Archive for the ‘USA Politik’ Category

Kleine Frau ganz groß!

11. Mai 2019

Sonia Rutsteins Album „By My Silence“

Beim großen Pete Seeger Tribute von „Americana im Pädagog“ zeigte sie, was sie ausmacht, und warum sie immer mehr Freund*innen gerade auch hierzulande gewinnt. Sonia Rutstein ist eine großartige Musikerin und dazu ein ganz bescheidener und unprätentiöser Mensch. Sie ist eine Teamplayerin und fügte sich ganz selbstverständlich in die große Musikerschar ein. Solche Leute braucht man, um solche Konzerte erfolgreich durchführen zu können.

Sonia sang an diesem Abend mit bei „Where Have All The Flowers Gone“, „Turn! Turn! Turn!“ und „We Shall Overcome“ und brachte Solo „Rainbow Race“, mit Unterstützung von Cuppatea „Wimoweh“, und vom gesamten Ensemble begleitet „Guantanamera“. Ganz selbstverständlich wollte sei dabei sein, wenn der Mann geehrt wird, mit dem sie beim Clearwater-Festival zusammen gesungen hat, und der auch ihr ein großes Vorbild ist. Man spürt das bei ihrem Engagement. Ganz selbstverständlich verbindet sie Musik mit politischem Engagement. Und dabei steht stets der Mensch im Mittelpunkt und keine Parteitaktik.

Ihr aktuelles Album „By My Silence“ ist ein Ausdruck dessen. Gleich der erste Song zeigt auf, wie irre diese Welt ist, wenn politische Systeme Menschen brechen wollen, die etwas angeblich unbotmäßiges getan haben. So ist die junge sunnitische Muslima Nudem Durak in der Türkei zu 19 1/2 Jahren Haft verurteil worden, weil sie kurdisch gesungen hat. „A Voice For Nudem Durak“ braucht dann auch nicht viel Text um diesen Wahnsinn anzuprangern und um Nudem zuzurufen: „Wir singen für Dich, Deine Stimme wird gehört. Wir sind eine Familie, wir sind eine Welt.“

Schon länger im Programm von Sonia Rutstein und nun endlich auf Platte ist „By My Silence“, ein Song, der von den berühmten Worten Martin Niemöllers inspiriert ist: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ In ihren Liner Notes sagt sie über das Lied, das von Nick Annis und Ellen Bukstel stammt, es sei ein Wecker: „Es ist Zeit aufzuwachen und Widerstand zu leisten!“

Neben den Protestsongs setzt sie sich auf diesem Album auch ganz intensiv mit ihrer jüdischen Herkunft auseinander. So hat sie für den Nachbarsjungen mit „Light In You“ einen Hanukka-Song geschrieben, singt mit „Eleh Chamda Libi“ und „Oseh Shalom“ zwei israelische Folksongs und mit „Hatikva“ sogar die israelische Nationalhymne.

Und dann gibt es noch den fröhlichen Song „Wandering Jew“. Der Song ist der Ausdruck der mittlerweile tiefen Verbundenheit mit Deutschland. Mit dem Deutschland bzw. der Menschen in Deutschland, die um die dunklen Seiten der Vergangenheit des Landes wissen und sowohl ihr als Jüdin als auch Geflüchteten in Not eine Heimstatt bieten wollen. Immer länger werden Ihre Tourneen in Deutschland. Kein Wunder, singt sie doch „Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew Wandering in Germany, Welcome to the new Land of the Free, I’m a little Jew wondering in Germany“. Und hier ist dann auch die Würdigung von Pete Seeger platziert: „Seeger said this was a rainbow race, nobody here is out of place“. Für Sonia Rutstein gibt es nur eine Welt und alle Menschen sind eine Familie. Auch sie singt mit Verve gegen das „Othering“ an.

Bleiben noch zwei langsame Songs zu erwähnen. Das eine, „Hallelujah“, ist eine Verbeugung von Sonia, der Cousine des Songwriter-Papstes Bob Dylan, vor einem anderen großen Songwriter – Leonard Cohen. Und ganz zum Schluss dieses wunderschönen Albums stellt sie sich Fragen. Alte Fragen zwar, die aber immer wieder kehren. Warum bin ich lesbisch? Warum, warum, warum? Auch Jahre nach dem Coming-Out bewegt sie das. Und sie lässt uns an den Sorgen teilhaben und an ihren Zweifeln, geht aus der Deckung, ist ungeschützt. Um dann aber doch mit großer Bestimmtheit festzustellen „Es ist okay, dass ich der bin, der ich bin“. Und auch das macht diese kleine, zierliche Frau zu der großen Künstlerin, Sängerin und Songschreiberin und dem großartigen Menschen Sonia Rutstein!

Chicago 2

10. Mai 2019

Sie ist die drittgrößte Stadt der USA: Chicago. 1833 gegründet wurde sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Eisenbahnknotenpunkt, mit der Lage an der Mündung des Illinois Waterway (Verbindung zum Mississippi), mit der Wasserverbindung zum Atlantik und zu New York zu einer der wirtschaftlich bedeutendsten Städte Nordamerikas.

Chicago war Hauptumschlagplatz für langwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe und wurde zu einer der am stärksten wachsenden Industriezentren in den Staaten. Anfang des 20. Jahrhunderts stieg Chicago zum „Schweineschlachter für die Welt“ auf. Seine Schlachthöfe und die Fließbandproduktion in der Fleischverarbeitung waren weltweites Vorbild.

Brecht ließ sich hiervon für seine „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ inspirieren und auch die amerikanische Gewerkschaftsbewegung entstand hier am Lake Michigan. Auch die heute noch existierende Gewerkschaft „Industrial Workers of the World (IWW)“, deren Mitglieder auch „Wobblies“ genannt wurden, hatte hier ihren Ursprung. Aber auch die Gewerkschaft der schwarzen Eisenbahnschaffner – Brotherhood of Sleeping Car Porters – hatte in der Eisenbahnstadt eine besondere Bedeutung und heute gibt es hier ein Museum zur Geschichte der Organisation.

