen hat Daddy Carter ihr und ihren Brüdern schon früh die „Black Panther Regeln“ eingebläut. Vor allem auch die Regel, die besagt, dass man bei einer Polizeikontrolle besser die Hände aufs Armaturenbrett legt. Diese Regeln scheint ihr Freund Khalil nicht zu kennen. Genervt und leichtsinnig agiert er einem Polizisten gegenüber. Greift zu einer Haarbürste und wird vom Officer mit mehreren Schüssen getötet.

Starr Carters Coming-Of-Age
Der Film handelt davon, wie Starr mit diesem Schockerlebnis umgeht, wie sie und eine Bürgerrechtsorganisation mit ihrer Aussage eine Grand Jury dazu bewegen wollen, dass gegen den Polizisten ein Strafverfahren eröffnet wird und wie sie von der TV-Reporterin aufs Glatteis geführt wird und preisgibt, dass Khalil als kleiner Dealer für den Drogengangsterchef King gearbeitet hat. Der Film zeigt den alltäglichen Rassismus der Polizei ebenso wie die Lebenssituation in den Schwarzenvierteln, die von Gangsterbanden beherrscht werden. So gerät Starr und ihre Familie zwischen alle Fronten, verstärkt dadurch, dass sie auf eine bessere Schule außerhalb des Viertels geht, wo sie ihren weißen Freunden gegenüber ihre Ghettoherkunft verschweigt.

Am Ende nutzt ihre Aussage nichts, der Polizist wird nicht angeklagt, eine Protestdemonstration der Schwarzen wird von der mehrheitlich weißen Polizei niedergeknüppelt, der Gangsterchef jedoch nach einem Brandschlag auf Daddy Carters Laden verhaftet. Da spielt sich die Schlüsselszene des Films ab. In den Wirren unmittelbar nach dem Brandanschlag und der Konfrontation zwischen Starrs Vater, dem Gangsterchef King und der Polizei gerät eine Pistole in die Hände von Starrs kleinem Bruder Sekani. Starr erkennt in ihm das Beispiel für Tupac Shakurs Zitat „The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody“. Der Hass, den das System sät und schon Kindern in den Kopf pflanzt, wird alles zerstören. Sie stellt sich vor ihren kleinen Bruder mit eindringlichen Worten und der lässt schließlich die Waffe fallen.

Am Ende ist zwar das individuelle Schicksal der Familie Carter wieder ins Lot gebracht, an dem strukturellen Rassismus hat sich jedoch nichts geändert. Ein Großteil der afroamerikanischen Community ist gefangen im Kreislauf von Rassismus, mangelnder Bildung, Armut und Drogenkriminalität. Vater Starr bringt die Perspektivlosigkeit auf den Punkt. Viele Schwarze aus dem Viertel gehen in die Armee, um ihr Auskommen zu haben. Andere rutschen in die Kriminalität und füllen die Gefängnisse.

Ein starker Film
Der Film von Regisseur George Tillman Jr. funktioniert daher so gut, weil Tillman Jr. eben nicht das Genre des Problemfilms oder des dunklen Dramas wählt, sondern das Ganze in Hinsicht Farbgebung, und Erzählstil auf der Basis eines Teenie-Coming-of-Age-Films aus dem Blickwinkel der 16-jährigen Starr erzählt. Just als der Zuschauer eingelullt zu sein scheint, ob eines amüsanten Films, kommt das Unheil durch den Tod von Khalil mit aller Macht in den Film und es wird deutlich, welche ungelösten Probleme – individuell und gesellschaftlich – hinter der farbenfrohen Fassade lauern. Von nun an gewinnt der Film immer weiter an Tiefe und benennt die Probleme der US-Gesellschaft klar und deutlich.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen erfolgreichen Jugendbuch von Angie Thomas. Doch das Buch, und erst recht der Film, ist auch die Aufmerksamkeit der Erwachsenen wert. Ein ganz wichtiger Beitrag zur Situation der afroamerikanischen Community heute, der filmisch überzeugt: Sympathietragende Protagonisten, eine unbekümmerte, flotte Erzählweise, die stets zeigt, wie eng Witz und Tragik, Freude und Angst nebeneinander existieren können. Ein starker Plot, starke Figuren und ein Schluss, der kein Problem wirklich löst, aber die Hoffnung erhält.

