Archive for the ‘Blues’ Category

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/

Grieben singt Dylan – Ein Abend mit Songs von & rund um Bob Dylan

11. März 2019

Martin Grieben, Copyright Theater Alte Brücke Frankfurt

Samstag, 30. März, Theater Alte Brücke, Frankfurt-Sachsenhausen, 19.30 Uhr

Wenn in den 1990er Jahren das Thema auf Bob Dylan kam, wurde ich meist mitleidig belächelt. Lebt der denn noch, kann der denn noch singen? Veranstaltungen zu Bob Dylan waren selten, dafür dann aber von großer Sachkenntnis geprägt. Bis heute faszinieren mich die damals gehörten Lesungen von Paul Williams, Greil Marcus und Günther Amendt, die geistreich über Bob Dylan erzählten und dies in einen ästhetischen, historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang stellten.

Als dann Dylan in den 200oern eine wahre Schaffensexplosion hinlegte mit hochkarätigen Alben, Film und Buch und Malerei und Radio-Show, da wurden die Veranstaltungen über Dylan dann immer mehr. Und nach dem Nobelpreis erst recht. Es gab und gibt Theaterstücke in Heidelberg und Lübeck, Ausstellungen in Fulda und Liederabende in Saarbrücken und und und…

Und wie überall gibt es solche und solche. Veranstaltungen bei denen man merkt, dass es den Leuten ernst ist, und solche, die sich einfach an den Ruhm anhängen. Ich habe mal einen Dylan-Abend vorzeitig verlassen, weil da mit Halbwissen und Klischees nur so um sich geworfen wurde, und die deutschen Übersetzungen das Niveau von Jugend-Gottesdiensten beim Kirchentag hatten. Sowas brauche ich nicht.

Ganz anders aber bei Martin Griebens Bob Dylan-Programm. „Martin Grieben verfolgt die verschlungenen Wege der Karriere des Bob Dylan seit 40 Jahren mit wachsender Faszination. Währenddessen war er Leader von Rock’n’Roll Bands, Sänger und Gitarrist, Komponist und verhinderter Popstar, Produzent, Tonstudiobetreiber und überzeugt inzwischen als „Mein-Mann“-Band in der Theater-Talkshow „Melli redet mit“ – nur Stimme, Gitarren, Ukulele und dunkle Sonnenbrille. „Grieben singt Dylan“ – ein Abend mit Songs von und rund um Dylan aus beinahe sechs Jahrzehnten. Keine gerührte Nostalgie-Veranstaltung, sondern die schräge Welt des Bob Dylan als unterhaltsamer, musikalischer Trip.“

Soweit der Pressetext. Hier und in der Korrespondenz mit ihm wurde mir die Ernsthaftigkeit seines Anliegens klar. Und wenn ich die Liste seiner Dylan-Songs anschaue, die er so Repertoire hat – z.B. „Po‘ Boy“, „Abraham, Martin und John“ oder „Meet Me In The Morning“, so sind das Songs, die der Spezialist des Abends, den ich dringend verlassen musste, wahrscheinlich überhaupt nicht kennt.
Und so verlässt Martin Grieben die ausgetrampelten Dylan-Pfade. Etwas, dass auch die DoubleDylans und ich immer wieder versuchen.

Sehr schön beschreibt Grieben, was alles in Dylan steckt: „Denn in Dylans Songs ist so viel Spaß, Weh, Ironie, Traurigkeit, Verzicht, Irrsinn, Blut, Liebe, Horror, Herzschmerz, Verwirrung, Weisheit, Vertrauen, Bescheidenheit, Märchenhaftes, Blödsinn, Blues, Sinnsuche, Selbstzerfleischung, Hoffnung, Verzweiflung, Betrug, Gier, Kitsch, Ablehnung, Sehnsucht, Hybris und was nicht noch alles drin.“

So sehe ich das auch! Und deswegen freue ich mich, Martin Griebens Programm hier anzukündigen und es auch zu besuchen. Tun Sie’s einfach auch!

https://theater-alte-bruecke.reservix.de/tickets-grieben-singt-dylan-ein-abend-mit-songs-von-rund-um-bob-dylan-in-frankfurt-am-main-theater-alte-bruecke-am-30-3-2019/e1357167

America-Preview I: St. Louis

4. März 2019

Stadtflagge von St. Louis


An dieser Stelle werde ich in den nächsten Wochen in unregelmäßigen Abständen kurze Stücke über die Ziele unserer diesjährigen Amerikareise veröffentlichen. Den Auftakt bildet unsere erste richtige Station, St. Louis, Missouri.