Für die afroamerikanische Community hat Chicago eine besondere Bedeutung, denn sie war seit jeher von der Migration der Schwarzen aus dem Süden geprägt. Ob wegen der Flucht aus der Sklaverei oder später wegen der Arbeit, die es hier im Gegensatz zum armen und immer noch vom Rassismus geprägten Süden gab, oder auch wegen der Musik. „Durch eine große wirtschaftlich bedingte Migrationsbewegung zu Beginn der 1920er Jahre sowie die Schließung des Vergnügungsviertels Storyville in New Orleans verlagerte sich das musikalische Zentrum des Jazz zusehends nach Chicago“ (Wikipedia). Louis Armstrong lebte und arbeitete hier. Und auch die armen Schwarzen aus dem Süden brachten ihren einfachen Country-Blues mit, der in der Metropole elektrifiziert wurde. Es entstand der Chicago Blues mit seinen bekannten Muddy Waters oder Howlin‘ Wolf.

Und natürlich ist Chicago auch als Stadt von Gangstern und Mafia bekannt geworden. Al Capone hieß der legendäre Mafiaboss, der sein Imperium während der Prohibitionszeit schuf.

Heute ist die „Windy City“ Sitz drei wichtiger Börsen, wird gerne als Filmkulisse benutzt, hat aber auch einen zweifelhaften Ruf, die Stadt mit der höchsten Mordrate in der USA zu sein. Es sind die Gangsterkriege in den armen Schwarzenvierteln im Süden und Westen der Stadt, die so viel Gewalt hervorbringen. Der Tourist im Zentrum der Stadt wird nicht viel davon mitbekommen.

Chicago ist sicherlich einer der interessantesten und vielfältigsten Städte der USA. Zeit, dass wir sie endlich persönlich kennenlernen.

10 Jahre Cowboy Band Blog: Der Typ mit dem Hut

1. Mai 2019

Persönliche Gedanken zu Film und CD-Box zur Rolling Thunder Revue

Immer wenn wieder die Rolling Thunder Revue vom Dylan-Camp und Afficionados (Martin Scorsese!) aufgegriffen wird, ist das was Besonderes für mich. Denn „mein Dylan“, also der, den ich für mich entdeckte, war der Typ mit dem Hut aus der „Desire/Rolling Thunder-Phase“. Es muss Ende 1976 gewesen sein, als ich im Schulunterricht Bob Dylan begegnete. Wir beschäftigten uns im Deutschunterricht mit Protestsongs und ich hörte zum ersten Mal Bob Dylan. Er sang „Hurricane“ so böse und rebellisch und doch so cool, und dazu war die Musik so mitreißend und treibend. „Desire“ wurde daher meine erste Dylan-Platte, denn vorher noch bekam ich die „Greatest Hits“-Musikkassette zu Weihnachten geschenkt und ich besorgte mir „Hard Rain“ ebenfalls auf Musikkassette. Am 5. Juli 1977 wurde dann der „Hard Rain“-Konzertfilm von der ARD zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Unglaublich und ich konnte ihn sogar zu Hause sehen!

Dylan-Filme
Ich weiß noch, dass ich in diesen Jahren mit einem Freund zusammen „The Last Waltz“ im „Pali“ in Darmstadt gesehen habe. Die magische Szene im Scorsese-Film über das Abschiedskonzert von „The Band“, als die Kamera langsam von ganz oben nach weiter unten schwenkt bis der großkrempige weiße Hut Dylans ins Bild kommt. Immer noch Gänsehaut. Und irgendwann 1978 oder ’79 habe ich dann Dylan stundelanges leider völlig unterschätztes und zu Unrecht verrissenes Film-Epos „Renaldo und Clara“ im Darmstädter City-Kino in der Schulstraße gesehen. Habe vorher das Kinoprogramm in der Telefondurchsage gecheckt und mit mir waren glaube ich drei andere in der Nachmittagsvorstellung, die waren älter und Dylan-erfahrener. Ich hatte nichts verstanden und fand es trotzdem faszinierend. Dylan mit Hut und großartiger Livemusik. Zu Bob Dylan ins Konzert fand ich 1978 aber nicht, dafür sah ich ihn dann 1981 das erste Mal in Mannheim im Eisstadion. Da war er aber ohne Hut.
Nun also wird erneut diese Rolling Thunder Revue gewürdigt. Von Scorsese mit einem Film, der von Netflix als „teils Konzertfilm, teils Dokumentation, teils Fiebertraum“ bezeichnet wird. Schade mit Netflix, aber hier hat Scorsese Geld und alle Freiheiten bekommen. In dem Alter und bei der Bedeutung der er hat, hat er keine Lust mehr auf die Bedingungen des herkömmlichen Filmbusiness. Und wir hoffen, dass wir jemand kennen, der Netflix hat bzw. dass das Ding dann bald auch auf DVD erscheint.