Sergeant, Opernsänger, Farmer

15. Februar 2019

John Ford und Bonanza: Beispiele zur Darstellung von Afroamerikanern im US-Western

Dom Flemons hat uns 2018 wieder einmal daran erinnert, dass zur Besiedlung des Westens der USA im 19. Jahrhundert die Afroamerikaner einen großen Beitrag gebracht haben. Mit seinem Album „Black Cowboys“ erzählt er die Geschichte der schwarzen Cowboys, die an den großen Viehtrails mitgewirkt haben. Der Cowboy ist in der öffentlichen Wahrnehmung stets weiß und angelsächsisch. Dass dies jedoch nicht den historischen Tatsachen entspricht, sondern dass gut 25 Prozent der Cowboys Ende des 19. Jahrhunderts Afro-Amerikaner waren, wird in den USA gern vergessen. Kein Wunder, dass im ureigensten amerikanischen Film-Genre, dem Western, die Afroamerikaner so gut wie keine Rolle spielten.

Es gibt nur wenige Fundstücke: 1938 erscheint mit „Two Gun Men From Harlem“ ein Western nur mit schwarzen Darstellern. Formal ist er „weißen“ Produktionen entsprechend. Da das Budget aber sehr viel geringer ist, überzeugt er letztendlich nicht voll. Es fehlt beispielsweise ein Soundtrack und Schlägereien und Actionszenen wirken doch mitunter amateurhaft putzig. Nichtdestotrotz kann man sich vorstellen, wie gut diese Filme für das Selbstvertrauen der schwarzen Community als Zielgruppe waren. Es sollten mit „The Bronze Buckaroo“ und „Harlem Rides The Range“ (beide 1939) noch zwei weitere Filme dieser Machart folgen.

Der schwarze Sergeant
Bis man sich allerdings traute, im Mainstream-Western eine schwarze Hauptfigur zu präsentieren, sollte es noch über 20 Jahre dauern. 1960 erschien der Film „Der schwarze Sergeant“. Formal erhielt er alle Merkmale eines Western von John Ford: Eine geniale, packende Erzählweise, großartige Bilderkompositionen sowie Fords bekannte Genreversatzstücke wie Kavallerie, weites Land sowie hier und da derbe Humorspielchen mit Alkohol und dem Verhältnis von Mann und Frau. Neu waren der Protagonist und sein Umfeld. Die schwarzen Einheiten der US-Kavallerie, die unter dem Namen „Buffalo Soldiers“ bekannt sind, bilden diesmal den Rahmen für die Erzählung in dem es um die Vergewaltigung und Mordes an einer Jugendlichen und dem Tod ihres Vaters geht. Wegen beidem ist Sergeant Braxton Rutledge – bislang ein Vorzeigesoldat – angeklagt. Der Film nimmt in bis dato im Western nicht gekannter Weise den Rassismus in den Fokus. Trotz des Einsatzes seines Vorgesetzten steht das Schicksal des Sergeants auf Messers Schneide. Erst der Zusammenbruch des wahren Vergewaltigers und Mörders der jungen Lucy und der dadurch auch glaubhaften Notwehr von Rutledge gegenüber des Vater des Mädchens sorgt für den Freispruch und die Rehabilitierung des Angeklagten Soldaten.

