Archive for the ‘Blues’ Category

„Goodbye Jimmy Reed“

3. Juli 2020

Interpretationsansätze zu einem der ungewöhnlichsten und interessantesten Songs von Bob Dylans Meisterwerk „Rough And Rowdy Ways“

Im Netz ist unter Dylan-Afficionados ein kleiner Intertextualitäts-Wettbewerb ausgebrochen. Jeder kennt noch eine Zeile, einen Vers, den der Meister sich aus anderen Werkzusammenhängen entliehen hat. Natürlich habe ich früh bemerkt, dass die Eingangszeilen aus „Key West“ aus Charlie Pooles „White House Blues“ stammen. Und dass die letzte Zeile aus „Black Rider“ – „you’ve been on the job too long“ – ihr Vorbild in der Schlusszeile der traditionellen Mörderballade „Duncan And Brady“ hat: „you been on the job too long“, die in dem alten Song als „he been on the job too long“ als eine Art Refrain immer wiederkehrt. Dylan hat den Song Anfang der 2000er immer wieder live im Programm gehabt.

Doch da diese Zeilensucherei meiner Meinung nach außer dem Nachweis von Dylans enormem musikalischem Wissen, und dem Eifer und der Freude der Fans am Finden, wenig Erkenntniswert hat, und somit reiner Sport wird, habe ich kein Bestreben mich hier offensiv zu beteiligen. Mich treibt eher eine zielgerichtete Suche an. Wenn meine These, die ich über einige Artikel an dieser Stelle zuletzt ausgebreitet habe, stimmt, und Bob Dylan sich wie kaum ein anderer weißer amerikanischer Künstler in besonderer Weise den afroamerikanischen Beiträgen zur US-Kultur verbunden fühlt, dann müsste dies auch auf diesem Album zu finden sein.

Dylans Verbundenheit mit der afroamerikanischen Kultur
Natürlich schauen wir da zuerst auf „Goodbye Jimmy Reed“. Das ist offensichtlich, denn der Künstler war ein Vertreter des Chicago-Blues. Doch was steckt in diesem Song – der allgemein als Tribute für Reed angesehen wird – wirklich drin?

Die ersten beiden Strophen haben deutliche religiöse Bezüge. Und Dylan zeigt sich hier wie auch anderen Stellen des Albums durchaus multireligiös. Während er in „Key West“ „limbo spirituals and hindu rituals“ erwähnt, sind hier Juden, Katholiken, Moslems und Protestanten vertreten. Und Jimmy Reed soll ihm die „Old Time Religion“ geben. Das ist der Name eines Spirituals, der zum ersten Mal 1872 als Titel der afroamerikanischen Gesangsgruppe „The Fisk Jubilee Singers“ publiziert wurde. 1891 erwarb der weiße Liedersammler Charles Davis Tillman die Rechte am Song und popularisierte ihn wie andere schwarze Gospels unter den weißen Südstaatlern, so dass die frommen Südstaatler – ob schwarz oder weiß – im Jim Crow-Land der Rassentrennung die gleichen religiösen Lieder sangen. Und damit eigentlich die ganze menschenverachtende Rassentrennung völlig absurd machte und für fromme Geister eigentlich auch „gotteslästerlich“ gewesen sein müsste.

Die ganze zweite Strophe über soll Jimmy Reed dann die frohe Botschaft verkünden. Interessante Vorstellung für einen Bluessänger. Diese waren ja bei frommen Schwarzen nicht unumstritten, denn ihre weltlichen und lebensbejahenden Songs über Liebe, Leben, Genuss, Leiden, Suff und Tod waren denen zu weit weg von Gottes Wort und zu nah an alten afrikanischen Traditionen.

Religiösität und Rassismus
Dann folgt der Perspektivwechsel. Der Sänger singt nun von sich. Dass man auf ihn nicht viel gegeben habe, da er nicht sehr kunstfertig an der Gitarre gewesen sei. Auch nie gereizt oder stolz gehandelt hätte oder gar seine Schuhe ins Publikum geworfen hätte. Jimmy Reed könne sich eine Juwele an die Krone stecken, er lösche das Licht. Was ist das? Ist das eine Selbsteinschätzung Dylans oder eine fiktives Ich, das neben dem großen Jimmy Reed sich ganz klein fühlt?

In der vierten Strophe erzählt der Sänger wie schlecht – mit rassistischer Gewalt? – er behandelt wird. Und hätte nichts, womit er kämpfen könne, außer einem Fleischerhaken. Wieder ein interessantes Bild. Denn wie so viele Schwarze in der Zeit der „Great Migration“ verließ Jimmy Reed seine Heimat in Mississippi in den 1940er Jahren, um im Norden Arbeit und Freiheit zu finden. Was er vorerst bekam, war ein Job im Schlachthof. Der Sänger aber wird schlecht behandelt und kann kein Lied singen, dass er nicht versteht und er kann auch die Platte (von Jimmy Reed?) nicht spielen, weil die Nadel steckengeblieben ist.

Die fünfte Strophe ist dann eine des verzweifelten Begehrens. Scheinbar steht er auf die Gefährtin von Jimmy und drückt das auch durchaus witzig aus – Transparent woman in a transparent dress, Suits you well, I must confess – dann aber scheint er die Frau wirklich sexuell zu begehren – I break open your grapes, I suck out the juice – um dann ein böses Bild des Verlangens, einer „Amour fou“ zu malen: „I need you like my head needs a noose“. Mit der besonderen Konnotation, dass die Schlinge bis in die 1960er Jahre für viele Schwarze im Süden eine reale Gefahr war.

In der letzten Strophe schließlich scheint der Sänger Jimmy Reed zu fragen, was er hier mache und der antwortet ihm, er wolle nur mal nachsehen wo der Herr denn in diesem verlorenen Land liege. Beendet wird der Song mit der Anrufung Jimmy Reeds „Can’t you hear me calling from down in Virginia?“ „Down In Virginia“ ist ein Titel Jimmy Reeds, den Dylan hier für seine Frage nutzt.

Doppelbödig und vertrackt
Die große Frage des Songs aber ist: Wer singt hier über Jimmy Reed und was erlebt er konkret? In meiner ersten Bewertung des Songs habe ich eine Geschichte aus der Great Migration heraus gelesen. Da singt einer unten aus Virginia, der dort nicht losgekommen ist und keine Karriere in Chicago gemacht hat. Der immer noch den alten Country Blues spielt – ohne Mätzchen und Verstärkung. Der immer noch zwischen Blues und Gospel gespalten ist. Der Rassismus und Gewalt aushalten muss. Der davon träumt, Jimmy Reeds Leben zu führen, inklusive dessen Freundin zu begehren. Das Ende ist das Flehen eines Verlorenen. Ich finde das durchaus eine haltbare Interpretation des Songs.

Es gibt aber auch die Deutung, dass der Sänger Dylan selber ist, der ganz bescheiden auf sein Vorbild – Reed hatte auch immer seine Mundharmonika im Gestell um den Hals – schaut. Ihn erhöht und sich selbst relativiert. Wobei das auch durchaus ironische Anteile haben könnte, denn gerade Dylan reagierte auch schon mal gereizt auf sein Publikum, ist immer noch gerne als arrogant verschrien, auch wenn das ein völlige Nicht-Verstehen der Kunstfigur Bob Dylan darstellt. Und gerade im letzten Jahr hat er zwar keine Schuhe geschmissen, aber in Wien seinem Publikum eine klare Ansage gemacht, dass er keine Fotos im Konzert wünscht.