Dylans Musik und ihre gesellschaftlichen Hintergründe
Der Film und die Tour prägen bis heute mein Bild von Dylan und meine Rezeption von Konzerten und Musik. Vielleicht mag ich es deswegen so, wenn ich bei „Americana im Pädagog“ Veranstaltungen mit großem Line-up zu Dylan, Guthrie oder Seeger machen kann. Dann bin ich der Typ mit dem Hut. Der aber nicht Musik macht, sondern über sie und ihre gesellschaftlichen Hintergründe erzählt. Und das mache ich mittlerweile auch jährlich auf mehreren Seminaren und Vortragsveranstaltungen. Auch das gehört zu meiner Bob Dylan-Rezeption. Ob der Typ mit dem Hut es jetzt wollte oder nicht: Seine Musik hatte und hat gesellschaftliche Relevanz. Entweder in den Bezügen in den Texten oder in der Wirkung. Und das nicht nur bei offensichtlichen Protestsongs wie „Hattie Caroll“, „George Jackson“ oder „Hurricane“, die übrigens auch Dylans starken Link zu Black Community aufzeigen. „Gotta Serve Somebody“ atmet den Zeitgeist der konservativen Wendezeit in den USA Ende der 1970er. „Union Sundown“ (1983) reflektiert den neoliberalen globalen Kapitalismus ebenso wie „Working Man’s Blues #2“ (2006). Abgesehen von Dylans Ansage für die unter der Herrschaft der Banken leidenden amerikanischen Farmer bei Live Aid 1985, die Jet-Set-Moralist Geldof schlichtweg nicht verstanden hatte. Ich schlug mir damals im Juli 1985 die Nacht um die Ohren, um dann den merkwürdigen Auftritt von Dylan mit Ron Wood und Keith Richards erleben zu dürfen. Nach drei Stunden Schlaf ging es dann ins internationale Falken-Zeltlager nach Döbriach.

Von Bärten und Hüten
Mit Masken, Bärten, Sonnenbrillen und Hüten meint man ja, sich gut tarnen und verstecken zu können. Dylan, der ja im Grunde sich immer verstecken will, was aber im Widerspruch zu seinem Beruf als öffentlich auftretender und wirkender Künstler steht, hat daher die Sonnenbrille als Element der Coolness in die Rockmusik eingebracht. Vorher war da nur Buddy Holly mit Hornbrille. Zum ersten Mal mit Hut zeigte er sich dann auf seiner Country-Platte Nashville Skyline (ha! Cowboy Band!), dann wurde der Hut während der Rolling Thunder-Jahre zum Markenzeichen, verschwand 1978ff. Da waren dann (wie in Nürnberg 1978) wieder gepunktete Hemden und Sonnenbrille en vogue, ab und zu kam 1978 ein Zylinder (!?) in den Einsatz. In den Achtzigern war er nur auf der 1984er Tour in dem überhaupt für Dylan so schwierigen Jahrzehnt mit Hut zu sehen. Auf der Never-Ending-Tour sah ich ihn und entdeckte ich ihn neu für mich 1991 in Offenbach mit Hut. Das mit dem Bart übrigens hat bei Dylan nie so richtig, das Cover von „New Morning“ (1970) zeigt warum. So richtig klappt das bei ihm nicht. Fusselbart halt. Im Gegensatz zu mir, der ich bis Ende der 1980er einen struppigen Vollbart trug. Sicher auch ein Versteckspiel. Meinen ersten Hut kaufte ich mir indes erst Anfang der 1990er.

Jetzt trage ich ganz offensiv Hut, auch mal Cowboy-Hut. Und betreibe den Cowboy-Band-Blog seit gut 10 Jahren. Meine Arbeiten bei country.de – ebenfalls seit 10 Jahren! – sind bei allen Freiheiten, die ich dort habe (tausend Dank an Dirk & Beate!) immer ein bisschen zielgerichteter und formaler und eben vorwiegend über andere Americana-Künstler. Auf meinem Cowboy Band-Blog schreibe ich vorwiegend über Bob Dylan, aber auch über persönliches und alles was darüber hinaus mit Americana und nicht unmittelbar mit veröffentlichter Musik zu tun hat.

Danke, Bob Dylan!
Mein Blog ist ein Geschenk für mich, das ich zu schätzen weiß. Ebenfalls, dass ich mich traue kritisch zu denken, zu schreiben und es zu veröffentlichen. Und dafür auch noch Lob und Respekt bekomme. Ohne den Typ mit dem Hut aus den Jahren 1975/76, der jetzt wieder in den Fokus der großen Öffentlichkeit gerückt wird, gäbe es diesen Blog und dies alles für mich nicht. Dafür und für noch viel mehr ein großes Dankeschön an den Künstler Bob Dylan!

Alejandro Escovedo

26. April 2019

Photo Credit: Nancy Escovedo

Manchmal entwickelt sich ein Konzert so ganz anders als erwartet. Nachdem ich Alejandro Escovedos Album „The Crossing“ besprochen hatte, freute ich mich darauf, die texanisch-mexikanische Musiklegende mit Don Antonio und seiner Band in der Frankfurter Brotfabrik zu erleben. Gestern war es dann soweit
.
Doch über den Tag sickerte über Facebook die Nachricht durch, Alejandro würde Solo auftreten. Eine Tour mit Band wäre nicht zu finanzieren gewesen. Ich störte mich nicht daran, da es bei Escovedo ja vor allem auch um die Texte geht.

Die große Halle der Brotfabrik war dann erwartungsgemäß mit vielleicht 50-60 Leuten sehr dünn gefüllt. Denn Alejandro Escovedo hat nie den großen kommerziellen Erfolg gehabt und hierzulande kennen ihn nur die ausgesprochenen Americana-Liebhaber. Doch der Abend entwickelte sich ganz anders als gedacht. Denn nachdem Alejandro sich mehrmals dafür entschuldigt hatte, alleine zu sein und mit trockenem Humor eröffnete, keine ausgedehnten Gitarrensoli spielen zu können, wurde es ein denkwürdiger Abend. Zwischen den Songs erzählte er über seine Familie, aus der acht Musikerinnen und Musiker hervorgegangen sind. So ist Ex-Santana-Schlagzeuger Pete Escovedo sein Bruder und dessen Tochter Sheila Escovedo, bekannt als Sheila E, seine Nichte. Und er erzählt von seiner Zeit in den 1970ern, als er mit seiner Punkband „The Nuns“ in New York im Chelsea Hotel auf Leute wie Sid Vicious und Patti Smith traf, bevor er sich dann dem Americana zuwandte.