Woody Strode reiht sich in die nicht sehr große Riege der schwarzen Darsteller, die Pionierarbeit geleistet haben. Vor ihm ist da vor allem die Schauspielerin Hattie McDaniel (Oscar für die beste Nebenrolle in „Vom Winde verweht“) zu nennen. Interessant ist, dass ex-Footballspieler Strode ebenso durch John Ford in einem Publikumswesten eingesetzt wurde, wir ein Jahr zuvor die Tennisspielerin Althea Gibson in dem John Wayne-Klassiker „Der letzte Befehl“. Ford schien es ein echtes Anliegen, Menschen afroamerikaner Herkunft Raum in seinen Filmen zu geben.

Bonanza
Wer in den 1960er und 1970er Jahren in der alten Bundesrepublik aufgewachsen ist, der kam an ihnen gar nicht vorbei. Ganze Generationen sind mit den Cartwrights von der Ponderosa in der Serie Bonanza groß geworden und haben ihr anfängliches Bild vom Wilden Westen und vom Rancherleben durch die Familienserie geprägt bekommen.

Und das war auch gar nicht so schlecht. Zwar merken Spötter richtigerweise an, dass diese Familie dich sehr amerikanisch-moralisch-tugendhaft daherkam. Aber es waren nicht die schlechtesten Tugenden, die dort vermittelt wurden. Denn hier saß im Gegensatz zu anderen Werken des Western-Genres der Colt nie locker. Stets wurde versucht, Konflikte friedlich zu lösen. Auch Themen wie soziale Gerechtigkeit, Rassismus und Doppelmoral wurden hier behandelt. Und: Ganz selbstverständlich wird hier die Geschichte der USA als Geschichte eines vielfältigen Landes erzählt, das von Einwanderung geprägt ist. Denn Pa Cartwrights drei Söhne stammen von drei verschiedenen Müttern: Adams Mutter stammt aus der angelsächsischen Neu-England-Aristokratie, Hoss‘ Mutter ist eine Schwedin und Little Joe entstammt aus einer Ehe mit einer Südstaaten-Schönheit aus New Orleans. Dort wo sich französische, spanische, kreolische, afrikanische und angelsächsische Kulturen vermischten.

Das Schicksal von Afroamerikanern steht besonders in zwei Folgen im Mittelpunkt. gerade aus, straff und unterhaltsam-ironisch erzählt ist „Die Thomas Bowers –Geschichte“ (The Thomas Bowers Story, 1964). Sie handelt davon dass der berühmte Opernsänger Thomas Bowers vom Frauenverband nach Virginia City eingeladen wird. In Unkenntnis, dass er schwarz ist. Also muss er den alltäglichen Rassismus erleben. Wird von den kulturbeflissenen Damen verleugnet, vom Hotelbesitzer abgewimmelt und als vermeintlicher gewalttätiger entlaufener Sklave festgesetzt. Doch wie immer: Das Schicksal und die Cartwright regeln alles zum Besten und am Ende rettet Bowers das Publikum, das einen Florence Foster Jenkins-artigen Auftritt einer selbst ernannten Opernsängerin über sich ergehen lassen muss mit seinem kunstvollen Gesang.
Weniger optimistisch ist dagegen die melodramatische Folge „Johns größter Wunsch“ (The Wish, 1969). Unter der Regie von Michael Landon erzählt sie von der afroamerikanischen Familie Farmersfamilie Davis, die Schwierigkeiten hat, ihre Farm zu bewirtschaften, weil sie von der nächstgelegen weißen Dorfgemeinschaft boykottiert werden. Hoss hilft ihnen, löst auch einen akuten Konflikt zugunsten der Familie. Letztendlich aber zieht die Familie weiter, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie wie Menschen behandelt werden.