Wie so oft bei Dylan ist der Text doppelbödig und vertrackt. Aber öffnet dadurch viele mögliche Bedeutungsebenen. Dylan mag die Ambivalenz, er mischt auch hier wieder die Perspektiven. Vielleicht will er in diesem Song auch in einem armen Schwarzen im Süden aufgehen, leiht sich dessen Person, dessen Charakter aus? Diebstahl aus Liebe auch hier wieder. Dylan kennt die Geschichte von Sklaverei und Rassismus und er kennt auch die politische und kulturelle Geschichte seines Landes zu genau, als wüsste er nicht, wie seine Bilder, seine Zitate, seine kulturellen Einsprengsel wirken.

Wie auch bei Blind Willie McTell dient bei „Goodbye Jimmy Reed“ die vermeintliche Hommage an einen afroamerikanischen Musiker letztendlich dazu, amerikanische Themen wie Religiösität, Armut, Rassismus und Populärmusik in ihrer komplexen Verschränktheit zu verhandeln.

„Goodbye Jimmy Reed“ ist meiner Meinung alles andere als ein Nebenwerk, sondern einer der interessantesten Songs eines Albums – es gibt im Übrigen keine Nullnummer und keinen Füller darauf – das vor allem ein Blick Dylans auf die eigene und auf die amerikanische Geschichte ist. Und es ist einfach ein super Song und klasse Musik!

Bob Dylans amerikanische Geschichtsschreibung

22. Juni 2020

New York Public Library, Copyright: Wikimedia Commons.

Notizen zu „Rough And Rowdy Ways“: Das neue Album nimmt auch Amerikas raue und rauflustige Wege in den Fokus.

Ich habe immer wieder betont, dass in Bob Dylans Werk auch nach Ende seiner „Protest-Phase“ keineswegs gesellschaftliche Entwicklungen ausgeblendet werden. Er hat im Laufe der Karriere immer wieder treffende Bilder und Beschreibungen für gesellschaftliche Zustände gefunden. „Von All Along The Watchtower“ über „Hurricane“ bis hin zu „Workingman’s Blues #2“. Er sieht aber seine Aufgabe als Künstler darin, gesellschaftliche Entwicklungen in Worte, Bilder und Songs aufzugreifen und nicht darin, als politischer Aktivist für eine Sache einzutreten. Musik kann nicht die Welt verändern, aber den Menschen auf die Sprünge helfen, es zu tun. Auch in diesem Sinne hat Dylan gleich mehrere Generationen beeinflusst.

Dylan schreibt amerikanische Geschichte
Seit der junge Bob Dylan in der New York Public Library gierig nach Erkenntnissen die Zeitungen aus der Epoche des amerikanischen Bürgerkrieges geradezu verschlungen hat, lässt er uns an seiner Art der amerikanischen Geschichtsschreibung teilhaben. „With God On Our Side“ hat die Kriege im Blick, die Amerika zur Weltmacht haben aufsteigen lassen. Von den Indianer-Feldzügen bis zum Kalten Krieg. In „Only A Pawn In Their Game“ klärt er über die Mechanismen des sich immer weiter vererbenden Rassismus in den Südstaaten auf. Und in „Blind Willie McTell“ malt er ein großformatiges Bild des Südens mit Plantagen und Galanterie, Rassismus und Religion. Vom Zeltgottesdienst über die Minstrel Show bis zu Bootlegin‘ Whiskey und Blind Willie McTells Blues.

Wenn nun Dylans neues Werk „Rough And Rowdy Ways“ betitelt ist, so mag das zwar vordergründig ein Selbstbild des Künstlers oder seinem „lyrischen Ich“ sein, es ist aber mindestens genauso auf den Aufstieg und den Niedergang Amerikas gemünzt. Einem Amerika, dessen Geburtsfehler, Lebenslügen, dessen Widersprüche und Aberwitzigkeiten nun angezündet von der Lunte eines diabolisch-dummen Neros im Weißen Haus, das Land ex- und implodieren lassen. Einem kindischen Nero, der das amerikanisch-raue, laute und rauflustige geradezu idealtypisch verkörpert.

Dylans musikalische Geschichtsstunden beschränken sich auf diesem Album nicht auf das offensichtliche „Murder Most Foul“, in dem Dylan den Beginn der Abwärtsspirale auf den 22. November 1963, den Tag der Ermordung John F. Kennedys, datiert. Dylan hatte sich nur wenige Monate nach dem Attentat vor Ort in Dallas umgesehen und teilt seitdem die Meinung vieler in den USA, dass dieses Attentat nie wirklich vollständig aufgeklärt wurde. Auch in anderen Songs äußert sich Dylan zum Weg Amerikas.

Dialektik von Aufklärung und Befreiung
In „Mother Of Muses“ singt Dylan: „Sing of Sherman, Montgomery and Scott/ And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought/ Who cleared the path for Presley to sing/ Who carved the path for Martin Luther King/ Who did what they did and they went on their way/ Man, I could tell their stories all day.“ Damit treibt er die Widersprüche und die Dialektik von Aufklärung und Befreiung auf die Spitze. Denn Shermans grausamer, vernichtender Feldzug durch Georgia brach die Kriegsmoral der Menschen im Süden. Eine Moral, einen Krieg weiterzuführen, in dem der Süden für sein Recht kämpfte, weiterhin Menschen zu versklaven. Und Patton, der im 2. Weltkrieg mit der US-Army Europa vom Faschismus befreite, war durchaus ein fragwürdiger Charakter. Doch beide bereiteten den Boden dafür, dass der weiße Presley die Musik der Schwarzen sang, die eine Nachkriegsjugend global adaptierte, als auch dass Martin Luther King die Bürgerrechte der Schwarzen einfordern konnte und Hoffnung auf politische Veränderung im Sinne der Menschen aufkeimte.

Song aus der „Great Migration“
„Goodbye Jimmy Reed“ wiederum ist durchaus auch als eine Geschichte über eine typische afroamerikanische Biographie aus der Zeit der „Great Migration“ zu verstehen. Reed wurde 1925 in Mississippi im tiefsten Süden geboren und ging wie viele Afroamerikaner seiner Zeit 1943 nach Chicago, arbeitete erst bei der Marine, dann im Schlachthof und kam dort in Kontakt mit Leuten aus der Bluesszene und würde selbst einer ihrer Stars. Dieser Jimmy Reed wird hier besungen von einem Afroamerikaner, der es nicht geschafft hat. Der mit dem Rassismus und der Gewalt in Virginia kämpft – „They threw everything at me, everything in the book/ I had nothing to fight with but a butcher’s hook/ They had no pity, they never lent a hand/ I can’t sing a song that I don’t understand“ – und über sein Idol ins Schwelgen gerät.