Dazwischen streut er immer wieder Songs ein. Nachdem er dann einige Stücke mit der E-Gitarre gespielt hat, greift er zur akustischen, steigt die Bühne hinunter und spielt fortan das Konzert mitten im Publikum. Und legt so viel Herz und so viel Liebe zu den Menschen und so viel Wut und Zorn auf die Verhältnisse im Grenzgebiet in sein Spiel- das war das Thema auf seinem letzten Album „The Crossing“ – wie es nur geht. Und singt diese Songs so ergreifend und alle sind fasziniert, schweigen, hören zu und glücklicherweise nur Vereinzelte meinen, diese denkwürdigen Augenblicke filmen zu müssen statt sie erleben zu dürfen.

Manchmal erlebt man ein Konzert und wird nie wieder diese ganz spezielle Stimmung und Atmosphäre vergessen. Momente, in denen Zauber liegt, in denen große Kunst entsteht. Solche großen Momente konnte man gestern in der spärlich gefüllten Brotfabrik in Frankfurt-Hausen erleben.

Vielen Dank dafür, Alejandro Escovedo!

Malcolm X

14. April 2019

Copyright: NT Gent

Nachtrag: Americana im Belgien/ Dreisprachiges Theatererlebnis in Gent

Nein, im Gegensatz zu unserer Holland-Fahrt vor wenigen Jahren war unsere Drei-Städte-Tour durch Belgien Anfang April keineswegs als Musik – oder Americana-Reise gedacht. Und er ergab sich musikalisch diesmal auch kein Zufall.

Dass wir dann aber am Ende doch noch auf ein amerikanisches Thema gestoßen wurden, hat mit dem Kulturteil unserer Wochenzeitung „Freitag“ zu tun. Dort lasen wir vor wenigen Wochen ein Interview mit dem künstlerischen Leiter des belgischen Nationaltheaters Gent, Milo Rau. Der Schweizer Theatermacher bemüht sich um ein explizit gesellschaftspolitisches Theater. Ein interessanter Typ, gleichermaßen fern von Provokation der Provokation Willen und billigem Agitprop wie von L’art pour l’art und Klassikern zur Erbauung. Den und sein Theater wollten wir uns merken.

Wie das dann immer so bei uns ist, tauchen wir mitunter nicht so richtig zielstrebig in die Städte ein, sondern lassen uns einfach treiben. Also trieb uns der Strom durch Gent eher zufällig am zweiten Tag vor das Nationaltheater. Jetzt erinnerten wir uns wieder. Wir gingen ins Foyer, lasen Milo Raus Theaterthesen – u.a. sollten bei jeder Inszenierung auch Amateurdarsteller und Migrant*innen dabei sein, sie sollten multinational sein und in einem politischen Krisengebiet aufgeführt werden.

Und was fanden wir im Programm? Just an diesem Samstagabend stand Malcolm X auf dem Spielplan. Dreisprachig: Flämisch, Französisch, Englisch. Glücklicherweise bekamen wir dann auch noch zwei Karten auf dem Balkon.

Um es gleich vorneweg zu sagen. Der Titel „Malcom X“ war doch etwas irreführend. Es ging in einem ganz losen Zusammenhang zu dem US-amerikanischen Schwarzenführer um Kolonialismus (Belgisch-Kongo!), Rassismus, Sexismus, Migration, Männlichkeitswahn und Autokratie. Eine wilde bunte Collage mit viel Musik. Jazz, Weltmusik, Hip Hop, ein bisschen Blues. Dazu wurde Ausdruckstanz und Breakdance geboten. Die Schauspieltruppe war divers und voller Spielfreude. Erst am Ende sah und hörte man „Malcom X“ und die schwarze Sängerin sang „Stange Fruits“. Sicher kein großer Wurf, aber ein unterhaltsamer Abend, der sich mit verdrängten Wahrheiten und Lebenslügen der westlichen Welt befasst. Diese Zeiten brauchen solche Stücke.

Was dann aber auch wieder typisch für uns war: Wir befanden uns in der allerletzten Aufführung des Stücks. Am Ende war dann Partystimmung angesagt, das ganze Theater stand und die Zugaben wollten nicht mehr enden. Ein schöner, stimmungsvoller Abschluss unserer Zeit in Belgien!

America-Preview I: St. Louis

4. März 2019

Stadtflagge von St. Louis


An dieser Stelle werde ich in den nächsten Wochen in unregelmäßigen Abständen kurze Stücke über die Ziele unserer diesjährigen Amerikareise veröffentlichen. Den Auftakt bildet unsere erste richtige Station, St. Louis, Missouri.

Musikstadt
Da auch diese Reise wieder eine Musikreise ist, soll hier erstmal die Musik zum Zuge kommen. Musikalisch ist St. Louis vor allem durch den Titel „St. Louis Blues“ bekannt. Wobei der Song, den alle Großen des Blues und Jazz – Bessie Smith, Louis Armstrong, Billie Holiday oder Cab Calloway – in ihrem Repertoire hatten, weniger ein Blues über St. Louis, sondern über jemanden, der in St. Louis den Blues hat. Geschrieben hat ihn W.C. Handy, den „Vater des Blues“, den wir ja schon von Memphis, Tennessee, her kennen. Ein großer musikalischer Sohn der Stadt war Chuck Berry. Der „Vater des Rock’n’Roll“ spielte hier bis ins hohe Alter regelmäßig in einem Musikclub. Und im Gegensatz zu Chicago hat St. Louis schon seit einigen Jahren ein Bluesmuseum. Seine Homebase hat heutzutage hier einer unserer absoluten Lieblinge, Pokey LaFarge, dessen Mischung aus Country, Swing, Blues und Ragtime eine geniale Adaption für heutige Zeiten darstellt. St. Louis war auch die Heimat der Band Uncle Tupelo, die stilbildend für alternative Country und Americana war. Die schwarze Hip Hop- und Rapmusik wird heute von Künstlern wie Nelly und Lewis Grant vertreten.