Zwischen den beiden Folgen liegt der optimistische Aufbruch in die 1960er mit Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung, der Aufhebung der Rassentrennung und dem Friedensnobelpreis für Martin Luther King. Das Jahrzehnt endet aber mit der Ermordung von Robert Kennedy und Martin Luther King und der Wahl von Richard Nixon zum US-Präsident. Und so scheint auch Landon sagen zu wollen: „Ändern sich Mensch und Gesellschaft wirklich nie?“

Wichtige Beiträge zur Behandlung des Rassenkonflikts in Film und Fernsehen
Wenn man das Westerngenre überhaupt und John Fords Filme und die Bonanza-Serie im speziellen als reinen, rückwärtsgewandten Kitsch abtut, dann unterschätzt man das durchaus – bei allen Widersprüchen – fortschrittliche, manchmal sogar subversive Potential der beiden Genre-Leuchttürme. Western waren durchaus auch ein Vehikel um unbequeme, kritische Geschichten zu erzählen. John Ford und die Macher von Bonanza haben viel für Selbstverständlichkeit afroamerikanischer Schauspieler und der Behandlung des Rassenkonflikts im US-Film beigetragen. „Wer die Nachtigall stört“ (1962), „In der Hitze der Nacht“ (1966) und „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) waren sicher die vielschichtigeren und anspruchsvolleren Filme zum Thema, aber diese Western erreichten ein Massenpublikum. Sie popularisierten das Thema und halfen mit, zumindest eine Zeitlang den Zeitgeist in Amerika liberaler zu machen.

Die Thomas Bowers Geschichte:

10 Jahre „I’m in a Cowboy Band“

15. Februar 2019

Auch dieses Jahr reihen sich wieder Jubiläen an Jubiläen: 100 Jahre Gründung der Weimarer Republik, 100 Jahre Pete Seeger, 50 Jahre Woodstock – aber auch 50 Jahre „Nashville Skyline“. Und noch eines soll hier nicht unerwähnt bleiben: 10 Jahre Cowboy Band-Blog!

Obwohl schon viele Jahre Dylan-Fan begann ich erst Mitte der 1990er Jahre über ihn zu schreiben. Befeuert durch eine neue Dylan-Begeisterung durch die Never-Ending-Tour und Konzerte in Offenbach (1991), Wiesbaden (1993), Balingen (1994) und Aschaffenburg und Stuttgart (1995). Inspiriert durch die klugen Schriften zu Dylan von Günter Amendt, Liederschmitt, Paul Williams und natürlich Greil Marcus. Zuerst schrieb ich für die Zeitschrift „Good Times“ über Dylan, aber auch „The Band“, Joan Baez und „The Byrds“. Das ging so bis 2003, dann verschoben sich für ein paar Jahre die Akzente in Beruf und Freizeit zum Fußball, in der Dylan-Welt blieb ich allerdings.

Denn da erfasste mich die schier überbordende Kreativität Dylans in den 2000er Jahren. Als er hätte er Anlauf nehmen müssen, spielt er Ende der 1990er Jahre in seinen Konzerten alte Bluegrass- und Country-Gospel-Nummern, um dann 2001 mit „Love and Theft“ ein Album zu veröffentlichen, mit dem er den amerikanischen Süden in all seiner Mystik, Widersprüchlichkeit und Gefährlichkeit zur inneren wie äußeren Landkarte für die Verortung seiner Songs macht. Zeitgleich erscheint der Film „O Brother, Where Art Thou?“ von den Coen Brüdern mit dem von Dylan-Kumpel T Bone Burnett zusammengestellten Soundtrack aus Old Time Music, Country, Blues und Gospel. Und der Titel ist Homers „Odysee“ entnommen, ein auch für das Dylan’sche Welt- und Lyrikverständnis grundlegendes Werk.

Mit dieser Musik entdeckte ich nicht nur die Wurzeln von Bob Dylan neu – man erinnere sich daran, dass just als dieser Film in den Kinos erfolgreich war, Dylan den Hauptsong des Werks – „I’m A Man Of Constand Sorrow“, den er auf selber auf seiner allerersten Platte drauf hatte, in seinen Konzerten erstmals seit Jahrzehnten wieder spielte – sondern entdeckte ganz neu die weite Welt des Americana. In diesen 2000er Jahren veröffentlichte Dylan „Love and Theft“ (2001), „Masked and Anonymous (2003), „Chronicles (2004), Modern Times (2006) sowie „Together Through Life“ und „Christmas In The Heart“ (2009). Zudem machte er seine Radio Show von 2006 bis 2009. Das alles war erneut prägend für mein Dylan- und mein Musikverständnis.