Musikstadt
Da auch diese Reise wieder eine Musikreise ist, soll hier erstmal die Musik zum Zuge kommen. Musikalisch ist St. Louis vor allem durch den Titel „St. Louis Blues“ bekannt. Wobei der Song, den alle Großen des Blues und Jazz – Bessie Smith, Louis Armstrong, Billie Holiday oder Cab Calloway – in ihrem Repertoire hatten, weniger ein Blues über St. Louis, sondern über jemanden, der in St. Louis den Blues hat. Geschrieben hat ihn W.C. Handy, den „Vater des Blues“, den wir ja schon von Memphis, Tennessee, her kennen. Ein großer musikalischer Sohn der Stadt war Chuck Berry. Der „Vater des Rock’n’Roll“ spielte hier bis ins hohe Alter regelmäßig in einem Musikclub. Und im Gegensatz zu Chicago hat St. Louis schon seit einigen Jahren ein Bluesmuseum. Seine Homebase hat heutzutage hier einer unserer absoluten Lieblinge, Pokey LaFarge, dessen Mischung aus Country, Swing, Blues und Ragtime eine geniale Adaption für heutige Zeiten darstellt. St. Louis war auch die Heimat der Band Uncle Tupelo, die stilbildend für alternative Country und Americana war. Die schwarze Hip Hop- und Rapmusik wird heute von Künstlern wie Nelly und Lewis Grant vertreten.

Handelsknotenpunkt
Was wissen sonst noch von St. Louis? St. Louis war eine französische Gründung, die Lilie im Stadtwappen zeugt heute noch davon. Hier fließt der Missouri in den Mississippi, aufgrund des Hafens und als Eisenbahnknotenpunkt war St. Louis wichtige Handelsstation vom Süden in den Norden und gleichzeitig das „Tor zum Westen“. Davon kündet das große Denkmal, der Gateway Arch.

Deutsche Bierbrauertradition
St. Louis hat eine große deutsche Community und ist eine Bierbrauerstadt. Neben dem Giganten Anheuser Busch („Bud“) haben sich in den letzten Jahren wieder einige kleinere Brauereien dort angesiedelt. Anheuser Busch wurde übrigens von Eberhard Anheuser aus Bad Kreuznach und seinem Schwiegersohn Adolphus Busch aus Mainz-Kastel im Jahre 1879 gegründet. Sie brauten das erste Bier, das in ganz Amerika verkauft wurde und auf Basis der Pilsner bzw. Budweiser Brauart erzeugt wurde. Daher „Budweiser“ und letzlich „Bud“.

Ab Mitte des letzten Jahrhunderts verliert St. Louis seine wirtschaftliche Bedeutung und St. Louis ist gekennzeichnet vom Glanz von früher, dem deutlich der Lack abgeht. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht und so wurden aus Grundstücken mit leerstehenden Gebäuden zu Grünflächen umgestaltet, so dass sich St. Louis heute die „Stadt der 1000 Parks“ nennt.

Starke schwarze Community
Von der Bevölkerung her wohnen fast ebenso viele Schwarze wie Weiße in St. Louis, beide machen jeweils etwa 40 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Es gibt daher auch einige interessante Museen wie eben das National Blues Museum oder das Griot Museum of Black History, die sich mit den afroamerikanischen Beiträgen zur Stadtgeschichte befassen. Unterschlagen werden soll an dieser Stelle auch nicht, dass es auch in St. Louis in den letzten Jahren zu schweren Rassenunruhen gekommen ist. Auslöser war auch hier Polizeigewalt gegen Schwarze.

Es erwartet uns also die amerikanische Realität an einem Ort, der wohl sehr wenig beschönigt. Aber auch das gehört zu den wichtigen Eindrücken, die wir in den USA immer wieder erleben.

