Love Songs

9. Februar 2018

Woody Guthrie Tribute in Darmstadt

Dreimal hat nun schon ein Musikernetzwerk aus dem Rhein-Main-Gebiet mit großem Line-Up die Songs des anderen Amerika auf die Bühne gebracht. Was aus der Wut über die Präsidentschaft Donald Trumps zum ersten Mal im Januar letzten Jahres bei „Americana im Pädagog“ unter dem Titel „Love Songs Für The Other America“ so hervorragend angenommen wurde, ist in diesem Jahr beim großen Woody Guthrie-Tribute erneut im Darmstädter Pädagogkeller und mit den „Love Songs For Freedom & Equality“ im Frankfurter „Bett“ fortgeführt worden. Zweimal ausverkauftes Haus im Darmstädter TIP und ein gut gefülltes „Bett“ zeigen: Die Lieder treffen den Nerv der Menschen.

In Zeiten, in denen Autokraten und Rechtsextreme auf dem Vormarsch sind und die SPD – bzw. besser gesagt ihr Führungspersonal – die Partei inhaltlich nicht erneuern will (Absolute Ignoranz gegenüber den politischen Ansätzen von Jeremy Corby, Bernie Sanders oder den portugiesischen Sozialisten) – und sich stattdessen mit dem „Weiter so!“ mit ein paar Pflastern auf den neoliberalen Wunden in eine erneute großen Koalition flüchtet, sind die Lieder für eine andere, bessere und gerechtere Gesellschaft aktueller denn je.

Sichtlich ergriffen und bewegt lauschen die Menschen der Musik und geduldig und interessiert hören sie dann im Pädagogkeller und im Bett auch den Vorträgen zu. Wissend, dass diese Musik für etwas steht. Für eine Haltung, für eine gesellschaftliche Sichtweise, die eben auch ausgesprochen werden muss, genauso wie es sich lohnt auf die Umstände der Entstehung dieser Songs hinzuweisen. Die Linie führt von den Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Kentucky über die gewerkschaftliche Organisierung in den 1930er und 40er Jahren und den Songs gegen Kriegstreiberei und Rassismus aus den 1960ern bis zu den heutigen Liedern gegen Sexismus und Umweltzerstörung. Der enthemmte Kapitalismus hat für kein Problem dieser Zeit eine Lösung, denn er ist ihre Ursache.

Musikalisch sind die Konzerte vom feinsten. Da treffen „alte“ Fahrensleute von Folk und Americana in Deutschland wie Markus Rill, Wolf Schubert-K. und Helt Oncale auf Newcomer wie Brian Kenneth oder Dana Maria. Allen gemeinsam ist das Americana als ihr musikalischer Ausdruck. Country, Blues, Folk, Gospel. Harmoniegesang, Fiddle, Banjo. Fingerpicking und Gitarren-Duelle. Liebe und Respekt für alte und neue Songs. Dazu eigenes Songwriting auf höchstem Niveau. Da tut sich was in der deutschen Americana-Szene! Verbreiten wir es weiter, lassen wir nicht locker. Wir sind auf dem richtigen Weg!

Mandoline Orange

9. Februar 2018

Photo by Scott McCormick

Es war ein ganz feines, ruhiges, intensives, wunderschönes Konzert, das Mandoline Orange da vor wenigen Tagen in der Frankfurter Brotfabrik gespielt haben. Andrew Marlin und Emily Frantz sind seit 2009 als Duo unterwegs, ihre Folkmusik fußt auf Mountain Music und Bluegrass ihrer Heimat North Carolina.

Ihre Musik war auch an diesem Abend nie schnell, sondern langsam und höchstens Midtempo. Aber instrumentell und vom Songwriting her auf höchstem Niveau, und daher keine Sekunde langweilig. Insbesondere Andrews Mandolinen- und Emilys Geigenspiel verzaubern, verzücken und entführen die Hörerinnen und Hörer. Sie verstehen es, gut eineinhalb Stunden das Publikum in der gut gefüllten Brotfabrik auf eine melancholische Reise mitzunehmen.

Sie spielen dabei eine ganze Menge Songs ihres aktuellen Albums „Blindfaller“. Das großartige „Wildfire“, die traurige Ballade über die ewige amerikanische Wunde Bürgerkrieg oder „Gospel Shoes“ über die Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken. Die Magie, die sich an diesem Abend aufbaut, beruht auch auf der engen musikalischen Verbindung von Andrew und Emily, die im Zusammenspiel beinahe blind harmonieren. Ihr wunderschöner Harmoniegesang – auch eine Appalachen-Tradition – ist dann das Sahnehäubchen auf dem großartigen Vortrag.

Und als sie dann wiederkommen, nachdem die Rausschmeißermusik schon gestartet wurde, und die vielleicht schönste Coverversion von Bob Dylans „Boots Of Spanish Leather“, die man je gehört hat, dem Publikum zum Abschied mit auf den Weg geben, kann dieses Konzert dann endgültig nur mit dem Begriff „legendär“ bezeichnet werden. Wer dabei war kann sich glücklich schätzen!

Yannick Monot: Cajun und Zydeco

3. Februar 2018

Cajun ist die Musik der französisch-stämmigen Bewohner Louisianas, Zydeco ihre Fusion mit afro-kreolischer Musik. In Deutschland hat sich Yannick Monot um ihre Popularisierung verdient gemacht. Sein neues Album „Encore On Tour“ ist absolut hörenswert.