Und das wollte aus mir raus, das musste ich unter die Leute bringen. Und so erschien am 9. Februar 2009 mein erster Blog-Eintrag auf der von mir neu geschalteten Seite „Im in a Cowboy Band“. Und nur wenige Wochen später im März mein erster Beitrag für http://www.country.de . Auf beiden Websites entstanden meine Vorarbeiten für mein Bob Dylan-Buch, das natürlich wie mein Blog heißt. Denn es soll ja die Verwurzelung von Dylan in der Country- und Americana aufzeigen. Anhand eines Zitats aus seinem 2006er-Song „Nettie Moore“: „Im the oldest son of a crazy man, I’m in a cowboy band“. Das Buch erschien dann 2011. Vorher und nachher habe ich unzählige Blogeinträge gemacht. Über Dylan, aber Americana-Musik, aber auch über Bücher und Filme, die ich unter Americana subsumiere. Und so reicht das Spektrum der Berichte auf diesem Blog von Dylans Konzertauftritten und der Musik der Felice Brothers über Filme von Clint Eastwood bis zu den Büchern von James Lee Burke oder Joe R. Lansdale.

Und die Ideen gehen mir noch nicht aus, so dass für diesen Blog auch kein Ende abzusehen ist. Was das nächste Thema ist? Da fällt mir u.a. eine für meine Generation wichtige amerikanische Sozialisationsinstanz ein, die mit vier Herren im Wilden Westen zu tun hat…

The Mule

4. Februar 2019

Clint Eastwoods hat einen wunderbaren altersweisen Film gedreht

Es gibt amerikanische Idole, die provozieren einfach. An ihnen scheiden sich die Geister. Bob Dylan ist da genauso ein beliebtes Objekt der Auseinandersetzung („Shakespear des Rock’n’Roll“, „Songwriter-Legende“, Folk-Rock-Ikone vs. „Trickser“, „Judas“, „Plagiator“) wie John Wayne („Der war noch ein Mann“, „Begnadeter Westernheld“, „Selbstironischer Heldenfigur“ vs. „Macho“, „Gewaltfanatiker“, Indianerfeind“).

Clint Eastwood gehört schon lange in diese Kategorie. Während sich fortschrittlich-denkende Cineasten ob der „Dirty Harry-Streifen“ mit Grausen abwenden – auch der Schreiber dieser Zeilen konnte sich da nie so recht mit anfreunden – und sein wirrer Wahlkampfauftritt gegen Obama und für die Republikaner einer der Tiefpunkte des Schauspielers war – hat er doch als Regisseur unbestritten Großes geleistet: „Die Brücken am Fluß“, „Mystic River“, „Der fremde Sohn“, „Million Dollar Baby“, „Gran Torino“.Gerade letzterer, mittlerweile mehr als 10 Jahre alt, bot Eastwood die Gelegenheit, von den Deformationen des amerikanischen Traums und der dennoch vorhandenen Hoffnung zu erzählen. Über das Ende der Autoindustrie in Detroit genauso wie über Akzeptanz asiatischer Einwanderer.

Nun eine Dekade, eine Bankenkrise, zwei Präsidenten und dem Siegeszug der digitalen Globaliserung weiter, ist es Clint Eastwood wieder gelungen die Frage nach dem amerikanischen Traum in einen sehenswerten Film zu gießen.Eastwood ist ein Konservativer, aber dennoch meilenweit von Trump entfernt. Er hat Empathie für die Menschen, will sich konstruktiv einsetzen. Er ist kein Raufbold ohne Grund und ist keiner der selbstbezogen immer nur sich sieht. Diese letztere Eigenschaft zeichnet aber seine Filmfigur Earle Stone in „The Mule“ aus. Jahrzehntelang vernachlässigte der Lilienzüchter seine Familie zugunsten seines Berufes, der ihn immer wieder quer durch die USA zu Ausstellungen, Branchentreffen und Messen führte. Dieser Earle Stone ist quasi der stete unruhige Herumtreiber, der ständig in the road ist. So nimmt er dann auch dankend den Kurierjob für ein mexikanisches Drogenkartell an, als ihm, durch den Onlinehandel im hohen Alter ums Geschäft gebracht, finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Für die Mexikaner soll er die heiße Fracht auf klar definierten Routen gen Chicago bringen. Für ihn, dem bewährten und tadellosen Kraftfahrer, eine einfache Sache, einfach verdientes Geld. Und er setzt das Geld auch ganz uneigenhützig ein: Er unterstützt die Ausbildung seiner Enkelin oder den Wiederaufbau eines abgebrannten Tanzschuppens.

Überhaupt ist er ein Helfer. Eastwoord erzählt auch von einem im Untergang befindlichen Amerika des einander helfens. Völlig selbstverständlich hilft er der mit Reifenpanne gestrandeten schwarzen Kleinfamilie. Nicht ohne einen etwas unbedachten Alltagsrassismus an den Tag zu legen: „Na dann kann ich auch mal Euch Negern helfen“, sagt er und erntet eine freundliche und souveräne Korrektur der Betroffenen. Überhaupt verschließt der 88-jährige Eastwood keineswegs die Augen vor dem immer noch latenten Rassismus. Eine der stärksten Szenen ist die, als er mit seinen mexikanischen Aufpassern in Mississippi einem völlig weißen Gaststätte sitzt. Die beiden Latinos werden angestarrt und er erklärt ihnen augenzwinkernd den Grund: „Zwei Bohnenfresser unter lauter Weißbroten!“ Doch damit nicht genug, haut er die beiden auch gegenüber dem rassistischen Sheriff aus der Klemme und bringt ihn mit Geschenken zum Verstummen.

Überhaupt scheint der alte Haudegen doch mitzubekommen, was im heutigen Amerika schief läuft. Ein weiteres Kabinettstückchen ist die Szene mit der Polizeikontrolle, in die einer gerät, weil er auch einen schwarzen Pick-up fährt wie Stone. Die pure Angst vor Polizeigewalt lässt den harmlosen Autofahrer fast schon winselnd den Anweisungen der Cops folgen.

Am Ende versöhnt Earle sich mit seiner Familie, die Kartellchef wird Opfer eines Machtkampfs und sein eigenes Leben steht auf Messers Schneide, als die Drogengangster dann doch noch einen Funken Menschlichkeit beweisen, weil sie den neuen Chef vor einer umgehenden Exekution abhalten. Er hatte aufgrund des Sterbens und der Beerdigung seiner Frau sich eine Auszeit vom Drogenkurierdienst genommen. Die Handlanger haben Herz, Earle geht wieder auf die Piste, nur um dann durch die Verhaftung endgültig aus den Fängen des Kartells gerettet zu werden. Am Ende erkärt er sich vor Gericht für schuldig und wandert hinter Gittern.

Nicht ohne die Ahnung, die die Schlußsequenz erzeugt, dass ihm mit der Möglichkeit, Lilien zu züchten und einen festen Tagesablauf in einem Art „Heim“ zu haben, das Altern erleichtert wird. „The Mule“ ist, so meine ich, ein sehr menschenfreundlicher Film. Eastwood hält die Werte Freiheit, Respekt, Rücksicht und Gemeinsinn hoch und diskreditiert Rassismus, Gewalt und Egoismus. Es ist Americana-Pur: Ein Roadmovie mit starkem Soundtrack aus Jazz und Country, der die amerikanischen Werte hochhält, nicht ohne die dunklen Seiten des amerikanischen Traums zu benennen. Und so ist dieser Film, obwohl er einen Modernisierungsverlierer und damit potentiellen Trumpwähler porträtiert, weit davon entfernt sich an Zynismus und Freude am Krawall zu delektieren.