Menna Mulugeta begeistert bei „Americana im Pädagog“

2. März 2019

Ausverkauftes Haus bei „Von Billie bis Beyoncè. Black Women in American Music“

Starke Stimme: Menna Mulugeta

Sie hat es geschafft. Als erster Einzel-Act der Reihe „Americana im Pädagog“ war Menna Mulugetas Konzert im Darmstädter Pädagogtheater ausverkauft. Dies war vorher nur mit den großen Line-ups bei den Tribute-Konzerten gelungen. Ihr Programm „Von Billie bis Beyoncè. Black Women in American Music“ brachte die Leute auf die Beine. Und von Anfang an berührte sie, bewegte sie, begeisterte sie das Darmstädter Publikum. Durch ihre großartige, kraftvolle und zugleich facettenreiche Stimme, durch ihre enorme Bühnenpräsenz, durch ihre Ausstrahlung und nicht zuletzt durch ihre kenntnisreichen Erzählungen über Sängerinnen, Songs und Zeitumstände. Das war einer der ganz großen Glanzpunkte in der nun fünfjährigen Geschichte von „Americana im Pädagog“.

Es tut immer wieder gut, wenn Ideen funktionieren. So wie der große Dylan-Geburtstag 2016, die „Lovesongs for the other America“, das Woody Guthrie-Tribute und jetzt eben die Idee, Menna mit ihrem Programm zu den großen weibliche afroamerikanischen Stimmen ins Pädagog zu holen. Von Anfang an, als wir die ersten Überlegungen zu diesem Abend anstellten, wusste ich, das wird ein besonderer Abend. Sie begeisterte die Teilnehmenden der Ingelheimer Musik & Politik-Seminare und in mir wuchs der Wunsch, dieses Programm mit ihr in der Reihe „Americana im Pädagog“ auf die Bühne zu bringen. Und Menna und ihr musikalischer Partner Gernot Blume haben ein fantastisches Programm entwickelt. Bessie Smith, Billie Holiday, Sister Rosetta Tharpe, Etta James, Nina Simone, Aretha Franklin, Tina Turner, Whitney Houston, Rhiannon Giddens, Beyoncé Knowles – was für ein Reichtum an starken Stimmen. Und wie beeindruckend die erst 27-jährige Menna sie interpretiert und dabei zeigt, welch starke Stimme sie hat. Menna hat sich dazu tief in die Biographien der Sängerinnen und in die gesellschaftlichen Hintergründe eingearbeitet. Auch davon lebt dieses Programm, das hoffentlich nach dieser gelungenen Premiere noch öfters zu hören sein wird.

Bei „Americana im Pädagog“ geht es weiter am Donnerstag, 28. März mit der südhessischen Bluegrass-Formation „Grass Unlimited“, bevor dann das erste Halbjahr mit den beiden großen Pete Seeger Tribute-Konzerten beendet wird. Infos und Karten gibt es hier:
https://paedagogtheater.de/kalender/

„Einen ganzen Abend mit der Musik dieser Frauen zu gestalten, ist für mich eine besondere Freude“

22. Februar 2019

„Black Women in American Music“ am 28. Februar bei „Americana im Pädagog“ in Darmstadt/ Menna Mulugeta im Interview

Menna Mulugeta

Ohne die Beiträge der afroamerikanischen Frauen wäre die US-Populärmusik nicht denkbar. Ihre Perspektive im Spannungsfeld zwischen Rassismus, Frauenfeindlichkeit und dem Kampf um soziale Teilhabe hat großartige Musikerinnen und starke Songs hervorgebracht. Von Billie Holidays „Strange Fruits“ über Nina Simones „Mississippi Goddamn“ bis hin zu Aretha Franklins „Respect“. Heutzutage sind es Künstlerinnen wie Beyoncé, die mit ihrer Musik den Soundtrack für die Bewegung „Black Lives Matter“ liefern.

Mit ihrem Programm „Von Billie bis Beyoncé. Black Women in American Music“ wird Menna Mulugeta am kommenden Donnerstag (28. Februar, 20 Uhr) diese Musik im Rahmen der Konzertreihe „Americana im Pädagog“ auf die Bühne des Darmstädter „Theater im Pädagog“ bringen. Die Sängerin aus der Nähe von Bingen begeistert seit einigen Jahren mit ihren Konzert- und Fernsehauftritten. Mit ihrem musikalischen Partner Gernot Blume hat sie diesen besonderen Abend für die Reihe „Americana im Pädagog“ entwickelt. Americana-Kurator Thomas Waldherr hat sie zu diesem Programm und ihrem Werdegang befragt.

Was hat Dich an der Idee begeistert, einen Abend mit der Musik der großen afroamerikanischen Sängerinnen zu gestalten?
Für mich sind afroamerikanische Sängerinnen schon immer eine große Inspirationsquelle gewesen. Als Kind habe ich mir Videos von beispielsweise Whitney Houston angeschaut und war verzaubert, wie wunderbar sie singen konnte. Natürlich konnte ich mich auch wegen der Hautfarbe mit ihnen identifizieren. Nun einen ganzen Abend mit der Musik dieser Frauen zu gestalten, ist für mich eine besondere Freude.

Wie bist Du zur Musik gekommen?
Im Alter von 10 fand ich nach musikalischen Stationen bei der Blockflöte, dem Horn und dem Keyboard zu meinem Lieblingsinstrument, der Stimme. In der Grundschule spielte ich Theater und mit dem Wechsel aufs Gymnasium gab es dann eine Musical – AG. Da musste ich auf einmal singen:)

Was sind Deine wichtigsten musikalischen Einflüsse? Welches sind Deine Lieblingsmusikerinnen und -musiker?
Wichtige Einflüsse sind Gospel, Soul, Pop und R’n’B. Wichtige Künstler in meinem Aufwachsen: Beyoncé, Toni Braxton, Whitney Houston, Alicia Keys, Gregory Porter.

Hast Du als Tochter von äthiopischen Eltern in Deutschland Rassismus erfahren?
Bis jetzt kaum direkten, offenen Rassismus. Jedoch immer wieder begegnen mir unterschwellige, latente Vorurteile.

Du strahlst im Leben wie auf der Bühne stets Power und Optimismus aus? Woher kommt das?
Vielen Dank:)! Das ist glaube ich einfach mein Naturell. Es fällt mir leicht, positiv zu sein und mich über mein Leben und die Musik zu freuen. Trotzdem ist es auch immer wieder eine Entscheidung sich aufzurappeln.

Welche Ziele verfolgst Du mit der Musik? Wo willst Du in zehn Jahren sein?
Mhmm. Gar nicht zu einfach. Ich versuche immer im hier und jetzt zufrieden und glücklich zu sein. Mir gefällt, wohin sich meine Karriere seit dem Abitur entwickelt und wünsche mir für die Zukunft größere Hallen, die ich bespielen darf und interessante Kollaborationen mit Musikern aus aller Welt:)

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf im Darmstadt-Shop im Luisencenter sowie online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Die Schwester, die uns den Rock’n’Roll gab

14. November 2018

Vor 45 Jahren starb Sister Rosetta Tharpe, Gospel-Sängerin und zugleich Pionierin des Rock’n’Roll

Nein, ich glaube ich muss hier nicht mehr erklären, dass weder Elvis noch Jerry Lee den Rock’n’Roll erfunden haben. Nein, der Rock’n’Roll war schon vorher da, wurde u.a. von Chuck Berry gespielt, hieß da aber noch Rhythm & Blues. Die weißen Jungs waren dafür gut, diesem Musikstil ein zahlungskräftiges, weißes Publikum zuzuführen. Die wirklichen musikhistorischen Leistungen haben dagegen Chuck Berry und eine ganz besondere Frau erbracht.

Sister Rosetta Tharpe, geboren 1915 als Rosetta Nubin im armen Arkansas, kam mit sechs Jahren nach Chicago. Zeit ihres Lebens blieb sie eine Grenzgängerin zwischen dem Gospel und der schwarzen weltlichen Musik. Sie trat schon früh als Sängerin und Gitarristin in kirchlichen Zusammenhängen auf – ihre schwarze Pfingstlergemeinde erlaubte den expressive musikalischen Ausdruck und dass Frauen sangen und lehrten – und nahm mit 23 den Bühnennamen Sister Rosetta Tharpe an, eine Variation des Namens ihres geschiedenen Mannes, mit dem sie nur wenige Jahre zusammen war. „Rock Me“ und andere Songs, die sie 1938 einspielte, machten sie über Nacht zum Star und beeinflussten alle wichtigen weiteren Rhythm & Blues und Rock’n’Roll-Pioniere.