Handelsknotenpunkt
Was wissen sonst noch von St. Louis? St. Louis war eine französische Gründung, die Lilie im Stadtwappen zeugt heute noch davon. Hier fließt der Missouri in den Mississippi, aufgrund des Hafens und als Eisenbahnknotenpunkt war St. Louis wichtige Handelsstation vom Süden in den Norden und gleichzeitig das „Tor zum Westen“. Davon kündet das große Denkmal, der Gateway Arch.

Deutsche Bierbrauertradition
St. Louis hat eine große deutsche Community und ist eine Bierbrauerstadt. Neben dem Giganten Anheuser Busch („Bud“) haben sich in den letzten Jahren wieder einige kleinere Brauereien dort angesiedelt. Anheuser Busch wurde übrigens von Eberhard Anheuser aus Bad Kreuznach und seinem Schwiegersohn Adolphus Busch aus Mainz-Kastel im Jahre 1879 gegründet. Sie brauten das erste Bier, das in ganz Amerika verkauft wurde und auf Basis der Pilsner bzw. Budweiser Brauart erzeugt wurde. Daher „Budweiser“ und letzlich „Bud“.

Ab Mitte des letzten Jahrhunderts verliert St. Louis seine wirtschaftliche Bedeutung und St. Louis ist gekennzeichnet vom Glanz von früher, dem deutlich der Lack abgeht. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht und so wurden aus Grundstücken mit leerstehenden Gebäuden zu Grünflächen umgestaltet, so dass sich St. Louis heute die „Stadt der 1000 Parks“ nennt.

Starke schwarze Community
Von der Bevölkerung her wohnen fast ebenso viele Schwarze wie Weiße in St. Louis, beide machen jeweils etwa 40 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Es gibt daher auch einige interessante Museen wie eben das National Blues Museum oder das Griot Museum of Black History, die sich mit den afroamerikanischen Beiträgen zur Stadtgeschichte befassen. Unterschlagen werden soll an dieser Stelle auch nicht, dass es auch in St. Louis in den letzten Jahren zu schweren Rassenunruhen gekommen ist. Auslöser war auch hier Polizeigewalt gegen Schwarze.

Es erwartet uns also die amerikanische Realität an einem Ort, der wohl sehr wenig beschönigt. Aber auch das gehört zu den wichtigen Eindrücken, die wir in den USA immer wieder erleben.

The Hate U Give

4. März 2019

Bei den Oscars wurde jüngst „Green Book“ als bester Film des Jahres ausgezeichnet. Welch ein fataler Irrtum. Denn dieser Film nutzt die Rassenfrage in den USA nur als Oberfläche für ein Feelgood Buddy-Movie mit einem ungleichen Paar. Ein bisschen „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, ein bisschen „Ziemlich beste Freunde“. Der Dimension der Rassentrennung und des Rassismus im Süden der USA in den 1960er Jahren wird dieser Film nicht gerecht. Ein Beitrag zur heutigen Situation ist er auch nicht. Aber vor allem: Er wird aus der Sicht der Weißen erzählt.

Schonungsloser Blick auf amerikanische Realitäten
Wenn ich einen Film des Jahres benennen dürfte, dann wäre es „The Hate U Give“. Denn der Film zeigt schonungslos den immer noch herrschenden Alltagsrassismus in den USA auf. Wer schwarz ist, der lebt mit großer Angst bei jeder Verkehrskontrolle. Von den rund 1000 durch Polizeischüsse im Jahr getöteten Amerikaner sind rund ein Viertel schwarzer Hautfarbe. Und dies obwohl Afroamerikaner nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Auch Starr Carter wächst in den Garden Height, einem Schwarzenviertel irgendwo in den USA, mit dieser Angst aus. Deswegen hat Daddy Carter ihr und ihren Brüdern schon früh die „Black Panther Regeln“ eingebläut. Vor allem auch die Regel, die besagt, dass man bei einer Polizeikontrolle besser die Hände aufs Armaturenbrett legt. Diese Regeln scheint ihr Freund Khalil nicht zu kennen. Genervt und leichtsinnig agiert er einem Polizisten gegenüber. Greift zu einer Haarbürste und wird vom Officer mit mehreren Schüssen getötet.

Starr Carters Coming-Of-Age
Der Film handelt davon, wie Starr mit diesem Schockerlebnis umgeht, wie sie und eine Bürgerrechtsorganisation mit ihrer Aussage eine Grand Jury dazu bewegen wollen, dass gegen den Polizisten ein Strafverfahren eröffnet wird und wie sie von der TV-Reporterin aufs Glatteis geführt wird und preisgibt, dass Khalil als kleiner Dealer für den Drogengangsterchef King gearbeitet hat. Der Film zeigt den alltäglichen Rassismus der Polizei ebenso wie die Lebenssituation in den Schwarzenvierteln, die von Gangsterbanden beherrscht werden. So gerät Starr und ihre Familie zwischen alle Fronten, verstärkt dadurch, dass sie auf eine bessere Schule außerhalb des Viertels geht, wo sie ihren weißen Freunden gegenüber ihre Ghettoherkunft verschweigt.

Am Ende nutzt ihre Aussage nichts, der Polizist wird nicht angeklagt, eine Protestdemonstration der Schwarzen wird von der mehrheitlich weißen Polizei niedergeknüppelt, der Gangsterchef jedoch nach einem Brandschlag auf Daddy Carters Laden verhaftet. Da spielt sich die Schlüsselszene des Films ab. In den Wirren unmittelbar nach dem Brandanschlag und der Konfrontation zwischen Starrs Vater, dem Gangsterchef King und der Polizei gerät eine Pistole in die Hände von Starrs kleinem Bruder Sekani. Starr erkennt in ihm das Beispiel für Tupac Shakurs Zitat „The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody“. Der Hass, den das System sät und schon Kindern in den Kopf pflanzt, wird alles zerstören. Sie stellt sich vor ihren kleinen Bruder mit eindringlichen Worten und der lässt schließlich die Waffe fallen.