Böse Prediger
Auch „False Prophet“ ist nicht nur irgendwo zwischen Selbstporträt, Weltgeist und Teufel angesiedelt. Der „False Prophet“ steht auch für die in den USA wohlbekannte Figur des gefährlichen Predigers, des zur Gewalt anstiftenden Anführers. Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“, Andy Griffith in „A Face In The Crowd“ oder William Shatner in „Weißer Terror“ haben ihm Gesichter gegeben. Dylan hat ihn in Songs wie „Man Of Peace“ oder „Man In The Long Black Coat“ verewigt. Diesmal scheint der amtierende Präsident als falscher Prophet benannt zu werden: „Hello stranger, hello and goodbye/ You rule the land but so do I/ You lusty old mule, you got a poisoned brain/ I’ll marry you to a ball and chain.“ Dass der Schatten des gehängten Mannes auf dem Cover von „False Prophet“ dem Orangefarbenen ähnelt, scheint ein weiterer Beleg dafür zu sein.

Dylans Sehnsuchtsort

Copyright: Wikimedia Commons.


„Key West“ in Florida dagegen ist Dylans Sehnsuchtsort des anderen Amerika. Hier haben die Beatniks Ginsberg, Corso und Kerouac gelebt, hier verbrachten Tennessee Williams, Louis Armstrong oder Ernest Hemingway Teile ihres Lebens. Wenn er das Bild „I was born on the wrong side of the railroad track“ benutzt, dann identifiziert er sich auch hier wieder mit der afroamerikanischen Community, deren Platz stets am Rande der Orte, in den windschiefen Hütten hinter den Eisenbahnschienen war. Hier in Key West haben sie alle ihren Platz. Alle Menschen, alle Ethnien können nach ihrer Fasson im liberalen und optimistischen Klima zu sich selbst finden, nachdem sie am restlichen Amerika den Verstand verloren haben.

Dylans Erzählung vom amerikanischen Sehnsuchtsort beginnt mit der Ermordung Williams McKinleys, dem US-Präsidenten, der die Nation in den imperialistischen spanisch-amerikanischen Krieg 1898 geführt hatte und 1901 an den Folgen eines anarchistisch motivierten Attentats starb. Schon der Old Time Musiker Charlie Poole hatte McKinley im „White House Blues“ besungen. In Key West zog sich während des spanisch-amerikanischen Krieges die US-Flotte zusammen. Dylan lässt hier McKinley nochmals sterben, um Key West die Unschuld zurück zu geben, die es braucht, um zum Sehnsuchtsort des anderen Amerikas zu sein. Ein Ort, der sogar sein „Little White House“ besitzt, den Wintersitz des US-Präsidenten Harry S. Truman. Und Dylan setzt auch wieder ein Zeichen für religiöse Toleranz. Singt er in „Goodbye, Jimmie Reed“: I live on a street named after a saint/ Women in the churches wear powder and paint/ Where the Jews and the Catholics and the Muslims all pray/ I can tell a party from a mile away“ – nebenbei auch ein Wink wie nah der Juke Joint an der Kirche liegt – so heißt es hier „I play gumbo limbo spirituals/ I know all the Hindu rituals/ People tell me that I’m truly blessed.“ Auch in religiöser Hinsicht stimmt die Selbsteinschätzung „I Contain Multitudes“.

Und so sind die letzten Zeilen des letzten Songs der ersten CD denn auch die Anti-These zu so vielem, was vorher auf dieser Platte von Dylan beklagt und besungen wurde. Wenn die Welt ein besserer Ort werden möchte, dann sollte sie sich ein Beispiel an Key West nehmen: „Key West is paradise divine/Key West is fine and fair/ If you lost your mind, you’ll find it there/ Key West is on the horizon line.“

Rap, Hip-Hop und die Sprache der Rebellion

5. Juni 2020

Notizen zu Bob Dylan & Black America: Bob Dylan versteht, dass Rap und Hip-Hop die musikalische Ausdrucksformen der Black Community sind, die sich mit ihrem Leben im weißen Amerika beschäftigen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Bob Dylans Musik auch stark auf dem Blues begründet ist. Mit Odetta, Mavis Staples, Muddy Waters, Sam Cooke oder Blind Willie McTell, haben ihn afroamerikanische Musikerinnen und Musiker, haben ihn Gospel, Blues und Soul stetig begeistert und geprägt. Und der Blues wird ja bei vielen Musikfreunden seiner Generation als „ehrliche Musik der armen Schwarzen“ geradezu verehrt. Während Rap und Hip-Hop, eine der aktuellen musikalischen Ausdrucksformen (und auch schon fast vierzig Jahre alt!), der Black Community bei vielen, auch progressiven Musikfreunden, eher auf Ignoranz oder gar Ablehnung gestoßen sind. Der protzige, selbstverliebte Gewalt- und Sexismus verherrlichende „Gangsta Rap“ hatte – von der Musikindustrie konsequent als auch für weißes Publikum konsumierbare Popmusik aufgebaut – die ursprünglichen gesellschaftspolitischen Wurzeln als Ausdrucksform der schwarzen Verlierer von Strukturwandel und Gentrifizierung in den kapitalistischen Metropolen der 1970er und 1980er Jahre in den Hintergrund treten lassen. Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis auch die linke, politische Musikszene verstand, dass auch Rap und Hip-Hop Protestmusik sind. Heute ist es Konsens, dass die Songs von Kendrick Lamar oder Childish Gambino zu den stärksten Protestsongs gegen die herrschenden Zustände in den USA gehören.

„Subterranean Homesick Blues“ kündigt die Rebellion an
Bob Dylan, der ja – noch so eine Binsenweisheit – mit „Subterranean Homesick Blues“ sowohl das erste Rap-Stück als auch das erste Musikvideo zur Musikgeschichte beigesteuert hat, war da schon in den 1980er Jahren viel weiter. Die 1980er waren für ihn künstlerisch eine Durstrecke. Nach seinem Album „Infidels“, das mit Jokerman einen Song enthält, der sehr wohl als Kritik an Ronald Reagan und seiner rücksichtslosen, sozialdarwinistischen und rassistischen Politik interpretiert werden kann – Reagan machte den „schwarzen Sozialschmarotzer“ zum Pappkamerad und Prügelbock des konservativen Amerikas – irrlichterte er durch die Jahre mit schlechten Alben und schlaffen Konzerten – sieht man einmal von der Europa-Tour 1984 und den 1985-86er-Auftritten mit Tom Petty ab. Dylan hatte nicht mehr die richtungsweisende Rolle im sich rasant mit MTV und Michael Jackson verändernden Popbusiness inne. Aber er hatte immer noch ein Gespür für relevante Musik und eine große Empathie für die Black Community und deren musikalische Ausdrucksformen. In seinen „Chronicles“ schreibt er, dass Ice-T, Public Enemy, NWA, Run DMC nicht nur herum stehen würden und große Reden schwingen würden. „Sie hauten auf die Drums und auf den Putz und schmissen Pferde von den Klippen. Sie waren allesamt Dichter und wussten, was Sache war.“ Und dass er mit Rapper Kurtis Blow zusammen aufgenommen hätte, der hätte ihn an diese Musik und Texte herangeführt. Der ewige Rebell und Nonkonformist schätzte die schwarzen Rebellen, die meist aus einer Lebenswelt aus Armut und Rassismus stammten und davon Lieder singen konnten, sehr und war ihrer Kunst zugewandt.