Ihre Einzigartigkeit bestand im expressiven Gesangsvortrag gepaart mit dem Spiel der elektrischen Gitarre, der sie oftmals im Slide-Stil die Töne hervorlockte. Zwar waren es oftmals inhaltlich Gospel, die sie sang, die aber waren mit einer solchen weltlichen musikalischen Wucht vorgetragen, dass sie das religiöse Publikum ebenso schockierten wie das weltliche Publikum elektrisierten. So wurde sie in den 1940er zu einer Künstlerin, die die Grenzen überwand. die Grenzen zwischen schwarzer religiöser und weltlicher Musik ebenso wie die die Rassenschranken, in dem sie schwarze Gospel vor einem größeren weißen Publikum spielte.

In den 1950ern war sie eine Sensation, spielte in ausverkauften Arenen und beeinflusste direkt die weißen Rock’n’Roller. Just als sie wegen deren Erfolg in den Hintergrund gerückt war, wurde sie durch das europäische Interesse am Blues wiederentdeckt und sie trat auf einer Tour durch den alten Kontinent auf.

1970 erlitt sie einen Schlaganfall und beendete deswegen ihre Konzertaktivitäten. Sie hatte Diabetes und verstarb am 9. Oktober 1973 an den Folgen eines erneuten Schlaganfalles.

In den vergangenen Jahren wurde ihr enormer Beitrag zur Geschichte von Rock und Blues durch die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall Of Fame und die Blues Hall Of Fame gewürdigt. Eine BBC-Dokumentation nannte sie „The Godmother Of Rock’n’Roll“. Ihre Einflüsse reichen heutzutage bis hin zu so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Rosanne Cash, Mary Chapin-Carpenter oder Rhiannon Giddens. Und Bob Dylan sagte über sie: „Schwester Rosetta Tharpe war alles andere als gewöhnlich und schlicht. Sie war eine große, gutaussehende Frau und göttlich, ganz zu schweigen von der Erhabenheit und Pracht. Sie war eine mächtige Naturgewalt. Eine Gitarre spielende, singende Evangelistin.“

Es lohnt sich also mit der Musik dieser großen Künstlerin zu beschäftigen. In einer besseren Welt hätte sie die Lorbeeren und die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die andere einheimsten. Daher ist es nur gerecht an sie und ihre Musik zu erinnern.

Zwei Videos. Sister Rosetta Tharpe 1964 bei einem Konzert auf einem Bahnhof in Manchester und Rhiannon Giddens mit Sister Rosetta Tharpes „Up Above My Head“:


Ry Cooder live in Oostende

28. Oktober 2018

Der Meister der Slide-Gitarre liefert ein starkes Konzert ab/ Viele Blues und Gospeltöne

Er ist eigentlich ein Musician’s Musician und als Solokünstler nicht in der ersten Reihe. Mit ihm werden Projekte wie „Buena Vista Social Club“ verbunden oder die Filmmusik zum Wim Wenders-Film „Paris, Texas“. Als Slide-Gitarrist ist er auch ein gefragter Sideman für die Stars der allersten Reihe. Und dennoch hat er auch als Solo-Künstler ein so beachtenswertes Oeuvre geschaffen, dass seine Tourneen auf große Resonanz stoßen.

So auch am Freitag, 12. Oktober, im Nordseebad Oostend in Belgien. Der Kursaal war ausverkauft und wir waren gegen 19.58 Uhr auf den Plätzen, nachdem Zugausfälle, Streckensperrungen und Umleitungen unsere Anreise erschwert hatten. Das was wir dann zu hören und sehen bekamen, war mehr als eine Entschädigung. Es war ein ganz starkes Konzerterlebnis. Was man jedoch vom Vorprogramm mit Ry Cooders Sohn Joachim nicht sagen konnte. Sphärische Weltmusikklänge, die einen nie wirklich gepackt haben. Haken wir das mal als väterliche Unterstützung ab.