Yannick Monot, Foto: Promo

Cajun ist die ganz eigentümliche Volksmusik der französisch-stämmigen Einwohner Louisianas, der Cajuns. Gepaart mit afro-kreolischer Musik wird sie zum Zydeco. Kaum ein anderer Musiker hat sich um die Popularisierung in Deutschland so verdient gemacht wie Yannick Monot.

Anfang der 1970er entdeckte der Bretone und Weltenbummler Monot diese Musik für sich. 1976 gründete er dann in Deutschland seine erste Cajun-Band mit dem Namen „Le Clou“. 1987 folgte dann das Bandprojekt „Yannick Monot & Nouvelle France“. Der amerikanische Cajun-Sänger Johnnie Allen sagte damals über ihn: „Mein Freund Yannick Monot erweist sich als echter europäischer Botschafter des Cajun & Zydeco. Unsere Österreich-Tour war ein Riesenerfolg. Das Publikum hat ihn geliebt.“

Und in der Tat: Es ist schon verdammt schwer, den schnurrbärtigen, temperamentvollen Musiker nicht zu mögen. Ob auf der Bühne oder im Studio: Seine sympathische und beschwingte Art öffnet die Herzen für seine Musik. Mit „Encore On Tour“ hat er vor kurzem anlässlich des 30-jährigen Bühnenjubiläums der Formation ein packendes Live-Album veröffentlicht. 11 Songs sind darauf, die die ganze Bandbreite der Musik von „Yannick Monot & Nouvelle France“ darstellen. Cajun-Walzer, Two Steps, aber auch Zydeco und Blues. Sowohl Standards dieser Musikrichtungen, als auch Eigenkompositionen. All das haben die Jungs um Yannick Monot drauf.

Und wie sie das haben! Auf dem Live-Album spürt man förmlich wie Monot und seine Mitstreiter Michael Schmelzer (Schlagzeug), Eckehard Limberg (Geige, Gesang), Fred Böhle (Gitarre Gesang) und Gerd Vieluf (Bass) das Publikum einfangen und mit auf die Reise von Kanada – da wo die Cajuns ursprünglich lebten, bevor sie von den Briten dort vertrieben wurden – bis in die Sümpfe von Louisiana und in die Metropole New Orleans nehmen.

Es ist ein großartiges „Gute Laune-Album“ und macht Appetit auf mehr. Und das ist auch gar nicht so schwierig. Denn Yannick spielt immer irgendwo. Ob mit Nouvelle France, im Duo mit Helt Oncale, im International Cajun Trio (hier stößt Biber Herrmann dazu) oder mit der Louisiana Band – Yannick Monot ist immer unterwegs als Botschafter für Cajun & Zydeco.

Das Album ist zu beziehen über die Webseite http://www.yannick-monot.de.

„Street Rock“: Hip Hop und Protestkultur

19. Januar 2018

Die Themen „Protestsongs“ und „politische Lieder“ werden mich das ganze Jahr über begleiten. Nach dem großen Woody Guthrie-Tribute in Darmstadt und den „Lovesongs For Freedom & Equality“ am 27. Januar im Frankfurter „Bett“ später im Jahr u.a. auch wieder bei Seminaren für die Volkshochschule Darmstadt und die Fridtjof Nansen-Stiftung.

Die amerikanische Folkmusikerin Ani DiFranco hat in einem starken Interview für die Zeitschrift „Folker“ u.a. auch gefordert, „unsere Vorstellung von dem zu erweitern, woher die Protestkunst kommt“ und damit auch viele Hip Hop-Künstler gemeint.

Hip Hop als emanzipatorische Bewegung gegen Ungleichheit und Rassismus
Und in der Tat viele denken bei Hip und Rap leider vor allem an Goldkettenbehängte „Gangsta“-Rapper, die voller Stolz ihre Gewaltbereitschaft, ihre Geldgeilheit und ihre Frauenfeindlichkeit zur Schau stellen. Dies ist der tragische Teil der Geschichte des Hip Hop, der eigentlich als emanzipatorische Bewegung gegen soziale Ungleichheit und Rassismus in den schwarzen Ghettos Ende der 1970er entstanden ist und so etwas wie eine Nachfolge des Black Power Soul & Funk der frühen 1970er Jahre war.

Das Musikbusiness ist aber oftmals unerbittlich und hat vorwiegend das Vermarktungsinteresse im Blickpunkt. Und als man in den 1990er Jahren bemerkte, das die simpleren, Gewalt, Obszönität und Kriminalität verherrlichenden Rap-Texte sich bei Jugendlichen besser verkaufen ließen, als anspruchsvollere und gesellschaftskritische Texte, da baute sich jedes Label seinen „Gangsta“ auf und man förderte die Konkurrenz im Plattenverkauf und in der Fan-Community durch eine mal inszenierte, mal echte, mal richtig mörderische Konkurrenz im echten Leben. Anstatt sich kollektiv für die gesellschaftliche Gleichheit der Schwarzen in den USA einzusetzen, bedienten die Gangsta-Rapper weiße Vorurteile und boten dem weißen Publikum gleichzeitig das altbekannte ambivalente Faszinosum des „animalischen Schwarzen“. Das Musikbusiness hatte die gesellschaftskritische Wurzel des Hip Hop zumindest phasenweise erfolgreich getilgt.