Bob Dylan und die Rapper
In einem Spiegel-Interview sagte Blow zur Zusammenarbeit mit Dylan: „Ich machte gerade Aufnahmen in einem riesigen New Yorker Studio, das 250 Dollar in der Stunde kostete. Plötzlich steckte Bob Dylan seinen Kopf durch die Tür und sagte: ‚Hey Kleiner, deine Sängerinnen hören sich gut an – kann ich sie mir kurz ausleihen?‘ Ich war 22 Jahre alt und völlig von den Socken. Bob Dylan! Ich sagte also ‚Okay. Aber wenn ich sie für dich singen lasse, schuldest du mir einen Gefallen‘. Er willigte ein. Zwei Jahre später rief ich ihn an, er lud mich in sein Haus in Malibu ein und wir nahmen „Street Rock“ zusammen auf. An Bob Dylan ist ein Rapper verloren gegangen – ich gab ihm den Text und er knallte das im ersten Take sofort raus. Unglaublich.“

Sprache von Nonkonformismus und Rebellion
In der Tat wissen ja nicht nur alle Dylan-Freunde, dass der gute Bob der Musiker ist, der am meisten Text in seinen Songs unterbringt, sondern dass seine Sprache, sein Sprachrhythmus und seine Bilder geprägt sind von den Blues- und Beatpoeten, von Folk, Talking Blues und Woody Guthrie. Man merkt dies allen seinen Texten an, selbst wenn sie Collagen sind. Ob Songlyrics, Liner Notes oder seiner Autobiographie. Es ist eine vorwärtsdrängende, bildreiche, abgeklärte Sprache, oftmals auch mit lakonischem Humor gespickt. Es ist die Sprache des Nonkonformismus, die situativ auch Sprache der Rebellion sein kann. Cool und rebellisch. Und Dylan schafft es heute noch in seinen Konzerten, den Text oftmals mehr rhythmisch zu sprechen als zu singen. Er hat diese Fähigkeit, die Blow bei ihm bewunderte.

In der Tat war ja „Subterranean Homesick Blues“ ein politisches Lied, weil es mittels Bilder und Atmosphäre die Rebellion ankündigte. Dylans Mittsechziger-Musik war der Soundtrack zu Subversion und Rebellion. Nicht umsonst entliehen sich die militanten „Weathermen“ ihren Namen aus Dylans Song. Und nicht umsonst waren die Black Panther-Gründer Bobby Seale und Huey P. Newton begeisterte Fans von Dylans Musik der 1965/66er Jahre. Das Folk-Revival und die Bürgerrechtsbewegung waren Schritte auf dem Weg zur Rebellion der 1960er Jahre. Der „Summer Of Love“, die Black Panther, der späte Martin Luther King waren die Rebellion. Doch das Establishment schaffte es gerade wieder einmal so. Martin Luther King und Bobby Kennedy wurden ermordet, es kam zu erheblichen Unruhen und am Ende wurde Richard Nixon US-Präsident.

Dylan, der ja stets einen engen und ganz selbstverständlichen Umgang mit afroamerikanischen Menschen hatte und in den 1980er Jahren auch mit Afroamerikanerinnen liiert und verheiratet war, weiß um die Lebensbedingungen der Schwarzen in Amerika. Daher weiß er auch die Sprache des Rap einzuschätzen. Und deswegen ist seine Aufnahme von „Street Rock“ auch ein Zeichen des Respekts, der Bewunderung des Rap und ein Zeichen der Sympathie für die Black Community.

Das zerrissene Amerika und Bob Dylans Werk
Bob Dylan hat George Jackson, Rubin Hurricane Carter, Hattie Caroll, Emmeth Till und Medgar Evers musikalische Denkmale gesetzt und mit „Blind Willie McTell“ ein großes Gemälde des Südens mit Sklaverei, Rassismus, Gottesglauben und Blues geschaffen. Seine Lieder sind wie der Mord an George Floyd zeigt, unverändert aktuell und gehören zum Soundtrack eines zerrissenen Landes. So wie Rap und Hip Hop eben die zeitgenössische musikalische Ausdrucksform des um seine Freiheit und im wahrsten Sinne um sein Leben kämpfenden schwarzen Teils des amerikanischen Volkes ist. Das in Rassen und Klassen zerrissene Amerika wird von Bob Dylan in seinem künstlerischen Werk vereint.

Als Bob Dylan zweimal im Apollo spielte

30. Mai 2020

Notizen zu Bob Dylan & Black America: Im Frühjahr 2004 kehrt Dylan zu seinen schwarzen Wurzeln zurück

Das Apollo Theatre im New Yorker Stadtteil Harlem ist quasi der Musiktempel für ausschließlich schwarze Musik – Blues, Jazz, Soul, Pop und Hip Hop – in den USA. Im Frühjahr 2004 aber trat Bob Dylan innerhalb nur weniger Wochen zweimal dort auf. Es spricht einiges dafür, dass der Künstler Bob Dylan sich wieder einmal über seine schwarzen Wurzeln vergewissern wollte. Denn immer wieder kehrt Dylan zu dem Referenzrahmen zurück, der ihn als Künstler, sein Werk und seine Wirkung erst möglich gemacht hat. Er hat das zur Jahrtausendwende mit Country- und Bluegrass-Songs in seinen Konzerten und in der Zusammenarbeit mit Ralph Stanley und Marty Stuart gemacht, und in den 2010er Jahren mit dem Great American Songbook mit drei Alben. 2004 tauchte er wieder einmal in die schwarze Musik ein.

Das Apollo: Ein Epizentrum afroamerikanischer Musik
2004 feierte das Apollo sein 70-jähriges Bestehen als Club für afroamerikanische Musik. Es bestand schon seit 1914, aber da Harlem als afroamerikanische Community seit Anfang der 1930er Jahre immer mehr Bedeutung bekam, öffnete sein Besitzer Sidney S. Cohen es für schwarzes Publikum. Und verpflichtete schwarze Künstler. Hier begannen die Karrieren von Billie Holiday und Ella Fitzgerald, hier spielten Louis Armstrong und Duke Ellington, später traten hier Soulstars wie Marvin Gay und Diana Ross auf. Und Sam Cooke, dessen Lied Dylan am 28. März 2004 im Apollo sang.

Cooke hatte sich als Soulsänger bereits mit Hits wie „Cupid“, „Twistin‘ the Night Away“ und „Wonderful World“ einen Namen gemacht, als er sich durch Dylans „Blowin In The Wind“ inspirieren ließ und „A Change Is Gonna Come“ schrieb. Er war erstaunt, dass ein Weißer ein Lied wie „Blowin‘ In The Wind“ schreiben konnte und beschämt, dass er es nicht selber geschrieben hatte. Denn er hatte in seinem Leben tiefgehende Erfahrungen mit dem Rassismus in den USA machen müssen. „A Change Is Gonna Come“ erschien zuerst auf seinem Album „Ain’t That Good News“ im Februar 1964 und dann als B-Seite der Single „Shake“ am 22. Dezember 1964. Doch da war er bereits Tod. Er starb unter Umständen, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Die Motelmanagerin Bertha Franklin soll ihn in Notwehr erschossen haben, nachdem er sie bedroht habe, Teile der Black Community sehen das anders. Ganz geklärt werden konnte das bis heute nicht.

