Posts Tagged ‘Bob Dylan’

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (3)

26. März 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,
die Situation rund um Corona verleitet natürlich zu vielen mal mehr, mal weniger originellen Aktionen im Internet und in den sozialen Medien. Nein, ich werde hier keine Hitparade der Corona-Songs auflisten. Und auch nichts auf Corona umdichten. Daher gibt es auch hier kein „Corona, Corona“ als aktuelle Adaption eines alten Dylan-Klassikers.

Auch die mäßig lustigen Corona-Songs von ebenso selten lustigen Komikern sollen hier nicht Thema sein. Wie man stattdessen als Songwriter – oder hier besser Liedermacher – sich mit dem aktuellen Therma auf hohem Niveau beschäftigen kann, zeigt das Frankfurter Duo „Klein und Glücklich“. Deren Song „Shut Down“ könnt Ihr Euch unten anhören.

Nein, Bob Dylan ist keiner für einen Song für jede Lebenslage. Zumal es eine solche wie die jetzige in seinem und unserem Leben noch nicht gab. Bob Dylan ist dagegen einer für Songs, die sich um universelle menschliche Fragen drehen: Liebe, Tod, Sterblichkeit. Ungleichheit, Rassismus, Gerechtigkeit. Krieg, Frieden, Gewalt. Veränderung, Wandel, Kontinuitäten. Daher kann man nur nach einem Dylan-Song suchen, der Gefühle und Gedanken aufgreift, die ähnlicher Natur sind, wie wir sie jetzt haben.

Es verändert sich etwas. Es wird nicht einfach so weiter gehen können wie vorher. Auch wenn das so mancher gerne glauben möchte. Es wird anders sein als vorher. Das kann zum besseren sein: Solidarität statt Egoismus. Gemeininteresse statt Kapitalinteresse. Soziale Gerechtigkeit statt Ungleichheit. Toleranz statt Rassismus. Umweltbewusstsein statt Raubbau am Planeten und am Klima. Denn in der Krise zeigen sich jetzt die bösen Folgen von 40 Jahren Neoliberalismus und Egoismus. Wenn wir die richtigen Schlüsse ziehen, dann ist das neoliberale Zeitalter endgültig vorbei.

Es kann aber auch anders sein: Die in der Krise ausgesetzten Freiheiten werden nicht mehr zurückgegeben. Autoritäre Staatsstreiche ersetzen die Demokratie. Da müssen wir achtsam sein und dem beizeiten entgegentreten. Diese Gefahr scheint derzeit in Ungarn, Großbritannien oder den USA größer zu sein als hierzulande.

Nun, welche Songs haben diese großen gesellschaftlichen Umbrüche, Krisen oder Erschütterungen zum Inhalt? Und welche die großen Katastrophen? Wie im Brennglas schafft es Dylan immer wieder im großen Ganzen die Einzelteile zu sehen und dabei die Perspektive in seinen Songs immer wieder zu wechseln. Er sieht das große Ganze und das Schicksal des Einzelnen. Und letzteres ist ihm immer wichtig und opfert er nicht abstrakten Wahrheiten, Ideologien oder wohlfeilen politischen Strategien. Da ist er ganz autonomer und individualistischer Künstler. Und das ist auch gut so. Genauso wie es immer legitim ist, dass Kunst subversiv ist. Und sollte die Gesellschaft noch so fortschrittlich und gerecht sein – der Künstler darf und muss auch diese Verhältnisse kritisch hinterfragen können. Die Grenze hier setzen Menschlichkeit und die universellen unveräußerlichen Menschenrechte.

Drei Songs zum Thema Umbrüche und Katastrophen möchte ich in diesem Sinne aus Dylans Oeuvre hervorheben:

1. The Times They Are A-Changin‘ (unten zu hören)
Weil hier tatsächlich eine Zeitenwende besungen wird. Die Nachkriegs-Wirtschaftswunderzeit mit Konsumismus und Antikommunismus ist vorbei. Jetzt kommen die 1960er, die gesellschaftliche Veränderungen versprechen. Und er zeigt in biblischen Bildern auf, dass die Veränderung jeden einzelnen erfassen wird und der sich wiederum dazu auch verhalten muss. Wie groß die Hoffnung war und wie sie jäh vom konservativen Roll-Back und dem Neoliberalismus ab Anfang der 1980er abgebrochen und der Protest eingehegt wurde, sehen wir heute. Und doch hat dieser Song in seinem Vierklang aus protestierender Jugend, verständnislosen Eltern, blockierender Politik und zynischen Medien eine universelle Bedeutung für die spätkapitalistischen Gesellschaften. Und damit aneigbar für jede Jugendbewegung auch heutzutage. Sei es „Occupy Wall Street“, „March For Our Lives“ oder „Fridays For Future“.

2. Black Diamond Bay
Weil hier Charaktere und einzelne Schicksale am Ort der Katastrophe kunstvoll verwebt werden. Und menschliche Archetypen auftreten, die allesamt auf ihre Weise mit der Katastrophe umgehen. An Geld, Sex oder Flucht denken und nur sich sehen in der Stunde des Untergangs. Gleichzeitig sitzen andere dumpf am Fernseher, sagen „Was geht mich an, wenn in China ein Sack Reis umfällt“ und holen sich ein neues Bier. So wie hierzulande die Coronakrise bis vor wenigen Wochen tatsächlich auch gesehen wurde.

3. High Water Everwhere (unten zu hören)
Auch hier vereinzelnen sich die Menschen angesichts der Katastrophe. Alle wollen fliehen, wollen weg. So wie die Pariser in ihre Zweithäuser in die Provinz strömten, die Deutschen in den Norden oder nach Bayern und die New Yorker sich aus der Stadt nun nach Upstate New York begeben. Andere versuchen vor der Katastrophe zu fliehen, indem sie sich abschotten. Beide Varianten werden nichts nützen. Du musst Dich der Katastrophe stellen, Du musst Dich zusammen organisieren. Dylans Negativszenario ist gespeist von der amerikanischen Gesellschaft und deren Mentalität. Statt Gemeinsinns steht zu oft die Erfüllung individueller, persönlicher Ziele und mächtiger Partikularinteressen im Mittelpunkt. Siehe: Während das Gesundheitssystem kollabiert, bewaffnen sich die Amerikaner in der Krise und Trump hat vor allem die Kapitalinteressen und die Wirtschaft im Blick. Eine ganz große Katastrophe ist im Bereich des Möglichen. Hoffen wir, dass es nicht soweit kommt.

Sorry für die nicht immer schönen Gedanken. Aber auch in dieser Krise zeigt das Leben all seine Facetten. Nur mit dieser Einsicht können wir Kraft tanken, um dadurch zu kommen. Und ein Dylan-Album zu hören – z.B. „Desire“ mit seinen beschwingten, ernsten und packenden Momenten – ist nicht der schlechteste Zeitvertreib, wenn man soziale Kontakte vermeiden muss.

Bis morgen! Haltet die Ohren steif!

Best
Thomas



The Bickenbach, Texas Home Office Diary (2)

25. März 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,
ich schulde natürlich noch eine Erklärung. Die Country-Kenner wissen natürlich, dass „Bickenbach, Texas“ eine Anspielung auf Waylon Jennings Song „Luckenbach, Texas“ ist. Der Gag musste einfach sein. Auch wenn Waylon derjenige Outlaw oder Highwayman war, der mit am fernsten ist. Willie, Kris und natürlich Johnny fügen sich bei mir gleich hinter Bobby ein. Aber Waylon? Hank Williams, Marty Stuart, Billy Joe Shaver, Emmmylou oder Rosanne – gerne. Aber Waylon? Mal schauen, ob ich die jetzige Zeit nutzen kann, näher zu Waylon zu finden. Auf alle Fälle könnt ihr „Luckenbach, Texas“ unten hören.

Man kennt das. Man fährt jahrelang gemeinsam mit dem Zug in die große Stadt zur Arbeit. Wechselt aber kein Wort, kommt sich nicht näher. So erging es mir auch mit einem bestimmten Menschen. Der mich im Pädagog schon bei Veranstaltungen grüßte, doch außerhalb dieses Raums blieben wir irgendwie auf Abstand.

Ausgerechnet auf der gestrigen, für die nächste Zeit in der Coronakrise letzten Zugfahrt nach Hause, sprach er mich dann an. Ich wäre doch auch an Folk interessiert und wir hätten uns auch schon im Pädagog gesehen. Er suche vergeblich nach den Notenblättern von Hobo’s Lullaby. Die gäbe es in Deutschland nicht. Hobo’s Lullaby ist ein Song, den ursprünglich der aus Austin, Texas stammende Goebel Reeves aka The Texas Drifter geschrieben und 1936 veröffentlicht hat. Einem Song, den dann Woody Guthrie bekannt gemacht hat. Zu Goebel Reeves demnächst mehr. Ich gab mich jedenfalls verblüfft und empfahl mal beim Woody Guthrie Center in Tulsa nachzufragen. Nun habe ich gegoogelt und mehrere Seiten gefunden, auf denen man die Noten finden kann. Spricht das jetzt für oder gegen den Folkenthusiasten, der auf althergebrachte Weise nach Notenblättern forschte, anstatt mal ins Netz zu gehen? Jetzt wollte er den Woody Guthrie Center googeln. Und so hat die Suche nach einem fast 90 Jahre alten Song, beim Folk-Enthusiasten einen Digitalisierungsschub ausgelöst und ich hefte mich an die Spuren von Goebel Reeves. Sein Hobo’s Lullaby ist unten zu hören.

Keine guten Nachrichten kommen heute aus den USA. Gleich zwei bekannte Americana-Musiker sind Covid-19-positiv. Während Singer-Songwriter-Legende Jackson Brown selber von einem milden Verlauf spricht, scheint es um Larry Campbell, Multiinstrumentalist, Produzent und jahrelanger Sideman sowohl von Bob Dylan als auch von Levon Helm, nicht ganz so gut bestellt. Er befindet sich getrennt von seiner Frau Teresa Williams in Quarantäne.

Hoffen wir für Larry, dass auch sein Krankheitsverlauf milde ist. Und hoffen wir, dass in den USA trotz Trumps Unbelehrbarkeit die Coronakrise nicht in eine Katastrophe großen Ausmaßes mündet.

Ich hätte gerne heute fröhlicher meinen Eintrag abgeschlossen. Aber halt: Gerade habe ich mit zwei befreundeten Musikern telefoniert und es war wieder richtig schön, mich mit ihnen über Musik und das Musik machen und über Konzertveranstaltungen auszutauschen. Nach solchen Gesprächen weiß ich wieder, warum ich mich so tief der Musik verschrieben habe, und warum ich alles tun werde, damit wir alle gut durch die Krise kommen.

In diesem Sinne: Handelt Solidarisch, achtsam und fürsorglich und bleibt gesund!

Best,
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (1)

24. März 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee everyone,
Nun bin ich offiziell im Home Office. Vor allem natürlich beruflich, aber da meine Konzerte von „Americana im Pädagog“ wegen Corona abgesagt werden mussten, bin ich sozusagen auch als Kurator im Home Office.

An dieser Stelle möchte ich nun an täglich ab 19 Uhr ein bisschen was veröffentlichen, auf Musik aufmerksam machen und mithelfen, dass man auch mal an etwas anderes denkt als an die Angst vor Corona. Dann lieber nachdenken an die Zeit nach Corona.

Und in dieser Zeit nach Corona da möchten wir natürlich auch weiterhin gerne gute Musik bei „Americana im pädagog“ bieten. Daher nochmals meine Bitte. Spendet an das Theater im Pädagog, kauft Gutscheine für die Herbstvorstellungen – im Moment gehen wir davon aus, dass die wie geplant stattfinden können und kauft Karten und Gutscheine dafür. Informationen hierzu natürlich auf http://www.paedagogtheater.de . Zudem arbeiten wir an einem Crowdfunding-Projekt für das TIP. Dazu mehr zu gegebener Zeit.

Unterstützt auch die vielen Künstler, die jetzt über Online-Konzerte versuchen, ihrer Profession und Passion weiter nachzukommen. Am 2. April spielt übrigens SONiA disappear fear um 20 Ohr ein Facebook-Konzert. Just zu dieser Zeit hätte sie eigentlich auf der Bühne von „Americana im Pädagog“ stehen sollen. Sie bestreitet jetzt eine ganze Konzertserie, ausgerichtet auf den Tourplan ihrer ausgefallenen Europa-Reise. Eine feine Idee. Da freuen wir uns sehr drauf!

Und unterstützt auch die kleinen Gewerbetreibenden. Die kleinen lokalen Buchhandlungen, nicht Amazon. Und holt Euch das Essen lieber in der Kneipe um die Ecke und lasst Euch nicht von Lieferando beliefern. Ein kleiner Spaziergang tut doch gut, wenn man ansonsten zu Hause bleibt.

Gerade bin ich nämlich bei unserem Bickenbacher Dylan-Wirt Franz von der Kastanie vorbeigekommen. Der verkauft jetzt aus dem Fenster des Nebenraums. Und im Hintergrund spielt er die John Wesley Harding und hofft inständig, dass der Dylan-Geburtstag am 24. Mai bei ihm im Biergarten dann doch mit Zimmerman’s Friends gefeiert werden kann.

Apropos Dylan-Geburtstag. Auch unser Darmstädter Dylan-Tag ist nicht passé. Wir planen, für das kommende Jahr zum 80. Wiegenfest des Meisters den Tag noch ein bisschen schöner und vielfältiger zu gestalten. Auch dazu demnächst mehr.

Mit bleibt noch das Video des Tages hier anzukündigen. Es ist natürlich vom Meister. Seine überirdische 2019er Version von „Girl From The North Country“.

Best,
Thomas

Darmstädter Dylan-Tag 2020: Plakat und Flyer gehen in Druck

15. Februar 2020

Es ist vollbracht. Das visuelle Zeichen des Darmstädter Dylan-Tages 2020 (18. April) steht. Basierend auf der Idee von Marco Demel hat die Grafikerin Ursula Raapke eine unverwechselbare Anmutung geschaffen, mit der in den nächsten beiden Monaten kräftig für die Veranstaltung geworben werden soll.

Grundlage des Designs ist eine Reminiszenz an das Tour-Plakat der legendären Rolling Thunder Revue von 1975. In der Mitte Dylan, um ihn herum in Kreisform die Bilder der Headliner, in Hintergrund eine Western-Lokomotive. Motto: „Da kommt was auf uns zu!“

Darunter sind in drei Blöcken die restlichen Referenten und Künstler sowie die Initiatoren und Moderatoren Thomas Waldherr & Marco Demel gesetzt.

Auch die Farbgebung in der Fläche und der Schrift korrespondiert mit dem Original Tour-Plakat von 1975.

Plakat und Flyer werden nun gedruckt, sind aber bereits im Internet und Social Media zu sehen. Das Plakat kann dann auch am Veranstaltungstag, am 18. April, vor Ort als Erinnerungsstück erworben werden.

Darmstädter Dylan-Tag 2020: Programm steht!

7. Februar 2020

Der Darmstädter Dylan-Tag nimmt immer stärkere Konturen an. Jetzt steht der Programmablauf

Copyright: Wikimedia Commons

für das von Marco Demel und Thomas Waldherr organisierte Event fest:

Darmstädter Dylan-Tag 2020
„Whatever Colours You Have In Your Mind“

Ablauf am Samstag, den 18. April 2020:

15.00 Some Dylan-Songs: Uli Spiegel

15.15
Eröffnungsrede zum 1. Darmstädter DylanTag
von Thomas Waldherr und Marco Demel

15.25 Jadwiga Frej – Dylan goes Geige
15.35 Vortrag Anne-Marie Mai – Einführung Marco Demel

16.05 Jadwiga Frej – Dylan goes Geige
16.15 Vortrag Jochen Markhorst – Einführung Marco Demel

16.45 Pause/ Snack/ Dia-Show von Bob Egan/Dylan-Hour-Outtakes/Musik aus der Konserve/

17.00 Some Dylan-Songs mit Martin Grieben – Einführung Thomas Waldherr

17.15 Vortrag Thomas Waldherr Bob Dylan & Black Music

Einer der Headliner: Manfred Maurenbrecher

17.45 Pause/ Snack/ Dia-Show/ Musik aus der Konserve

ab 18.00
Bernie Conrads + Bernhard Schumacher

18.45 Uhr Pause/ Snack/ Dia-Show

ab 19.00
Einführung Thomas Waldherr
Heinrich Detering + Dan Dietrich

ab 20.00
Einführung Marco Demel
Manfred Maurenbrecher

ab 21.00
Einführung Thomas Waldherr
Double Dylans

In Kürze wird zur finanziellen Unterstützung des Dylan-Tags auch eine Crowdfunding-Kampagne anlaufen. „Wir freuen uns über jegliche Unterstützung für unseren großen Dylan-Tag, den wir mit viel Freude und Engagement vorbereiten“, erklärt Thomas Waldherr für die Veranstalter.

Tickets und weitere Infos unter: https://paedagogtheater.de/veranstaltung/dylany/

„Whatever Colours You Have In Your Mind“

10. Januar 2020

Darmstädter Dylan-Tag 2020/ Marco Demel und Thomas Waldherr zur Premiere am 18. April

Copyright: Wikimedia Commons

Seit 2014 gibt es in Darmstadt die von Thomas Waldherr kuratierte, sich ausdrücklich auf Bob Dylan berufende, Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Seit 2016 ist bei Radio Darmstadt die „Dylan Hour“ von Marco Demel auf Sendung. So entstand die Idee, sich einen ganzen Tag mit Werk und Wirken von Bob Dylan zu befassen. Beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 am Samstag, 18. April, im Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5) sind mit dabei Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), die Literatur-Professoren und Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne-Marie Mai, der New Yorker Künstler Bob Egan, der niederländische Dylan-Autor Jochen Markhorst, sowie die Musiker Martin Grieben, Dan Dietrich und die DoubleDylans. Beginn ist 15 Uhr, das Ende gegen 22.30 Uhr, der Eintritt beträgt 30 Euro.

„Bob Dylan und sein Werk in Erinnerung zu rufen und die Bedeutung seiner Songs gerade auch für die heutige Zeit darzustellen, und das musikalischen Erbe Dylans zu neuen Räumen auch in neuen Köpfen zu verhelfen, ist die Idee hinter den „Darmstädter Dylan-Tagen“, erläutert Marco Demel. Und Thomas Waldherr ergänzt: “ Dabei geht es uns nicht um Heldenverehrung und Mystifizierung der Person Dylan, sondern um eine von Sympathie und Respekt befeuerte historisch-kritische Beschäftigung mit seinem ebenso großen wie manchmal auch komplexen Oeuvre.“ Und dies aus den verschiedensten Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Denkansätzen. „Daher auch unser Motto „What Ever Colours You Have In Your Mind“, erklären die beiden.

Marco Demel

Und dies geschieht an diesem Tag in vielfältiger Art und Weise mittels Vorträgen, Lesungen, einer Dia-Show und natürlich viel Musik von Bob Dylan, denn darum geht es ja letztendlich. „Wir haben beide Bob Dylan in unserer Jugend entdeckt, und dann über die Jahre gemerkt, wieviel seine Musik und seine Texte, seine wichtigen Denkanstöße, und durchaus auch seine Irrungen, einem bedeuten, welch wichtige Konstante im Leben die Beschäftigung mit seinem Werk darstellt. Da war es klar, dass die Beschäftigung mit ihm auch irgendwann öffentlich stattfinden wird“, so Thomas Waldherr.

Während der Journalist Waldherr (www.country.de, Folker) schon seit vielen Jahren über Bob Dylan – u.a. auch als Buchautor und Blogger – schreibt, und ihn explizit als „Stifterfigur“ der von ihm seit 2014 kuratierten Konzertreihe „Americana im Pädagog“ nennt, hatte der Sozialpädagoge Demel schon länger die Idee eines Dylan-Tages. Nachdem er im Vorfeld des 75. Geburtstags von Dylan dann Thomas Waldherr über die gemeinsame Arbeit an der Sendung „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt kennenlernte, blieben die beiden in Kontakt und nun war die Zeit reif, das Projekt endlich anzugehen.

„Wir sind sehr gespannt auf diesen Tag. Wir haben ein dichtes Programm mit Vorträgen der Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne Marie Mai, und viel Musik u.a. von Dan Dietrich und den DoubleDylans. Ganz besonders stolz sind wir aber auf die Mitwirkung von Manfred Maurenbrecher und Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), der extra für uns einen seiner mittlerweile sehr seltenen öffentlichen Auftritte haben wird“, ist Marco Demel voller Vorfreude. Für Thomas Waldherr schließt sich mit Bernie Conrads sogar so etwas wie ein Kreis. „Als ich 1976/77 begann, mich für Bob Dylan zu interessieren, da spielte Bernies Autobahn Band immer wieder mal in der Darmstädter Fußgängerzone. Ihre Songs von Dylan auf Deutsch wie „Weit weg, lange her“ haben mich stark beeinflusst. Toll, Bernie dabei zu haben.“

Thomas Waldherr

Auch Waldherr selbst wird einen Vortrag zu „Bob Dylan & Black America“ halten, beide moderieren die Veranstaltung und Marco Demels Tochter Jadwiga, die in Dresden und Linz Komposition studiert, wird ebenfalls im Programm mitwirken, indem sie Dylan-Stücke für ihr Geigenspiel adaptiert.

Noch ist jetzt ein knappes Vierteljahr Zeit, an den Details zu arbeiten. „Wir wollen allen interessierten Dylan-Freunden ein abwechslungsreiches Programm in angenehmem Ambiente bieten. Dafür bedanken wir uns bei Klaus Lavies und seinem Team vom „Theater im Pädagog“ sehr herzlich, sie bringen viel Erfahrung in die Organisation mit ein“, lobt Marco Demel die Zusammenarbeit. „Es ist immer ein kleines Wunder, wenn eine Vision Wirklichkeit wird.“ Und Thomas Waldherr, dessen Reihe „Americana im Pädagog“ Kooperationspartner ist, nimmt auch überregionale Gäste in den Blick: „Bei unseren erfolgreichen Dylan-Abenden 2016 und 2019 kamen auch einige Gäste extra von weit her angereist. Wir wünschen und hoffen auf eine bundesweite Wahrnehmung des ersten Darmstädter Bob Dylan-Tages.“

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Darmstadt ist eine Reise wert
Das mit ÖPNV oder auch Auto gut erreichbare, zentral in der Republik gelegene Darmstadt (30 km südlich von Frankfurt am Main) ist als ehemalige Residenz und Jugendstil-Stadt immer eine Reise wert. Neben dem hochkulturellen Leuchttürmen Residenzschloss, dem Jugendstilzentrum Mathildenhöhe, dem Hessischen Landesmuseum, dem Hessischen Staatstheater und dem Hessischen Staatsarchiv, ist Darmstadt als Sitz des Jazz-Instituts und der Ferienkurse für neue Musik auch eine Musikstadt mit Tradition und besitzt eine vielfältige freie Musik- und Kunstszene. Und mit dem SV Darmstadt 98 auch einen traditionsreichen Fußball-Zweitlisten, der auch schon drei Spielzeiten erstklassig war.

Darmstadt bietet also vieles, was neben dem Dylan-Tag auch noch zu einem Wochenend-Aufenthalt einlädt. Weitere Infos hierzu: https://www.darmstadt-tourismus.de/

Jahr der Entscheidungen

2. Januar 2020

Amerika und Americana im Jahr 2020

Amerika wird 2020 zum großen Rätsel. Weihnachtsspaziergang in der Darmstädter Lincoln-Siedlung.

Die Veröffentlichung von Americana-Alben mit direktem oder indirektem Kommentar zur politisch-gesellschaftlichen Lage in den USA schien 2019 gleichsam Legion. Ob Newcomer J.S. Ondara oder Altmeister Neil Young, ob Singer-Songwriter Eilen Jewell oder Americana-Reibeisen Ryan Bingham – viele, viele wollten und mussten sich äußern zur großen gesellschaftlichen Spaltung und zum Verlust des amerikanischen Traums in den USA.

Americana ist so bunt und vielfältig wie nie
Americana ist heute mehr als Alternativ Country plus Folk plus Blues oder Old Time. Längst haben Künstlerinnen und Künstler wie Rhiannon Giddens, Dom Flemons, Alynda Lee Segarra oder Vikesh Kapoor es für eine große Vielfalt geöffnet. Dieses Americana betont die Weite des Landes, und dass dort Platz für viele Menschen unterschiedlichster Herkunft, Überzeugungen und Religion ist. Giddens und Flemons haben die schwarzen Wurzeln der amerikanischen Folk- und Countrymusik offengelegt. Alynda Lee Segarra hat die lesbische und Latino-Perspektive eingebracht und Vikesh Kappoor hat vor einigen Jahren gezeigt, wie sich auch die Kinder der neuen Einwanderer aus Asien die amerikanische Rootsmusik aneignen. Während der gebürtige Kenianer J.S. Ondara noch einmal gezeigt hat, wie sehr Künstler des anderen Amerika wie Bob Dylan weltweit noch heute ein positives Amerika-Bild erzeugen. Allerdings hat Ondara, in der Wirklichkeit angekommen, mittlerweile durchaus ein gebrochenes Verhältnis zum amerikanischen Traum. Er weiß wie viele ihn gar nicht mehr leben können, weil es ihnen verwehrt wird.

Aber der Trend zur Vielfältigkeit scheint unumkehrbar. So erscheint Ende des Monats hierzulande das Album „Rearrange My Heart“ der Gruppe „Che Appalache“, die sich der Fusion von Latino und Amerikanischer Roots Music widmen und inhaltlich sich klar gegen Fundamentalismus und Othering wenden. Produzent ist Bluesgrass-Legende Bela Fleck. Beeindruckend ihr Song „The Dreamer“, der den Hoffnungen und Ängsten der sogenannten „Dreamer“, der jungen Menschen, die seit ihrer Kindheit in den USA leben, aber aufgrund der politischen Gegebenheiten nie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekamen. Über ihnen schwebt nun das Damoklesschwert der weiteren Entscheidungen der Trump-Administration, die auch in diesem Fall eine klare Politik der Spaltung und Ausgrenzung betreibt.

Migration
Denn die Kriminalisierung der Einwanderer aus Lateinamerika und Mexiko ist zugleich Grundpfeiler und wichtiges Stilmittel des Trumpismus. Da ist die grenzüberschreitende Fusion-Musik von Che Apalache ebenso wichtig wie das neue Projekt von Folksänger M.Ward. Seine „Migration Stories“, die im April dieses Jahres erscheinen, verbinden Motive der Migrationsgeschichte seiner eigenen Familie mit den aktuellen Migrationsgeschichten. An die Migrationsgeschichte der Pfälzer Familie Trump muss man da leider auch wieder erinnern. Der Nachfahre der Kallstädter Trumps möchte gerne die Schotten dichtmachen. Ein wichtiges Identifikationsmerkmal und eine bedeutender Bestandteil des amerikanischen Traums wären zerstört.

Allegorien und Metaphern
Eine interessante Platte verspricht auch „Just Like Moby Dick“ von Terry Allen & The Panhandle Mystery zu werden. Das von Dylan-Gitarrist Charlie Sexton koproduzierte Album widmet sich einem der archetypischen amerikanischen Romane „Moby Dick“ und verknüpft es assoziativ, allegorisch und metaphorisch mit Brecht, Amerika im Krieg und dieser scheinbar ur-amerikanischen Mentalität des Eroberns, des Kräftemessens, des Daseinskampfes in all seinen tragischen und tragikomischen Ausformungen. Eine fast dylanesk anmutendes Panorama scheint den Hörer hier zu erwarten.

Zur aktuellen Bedeutung von Bob Dylan
In Darmstadt findet am 18. April der Darmstädter Dylan-Tag 2020 statt (mehr unter https://paedagogtheater.de/dylantag2020/). Da werden sich manche fragen, was hat der uns denn zur aktuellen politischen Situation noch zu sagen? Und in der Tat, Dylan äußert sich nicht zum orangefarbenen Präsidenten. Er hat sich aber auch nicht zu einer öffentlichen Unterstützung von Obama hinreißen lassen. Zu sehr wusste und weiß er, dass das vermeintliche Machtzentrum der USA selber in einem festen Rahmen von wirtschaftlicher und politischer Macht eingebunden ist. Für Clinton hat er noch gespielt, als Kind der alten New Deal-Koalition von gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern, Afroamerikanern und städtischen Mittelschichten“ hat er noch Erinnerungen an amerikanische Politik jenseits des Neoliberalismus. Umso enttäuschter muss er von der Politik der Demokraten in den letzten Jahrzehnten gewesen sein.

Mit Songs wie „Union Sundown“, „Heartland“ oder „Workingman’s Blues #2“ hat er sich auch in den späteren Phasen seiner Karriere immer wieder einmal mit den Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen in den USA auseinander gesetzt. Immer wieder voll Empathie für die einfachen Menschen. Dylan ist zwar ein Mittelklasse-Kid, aber er stammt aus einer Bergarbeiterregion und weiß wie hart und entbehrungsreich deren Leben war. Zugleich hat er in seiner gesamten Karriere stets einen fruchtbaren Austausch mit dem schwarzen Amerika gepflegt (siehe auch: https://cowboyband.blog/2018/05/11/bob-dylan-und-black-music/).

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Dass Dylan durchaus noch teilnimmt am aktuellen Geschehen, beweist auch eine andere Begebenheit, die hierzulande kaum bemerkt wurde. Für einen Sampler mit Wedding Songs für gleichgeschlechtliche Paare hat er 2018 den American Songbook-Klassiker „She’s Funny That Way“ als „He’s Funny That Way“ beigesteuert und begeisterte sich richtig für das Projekt, wie man den Ausführungen des Produzenten entnehmen konnte.

Ansonsten gilt bei Dylan: Seine Songs sind – solange die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft gerade auch im Zusammenspiel von Ökonomie, Sozialisationsinstanzen und politischem Raum in ihren Grundsätzen unverändert ist – so universell wie Stücke wie Stücke von Shakespeare oder Goethe. „Masters Of War“, It’s Allright Ma“, „All Along The Watchtower“ oder „Hurricane“ haben ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren.

Bob Dylan bleibt qua Botschaft der Anti-Trump. Da muss er gar nix mehr Neues sagen oder schreiben.

Aktuelle politische Auseinandersetzungen und ihre musikalischen Ausdrucksmittel
Und so wird auch immer wieder gern auf sein Liedgut zurückgegriffen. So erklang beim „March For Our Lives“ am 24. März 2018 eine von Jessica Houston gesungene Version des Dylan-Klassikers „The Times They Are Changin“. Es waren die Schülerinnen und Schüler die massenhaft gegen den Waffenwahn in den USA aus die Straße gingen. Denn eine – man muss es so sagen – mittlerweile fast alltägliche Gefahr für Schülerinnen und Schüler sind Schulmassaker.

Und überhaupt: Sieht man einmal von den klassischen Arbeitskämpfen in den traditionellen Industrien wie Automobil- oder Bergbau ab, sind die Akteure der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu einem Großteil jung und weiblich. Das mag bei #MeToo und „Women’s March to Washington“ in der Natur der Sache liegen. Aber auch bei „Sunrise Movement“ – vergleichbar mit „Fridays For Future“ – oder den im vergangenen Jahr in vielen Bundesstaaten im Streik befindlichen Pflegekräften und Lehrenden ist dies so.

Das Alter der Protagonisten verhindert aber nicht die Anknüpfung an traditionelles Protestliedgut. So kann man in youtube hören wie die vielen Mädels und ein paar Jungs von Sunrise Movement das alte Arbeiterlied „Which Side Are You On“ zu „Does It Weigh On You?“ wird. „Belastet es Dich, wenn Kohle verbrannt und Klima geschädigt wird?“ Also: Auf welcher Seite stehst Du? Und da die sozialen Medien nun jedem erlauben viral zu gehen, setzt sich auch so mancher hin und beantwortet die Zukunftsfragen mit der Unterstützung des Green New Deals in der musikalischen Folkästhetik des 1930er und 1940er Jahre. Genauso wie die streikenden Pflegekräfte des Kaiser-Gesundheitskonzerns ihr Dilemma im archaischen Country-Blues-Schema ausdrücken.

Pop und Rapmusik kann man dagegen hören, wenn man den Lehrenden aus Chicago und die Streikenden von General Motors auf youtube folgt. Da erklingt ein optimistisches Streiklied in der „Windy City“ nach der Melodie von „YMCA“ von den Village People oder ein anklagender Rap mit dem Titel „Burn Barrel“ bei den Automobilarbeitern.

Sunrise Movement-Logo, Copyright: http://www.sunrisemovement.org

All das zeigt: Die neuen gesellschaftlichen Protestbewegungen sind so vielfältig, kraftvoll und jung wie seit den 1960er Jahren nicht. Und sie sind absolut nicht geschichtslos. Die weitgehende Entpolitisierung, Individualisierung und Vereinzelung der Gesellschaft durch den Neoliberalismus hat es trotzdem nicht geschafft die Traditionslinien gesellschaftlichen Protests und ihrer musikalischen Ausdrucksformen zu kappen. Darauf lässt sich etwas aufbauen.

Quo vadis Amerika und Americana?
Auch 2020 wird es, wie schon oben festgestellt, interessante Alben geben, die sich mit den politischen Zuständen in den USA auseinandersetzen. So wird auch Kyshona, eine interessante schwarze Stimme aus Nashville, im Februar ihr Album „Listen“ veröffentlichen, deren Single-Auskopplung „Fear“ als Aufforderung zu hören ist, Ungleichheit und Diskriminierung eben nicht hinzunehmen, sondern ohne Furcht dagegen anzugehen.

Man darf gespannt sein wie klar und in welcher Form sich beispielsweise Rhiannon Giddens oder Alynda Lee Segarra positionieren. Jack White hat sich abermals im Vorwahlkampf für Bernie Sanders engagiert. Von John Mellencamp darf man ebenfalls einen pro-demokratischen Einsatz erwarten wie von Steve Earle. Spannend wird es ob wieder die Music Row Democrats in Nashville reaktiviert werden, bei den Emmylou Harris engagiert war. Gerade die Protagonisten der Country Music tun sich bekanntermaßen schwer mit klaren Statements, da muteten die jüngsten Äußerungen von Superstar Garth Brooks positiv überraschend an. Der erklärte nämlich, so konnte man bei country.de lesen, anlässlich eines Treffens mit Ex-US-Präsident Jimmy Carter: „„Die Carters repräsentieren Menschlichkeit und Selbstlosigkeit und da spielt es keine Rolle, ab man Demokrat oder Republikaner ist. Man respektiert die anderen, egal welche Hautfarbe sie haben, welche sexuelle Orientierung oder Religion sie haben“.

Stimme des anderen Amerika: Rhiannon Giddens.

Im Amerika der beleidigenden Twitter-Gewitter des US-Präsidenten stellen solche Worte schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr da. Das Land scheint verroht, gespalten und desparat. Trotz oder gerade wegen des Impeachment-Verfahrens ist ein erneuter Wahlsieg Trumps nicht ausgeschlossen. Die Demokraten sind ihrerseits ebenfalls gespalten. In das weniger politisch-strategisch als demoskopisch-betriebswirtschaftlich agierende Parteiestablishment – hier schaut man nach Umfragen, nach den Swing States und unternimmt keine Anstalten neue politische Mehrheiten zu gewinnen – und in die Parteilinke, die (noch) nicht die charismatischen Figuren hat, die mit progressiver Agenda auch in konservativeren Staaten bestehen können. Trotzdem sind Kandidaten wie Elisabeth Warren oder Bernie Sanders und die junge Politikhoffnung Alexandria Ocasio Cortez eine Bedrohung für das Partei-Establishment. Da deren Hoffnung John Biden schwächelt, kommt nun der Milliardär Michael Bloomberg ins Spiel. Sollte er wirklich der Gegner von Trump werden, könnte das zum großen Vorteil von Trump werden. Auch über die entschiedenen Parteigänger Trumps hinaus wird der New Yorker im Süden und im Heartland nichts ausrichten können. Stattdessen würde endgültig deutlich, wie sehr die Demokratie in den USA zur Manege der Superreichen geworden ist.

Es steht also vieles auf dem Spiel bei diesen Wahlen. Und es kann noch viel passieren bis zum November. Trump hatte keine Mehrheit unter der Bevölkerung, möglicherweise wird er das wieder nicht schaffen und trotzdem gewinnen. Und sollte er verlieren, dann weiß keiner, ob er auch wirklich gehen will. In einem bemerkenswerten Aufsatz in „Blätter für deutsche und internationale Politk hat Alexander Hurst ein keinesfalls abwegiges Bürgerkriegs-Szenarie -Szenario“ im Falle von Impeachment oder Abwahl an die Wand gemalt.

Die Americana-Szene wird sich, wenn sie sich engagiert, mehrheitlich auf die Seite der Demokraten schlagen. Spannend wird es, wie stark und wie polarisierend für Kultur- und Unterhaltungsszene sich diese Wahl in Gänze auswirken wird.

2020 wird in vielerlei Hinsicht ein entscheidendes Jahr.



Dieser überirdische Moment in Stuttgart

20. Dezember 2019

Das Dylan- und Americana-Jahr 2019 – eine Rückschau. Und eine Vorschau auf 2020

Die Dylan-Konzerte im Jahr 2019 gehören zu den Besten, die der Meister je gegeben hat. Ich falle hier also mal gleich mit der Tür ins Haus. Die Stimme großartig, die Musik inspirierend, die Performance cool und sensibel zugleich. Ob Augsburg im April oder Mainz und Stuttgart im Juli. Einfach stark. Und dann dieser überirdische Moment, als er „Girl From The North Country“ in Stuttgart spielt. Voller Wehmut, voller Schönheit. Gänsehaut! Auch die Erzählungen über die Konzerte in den Staaten im Herbst mit neuem Gitarristen und neuem Drummer hören sich sehr gut an. Dass er dann auch noch die Dylan-Cash-Sessions veröffentlichen lässt, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Wenn er doch nur endlich nochmal ein Album mit neuen Originalsongs veröffentlichen würde. Während Willie Nelson – noch älter und auch nicht mehr ganz gesund- fast ständig neue Songs herausbringt, herrscht bei Dylan-Fehlanzeige. Abwarten und „Heavens’s Door“-Whisley trinken scheint die Devise zu sein in diesen Tagen.

Americana wird immer politischer
Doch auch außer Dylan konnten wir noch weiteres interessantes beobachten. Z.B. dass das Americana immer politischer zu werden scheint. Mehr oder minder politische Bezüge zur Situation Amerikas hatten in diesem Jahr u.a. Songs und Alben von Trapper Schoepp, J.S. Ondara, Ryan Bingham, Son Volt, Our Native Daughters, Rhiannon Giddens, Eilen Jewell, The Felice Brothers und Tim Grimm. Der amerikanische Traum zerbröselt, die Nation ist sozial, politisch, kulturell und ethnisch gespalten, die Rassismus wuchert immer weiter und die Gewalt nimmt immer katastrophalere Ausmaße an. Und natürlich Trump. Viele singen dagegen an, wir werden sehen, was das Wahljahr 2020 bringt.

Country meets Hip Hop
Eine der vertracktesten Diskussionen im US-Musikjahr 2019 entzündete sich an dem Song „Old Town Road“ von Lil Nas X, einem eingängigen Country-Hip Hop-Hybriden, der just aus den Country-Charts gestrichen wurde, als er zum Höhenflug ansetzte. „Das ist kein Country“ sagen die einen, „Country war immer schon Fusion“, sagen die anderen. Aber es geht dabei letztlich um mehr, als um Geschmacksfragen. Hip Hop und Rap sind die musikalischen Ausdrucksformen einer aufmüpfigen jungen Black Community. Das hört der weiße Countryhörer nicht so gerne. Wenn dann nur in einer softeren Version von weißen Jungs und es als Mainstream-Country verkauft wird. Und wenn die Schwarzen dann auch noch das mit Countrymusik mischen, dann verbitten sich das viele weiße Musikhörer. Doch der Erfolg von Lil Nas X und auch von Blanco Brown gibt Hoffnung, dass hier endlich Grenzen fallen werden.

„Wir spielen unsere Americana-Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag.“

Dom Flemons sah das bei unserem Treffen im Juni in Chicago auch so. Einer der denkwürdigsten Momente in diesem Jahr bei unserer an Höhepunkten reichen USA-Reise. Ebenso wie der Besuch des Dylan-Kongresses in Tulsa, Oklahoma nebst Visite des Woody Guthrie Centers.

Von Newport nach Woodstock
2019 – Jahr der Jubiläen: Meine inhaltlichen Schwerpunktthemen waren in diesem Jahr „100 Jahre Pete Seeger“ und „50 Jahre Woodstock“. In Vorträgen in Tübingen, Malente, Darmstadt und Ingelheim habe ich über den Weg von Newport und Woodstock referiert und was die beiden Festivals mit Seeger und Dylan verbindet.

„Americana im Pädagog“
Zu Seeger konnte ich mich bei „Americana im Pädagog“ Anfang Mai über zwei ausverkaufte Pete Seeger Tribute-Konzerte freuen. Cuppatea und ich haben das Pete Seeger-Programm dann im Oktober nochmal in Münster aufgeführt.

Weitere Höhepunkte bei „Americana im Pädagog“ waren in diesem Jahr das ebenfalls ausverkaufte Konzert von Menna Mulugeta mit den Songs der schwarzen amerikanischen Sängerinnen im Februar und der genauso ausverkaufte Bob Dylan-Abend zum Abschluss des kleinen Jubiläums „5 Jahre Americana im Pädagog“ Ende November. Die Konzerte von „Americana im Pädagog“ sollen immer unterhalten, aber sie sollen auch durchaus zum Nachdenken anregen. Und wenn ich mir Programme zu Pete Seeger, Woody Guthrie oder Bob Dylan überlege, dann habe ich durchaus auch den Anspruch, Zusammenhänge zu erklären und auf gesellschaftliche Hintergründe hinzuweisen. „Wir spielen unsere Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag, sage ich dann immer scherzhaft.

Wie gesagt, im kommenden Jahr sind US-Präsidentschaftswahlen und sie werden entscheidend sein für die Zukunft dieses Landes, auf das so viele Menschen ihre Träume gebaut haben. Ich werde dies in verschiedener Form aufgreifen. Bei meinen Seminaren, mit dem Themenmonat „Voices Of The Other America“ in meiner „Americana“-Reihe, einem literarisch-musikalischen Programm zum Thema USA und einem besonderen Konzertformat in der zweiten Jahreshälfte. Und möglicherweise gelingt es mir, meine publizistische Produktion zu diesem Thema in Richtung einer größeren Form zu lenken, aber das werden wir sehen.

Blick nach vorn
Es wird also ein aus vielerlei Hinsicht wichtiges Americana-Jahr, das Jahr 2020. Es geht um einiges, aber jetzt ist einfach die Zeit mit kulturellen Beiträgen in die politische Debatte einzugreifen. Mit guter Musik macht das besonders viel Freude!

Bleibt mir nun noch fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen! Auch in der Cowboy Band-Welt kehrt nun Ruhe ein, im Januar geht es hier wieder weiter. In diesem Sinne wie immer an dieser Stelle Santa Bobs Weihnachtsgruß!

Darmstädter Dylan-Tag 2020

16. Dezember 2019

„Whatever Colours You Have in Your Mind“/ 18. April im Theater im Pädagog/
Kooperation mit „Americana im Pädagog“/ mit Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads, Heinrich Detering und anderen

Copyright: Wikimedia Commons

Im kommenden Jahr wird in Darmstadt erstmals der Darmstädter Dylan-Tag veranstaltet. Am Samstag, 18. April, wird sich unter dem Motto „Whatever Colours You Have In Your Mind“ von 15 Uhr bis ca 22.30 Uhr in Vorträgen und musikalischen Beiträgen und Konzerten alles rund um Werk und Wirken Bob Dylans drehen.

Seit 2014 gibt es in Darmstadt die von Thomas Waldherr kuratierte, sich ausdrücklich auf Bob Dylan berufende, Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Seit 2016 ist bei Radio Darmstadt die „Dylan Hour“ von Marco Demel auf Sendung. So entstand die Idee, sich einen ganzen Tag mit Werk und Wirken von Bob Dylan zu befassen. Kooperationspartner der Veranstaltung ist die Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Diese veranstaltet im US-Wahljahr 2020 erstmals im April einen Themenmonat „Voices For The Other America“, dessen Teil der Dylan-Tag ist.

Beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 sind u.a. mit dabei Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), die Literatur-Professoren und Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne-Marie Mai sowie Dan Dietrich und die Double Dylans. Der Eintritt beträgt 30 Euro.

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Vielstimmige Suche nach dem Maskenmann

30. November 2019

Fast drei Stunden Kurzweil: Bob Dylan-Abend von „Americana im Pädagog“ begeistert in ausverkauftem TIP

Zehn Musikerinnen und Musiker und ein Moderator entführten am Donnerstagabend (28.11.) das Publikum im bis auf den letzten Platz vollbesetzten Darmstädter Theater im Pädagog in den Bob Dylan-Kosmos. Es wurde eine vielstimmige, erlebnisreiche und kurzweilige Suche nach dem großen Trickser, Chamäleon und Sinnsucher der Rockgeschichte. Auch nach fast drei Stunden Programm ging keiner vorzeitig. Das Programm traf genau den Nerv der Dylan-Interessierten.

„Americana im Pädagog“ hatte eingeladen und viele Dylans kamen. Der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich hatte natürlich Heimspiel, den weitesten Weg hatte Stiff La Wolf aus Mecklenburg-Vorpommern. Aus Frankfurt kamen die DoubleDylans, die Singer.Songwriterin Jen Plater und Martin Grieben, der in Darmstadt aus seiner Zeit bei der Band „Jay“ bestens bekannt ist. Aus Weinheim stießen Zimmerman‘s Friends zur bunten Truppe.

Ihnen allen hatte Thomas Waldherr, Kurator der Americana-Reihe, Songs vorschlagen, die zu den von ihm gesetzten inhaltlichen Schwerpunkten des Abend passten. Ziel war es, die weniger bekannten Seiten des Songwriter-Papstes auszuloten. Und wie die Künstler die Songs aufbereitet hatten, rief immer wieder Beifallstürme des Publikums hervor. So glänzte Martin Grieben mit fantastischen Versionen von „When He Returns“ (Dylans religiöse Phase) und „Po‘ Boy (Dylans Alterswerk). Mitreißend und genau traf er die Beseeltheit Dylans in Ausdruck und Stimme bei „Returns“, musikalisch genial war die Idee, den Po‘ Boy auf der kleinen Ukulele zum Besten zu geben.

Die Double-Dylans fesselten das Publikum mit ihrer ungewöhnlichen Rap-Version von „The Lonesome Death Of Hattie

Matze Schmidt, Stiff La Wolf, Thomas Waldherr, Foto: AIP

Caroll“ (Bob Dylan und Black America) und zusammen mit Jen Plater und deren Maskierung als Mann arbeiteten sie fein heraus, dass die „Political World“ eine Männerwelt ist (Bob Dylans politische Welt). Im Duett hatten Jen Plater und Lokalmatador Dan Dietrich schon lange vorher die Erinnerung Dylans an das „Girl From The North Country“ (Bob Dylans Jugend) mit viel Gefühl intoniert.

Zimmerman’s Friends führten dann die Country-Abteilung an. Mit „Make You Feel My Love“ – u.a. auch von Country-Superstar Garth Brooks gecovered – wurde Dylans Liebeslied von den Weinheimer Dylans in genialer Art, ganz wunderbar zart und sinnlich vorgetragen. Überhaupt schreibe Dylan die schönsten und gefühlvollsten Liebelieder meinte Bandleader Bernd Hoffmann dazu. Anschließend gingen sie beim schmissigen „You Aint‘ Goin‘ Nowhere“ in packender Manier voran und rissen das gesamte Ensemble und das Publikum mit, ehe es in die Pause ging.

Stiff La Wolf wiederum brachte das Publikum durch Vortrag, Bühnenpräsenz und Charisma dazu, ihm bei den langen, textlich besonders anspruchsvollen Stücken „Not Dark Yet“ und „Every GrainOf Sand“ aufmerksam zu folgen. Da schien für einen Moment im Pädagogkeller die Zeit still zu stehen. Aber auch Kurator und Moderator Thomas Waldherr ergriff an diesem Abend seine Chance und sang zusammen mit Stiff La Wolf, begleitet von DoubleDylan Matze Schmidt, die Bob Dylan und Willie Nelson Koproduktion „Heartland“. Das ließ sich hören.

Auch nach fast drei Stunden ließ das frenetisch applaudierende Darmstädter Publikum die Dylan-Truppe einfach nicht von der Bühne und so wurde als allerletzter Song „All Along The Watchtower“ improvisiert. Als dann das Saallicht wieder anging schaute man ringsherum nur in strahlende Gesichter. „Vielen Dank, Ihr habt uns mit diesem Abend ein großes Geschenk gemacht“, drückte eine Besucherin ihre Freude aus. Und beschenkte damit wiederum Ensemble und Moderator. Ein Abend, der für alle, die dabei waren – ob auf, vor oder hinter der Bühne – unvergessen bleiben wird.

Am 13. Dezember unterstützt „Americana im Pädagog“ das Konzert der Country-Rockband „Music Road Pilots in der Darmstädter Michaelsgemeinde und geht dann in die Weihnachts- und Winterferien. Die Americana-Saison 2020 startet dann im TIP am Donnerstag, 30. Januar, mit Martin Griebens Programm „Elvis Pur. Songs und Geschichten vom King of Rock’n’Roll“.