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Brot und Rosen

6. September 2019

Das neue Cuppatea-Album „Silberstreif“ enthält auch Querbezüge zu Bob Dylan und Americana

Entscheidend zu Kultur der amerikanischen Arbeiterlieder und Protestsongs beigetragen haben die „Wobblies“ genannten Mitglieder und Aktivisten der IWW (Industrial Workers oft he World). Aus ihrer Bewegung heraus – die Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals Geschlechter-, Rassen-, Herkunfts- und Branchenübergreifend Arbeiterinnen und Arbeiter organisierte – entstanden unzählige Gewerkschafts, Arbeiter- und Protestsongs, die sich dann im berühmten „Little Red Songbook“ der IWW wiederfanden. Neben den Songs des charismatischen Gewerkschaftsführers und Songwriters Joe Hill (der wiederum selbst besungen wurde) ist es vor allem das Lied „Bread and Roses“, das zum Klassiker geworden ist.

Der Slogan „Brot und Rosen“ stammt aus einer Rede der New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman im Jahr 1911. Ihr ging es nicht nur um mehr Lohn, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiterinnen. Der Slogan fand Eingang in das Gedicht „Bread and Roses“ von James Oppenheim. 1912 wurde Brot und Rosen eine Streik-Parole und wurde auch als Lied mit dem Streik von mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence, Massachusetts bekannt. Seitdem wurde das Lied zu einem Klassiker der Internationalen Gewerkschaftsbewegung und der Frauenbewegung

Das Gedicht „Bread and Roses“ von Oppenheim wurde 1976 von Mimi Fariña, der Schwester von Joan Baez vertont, und von verschiedenen Interpreten und Interpretinnen wie Judy Collins, Ani DiFranco, John Denver oder eben auch Joan Baez aufgenommen. Die bekannteste Übertragung ins Deutsche schuf 1978 von Peter Maiwald. Renate Fresow vertonte es neu.

Nun hat „Cuppatea“ aus Münster das Lied neu aufgenommen. Das Duo, das sich vor allem auch dem politischen Lied verschrieben hat, spielt auf seinem neuen Album „Silberstreif“ eine wunderschöne Version, die dem auch in Deutschland oft gebrauchten und gehörten Kampflied neue, lyrische und ästhetische Seiten abgewinnt. Getragen wird ihre Fassung von der ausdrucksstarken und klaren Alt-Stimme von Sigrun Knoche. Melodisch orientieren sich Sigrun Knoche und ihr Partner Joachim Hetscher eindeutig an der Originalmelodie, so wie sie auch Joan Baez gesungen hat.

„Brot und Rosen“ ist übrigens auch in die Filmwelt eingegangen. So wurde der Song ein wichtiger Teil des Films „Pride“ aus dem Jahre 2014, der die Geschichte der Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ während der britischen Bergarbeiterstreiks in den 1980er Jahren erzählt. Und die englische Regie-Legende Ken Loach nahm den Slogan als Titel für seinen Film aus dem Jahr 2000 über die illegalen Einwanderin Maya, die sich in den USA für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ihrer rechtlosen Kollegen einsetzt.

„Silberstreif“ ist natürlich kein „Americana-Album“, aber wegen seiner schönen Folkmusik mit politischer Haltung ohnehin hörenswert. Zwei weitere Songs sind für mich neben „Brot und Rosen“ als Americana- und Bob Dylan-Apologeten ebenfalls besonders interessant. Der zweite Song auf dem Album heißt „Ich warte auf den Bus“ und ist eine deutsche Übersetzung von „Waiting For The Bus“ von „Chumbawamba“. Das Lied erzählt die Geschichte des Afroamerikaners Gary Tyler, der als Opfer der Rassenjustiz in einem obskuren Prozess des Mordes für schuldig befunden wurde und erst nach vier Jahrzehnten durch den Einsatz von Menschenrechtsorganisationen im Jahre 2016 frei kam. Eine Geschichte, die sich einreiht in die Erzählungen über Emmett Till, Hattie Caroll, Medgar Evers oder Rubin „Hurricane“ Carter, die allesamt Opfer des Rassismus in den USA wurden und deren Schicksal unter anderem auch durch die Songs von Bob Dylan einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.

„Wild Mountain Thyme“ schließlich, das alte irische Volkslied, das Joachim Hetscher hier sehr ruhig und zurückgenommen singt- nur im Chorus von Sigrun Knoche unterstützt – entfaltet in der Cuppatea-Version eine besondere nachdenkliche Präsenz. Auch Bob Dylan hat diesen Song immer wieder mal im Laufe seiner Karriere ausgegriffen. So gibt es eine Version von 1961 vom Minnesota Hotel Tape, von 1965 mit Joan Baez, von 1969 beim Isle Of Wight Festival. Die schönste Version aber, die Dylan von diesem Traditional aufgenommen hat, stammt von der Rolling Thunder Revue 1975. Eine schwungvolle midtempo-Version mit Joan Baez. Sicher dürfte seine Liebe zu dem Song auch durch seine Freunde von den Clancey Brothers beeinflusst worden sein, die den Song 1962 aufnahmen und Anfang der 1960er Jahre von New York aus zum Revival der irischen Folkmusik beigetragen haben.

Das Album „Silberstreif“ von Cuppatea ist über die Website http://www.cuppatea.de erhältlich.

Cuppatea beim Pete Seeger Tribute in Darmstadt:

Bob Dylan, Joan Baez & The Rolling Thunder Revue: Wild Mountain Thyme