Dylan sings Cooke
„A Change Is Gonna Come“ wurde einer der Hymnen der Bürgerrechtsbewegung. Und so war es absolut passend, dass der Schauspieler und Bürgerrechtsaktivist Ossie Davis den Sänger Bob Dylan an jenem Abend im Apollo ansagte und das Publikum erinnerte, dass er ihn bereits mehr als vierzig Jahre vorher bei der Kundgebung des „March On Washington“ angesagt hatte. Dylans Auftritt gerät denkwürdig. Dylan stürzt sich mit heiserer rabenrauer Stimme in eine wunderschöne Version des Songs, begleitet von seiner Tourband. Dabei sieht er laut Greil Marcus aus wie ein „Kartenhai“ und das Mikro ist so tief, dass er beim Singen fast auf seinem Keyboard liegt. Aber dennoch: Ein majestätischer Auftritt, der Standing Ovations erntet. Und musikalisch vom Arrangement her ein Vorgriff auf seine spätere Great American Songbook-Phase.

Dylan meets Marsalis
Nur wenige Monate später, am 7. Juni, trat er abermals im Apollo auf. Ein Benefizkonzert für „Jazz at Lincoln Center“ und dem „House of Swing“, der weltweit ersten Konzerthalle für Jazz, die 2004 in New York eröffnet wurde. Doch war er beim Apollo-Jubiläum dahingehend noch auf gewohntem Terrain, dass er mit seiner routinierten Tourband sich einen Song von Sam Cooke aneignete, lieferte er sich nun mit seinen eigenen Songs einer fremden Band und einem kritischen Publikum aus. War er im März noch der weiße Junge, der früher die Songs für die Bürgerrechtsbewegung gesungen hatte, war er nun der „White Guy“, der sich ausgerechnet an diesem Ort in dem Genre versuchte, das allgemein aufgrund seiner starken afroamerikanischen Wurzeln als wichtigster Beitrag Black Americas zur amerikanischen Hochkultur angesehen wird. So ganz wohl schien er sich da in seiner Haut nicht zu fühlen. Dylan hat sich zwar immer schon auch für Jazz interessiert, aber nie hatte er sich bis dahin in diesem Genre versucht. Er hatte alle Genres der amerikanischen Populärmusik verinnerlicht, aber dieses hier, das stets die Schnittstelle zwischen Popkultur und Hochkultur bildete, war bislang nicht seine Ausdrucksform gewesen. Die Folktradition, die Tradition des Liedes, die war seine. Auch wenn ihm in jungen Jahren schon der Jazzer Thelonious Monk sagte: „Wir spielen alle Folkmusik“. Er fand einfach nicht hinein.

The Jazz Singer
Doch nun mit dem Wynton Marsalis Septett ging er volles Risiko. Der Einstieg mit „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ war noch einigermaßen im gewohnten Gleis, spielte das Septett doch einen langsamen Jazz-Blues. Da trafen sich der Folker und die Jazzer. Aber was dann folgte und leider nicht auf dem Albummitschnitt des Konzertes „United We Swing“ ist, war ein „Don’t Think Twice, It’s Alright“ ohne Netz und doppelten Boden. Das hatte so gut wie nichts mehr mit traditionellem Folk und Blues zu tun. Das Septett gab ihm eine urbane New York-Jazz-Melodielinie vor. Hier war Dylan, der Instinktsänger gefordert. Und wie er das – einschließlich der Mundharmonika als Echo der Septett-Musik – löste, ist große Klasse und die Beifallstürme waren gleichermaßen ehrlich und verdient. Dylan jazzte, croonte und swingte sich durch den Song. Für Dylan war der 7. Juni sicher ein einschneidendes Erlebnis. Auch das konnte er, wenn er wollte.

Die Auftritte im Apollo im Jahre 2004 waren für Dylan eine wichtige Bestätigung seiner schwarzen Wurzeln. Und die Musik mit der sich beschäftigte – Soul und Jazz – forderten Ihn als Sänger und Arrangeur heraus. Was er hier mitgenommen hat, kam ihm sicherlich bei seiner Arbeit am Great American Songbook in den 2010er Jahren zu Gute. Auch ein amerikanisches Gesamtkunstwerk ist nie zu Ende gefertigt, ist immer ein „Work in Progress“.

Hier kann man beide Songs mit dem Marsalis-Septett hören:
http://dylanesco.com/tags/wynton-marsalis/

Und hier der Auftritt zum Apollo-Jubiläum:

Songs aus der Corona-Isolation

30. Mai 2020

J.S. Ondara überrascht mit neuem Album

Für den Blogger war das nach der Albumankündigung von Bob Dylan der überraschendste und größte musikalische Moment während der Corona-Krise: J.S.Ondara hat kurzerhand auf allen digitalen Plattformen gestern aus dem Nichts heraus ein neues Album veröffentlicht. Die physische Veröffentlichung folgt Ende August, aber der historische Moment ist jetzt. „Folk n’ Roll Vol. 1: Tales Of Isolation“ ist in nur drei Tagen nach wochenlanger Isolation und Nichtstun entstanden. Es musste jetzt raus.

Ondara knüpft in Echtzeit da an, wo der Vorgänger „Tales Of America“ aufhört. Er sieht dem auseinanderbrechenden Amerika während der Corona-Krise zu und erzählt in „Pulled Out Of The Market“ von arbeitslosen Restaurantbedienungen und gefeuerten Arbeitern. Er erzählt in „Isolation Depression Syndrome (IDS)“ von seinen Ängsten, von seiner Isolation und Depression und er singt in „Ballad Of Nana Doline“ über die typisch amerikanische Lebensgeschichte einer älteren Frau bis zu ihrem Tod durch Corona.

Ondara, hat sich ja seinen amerikanischen Bob Dylan-Traum erfüllen können und siedelte vor ein paar Jahren von Kenia über nach Minneapolis. Weil er da Verwandte hat und weil Bob Dylan aus Minnesota kommt. Die jetzigen Unruhen und die Ermordung George Floyds in seiner neuen Heimatstadt, konnten noch nicht in die neue Musik einfließen. Aber die Geschehnisse gegen die ja auch in Louisville, Denver, Dallas, Los Angeles, New York und Washington demonstriert wird, sind ja ohnehin ein trauriges Kontinuum für die afroamerikanische Community. Polizeigewalt ist für Afroamerikaner eine das ganze Leben durchziehende reale Bedrohung.

Ondara, für den ich mir sehr gewünscht habe, dass er sein starkes Debütalbum bestätigt, hat sein Soll mehr als erfüllt. Er ist der derzeit schärfste Beobachter des amerikanischen Alptraums und er tut dies in einer Bildsprache, die klar und kräftig ist, er tut dies in Songs, die spannende Geschichten erzählen, mit Gesang und Melodien, die absolut mitreißend sind. Und das alles macht er mit einer großen Empathie für die Menschen.

Eigentlich wollte er ein ganz anderes Album herausbringen, eines mit voller Band, aber jetzt er sich aus der Not heraus ganz alleine in große Höhen geschwungen. J.S. Ondara wird man wirklich fest im Auge behalten müssen. Er ist zu gut, um stehen zu bleiben. Ganz wie sein großes Vorbild.