Mittlerweile ist der absolute Siegeszug des Gangsta-Rap längst gebrochen und die Hip Hop Kultur als soziale Protestbewegung wieder in den Vordergrund gerückt. In den USA zieht sich eine Linie von Kurtis Blow über Public Enemy, Arrested Development und den Black Eyed Peas hin zu aktuellen Acts, die immer wieder den Hip Hop gesellschaftskritisch und nicht hedonistisch begründen. In dieser Art hat sich auch eine Spielart von Hip Hop in den französischen Banlieues von Paris und Marseille etabliert.

Trifft der „Hip Hip-Godfather“ den „Songwriter-Papst“
Hip Hop ist heute eine globale Musik und daher ihr Einfluss auf andere Musikgenres beträchtlich. Da passt es doch, nochmal in die frühen Jahre des Hip Hop zu gehen und an eine besondere Zusammenarbeit zu erinnern. Kurtis Blow, „Godfather“ des Hip Hop und Bob Dylan haben 1986 zusammen einen Song namens „Street Rock“ aufgenommen. Bob Dylan, der ja 1965 mit „Subterranean Homesick Blues“ einen Song aufgenommen hat, der durchaus Rap-Gesang-Qualitäten hat und gleichzeitig immer noch als Protestsänger wahrgenommen wird, scheint für Kurtis Blow ein Wunschpartner für diesen „Protestsong“ gewesen zu sein. Gleichzeitig war Bob Dylan in den 1980er Jahren sehr an der neuen Sprechgesangspoesie interessiert. Während für viele Dylan-Afficionados dieses Duett als Symptom von Dylans künstlerischer Krise in den 1980ern angesehen wird , halte ich es für eine Verbeugung Dylans vor dieser afroamerikanischen Musikkultur und bestätigt für mich wieder einmal seine offene und interessierte Haltung gegenüber allen Musikstilen, die ihn seit jeher ausgezeichnet hat.

Hören wir hier also nun „Street Rock:

Eine offene Wunde, die immer wieder neue Schmerzen schafft

14. Januar 2018

Sklaverei und Rassismus konstituieren Amerikas Gesellschaft bis heute: Drei Bücher zum Thema

Sie sind offene Wunden Amerikas und konstituieren die US-Gesellschaft bis heute: Sklaverei und Rassismus. Drei Bücher, die davon handeln, sollen hier kurz vorgestellt werden. Drei Bücher zu wechselnden Themen, aus wechselnden Genres, die aber dennoch untergründig verbunden sind: In einer Erzählung über die Rassenbeziehungen in den USA, die von der Zeit der Sklaverei bis kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg über die gewalttätigen Rassenunruhen Ende der 1960er Jahre bis in die jüngste Vergangenheit reichen.

Underground Railroad
„Underground Railroad“ war einer der literarischen Überraschungserfolge der letzten Jahre. Die „Underground Railroad“ war im 19. Jahrhundert ein konspiratives Fluchthilfesystem, das versuchte, geflohene Sklaven in die nicht sklavenhaltenden Staates des Nordens gelangen zu lassen. Wobei „Railroad“ nur ein bildlicher Begriff war. Autor Colson Whitehead erzählerischer Coup ist es nun, diesen Begriff ganz wörtlich zu nehmen und so zu tun, als hätte es tatsächlich geheime Tunnel und Eisenbahnanlagen gegeben. Seine Protagonistin, die Sklavin Cora, flieht mit Hilfe der geheimen Eisenbahn über mehrere Stationen nach Norden. Ausgehend von der Grausamkeit auf der Plantage in Georgia geht es ins vermeintlich liberalere South-Carolina, das allerdings nur eine „fürsorglicher Rassismus“ ist und ebenfalls keine Perspektive. Und so schlägt sie sich weiter durch – Station für Station. Überall gibt es hilfreiche Menschen, aber die Mehrheit der Weißen denkt rassistisch und ist grausam. Einmal muss sich Cora auf dem Dachboden eines Abolitionisten verstecken und gleichzeitig tägliche Hinrichtungen von unbotmäßigen Schwarzen und weißen „Negerfreunden“ mitanschauen. Dabei bemerkt sie wie gespalten die Familie eigentlich ist und so wird das sie beherbergende Ehepaar von der Tochter verraten, in Angst und Verzweiflung entzweien sich die Eheleute und werfen sich gegenseitig die Alleinschuld vor, sterben aber letztendlich zusammen in den Flammen. Cora wird von dem sie schon lange verfolgenden Sklavenjäger verschleppt, doch wieder kann sie fliehen, diesmal mit Hilfe von jungen Schwarzen. Sie lebt später in einer Art schwarzen Freistaat. Hier scheint die Befreiung möglich, aber auch dieses emanzipatorische Projekt inmitten der Sklavenhaltergesellschaft wird gewaltsam ausgelöscht. Am Ende ist sie über den Norden auf den Weg nach Kalifornien in eine ungewisse Freiheit.

Whitehead schafft Spannung, Beklemmung und Schrecken durch Atmosphäre. Grausamkeiten schildert er dezent, aber dadurch umso verstörender. Das Buch zeigt frank und frei und ohne falsche Beschönigung die ganze grausame Realität des Rassismus in den USA. In den Sklavenhaltergesellschaften des Südens wurde die Wunde zugefügt, die bis heute schmerzt.

Hard Revolution
Wie scheinbar an der Oberfläche der Rassismus zurückgedrängt wird, aber weiter lebt und in bestimmten Situationen es auch wieder zu ganz offenen brutalen Rassenunruhen kommt, erzählt George Pelecanos Krimi „Hard Revolution“, der in Washington 1968 spielt. Erzählt wird aus der Perspektive der kleinbürgerlich-proletarischen Schichten – weiß wie schwarz- der Bundeshauptstadt. Der junge schwarze Polizist Derek Strange steht für den vermeintlichen gesellschaftlichen Aufstieg der Schwarzen in der Stadt. Seine Mutter ist Putzfrau, sein Vater arbeitet in einem Imbiss. Sein Bruder Dennis gerät mit seinen schwarzen Freunden auf die schiefe Bahn. Der andere Erzählstrang berichtet von einer weißen Gruppe von Kleinkriminellen und Gelegenheitsarbeitern.

Auch dieser Roman ist atmosphärisch dicht. Der alltägliche Rassismus der Weißen wird ebenso wenig ausgespart wie die Konflikte innerhalb der Black Community um den richtigen Weg zur gesellschaftlichen Emanzipation. Dazu erfährt man ganz nebenbei einiges über die Musik der damaligen Zeit. Den Rock’n’Roll, den Soul. Und Schwarz und Weiß lebt in einer Art „Burgfrieden“ zusammen, denn unter der Oberfläche ist nichts geklärt, lebt der Rassismus weiter. Alles gerät aber ins Wanken, als die Ermordung Martin Luthers Kings zu Gewaltexzessen und Plünderungen führt. Und sich die Einsicht einstellt, dass auch nach überstandenen Unruhen nichts, aber auch gar nichts gelöst ist.

Black And Proud
Ein ganz anderes Buch ist James McBrides „Black And Proud. Auf der Suche nach James Brown und der Seele Amerikas“. Eines das auf beste Art und Weise Musikgeschichte mit Gesellschaftsgeschichte verknüpft. Wer sich hier eine stringente, chronologisch erzählte Musikerbiographie vorstellt, wird enttäuscht. McBride, einer der wichtigsten US-Autoren der Gegenwart begibt sich auf die Reise in die Heimat des Superstars James Brown, ins konservative ländliche Amerika der Südstaaten. Hier im Rassismus, der heute mancherorts subtiler aber nicht weniger ausgrenzend gelebt wird, hier im Armenhaus der USA, liegen viele der Ursachen, warum James Brown so geworden ist, wie wir ihn kennen, respektive glauben zu kennen.

Denn kaum einer kannte James Brown wirklich. Er war ein begnadeter Musiker, einer der Millionen Dollar an arme Kinder, gleich welcher Hautfarbe, vermachen wollte. Der Menschen förderte und einen hohen Arbeitsethos hatte. Aber er war janusköpfig: Eigensinnig, verletzend, nicht zimperlich im Umgang mit seinen Bandmitgliedern, er führte ein diktatorisches Regiment. Viele, die mit ihm gearbeitet haben, möchten von diesen Seiten Browns nicht erzählen, aber merkt ihnen deutlich die Verletzungen an, die er ihnen zugefügt hat.

Den sozialen Aufstieg durch Geld hatte Brown total verinnerlicht, ebenso das Misstrauen gegenüber allen, die Einfluss auf seine Geschäfte nehmen könnten. Er wusste um den Rassismus, der ihn noch nach seinem Tod als irres Faktotum durch manche Biographie taumeln ließ. McBride räumt hier gleich mit mehreren Legenden auf, ohne Browns schwierige Art auszublenden.

Umso tragischer, dass Browns Plan, nach seinem Tod sein Erbe in eine Stiftung für benachteiligte Kinder anzulegen, von habgierigen Verwandten und deren ebenso habgierigen Anwälten völlig torpediert wurde. Auch so eine typisch amerikanische Geschichte.

Und doch, so John McBride, hat James Brown auch mehr als 10 Jahre nach seinem Tod noch immer eine starke Rolle als Identifikationsfigur für die Black Community in den USA. „I’m Black And Proud“ erfüllt sie immer noch mit Stolz, gerade in den unsicheren Zeiten der Trump-Administration.

Colson Whitehead, Underground Railroad, 24 Euro
George Pelecanos, Hard Revolution, 24 Euro
James McBride, Black And Proud, 20 Euro

Vor 50 Jahren: Die Geburt des „Americana“

28. Dezember 2017

Bob Dylan 1967, Foto: Sony Music/ Elliott Landy

„The Basement Tapes“, „John Wesley Harding“ und „Music From Big Pink“ veränderten 1967 und ’68 die Musikgeschichte.

Wenn nun das Jahr wechselt und aus 2017 so langsam 2018 wird, dann lohnt es, sich als Musikfreund an die Zeit vor 50 Jahren zu erinnern. Denn damals wurde Musikgeschichte geschrieben. Denn wenn Ausnahmemusiker zusammenkommen und sich gegenseitig befruchten, dann entsteht sehr oft etwas Neues, so noch nie Dagewesenes. So auch im Zeitraum vom Frühjahr/Sommer 1967 bis zum Sommer 1968 als Bob Dylan und „The Band“, vormals „Levon and The Hawks“, nichts weniger als das „Americana“ erfunden haben.