„Seht her, ich bin ein anständiger, mitfühlender Konservativer“ scheint uns Clint Eastwood sagen zu wollen. Und das reicht schon in diesen Zeiten als Ansage gegen die herrschende Politik. Dies von einem der größten amerikanischen Regisseure und bekennenden Republikaner zeigt, wie verstörend die US-Politik selbst auf alte Fahrensmänner wirkt. Sollte dies Eastwoods letzter Film sein, er wäre ein fabelhaftes Vermächtnis.

Fahrenheit 11/9

3. Februar 2019

Die neue Dokumentation von Michael Moore ist eine Notwendigkeit und recht gut gelungen, auch wenn es hier und da etwas zu plump geraten ist.

Ja, keiner hatte im Ernst daran gedacht, dass Donald Trump Präsident werden könnte. Durchaus mit Genuss suhlt sich Filmemacher Michael Moore in seiner Dokumentation „Fahrenheit 11/9“ im Verfrühten Triumphgeheul des Clinton-Lagers. Sowohl dem politischen Establishment als auch den Medien ging jeglicher Kompass ab, der sie hätte warnen können. Moore ist ein kompromissloser Trump-Gegner, aber er belässt es nicht bei der Empörung über ihn. Ihm geht es darum aufzuzeigen, warum die Demokraten so versagt haben, und dessen Präsidentschaft nicht hatten verhindern können.

Flint als Beispiel für die politisch-wirtschaftlichen Mechanismen
Und so macht er sich auf eine Reise in das Innere des Landes. Denn Moore weiß zu gut, wenn man Amerika verstehen möchte, muss man sich von seinen geographischen Rändern an den Küsten in die Mitte hin bewegen. Aber Moore möchte auch kein Trump-Wähler-Versteher sein. Das haben seit Trumps Wahl schon andere ausreichend gemacht. Da hätte man schon früher hinhören müssen. Moore geht es um die typischen, auch von den Demokraten mitgetragenen Mechanismen aus wirtschaftlicher und politischer Macht, die das Leben der Vielen immer schlechter macht.

Flint in Michigan ist sein Seismograph, die Stadt sein Kronzeuge. Flint ist seine Heimatstadt und hier hat sich ungeheuerliches zugetragen. Von republikanischen Gouverneur unter ein Spardiktat gestellt, sollte die Wasserzufuhr der Stadt kostengünstiger werden. Aber wie kann es sein, dass eine funktionierende Wasserversorgung mit ordentlichem Wasser aus dem See abgedreht wird, weil sie angeblich zu teuer ist und holt stattdessen das Wasser aus dem stark verschmutzten Flint River? Es kommt zu schlimmen Erkrankungen und Snyder leugnet und wiegelt ab. Und kommt auch noch damit durch, als Präsident Obama als Hoffnungsträger der betroffenen Bevölkerung nach Flint kommt und anstatt klarer Worte und Taten angeblich vom Wasser trinkt und doch nur daran nippt. Eine merkwürdige Geste und für Betroffene und Aktivisten Enttäuschung und Schock zugleich. Aber hätte Obama wirklich die Mechanismen offen gelegt, die in Amerika zu solchen Zuständen führen, hätte er über seinen politischen Schatten springen müssen. Denn sieht man mal von „Obama-Care“ ab, wurde von seiner Regierung nicht wirklich an der Vorherrschaft des Neoliberalismus gerüttelt. Deutlichstes Zeichen war ja, dass er in der Bankenkrise allerlei Böcke zu Gärtnern machte, in dem er sich von den Verursachern der Krise zwecks ihrer Lösung beraten ließ. Auch die Autobiografie und ihre Jet-Set-Lesereise von Michelle Obama zeigen deutlich auf: Das ehemalige Traumpaar der Demokraten, das in den 1990ern in Chicago das soziale Gewissen war, ist vom System geschluckt. Wie weit können sich Menschen von ihren Ursprüngen entfernen?