„Don’t believe in Vodoo, pray to God“

24. April 2020

Bob Dylan und die afrikanische Tradition von Black America

Vor einigen Jahren sah ich Oliver Hardts bemerkenswerten Film “The United States Of Hoodoo”. Er spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Dies kam mir nun wieder in den Sinn, als ich mich mit dem Thema „Bob Dylan und Black America“ auseinandersetzte.

Damals schrieb hier ich anlässlich des Films: „Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba [Anm. Geist oder Heiligerin der afrikanischen und karibischen Religion des Voodoo] trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.“

Und tatsächlich führte ich noch Songs wie Blind Willie McTell, das Album „Oh Mercy“ und den Song „New Pony“ von Street Legal (1978) auf. In Letzterem wird sogar ausdrücklich „Vodoo“ erwähnt. Ich zitiere nochmals aus meinem damaligen Beitrag:
„Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’ „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt.

Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:
They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else“

Und in der Tat, im Blues lebt das alte afrikanische Erbe fort. Tony Atwood, der auf seinem wichtigen Dylan-Blog „Untold Dylan“ auch diesen Song besprochen hat, hat etwas verkürzt, so meine ich, für den Titel alleine „Sex und Blues, Blues und Sex. Total verschlungen“ als Fazit gezogen.

Aber warum Voodoo? Warum heißt das Pony Lucifer?

Natürlich geht es hier um Sex und Blues. Aber es geht auch um den Glauben an Vodoo und an den Glauben an den christlichen Gott. Und wenn Dylan hier singt, dass sein Baby Voodoo-Zauber benutzt, und er sagt ihr „es ist aber Gott zu dem Du gebetet hast und der gibt Dir zurück, was Du anderen gewünscht hast“, dann ist das auch eine Auseinandersetzung zwischen schwarzem christlichen und afrikanisch-karibischem Glauben.

Und so könnte man diesen Song auch als einen Vorgriff auf die drei christlichen Alben Dylans sehen. Wenn wir Street Legal als Übergangsalbum in einer schwierigen persönlichen Situation sehen, so zeichnet sich hier schon die neue Richtung ab.

Die Songs der von April bis Mai 1978 aufgenommenen Platte waren musikalisch von Gospel, Spiritual-Anklängen, von Soul und Blues geprägt. Kein Wunder arbeitete er doch schon seit Mitte Januar 1978 mit der schwarzen Background-Sängerin Helena Springs zusammen, hatte wohl auch eine Beziehung mit ihr, und schrieb mit ihr fast zwanzig Songs. Street Legal beendete die 1970er-Phase, die vom weißen Folk-Rock geprägt war. Bob Dylan setzte sich nun, so sagte es Mitmusiker Billy Cross dem Dylan-Biograph Clinton Heylin, ganz tief mit der schwarzen Kultur auseinander. Und er hatte unter seinen in den Jahren 1978 bis 1985 wechselnden Background-Sängerinnen auch immer wieder wechselnde Freundinnen mit denen er auch Lieder schrieb oder sang wie eben Helena Springs oder auch Clydie King. Das Video von Abraham, Martin and John, spricht Bände über seine Beziehung mit Clydie. Die Afro-Amerikanerin Mary Alice Artes, eine Freundin von Helena Springs, wurde auch eine gute Freundin von ihm, und wurde als „Queen Bee“ in den Liner Notes von Street Legal verewigt. Sie half ihm beim Übertritt zum christlichen Glauben.

Einem christlichen Glauben, der sich religiös in einer evangelikalen Kirche, kulturell aber in der Mischung aus Rock und schwarzem Gospel manifestierte. Es kann sehr gut sein, dass Dylan sich im Song „New Pony“ auch von den Empfindungen seiner damaligen schwarzen Freundinnen und deren Selbstfindung zwischen verdrängtem afrikanisch-karibischen Erbe, strenger kirchlicher Erziehung und dem ewigen Spannungsfeld zwischen Gospel, Soul und Blues, beeinflussen ließ.

Ein Spannungsfeld, durch das man nicht ohne Widersprüche kommt. Dylan predigte während seiner Born Again-Phase christlich-fundamentalistisch. Er spielte schwarzen Gospel-Rock. Sein damaliger privater Lebensentwurf schien aber sinnlichen und lebenszugewandten afrikanischen Traditionen näher zu stehen.
In dieser Phase lernte er dann Carolyn Dennis kennen, die seine Background-Sängerin bis Mitte der 1980er blieb und die er 1986 heiratete und mit der er die gemeinsame Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan hat.

Und Dylan blieb in den 1980ern der Black Community weiterhin zugewandt, 1985 nahm er mit Kurtis Blow zusammen einen Rap-Song auf. Doch das ist wieder eine andere Geschichte von „Bob Dylan und Black America“.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (25)

17. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

today: Anne Frank meets Indiana Jones!

Dylans neuer Song ist ein Selbstporträt des Dichters als Summe vieler Stimmen und Persönlichkeiten – vielfältig und wiedersprüchlich.

Wow! Wieder fährt man morgens den Computer hoch, scannt mit einem Auge als erstes im Netz die Dylan-Seite expectingrain.com und was passiert? Schon wieder hat der alte Kerl über Nacht einen neuen Song veröffentlicht! „I Contain Multitudes“ heißt das neue Werk.

Das Ding ist mit diesmal knapp viereinhalb Minuten deutlich kürzer als „Murder Most Foul“, aber kein bisschen weniger textlich anspruchsvoll. Dylans Song ist eine Art Selbstporträt. Der Dichter als lebender Widerspruch. Das ist er ganz persönlich, aber auch als Projektionsfläche der Hoffnung mehr als einer US-Generation. Denn wie viele Stimmen, wie viele Persönlichkeiten, wie viele künstlerische Ansätze hat er verfolgt, nur um sie gleich wieder einzureißen und neue zu beginnen. Und das nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig.

Dabei hat sich Dylan des Titels diesmal beim großen amerikanischen Dichterfürsten Walt Whitman bedient. Bei dessen Poem „Songs of Myself, 51“:

Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)

Vielfalt
Dieser Whitman empfand sich von sich, er bestünde aus vielen Teilen, er sei vielfältig. Und damit meinte Whitman auch wie später auch Woody Guthrie oder die Beatniks – die allesamt Dylan prägten – sagen, dass sein Amerika ein vielfältiges Amerika sei. This Land Is Your Land This Land Is My Land“, sang Woody. Vielfältig landschaftlich wie ethnisch, religiös wie politisch. Vielfältig, aber auch so widersprüchlich. Der Süden hat Sklaverei und Rassismus ebenso hervorgebracht wie Blues, Country und Jazz. Zu den USA gehören demokratischer Pluralismus und Gewaltenteilung ebenso wie menschenfeindlicher Radikal-Kapitalismus. Zusammenhalt in den Communities ebenso wie Einzelkämpfertum und Egoismus.

Gegensatzpaare
Nicht diese, aber andere Gegensatzpaare, spielen eine große Rolle in dem Song. Anne Frank und Indiana Jones in einen Vers zu bringen, ist genial. Im Netz suchen sie nach verbindendem zwischen den beiden. Aber ist denn der Gegensatz nicht der, der zählt? Dass man konträre Eigenschaften hat und trotzdem Teil eines Ganzen ist? Anne Frank, das jüdische Mädchen, das sich vor den Nazis in Amsterdam verstecken musste, und ihnen zum Opfer fiel und Indiana Jones, der Abenteurer, der sich immer wieder Kämpfe mit den Nazis lieferte, aber stets die Oberhand behielt. Dylan bietet uns noch weitere Gegensatzpaare an, nennt uns aber auch weitere Vorbilder, die quasi prägend sind: William Blake oder Edgar Allan Poe.