Am Ende ist zwar das individuelle Schicksal der Familie Carter wieder ins Lot gebracht, an dem strukturellen Rassismus hat sich jedoch nichts geändert. Ein Großteil der afroamerikanischen Community ist gefangen im Kreislauf von Rassismus, mangelnder Bildung, Armut und Drogenkriminalität. Vater Starr bringt die Perspektivlosigkeit auf den Punkt. Viele Schwarze aus dem Viertel gehen in die Armee, um ihr Auskommen zu haben. Andere rutschen in die Kriminalität und füllen die Gefängnisse.

Ein starker Film
Der Film von Regisseur George Tillman Jr. funktioniert daher so gut, weil Tillman Jr. eben nicht das Genre des Problemfilms oder des dunklen Dramas wählt, sondern das Ganze in Hinsicht Farbgebung, und Erzählstil auf der Basis eines Teenie-Coming-of-Age-Films aus dem Blickwinkel der 16-jährigen Starr erzählt. Just als der Zuschauer eingelullt zu sein scheint, ob eines amüsanten Films, kommt das Unheil durch den Tod von Khalil mit aller Macht in den Film und es wird deutlich, welche ungelösten Probleme – individuell und gesellschaftlich – hinter der farbenfrohen Fassade lauern. Von nun an gewinnt der Film immer weiter an Tiefe und benennt die Probleme der US-Gesellschaft klar und deutlich.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen erfolgreichen Jugendbuch von Angie Thomas. Doch das Buch, und erst recht der Film, ist auch die Aufmerksamkeit der Erwachsenen wert. Ein ganz wichtiger Beitrag zur Situation der afroamerikanischen Community heute, der filmisch überzeugt: Sympathietragende Protagonisten, eine unbekümmerte, flotte Erzählweise, die stets zeigt, wie eng Witz und Tragik, Freude und Angst nebeneinander existieren können. Ein starker Plot, starke Figuren und ein Schluss, der kein Problem wirklich löst, aber die Hoffnung erhält.

Menna Mulugeta begeistert bei „Americana im Pädagog“

2. März 2019

Ausverkauftes Haus bei „Von Billie bis Beyoncè. Black Women in American Music“

Starke Stimme: Menna Mulugeta

Sie hat es geschafft. Als erster Einzel-Act der Reihe „Americana im Pädagog“ war Menna Mulugetas Konzert im Darmstädter Pädagogtheater ausverkauft. Dies war vorher nur mit den großen Line-ups bei den Tribute-Konzerten gelungen. Ihr Programm „Von Billie bis Beyoncè. Black Women in American Music“ brachte die Leute auf die Beine. Und von Anfang an berührte sie, bewegte sie, begeisterte sie das Darmstädter Publikum. Durch ihre großartige, kraftvolle und zugleich facettenreiche Stimme, durch ihre enorme Bühnenpräsenz, durch ihre Ausstrahlung und nicht zuletzt durch ihre kenntnisreichen Erzählungen über Sängerinnen, Songs und Zeitumstände. Das war einer der ganz großen Glanzpunkte in der nun fünfjährigen Geschichte von „Americana im Pädagog“.

Es tut immer wieder gut, wenn Ideen funktionieren. So wie der große Dylan-Geburtstag 2016, die „Lovesongs for the other America“, das Woody Guthrie-Tribute und jetzt eben die Idee, Menna mit ihrem Programm zu den großen weibliche afroamerikanischen Stimmen ins Pädagog zu holen. Von Anfang an, als wir die ersten Überlegungen zu diesem Abend anstellten, wusste ich, das wird ein besonderer Abend. Sie begeisterte die Teilnehmenden der Ingelheimer Musik & Politik-Seminare und in mir wuchs der Wunsch, dieses Programm mit ihr in der Reihe „Americana im Pädagog“ auf die Bühne zu bringen. Und Menna und ihr musikalischer Partner Gernot Blume haben ein fantastisches Programm entwickelt. Bessie Smith, Billie Holiday, Sister Rosetta Tharpe, Etta James, Nina Simone, Aretha Franklin, Tina Turner, Whitney Houston, Rhiannon Giddens, Beyoncé Knowles – was für ein Reichtum an starken Stimmen. Und wie beeindruckend die erst 27-jährige Menna sie interpretiert und dabei zeigt, welch starke Stimme sie hat. Menna hat sich dazu tief in die Biographien der Sängerinnen und in die gesellschaftlichen Hintergründe eingearbeitet. Auch davon lebt dieses Programm, das hoffentlich nach dieser gelungenen Premiere noch öfters zu hören sein wird.

Bei „Americana im Pädagog“ geht es weiter am Donnerstag, 28. März mit der südhessischen Bluegrass-Formation „Grass Unlimited“, bevor dann das erste Halbjahr mit den beiden großen Pete Seeger Tribute-Konzerten beendet wird. Infos und Karten gibt es hier:
https://paedagogtheater.de/kalender/

Sergeant, Opernsänger, Farmer

15. Februar 2019

John Ford und Bonanza: Beispiele zur Darstellung von Afroamerikanern im US-Western

Dom Flemons hat uns 2018 wieder einmal daran erinnert, dass zur Besiedlung des Westens der USA im 19. Jahrhundert die Afroamerikaner einen großen Beitrag gebracht haben. Mit seinem Album „Black Cowboys“ erzählt er die Geschichte der schwarzen Cowboys, die an den großen Viehtrails mitgewirkt haben. Der Cowboy ist in der öffentlichen Wahrnehmung stets weiß und angelsächsisch. Dass dies jedoch nicht den historischen Tatsachen entspricht, sondern dass gut 25 Prozent der Cowboys Ende des 19. Jahrhunderts Afro-Amerikaner waren, wird in den USA gern vergessen. Kein Wunder, dass im ureigensten amerikanischen Film-Genre, dem Western, die Afroamerikaner so gut wie keine Rolle spielten.