Ry Cooder jedoch ist in großer Form an Slide- und E-Gitarre und hat eine Klasse Band und das fantastische Gospel-Soul-Sangestrio The Hamiltones dabei. Cooder spielt knüpft an sein letztes Album „The Prodigal Son“ an und spielt hauptsächlich alte Traditionals und mit „The Very Thing That Makes You Rich (Makes Me Poor)“ nur einen eigenen Song. Die Musik ist blues- und gospelgetränkt. Er steigt ein mit zwei Coverversionen von Songs des texanischen Blues- und Spiritualmusikers Blind Willie Johnson ein: „Nobody’s Fault But Mine“ und „Everybody Ought to Treat a Stranger Right“. Damit ist Abend programmatisch umrissen. Später folgt noch mit „Jesus In The Mainline“ von Mississippi Fred McDowell ein Klassiker eines Delta-Blues-Veterans. Cooder geht ganz auf in dieser alten Musik aus den 1940er Jahren. Und spielt auch Stücke von weißen Musikern. Das Stock der Stanley Brothers – Harbor Of Love“ wird von ihm zu einem schwarzen Gospel umarrangiert. Und er spielt einen Titel von Woody Guthrie, „Vigilante Man“ und natürlich „The Prodigal Son“, den Titeltrack seiner gleichnamigen neuen Albums. Ihm geht es um die Musik der armen und beladenen Amerikaner, der Schwarzen wie der Weißen. Und die Aussage dahinter, um die es ihm geht, ist die Erinnerung an das andere Amerika. Denn ohne dass Cooder explizit politische Reden führt, ist das Konzert eine einzige Liebeserklärung an das andere Amerika.

Cooder ist gut aufgelegt, sein Gitarrenspiel launig und inspiriert, dabei wie immer technisch perfekt. Wenn man sich die Setlist und seine neue Platte anhört, könnte man meinen, der Mann müsse Trübsal blasen. Doch im Konzert zeigt sich ein ganz entspannter, selbstironischer und humorvoller Ry Cooder. Er ist sogar zu Scherzen aufgelegt. So bewirbt er den Merchandising-Verkauf im Foyer und hebt hervor, dass Dylan ein großer Anhänger und Experte des „Merch“-Verkaufs sei. Die Baby Doll T-Shirts seien immer als erstes ausverkauft, habe ihm die Singer-Songwriter-Legende mit auf den Weg gegeben, erzählt Cooder schmunzelnd.

Das Konzert nimmt zum Schluss immer mehr Fahrt auf, wofür auch die „Hamiltones“ sorgen, die mit viel Gospel-Soul-Power die Betriebstemperatur im Kursaal mächtig steigen lassen. Nach Cooders klasse Version von Elvis‘ „Little Sister“ gehören die Lead-Vocals im letzten Song dann den „Hamiltones“. „I Can’t Win“ ist ein triumphaler Abschluss eines ganz starken Konzertes. Ein Abend, der im Gedächtnis bleiben wird.

Stoischer Sänger, tanzendes Publikum

3. August 2018

Der bekanntermaßen introvertierte nordirische Blues- und Soulbarde Van Morison braucht keine flotten Mitklatsch-Ansagen, um im Schlosspark Schwetzingen die Leute zum Tanzen zu bringen. Es reicht seine wundervolle Musik.

Welch ein Kontrastprogramm. Setzte noch vor dem Konzert von Joan Baez am 1. August der Regen ein, der zumindest die Stimmung in den ersten 30 Minuten etwas dämpfte, so war der 2. August an derselben Stelle, dem Schlosspark Schwetzingen, geprägt durch fetten Sonnenschein und knallheiße Temperaturen. Und dennoch: Auch das Konzert von Van Morrison benötigte eine gewisse Anlaufzeit. Die ersten Stücke waren noch nicht so richtig zupackend vorgetragen, auch wenn Van Morrisons Stimme von Anfang an voll dar war und er auch körperlich einen besseren Eindruck hinterließ wie beispielsweise bei seinem Frankfurter Gastspiel vor 10 Jahren. Und auch damit ergeht es ihm wie seinem stoischen „Bruder im Geiste Bob Dylan, der heutzutage so fit wirkt und gut singt wie lange nicht.

Mit dem dritten Song – dem Sister Rosetta Tharpe-Cover „How Far from God“ – kam Bewegung in die Sache. Und mit einem schönen Bluesmedley aus „Baby Please Don’t Don’t Go“, „Parchman Farm“, „Don’t Start Crying Now“ und „Got My Mojo Working“ war dann endgültig der Boden bereitet. Denn jetzt folgten die ersten Klassiker wie „Moondance“ und „Carrying A Torch“. Dazwischen musikalisch besonders reizvoll „Broken Record“, das Morrison mit seinem unnachahmlichen Talent für Phrasierung und Prononcierung zu einem kleinen Meisterwerk machte. Ab „Precious Time“ war es dann geschehen, immer wieder kamen Leute nach vorne und wollten tanzen. Zuerst wurden sie von den Ordnern mehr oder minder freundlich auf ihre Plätze zurück komplimentiert, bis Sir Van eine klare Ansage machte, man solle bloß nicht glauben, sie hätten etwas gegen tanzende Menschen, sie würden gerne tanzende Menschen sehen. Nun gab es kein Halten mehr, das Publikum drängte nach vorne und in die Seitenwege, und alle standen an ihren Plätzen und tanzten und bewegten sich freudig bis zum Schluss. Großartig!

Nun fielen die Höhepunkte dem Publikum vor die tanzenden Füße wie reifes, süßes Obst. Der vor allem in der Fassungen der „Beach Boys“ und des „Kingston Trios“ bekannte Folk-Gassenhauer „Sloop John B.“ wurde „Van The Man“ in einer verlangsamten, intensiven Skiffle-Version gespielt, inklusive Steel Guitar-Klängen. Und dann folgten auf der Zielgrade natürlich auch noch „Real, Real Gone“ und „Brown Eyed Girl“. Nach anderthalb Stunden verließ Van Morrison mit „Gloria“ die Bühne und ließ sich seine starke Band noch mehr als zehn Minuten mit mehreren Soli so richtig austoben bis das Konzert dann endgültig vorbei war.

Ein starker Abend mit einem sehr wachen und agilen und für seine Verhältnisse fast schon extrovertierten Van Morrison. Fantastisch!

Die Blues-Meister

2. Juni 2018

Die Schultzes aus Weinheim sind wie ganz selbstverständlich Blues-Virtuosen

Wenn man Mojo Schultz und Petra Arnold-Schultz bei einem der vielen Konzerte, die die beiden in den verschiedensten Band-Konstellationen geben, erlebt, fällt sofort eines auf: Die unheimliche Leichtigkeit mit der sie den Blues spielen. Da ist keine große Anstrengung und da ist auch keine falsche Ehrfurcht, sondern stattdessen viel Humor. Die beiden spielen den Blues, weil er ganz selbstverständlich zum Leben gehört. Mojo ist ein Virtuose auf der Bluesgitarre, ob akustisch oder elektrisch oder slide. Mojo gelingt das alles mit viel Spaß und einer frohen Energie. Rhythmisch unterfüttert und mit stoischem Humor ergänzt wird Mojo dabei von Petra am Stand Up-Bass. Wobei „Lady Bass“ auch singt, so dass die beiden auch gesanglich zu überzeugen wissen.

Unter dem ebenso schlichten wie selbstbewussten Titel „Schultzes“ haben sie im vergangenen Jahr als Duo ein Album veröffentlicht, das die Live-Beobachtungen ebenso eindrucksvoll auf CD bestätigt, und zudem einen weiteren wichtigen Aspekt ihrer Kunst unterstreicht: Sie können nicht nur den Blues spielerisch leicht zum Gehör bringen, sie kennen auch seine Geschichte und sein Liedgut in- und auswendig, und wissen letzteres zusammen mit angrenzenden Gebieten wie Country, Bluegrass oder Rock in ihrem Repertoire fein auszutarieren. Und so wird dieses Album ebenso wie ihre Konzerte abwechslungsreich und vielfältig und nie langweilig. Und so wird diese CD auch zu einer Entdeckungsreise.

Nach dem gelungen Auftakt mit „Midnight Rider“ von Greg Allman, dem Gitarrenschulen-Klassiker „Get Back“ von den Beatles und „Riverboat Song“, dem bei J.J. Cale-Fan Schultz obligatorischen Titel aus dem Werk des Tulsa Sound-Begründers, nehmen sich die beiden Zeit für ein ausführliches Leadbelly-Medley. Es fällt mit sieben Titeln üppig aus und beinhaltet mit „Midnight Special“ oder „John Hardy“ bekannte Songs, aber gleichzeitig mit „Yellow Gal“ oder „Western Cowboy“ Stücke, von denen sicher fast nur eingefleischte Kenner des legendären „American Songster“ wissen. Die große Überraschung des Medleys ist aber „House Of The Rising Sun“. Der Song, den sowohl Bob Dylan als auch Eric Burdon in den 1960er Jahren bekannt machten, spielen die beiden so frisch und so anders als wäre er nie – ähnlich wie Blowin In The Wind“ -an unzähligen Lagerfeuern totgeschrammelt und gegrölt worden. Es entsteht ein völlig neuer Song!