Kollektivwesen
In seiner Radio Show webte Dylan über mehrere Jahre an einem idealtypischen musikalischen Gewand für Amerika. Die USA sind so vielfältig, das Gewand konnte nur ein Patchwork-Quilt werden. Dylan greift hier bei „I Contain Multidudes“ das Motiv der vielen Persönlichkeiten, der vielen Stimme nochmals auf und reklamiert dieses Prinzip für seine Person. Er als amerikanischer Poet kann gar nicht anders als vielstimmig sein. Aus seinem Kopf, aus seinem Mund spricht quasi das amerikanische Kollektivwesen. Heinrich Detering hat einmal diesen Vergleich zu Goethe gezogen, der sein Werk als Werk eines Kollektivwesens verstand, das nur zufällig Goethe hieß.

Amerikanisches Gesamtkunstwerk
Bob Dylan ist längst ein amerikanisches idealtypisches Gesamtkunstwerk. Er vereinigt in sich Folk, Blues, Country, Gospel, Soul. Woody Guthrie und Sinatra. Johnny Cash und Sam Cooke.

Schlaumeier könnten jetzt sagen, das klingt jetzt aber doch ganz schön nach Finale und Vermächtnis. Der erste Song über das amerikanische Trauma im amerikanischen Jahrhundert, der zweite ein Selbstporträt orientiert an einem amerikanischen Dichterfürsten. Doch Dylan – der uns schon seit vielen Jahren auf der Bühne vorspielt, er sei ein alter gebrechlicher Mann und sich auch bewusst eine verbrauchte Stimme gab und der im Kurpark gut zu Fuß unterwegs war und heutzutage so gut singt, wie seit 35 Jahren nicht mehr und der mit dem Rücken zum Publikum mit der Band scherzt, aber den Zuschauern gegenüber keine Miene verzieht – der kann uns jetzt auch ganz einfach nochmal seine Stilmittel und sein Selbstverständnis erklären, um dann wieder ganz anders weiter zu machen.

Bob Dylan nutzt die Zeit, die durch Corona still steht, um unseren Blick auf Amerika – sein Amerika ist ein anderes, als das von Trump – und auf sich selbst zu schärfen. Was weiter passiert, hängt auch davon ab, wie es auf der Welt weitergeht.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (15)

7. April 2020

Thomas hat den Blues

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute habe ich den Blues!

Nach so vielen Tagen im Home Office hat es mich erwischt. Da fällt einem doch schon mal die Decke auf den Kopf, da vermisst man Kollegen und Freunde. Da hat man den Blues.

Grund genug nach ein paar guten Songs zu suchen. Denn was ist heilsamer als schmerzvolle Lieder. Eine Rosskur und dann geht die Sonne wieder auf. Und was passt da besser als Blues-Songs. Songs über Situationen, aus denen man einfach nicht mehr rauskommt. Songs über Isolation, Songs über das zu Hause bleiben, traurige Songs.

Und hier sind ein paar, die ihr dann unten hören könnt.

Wir beginnen unsere Reise mit einem ganz traurigen Blues. Dem „Down Home Blues“. Geschrieben von Tom Delaney machte die Sängerin und Schauspielerin Ethel Waters 1924, also vor fast hundert Jahren, daraus einen Hit:

Lonesome and blue.
I’ve got the blues on my mind,
And I just feel like crying all the time.
Woke up this morning, the day was dawning,
And I was feeling all sad and blue,
I had nobody to tell my troubles to;
I felt so worried,
I didn’t know what to do.

Trauriger und hoffnungsloser geht’s nicht. Über das weitere Schicksal der Dame im Lied geben wir lieber keine Prognose ab.

Sondern gehen geschwind weiter zu Johnny Cash. Denn der versteht es, die im Country manchmal hemmungslose Weinerlichkeit ironisch zu brechen. Allein die Anfangssequenz des Videos ist unbezahlbar. Erst fiebert man mit, dass sich Bassist Marshall Grant bei seinem gakeligen Intro nicht die Finger bricht und dann das schiefe Grinsen von Johnny Cash und ab geht’s. Feiner Song und der „Man in Black“ ist hier modisch noch nicht so festgelegt und trägt ein helles Westernhemd.

Natürlich hat auch unser lieber Bob etwas beizusteuern. Ähnlich wie wir steckt er fest. In Mobile, Alabama. Nun, dort in den 1960er Jahren, als dieser Song entstanden ist, festzustecken und eine längere Zeit verbringen zu müssen – nun man kann sich schöneres vorstellen. Der von Schiffs-, Flugzeug- und Ölindustrie geprägte Ort war eine unromantische Südstaatenstadt mit Rassentrennung und Repression gegen Schwarze. 1981 erlangte er traurige Berühmtheit wegen der Ermordung von Michael Donalds durch den Ku-Klux-Klan. Dylan nutzt die Stadt in seinem Song aber zu einem allgemeinen Lamento gegen die amerikanische Provinzstadt. Wenn man dort im tiefen Süden feststeckt, dann wenigstens mit dem Memphis Blues auf den Lippen. Die Aufnahme davon stammt von 1976, von der 2. Rolling Thunder Revue.

Und zu guter Letzt ein aktuelles Werk zur Lage. Der sarkastisch-ironische Self Isolation Blues von Tom Portman & Karl Clews. Ungemein tröstend.

Uff, durchschnaufen, die Laune bessert sich schon.

Also viel Spaß mit der Musik & bis Morgen!

Best
Thomas

Ethel Waters – Down Home Blues

Johnny Cash – Home Of The Blues

Bob Dylan – Stuck Inside Of Mobile

Isolation Blues

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (13)

5. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Auf dem Bienenlehrpfad

Howdee Everyone,

schützt die Bienen!

Heute war mal wieder Ausgehtag und wir haben das schöne Wetter genutzt um gleich im Nachbarort ein bisschen in die Weinberge zu gehen. Da haben wir dann was Neues entdeckt: Einen Bienenlehrpfad. Seit einigen Jahren wird ja verstärkt auf die Gefährdung der fürs Ökosystem so notwendigen Bienen hingewiesen. Gleichzeitig wird Imkern fast schon zum Volkssport, denn neuerdings gibt es bei Aldi Einsteigersets für Hobby-Imker.

Ja und da fiel mir wieder dieser wunderschöne romantisch-melancholische Song von SONiA disappear fear ein: „Princess and the honeybee“ und dass wir den gerne bei Ihren Facebook-Konzerten live hören möchten.

Und weil die Honigbiene (Honeybee), die Biene (Bee) und der Honig (Honey) so natürlich zum Landleben dazugehören kommen sie natürlich auch in vielen Folksongs vor. Und das nicht nur romantisch, sondern durchaus auch handfest. So beispielsweise im Folksong „The Honey War“. In Zeiten, als die Siedler in den neuen US-Territorien schwierige Phasen durchlebten und für jede natürliche Ressource dankbar waren, entspann sich an von Bienen bevölkerten Bäumen ein militärischer Konflikt zwischen Missouri und Iowa. Davon erzählt dieser Song, den wir unten hören.

Die Begrifflichkeiten rund um das süße Naturprodukt wurden aber immer auch schon auf die zwischenmenschlichen Beziehungen angewendet. „Honey“ ist nicht nur ein zärtliches, liebevolles Kosewort im englischen, in den US-Südstaaten ist es manchmal die normale Anrede. Gerade auch unter Frauen. Im Geschäft heißt es da schnell „What do you want, Honey“? Oder im Diner „Do you want more coffee, Sweetie?“.

In der Bluesmusik wurden die Begrifflichkeiten oftmals eindeutig zweideutig gewendet. Ganz groß darin war beispielsweise der legendäre Muddy Waters. In seinem Song „King Bee“ heißt es
„Well I’m a king bee
Buzzing around your hive
Well I’m a king bee, baby
Buzzing around your hive
Yeah I can make honey baby
Let me come inside“

Klar, oder?

Ein weiteres Beispiel ist „Honeybee“
„All right, little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
She been all around the world making honey
But now she is coming back home to me“

Die alte Geschichte vom Bienchen, die von… Na, ja man kennt es. Am Ende kommt sie natürlich heim.

Während sowohl im Folk, als auch im Blues die Welt der Bienen immer metaphorisch benutzt wird für „Harte Arbeit“ oder „Liebe“ ist die moderne Mainstream-Countrymusik da ein Stück weit direkter. Und so schließt dieser Eintrag nach SONiA disappear fear, dem alten Folksong „Honey War“ und Muddy Waters mit Blake Sheltons „Honeybee“, eine Ode an den Honigkauf beim Direkterzeuger oder sing: „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin an einem Honigstand…“

Soweit für heute, und da gilt natürlich: Kauft den Honig beim Imker, nicht im Supermarkt!

Best
Thomas

SONiA disappear fear: Princess And The Honybee

The Honey War (American Folksong)

Muddy Waters: I’m a King Bee

Muddy Waters: Honeybee

Blake Shelton: Honeybee

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (4)

27. März 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Ich habe heute morgen meinen Computer hochgefahren und wie immer fiel einer der ersten Blicke auf expectingrain.com, die internationale Dylan-Fanseite. Und schon war dieser Tag ein anderer als gedacht: Denn heute Nacht hat Bob Dylan den ersten neuen Originalsong seit fast acht Jahren veröffentlicht.

„Murder Most Foul“ heißt das Stück, das mit fast 17-Minuten das in der Reihe der ohnehin vielen langen Dylan-Stücke nun auf die Pole-Position geschnellt. 17 Minuten lang erzählt Bob Dylan von Amerika. Ausgehend von der Ermordung von John F. Kennedy am 22. November in Dallas, Texas, entwirft die Songwriter-Legende nicht nur ein bild- und namensreiches Panorama der 1960er Jahre, sondern geht auch auf die durch die Ermordung Kennedys verlorenen Hoffnungen auf Veränderung ein.

„An dem Tag, als sie ihn töteten, sagte mir jemand, mein Sohn,
Das Zeitalter des Antichristen hat gerade erst begonnen.“

„Was ist die Wahrheit? Wo ist sie hin?
Frag Oswald und Ruby, sie sollten es wissen,
Halt den Mund, sagte die weise alte Eule,
Geschäft ist Geschäft, und es ist Mord wie er aufs Beste ist.“

„Was ist neu Pussycat, was habe ich gesagt?
Ich sagte, die Seele einer Nation sei weggerissen worden,
und sie beginnt langsam zu verfallen,
und dass es 36 Stunden nach dem Tag des Gerichts ist.“

Soweit wichtige Kernsätze des Liedes, das sich musikalisch zwischen den Sinatra-Songs und „Long And Wasted Years“ von „Tempest“ einreiht. Streicher- und Pianobegleitung und offener Sprechgesang, kein Refrain nur die hier und da die Zeile „Murder Most Foul“.

Das ist übrigens ein Hamletzitat. Erster Akt, 5. Szene. Der Geist spricht zu Hamlet:

„Ja, schnöder Mord, wie er aufs Beste ist,
Doch dieser unerhört und unnatürlich.“

Und wieder kann Dylan der Versuchung nicht widerstehen, Ereignisse unserer Zeitgeschichte in Shakespeare-Zitate zu kleiden. Und sein „Klagelied“ geht weit über das Amerika der 1960er hinaus. Im Subkontext ist natürlich die Rede vom heutigen Amerika. Mit der Ermordung Kennedys ist die Seele Amerikas weggerissen worden. Nun, zu Zeiten von Trump – „und Corona“ mag sich Dylan gedacht haben, als er dieses Werk nun veröffentlicht hat – ist endgültig der Verfall eingeleitet worden. Denn dieser Präsident weiß gar nicht was Amerika eigentlich ist. Für Dylan ist Amerika eine Idealvorstellung, die in der amerikanischen Musik zum Ausdruck kommt. In Blues, Country und Jazz. Musik, die für Dylan auf einer Stufe mit griechischer Mythologie oder Shakespeares Dramatik steht. Daher sein ausführliches Namedropping, seine Ausschüttung des Zitaten und Musiktitel-Füllhorns in diesem Song.

Dylan sagt uns: Über John F. Kennedy kann man noch Klagelieder singen. Die Spottlieder über Trump aber überlässt Dylan anderen. Die Nichterwähnung des orangefarbenen Horror-Clowns in Dylans Werk ist Strafe genug.

Ob der Song jetzt so etwas wie eine Ouvertüre zu einer neuen Albumveröffentlichung ist, steht bislang in den Sternen. Dabei wäre es genau das, was wir und was Amerika jetzt braucht: Eine integere amerikanische Seele, hinter der man sich versammeln kann, die Trost statt Hass spendet und die ein idealisiertes Amerika einem gespaltenen, erodierenden Amerika vorzieht.

Amerikas Überindividualismus und sein verquerer Freiheitsbegriff wird durch die Corona-Krise als unmenschlich und nutzlos entlarvt. Kein leistungsfähiges Gesundheitssystem für alle, kein Sozialsystem, keine Absicherung von Arbeitslosen. Das einzige was Amerika den Menschen zuhauf gibt sind Waffen. Es drohen in der Tat apokalyptische Zustände. Armut, Krankheit und Tod in einem Ausmaß, gegen die die Great Depression ein Kindergeburtstag war. Gewalttätige Riots wie man sie noch nie gesehen hat.

Dylan hat sein ganzes Leben – ohne sich politisch in eine Schublade zu begeben – für die Menschlichkeit und gegen diese Apokalypse angesungen. In seinem Spätwerk immer bitterer und böser. Nun muss er schon in vermeintlich bessere Jahre zurückblicken, wenn er in den Zeiten des galoppierenden Hasses gehört werden will. Ein Rückblick in eine Zeit, in der aber der Niedergang schon angelegt war. Indem die gesellschaftlichen Alternativen nicht nur mit John F. Kennedy, sondern auch mit Malcolm X, Bobby Kennedy und Martin Luther King ermordet wurden. Und die Machtverhältnisse verfestigt wurden.

Dylans „Murder Most Foul“ ist der Schwanengesang auf sein, auf unser Amerika.