Es gibt nur wenige Fundstücke: 1938 erscheint mit „Two Gun Men From Harlem“ ein Western nur mit schwarzen Darstellern. Formal ist er „weißen“ Produktionen entsprechend. Da das Budget aber sehr viel geringer ist, überzeugt er letztendlich nicht voll. Es fehlt beispielsweise ein Soundtrack und Schlägereien und Actionszenen wirken doch mitunter amateurhaft putzig. Nichtdestotrotz kann man sich vorstellen, wie gut diese Filme für das Selbstvertrauen der schwarzen Community als Zielgruppe waren. Es sollten mit „The Bronze Buckaroo“ und „Harlem Rides The Range“ (beide 1939) noch zwei weitere Filme dieser Machart folgen.

Der schwarze Sergeant
Bis man sich allerdings traute, im Mainstream-Western eine schwarze Hauptfigur zu präsentieren, sollte es noch über 20 Jahre dauern. 1960 erschien der Film „Der schwarze Sergeant“. Formal erhielt er alle Merkmale eines Western von John Ford: Eine geniale, packende Erzählweise, großartige Bilderkompositionen sowie Fords bekannte Genreversatzstücke wie Kavallerie, weites Land sowie hier und da derbe Humorspielchen mit Alkohol und dem Verhältnis von Mann und Frau. Neu waren der Protagonist und sein Umfeld. Die schwarzen Einheiten der US-Kavallerie, die unter dem Namen „Buffalo Soldiers“ bekannt sind, bilden diesmal den Rahmen für die Erzählung in dem es um die Vergewaltigung und Mordes an einer Jugendlichen und dem Tod ihres Vaters geht. Wegen beidem ist Sergeant Braxton Rutledge – bislang ein Vorzeigesoldat – angeklagt. Der Film nimmt in bis dato im Western nicht gekannter Weise den Rassismus in den Fokus. Trotz des Einsatzes seines Vorgesetzten steht das Schicksal des Sergeants auf Messers Schneide. Erst der Zusammenbruch des wahren Vergewaltigers und Mörders der jungen Lucy und der dadurch auch glaubhaften Notwehr von Rutledge gegenüber des Vater des Mädchens sorgt für den Freispruch und die Rehabilitierung des Angeklagten Soldaten.

Woody Strode reiht sich in die nicht sehr große Riege der schwarzen Darsteller, die Pionierarbeit geleistet haben. Vor ihm ist da vor allem die Schauspielerin Hattie McDaniel (Oscar für die beste Nebenrolle in „Vom Winde verweht“) zu nennen. Interessant ist, dass ex-Footballspieler Strode ebenso durch John Ford in einem Publikumswesten eingesetzt wurde, wir ein Jahr zuvor die Tennisspielerin Althea Gibson in dem John Wayne-Klassiker „Der letzte Befehl“. Ford schien es ein echtes Anliegen, Menschen afroamerikaner Herkunft Raum in seinen Filmen zu geben.

Bonanza
Wer in den 1960er und 1970er Jahren in der alten Bundesrepublik aufgewachsen ist, der kam an ihnen gar nicht vorbei. Ganze Generationen sind mit den Cartwrights von der Ponderosa in der Serie Bonanza groß geworden und haben ihr anfängliches Bild vom Wilden Westen und vom Rancherleben durch die Familienserie geprägt bekommen.

Und das war auch gar nicht so schlecht. Zwar merken Spötter richtigerweise an, dass diese Familie dich sehr amerikanisch-moralisch-tugendhaft daherkam. Aber es waren nicht die schlechtesten Tugenden, die dort vermittelt wurden. Denn hier saß im Gegensatz zu anderen Werken des Western-Genres der Colt nie locker. Stets wurde versucht, Konflikte friedlich zu lösen. Auch Themen wie soziale Gerechtigkeit, Rassismus und Doppelmoral wurden hier behandelt. Und: Ganz selbstverständlich wird hier die Geschichte der USA als Geschichte eines vielfältigen Landes erzählt, das von Einwanderung geprägt ist. Denn Pa Cartwrights drei Söhne stammen von drei verschiedenen Müttern: Adams Mutter stammt aus der angelsächsischen Neu-England-Aristokratie, Hoss‘ Mutter ist eine Schwedin und Little Joe entstammt aus einer Ehe mit einer Südstaaten-Schönheit aus New Orleans. Dort wo sich französische, spanische, kreolische, afrikanische und angelsächsische Kulturen vermischten.

Das Schicksal von Afroamerikanern steht besonders in zwei Folgen im Mittelpunkt. gerade aus, straff und unterhaltsam-ironisch erzählt ist „Die Thomas Bowers –Geschichte“ (The Thomas Bowers Story, 1964). Sie handelt davon dass der berühmte Opernsänger Thomas Bowers vom Frauenverband nach Virginia City eingeladen wird. In Unkenntnis, dass er schwarz ist. Also muss er den alltäglichen Rassismus erleben. Wird von den kulturbeflissenen Damen verleugnet, vom Hotelbesitzer abgewimmelt und als vermeintlicher gewalttätiger entlaufener Sklave festgesetzt. Doch wie immer: Das Schicksal und die Cartwright regeln alles zum Besten und am Ende rettet Bowers das Publikum, das einen Florence Foster Jenkins-artigen Auftritt einer selbst ernannten Opernsängerin über sich ergehen lassen muss mit seinem kunstvollen Gesang.
Weniger optimistisch ist dagegen die melodramatische Folge „Johns größter Wunsch“ (The Wish, 1969). Unter der Regie von Michael Landon erzählt sie von der afroamerikanischen Familie Farmersfamilie Davis, die Schwierigkeiten hat, ihre Farm zu bewirtschaften, weil sie von der nächstgelegen weißen Dorfgemeinschaft boykottiert werden. Hoss hilft ihnen, löst auch einen akuten Konflikt zugunsten der Familie. Letztendlich aber zieht die Familie weiter, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie wie Menschen behandelt werden.