Es folgen dann noch Klassiker wie der „Mercury Blues“, mit „Temptation“ ein Tom Waits-Song und zum Abschluss mit „Claire“ ein Stück aus der Feder von Mitmusikant Bernd Dalmann. Er und Mundharmonika-Spieler Albert Koch haben die Schultzes bei wenigen Stücken unterstützt, so dass es wirklich ein Album „Schultzes Pur“ geworden ist. Und genau deshalb ist es so ein schönes Album, das man immer wieder gerne hören mag und einen durch den Tag tragen kann. Chapeau und Gruß nach Weinheim!

Zu beziehen ist das Album „Schultzes“ bei Auftritten der beiden und über die Website http://www.schultzes-weinheim.de .

Und Hörproben gibt es hier:
https://www.schultzes-weinheim.de/musik/

Voices of Mississippi

1. Juni 2018

Von dieser CD/DVD-Box konnte ich bislang nur Kostproben hören. Aber die haben es in sich. Beste schwarze Blues- und Gospelmusik, dazu Wortbeiträge wie die von Ray Lum – seines Zeichens weißer Maultierhändler und Geschichtenerzähler – zeichnen ein lebendiges Bild der Populärkultur der US-Südstaaten. Alle Aufnahmen sind Field Recordings des US-Folkloristen William R. Ferris. Dazu eine DVD mit Filmen über die Kunst und Musik aus Mississippi.

Der heute 76-jährige Ferris war der Mitbegründer des „Center For Southern Folklore“ in Memphis, Tennessee und Gründungsdirektor des „Center For The Study Of Southern Culture“ an der University Of Mississippi. Er hat sich um die Erforschung der Alltags- und Populärkultur der Südstaaten verdient gemacht. Und dabei hat er die im Süden immer noch landläufige Spaltung in Schwarz und Weiß geflissentlich ignoriert. Ihm war stets das verbindende wichtig. Dass in Mississippi so unterschiedliche und für die Musikgeschichte so wichtige Künstler wie Jimmie Rodgers, Elvis Presley oder B.B. King geboren wurden. Dass man in der Old Time Musik von Plattenaufnahmen nicht unterscheiden konnte, ob Weiße oder Schwarze hier Singen und Musizieren. Dass sich die Musiken der Weißen und der Schwarzen mischten. Ferris selber ist als Sohn einer weißen Pflanzerfamilie geboren worden, die auf einer Farm zusammen mit anderen schwarzen Familien das Land bewirtschaftete. Da gab es keine Segregation. Beste Voraussetzungen also, um ohne Rassismus aufzuwachsen.

Für viele Europäer sind der US-Süden und der Staat Mississippi eine große Unbekannte. Die Touristen zieht es nach New York, nach Kalifornien, Florida, in die Nationalparks oder auf die Route 66. Mississippi liegt da ab vom Schuss, ist jedoch so etwas wie der Geburtsort der amerikanischen Musik. Im Mississippi Delta wurde der Blues geboren. Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, brachte weiße Hillbillymusik und schwarzen Blues zusammen und wurde dadurch zum „Vater der Countrymusik“.

Aber dennoch: Auch uns blieb auf unseren Reisen in den Süden vieles dort fremd. Wir erinnern uns an die windschiefen Holzhäuser der Schwarzen in Clarksdale, Mississippi. Dort wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen. Wir erinnern uns an fremde Tänze in Morgan Freemans Blues Club und das Geheimnisvolle eines noch ursprünglicheren Juke Joints im Ort.

Diese Box erscheint in einer Zeit, in der die herrschende politische Klasse in den USA die Gräben der Spaltung wieder tiefer zieht. Der Kampf um den Referenzrahmen tobt. Gerade ist Roseanne Barr richtigerweise wegen eines rassistischen Tweets gefeuert worden. Man wünschte diese Box würde gerade den Weißen aufzeigen, dass Weiße und Schwarze mehr eint als trennt.
Vielleicht eine der wichtigsten musikalischen Neuerscheinungen dieses Jahres.

Ein kleine Kostprobe von der DVD: Vier Künstlerinnen aus Mississippi