Fragen, die beklemmend aktuell sind

15. April 2022

60 Jahre „Blowin‘ In The Wind“: Ein eigentlich schon abgenudelter Song bekommt – wenn man ihn des Pathos beraubt – eine neue Dringlichkeit

Copyright: Columbia Records

Was habe ich und andere sich schon über diesen Song lustig gemacht: „Blowin In The Wind“. Der Liedermacher und DKP-Parteigänger Franz-Josef Degenhardt nannte es seinem bemüht-proletarischen Roman „Brandstellen“ die „Hymne der Herumtreiber“ und konstruierte fein den Gegensatz zum proletarischen Liedgut der absoluten Wahrheiten. Dylan-Biograph Liederschmitt nannte es ironisch das „Kirchenlied der Freaks“ und der geniale, aber mitunter sich an zu vielen Fronten aufreibende, zu früh verstorbene Wiglaf Droste war es so leid, dass er die Verballhornung „Musse Feife Inne Wind“ verfasste und aufnahm.

Einst: Der große Hit für Lagerfeuer und Kirchentag

Das war die Zeit, als dieser Song an keinem Lagefeuer, auf keiner Demo, bei keiner Lichterkette fehlen durfte. Totgenudelt mit Gitarrengeschrammel, aufgeblasen mit Kirchentagspathos und in Beliebigkeit ertränkt, weil zu jeder Gelegenheit passend. Ich mochte es fast gar nicht mehr hören und der Meister selbst spielte es oft nur widerwillig. Wenn er es nicht völlig vernölte, wie beim „Live Aid“ 1985, dann spielte er es entweder mal als flotten Country-Shuffle mit Tom Petty 1986 oder ab 2008 in einer ironischen Gospel-Schlagerversion mit viel zu viel Streicherseligkeit.

Das Licht der Welt erblickte der Song am 16. April 1962 bei Dylans Auftritt in „Gerde’s Folk City“. Er spielte fünf Songs. Einer von ihnen war „Blowin‘ In The Wind“, der wenige Wochen später im „Broadside“-Folk Magazin veröffentlicht wurde. Dylan hatte ganz folkmäßig auf die Melodie des afroamerikanischen Sprituals „No More Auction Block“ neu getextet. Für den Musikjournalisten Andy Gill war der Song für Dylans Songwriting der Übergang vom reinen Reportagesong konkreter Begebenheiten („The Death of Emmett Till“, „The Ballad Of Donald White“) hin zu allgemeineren Aussagen.

Dylan nahm „Blowin In The Wind“ im Juli 1962 für seine zweite LP auf, „The Freeheelin‘ Bob Dylan erschien dann im Mai 1963. Doch den großen Singlehit machten Peter, Paul & Mary daraus, die den Song bereits im Juni 1963 coverten. Später jedoch setzte sich Dylans Aufnahme als der Song-Klassiker durch.

Copyright: Warner Bros.

Über die Jahrzehnte ist die Liste der Coverversionen unübersehbar groß geworden. Marlene Dietrich sang eine deutsche Version, Stevie Wonder machte eine R&B-Nummer draus, Bobby Bare ein Country-Stück und die Hollies sangen schön konsumierbar „Blooowoowowowowin‘ in the wind“. So manch einer tat es eben dann in den letzten nur noch als Peinlichkeit ab.

Jetzt: Fragen statt Antworten

Angesichts aber einer Gegenwart, die den politischen Diskurs um den Krieg zwischen den scheinbar absoluten Wahrheiten „Zeitenwende“ versus „Pazifismus“ ohne jedwede wirkliche Debatte ins analytische Nirwana abdriften lässt, ist ein Song wie „Blowin‘ In The Wind“ genau der richtige. Denn er stellt Fragen, statt Antworten zu liefern, gibt daher auch nicht vor allwissend zu sein. Er entspricht daher auch der Befindlichkeit vieler Zeitgenossen, deren „Beendet den Krieg“ in einem Zug mit dem ratlosen „Ja klar, aber wie?“ artikuliert wird.  

Diese Ratlosigkeit und diese Ungläubigkeit und Verwunderung hat beispielsweise der deutsche Folk- und Bluesmusiker Biber Herrmann in den Mittelpunkt seiner aktuelles Bühnenversion von „Blowin In The Wind“ gelegt und den Song damit von jeglichem Pathos und Ballast befreit. Es ist eine genial- verhaltene, verwunderte Meditation geworden. So bekommt der Song eine neue Aktualität.

„Blowin‘ In The Wind“ indes sei auch allen ins Stammbuch geschrieben, die zu schnell und willfährig die Seiten wechseln. Die zwar noch in zivilem Grün unterwegs sind, aber schon längst im militärischen Oliv denken und handeln. Die in schnellster Zeit von Tauben zu Falken geworden sind.

Copyright: Electrola

Die sollten sich einfach mal in einer stillen Stunde, abseits von Medien und Lobbyisten, diese Fragen stellen: „Yes, and how many times must the cannonballs fly, Before they’re forever banned?“ oder „Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows, That too many people have died?“.  

Wichtig ist es, dem Sog der allzu wohlfeil-schnellen, einfachen Logik des Krieges zu entgehen, und diesen auf seinen inhaltlichen Kern zu reduzieren: Tot, Verderben, Zerstörung. Und das muss beendet werden und zwar schnellstmöglich. Ob Hochrüstung und schwere Waffen wirklich dazu taugen, ist auch so eine Frage, die gestellt werden muss. Verhandeln, politisch-wirtschaftlicher Druck und Diplomatie sollten weiterhin eigentlich die wichtigsten Optionen sein, oder?

Wer aber weiter unbedingt nach klaren Antworten sucht, dem sei „Masters Of War“ empfohlen. Das Lied, das erklärt, wer am Ende immer jeden Krieg gewinnt. Und damit auch eine wichtige Erklärung dafür gibt, warum es immer wieder Kriege gibt.

„Nature Punk“

10. April 2022

Was Alynda Segarra macht, das tut sie ganz. Da frisst sie sich rein, da stürzt sie sich Hals über Kopf hinein und wenn es sie Haut und Haar kosten würde. Sie macht keine halben Sachen. Auch nicht bei ihrem aktuellen Album „Life On Earth“.

Copyright: None Such Records

Kennengelernt haben wir Alynda Segarra, als sie Folk und Americana spielte. Ursprünglich aus der Bronx stammend, war sie einige Jahre mit einem Straßenmusikerkollektiv unterwegs und ließ sich dann in New Orleans nieder. Beeinflusst von Sam Doores wandte sie dem Americana zu, aber nicht ohne auf dem Album „Small Town Heroes“ 2014 die inhaltlichen Genregrenzen weiter zu entwickeln. Ihr „The Body Electric“ ist die ultimative Ent-Romantisierung und Anklage einer jeden frauenfeindlichen Mörderballade. Und mit diesen und anderen Songs hatte sie uns für sich eingenommen und noch heute denken wir mit großer Freude an ihren Auftritt bei einem Open Air in Utrecht im Sommer 2016 zurück.

Mit ihrem nächsten Album „The Navigator“ wandte sie sich dann schon dem Indie-Rock zu, war Patti Smith näher als Johnny Cash, entdeckte ihre Latino-Wurzeln wieder und wandte sich gegen Gentrifizierung. Ein starkes Album.

Das war 2017. Bis zum 18. Februar 2022 sollte es dauern, bis das Nachfolgewerk „Life On Earth“ erscheinen sollte. Dazwischen hier und da Live-Auftritte, man hörte Alynda hätte das „Lee“ aus ihrem Namen gestrichen und durch „Mariposa“ ersetzt. Zudem sei sie in dem fast nirgends zu sehenden Biopic von Ethan Hawke über den Countrymusiker Blaze Foley aufgetreten.

Dann Anfang des Jahres die neue Wendung. Obwohl immer klarer ist, dass „Hurray For The Riff“ keine organische Band mehr ist, sondern alleine ihr Projekt, behält sie den Namen und veröffentlicht das Album „Lif On Earth“. „Nature Punk“ nennt sich das ganze jetzt. Alynda singt mit Titeln wie „Wolves“, „Rhododendron“ oder „Pointed At The Sun“ über Natur, Klima, Mensch und Flucht gegen das Unheil und den negativen Wandel der Welt an. Sie schmettert uns das mit drastisch und derb entgegen und gefällt sich in den Videos dazu, in denen sie entweder kostümiert ist wie ein Faun in der Sommernachts-Traum-Aufführung des Open-Air-Theaters oder sich lasziv und frech auf Betten räkelt.

Das Album hat gewiss seine Momente, seine melodischen Akzente, aber die Songs entfalten wenig Eigenleben, stehen hinter dem großen Ganzen des Konzept-Albums zurück. Das aber leider dadurch auch etwas blass und bemüht bleibt, aller farbenfrohen Kostüme Segarras zum Trotz. So ist es denn auch kein weiterer Karriere-Peak für Alynda sondern eher ein Ausrufezeichen, dessen Wert sich erst mit der weiteren künstlerischen Entwicklung zeigen wird.

Dass Alynda Segarra sich hier eine künstlerische Autonomie herausnimmt, die fast ebenso dylanesk ist wie ihr Gesang in Rhododendron, lässt wenigstens weiterhin hoffen, dass da noch weiterhin bemerkenswertes folgen wird. Die Frau hat einfach so viel Talent, da sollte noch was Gutes kommen.

Musik für die Seele

10. April 2022

Biber Herrmann spielt – unterstützt von Anja Sachs – in Jugenheim ein ganz feines Folk- und Blueskonzert und trifft dabei im doppelten Wortsinn genau die richtigen Töne in Zeiten von Krieg und Pandemie

Copyright: Thomas Waldherr

Man dachte schon, man könne es gar nicht mehr hören: „Blowin‘ In The Wind“. Bob Dylans Meisterwerk, über die Zeit dermaßen an Lagerfeuern zerschrammelt oder andernorts pathetisch aufgeladen, so dass es der Meister selbst jahrelang nur ironisch gebrochen oder gar lustlos nölend zum Besten gegeben hat. Dass dieser Song dennoch zu einem der vielen Höhepunkte in Biber Herrmanns Konzert am vergangenen Samstag in Jugenheim wurde, liegt alleine an der Intention und dem musikalischen Können des Interpreten.

Melancholie und ein Schuss Ungläubigkeit

Biber Herrmann verschob nur ein paar Töne und Akkorde, und hatte die in diesen Zeiten richtige Haltung zum Song entwickelt. Nicht triumphal, pathetisch, selbstvergewissernd, auch nicht lyrisch-messianisch wie auf einem Kirchentag. Nein, Herrmann, einer der besten und wichtigsten Folk- und Bluesmusiker hierzulande, spielte es leise, mit Melancholie und einem Schuss Ungläubigkeit. Immer wieder Kriege, Blutvergießen, Verbrechen und Rüstungsspirale wegen Machtspielen, Territorialansprüchen, geo-politischen und wirtschaftlichen Interessen. Man hält es einfach nicht mehr aus und ist ein Stück weit ratlos.

„Last Exit Paradise“

Copyright: Happy Owl Records

Der aus dem Rheingau stammende Herrmann stellte Songs aus seinem neuen Album „Last Exit Paradise“ vor, welches wie so vieles, in der durch die Pandemie bedingte Konzertpause entstanden ist. Der Gitarrenvirtuose Herrmann scheint in dieser Zeit noch besser geworden zu sein, und ist gleichzeitig als Songwriter, als Texter, auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Und geht neue Wege. Spielt zwei Songs erstmals am Klavier. Seine Songs scheinen ein Stück weit persönlicher geworden zu sein. So erzählt er auf Englisch in „Place To Die“ über seine Mutter und leitet “Wie ein Leuchten in der Ewigkeit“ mit Erinnerungen an den Vater ein. Das seine Eltern aus der Kriegsgeneration stammen und sein Vater im Krieg traumatisiert war und wie so viele Väter dieser Zeit ihre Gefühle nicht teilen konnten, bekommt unter den Umständen des Krieges in Europa beklemmende Aktualität.

Mal nachdenklich, mal fröhlich

Aber Herrmann schafft es mit seiner ruhigen, freundlichen und humorvollen Art aber auch die Menschen im Saal für zwei Stunden raus aus der Welt zu holen und zu unterhalten. Sein fröhlicher Blues über die Krötenwanderung (!), „Toddy’s Toad Migration“, lässt die Leute schmunzeln und sein Song „Northern Light“ über einen gemeinsamen Urlaub in Dänemark mit seiner Partnerin Anja Sachs gibt einem die Freude an der Welt zurück. Liedermacherin Anja Sachs hatte mit drei Stücken ihres aktuellen deutschsprachigen Albums „Mu“ das Konzert eröffnet und mit ihren schönen, mal nachdenklich, mal fröhlichen Songs den Boden bestens bereitet. Später unterstützte sie Biber Herrmann dann auch bei ein paar Stücken gesanglich.

Copyright: Thomas Waldherr

Neben den eigenen Songs spielt der Sänger an diesem Abend auch Stücke von Bluesgrößen wie Robert Johnson, Muddy Waters und Willie Dixon, erzählt von seinen Jahren auf Lesereise mit Fritz Rau, und lässt sein ganzes musikalisches Können aufblitzen, wenn er nur mit Gitarre, Mundharmonika und Gesang eine ganze sechsköpfige Band erklingen lässt.

Musik für die Seele

Es war genau das richtige Konzert in diesen Zeiten. Humorvoll und unterhaltsam, ohne zu laut zu sein und menschlich und nachdenklich angesichts der Krisen unserer Zeit, ohne in absolute Wahrheiten zu verfallen.

Auch an diesem Abend hat Biber Herrmann wieder bewiesen, warum ihn Fritz Rau zu Recht einmal als „Soulbrother“ bezeichnet hat. Denn Biber macht Musik für die Seele.  

Biber Herrmann spielt am Donnerstag, 29. September, bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt.

Dylan, Lennon und die Beatles

25. März 2022

Zwei neue Bücher geben Auskunft über die Beziehungen zwischen den Ikonen der Pop- und Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre

Copyright: C.H. BECK

Von den Beatles die Musik, von Dylan die Texte. Auf diese einfache Formel scheint man immer noch die größten Einflüsse der westlichen Popmusik der 1960er und 1970er Jahre bringen. Und doch ist das Zusammenspiel und die Wirkung der Fab Four vom Mersey River und dem Songwriter-Papst aus Hibbing, Minnesota, gleichwohl verschränkter und komplexer.

Wer dem nachgehen will, dem sind zwei kürzlich erschienene Bücher empfohlen. „One, Two, Three, Four. Die fabelhaften der Jahre der Beatles“ von Craig Brown erzählt die eigentlich schon auserzählte Geschichte der Pilzköpfe auf’s Neue. Und das in so gekonnter Weise, das man dann doch staunt, was man über die „Fab Four“ so alles nicht wusste.

Browns Kaleidoskop entdeckt die Beatles neu

Denn Brown erzählt nicht chronologisch die Geschichte nach, sondern geht schlaglichtartig vor, in dem er Anekdoten, Geschichten und Reflexionen verbindet, aus Tagebucheinträgen, Fanbriefen und Partylisten zitiert und so ein buntes Kaleidoskop des Beatles-Kosmos vorlegt, der stets unterhaltsam und oftmals auch witzig ist. Die verschiedenen Collageteile ergeben dann am Ende doch eine Geschichte. Die menschliche, manchmal rührend, manchmal wundersame Geschichte einer Band aus vier Jungs aus Liverpool, die die (musikalische) Welt verändert haben.

Bob Dylan kommt hier nicht so oft vor, aber wenn, dann stets beziehungsreich. Dass Dylan die Beatles an Marihuana herangeführt hat, ist natürlich nix neues. Aber wie der Autor hier die erste Begegnung der Pop-Großmeister schildert – natürlich mit „I get high“ statt „I can’t hide – ist schon sehr fein notiert. Ganz klar sehen die Beatles in Dylan ihren Meister und Lennon ahmt ihn Aufnahmen dieser Zeit sogar unbewusst nach. Kein Wunder, dass Lennon da später von Dylan enttäuscht sein musste.

An einer anderen Stelle erwähnt dann Brown, dass Dylan bis in die jüngste Vergangenheit Lennon nicht losgelassen hat. Am Rand eines Konzerts besuchte er Mendips, Lennons Childhood Home. Und natürlich wird auch nicht Lennons spätere Kritik an Dylans Songwriting – „man sagt nicht was man meint, sondern erzeugt den Eindruck von etwas“ – unterschlagen.

Ein in vielerlei Hinsicht gelungenes Buch, das die Beatles-Geschichte in einer etwas anderen Form wieder spannend und entdeckenswert macht.

Ganz dem komplexen Verhältnis von Dylan und Lennon widmet sich Jon Stewart in seinem Buch „Dylan, Lennon, Marx And God“. Er erforscht die Beziehung der beiden, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand der Perspektive dreier Schlüsselthemen: Protest, Geschichte und Spiritualität.

Copyright: Cambridge University Press

Zu Protest, Geschichte und Spiritualität bei Dylan und Lennon

So arbeitet Stewart heraus, dass im Grunde Lennons Songs viel kompatibler für politische Bewegungen sind als die von Dylan. Lennon verkündet vermeintliche Wahrheiten und klare Meinungen wo Dylan Fragen stellt und den Hörenden überlässt, Schlüsse zu ziehen. Ironie der Geschichte: Der große Dylan-Kritikaster Lennon, der dies Dylan immer vorgeworden hatte, distanziert sich sogar in seiner „Hausmann-Phase“ von seiner Agit Prop-Attitüde.

Im Kapitel zur Historie führt Stewart das Geschichtsverständnis von Lennon zurück auf das Bewusstsein über seine migrantische Herkunft aus Irland und der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, während Dylan hier auf dem Amerikanischen Transzendentalismus von Thoreau und Emerson und dessen Einfluss auf Melville und Whitman fußt. Auch hier wieder die ironische Entwickung. Mit dem Erfolg des Sgt. Pepper-Album wird EMI-Records zu einer globalen Marke und die Beatles zum Imageträger von „Swingin‘ London“ während sich das „British Empire“ eigentlich in Auflösung befindet. Währenddessen spielt Dylan einfach, schlichte amerikanische Roots-Musik („John Wesley Harding“), die aufgrund ihrer Retro-Simplizität keine Blaupause für globalen Erfolg bietet und damit eher quer zur kapitalistischen Verwertbarkeit steht. Lennon wie Dylan gebührt jedoch gleichermaßen der Verdienst, die Widersprüche des Spätkapitalismus und die Verlorenheit des Individuums in dieser modernen, verwalteten Welt mittels ihrer Musik dargestellt zu haben.

Im Abschnitt zur Spiritualität der beiden weist er nach, dass sowohl Lennons Sinnsuche in Marxistischen Zusammenhängen, als auch Dylan Studien der jüdischen Orthodoxie oder des evangelikalen Fundamentalismus den Fundus der Sinnzusammenhänge westlicher Popmusik verbreitert hat. Auch hier haben sie – bei aller Umstrittenheit ihrer Konversionen – grundlegendes geleistet.

Stewart kommt dann am Ende des Buchs zum Schluss, dass Lennon und Dylan wie keine anderen Musikerpersönlichkeiten unser Zeit, die Spannungen und Brüche der Gesellschaft und der Kultur benannt und große Knust daraus geschöpft haben. Und auch wenn wir heutzutage vor ganz anderen Problemen stehen wie in letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, so sieht Stewart die Relevanz der beiden ungebrochen, wenn es darum geht sich an ihrer Kunst ein Beispiel zu nehmen.

Fazit: John Stewarts Buch ist eine Fleißarbeit, aus der man auch einigen Kenntnisgewinn zieht. Man merkt aber immer wieder, dass es eine wissenschaftliche Arbeit ist, dass ein sehr ernsthafter Antrieb dahintersteckt. Jon Stewart, Gitarrist bei der Britpop-Band „Sleepers“ und den Indie-Rockern von „Wedding Present“ ist hier manchmal etwas zu akademisch unterwegs. Beide Bücher haben aber ihre Berechtigung und ihren Wert. Das von Stewart, weil es sehr fleißig und profund wissenschaftlich gehalten ist, das von Brown, weil es gut unterhält, und eine lebensnahe Farbigkeit hat. Zwei Bücher mehr, die man als Dylan oder Beatles-Fans gelesen haben sollte.

Bob Dylan und seine Wurzeln im New Deal

18. März 2022

Die besondere gesellschaftliche Epoche in den USA prägte auch den legendären Singer-Songriter/ Darmstädter Americana-Abend zum New Deal am 28. April

Roosevelt und Dylan. Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylan aka Robert Zimmerman ist 1941 in eine jüdische Mittelstandsfamilie hineingeboren worden und dann in einer Bergarbeiterstadt aufgewachsen. Seine Großeltern sind aus dem russischen Reich, aus der heutigen ukrainischen Hafenstadt Odessa, vor antisemitischen Pogromen geflohen und siedelten sich in Duluth Minnesota an. Nur um dort 1920 die rassistischen Lynchmorde an drei afroamerikanischen Zirkusarbeitern miterleben zu müssen.

Jüdische Amerikaner als Teil der New Deal-Koalition

Man kann davon ausgehen, dass die Erfahrungen der Lynchmorde, als auch das Leben der Zimmermans in der Arbeiterstadt Hibbing, sie zum demokratischen politischen Lager von Präsident Roosevelt und seiner „New Deal-Koalition“ für Wirtschafts- und Sozialreformen tendieren ließ. Diese Koalition umfasste Gewerkschaften, Arbeiter, rassische und religiöse Minderheiten (wie Juden, Katholiken und Afroamerikaner), Bauern, ländliche weiße Südstaatler und städtische Intellektuelle. Die Koalition spielte bis Mitte der 1960er Jahre eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Politik, bis sie wegen den Rassen- und Wirtschaftsfragen zerbrach und Wählerwanderungen aus dem demokratischen Spektrum zu den Republikanern begannen.

Das Leben unter den hart arbeitenden Menschen in Hibbing prägte Dylan nachhaltig. Er hat großen Respekt vor den arbeitenden Menschen und er ist auch als Künstler ein Arbeiter. Ob Gitarre, oder Gesang – die musikalischen Anteile an seiner Kunst musste er sich hart erarbeiten. Da ist ihm nichts zugeflogen. Im Gegensatz zum Verse schmieden. Das hat er schon in frühester Jugend gekonnt und später perfektioniert. Indem er erst nachahmte und dann selber drauf los dichtete. Auch als Bühnen- und Studiokünstler hat Dylan einen hohen Arbeitsethos.

Bob Dylans sozio-kulturelle New Deal-Prägung

Dylan sieht auch heute noch das einigende, das gemeinsame als typisch für Amerika an. Denn die für Obama, wie vorher für Clinton, konstitutionelle Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ war nicht seine. Er war und ist ein Mann der alten New Deal-Koalition, die die arbeitenden Menschen miteinschließt. Und ist damit heute aktueller denn je. Denn die Koalition für einen neuen Green Deal muss die neuen sozialen Bewegungen, die ökologischen, die migrantischen und die traditionelle Arbeiterbewegung zusammenführen. Muss die ökologisch verantwortungsvollen Unternehmer und Hipster offen für sozialpolitische Fragen und die Arbeiter offen für ökologische Fragen machen.

So wie Robert Zimmerman sozial und gesellschaftlich durch den New Deal geprägt ist, so ist Bob Dylan durch ihn kulturell geprägt. Denn Woody Guthrie und Pete Seegers klassische politische Folkmusik hätte ohne die New Deal-Politik nie diesen immensen Einfluss gehabt. Kulturprogramme stellten plötzlich die Musik der arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt. Gewerkschaften konnten freier agieren als noch wenige Jahre vorher und Eleanor Roosevelt war eine große Freundin und Förderin der Folk Music.

Copyright: Warner Bros.

Diese Linie führte denn auch direkt ins jugendbewegte Folk Revival der späten 1950er und frühen 1960er Jahre. Pete Seeger war Johannes der Täufer, Woody Guthrie der Heilige Geist, Joan Baez die heilige Jungfrau, und Bob Dylan der Messias des Folk Revival. Und auch wenn Dylan die Folkszene verließ, so hat er das Folk-Idiom und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen nie abgelegt. So dass es kein Wunder war, dass er 1968 beim Tribute Konzert für den verstorbenen Woody Guthrie dessen Song „Dear Mrs. Roosevelt“ singt, der nichts anderes als eine Ode an den Schöpfer einer Politik der sozialen Reformen und der politischen Innovationen im Amerika der 1930er und 1940er Jahre ist.

New Deal aktueller denn je

In Zeiten von ökologischer Krise, von enormer sozialer Ungleichheit sowie Demokratien in der Legitimationskrise und unter Beschuss (im wahrsten Sinne des Wortes!) von autoritären, kapitalistischen und nationalistischen Maskulinisten wie Putin und Trump, ist eine Politik des New Deal, die alle mitnehmen will und denen, die mehr haben, auch abverlangt, mehr zu geben und den wildgewordenen Kapitalismus bändigt, wichtiger denn je. Nur wenn gleiche Chancen, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftsdemokratie erreicht werden, können gesellschaftliche Demokratie und Freiheit sich der Angriffe von Autoritären und Autokraten langfristig erwehren.

Cuppatea und Steffen Lehndorff. Copyright: Cuppeatea

„Rise Up Singin‘“ in Darmstadt

Um diese Aktualität und um die Geschichte des New Deal geht es auch am Donnerstag, 28. April, in der Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ beim musikalischen Vortragsabend „Rise Up Singin‘“ mit dem Autor Steffen Lehndorff und dem Münsteraner Gesangsduo „Cuppatea“. Steffen Lehndorff wird über den New Deal erzählen, „Cuppatea“ Musik aus dieser Zeit spielen. Kooperationspartner ist der DGB Darmstadt, es ist ein spannender und anregender Abend im Vorfeld des 1. Mai zu erwarten.

Infos und Tickets gibt es hier:

https://www.knabenschule.de/?id=1129

Bob Dylans Philosophie des modernen Songs

11. März 2022

Was wir darüber wissen und was wir (vielleicht) zu erwarten haben

Copyright: Simon & Schuster

Das war wieder ein grandioser Aufschlag in der Dylan-Welt. Mitten in der Nacht zum Mittwoch (9. März) teilte www.bobdylan.com mit, dass der Song-Großmeister am 8. November ein neues Buch herausgibt. „The Philosophy Of Modern Song“. 60 Essays, die Dylan seit 2010 über das Songwriting und über berühmte Kolleg:innen geschrieben hat.

Natürlich sind wir alle elektrisiert. Haben wir uns doch den Vol.2 der Chronicles erhofft. Das kommt jetzt erstmal nicht, vielleicht auch nie mehr. Das wäre ja auch wieder richtig dylanesk. Aber was kommt ist, eben auch großartig. 60 Essays auf die ich mich freue. Denn wenn das an die MusiCares Speech und die Nobelpreisvorlesung anknüpft, dann können wir uns auf erhellende, bildreiche und witzige Texte freuen.

Denn dort, genauso wie in den Liner Note zu den Tribute-Alben für Jimmie Rodgers oder Hank Williams, in Würdigungen von Johnny Cash oder anderen, hat Dylan stets mit feinen Worten die Künstler gefeiert und ihren kreativen Prozess anschaulich dargestellt. Oder eben auch niedergemacht, wie damals beim MusiCare den armen Tom T. Hall. Da kannte er nix.

So sagte Dylan in der Vergangenheit beispielsweise über…

Jimmie Rogers
The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. (Jimmie Rodgers Tribute 1997)

Leonard Cohen:
“When people talk about Leonard,” Dylan said, “they fail to mention his melodies, which to me, along with his lyrics, are his greatest genius.“ (The New Yorker, Oktober 2016)

Hank Williams:
„I became aware that in Hank’s recorded songs were the archetype rules of poetic songwriting.“ (Chronicles Vol 1)

 Nina Simone:
“Very strong woman, very outspoken and dynamite to see perform. That she was recording my songs validated everything that I was about. Nina was the kind of artist that I loved and admired.” (MusiCares Speech 2015)

Neil Young:
„Neil is very sincere, if nothing else. He’s sincere, and he’s got a God-given talent, with that voice of his, and the melodic strain that runs through absolutely everything he does. He could be at his most thrashy, but it’s still going to be elevated by some melody.“ (Rolling Stone Interview 2007)

 Johnny Cash:
„I Walk the Line” played all summer on the radio, and it was different than anything else you had ever heard. The record sounded like a voice from the middle of the earth. It was so powerful and moving. It was profound, and so was the tone of it, every line; deep and rich, awesome and mysterious all at once. “I Walk the Line” had a monumental presence and a certain type of majesty that was humbling. Even a simple line like “I find it very, very easy to be true” can take your measure. We can remember that and see how far we fall short of it.“ (Bob Dylans Statement zum Tod von Johnny Cash, 2003)

Diesmal also Texte von Little Richard bis zu Frank Sinatra, von Elvis Presley bis zu The Clash, von Nina Simone bis zu Elvis Costello. Da wird er keinen verreißen, oder doch? Man kann aber schon sehr gespannt sein, wie er die Songs und das Songwriting dieser Künstler:innen beschreiben wird.

Ebenso darf gespannt sein, wer nicht drin vorkommt. Wird Joni Mitchell erwähnt? Neil Diamond? Merle Haggard?

Deutsche Ausgabe erscheint zeitgleich

„Naheliegende Reime können leicht zu einer Falle werden, eine Silbe zu viel kann einen guten Song um seine Wirkung bringen, und Bluegrass hat mehr mit Heavy Metal gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist Bob Dylan persönlich, der hier die Philosophie des modernen Songs darlegt und dafür Werke wie „Long Tall Sally“, „Strangers in the night“ oder „London calling“ unter die Lupe nimmt“, schreibt der Verlag Ch. Beck, bei dem das Buch zeitgleich auf Deutsch erscheint, auf seiner Website. (https://www.chbeck.de/buehnen/bob-dylan-die-philosophie-des-modernen-songs/)

Auch über das Titelbild wird heftig gerätselt. Anstatt bekanntermaßen geachtete Songwriter wie Leonard Cohen, Carole King oder Neil Young abzubilden, sehen wir drei Helden des frühen Rock’n’Roll und des Rockabilly. Little Richard, der der Welt das lautmalerische „Awopbopaloobop Alopbamboom!“ schenkte und dann Priester wurde, das barfüßige One Hit Wonder Alis Lesley (klingt fast wie Elvis Presley) aka „The Barefoot Rockabilly Angel“ und Eddie Cochran, der 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam und wegen seines „Summertime Blues“ unsterblich geworden ist.

Das könnte zum einen zeigen wie weit er den Begriff Song dehnt, zum anderen aber auch beweisen, dass Dylan auch hier wieder die US-Populärmusik und ihre Vielfältigkeit im Blick hat.

Wie schön, dass uns Dylan nun bis November Zeit gibt, zu spekulieren und zu rätseln. Es gibt in diesen Zeiten so viel Ernstes mit dem man sich beschäftigen muss. Gut, dass uns der Picasso des Pop auch einfach mal was Zerstreuendes an die Hand gibt.

Bob Dylan, der Frieden, und der Krieg in der Ukraine

6. März 2022

Der Songwriter großer Friedenslieder und seine jüdischen Wurzeln in Odessa

Copyright: Barry Feinstein

Es ist schwer in diesen Tagen, nicht an diesen verdammten Krieg zu denken. Und es ist auch unsere verdammte Pflicht, uns damit zu beschäftigen. So schreibe ich nun also auf diesem Blog einen Artikel mit Bezug zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. So wie ich es im Americana-Konzert am Abend des russischen Überfalls gesagt habe, so halte ich es mit diesem Blog auch. Ich will unterhalten mit Haltung. Nicht umsonst beschäftige ich auf meine Weise mit Bob Dylan und Americana: Die gesellschaftlichen Hintergründe und politischen Entwicklungen sind für mich wichtige Bezugsgrößen für das Werk eines Künstlers. Selbst wenn er sich explizit nicht als politischen Künstler sieht, so ist sein Werk doch immer auch ein Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Und das macht es für mich gerade spannend.

Die Haltung des Blog-Autors

Der Autor dieses Blogs verurteilt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf das Schärfste. Es gibt keine Rechtfertigung dafür. Die brutal und menschenverachtend umgesetzten Großreichsfantasien eines ehemaligen KGB-Geheimdienstlers lassen sich nicht durch falsche politische Entscheidungen auf NATO oder EU-Ebene entschuldigen. Die Ukraine hat alles Recht der Welt, sich zu verteidigen und sollte darin auch unterstützt werden. Gleichwohl darf kein Automatismus des Militarismus gelten. Es muss auch weiterhin nach einer diplomatischen Lösung gesucht werden. Das Primat der Politik und zivile Konfliktlösungsstrategien sind weiterhin notwendig und unabdingbar. Dies jedoch ist nicht zu verwechseln mit Appeasement zu jedem Preis. Denn wir wissen ja, dass bei Putin sich ideologische Verblendung mit abseitigen Charakterzügen paart.

Jedes Land muss sich verteidigen können. Die Bundeswehr aber mal schnell mit 100 Milliarden auszustatten, muss kritisiert werden und hinterlässt die Frage, warum für Gesundheitswesen, Infrastruktur und Sozialpolitik keine Gelder in dieser Größenordnung da sind. Die Probleme der Bundeswehr liegen in erster Linie nicht an zu wenig Geld, sondern an dem Umgang mit den finanziellen Mitteln, an Bürokratie und Vergabepraxis.

Aber: Auch die jahrzehntelange Abwesenheit des Krieges zwischen Nationen hat Europa nicht einem Hort des Friedens gemacht. Bürgerkriege, ethnische Konflikte oder der Umgang mit Flüchtlingen an den europäischen Grenzen sind alles andere als friedfertig. Auch das gilt es zur Kenntnis zu nehmen und in unsere Anti-Kriegsproteste einzuschließen.

Dylan, der Frieden und die Sache des Friedens

Bob Dylan und Joan Baez 1984, Copyright: Wikimedia Commons

Ich habe mir für diesen Beitrag die Aufgabe gestellt, über das ebenso naheliegende wie notwendige Thema Dylan-Songs zu Krieg und Frieden, auch auf die Wurzeln seiner Familie Väterlicherseits, die aus Odessa aus der heutigen Ukraine stammen, zu sprechen zu kommen.

Bob Dylan hat unvergängliche Songs geschrieben, die zum Soundtrack jeder Anti-Kriegskundgebung gehören: Masters Of War, A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Blowin‘ In The Wind natürlich. Die sind in der Zeit der Kuba-Krise und Vietnamkrieg entstanden, als Dylan noch Teil der linken, jungen Protestbewegung war, die sich in der Folkszene sammelte. Später wandte er sich bekanntermaßen von der politisierten Folkszene ab. Er wollte kein Anführer einer politischen Jugendbewegung sein und trat schon gar nicht bei politischen Veranstaltungen auf.

Ausgerechnet während der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die sogenannte NATO-Nachrüstung tritt Dylan dann aber 1982 beim „Peace Sunday“ in Pasadena, Kalifornien zusammen mit Joan Baez auf. Und sein Album „Infidels“ enthält mit „License To Kill“ einen Song, den Günter Amendt damals als „schönstes zeitgenössisches Friedenslied“ bezeichnete.

Umso größer dann die Entrüstung, als Dylan sich bei der 1984er Tour auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Friedensbewegung sich keineswegs mit den Demonstrationen beschäftigen will, und gelangweilt auf entsprechende Fragen der Journalisten bei der Pressekonferenz in Hamburg antwortet. Er hätte angeblich nur gehört von der aktuellen Friedensbewegung und hätte sicher auch nicht gerne Missiles in seinem Hinterhof. Und überhaupt, er sei vielleicht mal ein Protestsänger gewesen, aber er wäre nicht so tief im politischen Geschehen drin.

Die Person Dylan ist im Gegensatz zu den Songs einfach nicht zu gebrauchen für politische Demonstrationen. Von ihm ist auch die interessante Aussage überliefert, dass er sehr wohl sich für den Frieden einsetze, aber nicht für die „Sache des Friedens“. Auch hier wieder keine Bereitschaft, sich von irgendwelchen Organisationen oder Bündnissen für den Frieden einspannen zu lassen.

Zudem ist auch klar, dass Dylan keineswegs Pazifist ist. Eher ein Antimilitarist, der nicht noch die andere Wange hinhalten will, sondern ein Recht auf Selbstverteidigung anerkennt. So ganz klar für den Staat Israel im Song „Neighbourhood Bully“ und Dylans eigene Autobiographie „Chronicles“ zeigt, dass er auch keineswegs Schusswaffen verurteilt. Einer seiner neueren Songs, „Mother Of Muses“ zeugt auch für seine Anerkennung von Kriegen, wenn sie der Abschaffung der Sklaverei oder der Befreiung von Hitler-Deutschland dienen:

„Sing of Sherman – Montgomery and Scott
Sing of Zhukov and Patton and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved out the path for Martin Luther King
Who did what they did and then went on their way
Man, I could tell their stories all day“

Dylans klassische Protestsongs sind großartige Hymnen gegen den Wahnwitz des Krieges, der im Übrigen überall auf der Welt tobt. Sie sind aber nicht die Gedanken eines Pazifisten.

Bob Dylans Wurzeln in Odessa

Odessa, Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylans Familie, also Robert Allen Zimmermans Familie väterlicherseits, stammt aus Odessa im russischen Reich, später erst Teil der Volksrepublik Ukraine, dann der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine und schließlich seit Dezember 1991 Teil des unabhängigen und souveränen Staats Ukraine. 1907 flohen Dylans Großeltern vor den russischen Pogromen aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Mit fast 40 Prozent Juden unter der Einwohnerschaft war Odessa damals ein kulturelles Zentrum der Juden in Osteuropa. Und ein politisches dazu. Teils waren die ansässigen Juden Zionisten, die ja später den Staat Israel gründeten, andere Kommunisten. Manche auch beides. Es gab eine starke jüdisch-progressive Arbeiterbewegung – der Singer-Songwriter Daniel Kahn erinnert in seinen spannenden  Projekten an dieses Erbe – und auch die zionistische Kibbuz-Bewegung hat kommunistisch-sozialistische Elemente.

Es ist anzunehmen, dass aus dieser familiären Odessa-gestützten Prägung heraus der junge Robert ins zionistische Jugendcamp geschickt wurde und Dylan bis heute sowohl den Demokraten und dem Gedanken der sozialen Gerechtigkeit als auch dem Staat Israel nahe steht.

Der amtierende Präsident des souveränen Staates Ukraine, der gerade völkerrechtswidrig vom Putin-Russland überfallen wurde, Wolodymyr Selenskyj, ist ukrainischer Jude und als Schauspieler und Regisseur sicher auch ein weiteres Glied in der Kette jüdischer Kulturschaffender in Osteuropa. Von einer Ent-Nazifizierung der Ukraine als Kriegsgrund zu sprechen, wie es Putin gerade tut, ist eine einzige monströse Lüge. Es geht ihm einzig und allein um die Wiederherstellung des Russischen Reiches.

Bob Dylans Kunst hat – auch wenn sie nach Form und Inhalt amerikanisch ist – sicher auch mit den familiären Wurzeln in der jüdischen Kulturmetropole Odessa zu tun. Dylan Poesie, sein Judentum, sein Menschenbild, seine gesellschaftliche Sichtweise ist in der westlichen Hemisphäre verortet, und doch führen die Spuren auch in die kulturelle Vielfalt des Odessas Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor wenigen Jahren fand in Odessa sogar eine Kampagne statt, die an die Wurzeln des Literatur-Nobelpreisträgers in der Stadt erinnerte. Ehrlicherweise mit nicht übermäßig großer Aufmerksamkeit versehen. (Siehe: https://www.timesofisrael.com/poetry-and-revolution-searching-for-bob-dylan-in-ukraine/)

Die Juden waren sowohl im Zarenreich, als auch in der Sowjetunion immer Gefahren ausgesetzt. Daher sind sie immer wieder in den Westen geflohen und haben dort wichtige kulturelle Spuren hinterlassen. Auch wenn Putin die Juden gerne umarmt, um seine geostrategischen Ziele zu erreichen, sollte man sich nicht täuschen lassen. Putin träumt von einem erneuten russischen Großreich. Da steht zu befürchten, dass er jederzeit auch wieder die Karte des Antisemitismus ziehen kann.

Bob Dylans Reise durch die Südstaaten

27. Februar 2022

Auf seiner Frühjahrstour, die am 3. März beginnt, besucht er den „Birthplace Of American Music“ ebenso wie einen Landstrich, in dem noch immer Rassismus und Sklaverei allgegenwärtig sind

Photo Credits: Sony Music, William Claxton
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Von 2010 bis 2019 haben wir mehrmals die US-Südstaaten bereist. Stets auf den Spuren der Musik dieses Landstrichs: Blues, Country, Bluegrass, Gospel und Soul. Wir haben allerlei Musik-Museen besucht: Bluesmuseen entlang des Mississippi Deltas, das Country Hall Of Fame & Museum in Nashville, Sun Records and Stax in Memphis. Johnny Cashs Kindheitsort Dyess, Arkansas und das Earl Scruggs Museum in Shelby, North Carolina. Und wir haben die großen Musiktempel gesehen, die, jeder für sich, große Musikgeschichte geschrieben haben.

Aber gleichzeitig waren diese Touren auch Reisen zu dem Grauen, das auch untrennbar mit den US-Südstaaten verbunden ist: Sklaverei, Rassismus und Gewalt. In den Bluesmuseen wurde stets auch die Geschichte der schwarzen Baumwollpflücker:innen erzählt, die vor Rassismus, Armut und Gewalt über den Highway 61 gen Norden geflohen sind. Wir sahen die ärmlichen, windschiefen Cabins im Mississippi-Delta, sahen in Atlanta Martin Luther Kings Boyhood Home, in Memphis das Motel in dem er ermordet wurde und besuchten das Rosa Parks-Civil Rights Museum in Montgomery, Alabama.

An all das musste ich denken, als ich Bob Dylans aktuelle Tourpläne für März/April diesen Jahres sah. Denn Dylan hat sich für diese Tour, dem zweiten Abschnitt seiner Rough And Rowdy Ways- World Tour 2021-2024 wohl ganz bewusst die geschichtsträchtigen Orte im Süden ausgesucht. Er bereist die Orte der Bürgerrechtsbewegung und er bereist Städte, die wichtig für die Musikgeschichte waren. Ein klares Statement des „Historikers“ Dylan, der sich schon in jungen Jahren ausführlich mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigte, eng mit der afroamerikanischen Community und ihrer Kultur verbunden ist, und über die Jahre immer mehr in seinem Werk das zerrissene Amerika vereint.

Grund genug, sich verschiedene Stationen von Dylans-Südstaatenreise einmal anzusehen. Eine Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Lubbock

Nach den Auftaktkonzerten in Phoenix und Tucson, Arizona, und Albuquerque, New Mexico, startet die eigentliche klassische Südstaaten-Tour am 8. März in der Buddy Holly Hall in Lubbock, Texas. Buddy Holly war für Dylan ein wichtiger Einfluss. Ihn hatte er noch kurz vor dessen Unfalltod im Konzert in Duluth gesehen. Sein Geist soll schließlich, so Dylan, bei den Aufnahmen von „Time Out Of Mind“ anwesend gewesen sein.

San Antonio

Passend zu „Rough And Rowdy Ways“ – zieht die Karawane weiter nach San Antonio, Texas. Im dortigen legendären „Majestic Theater“ spielte 1929 Jimmie Rodgers, der Vater der Country Music („My Rough And Rowdy Ways“!) und kam erst nach 18 Vorhängen wieder von der Bühne. Wie sagte Dylan so schön über ihn: „His is the voice in the wilderness of your head“. Aber damit nicht genug, Jimmie Rodgers begegnen wir später noch eindringlicher. San Antonio bzw. mit seinem englischen Namen St. Antone findet Erwähnung in Dylans Rough And Rowdy Ways-Song „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“. Den alten Charley Pride-Hit „Is Anybody Goin‘ To San Antone“-Hit nahm Dylan übrigens 1972 zusammen mit Doug Sahm auf.

Shreveport

Von Texas geht es nach Louisiana. Das Municipial Auditorium war die Spielstätte der legendären Louisiana Hayride Show, die es für ein paar Jahre schaffte, in Sachen Bedeutung und Publikumszuspruch der Grand Ole Opry in Nashville auf den Fersen zu sein. Hier spielte Elvis vor seinem Durchbruch und Hank Williams nachdem ihn die Opry wegen seiner Trunksucht gefeuert hatte. Als wir vor gut 10 Jahren da waren, war das Auditorium nichts als ein trister Baukörper in einer verlassenen Ecke der Stadt. Nur eine Elvis-Statue erinnerte an die musikhistorisch enorme Bedeutung des Gebäudes. Shreveport war damals eine der wenigen Städte im Süden, die ihre Musikgeschichte nicht zelebrierten.

New Orleans

Weiter geht es an den Golf von Mexiko. Das Saenger Theatre in New Orleans ist das ehemalige Flaggschiff der Saenger Theater-Imperiums.  Julian und Abe Saenger waren deutschstämmige amerikanische Juden, deren Theater sowohl Vaudeville-Theaterstätten als auch Kinopaläste waren. Im pulsierenden New Orleans der 1920er Jahre war ihr Theater der Ankerpunkt. Sie waren die Prinzipale der feierwütigen Stadtgesellschaft. Doch Prohibition, Mafia und Weltwirtschaftskrise machten dem Imperium bereits Ende der 1920er wieder den Garaus.

Montgomery

In Montgomery, Alabama, wird sowohl Rosa Parks, als auch Hank Williams, gedacht. Der einen für ihren Mut, der den Montgomery Bus Boycott auslöste und Initialzündung für die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. wurde, dem anderen wegen seiner unvergleichlichen Bedeutung für die Country Music.

Nun verdient die Williams-Familie mit dem Nachlass von Hank Sen. sehr gutes Geld. Umso ärgerlicher, dass das Hank Williams Museum nicht anderes ist als eine lächerliche, ungeordnete Devotionaliensammlung. Es gibt so viele wunderbare Musikmuseen in den USA, dieses gehört ganz sicher nicht dazu.

Das Rosa Park Museum dagegen ist eine anschauliche Reise durch die afroamerikanische Geschichte. Didaktisch gut aufbereitet und ausstellungstechnisch auf der Höhe.

Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville

Natürlich das Ryman Auditorium, ehemaliger Sitz der Grand Ole Opry und Mother Church of Country Music. Nashville ist „Music City USA“. Und das nicht nur für Country Music. Heute wird alles Mögliche an Musik hier produziert, wenn auch öffentlich natürlich das Country Image mit Ryman, Opry, dem Country Hall Of Fame & Museum und den Honky Tonks am Broadway die Stadt prägt. Dass sie aber auch über lange Jahre eine Metropole der schwarzen Musik war, und dass den Begriff „Music City“ für Nashville erstmals Queen Victoria zu Ehren der schwarzen „Fisk Jubilee Singers“ verwendete, ist leider vergessen gegangen. Untergegangen zusammen dem schwarzen Viertel der Stadt, das voller Kultur und Musik war, aber einem gigantischen Straßenbauprojekt zum Opfer fiel. Die Eröffnung des National Museum Of African American Music mitten auf dem Broadway gegen Ryman Auditorium und Bridgestone Arena ist eine späte Genugtuung für schwarze Community der Stadt.

Atlanta
Auch hier in der Stadt Martin Luther Kings hat sich Dylan einen geschichtsträchtigen Auftrittsort ausgesucht. Das Fox Theatre ist ein weiterer der wenigen noch existierenden großen Filmpaläste der 1920er Jahre. Es steht unter Denkmalschutz und wird für verschiedene kulturelle Zwecke genutzt. Prince, neben Dylan der bedeutendste musikalische Sohn Minnesotas spielte hier 2016 sein letztes Konzert vor seinem Tod.

Savannah

Von Atlanta reist Dylan nach Savannah, Georgia und tritt dort im Johnny Mercer Theatre auf. Johnny Mercer war der Komponist von „Moon River“, seine Songs hatten sowohl Billie Holiday als auch Bing Crosby im Repertoire. Savannah spielte im Bürgerkrieg eine wichtige Rolle. Die Stadt war der Endpunkt von Nordstaaten-General Shermans „Marsch ans Meer“. Sein Feldzug durch Georgia war davon gekennzeichnet mit großer Härte eine Taktik der „verbrannten Erde“ anzuwenden, um die weiße Bevölkerung zu zermürben und ihren Widerstand zu brechen. Dylan erinnert an Sherman in seinem Rough And Rowdy Ways-Song „Mother Of Muses“:

„Sing of Sherman, Montgomery and Scott
And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved the path for Martin Luther King“

Asheville

Am 2. April wird der Dylan-Tross dann Asheville, North Carolina erreichen. Gespielt wird im Thomas Wolfe Auditorium, benannt nach dem Autor des amerikanischen Buchklassikers „Schau Heimwärts Engel“.

Birmingham

Auch Birmingham, Alabama, steht stellvertretend die janusköpfigkeit des Südens. Es ist eine alte Stahlstadt, die auch schon als „Pittsburgh des Südens“ bezeichnet wurde. Sie ist aber auch in den 1950er und 1960er Jahren eine Metropole der Rassentrennung und des Ku Klux Klan. Zahlreiche Bombenattentate des rassistischen Geheimbunds brachten der Stadt den Spitznamen „Bombingham“ ein. Aber aus ihr stammen auch bedeutende Musiker:innen wie Sam Lay, Odetta oder Emmylou Harris. Letztere hat mit dem Song „Boulder To Birmingham“ der Stadt und dem Country-Rock-Pionier Gram Parsons ein Denkmal gesetzt. Dylan selber hat die Stadt in Songs mindestens zweimal erwähnt. In der Budokan-Version von Going Going Gone singt er

„Now from Boston to Birmingham
Is a two day ride
But I got to be going now
‘Cause I’m so dissatisfied“

Und auch Birmingham findet Erwähnung in „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“.

Meridian

Über Mobile, Alabama („To Be Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ ) geht es dann weiter nach Meridian, Mississippi. Heimatort von Jimmie Rodgers. Hier in Meridian, dem früheren Eisenbahnknotenpunkt und wichtigen Drehscheibe für den Warenumschlag der Farmer, lernte der „Singin‘ Brakeman als Eisenbahner von den schwarzen Bahnarbeitern den Blues. Hier gibt es ein Jimmie Rodgers Museum und ein jährliches Jimmie Rodgers-Festival. Auf seinem eigenen Plattenlabel „Egypt Records“ hat Dylan 1997 ein Tribute-Album für Jimmie Rodgers veröffentlicht. Mit „Rough And Rowdy Ways“ hat er sich direkt auf ihn bezogen. Auf dem Innenteil des Covers des Albums ist ein Foto zu sehen, das Rodgers zusammen mit der Carter Family am Rande der Louisville Sessions 1931 zeigt. Bei diesen Sessions entstand der legendäre Track „Jimmie Rodgers visits The Carter Family“, welcher das Vorbild für Dylans 2003er Aufnahme von „Gonna Change My Way Of Thinking“ mit Mavis Staples ist.

Memphis

Die andere, große Musikmetropole in Tennessee, schon nahe am Mississippi-Delta. Sie steht für Blues und Beale Street, für Sun Records und Stax. Für Rock’n’Roll, für Soul. Aber auch für den Tod von Martin Luther King, der dort 1968 im Lorraine Motel auf dem Balkon erschossen wurde. Ausgerechnet dort, wo weiße und schwarze Musiker des Stax-Labels immer noch nach den Plattenaufnahmen zusammen kamen, was sonst im segregierten Süden schwer möglich war. Heute ist hier das National Civil Rights Museum. Bob Dylan tritt hier im Orpheum Theatre in der Main Street auf. Ebenfalls ein traditionsreiches Vaudeville und Lichtspiel-Theater.

Woody Guthrie Center in Tulsa, Oklahoma. Copyright: Cowboy Band Blog

Tulsa

Dass Dylan wenige Wochen vor Eröffnung des Bob Dylan Centers Tulsa, Oklahoma, besucht, lag wohl wirklich auf der Hand. Die philanthropische George Kaiser Family Foundation fördert seit Jahren für das Kultur- und Geistesleben des ansonsten verschlafenen Ortes. Im Tulsa Arts District finden sich in unmittelbarer Nähe zueinander künftig der Woody Guthrie Center, der Bob Dylan Center und Cain’s Ballroom, die Geburtsstätte des Western Swing. „Take Me Back To Tulsa“ heißt einer der großen Hits von Western Swing-Legende Bob Wills.

Nach dem Western Swing war es dann der Tulsa Sound von J.J.Cale, der die Stadt auf die musikalische Landkarte brachte. Der legendäre Schlagzeuger Jim Keltner, der immer wieder mit Dylan zusammengespielt hat, stammt aus Tulsa. Auch der Gitarrist Steve Ripley, der 1981 in Dylans-Tourband war, gehörte zur Musikszene von Tulsa.

Doch auch Tulsa ist eine Stadt des Südens, deren Geschichte vor rassistischer Gewalt überschattet ist. 1921 fand hier ein großes Massaker an der afroamerikanischen Bevölkerung statt. Ein ganzes Stadtviertel – der Greenwood District – wurde völlig vernichtet und 300 Menschen ermordet. Eine Katstrophe, die fast hundert Jahre verdrängt und aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen wurde.

Statement für ein vielfältiges Amerika

Über Little Rock geht die Tour dann weiter nach Oklahoma City, wo sie endet. Es ist eine ebenso denkwürdige wie logische Tour. Dylan nimmt nun scheinbar auf diese „World Tour“ alles nochmal in Angriff was liegen geblieben und ihm wichtig ist. Auch diese Reise kann durchaus als ein Statement für ein geeintes, vielfältiges Amerika verstanden werden.

Die Tourdaten

03/03/22   March 3 – Phoenix, Arizona @ Arizona Federal Theatre
March 4 – Tucson, Arizona @ Tucson Music Hall
March 6 – Albuquerque, New Mexico @ Kiva Auditorium
March 8 – Lubbock, Texas @ Buddy Holly Hall of Performing Arts & Sciences
March 10 – Irving, Texas @ Toyota Music Factory
March 11 – Sugar Land, Texas @ Smart Financial Centre
March 13 – San Antonio, Texas @ Majestic Theatre
March 14 – San Antonio, Texas @ Majestic Theatre
March 16 – Austin, Texas @ Bass Hall
March 18 – Shreveport, Louisiana @ Municipal Auditorium
March 19 – New Orleans, Louisiana @ Saenger Theatre
March 21 – Montgomery, Alabama @ Montgomery PAC
March 23 – Nashville, Tennessee @ Ryman Auditorium
March 24 – Atlanta, Georgia @ Fox Theatre
March 26 – Savannah, Georgia @ Johnny Mercer Theatre
March 27 – North Charleston, South Carolina @ North Charleston PAC
March 29 – Columbia, South Carolina @ Township Auditorium
March 30 – Charlotte, North Carolina @ Ovens Auditorium
April 1 – Greensboro, North Carolina @ Steven Tanger Center
April 2 – Asheville, North Carolina @ Thomas Wolfe Auditorium
April 4 – Chattanooga, Tennessee @ Tivoli Theatre
April 5 – Birmingham, Alabama @ BJCC Concert Hall
April 7 – Mobile, Alabama @ Saenger Theatre
April 8 – Meridian, Mississippi @ MSU Riley Center
April 9 – Memphis, Tennessee @ Orpheum Theatre
April 11 – Little Rock, Arkansas @ Robinson Center
April 13 – Tulsa, Oklahoma @ Brady Theatre
April 14 – Oklahoma City, Oklahoma @ Thelma Gaylord Performing Arts Theatre

Leadbelly & Bob Dylan

17. Februar 2022

Black History Month: Neben den schwarzen Bluesmen waren für Bob Dylan auch die afroamerikanischen Songster ein wichtiger Einfluss. Einer der wichtigsten von Dylans Afro American Folk Heroes war Leadbelly.

Leadbelly und Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Immer noch ist es weit verbreitet, dass Blues und Jazz alleine für die  afroamerikanische Musiktradition stehen würden. Dabei wird übersehen, dass es eine lange Tradition der afro-amerikanischen Songster gibt. Die Songster-Tradition ist älter als die der Blues-Musik. Sie beginnt kurz nach dem Ende der Sklaverei und dem Bürgerkrieg, als afroamerikanische Musiker in der Lage sind, zu reisen und Musik zu machen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die vorwiegend schwarzen, aber auch weißen Songster  teilen das gleiche Repertoire und spielen eine Vielzahl von Volksliedern, Balladen, Tanzmelodien, Reels und Songs aus Minstrel Shows.

Die Songster

Es gab Songster, die alleine spielten und sich an der Gitarre begleiteten, aber auch solche, die mit Banjo und Geige begleiten ließen. Die Übergange zu den String Bands der Old Time Music sind fließend. Oftmals spielten Songster zur Unterhaltung bei fahrenden Medicine Shows

Auch nachdem sich der Blues ab Anfang des 20. Jahrhunderts herausbildete und populär wurde, verschwand die Songster-Tradition nicht. Die Vorstellung des einsamen, archaischen Bluesmen ist eine romantisierende, mythisierende Legende. Viele Bluesmusiker waren Songster und Unterhaltungsmusiker und spielten sich durch viele Genres der Unterhaltungsmusik. Umherziehende, in den Westen abwandernde Sänger und singende Cowboys waren an der Entstehung der Cowboysongs beteiligt. Sie beeinflussten sowohl den frühen Blues als auch später die Songs der bekannten weißen Cowboysänger ab den 1930er Jahren.

Erst die durch die Plattenindustrie vorgenommene Segregation in weiße Country & Western Music und schwarze Race Records ließ die Songster-Tradition gegenüber Jazz und Blues in den Hintergrund treten. Der bekannteste und wichtigste Songster der klassischen Folk-Ära war ohne Zweifel der Musiker Hughie Ledbetter alias Leadbelly.

Leadbellys enormer musikalischer Einfluss in der Folkszene

Entdeckt von Folklorist John Lomax, brachte er viele wichtige Songs in die US-Folkszene ein, wie beispielweise „Good Night, Irene“, der durch die Weavers um Pete Seeger ein Hit wurde. Oder „Rock Island Line“, „Black Betty“ und Alberta. Allesamt wurden auch sie Hits in den Versionen weißer Musiker. Und er konservierte durch seine Aufnahmen eine ganze Reihe von schwarzen Cowboysongs, war der Missing Link von den realen schwarzen Cowboys zu den weißen singenden Cowboy wie Gene Autry, Will Rogers, Tex Ritter oder die „Sons Of The Pioneers“.

Er verbrachte seine frühen Jahre auf den schummrigen, gewaltbeladenen  Gassen der Rotlichtviertel von Shreveport und Dallas und war zweimal wegen Gewaltverbrechen im Gefängnis. John Lomax holte ihn aus der Gewaltspirale hinaus. Leadbelly ging mit ihm nach New York und lernte dort Woody Guthrie und Pete Seeger kennen. Er spielte mit ihnen, seine Songs fanden Eingang in den Folk-Song-Kanon, jedoch schlug sich das für Leadbelly finanziell nicht nieder. Ihm ging es wie vielen schwarzen Musikern seiner Zeit. Er versuchte Ende der 1940er Jahre sein Glück in Paris, erkrankte jedoch an einer unheilbaren Störung des motorischen Nervensystems und starb 1949 in New York.

Er erlebte das Folk-Revival der frühen 1960er, das auch schwarze Songster wie Mississippi John Hurt, Brownie McGhee oder Peg Leg Sam wieder einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein rückte, nicht mehr, hatte aber dennoch ungeheuren Einfluss auf deren wichtigen Vertreter wie eben Bob Dylan.

Leadbelly als wichtiger Einfluss auch für Bob Dylan

„Und jemand – jemand, den ich noch nie zuvor gesehen hatte – gab mir eine Leadbelly-Platte mit dem Song „Cottonfields“ darauf. Und diese Platte hat mein Leben auf der Stelle verändert. Versetzte mich in eine Welt, die ich nie gekannt hatte. Es war, als wäre eine Explosion losgegangen. Als wäre ich in der Dunkelheit gegangen und plötzlich wäre die Dunkelheit erleuchtet. Es war, als würde mich jemand anfassen. Ich muss diese Platte hundert Mal gespielt haben“, sagt Bob Dylan in seiner Nobelpreis-Vorlesung.

Was Dylan an diesem Song fasziniert haben mag? Das fragen sich viele Dylan-Fans. Sicher der Ausdruck, die Stimme und die Performance von Leadbelly. Das war etwas anderes als der Rock’n’Roll von Elvis oder Little Richard. Da klang archaisch, fröhlich und sentimental zugleich. Der Song hat auch nicht die Sklaverei zum Thema, sondern die Situation der „Sharecroppers“, die rechtlich gesehen als Kleinpflanzer und Baumwollpflücker nicht mehr versklavt waren, aber de facto in Abhängigkeit eines Großgrundbesitzers waren. Diese Situation, die zur Armut führte, prägte das Leben von Leadbellys Eltern und seine Jugend.

Trotzdem blickt Leadbelly sentimental darauf zurück. Er schrieb es 1940, als er in New York lebte und sich nach einigen Krisen im Verhältnis zu John Lomax – da waren schon Spannungen zwischen dem weißen Bildungsbürger und dem Afroamerikaner aus ärmlichen Verhältnissen – endgültig einen Namen in der dortigen Folkszene gemacht hatte. So wie ihm erging es nicht wenigen Afroamerikaner:innen in der Zeit der „Great Migration“. Man zog nach Norden, um vor Armut und Rassismus zu entfliehen und hing doch noch voller Sentimentalität am Süden.

Leadbelly mit Akkordeon, Copyright Wikimedia Commons

Leadbellys Spuren in Dylans Werk und Wirken

Dylan zollte Leadbelly in seinem „Song To Woody“ auf seinem Debütalbum 1962 Tribut, als er ihn als einen der Gefährten von Woody Guthrie erwähnte. Man kann davon ausgehen, dass Dylan zu der Zeit schon alles was es von Leadbelly auf Platte zu hören gab auch gehört hatte. Der Mann und vor allem auch sein Outlaw-Mythos als ehemaliger Strafhäftling fasziniert ihn. Er leiht sich – so wie es seine Art ist und in der Folkmusik selbstverständliche Tradition – Musik und Motive von Leadbellys „We Shall Be Free“ für sein „I Shall Be Free“ aus, sowie der es von einem Spiritual aus dem 19. Jahrhundert gemacht. Dylans lernt für seine Folkmusik viel vom Songster Leadbelly.

Und sieht sich selber in ihm. Als Dylan 1980 seine Fans mit Gospelmusik verschreckte, erzählte er wie zur eigenen Rechtfertigung über den in der linken Folkszene anerkannten Leadbelly, der sich vom Gefängnisinsassen zum Folkhero wandelte,  folgende Geschichte (zitiert aus der New York Times, 20. Februar 2015):

„Im Jahr 1980, als Bob Dylan einen Großteil seines Publikums mit dem Schreiben und Singen von Gospelsongs verblüffte, stand er auf der Bühne des Warfield Theatre in San Francisco und sprach über den als Lead Belly bekannten Folksänger. Er erklärte, Lead Belly sei ein Gefangener in Texas gewesen, der von einem Musikwissenschaftler entdeckt und nach New York gebracht worden sei.

‚Zuerst hat er nur Gefängnislieder und solche Sachen gemacht“, sagte Mr. Dylan. „Er war einige Zeit aus dem Gefängnis entlassen worden, als er beschloss, Kinderlieder zu machen, und die Leute sagten: ‚Oh, warum hat sich Lead Belly verändert?‘ Einige Leute mochten die alten. Einige Leute mochten die neuen. Einige Leute mochten beide Songs.‘

„Aber er hat sich nicht verändert“, schloss Mr. Dylan mit Nachdruck. „Er war derselbe Mann.“

Abseits aller obskuren Benutzung von Leadbelly für seine eigene Rechtfertigung, hat Dylan hier aber einfach Recht. Leadbelly war derselbe Mann. Nur hatte er jetzt die Möglichkeit, abseits des ewigen Kreislaufs von Armut, Rassismus und Verbrechen ein neues Leben aufzubauen.

Copyright: Folkways Recording

Direkte Coverversionen von Leadbelly-Songs lassen sich in Dylans Werk auch finden. Wie auch übrigens bei seinem Bruder im Geiste Johnny Cash mit „Rock Island Line“, „I’ve Got Stripes“ (Original „On A Monday“) und „Cotton Fields“. Angetan hat es Dylan wohl „In The Pines“ (aka „Where Did You Sleep Last Night“), das u.a. er bei seinem ersten großen Soloauftritt 1961 in der Carnegie Chapter Hall, 1969 an der Southern Illinois University in Edwardsville, IL sowie 1990 im Toad’s Place Concert spielt. 1967 sind bei den Basement Tapes-Aufnahmen auch Leadbelly-Songs mit dabei. 1988 nimmt er am Folkways-Album-Projekt „A Vision Shared. A Tribute To Woody Guthrie and Leadbelly“ teil, singt aber mit „Pretty Boyd Floyd“ einen Guthrie-Song. Aber schließlich schwebt auch Leadbellys Vermächtnis über den „Selbstverständigungs-Alben“ „Good As I Been To You“ und  „World Gone Wrong“.

Leadbelly- eine amerikanische Kulturgröße

In diesem Sinne erinnern wir an Leadbelly im Black History Month. An einen, der in einem Atemzug mit afroamerikanischen Kulturgrößen wie Louis Armstrong, Maya Angelou oder Aretha Franklin genannt werden muss und für eine weitere amerikanische Kulturgröße prägend war.

„Sometimes Satan Comes As A Man Of Peace In The Long Black Coat“

11. Februar 2022

Die ur-amerikanische Figur des bösen Predigers und (Massen-)Verführers im Werk Bob Dylans

Copyright: Süddeutsche Zeitung

Einer der faszinierendsten Filme Robert Mitchums ist die „Nacht des Jägers“. Ein Film Noir-Western voll von düsterem magischem Realismus. Mitchums „Reverend Harry Powell“ variiert auf besonders gekonnte Weise die ur-amerikanische Figur des bösen Predigers, Scharlatans und (Massen-)Verführers. Genauso gekonnt, aber viel realistischer macht dies auch „Elmer Gantry“, das Film-Meisterwerk nach dem Roman von Sinclair Lewis. Bob Dylan, der wie kein anderer lebender Künstler so stetig an seinem Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerikas und seiner populärer Mythen näht, kennt diese Figuren natürlich auch bestens und nimmt sie in seinem Werk immer Mal wieder in den Blick.

False Prophets

Zuletzt hat er dies auf seinem Album „Rough And Rowday Ways“ mit „False Prophet“ gemacht. Damals schrieb ich: „Auch „False Prophet“ ist nicht nur irgendwo zwischen Selbstporträt, Weltgeist und Teufel angesiedelt. Der „False Prophet“ steht auch für die in den USA wohlbekannte Figur des gefährlichen Predigers, des zur Gewalt anstiftenden Anführers. Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“, Andy Griffith in „A Face In The Crowd“ oder William Shatner in „Weißer Terror“ haben ihm Gesichter gegeben. Dylan hat ihn in Songs wie „Man Of Peace“ oder „Man In The Long Black Coat“ verewigt. Diesmal scheint der amtierende Präsident als falscher Prophet benannt zu werden:

„Hello stranger, hello and goodbye
You rule the land but so do I
You lusty old mule, you got a poisoned brain
I’ll marry you to a ball and chain.“

Dass der Schatten des gehängten Mannes auf dem Cover von „False Prophet“ dem Orangefarbenen ähnelt, scheint ein weiterer Beleg dafür zu sein.“

Elmer Gantry und Donald Trump

Copyright: Metro Goldwyn Mayer

In der Zwischenzeit ist Trump abgewählt worden, hat den Mob dazu angestiftet, das Kapitol zu stürmen und nimmt trotzdem wieder Anlauf auf das Präsidentenamt. Er begeistert weiterhin die Massen. Wenn ein Film das Selbstverständnis und die Mechanismen dieser Verführer einfängt, dann ist das ohne Zweifel „Elmer Gantry“. Unwillkürlich muss man an Trump oder Boris Johnson denken, wenn Burt Lancaster mit wilden Haaren und großem Sendungsbewusstsein die evangelikale Religion als bestes Fundament für seinen Plan entdeckt, reich, mächtig und berühmt zu werden. „He knows every song of love that ever has been sung“, wie Bob Dylan in „Man Of Peace“ singt. Eben hier jeden Song der Liebe zu Gott.

Und obwohl letztendlich nur in sich selbst verliebt, üben Gantry wie Trump den Schulterschluss mit den Evangelikalen. Da darf man gespannt sein, wie es dann wird, sollte Mike Pence sich dazu entschließen, seinen Hut als Präsidentschaftskandidat in den Ring zu werfen. Pence ist quasi der William L. Morgan der Republikaner. So wie die Figur im Gantry-Film verachtete er den bösen Prediger, doch freute sich über die Macht und das Geld, das er seiner Kirche zuführte. Nun könnte er die „gemäßigteren“ Evangelikalen zu sich herüberziehen. Doch mittlerweile sind die Reihen der christlichen Nationalisten immer dichter und immer radikaler. Und stehen weiterhin zu Trump.

Ob Radiomoderator (Andy Griffith), falscher Prediger (Robert Mitchum, Burt Lancaster) oder Volkstribun des Hasses (William Shatner): Die Mechanismen sind immer dieselben. Und immer kommt das Böse im Gewand des Friedens: „Could Be The Fuhrer, could be the local priest, sometimes Satan comes as a man of peace.“

Copyright: Sony Music, Foto: William Claxton

Eine weitere Verführer-Figur bringt Dylan 1989 mit „Man In The Long Black Coat“ in sein Werk ein. Der unbekannte Mann im langen schwarzen Mantel nimmt die Frau einfach mit. Sie folgt ihm einfach.

„Not a word of goodbye, not even a note
She gone with the man
In the long black coat“

Und weiter:

„Somebody seen him hanging around
At the old dance hall on the outskirts of town
He looked into her eyes when she stopped him to ask
If he wanted to dance, he had a face like a mask
Somebody said from the Bible he’d quote
There was dust on the man
In the long black coat“

Ein Bild von Hörigkeit. Mit entsprechenden sexuellem als auch religiösem Kontext zwischen den Zeilen. So wie auch die Frau dem falschen Prediger Robert Mitchum verfällt, Elmer Gantry seine Affären hat und der Erweckungspredigerin die Unschuld raubt. So wie William Shatner in „Weißer Terror“ Frauen nachstellt: Macht, Sex und Religion sind in ihrer toxischen Mischung gerade im prüden evangelikalen Amerika ein böses Kontinuum.

Dylan weiß ein Lied davon zu singen:

„He’s a great humanitarian, he’s a great philanthropist
He knows just where to touch you, honey, and how you like to be kissed
He’ll put both his arms around you
You can feel the tender touch of the beast
You know that sometimes Satan comes as a man of peace“

Rough And Rowdy Ways

Auch die Wege der bösen Massenverführer sind „Rough And Rowdy Ways“. Dylan weiß um die Brutalität der amerikanischen Gesellschaft. Und wie nah Liebe und Hass, Verführung und Hörigkeit, Vergeltung und Mord einander sind. Die dunklen, bösen Songs auf seinem Album von 2020 sind daher möglicherweise die treffendsten Beschreibungen des neuen, gefährlichen Amerikas. Weil sie die Kontinuitäten und die Strukturen aufzeigen. Und Dylan nicht davor zurückschreckt, diese auch bei sich selbst zu finden.