Zwischen den beiden Folgen liegt der optimistische Aufbruch in die 1960er mit Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung, der Aufhebung der Rassentrennung und dem Friedensnobelpreis für Martin Luther King. Das Jahrzehnt endet aber mit der Ermordung von Robert Kennedy und Martin Luther King und der Wahl von Richard Nixon zum US-Präsident. Und so scheint auch Landon sagen zu wollen: „Ändern sich Mensch und Gesellschaft wirklich nie?“

Wichtige Beiträge zur Behandlung des Rassenkonflikts in Film und Fernsehen
Wenn man das Westerngenre überhaupt und John Fords Filme und die Bonanza-Serie im speziellen als reinen, rückwärtsgewandten Kitsch abtut, dann unterschätzt man das durchaus – bei allen Widersprüchen – fortschrittliche, manchmal sogar subversive Potential der beiden Genre-Leuchttürme. Western waren durchaus auch ein Vehikel um unbequeme, kritische Geschichten zu erzählen. John Ford und die Macher von Bonanza haben viel für Selbstverständlichkeit afroamerikanischer Schauspieler und der Behandlung des Rassenkonflikts im US-Film beigetragen. „Wer die Nachtigall stört“ (1962), „In der Hitze der Nacht“ (1966) und „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) waren sicher die vielschichtigeren und anspruchsvolleren Filme zum Thema, aber diese Western erreichten ein Massenpublikum. Sie popularisierten das Thema und halfen mit, zumindest eine Zeitlang den Zeitgeist in Amerika liberaler zu machen.

Die Thomas Bowers Geschichte:

10 Jahre „I’m in a Cowboy Band“

15. Februar 2019

Auch dieses Jahr reihen sich wieder Jubiläen an Jubiläen: 100 Jahre Gründung der Weimarer Republik, 100 Jahre Pete Seeger, 50 Jahre Woodstock – aber auch 50 Jahre „Nashville Skyline“. Und noch eines soll hier nicht unerwähnt bleiben: 10 Jahre Cowboy Band-Blog!

Obwohl schon viele Jahre Dylan-Fan begann ich erst Mitte der 1990er Jahre über ihn zu schreiben. Befeuert durch eine neue Dylan-Begeisterung durch die Never-Ending-Tour und Konzerte in Offenbach (1991), Wiesbaden (1993), Balingen (1994) und Aschaffenburg und Stuttgart (1995). Inspiriert durch die klugen Schriften zu Dylan von Günter Amendt, Liederschmitt, Paul Williams und natürlich Greil Marcus. Zuerst schrieb ich für die Zeitschrift „Good Times“ über Dylan, aber auch „The Band“, Joan Baez und „The Byrds“. Das ging so bis 2003, dann verschoben sich für ein paar Jahre die Akzente in Beruf und Freizeit zum Fußball, in der Dylan-Welt blieb ich allerdings.

Denn da erfasste mich die schier überbordende Kreativität Dylans in den 2000er Jahren. Als er hätte er Anlauf nehmen müssen, spielt er Ende der 1990er Jahre in seinen Konzerten alte Bluegrass- und Country-Gospel-Nummern, um dann 2001 mit „Love and Theft“ ein Album zu veröffentlichen, mit dem er den amerikanischen Süden in all seiner Mystik, Widersprüchlichkeit und Gefährlichkeit zur inneren wie äußeren Landkarte für die Verortung seiner Songs macht. Zeitgleich erscheint der Film „O Brother, Where Art Thou?“ von den Coen Brüdern mit dem von Dylan-Kumpel T Bone Burnett zusammengestellten Soundtrack aus Old Time Music, Country, Blues und Gospel. Und der Titel ist Homers „Odysee“ entnommen, ein auch für das Dylan’sche Welt- und Lyrikverständnis grundlegendes Werk.

Mit dieser Musik entdeckte ich nicht nur die Wurzeln von Bob Dylan neu – man erinnere sich daran, dass just als dieser Film in den Kinos erfolgreich war, Dylan den Hauptsong des Werks – „I’m A Man Of Constand Sorrow“, den er auf selber auf seiner allerersten Platte drauf hatte, in seinen Konzerten erstmals seit Jahrzehnten wieder spielte – sondern entdeckte ganz neu die weite Welt des Americana. In diesen 2000er Jahren veröffentlichte Dylan „Love and Theft“ (2001), „Masked and Anonymous (2003), „Chronicles (2004), Modern Times (2006) sowie „Together Through Life“ und „Christmas In The Heart“ (2009). Zudem machte er seine Radio Show von 2006 bis 2009. Das alles war erneut prägend für mein Dylan- und mein Musikverständnis.

Und das wollte aus mir raus, das musste ich unter die Leute bringen. Und so erschien am 9. Februar 2009 mein erster Blog-Eintrag auf der von mir neu geschalteten Seite „Im in a Cowboy Band“. Und nur wenige Wochen später im März mein erster Beitrag für http://www.country.de . Auf beiden Websites entstanden meine Vorarbeiten für mein Bob Dylan-Buch, das natürlich wie mein Blog heißt. Denn es soll ja die Verwurzelung von Dylan in der Country- und Americana aufzeigen. Anhand eines Zitats aus seinem 2006er-Song „Nettie Moore“: „Im the oldest son of a crazy man, I’m in a cowboy band“. Das Buch erschien dann 2011. Vorher und nachher habe ich unzählige Blogeinträge gemacht. Über Dylan, aber Americana-Musik, aber auch über Bücher und Filme, die ich unter Americana subsumiere. Und so reicht das Spektrum der Berichte auf diesem Blog von Dylans Konzertauftritten und der Musik der Felice Brothers über Filme von Clint Eastwood bis zu den Büchern von James Lee Burke oder Joe R. Lansdale.

Und die Ideen gehen mir noch nicht aus, so dass für diesen Blog auch kein Ende abzusehen ist. Was das nächste Thema ist? Da fällt mir u.a. eine für meine Generation wichtige amerikanische Sozialisationsinstanz ein, die mit vier Herren im Wilden Westen zu tun hat…