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Ja, ich bin Dylanologe!

21. August 2020

Mal wieder eine Art Selbstverständigung

Im Anbetracht mancher aktueller Buchveröffentlichung, mancher Diskussion unter Dylan-Freunden, Dylans neuestem Werk Rough And Rowdy Ways und meines eigenen Dylan-bezogenen Outputs, kam ich wieder mal ins Grübeln. Während ich früher durchaus schon einmal das dicke Etikett „Dylanologe“ von mir wies, während ich Dylan-Kenner immer anmaßend fand – Wer kennt schon Dylan? – und Dylan-Fan im Grunde ein umgangssprachlicher kleiner gemeinsamer Nenner mit so Vielen darstellte, bekenne ich mich jetzt endlich dazu: Ja, ich bin Dylanologe!

Denn so wie ich den Terminus verstehe, hat der Dylanologe eine ausreichende Distanz zum Forschungsgegenstand. D.h. ich beschäftige mich mit Dylan ausführlich in kritischer Sympathie, weil ich ihn für einen der bedeutendsten lebenden Künstler der Welt und für den größten amerikanischen Künstler der Gegenwart überhaupt halte. Sein Werk hat mich zu einem bestimmten Zeitpunkt eine wichtige persönliche und gesellschaftliche Erfahrung machen lassen. Seine öffentliche Persönlichkeit und sein Werk haben mich danach nie wieder losgelassen.

Und das heißt nicht, dass ich bis heute alle seine Schaffensphasen mit Inbrunst billige. Nein, ich finde seine Born Again-Phase bis heute grässlich. Starke Performance und starker Spirit des Musikers können letztendlich die fundamentalistische, reaktionäre Weltsicht des Texters und Bühnenpredigers nicht wettmachen. Denn Dylan ist als Freigeist und Verwirrkopf faszinierend und am besten, nicht als Parteisoldat eines hermetisch abgeriegelten fundamentalistischen Denkgebäudes.

Ich verstehe Dylanologie tatsächlich als Wissenschaft – sympathisch finde ich in diesem Zusammenhang das Bonmot, das Dylanologie eine „ironische Wissenschaft“ sein müsse. Ja, das muss sie. Und humorvoll und respektlos gleichermaßen. Denn es geht hier nicht um Heldenverklärung. Und Dylan ist auch nicht mein großer Freund. Für mich ist er noch nicht einmal „the brother that you never had“. Und schon gar nicht finde ich es erstrebenswert, wenn Leute Dylan romantisieren, oder ihr Verhältnis zu ihm messianisch aufgeladen ist. Für die würde eher das Wort „Dylanianer“ oder „Dylan-Jünger“ passen. Den auf Dylan bezogenen Begriff „Meister“ verstehe ich daher ironisch. Andere doch wohl auch?

Nein, als Dylanologe verzweifele ich auch mal an Dylan. Sei es, wenn er uns mit 5 Sinatra-Silberlingen nervt, zum x-ten Mal wagt, uns einen neuen Song mit einem schon tausendmal gehörten Blues-Schema anzubieten oder uns bestimmte Pretiosen – Livematerial der letzten Jahre! – weiterhin in großem Stil vorenthält. Oder wenn er sich vorzugsweise mit Boxern oder Models ablichten lässt, und eine feiste Piloten-Sonnenbrille dabei trägt.

Jede Wissenschaft hat verschiedene Denkschulen und Richtungen. Da im Moment gerne die religiös-motivierte Dylan-Deutung auf dem Vormarsch ist und die Right Wing-Bob-Bewegung in den USA recht offensiv auftritt, sage ich, der von Greil Marcus, Günter Amendt, Klaus Theweleit und der kritischen Theorie geprägt wurde: Ich bin ein Left Wing-Dylanologe! Dylan ist meiner Meinung nach nur zu verstehen, wenn man stets die Verschränkung von gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründen und Wirkungen seiner Musik miteinbezieht.

Meine Meinung: Reine Text-Exegese – bringt nix! Nur Bibel und sämtliche Weltreligionen durchforsten – bringt nix! Nur im biographischen Erklärungen finden wollen – bringt nix. Aus Setlists, Tracklists, Outtakes und Statistiken sein Denken und Handeln verstehen zu wollen – fleißig! Und Transfigurationsphantasien durchspielen – viel Spaß damit!

Das kulturell-gesellschaftliche Phänomen Bob Dylan ist für mich persönlich nur auf der Basis einer kritischen Theorie der Gesellschaft möglich. Und vor allem: Immer schön über den Tellerrand blicken. Dylan hat so viele musikalische Einflüsse und Wurzeln. Auch ohne die kann man gar nicht sinnvoll über Dylan nachdenken.

Ich bin weder religiös, noch spirituell. Und trotzdem faszinieren mich der Künstler und sein Werk seit mehr als 40 Jahren. Es lädt sein, sich kritisch mit dem Hier und Jetzt und wie es dazu gekommen ist, auseinanderzusetzen. Und immer wieder den Schein nicht für bare Münze zu nehmen. Dylan ist selber ein cleverer Trickser. Das macht ihn zum idealen Forschungsgegenstand für eine ebenso kritisch-historische wie spekulative Dylan-Forschung.

Und mich zu einem begeisterten Dylanologen.

Drei wichtige Songs zum Thema: