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The Hate U Give

4. März 2019

Bei den Oscars wurde jüngst „Green Book“ als bester Film des Jahres ausgezeichnet. Welch ein fataler Irrtum. Denn dieser Film nutzt die Rassenfrage in den USA nur als Oberfläche für ein Feelgood Buddy-Movie mit einem ungleichen Paar. Ein bisschen „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, ein bisschen „Ziemlich beste Freunde“. Der Dimension der Rassentrennung und des Rassismus im Süden der USA in den 1960er Jahren wird dieser Film nicht gerecht. Ein Beitrag zur heutigen Situation ist er auch nicht. Aber vor allem: Er wird aus der Sicht der Weißen erzählt.

Schonungsloser Blick auf amerikanische Realitäten
Wenn ich einen Film des Jahres benennen dürfte, dann wäre es „The Hate U Give“. Denn der Film zeigt schonungslos den immer noch herrschenden Alltagsrassismus in den USA auf. Wer schwarz ist, der lebt mit großer Angst bei jeder Verkehrskontrolle. Von den rund 1000 durch Polizeischüsse im Jahr getöteten Amerikaner sind rund ein Viertel schwarzer Hautfarbe. Und dies obwohl Afroamerikaner nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Auch Starr Carter wächst in den Garden Height, einem Schwarzenviertel irgendwo in den USA, mit dieser Angst aus. Deswegen hat Daddy Carter ihr und ihren Brüdern schon früh die „Black Panther Regeln“ eingebläut. Vor allem auch die Regel, die besagt, dass man bei einer Polizeikontrolle besser die Hände aufs Armaturenbrett legt. Diese Regeln scheint ihr Freund Khalil nicht zu kennen. Genervt und leichtsinnig agiert er einem Polizisten gegenüber. Greift zu einer Haarbürste und wird vom Officer mit mehreren Schüssen getötet.

Starr Carters Coming-Of-Age
Der Film handelt davon, wie Starr mit diesem Schockerlebnis umgeht, wie sie und eine Bürgerrechtsorganisation mit ihrer Aussage eine Grand Jury dazu bewegen wollen, dass gegen den Polizisten ein Strafverfahren eröffnet wird und wie sie von der TV-Reporterin aufs Glatteis geführt wird und preisgibt, dass Khalil als kleiner Dealer für den Drogengangsterchef King gearbeitet hat. Der Film zeigt den alltäglichen Rassismus der Polizei ebenso wie die Lebenssituation in den Schwarzenvierteln, die von Gangsterbanden beherrscht werden. So gerät Starr und ihre Familie zwischen alle Fronten, verstärkt dadurch, dass sie auf eine bessere Schule außerhalb des Viertels geht, wo sie ihren weißen Freunden gegenüber ihre Ghettoherkunft verschweigt.

Am Ende nutzt ihre Aussage nichts, der Polizist wird nicht angeklagt, eine Protestdemonstration der Schwarzen wird von der mehrheitlich weißen Polizei niedergeknüppelt, der Gangsterchef jedoch nach einem Brandschlag auf Daddy Carters Laden verhaftet. Da spielt sich die Schlüsselszene des Films ab. In den Wirren unmittelbar nach dem Brandanschlag und der Konfrontation zwischen Starrs Vater, dem Gangsterchef King und der Polizei gerät eine Pistole in die Hände von Starrs kleinem Bruder Sekani. Starr erkennt in ihm das Beispiel für Tupac Shakurs Zitat „The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody“. Der Hass, den das System sät und schon Kindern in den Kopf pflanzt, wird alles zerstören. Sie stellt sich vor ihren kleinen Bruder mit eindringlichen Worten und der lässt schließlich die Waffe fallen.

Am Ende ist zwar das individuelle Schicksal der Familie Carter wieder ins Lot gebracht, an dem strukturellen Rassismus hat sich jedoch nichts geändert. Ein Großteil der afroamerikanischen Community ist gefangen im Kreislauf von Rassismus, mangelnder Bildung, Armut und Drogenkriminalität. Vater Starr bringt die Perspektivlosigkeit auf den Punkt. Viele Schwarze aus dem Viertel gehen in die Armee, um ihr Auskommen zu haben. Andere rutschen in die Kriminalität und füllen die Gefängnisse.

Ein starker Film
Der Film von Regisseur George Tillman Jr. funktioniert daher so gut, weil Tillman Jr. eben nicht das Genre des Problemfilms oder des dunklen Dramas wählt, sondern das Ganze in Hinsicht Farbgebung, und Erzählstil auf der Basis eines Teenie-Coming-of-Age-Films aus dem Blickwinkel der 16-jährigen Starr erzählt. Just als der Zuschauer eingelullt zu sein scheint, ob eines amüsanten Films, kommt das Unheil durch den Tod von Khalil mit aller Macht in den Film und es wird deutlich, welche ungelösten Probleme – individuell und gesellschaftlich – hinter der farbenfrohen Fassade lauern. Von nun an gewinnt der Film immer weiter an Tiefe und benennt die Probleme der US-Gesellschaft klar und deutlich.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen erfolgreichen Jugendbuch von Angie Thomas. Doch das Buch, und erst recht der Film, ist auch die Aufmerksamkeit der Erwachsenen wert. Ein ganz wichtiger Beitrag zur Situation der afroamerikanischen Community heute, der filmisch überzeugt: Sympathietragende Protagonisten, eine unbekümmerte, flotte Erzählweise, die stets zeigt, wie eng Witz und Tragik, Freude und Angst nebeneinander existieren können. Ein starker Plot, starke Figuren und ein Schluss, der kein Problem wirklich löst, aber die Hoffnung erhält.