Graswurzel-Bewegungen als Hoffnung
Moore hat sich jedenfalls nicht von sich entfernt, er ist noch ganz bei sich und seiner Art von politischer Brachial-Dokumentation. Er fährt mit einem Wasser-Tankwagen zu Snyders Anwesen und bespritzt es mit der üblen Flüssigkeit. Ha, ha, ha! Doch neben diesen Polit-Klamauk ist Moore immer wieder daran interessiert – und das ist seine Stärke – wirkliche „Helden des Alltags“ zu zeigen, die ihm uns die Hoffnung geben, dass man im Land noch etwas verändern kann. Und so entdeckt er den Kampf der Lehrer in West Virginia, die nicht nur für die eigenen Rechte, sondern auch für die der anderen Schulbediensteten – von der Putzfrau bis zum Hausmeister – auf die Straße gingen. Oder er schildert wie die jungen Überlebenden des Massakers an der Parkland High School in ihrem Kampf gegen die Waffenlobby agieren. Dass diese Graswurzelbewegungen vom demokratischen Parteiestablishment argwöhnisch betrachtet werden, zeigt die böse Posse um Bernie Sanders. Nach Moores Lesart hatte der besonders bei den Jungen beliebte linke Kandidat die Partei-internen Vorwahlen bei den Demokraten gewonnen. Die Delegierten auf dem Nominierungsparteitag wählten jedoch mehrheitlich Hillary Clinton.

Ein Amerika, das es noch gar nicht gab
Doch auch wenn Moores Dokumentation betont drastisch und hier und da zu vereinfachend oder zu Pointen-orientiert ist: Sie ist eine Notwendigkeit, um darauf aufmerksam zu machen, was im früheren Land der unbegrenzten Möglichkeiten schief läuft. Denn ein besseres Amerika kann es nur geben, wenn endlich die Interessen der Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht die der großen Konzerne und Banken. Und so spricht er jedem Anhänger des „anderen Amerika“ aus der Seele wenn er am Ende zu dem Schluss kommt: „Das Amerika, das ich retten will, hat es noch gar nicht gegeben.“

Die DoubleDylans ganz groß auf der Leinwand!

6. Oktober 2018

Vorführung von sechs Videofilmen mit anschließendem Konzert/ Thomas Waldherr präsentiert die DDD-Filmpreise

Die Frankfurter „DoubleDylans“ begeistern immer wieder aufs Neue mit ihrer frechen und humorvollen Adaption der Musik von Bob Dylan für den eigenen Mikrokosmos zwischen Taunus, Main und Marrakesch. Bereits im Sommer 2017 begannen die Planungen, das aktuelle Projekt der „DoubleDylans“, „DDD rappen Dylan“, nicht als Audio-CD, sondern in Form von Videoclips zu veröffentlichen. Dafür wurden in Windeseile Regisseure, Kameraleute, Ausstatter und Darsteller gesucht und gecastet. Es entstanden 6 Videos und ein Animationsfilm.

Jetzt ist es an der Zeit, den Mitwirkenden zu danken! Im Rahmen der ersten öffentlichen Filmvorführung soll der kreativen Input der verschiedenen Künstler gewürdigt werden. Daher werden am Samstag, 20. Oktober, 20 Uhr, im Frankfurter Salon (Braubachstraße 32, 60311 Frankfurt am Main) die DDD Filmpreise in neun verschiedenen Kategorien verliehen. So werden neben anderen auch die beste Kamerafahrt, der besten Jungfilmer und der beste Trickfilm ausgezeichnet. Moderiert wird die Veranstaltung von dem Musikjournalisten und Bob Dylan-Kenner Thomas Waldherr.

Im Anschluss an Vorführung und Verleihung spielen die DoubleDylans noch ein kleines Set mit Gästen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht!