The Death of George Floyd

28. Mai 2020

Bild: Black Lives Matter

„They’re selling postcards of the hanging“ singt Bob Dylan in seinem Jahrhundertsong „Desolation Row“ und erinnert damit an die Lynchmorde an drei schwarzen Zirkusarbeitern in Duluth, Minnesota, im Juni 1920. Fast genau hundert Jahre später ist in Minnesota wieder ein farbiger Mensch – George Floyd – getötet worden. Getötet am 25. Mai 2020 von einem weißen Cop, der sechs Minuten lang mit seinem Knie auf dem Nacken Floyds diesen auf den Boden presste, sein Flehen nach Luft überhörte, und ihn kaltblütig sterben ließ. Drei weitere Cops schauten zu. Trotz protestierender Passanten wurde George Floyd auf offener Straße von dem Polizisten Derek Chauvin umgebracht.

„The Death Of Emmett Till“, „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, Only A Pawn In Their Game“, „George Jackson“, „Hurricane“ – Bob Dylan hat einige der stärksten und wichtigsten amerikanischen Songs über Rassismus, Mord und Gewalt geschrieben. Sie sind heute aktueller denn je. George Floys musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und ein Weißer ihn umbrachte. Der 14-jährige Emmett Till musste sterben, weil er schwarz war und am falschen Ort zur falschen Zeit war und zwei Weiße ihn umbrachten. Ahmaud Arbery musste vor wenigen Wochen sterben, weil er schwarz war und zur falschen Zeit am falschen Ort war und zwei Weiße ihn umbrachten.

Das Grundprinzip bleibt immer dasselbe. Dylan hat es längst besungen und sagte vor wenigen Jahren in einem Interview sinngemäß dazu, die Songs wären unvermindert aktuell, man müsse nur die Namen austauschen. Dylan weiß genau, was in den USA vor sich geht, und er hat es bereits hinreichend beschrieben. Man sollte diese Songs täglich mehrmals in Heavy Rotation in den US-Radiostationen spielen.

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“ hat William Faulkner einmal gesagt. Der Rassismus in den USA war nie weg, ist nie vergangen. Doch er wird immer stärker und unverhohlener, weil ein Mann im Weißen Haus offen rassistisch agiert und Leute wie den Cop aus Minneapolis das Gefühl geben, seine rassistische Gewalt wäre damit legitimiert. Derek Chauvin ist bereits vor dem Tod von George Floyd durch brutale Polizeigewalt aufgefallen.

Trump kündigt die gerechte Sühne für diesen Mord an. Doch das ist keine Einsicht und kein Eintreten für die schwarze Sache. Er will Ruhe im Wahlkampf und er will vor allem seine Omnipotenz beweisen. Gerechtigkeit für George Floyd wird es erst geben, wenn Amerika sich seinen offenen strukturellen Rassismus eingesteht, wenn Justiz und Polizei sich ihren Rassismus eingestehen.

Der Mord an George Floyd sorgt unterdessen für schwere Ausschreitungen in Minneapolis bei denen bereits mindestens ein Mensch ums Leben gekommen ist.

„Now’s The Time For Your Tears“ singt Bob Dylan am Ende von „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“. Erzürnt über die lächerlich milde Strafe für einen rassistischen Mord. Hoffen wir, dass in Minneapolis im Jahr 2020 ein klares Exempel gegen rassistische Polizeigewalt statuiert wird.

Bucky Baxter (1955 – 2020)

26. Mai 2020

Es war eine traurige Nachricht, die ich zuerst auf expectingrain.com las: Bucky Baxter, langjähriges Mitglied von Bob Dylans Tourband in den 1990ern, ist tot.

Er hat mich zum Fan der Pedal Steel gemacht. Dylan hat ihn gehört, als er in Steve Earls Band war, und ihn dann 1992 in seine Band „berufen“. Bucky hat mit seiner Pedal Steel den Sound Dylans in den 1990er Jahren entscheidend mitgeprägt. Bei großartigen Live-Konzerten – sei es in Woodstock oder in Aschaffenburg – und auf erfolgreichen Alben – „MTV Unplugged“ und „Time Out Of Mind“ hat er mitgespielt.

Bucky umgab immer – soweit man das von der Bühne oder aus Erzählungen einschätzen konnte – die Aura eines ruhigen, sympathischen Menschen und eines im besten Sinne sehr professionellen Musikers.

Mit Dylan hat er bis 1999 rund 750 Konzerte bestritten, hat später u.a. mit Ryan Adams und der Old Crow Medicine Show zusammengearbeitet.

Am 25. Mai ist er nach einem Schlaganfall gestorben. RIP, Bucky Baxter!

Ein amerikanisches Gesamtkunstwerk

24. Mai 2020

© Sony Music

Der legendäre Songpoet und Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan wird heute 79 Jahre alt und veröffentlicht im Juni das erste Album mit Originalsongs seit acht Jahren.

Mitten in der Corona-Krise veröffentlicht die unergründliche Sphinx des Pop plötzlich den ersten neuen Originalsong seit 2012. Bob Dylan schenkt der Welt „Murder Most Foul“ und ein paar Grüße, ganz der Situation angemessen:“ Greetings to my fans and followers with gratitude for all your support and loyalty across the years. This is an unreleased song we recorded a while back that you might find interesting. Stay safe, stay observant and may God be with you. Bob Dylan“.

Wortmeldungen während der Corona-Krise
Das epische Werk von gut siebzehn Minuten hat die Ermordung John F. Kennedys zum Thema, lässt uns spüren, welch Verlust für Amerika und die Welt das war, und wird im weiteren Verlauf zu einer Reminiszenz an die popkulturellen Mythen des amerikanischen Jahrhunderts, dessen Sohn Bob Dylan als amerikanischer Singer-Songwriter mit globaler Wirkung war und ist. Ohne Zweifel: Ein Great American Song!

Gut drei Wochen später erneut eine Veröffentlichung: „I Contain Multitudes“. Der amerikanische Künstler beruft sich auf den literarischen Urahn Walt Whitman, der in seinem „Song Of Myself 51″ schreibt: Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.).“ Dylan bekräftigt hier, er bestehe aus Vielfalt und aus Widersprüchen. Eben ganz wie sein Land.
Noch einmal drei Wochen später erscheint erst eine weitere Single, „False Prophet“ und dann wird sogar ein ganzes Album für den 19. Juni angekündigt: Rough And Rowdy Ways“.

Und schon nehmen die Spekulationen ihren Lauf. Sowohl das Cover der Single – ein Skelett mit Spritze in der Hand vor dem Schatten eines gehängten Mannes, in dem viele Donald Trump sehen wollen, als auch Verse wie „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain.“ lassen viele auf einen Kommentar zur aktuellen Situation in den USA und der Welt schließen, angesichts einer Corona-Pandemie und einem US-Präsidenten, der nur noch ein Deal-Maker ist, der Spaltung, Streit und Ausgrenzung forciert.

Doch Dylan wäre nicht Dylan, wenn es so eindeutig wäre. Dylan ist ein Meister, des Tricksens, des Haken-Schlagens und des falsche-Fährten-Legens. Denn vom Text her ist „False Prophet“ beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Diebstahl aus Liebe
Dylan zieht Bilanz auf der Grundlage dessen, was heute passiert: Über Amerika, die Welt und sein eigenes Leben. Er tut dies musikalisch auf der Grundlage von „If Lovin‘ Is Believing“, einem alten Rythm & Blues-Songs von Billy „The Kid“ Emerson“ aus dem Jahre 1954, von dem er sich scheinbar musikalisch ein bisschen was ausgeborgt hat. Da ist es wieder- eines der Grundmotive seines Alterswerks – „Love & Theft“ hieß sein Album von 2001, „Diebstahl aus Liebe“ das künstlerische Prinzip dahinter. Der bedeutende Dylan-Kenner Heinrich Detering hat dieses Prinzip des „Diebstahls aus Liebe“ ja für die Texte des Spätwerks in „Die Stimmen aus der Unterwelt: Bob Dylans Mysterienspiele“ (2016) in einzigartiger Weise herausgearbeitet.

Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass der Albumtitel „Rough And Rowdy Years“ einem alten Jimmie Rodgers-Song entlehnt ist. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die drei bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Plattencover wiederum zeigt eine Tanzszene, die an einen schwarzen Juke-Joint erinnert, und in Realiter 1964 in einem schwarzen Tanzlokal im Ost-Londoner Stadtviertel Whitechapel aufgenommen wurde. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, sie in seiner Person aufzuheben.

Vielstimmige Projektionsfläche
Dylan lässt in seinem Alterswerk viele Stimmen für sich sprechen. Denn Dylan – „die menschlichste aller Stimmen und der unstimmigste aller Menschen“ (Günter Amendt) – ist Medium und Resonanzboden für viele Stimmen, ist eine Projektionsfläche für viele Haltungen und Hoffnungen. Wie kaum ein anderer der modernen Singer-Songwriter-Zunft versteht er es, die Erzählperspektiven mitten im Song zu wechseln. Er nimmt in den Texten wie im künstlerischen Leben verschieden Rollen ein. Trägt verschiedene Masken. Spielt mit Musikgenres, ändert seine Singstimme wie es ihm gefällt. Dylan das Chamäleon.

Er geht schon seine ganze Karriere lang den universellen Fragen nach. Auf der Suche nach Antworten, auf der Suche nach Sinn. Wird Protestsänger, Folk-Rocker, Acid-Rocker, Country-Landlord, Big Band-Leader, wiedergeborener Christ und Gospelsänger, alternder, zielloser Rockstar, Southern Gentleman, Swing-Crooner, Fragender der letzten Fragen. Er komponiert sein Werk und die Kunstfigur Bob Dylan aus Homer, Ovid, Shakespeare, Bibel und aus ganz viel amerikanischer Populärkultur. In seiner legendären Radio Show hat er daraus den Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerika geknüpft. Wohl wissend, dass die Wirklichkeit draußen eine andere war.

Dieses idealtypische Amerika, dieser Sehnsuchtsort, konnte aber nur aufrechterhalten werden, solange die Widersprüche Amerika nicht versucht wurden, destruktiv aufzulösen. Solange es zumindest an der Oberfläche ein Amerika gab. Seit Trump ist diese Selbsttäuschung endgültig beendet.

Überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche
Bob Dylan weiß um die Dämonen seines Landes. Er weiß um den Rassismus: „Dieses Land ist einfach zu abgefuckt, was die Hautfarbe angeht… Leute gehen sich gegenseitig an die Kehle, nur weil sie verschiedene Hautfarben haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und wirft jede Nation – oder Nachbarschaft – zurück“ (Rolling Stone, 2012). – Genauso wie er um Gewalt und Spaltung weiß. Er hatte Hoffnung für seine Nation mit John F.Kennedy, Martin Luther King und Robert Kennedy und er hat sie alle sterben sehen. Als jüdischer Junge hat er von seinem Vater die Geschichte des Lynchmords an drei jungen Schwarzen 1920 in Duluth Minnesota erzählt bekommen. Als junger, wissbegieriger Mann hat er sich eingehend mit Ursachen, Verlauf und Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs beschäftigt. Er sang über die Morde an Emmeth Till, Hattie Caroll und Medgar Evers, er sang über den schwarzen Aktivisten George Jackson und über das Opfer der Rassenjustiz Rubin „Hurricane“ Carter.

Ob „The Ballad Of Hollis Brown“, sein Engagement für die amerikanischen Farmer, das zu Farm Aid führte oder „Workingman’s Blues #2“- Bob Dylan hat zudem einen feinen Seismograph für soziale Ungerechtigkeit. Er ist in der Iron Range unter hart arbeitenden Menschen groß geworden und in den 1940ern in die Jahre des New Deal hineingeboren worden.

Trotz seines Glaubens, den er auch nach der Abkehr von der Rolle des wiedergeborenen Christen nicht ablegte, folgte er nie der in den USA vieler Orts verbreiteten religiösen Überzeugung, dass die geschäftlich Erfolgreichen besonders hoch in der Gunst Gottes stehen und dass Armut der Ausdruck moralischen Versagens sei. Im Gegenteil: Mit „Gotta Serve Somebody“ las er den Besitzenden die Leviten und mit „Tempest“ beförderte er die oberen Zehntausend gleich mal mit der sinkenden Titanic auf den Meeresgrund.

Dylan ist wie viele andere Amerikaner ein gläubiger Mensch. Aber er ist im „Land der 1000 Kirchen“ schon lange an keine mehr gebunden. Er ist bis heute ein kritischer, unabhängiger Freigeist geblieben.

Falsche Propheten
Bob Dylan besitzt Empathie für die Menschen und ist ein überzeugter Amerikaner der Vielfalt und der Widersprüche. 2018 hat er sogar einen Song für ein Album mit Hochzeitsliedern für gleichgeschlechtliche Ehen eingespielt. Seine Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan ist gleichgeschlechtlich verheiratet.

Bob Dylan hat also entgegen aller Annahmen einen genauen Blick auf die Verhältnisse. Kein Wunder daher, wenn er – natürlich in der ihm eigenen Art – universell und nicht konkret- die Lage der Welt und der Nation negativ beschreibt. Bob Dylan distanziert sich in „False Prophet“ von den falschen Propheten, vom Verrat, vom Streit, vom Leben ohne Sinn: „I’m the enemy of treason – the enemy of strife, I’m the enemy of the unlived meaningless life, I ain’t no false prophet – I just know what I know, I go where only the lonely can go.“ Konkreteres darf man von ihm nicht erwarten.

Aber das reicht schon, denn der Referenzrahmen ist klar: Es sind die falschen Propheten und zwielichtigen Prediger, die stets für Amerika gefährlich waren und die Entsprechungen in der amerikanischen Populärkultur fanden: „Hier spricht John Doe“, „Das Gesicht in der Menge“, „Die Nacht des Jägers“ oder „Weißer Terror“ hießen die Filme dazu, Dylan ließ sie in Songs wie „Man Of Peace“, „Man In The Long Black Coat“ oder TV Talkin‘ Song“ auftreten. Und: „Even the president of the United States sometimes must have to stand naked“. Der Bezug zum Automanen und Dauerwahlkämpfer im Weißen Haus stellt sich da schnell von ganz alleine her.

Vertonung des Auseinanderbrechens
Doch allen falschen Propheten zum Trotz: Bob Dylan aber weiß um seine eigene Bedeutung und seine Zeitlosigkeit und bekräftigt seinen frühen Schwur „It Ain’t Me Babe“ indem er uns nun in „False Prophet“ zuruft: „Hello stranger – Hello and goodbye, you rule the land but so do I, you lusty old mule – you got a poisoned brain, I’m gonna’ marry you to a ball and chain…I ain’t no false prophet – I’m nobody’s bride, Can’t remember when I was born and I forgot when I died.“

Bob Dylan, der heute 79 Jahre alt wird, ist das letzte amerikanische Gesamtkunstwerk. Doch sein Amerika gibt es nicht mehr, er kann ihm beim auseinander brechen zusehen. Und vertont dieses Auseinanderbrechen auf seine ganz eigene Weise.

Freedom Singer

22. Mai 2020

1962/63: Bob Dylan und die Bürgerrechtsbewegung

Als Bob Dylan Anfang 1961 nach New York kam, da lernte er bald Suze Rotolo kennen. Sie war jünger als er, aber politischer, sie stammte aus einer Familie italienischer Kommunisten und war aktiv in der Bürgerrechtsorganisation „Congress of Racial Equality (CORE)“. Und sie war interessiert an Literatur und Theater. Dies und die linke Boheme des Greenwich – ähnliches hatte er bereits in Dinkytown in St. Paul, Minnesota, kennengelernt – festigten Dylans kritische Weltsicht. In Greenwich-Village gab es keine Rassendiskrimierung und die Folkies verehrten die schwarzen Bluesleute. Sein erster offizieller Auftritt war denn auch im Vorprogramm des legendären John Lee Hooker.

Dylan wird zum politischen Songwriter

Joan Baez und Bob Dylan beim „March On Washington 1963, Foto: Wikimedia Commons/National Archive/Newsmakers


Dylan spielte anfangs nur alte Folkstücke, sein erster eigener Song war der über sein Folk-Idol Woody Guthrie. Als er dann mit Suze im Januar 1962 in ein gemeinsames Apartment zog, wirkte sich dies direkt auf seinen künstlerischen Output aus. Denn jetzt zeigte sicher einige seiner wichtigsten Eigenschaften: Dylan ist unermüdlich darin, sich Wissen und Können anzueignen. Er saugt die Dinge wie ein Schwamm auf. Und er ist in der Lage sie so weiterzuverwenden, dass er ihnen seinen eigenen Stempel aufdrückt. Als sein Debütalbum „Bob Dylan“ mit Folkstandards im März 1962 erscheint und floppt, ist er eigentlich schon viel weiter. Dylan ist im Village bereits als aufstrebender Songwriter bekannt und ein begehrter Live-Künstler. Er nimmt in verschiedenen Sessions „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ von April 1962 bis April 1963 auf. Als das Album am 27. Mai 1963 erscheint, ist sein „Blowin In The Wind“ schon bekannt von seinen Live-Auftritten, wird aber zum Hit durch die Version von Peter, Paul und Mary. Doch „The Freewheelin“ bringt den Durchbruch für ihn, das Album kommt einer künstlerischen Explosion gleich. Das Album enthält 13 Songs, davon ein gutes halbes Dutzend absolute bis heute gültige Klassiker seines Oeuvres.

Songs gegen Rassismus und Antikommunismus
Dylan entwickelt in den Jahren 1962-64 im Songwriting eine beispiellose Schnelligkeit, Kunstfertigkeit und Präzision. Und er schreibt einige der wichtigsten amerikanischen Songs gegen Rassismus: „The Death Of Emmett Till, „Oxford Town“, „Only A Pawn In Their Game“ und „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“.

In „Oxford Town“ schildert er die Ereignisse rund um die Durchsetzung des Rechts von James Meredith, erster schwarzer Student an der Universität von Mississippi zu sein. Es kam zu schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen und US-Marshalls mussten Meredith schützen. „Only A A Pawn In Their Game“ greift die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers am 13. Juni 1963 auf.

Im März 1963 lernt er bei gemeinsamen Fernsehaufnahmen bei Westinghouse TV Mavis Staples kennen. Er kennt die Musik der Staple Singers da schon eine ganze Zeit lang und ist begeistert von Mavis‘ rauer Stimme. Im Juni nehmen die Staple Singers „Blowin In The Wind“ auf. Eine Premiere, denen viele Dylan-Cover der Staples folgen.

In dieser Zeit freundet sich Bob auch mit den „Freedom Singers“ von der Bürgerrechtsorganisation Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) an, schreibt Robert Shelton in seiner Dylan-Biographie. Das SNCC – gesprochen „SNICK“ – waren mit „CORE“ zusammen die Veranstalter der „Freedom Rides“. Die jungen singenden Aktivisten hatten für Dylan eine besondere Relevanz, da sie über sich selbst und über ihr Leben singen würden. Mit einer von ihnen, Bernice Johnson, hatte er ein paar Jahre intensiven Kontakt.

Bob hatte in diesen Tagen durch klare politische Ansagen für reichlich Wirbel gesorgt. Er schrieb den Song „Talking John Birch Society Blues“, ein Spottlied über die gleichnamige antikommunistische Gruppe und sollte am Vorabend des geplanten Album-Release (12. Mai 1963) im CBS-Fernsehsender in der Ed Sullivan-Show auftreten. Sein Vorhaben, den John Birch-Song dort zu spielen, stieß bei den CBS-Fernsehleuten auf Widerstand. Sie fürchteten ins Kreuzfeuer der rechten, einflussreichen Extremisten zu geraten. Doch Dylan lehnte es ab, einen anderen Song zu spielen und trat nicht in der Sendung auf. Dies führte zwar zu einem positiven Echo im fortschrittlichen Teil Amerikas, brachte aber die Plattenbosse bei Columbia Records dazu, die geplante Veröffentlichung von „The Freewheelin'“ zu verschieben. Da Dylan nach seinem Debüt-Flop keine starke Ausgangsposition für eine Auseinandersetzung hatte, musste er die Kröte schlucken, nutzte es aber auch gleichzeitig dafür, selbst noch verschiedene Wechsel auf der Tracklist vorzunehmen. So wurden Songs, die nicht mehr ganz seinem aktuellen Profil entsprachen, u.a. durch „Masters of War“ und „Girl from the North Country“ ersetzt. Eine sehr gute Entscheidung, die großen Einfluss auf die Qualität und den Erfolg des Albums hatte.

Copyright: Sony Music

Greenwood, Mississippi
In diesen Tagen war Pete Seeger einer seiner großen Mentoren. Seeger war der politische Folksänger in der Nachfolge Woody Guthries und mit Theodore Bikel zusammen Begründer des Newport Folkfestivals, dass nach zweijähriger Pause Ende Juli seine Fortsetzung erfahren sollte. Einen Auftritt Dylans beim Festival hatten die beiden Folk-Impresarios schon im Blick, als sie den nun bundesweit bekannten Dylan zu einer „Vote Registration Rally“ in Mississippi einluden. Mit einem Nachtflug vom 1. auf den 2. Juli 1963 machte sich der jüdische Nordstaatler zusammen mit Pete Seeger auf den Weg in den tiefen, von Rassenkämpfen zerrissenen Süden der USA. Und folgte damit auf seine Weise dem Beispiel der jungen Leute vom SNCC, die sich als „Freedom Rider“ für die Sache der Schwarzen ebenfalls auf den Weg vom Norden in den Süden machten. Und zu einem beträchtlichen Teil ebenfalls Juden waren. Denn bis in die 1960er Jahre engagierten sich viele jüdische Amerikaner für und mit den Schwarzen in der Bürgerrechtsbewegung. Es war auch ihr Kampf, denn Rassisten sind immer auch Antisemiten. Erst mit dem Aufkommen der schwarzen „Nation Of Islam“ und den Black Panthers ab Ende der 1960er kam es wegen deren Anti-Zionismus zu Rissen im gesellschaftlichen Bündnis von Jewish und Black Community.

Dylan und Seeger kamen am 2. Juli 1963 in Greenwood, Mississippi an, und Bob traf dort neben Theodore Bikel, auch Bernice Johnson wieder. Ein paar Tage arbeiteten sie in Workshops zusammen: Die New Yorker Folkies, die College-Studenten aus den Nordstaaten und die armen schwarzen Farmer.
Am 6. Juli spielte Dylan dann auf Silas Magee’s Farm vor einem rund 300-köpfigem Publikum aus schwarzen und weißen Aktivisten, schwarzen Einheimischen, Journalisten und Fernsehleuten. Er trug einen neuen Song „Only A Pawn In Their Game“ vor und Bernice erzählte später Shelton: „‚Pawn‘ war das allererste Lied, das zeigte, dass die armen Weißen ebenso von Diskriminierung betroffen waren wie die armen Schwarzen. Die Greenwood-Leute wussten nicht, dass Pete, Theo und Bobby bekannt waren. Sie waren einfach froh, Unterstützung zu bekommen. Aber sie mögen Dylan dort unten im Baumwoll-Land wirklich.“

Newport Folk-Festival und „March On Washington“
Es kam wie es kommen musste. Suze Rotolo war weit weg in Italien, und Joan Baez, die „Queen Of Folk“, nahm immer mehr Platz in Bobbys Leben ein. Sie hatte ihn bereits 1961 kennengelernt, fand immer mehr Gefallen an dem „unwashed Phenomenon“, wie sie ihn später im Song „Diamonds And Rust“ nennen sollte. Bobby weckte bei vielen Frauen Beschützerinstinkte. Für ihn war Joan ein Glücksfall. Während Suze mit dem Folkstar-Leben fremdelte, war Joanie bereits seit 1959 beim Folk-Revival dabei und nun als Künstlerin an der Spitze der Bewegung. Auch sie war politische Aktivistin und war begeistert von Dylans Songs. Und es war es ihr vorbehalten, den sich bereits ankündigenden aufgehenden Stern die Bühne zu bereiten. Beim Newport Folk Festival 1963 (26. – 28. Juli) war sie die Queen und trug den aufstrebenden Singer-Songwriter ihrem Publikum an. In Workshops traten sie zusammen auf und Dylan hatte seinen Solo-Auftritt. Und plötzlich war er mit Joanie zusammen ganz vorne an der Spitze der Bewegung.

Doch nicht nur er erlebte seine Premiere in Newport, auch Mavis Staples und ihre Familie waren da. Es soll heftig geknistert haben zwischen den beiden. Bobby soll sogar um die Hand von Mavis angehalten haben, doch Mavis wollte nicht. Sie war jung und möglicherweise fürchtete sie auch die Tatsache, dass gemischtrassige Paare in den USA zu dieser Zeit noch vielen Anfeindungen ausgesetzt waren. In manchen Bundesstaaten waren gemischtrassige Beziehungen sogar gesetzlich verboten und wurden mit Gefängnis bestraft. Auch wenn Mavis ihm einen Korb gegeben hatte, haben sie ihre Freundschaft jedoch bis heute erhalten.

Bob sang in Newport seinen antirassistischen Songs „Only A Pawn In The Game“ und zusammen mit dem gesamten Line-Up die Bürgerrechts-Hymne „We Shall Overcome“. Bob Dylan und Joan Baez – das Traumpaar von Folk und Protest hatte sich öffentlich gefunden. Suze zog im August aus der gemeinsamen Wohnung aus, 1964 trennte sie sich endgültig von Bob. Joanie und Bobby aber gingen nach Newport 1963 zusammen auf eine Kurz-Tournee an der Ostküste, unterbrochen von den ersten drei Aufnahmesessions für Dylans neues Album „The Times They Are A-Changin“, das dann im Januar 1964 veröffentlicht wurde und den Höhepunkt seiner Protestsängerkarriere darstellt.

Am 28. August standen die beiden dann beim „March On Washington“ auf der Bühne, auf der Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ halten sollte. Joan Baez spielte „Oh Freedom“ und sang mit der Menge zusammen „We Shall Overcome“. Dylan sang solo “When the Ship Comes In” und mit Baez zusammen “Only A Pawn In Their Game. Im Finale sangen sie dann “We Shall Overcome” mit Peter, Paul and Mary und Theodore Bikel.

Am 31. Oktober fand die letzte Aufnahmesession für das Album „The Times They Are A-Changin'“ statt. Knapp drei Wochen später, am 22. November wurde John F. Kennedy in Dalla ermordet. Dylan ging dessen Tod sehr nahe, nur widerwillig gab er am Folgetag ein Konzert. Drei Monate nach der Ermordung Kennedys reiste Dylan dann nach Dallas und hatte nach dem Besuch des Attentats-Schauplatz erhebliche Zweifel an den offiziellen Schilderungen zum Tathergang.

Für ihn war Lee Harvey Oswald nur ein Bauernopfer und bis heute – Murder Most Foul! – geht er von einem Komplott des militärisch-industriellen Komplexes aus. Dies und die immer größere Angst davor, von der jugendlichen Protestbewegung als politischer Führer angesehen zu werden, führt zu einer Entwicklung, die 1964 in sein Album „Another Side Of Bob Dylan“ mündete.

Tom Paine Award

Copyright: Sony Music

Dies muss mitbedacht werden, als Dylan am 13. Dezember 1963 bei der Verleihung des „Tom Paine Awards“ durch die „Emergency Civil Liberties Union’s (E.C.L.U.)“ im New Yorker Hotel Americana in angetrunkenem Zustand eine verunglückte Rede hielt. Irgendwas hatte da in ihm geschlummert, das jetzt durch den Alkohol raus kam. Er war auf Krawall gebürstet, hielt erst dem Publikum vor, dass es vorwiegend grau und weiß sei (das stimmte!), dann dass seine Freunde nicht feine Anzüge tragen müssten, um als respektable „Negroes“ angesehen zu werden (auch nicht so dumm!), brachte es aber unglücklicherweise in den Zusammenhang mit dem „March on Washington“. Schließlich leistete er sich den Fauxpas zu sagen, auch er fühle Dinge in sich, die er bei Lee Harvey Oswald (dem Kennedy-Attentäter) gesehen habe, aber er würde natürlich nicht so weit gehen und schießen. Waren die liberalen Zuhörer vorher noch unruhig, aber höflich, so erntete der gute Bobby nun heftige Buhrufe. Skandal!

Dylan versuchte danach mit einem Brief die Wogen zu glätten. Relativierte, beschwichtigte, verschlimmbesserte. Wie auch immer, der zentrale Punkt lautete:
I can not speak. I can not talk
I can only write an I can only sing
perhaps I should’ve sung a song
but that wouldn’t a been right either
for I was given an award not to sing
but rather on what I have sung

I thought something else was expected of me
other than just sayin “thank you”
an I did not know what it was
it is a fierce heavy feeling
thinkin something is expected of you
but you dont know what exactly it is…
it brings forth a wierd form of guilt

Dylan wollte kein Speaker für irgendetwas mehr sein. Er wollte er selbst sein, das machen, was er wollte, nicht mehr das, was andere erwarteten.

Bob Dylan hatte 1963 für sein Empfinden sein Maß an konkretem politischem Engagement übererfüllt. Seine Zeit als vermeintlicher politischer Anführer war nun bereits wieder vorbei. Bernice Johnson sagte später Robert Shelton dazu: „Ich hatte das Gefühl, dass er einige emotionale Geschichten durchmachte, und ich wollte da kein Urteil fällen. Einige Weiße haben sich unserer Bewegung angeschlossen, weil sie Schwarze irgendwie besonders mochten, und andere waren einfach voll von Schuldgefühlen. Dylan war da ganz anders. Als er sich von der Bewegung zurückzog, da waren es die Weißen bei SNICK, die ihm das übel genommen haben. Dieses Gerede von wegen „er verkauft sich“ haben wir nur von den Weißen gehört, nie von den Schwarzen.“

Das Jahr 1964 sollte eine andere Seite Dylans zeigen und ein Jahr des Übergangs sein. Während im Januar 1964 „The Times They Are A-Changin'“ veröffentlicht wird, ist Bob Dylan wieder mal schon einen Schritt weiter.

Bob Dylan beim „March On Washington“:

Yannick Monot – Botschafter der Cajunmusik

17. Mai 2020

„Americana“ hat auch französische Wurzeln: Auf seinem neuen Album „Fais á ton idée“ führt der weitgereiste Musiker Klänge aus Louisiana und der Bretagne zusammen

Einer der größten Hits der Country-Ikone Hank Williams ist der Song „Jambalaya“. Er machte im Grunde die Cajunmusik weltbekannt. Der Song basiert auf dem französischsprachigen Cajun-Song „Gran’ Texas“ von Fiddler Chuck Guillory & The Rhythm Boys aus dem Jahr 1948. Im Jahr1952 nahm Williams seine Version mit neuem Text voller Cajun-Gerichte und französischen Worten mit seiner Band „The Drifting Cowboys“ auf. Jambalaya ist bis heute von unzähligen Künstlern gecovert worden.

Die Cajuns: Vom Nordwesten Frankreichs nach Kanada nach Louisiana
Die Cajuns sind die Nachfahren der Franko-Kanadier aus der ostkanadischen Provinz Acadie, die 1755 von den Briten nach deren Sieg im Britisch-Französischen Krieg vertrieben wurden. Diese Franko-Kanadier wiederum waren Nachkommen von Einwanderern aus dem Nordwesten Frankreichs, insbesondere aus der Bretagne.

Ebenfalls aus der Bretagne stammt Yannick Monot. Am Mississipi Delta Louisianas und in Kanada hörte er Anfang der 70er zum ersten Mal die Cajun & Zydeco Music seiner Vorfahren. Damals noch in Stockholm lebend, veröffentlichte er bei CBS seine erste Cajun-Platte mit dem legendären schwedischen Roots Music-Pionier Jack Downing aus den USA. Der französische Gesangs-Star Jo Dassin war davon so begeistert, dass er einen der Titel selbst interpretierte und damit Yannick Monot und Jack Downing in die französischen Charts katapultierte. Der erste große Erfolg für den jungen französischen Musiker. Doch bald darauf verließ Yannick Monot Schweden und gründete – in Deutschland – seine erste Cajun-Band.

„Fais á ton idée“
Seit dieser Zeit lebt Monot in Deutschland und ist über die Jahre so etwas wie ein Botschafter der Cajun & Zydeco Music hierzulande geworden. Er spielt Solo und in verschiedenen Duo- und Bandprojekten. Nun hat er mit „Fais á ton idée“ ein neues Album veröffentlicht. Es ist eine unterhaltsame, abwechslungsreiche Reise zur Cajun Musik und ihrer bretonischen und keltischen Wurzeln. Der Longplayer enthält aber auch Einsprengsel anderer Musikgenres. In seinen Liner Notes zum Album schreibt Yannick Monot: „Der Titel bezieht sich auf einen Ausdruck im typischen Louisiana-Französisch: Mach, wie es Du es für richtig hältst!“

Los geht es mit „Le Petite De Bayou Gris“, einem flotten, feinen, kleinen Liebeslied im Cajun-Style mit der franko-amerikanischen Version der alten Lebensweisheit „Warum denn in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah“. Es folgt eine hübsche verträumte Flötenweise, gespielt von Mitmusikerin Christiane Meffert mit dem Sehnsuchtstitel „Marinas Jungle Garden“. Dass Yannick Monot auch die melancholischen Töne beherrscht, zeigt dann das „Chanson Du Marianne“, das von einer jahrelangen wechselvollen Liebe handelt.

Der Dreierpack gibt dann auch die Richtung für dieses Album vor. Stimmungs- und Tempowechsel und eine vielfältige Instrumentierung der Songs macht die Stärke des Albums aus. Und Monot beweist wieder einmal was für ein großartiger Musiker und Musikant er ist. Eben noch singt er das traurige Cajun-Lied „Hier Encore“ von einem verlassenen Mann, dann spielt er schon wieder mit „GrisGris“ zum Tanz auf mit einer Musik die irgendwo an der Schnittstelle zwischen afrikanischem Soukous und kreolischem Zydeco liegt. Und schlägt danach die melancholischen Töne von „Le dernier des bigoudens“, einem Lied für seinen Vater, an. Musik verbindet die Menschen und die Welt – auch das ist eine wichtige Botschaft dieses Albums.

Ein lebenskluges Album
Dass Yannick Monot eine unumstrittene Elder Statesman-Rolle in der deutschen Musikszene hat, zeigt sich auch darin, welche tollen Mitmusikanten er für dieses Album gewinnen konnte. Der Multi-Instrumentalist Jens Kommnick ist auf zwei Stücken dabei, für andere Songs spielen Helmut Graebe an der Orgel, Edzard Model die Geige und Yannicks langjähriger Partner beim „International Cajun Trio“, Biber Herrmann, die Gitarre.

Und so ist dieses Album genau das richtige für diese Zeiten. Es ist wie das Leben – traurig, froh, ausgelassen – und es feiert das Leben und die Musik, die die Menschen verbindet. Ein lebenskluges, wunderschönes Album von Yannick Monot!

Zu beziehen ist das Album über http://www.yannick-monot.de und info@yannick-monot.de .

Dylan und die Old Time Connection

15. Mai 2020

Bildrechte: BACM

So geht die Dylanologie: Von einem Albumtitel kommt man auf zig Querverweise und dann wieder zu Dylan zurück: Dylan, Cox, Darby & Tarlton.

Ich kann mich nur wiederholen. Die Aussicht auf das neue Album elektrisiert mich und es gibt bereits jetzt so unheimlich viel zu forschen, zu deuten, zu denken und vor allem Querverweise zu finden, dass es eine wahre Freude ist. Und es lässt sich einiges finden und unter dylanologischen Gesichtspunkten gibt es da immer wieder schöne Entdeckungen.

Dixie Songbird
Zum Beispiel diese hier. Kommen wir nochmals auf den Albumtitel „Rough And Rowdy Ways“ zurück. Der fußt ja bekanntermaßen auf dem Jimmie Rodgers-Song „My Rough And Rowdy Ways“ von 1929. Als ich dann auf expectingrain.com eine Version des Songs von Doc Watson fand, machte ich mich auf die Suche nach weiteren Interpreten des Songs. Neben späteren Countrymusikern, die sich auf Jimmie Rodgers beriefen wie Lefty Frizzell oder Merle Haggard, fiel mir ein Zeitgenosse von Rodgers auf: Bill Cox. Und da fiel mir wieder ein, den kannte ich von meinen „Musik & Politik“-Seminaren. Dieser Bill Cox, der „Dixie Songbird“, hatte zusammen mit seinem Partner Cliff Hobbs 1936 eine wunderbare Old Time Hymne auf die Wiederwahl von Franklin D. Roosevelt gesungen: „Franklin Roosevelt’s Back Again“. Er war so etwas wie ein musikalischer Botschafter des New Deal und schrieb u.a. zwei weitere Topical-Songs dazu: „The Democratic Donkey {Is In His Stall Again}“ und den „NRA-Blues“. Die „National Recovery Administration“ war eine Roosevelt geschaffene Wirtschaftsbehörde.

Ich beschäftigte mich also nochmal ausgiebig mit Bill Cox und stellte fest, dass er tatsächlich am Anfang seiner Plattenkarriere Jimmie Rodgers-Songs coverte. Seine Version von „My Rough And Rowdy Ways“ hat sogar einer CD-Sammlung von obskuren alten Country-Songs und einer weiteren Bill Cox-Kompilation als Titel gedient. Und es gibt einen Dylan-Link. In der Folge 10 in der 3. Staffel seiner „Theme Time Radio Hour“ – Titel „Famous People“ spielte Dylan den Bill Cox-Song „Fate of Will Rogers & Wiley Post“, der vom tödlichen Flugzeugabsturz des Schauspielers Will Rogers und dem Flugpionier Wiley Post handelt. Von Rogers „lieh“ sich sich übrigen Roy Rogers, der „Singing Cowboy“ seinen Künstlernamen.

Mexican Rag

Bildrechte: JSP Records


Und dann ging von Jimmie Rodgers und Bill Cox über Bücher und Kompilationen, in denen sie zusammen Erwähnung finden, ein „Link“ ab zu „Darby & Tarlton“ einem seinerzeit berühmten und vor allem stilbildenden Old Time Duo – sicher war ihr Einfluss ein Grund, warum sich Bill Cox mit Cliff Hobbs 1936 zusammentat. Und dann fand ich den „Link“ von „Darby & Tarlton“ zu Dylan. Dessen „Nashville Skyline Rag“ von 1969 lehnt sich an Darby & Tarltons „Mexican Rag“ von 1928 an. Und noch mehr: In seinen Chronicles erzählt Dylan über seine Zeit in Dinkytown, als er an der University of Minneapolis eingeschrieben war: „Ich habe jedoch Tom Darby und Jimmy Tarlton im Haus eines Vaters vor irgendwem gehört, der eine alte Platte von ihnen besessen hatte. Ich dachte immer, dass „A-wop-bop-a-loo-lop a-lop-bam-boo“ alles gesagt hatte, bis ich hörte, wie Darby und Tarlton „Way Down in Florida on a Hog“ machten. Auch Darby und Tarlton waren nicht von dieser Welt.“ Der gerade verstorbene Little Richard hatte Dylan in seiner Jugend zum Rock’n’Roll gebracht, später entdeckte er den Rock’n’Roll in der Old Time Musik.

Love And Theft
Unglaublich wie tief das Wissen Bob Dylans um die amerikanische Populärmusik in all seinen Verästelungen ist. Seit über 60 Jahren befasst er sich mit ihr. Da ist es kein Wunder, wenn man nun herausbekommt, dass Dylan bei „False Prophet“ von Billy „The Kid“ Emersons Song “If Lovin‘ Is Believing“ von 1954 sich die Melodie geborgt hat. Der Mann ist immer quecksilbrig, weiß wie in der Musik Dinge verbunden sind und wo man etwas finden kann. Und immer wieder „Love And Theft“ – Liebe aus Diebstahl.

Und deshalb sollte man sich nicht wundern, was da noch alles in den nächsten Wochen rund um Wurzeln, Bezüge und Quellen der Songs des neuen Dylan-Songs zu entdecken ist. Festwochen für Dylanologen!

Bob Dylan visits Jimmie Rodgers & The Carter Family

10. Mai 2020

„Rough And Rowdy Ways“ ist auch eine Hommage an die frühen Ikonen der Countrymusik

Bob Dylan – Rough And Rowdy Ways. Bildrechte: Columbia, Sony Music

Bob Dylan neues Album heißt „Rough And Rowdy Ways“. Im Inneren der Doppel-CD befindet sich ein Bild von Jimmie Rogers mit der Carter Family. Sie waren die ersten Stars der Countrymusik. Was hat dies miteinander zu tun hat und was bedeutet das? Nun, „My Rough & Rowdy Ways“ ist der Titel eines alten Jimmie Rodgers-Song. Dies und das Bild deuten möglicherweise auf eine besondere Inspiration Dylans für dieses Album hin, die von den Musiklegenden ausgegangen sein könnte. Dylans Karriere weist ohnehin viele Bezüge zur Musik dieser Künstler aus. Gehen wir dem doch mal ein bisschen genauer auf den Grund.

Der „Big Bang“ der Country Music
Es war der „Big Bang of County Music“ wie sich Johnny Cash auszudrücken pflegte. Als 1927 während der Auditions in Bristol, Tennessee/Virginia, die Sterne von Jimmie Rodgers und der Carter Family aufgingen. Mit ihnen fing die Countrymusik an. Der eine, Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, mischte Hillbillymusik mit schwarzem Blues und Jazz, sowie urbanem Schlager zu einer ganz wilden einzigartigen Mischung, die anderen, „The Carter Family“ aus dem Poor Valley in Virginia, sangen wie sonst niemand die alten Folk-Balladen der Appalachen und machten sie zu Hits. Während Rodgers viele ikonische Bilder des alten, gefährlichen Amerika in die Countrymusik einbrachte – „T For Texas“, „Waiting For A Train“, „In The Jailhouse Now“, konservierten die Carters die Atmosphäre des ländlichen Südens – Tradition, Armut, Arbeit, Glauben, Liebe, Hoffnung – auf Tonträgern. Beide Acts konnten durch die massenhafte Reproduktion von Tonträgern und Abspielgeräten sowie der Verbreitung der Songs im immer stärker aufkommenden Radio Ende der 1920er/Anfang der 1930er zu den ersten Popstars der Countrymusik werden.

50 Jahre später waren sie aber immer noch ursprünglich genug, Vorbilder für die jungen Folkies der frühen 1960er Jahre werden, die für die kommerzielle Nashville-Countrymusik dieser Jahre wenig übrig hatten. Auch der junge Bob Dylan hatte die frühen Countryhelden für sich entdeckt und Songs wie „Bury Me Beneath The Willow“ der Carter Family gespielt, das er über Woody Guthries Version kennengelernt haben sollte. Er nutzte die Melodie ihres „The Wayworn Traveler“ für seinen Song „Paths of Victory“ und hatte im Laufe seiner Karriere immer Songs der Carter Family wie „Little Moses“ oder „Girl From The Greenbriar-Show“ im Programm. Auch bei den Basement Tapes-Sessions waren die Songs der Carter Family, wie „Wildwood Flower“, stets präsent.

Vorbilder für die jungen Folkies
Jimmie Rodgers war für Dylan aufgrund seiner Hobo-Songs besonders interessant. Seine Songs kamen denen der „Anthology of American Folk Music“, die Harry Smith zusammengestellt hatte, recht nahe. Diese Zusammenstellung, die zwar keinen Rodgers-Song, dafür aber vier Nummern der Carter Family enthält, war auch für Dylan das reine Eldorado.

Sicher hat auch die Freundschaft zu Johnny Cash, der ja Mitte der 1960er quasi in die Carter Family eingeheiratet hatte, als er den Ehebund mit June Carter schloss, ihren Anteil an der Inspiration durch die Säulenheiligen der Countrymusik. Bei den erst im letzten Jahr offiziell veröffentlichten Dylan/Cash-Sessions von 1969 haben die beiden u.a. auch ein Jimmie Rodgers Medley eingespielt. Und bei den Sessions mit Earl Scruggs 1970 wurde mit dem „East Virginia Blues“ auch ein Song von A.P.Carter gespielt.

Bildrechte: Sony Music

Als Dylan sich Anfang der 1990er in einer Schaffenskrise befand, da half ihm explizit die Rückbesinnung auf die alten Folksongs. „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ sind die Dokumente. Mit zu dieser Rückbesinnung gehörten auch 1992 die Aufnahme-Sessions mit David Bromberg, bei denen der alte Jimmie Rodgers-Titel „Miss The Mississippi And You“ eingespielt wurde, das erst 2008 auf „Tell Tale Signs. The Bootleg Series Vol. 8“ veröffentlicht wurde.

Bob Dylan zollt Tribut
1997 erscheint auf Bob Dylans eigenem Label Egyptian Records das Tribute-Album „The Songs Of Jimmie Rodgers. A Tribute“ für das Dylan viele prominente Kolleginnen und Kollegen dazu gewinnen konnte, Songs des „Singin‘ Brakeman“ neu zu interpretieren. Darunter Van Morrison, Willie Nelson, Steve Earle, Mary Chapin Carpenter, Alison Krauss und Iris Dement. Dylan selber steuert „My Blue Eyed Jane“ bei. In den Liner Notes schreibt er: „Jimmie Rodgers ist natürlich eines der Leitsterne des 20. Jahrhunderts, dessen Umgang mit Liedern immer eine Inspiration für diejenigen von uns war, die dem Weg gefolgt sind. Ein lodernder Stern, dessen Klang die rohe Essenz der Individualität in einem Meer der Konformität war und bleibt, par excellence ohne Vergleich.“

2003 dann ein besonderes Kabinettstückchen. Er nimmt mit Mavis Staples für das Album „Gotta Serve Somebody – The Gospel Songs of Bob Dylan“ ein Duett von „Gonna Change My Way Of Thinking“ auf, das in eine kleine Rahmenhandlung eingebettet ist, die der berühmten Aufnahme „Jimmie Rodgers visits The Carter Familie“ nachempfunden ist.

Und 2012 schließlich bedient er sich für seinen Song „Tempest“ beim Motiv und bei der Melodie der Carter Family-Ballade „The Titanic“. Wieder einmal „Love And Theft“. Doch während der Song der Carter Family voller Empathie gerade für die ärmeren Schiffsreisenden der unteren Stände war, rechnet Dylan gnadenlos mit den vermögenden und hochgestellten Teilnehmern der Dampferfahrt ab, deren Geld, Macht und Waffen sie nicht vor dem Untergang des Schiffes retten kann.

Nun also rund um das neue Album zwei neue Fundstellen des besonderen Verhältnisses zu den musikalischen Urahnen. Wir dürfen gespannt sein, ob da noch mehr kommt.

Der Schatten an der Wand

8. Mai 2020

Bildrechte: Columbia, Sony Music

So mögen wir ihn: Viele Fragen rund um Bob Dylans neuen Song „False Prophet“ und sein neues Album „Rough And Rowdy Ways“.

Er hat es wieder getan. Und noch viel mehr. Erst hat er ganz im Zeitplan erneut nach drei Wochen Pause einen Song im Internet veröffentlicht. Und wenige Zeit später wird verkündet: Neues Album am 19. Juni!

Der Song „False Prophet“
Typischer Dylan. Langsamer Blues-Rock, der ein bisschen an „Early Roman Kings“ oder My Wife’s Home Town“ erinnert. Auch von der Stimme her klingt das eher wie „Tempest“ oder „Together Through Life“ als nach dem sonoren Crooner-Gesang der letzten Jahre. Auch vom Text her ist es beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Für mich persönlich sind auf den ersten Blick zwei Verse besonders interessant:

Well I’m the enemy of treason
Enemy of strife
Enemy of the unlived meaningless life
I ain’t no false prophet
I just know what i know
I go where only the lonely can go

Das ist zum einen sehr friedvolle Aussage gegenüber anderen auch in diesem Song vorhandenen Statements von Dylan. Zum anderen ist das auch der erneuerte Schwur „It Ain’t Me Babe“: „Ich bin kein Anführer, ich locke Euch nicht mit falschen Versprechungen, ich weiß nur, was ich weiß und ich gehe einen einsamen Weg.“ Die Ablehnung von Verrat und Streit führt direkt zu der anderen Strophe, die ich meine:

Hello stranger
A long goodbye
You ruled the land
But so do I
You lost your mule
You got a poison brain
I’ll marry you to a ball and chain

Wer steht derzeit weltweit für Streit und Spaltung sowie dem Verrat an amerikanischen Idealen? Richtig, Donald Trump! Ein Song, oder Teilaussagen des Songs gegen Donald Trump? Dylan hat sich öfters über die US-Präsidenten – wie 1974 mit „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ zu Nixon – geäußert. Kennedy hat er ja gerade in „Murder Most Foul“ schon in einer gewissen Form gehuldigt. Über Obama hat er sich zumindest vor dessen ersten Wahl in einem Interview lobend geäußert. Und hier kann man schon auf Trump kommen, denn – und jetzt sind wir beim Artwork – der Schatten hinter dem Tod sieht doch ziemlich nach dem amtierenden US-Präsidenten aus.

Wieder einmal hat Dylan – wie beim Album „Knocked Out Loaded“ von 1986 -das Cover eines „Schund-Roman-Heftes“ – benutzt. Das Skelett – also der Tod – ist der Original-Titelseite von „The Shadow“ vom 15. Juli 1942 entnommen. Hinzugefügt wurde der erhängte Schatten-Mann (Trump?) und die Spritze in der Hand des Skeletts. Und schon sind in der Diskussion über zwei zentrale Themen: Trump und die Corona-Krise. Spricht sich hier Bob Dylan gleichzeitig gegen Trump und gegen Impfungen aus? Der Trump-Aspekt kann sich im Song und auf dem Cover aufdrängen, von Spritzen und Impfungen ist dagegen nichts herauszulesen.

Verschiedene Dylan-Afficionados haben zudem darauf hingewiesen, dass der Song auch aus einer mephistophelischen Perspektive heraus einen Abgesang auf Gott oder Jesus Christus darstellen könnte.
Natürlich liegt in Bob Dylans Alterswerk eine religiöse Deutung immer im Bereich des Möglichen. Aber der Meister ist hier wieder einmal mehr die große Sphinx der Popkultur und eine eindeutige oder besser eindimensionale Erklärung ist bei ihm auch mit 79 Jahren nicht zu finden.

Veröffentlicht wurde dieser Song übrigens Dylans Social Media mit den Worten „What are you lookin’ at — there’s nothing to see.” Einer Zeile des Songs aus der vierten Strophe.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Das Album „Rough And Rowdy Ways“
Entgegen anderer Auffassungen, so die Meinung des Autors dieses Blogs, kommt das Album zum jetzigen Zeitpinkt überraschend, es hätte einen nicht gewundert, hätte Dylan sich nicht zu einem weiteren Longplayer aufraffen können. Dylans Handlungen sind (fast) immer überraschend, zu wankelmütig und tricky ist unser Lieblingsmusiker, wie wir in den inzwischen mehr als vierzig Jahren Anhängerschaft gelernt haben.

Das Album ist ein Doppel-Album, auch als CD, obwohl die 70:36 auch auf eine Scheibe gepasst hätten. Der Album-Titel lehnt sich an den Jimmie Rodgers-Titel „My Rough And Rowdy Ways“ an. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Album-Cover zeigt eine Tanzszene, die den Blogger spontan an einen Blues-Juke Joint erinnert haben. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, die Trennung in seiner Person aufzuheben.

Soweit also das, was wir im Moment an Infos haben. Genug, um zu spekulieren, zu wenig, um es ganz genau zu wissen. Aber das ist dich eigentlich das beste Feeling für den Dylan-Fan. Dylan legt uns was hin und wir haben einen unerschöpflichen Quell an Rätseln, Fragen und Mysterien und wir erfreuen uns am Forschen, Suchen, Deuten und Erklären.

Danke, Bob, wir haben spannende Wochen vor uns.

Black Panthers and a Hurricane

1. Mai 2020

Wie Bob Dylan sich in den 1970er Jahren für die Sache der Black Community einsetzte

Als Bob Dylan im November 1971 die Single „George Jackson“ veröffentlicht, ist die Musikwelt verblüfft. Ausgerechnet Dylan, der sich seit Mitte der 1960er Jahre ausdrücklich nicht mehr als Protestsänger verstand und sich für keine politischen Zwecke mehr vereinnahmen lassen wollte, hatte erneut einen Protestsong aufgenommen. „What The Hell?“ dachte da so mancher Musikfreund.

Also was könnte dahinter stecken? Dylan hatte sich 1965 endgültig von konkreten tagespolitischen Protestsongs abgewandt. Nicht, dass er nun keine Gesellschaftskritik mehr äußern würde. „Maggies Farm“, „It’s Alright Ma, I’m Only Bleeding“, „Subterranean Homesick Blues“ oder „All Along The Watchtower“ sind große Gesellschaftspanoramen über den Menschen in der verwalteten Welt, dem Individuum im Kapitalismus. Er tut dies aber ohne Handlungsanleitung, ohne einer Bewegung zugehörig oder gar ihr Anführer sein zu wollen.

Dylan wird zum Held der Black Panther-Gründer
Dennoch gab es Menschen, die diese Songs durchaus als Handlungsanleitung verstehen bzw. Dylans Songs wichtige Beiträge für ihre Gesellschaftsanalyse verstehen. Die linke, studentische militante Gruppe „The Weathermen“ entlieh sich ihren Namen aus Dylans „Subterranean Homesick Blues“. Noch größer war aber wohl die Bedeutung für die Black Panther. Die beiden Studenten Bobby Seale und Huey P. Newton gründeten im Oktober 1966 die Black Panther Party (BPP) im kalifornischen Oakland. Sie versuchten die Frustration und Gewaltausbrüche der schwarzen in den Ghettos umzuleiten in eine sozialistische, antikapitalistische Kampforganisation. Gleichzeitig begeisterten sich die beiden für Bob Dylans Album Highway 61 Revisited. Als sie die erste Ausgabe ihrer Black Panther-Zeitung vorbereiteten, hörten sie die Platte rauf und runter. Sicher waren die beiden große Musikfans, aber sie waren auch bereit, Dylans Worte als wichtig für ihre eigene Lage zu begreifen.

Schon der Albumtitel war in diesem Sinne ein Statement. Der Highway 61 war für die Black Community als „Freedom Road“ im kollektiven Bewusstsein abgespeichert. Die Nord-Süd-Verbindung von führte von Minnesota bis New Orleans. Sie war die Straße, entlang die Sklaven in den freien Norden flohen, sie war der Blues Highway für die schwarzen Wandermusiker und sie war der Weg in die Hoffnung auf ein besseres Leben in der „Great Migration“ in den 1940er und 1950er Jahre. Für Seale und Newton war dies ein Zeichen dafür, dass „Bruder Bobby“ der Black Community nahestand. Und noch mehr: Der Song „Ballad Of A Thin Man“ war für sie ein Gleichnis über rassistische Unterdrückung. Bobby Seale: „Man muss verstehen, dass dieses Lied verdammt viel über die Gesellschaft aussagt.“ Ihre Begeisterung ging sogar soweit, dass sie den Song auf Versammlungen über die Tonanlage erschallen ließen, bevor und nachdem sie ihre Reden hielten.

In der Folgezeit radikalisierten sich die Black Panther, trafen aber auch auf einen entschiedene Feindschaft seitens der weiß dominierten Polizeibehörden. Für FBI-Chef J. Edgar Hoover, der schon Martin Luther King überwachen ließ, waren die militanten Black Panther die größte Gefahr für die Sicherheit der USA. Das FBI verwickelte die Black Panther in einen gewaltreichen Kleinkrieg. Irgendwann schworen die Black Panther dem bewaffneten Auftreten ab und entwickelten verstärkt politische und soziale Aktivitäten in den schwarzen Wohnvierteln und versuchten eine Ausrichtung auf die schwarze Arbeiterschaft. Doch es half ihnen nichts in Bezug auf die Verfolgung durch das FBI.

George Jackson
Zu dieser Zeit radikalisierte sich auch George Jackson, ein Ex-Mitglied der Black Panther, der am 21. August 1971 bei einem Fluchtversuch aus dem St. Quentin Staatsgefängnis erschossen wurde. Jackson wurde schon früh zu Jugendgefängnisstrafen verurteilt, kam dann wegen eines bewaffneten Raubüberfalls in den Strafvollzug, setzte sich gleichzeitig dort aber auch mit den Lehren von Marx, Lenin, Trotzky und Mao auseinander. Als Persönlichkeit ist er umstritten, als Mitbegründer des radikalen Panthers-Ableger Black Guerilla Family hat er dennoch Märtyrerstatus erlangt.

Warum sang Dylan aber ein zugegebenermaßen etwas romantisierendes und poetisch durchaus auch ein bisschen leichtgewichtiges Lied über den militanten schwarzen Aktivisten? Seit 1964 hatte er keinen konkret politischen Song mehr geschrieben? Dylan sang über Jackson:

„Prison guards, they cursed him
As they watched him from above
But they were frightened of his power
They were scared of his love.
Lord, Lord,
So they cut George Jackson down.
Lord, Lord,
They laid him in the ground.“

Eine Erzählung geht so: Nachdem er seit Mitte 1966, seit seinem Motorradunfall seine Version des amerikanischen Familienidyllls lebte und sich seine Songs immer weniger mit der konkreten Lebensrealität auseinandersetzten, sah er sich möglicherweise herausgefordert, mal wieder etwas zeitkritisches zu veröffentlichen. Joan Baez hatte im November 1971 auf einer New Yorker Bühne ihre vergiftete Ode „To Bobby“ gesungen. Ihr bekannter glockenheller Sopran klang sehnsuchtsvoll, während ihre Worte aus heutiger Sicht böse und übergriffig wirken. Bobby sollte sich gefälligst einreihen und an die Spitze der Bewegung stellen. Da wurde ein heftiger moralischer Druck aufgebaut:

„Do you hear the voices in the night, Bobby?
They’re crying for you
See the children in the morning light, Bobby
They’re dying“

Eine andere Erzählung geht so: Plötzlich war A.J. Weberman auf der Bildfläche aufgetaucht. Ein radikaler, abgedrehter, völlig auf Dylan fixierter Typ, der die „Dylan Liberation Front“ gegründet hatte und versuchte mit dem linksradikalen Aktivisten Jerry Rubin und John Lennon Druck auf Dylan auszuüben, wieder politisch aktiv zu werden. Sie sahen in dem Umstand, dass Dylan am 1. August 1971 am großen Benefizkonzert für Bangladesh teilgenommen hatte, einen Hinweis dafür, dass Bobby scheinbar doch wieder in die politische Spur zurückkam. Also veröffentlichte Bob Dylan den Song sozusagen um an der „Dylan Liberation Front“ Ruhe zu haben. Beide Seiten sollten sich irren. Dylan artikulierte sich über diesen Song hinaus weiterhin nicht tagespolitisch. Während Lennon sein böses „I don’t believe in Zimmerman“ schmetterte, nervte Weberman Dylan weiter. Dylan war mit seiner Familie 1970 aus den Bergen zurück ins Greenwich Village gezogen. Webermans abgedrehter Kreuzzug führte erst zu einer handfesten Prügelei mit Dylan und endete damit, dass Dylan mit seiner Familie schließlich weit weg nach Kalifornien zog. Die Bedrohung seiner Familie und seiner selbst durch Leute wie Weberman mögen ihren Beitrag dazu haben, dass Dylan in den folgenden Jahren endgültig zu einer „hidden persona“ wurde.

Doch bleiben wir bei „George Jackson. Eine weitere Erklärung für die Veröffentlichung liest sich so: Nachdem der Black Panther-Anwalt Gerald Lefcourt in einen Schreiben Dylan gebeten hatte, ein Benefizkonzert oder ähnliche Hilfen zu geben, um die Verfahrenskosten für vor Gericht stehende Black Panther-Aktivisten aufbringen zu können, traf sich Dylan mit den Black Panthern Huey Newton und David Hilliard. Dylan veröffentlichte zwar den Song „George Jackson“, wollte aber die Panther wegen ihrer antizionistischen Haltung nicht weiter unterstützen. Dylan selber stritt es ab, dass ein solches Treffen stattgefunden hatte.

Einleuchtender scheint da die Version, die Peter Doggett in seinem Buch „There ’s A Riot Going On“ schilder. Nach der war es möglicherweise Dylans Freund und Black Panther-Sympathisant Howard Alk, der Dylan Ende Oktober „Soledad Brother“, eine Sammlung von Jacksons Gefängnisbriefen geschenkt hatte. Die Erinnerung an den Tod Jacksons am 21. August war noch frisch und die Lektüre berührte Dylan persönlich. Und inspirierte ihn rasch, den Song zu schreiben und aufzunehmen.

Für den Autor dieser Zeilen liest sich die letzte Erklärung am plausibelsten. Dylan will sich seit Mitte der 1960er nicht mehr von irgendeiner Gruppe vereinnahmen lassen. Vielleicht flirtete er eine kurze Zeit mit den Black Panther, er flirtete jedoch wirklich, aber nur für kurze Zeit, mit der „Jewish Defense League“ und er war wenige Jahre eifriger Anhänger der evangelikalen Vineyard Fellowship. Und jedes Mal war der Mechanismus der Gleiche: Dylan begeisterte sich für Menschen. Für Rabbi Meir Kahane, für George Jackson, für Mary Alice Artes. Er ist aber kein Politiker, kein Polit-Taktiker, Stratege oder Parteisoldat. Er ist Humanist, Individualist und ein eigenwilliger, kritischer Geist. Er löst sich daher auch irgendwann wieder aus Organisationen, Kirchen und Vereinigungen, wenn sie seinen humanistischen Idealen widersprechen.

Rubin „Hurricane“ Carter“
Nur wenige Jahre nach „George Jackson“ begeisterte sich Dylan wieder über die Lektüre von Schriften aus dem Gefängnis für einen Menschen. Und wieder war es ein Afroamerikaner. „The Sixteenth Round“ war die Biographie des zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, die 1974 veröffentlicht wurde. Ein Exemplar ließ er Bob Dylan zukommen, der ihn daraufhin 1975 im Staatsgefängnis von Trenton besuchte. Dylan nahm eine erste Fassung des Songs „Hurricane“ Ende Juli 1975 auf, musste den Song aber etwas verändertem Text nochmals aufnehmen, da die Anwälte seiner Plattenfirma wegen bestimmter Textstellen gerichtliche Auseinandersetzungen befürchteten. Dylan nahm den Song dann im November 1975 erneut bei den Sessions auf, die später zur Rolling Thunder Review und zum Album Desire führen sollten.

Und dieser Song „Hurrricane“ war aufrüttelnd, mitreißend und verstörend. Ein ganz anderes Kaliber als „George Jackson“. Dylan, der angebliche Meister der wagen und unverbindlichen Songpoesie, hatte es hier geschafft, zu wohlklingender, treibender Musik einen Text zu schreiben, der mit genauester journalistischer Recherche aufzeigt, wie das Lügengeflecht und die rassistischen Justiz- und Polizei-Intrigen gegen Rubin Carter gesponnen wurden. Er setzte damit genau das um, was er einmal seinem Sangeskollegen Phil Ochs vorgeworfen hatte. Der wäre gar kein Sänger, sondern Journalist. Dylan wandte sich mit großer Eindrücklichkeit und Entschiedenheit gegen die Rassen-Justiz in den USA.

Wie Dylan aber seine Recherche künstlerisch aufarbeitete- unterstützt vom Off-Broadway-Regisseur Jaques Levy – war grandios. Die schon erwähnte mitreißende Melodie bildet den Hintergrund für großartige dramatische Literatur. Wie ein Bühnenstück wie ein Film-Drehbuch breitet Dylan die Geschichte vor uns aus. Dylans Song war zentraler Bestandteil von Desire und der Konzerte der Rolling Thunder Review. „The Night Of The Hurricane“, das Benefiz-Konzert im Madison Square Garden bei dem auch Muhammad Ali für Carter eintrat, beendete die Tour.

Rubin „Hurricane“ Carters Kampf gegen diese Justizwillkür sollte viele Jahre dauern. Dylan hatte das Lied gemacht, und. Doch es nutzte nichts, 1976 wurde die Revision abgelehnt. Erst 1985 wurde er – fast zwanzig Jahre nach dem Fehlurteil von 1967 – frei gesprochen. 2000 erschien dann ein Hollywood-Film mit Denzel Washington als „Hurricane“ in dem natürlich auch die Dylan-Geschichte und der Song vorkommen.

Dylans Empathie für die Black Community
Den Song hat Dylan seit der „Night Of The Hurricane“ nie mehr gesungen. Und dennoch bleibt er als einer seiner größten Hits unvergessen. Im Gegensatz zu „George Jackson“. Den hat er nie live gesungen und über den ist mittlerweile viel Gras gewachsen. Auch wenn seine Qualität sicher umstritten ist, als Zeichen der Empathie Dylans für die Lage der Afroamerikaner in den USA, ist er ein ganz wichtiger Schlüssel zum Verständnis für Dylans Beziehung zur Black Community.

Wie Dylan dann ab Ende der 1970er ganz persönlich einen sehr engen Austausch mit der Black Community hat, ist dann aber wieder eine andere Geschichte.

Kinderlieder für Gabby Goo Goo

28. April 2020

Vor 30 Jahren: Bob Dylans 1990er Album „Under The Red Sky“

Das wär‘ auch mal eine Disziplin. Weißt Du noch, wo Du das Bob Dylan-Album „XY“ gekauft hast? Ich gebe zu, sicher nicht bei allen wüsste ich es noch. Ganz sicher weiß ich, dass ich die Greatest Hits Musicassette bei Radio Wilms in Darmstadt-Eberstadt erworben habe. Wow, das war subversiv! Aber bitte, ich war auch erst 13 Jahre alt. Die „Desire“ habe ich als LP beim Kaufhof in der Darmstädter Innenstadt erworben. Sehr günstig, eine israelische Pressung. Aber bei anderen fällt es mir einfach nicht ein.

Support your local dealer: Ralphs Records vs. Uli’s Musicland
Bei „Under The Red Sky“ dagegen weiß ich es noch. Bei Ralphs Records in der Helia-Passage. Die etwas gediegenere Variante von Plattenladen im Vergleich zum jedoch als „kultiger“ gehandelten Uli’s Musicland“ nur ein paar Schritte weite in der Passage, die kurze Treppe runter. Da kaufte ich mir Konzertkarten, aber so lustige Sprüche vom mittlerweile leider verstorbenen Inhaber Axel wie „Wer ist der berühmteste Bob? Der Zweier-Bob“ waren als junger Dylan-Fan nicht so mein Humor.

Wie auch immer, „Under The Red Sky“ kaufte ich mir bei Ralph und wenn ich mich heute erinnere und jetzt wieder höre – mir gefiel die Platte gar nicht so schlecht. „Under The Red Sky“, „Unbelievable“ – im Musikfernsehen lief der Video dazu, in dem Dylan einen Chauffeur spielte – und natürlich „Born In Time“, das für mich immer noch in einer Reihe mit „I’ll Remember You“ und „Make Me Feel My Love“ steht, waren meine Favoriten. „Handy Dandy“ fand ich noch ganz nett, auch „God Knows“, obwohl er jetzt doch wieder auf den Herrn zurückkam. Diese Phase bei ihm hatte ich doch eigentlich schon überstanden. „TV-Talking Song“ war auch gar nicht so schlecht, wenn ich es auch inhaltlich ziellos fand und die Pointe in „Black Diamond Bay“ schon mal besser gehört hatte. Mit „10.000 Men“ und „Cat’s In The Well“ konnte ich überhaupt nicht viel anfangen, während ich „2×2“ ganz hübsch, aber für Dylan-Verhältnisse fast schon zu gefällig fand. Eine Absage an den Hippie-Traum seiner Generation, konnte ich irgendwo lesen. Wirklich? Hmm? Was wollte er uns sagen? Ein kindlicher Abzählreim? Doch das schlimmste war natürlich „Wiggle, Wiggle“. Da stürzten sich natürlich alle drauf, für die Dylan ein großer „has been“ war. Der Songpoet ergeht sich auf diesem Album in Kinderreimen und Wackel-Wackel-Bilder.

Abzählreime und kindliche Bilder
Und in der Tat. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger „Oh Mercy“ fehlte dem Album sowohl die Tiefe und die konzeptionelle Dichte, als auch das geheimnisvoll-flirrende. „Oh Mercy“ atmete den geheimnisvollen Geist von New Orleans. „Under The Red Sky“ wirkte wie eine unfertige Songsammlung, die musikalisch von nicht so richtig glücklichen Produzenten (Don Was, David Was und Jack Forst alias Dylan himself) mit Hilfe vieler Gaststars – David Crosby, George Harrison, Elton John u.v.m. – aufgemotzt wurde.

Dylan selbst sah die Defizite des Albums und schob sie in Interviews auf seine Tourverpflichtungen und die zeitgleiche intensive Zusammenarbeit mit den Traveling Wilburys. Und dennoch war „Under The Red Sky“ für mich nicht ganz so schlecht wie alle meinten. Ich hatte die guten Songs genannt. Aber vor allem es war für mich das richtige Album zur richtigen Zeit und „Born In Time“ war Soundtrack so mancher romantischer Stunde. Soll keiner sagen, Dylan hätte einem nicht auch immer irgendwas Passendes zur eigenen Lebenslage mitgegeben.

Doch die Kritik war unerbittlich. Warum singt ein Bob Dylan über „Wiggle, Wiggle“, in dem eine „Big Fat Snake“ vorkommt. Abgesehen vom „Swine“, dass sich auf „Vine“ reimt und vom „Land Of Milk And Honey“ in „Unbelievable“. Oder das Kindermärchen von „Under The Red Sky“: „There was a little boy and there was a little girl…One day the little boy and the little girl were both baked in a pie“. Oder der Abzählreim von „2×2“. Zeitgleich sang er doch hier so starke Stücke wie „Born In Time“ oder schrieb für die Traveling Wilburys „Tweeter And The Monkeyman“ oder „Dirty World“.

Vielleicht eines seiner menschlichsten Alben
Abgesehen davon, dass uns die durchaus nicht geglückte Produktion des Albums nicht die Sicht auf grundsätzlich gute Songs verstellen sollte: Es war schon eine Art Sammelsurium von Songs, die entweder noch aus „Oh Mercy“-Beständen kamen – „God Knows“ und „Born in Time“- oder die erst später erschienen wie „Alice Don’t Live Here Anymore“ (aber nicht von ihm, sondern von Don Was gesungen) oder „Heartland“, dass dann drei Jahre später als Duett mit Willie Nelson veröffentlicht wurde. Es gab kein kohärentes Konzept für ein ganzes Album. Da – aber nicht in der Güte der Einzelsongs- setzte das Album den unguten Weg von „Knocked Out Loaded“ und „Down In The Groove“ aus der zweiten Hälfte der 1980er fort, der nur von „Oh Mercy“ so überraschend genial unterbrochen wurde.

Aber wenn das Album gleichsam in Teile und Stücke auseinanderfällt, was hat es dann mit den kindlichen Songs und Bildern auf sich? Damals konnte sich das keiner erklären. Sicher, er hatte mit „Man Gave Names To All Animals“ schon mal ein Kinderlied aufgenommen. Und er hatte im Folgejahr 1991für das Disney-Album „For Our Children“ das alte Kinderlied „This Old Man“ beigesteuert. Wurde der Mann jetzt einfach kindisch?

Songs for Desiree Gabrielle
Erst mehr als 10 Jahre später, im Jahre 2001 deckte Biograph Howard Sounes auf, dass Bob von 1986 bis 1992 mit seiner früheren Background-Sängerin Carolyn Dennis verheiratet war. Mit ihr hat er ein Kind. Desiree Gabrielle Dennis-Dylan. Und jetzt war vielen die Widmung auf dem Album klar:“For Gabby Goo Goo“. Seiner damals vierjährigen Tochter hatte er dieses Album gewidmet und sie mag er bei vielen Songs um Sinn gehabt haben. Die kindliche Vorstellungs- und Erfahrungswelt, die so wunderbar kompatibel ist mit sich austoben – „Wiggle Wiggle“ – den Märchen – „Under The Red Sky“ und den vielen Tieren, die in den Songs vorkommen.

Ein höchst menschlicher Zug eines Vaters, der seinen Ruf als Songpoet ankratzt, um diese Songs zu singen und aufzunehmen. In diesem Sinne ist „Under The Red Sky“ vielleicht nicht das Beste aber sicher eines der menschlichsten Alben Bob Dylans. Und bis heute immer noch eine Art Ersatz. Denn Bob hatte immer mal wieder von einem Album mit Kinderliedern gesprochen. Schließlich gibt es das von anderen Ikonen der amerikanischen Musik wie Woody Guthrie, Pete Seeger und Johnny Cash durchaus. Doch immerhin hat uns Dylan vor einigen Jahren ein Weihnachtsalbum beschert. Auch hier wieder mit dem Ergebnis, durchaus auch Spott zu ernten. Doch Bob bleibt Bob und macht immer sein Ding.

Wie vor 30 Jahren mit den Songs für Gabrielle auf „Under The Red Sky“.

Bob Dylan: „Unbelievable“