Dylan findet mit „The Hawks“ eine Tourband
Während 1966 Dylan der junge Folk-Rock-Hipster mit Protestsong-Vergangenheit war, spielten die „Hawks“ vorwiegend Rhythm & Blues und Rock’n’Roll in abseitigen Clubs und Spelunken. Als Dylan dann für seine Welttournee 1966 eine Begleitband suchte, fand er die „Hawks“, ehemals Begleitkapelle des kanadischen Rockers Ronnie Hawkins. Wochenlag ließen sie sich von den Zuschauern für ihren Folk-Rock beschimpfen, dann stieg Drummer Levon Helm entnervt aus. Höhepunkt des Kampfes von Dylan mit seinem Publikum war dann der berühmte „Judas!“-Ruf in der Manchester Free Trade Hall.

Doch die Scharmützel mit seinen Fans, die Knochenmühle des Tournee-Zirkus und die vielen Mittelchen mit den versucht wurde, Kreativität und Schaffenskraft trotz der enormen Belastungen aufrecht zu erhalten, forderten ihren Tribut. Im Sommer 1966 war Dylan physisch und seelisch ein Wrack. Und sein Manager Albert Grossmann hatte schon wieder eine umfangreiche Tour zusammengestellt. Dylans Motorradunfall am 29. Juli 1966 war da die willkommene Gelegenheit, für eine Weile aus diesem Rattenrennen auszusteigen.

„The Basement Tapes“
Gut eineinhalb Jahre trat Dylan nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Es dauerte fast ein Dreivierteljahr bis Dylan wieder Spaß bekam regelmäßig zu musizieren. Aber dann richtig: Vom Frühjahr bis Herbst 1967 verbrachte er jeden Tag viele Stunden mit den „Hawks“ – Levon Helm war jetzt wieder mit von der Partie – und sie spielten alles was sie kannten aus Folk, Country, Blues und Rock’n’Roll. Mehr als hundert Songs schnitten sie mit. Neben der Beschäftigung mit vielen Standards begann Dylan auch wieder Songs zu schreiben. Es entstanden Klassiker wie „You Ain’t Goin‘ Nowhere“, Quinn The Eskimo“ This Wheel’s On Fire“ und natürlich „I Shall Be Released“.

Textlich war für Dylan die surrealistische Songpoesie obsolet. Die Texte waren wieder einfacher zu rezipieren, erzählten Geschichten oder Parabeln, waren weniger bildhaft, aber dafür viel stärker aus amerikanischer Überlieferung – sowohl aus Alltags- wie aus Mythenwelt – gespeist. Da ist kein Shakespeare mehr „in the Alley“ und kein Einstein, kein Ezra Pound und kein Robin Hood. Da treten stattdessen Lastwagenfahrer auf, Trinker und Müßiggänger oder eine fette „Mrs. Henry“. Teils ist die Stimmung ausgelassen wie bei einer Vaudeville-Show, dann wieder bizarr oder pathetisch. Man erzählt sich beim Wäsche aufhängen davon, dass der Vizepräsident durchgedreht sei. Oder vergleicht die Geburt der amerikanischen Nation am 4. Juli mit der Geburt des eigenen Kindes. Dylan und The Band verorten sich zutiefst in Amerika. Indem sie schwarze und weiße Musik spielen, verorten sie sich aber auch ganz im „Americana“, der Musik des Amerikas, das an den Traum vom Land, das allen die Möglichkeit gibt, ihr Glück zu finden, glaubt. Und nicht an ein Amerika der Rassenschranken oder der Konzerne. Die Songs, die bei den Basement Tapes entstanden sind, sind allesamt amerikanische Klassiker, mögen einige auch eher Dylan’sche Nebenwerke sein wie „Odds And Ends“. Lo And Behold“ oder „Million Dollar Bash“.

Veröffentlicht wurden Songs der Basement Tapes zuerst von Dritten. Denn weder Dylan noch „The Band“ planten eine Veröffentlichung der Bänder. Schon im Oktober 1967 wurde ein Demoband mit 14 Aufnahmen zusammengestellt, über den Musikverlag Dwarf Music zum Copyright angemeldet und anderen Musikern als Demos angeboten. Die ersten, die Coversongs aus diesem Material erstellten waren Peter Paul & Mary („Too Much Of Nothing“), Manfred Mann, der aus dem eher spröden „Quinn, The Eskimo“ das schmissige „Mighty Quinn“ machte und damit einen Superhit produzierte, Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, die „This Wheel’s On Fire“ einspielten, sowie die Dylan-Apologeten „The Byrds“, die nach dem „Folk-Rock“-Urknall “ „Mr. Tambourine Man“, nun mit ihrer Version von „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ auch als Mitbegründer des Country-Rock in die Popmusikgeschichte eingingen. Erst 1975 sollten Rudimente der Basement Tapes veröffentlicht werden, 2014 erschienen dann die kompletten Basement Tapes und es wurden unter dem Titel „The New Basement Tapes: Lost On The River“ Songtexte von Dylan aus dieser Zeit von Künstlern wie Rhiannon Giddens und Marcus Mumford unter der Regie von T-Bone Burnett neu vertont.

John Wesley Harding
Dylan, der 1966 noch als Rock-Avantgardist die Rockmusik erwachsen und bedeutungsschwer gemacht hatte, erdete sich gerade ein Jahr später mit den Basement Tapes neu, indem er noch einmal ganz bewusst zurück zu den Wurzeln ging. Als er am Ende aus dem Keller wieder hoch stieg war ein anderer Künstler. Seine folgenden Platten John Wesley Harding und Nashville Skyline dokumentierten seinen Weg zurück zu Country und Folk.

Und doch war sein Comeback-Album „John Wesley Harding“, das am 27. Dezember 1967 erschien, eine andere Platte als es die Musik von den Basement Tapes erwarten ließ. Die Platte war ernster im Ton und spartanischer in der Musik, als die zum Teil sehr süffigen Songs – textlich wie musikalisch – die bei den Basement Sessions entstanden waren. Tauchten Teile der Basement-Songs hinein ins pralle Menschenleben, unterlegt mit Rhythm & Blues und Country, so waren diese Songs oftmals Parabeln mit biblischen Bezügen. Teils zornig („Dear Landlord“), teils als Antwort auf Woody Guthries Tod im Oktober zu verstehen (Drifters Escape), teils resignativ gesellschaftskritisch („All Along The Watchtower“). Die Musik dieses Albums, das nach „Blonde On Blonde“ abermals in Nashville mit Teilen der „Nashville Cats“ eingespielt worden war, bestand aus zurückhaltendem Country-Folk. Aber dennoch wäre Dylan nicht Dylan, würde er nicht einmal aus seinem selbst verordneten Rahmen ausbrechen. „I’ll Be Your Baby Tonight“ ist ein sexy Honky-Tonk-Schieber und einer der Songs, die gerade von Countrymusikern bis heute sehr gerne gecovert wird.

Music From Big Pink

The Band 1967, Foto: Sony Music/ Eliott Landy


War Dylan zusammen mit „Levon & The Hawks“ hinunter in den Keller von „Big Pink“ gestiegen, so kamen die vier Kanadier Robbie Robertson, Richard Manuel, Rick Danko, Garth Hudson sowie der Arkansas-Boy Levon Helm als „The Band“ wieder hinauf. So nannten sie sich nun selbstbewusst, als sie 1968 am 1. Juli 1968 ihr Debütalbum „Music From Big Pink“ vorlegten. Die Platte veränderte die Richtung des Rock: Den damals aktuellen Psychedelic-Klängen setzten sie eine ruhigere, aber umso kraftvollere, durch Country, Blues und Folk geerdete Art der Rockmusik entgegen. An drei Stücken war Bob Dylan als Co-Autor beteiligt: „Tears Of Rage“, „This Wheel’s On Fire“ und „I Shall Be Released“.

Obwohl es kommerziell nicht sehr erfolgreich war, gilt „Music From Big Pink“ neben dem Nachfolgealbum „The Band“ von 1969 (auch als „braunes Album“ analog dem „weißen Album“ der Beatles bekannt) heute nicht nur als bestes Album der Band, sondern auch eines der besten und einflussreichsten Rockmusik-Alben überhaupt.

Leittrack des Albums ist das bis heute ungebrochen faszinierende „The Weight“ – auch mittlerweile ein amerikanischer Klassiker. „Der Song ist pures Americana“, schreibt Peter Viney auf der Website von „The Band“. Und tatsächlich ermöglicht er auf engstem textlichem Raum allerlei amerikanische Assoziationen: Er hat biblische und religiöse Bezüge, er spielt mit Bildern des Kleinstadtlebens im Westen und dem Teufel, der quasi an jeder Ecke lauert. Er lässt Bigotterie genauso erahnen wie Liebe, Verlangen und Gewalt. Der Text ist in Panoptikum des alten, gefährlichen Amerika. Und auch seine Musik ist pures Americana. Sie eint in großartiger Weise Country, Rock, Soul und Gospel-Elemente.

Beim Woody Guthrie Tribute wird „Americana“ öffentlich
Am 20. Januar 1968 treten Bob Dylan & The Band beim großen Woody Guthrie Tribute in New York auf. Ihr erster Auftritt seit anderthalb Jahren. Und erstmals lassen sie die Öffentlichkeit ihre neue gefundene musikalische Form hören. Beim Andenken an die verstorbene US-Folk-Ikone und Dylan-Vorbild Guthrie manifestiert sich die Geburt des neuen Genres. Wie hier Guthries Folksongs „I Aint’t Got No Home In This World Anymore“ oder „Grand Coulee Dam“ mit viel Rhythm & Blues & Soul unterlegt wird, darf als Paradebeispiel für das neue, alte Genregrenzen überschreitende Americana gelten.

„Americana“ ist heute lebendiger denn je
Die Karrieren der Protagonisten verliefen unterschiedlich. Bob Dylan blieb das sich noch mehrmals musikalisch häutende Chamäleon der Rockgeschichte, der bis heute auf den Konzertbühnen der Welt unterwegs ist. „The Band“ spielten 1977 ihr Abschiedskonzert – legendär verfilmt von Martin Scorsese – und lösten sich auf Betreiben vom selbst ernannten Bandleader Robbie Robertson auf. Sie gründeten sich ohne Robertson 1983 neu, dann beging Richard Manuel 1986 Selbstmord. Eine weitere, letzte Comeback-Phase begann 1992 und endete dann 1999 mit dem Tod Rick Dankos. Levon Helm veröffentlichte vor seinem Tod 2012 noch zwei erfolgreiche Solo-Alben. Letzte lebende Band-Mitglieder sind heute Robbie Robertson und Garth Hudson.

Das „Americana“-Genre aber ist heute lebendiger denn je und gerade in den Zeiten von Trump setzt es in der Auseinandersetzung mit dem heutigen Amerika neue Kräfte frei. Selten sind so viele bedeutende Americana-Alben erschienen wie 2017.

Thomas Waldherr hat gerade auf country.de seine persönlichen Americana-TOP 10-Alben vorgestellt: http://www.country.de/2017/12/23/die-americana-top-10-alben-des-jahres-2017/
In der Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ findet am Samstag, 13. Januar“ ein großes Woody Guthrie Tribute-Konzert statt, bei dem neben anderen auch die Songs zu hören sein werden, die Dylan & The Band beim Konzert 1968 gespielt haben: http://paedagogtheater.de/guthrie/

Bob Dylan kommt erneut nach Deutschland!

16. Dezember 2017

Und schon wieder ist er da. In schöner Regelmäßigkeit findet der Dylan-Konzert-Tross nach Deutschland. Nach seinen 5 Konzerten 2017 kommt er nun für weitere 5 Gigs im April 2018 in die Bundesrepublik
Wenn so mancher im letzten Jahr gedacht haben sollte, das war’s, „Dylan Live“, das kommt nicht mehr, der sieht sich getäuscht. Der Folk-Rock-Altmeister, Nobelpreisträger und Sinatra-Impersonator reist erneut für eine Tour quer durch die deutschen Lande. Waren es im letzten Jahr die Großstädte Hamburg, Düsseldorf, Hannover und Frankfurt (das Konzert in Lingen war ein typisch Dylan’scher Kontrapunkt), so verschlägt es ihn nun eher in die Provinz. Diesmal stehen im April fünf meist mittelgroße Städte auf dem Plan: Neu-Ulm, Leipzig, Krefeld, Bielefeld, Nürnberg und Baden-Baden heißen die Stationen.

So unterschiedlich die Regionen, so divers sind auch die Spielstätten. das Spektrum reicht von modernen Veranstaltungsarenen und Mehrzweckhallen bis hin zum extravaganten Festspielhaus in Baden-Baden. Dabei wissen natürlich die erfahrenen Dylan-Fans, dass besondere Spielorte nicht unbedingt auch die außergewöhnlichsten Konzerte garantieren. Wo den Meister letztendlich die Muse am eindringlichsten küsst, bleibt völlig ungewiss.

Gewiss ist jedoch, dass sich Dylans Shows seit einigen Jahren nun schon auf musikalisch hohem Niveau bewegen. Dafür sorgt sein Arbeitsethos und seine ungebrochene Lust am Live-Auftritt ebenso wie seine großartige Tourband rund um „Bandleader“ Tony Garnier, der die Legende nun schon seit fast dreißig Jahren begleitet, und Ex-Gitarren-Wunderkind Charlie Sexton. Zudem liefert Dylan seit dem Beginn seines Great American Songbook-Projekts seine besten Gesangsleistungen seit Jahren ab.

Was er denn letztendlich für Songs spielen wird, ob er weiter wie in diesem Jahr das Gerüst aus den Sinatra-Platten und „Tempest“ baut, oder ob er plötzlich ein neues Konzertformat entdeckt, davon müssen wir uns letztendlich wieder überraschen lassen.

Nur eines sollte allen Konzertgängern klar sein. Wer Bob Dylan so hören will, wie er vor 40 oder 50 Jahren sich angehört hat, der sollte besser draußen bleiben. Im inoffiziellen Rahmenprogramm vor der Halle kann man sich auch diesmal garantiert wieder mindestens ein Dylan-Double anhören!

Bob Dylan live 2018
12.04.2018, Neu-Ulm, Ratiopharm Arena
18.04.2018, Leipzig, Arena
19.04.2018, Krefeld, Königpalast
21.04.2018, Bielefeld, Seidensticker Halle
22.04.2018, Nürnberg, Frankenhalle
23.04.2018, Baden-Baden, Festspielhaus

Buddy Holly, Leadbelly, Homer

10. Dezember 2017

In seiner Nobelpreis-Vorlesung folgt Bob Dylan legendären Sängern/ Übersetzung von Heinrich Detering soeben erschienen

Ob seine Songs etwas mit Literatur zu tun haben, fragt sich Bob Dylan angesichts der Verleihung des Literatur-Nobelpreises. Und er greift das in seiner mittlerweile bekannten, aber immer wieder aufs Neue überraschenden Art auf. Schon in seiner in seiner Abwesenheit gehaltenen Tischrede. Eine Vorlesung musste er ja halten, um auch wirklich das Preisgeld zu bekommen. Und diese Nobelpreis-Vorlesung wurde zum letzten Akt einer unendlichen Geschichte von „kommt er?, kommt er nicht?, kommt er doch…?“ Erst ging er nicht ans Telefon, dann äußerte er sich freundlich über die Preisverleihung, ließ aber offen, ob er nach Stockholm kommen wolle, dann kam er nicht und ließ sich von Freundin Patti Smith musikalisch und von der US-Botschafterin in Schweden Azita Raji mit der besagten Tischrede vertreten. Und dann reize er die Frist für seine Nobelpreisvorlesung bis aufs letzte aus und schickte kurz vor Ende eine Audioaufnahme mit Klavieruntermalung.

In dieser Nobelpreisvorlesung, die soeben in einer deutschen Ausgabe – kongenial übersetzt einmal mehr von Heinrich Detering – stellt sich Dylan also nochmals die eingangs erwähnte Frage. Und er bringt tatsächlich zusammen, was von einigen bornierten Geistern immer noch nicht verstanden haben: Songs sind der Literatur gleichwertig. Sie sind gesungene Literatur, die aber eine für den Rezipienten weitere Erfahrungsebene hat. Der Gesang und die Performance erschließen den geschriebenen Songtexten weitere Bedeutungsebenen. Daher sind Songtexte ohne Musik und Gesang auch beschränkt in ihrer Sinnhaftigkeit und Wirkung beim Leser. Aber: Schlechte, banale oder triviale Songtexte werden auch durch besten Gesang und Performance selten besser. Es gibt diese Fälle, aber sie bleiben Ausnahmen.

Ein beträchtlicher Teil von Dylans Texten – es gibt auch bei ihm die Ausnahmen – entfalten durchaus schon auf dem Papier ihre Wirkung. „Desolation Row“ zum Beispiel in seinem bunten Jahrmarktstreiben der surrealen Begegnungen. Andere brauchen die Performance. Die Wirkung von „All Along The Watchtower“, dem Lied über die scheinbare Ausweglosigkeit aus der verwalten Welt des Spätkapitalismus wird noch verstärkt durch die Performance. Sei es die von Dylan oder von Hendrix.

Dylan referiert in seiner Vorlesung gekonnt, wie die Ebene von Literatur und Songs bei ihm verbunden sind. Und er bemüht seine frühen Vorbilder Buddy Holl und Leadbelly. Erwähnt daneben Jean Ritchie die New Lost City Ramblers oder Sonny Terry and Brownie McGhee, interessanterweise aber nicht seinen stärksten Einfluss Woody Guthrie. Jedenfalls erzählt er sehr anschaulich, dass er das gesamte „Alphabet“ des Folksongs – seine Wurzeln, seine Sprache und Bilder und die Entstehungslinien der wichtigsten Songs recht schnell von Grund auf beherrschte.

Aber was er neu einbrachte in die Welt des Folksongs, das benennt er eindeutig und bestätigt damit einmal mehr seine Apologeten. Er fügte dem aus der ruralen Welt stammenden Folksong – wir reden hier ja nicht vom Kunstlied – eindeutig Bilder, Motive und Erzählweisen aus der Welt der Literatur hinzu. Und gibt uns auch gleich seine wichtigsten Quellen mit auf den Weg.

Er erzählt mit großer Lässigkeit über Moby Dick, der Geschichte vom Kampf von Mann gegen Wal, vom sich verlieren des Menschen im Jagdeifer und zu welchen Katastrophen das führt. Er erzählt sehr persönlich von der Wirkung von „Im Westen nichts Neues“ auf ihn. Wer das Buch gelesen hat, kann Kriege nicht gut finden. Und stellt ganz cool den Hillbilly-Sänger Charlie Poole neben Erich Maria Remarque. Und er referiert natürlich über die Odyssee, dem Epos von Homer, diesem so grundlegenden Werk übers nie ankommen und immer wieder geprüft werden. Homer ist natürlich absolut passend zum Thema Literatur Nobelpreis für den Folk-Rock-Sänger Dylan. Zum einen, weil Homers Epen ursprünglich mündlich aus dem Gedächtnis vorgetragen wurden und Homer ja auch gerne als blinder Sänger mit der Lyra (Blind Willie McTell?!) dargestellt wird (soweit die Parallelen zum Gesangsvortrag) – zum anderen weil die Odyssee immer wieder auch in Dylans Songdichtungen eine Rolle spielt. Übersetzer Detering hat ja jüngst erst in großartiger Manier den Zusammenhang von Dylans Song „Roll On John“ über John Lennon mit der Odyssee herausgearbeitet.

Zu guter Letzt kommt dann Dylan in seiner kurzweiligen Betrachtung über Songs und Literatur dann doch dahin, dass Songs und Literatur etwas anderes sind und Songtexte gehört werden müssen. Und kommt am Ende wieder zu Homer zurück: „Singe in mir, Oh Muse, und durch mich erzähl die Geschichte.“

Aber auch diese Nobelpreis-Vorlesung wird nicht die bornierten Großkritiker von der Legitimität der Preisvergabe an Dylan überzeugen. Schließlich begann auch hier wieder der typische Anti-Dylan-Reflex zu greifen. Es mag ja sein, dass Dylan Internetquellen benutzte um die von ihm genannten literarischen Werke zu zitieren oder mit Inhaltsangaben zusammenzufassen. Aber wie er dies wieder zusammengesetzt hat, wie er was zusammenbrachte, und welche Schlüsse er daraus zog, das ist wieder eine ganz klare eigenständige künstlerische Leistung. Dylan gehorcht dem Entstehungsprinzip des Folksongs. Immer und überall. Das muss aber auch kein Literatur-Großkritiker verstehen. Denn: „Something is happening here, but you don’t know what it is, do you Mr. Scheck?“

Dass Dylan im letzten Jahr nicht nach Stockholm zu Preisverleihung und steifem Festbankett gereist ist – die Atmosphäre brachte sogar die alte Fahrensfrau Patti Smith ins Schlingern – vermerkt man zudem aufgrund der schlechten Nachrichten rund um die Akademie der letzten Wochen noch stärker als positive Entscheidung Dylans.

Bob Dylan, Die Nobelpreis-Vorlesung, übersetzt von Heinrich Detering, Hoffmann & Campe, 14 Euro

Is Anybody Goin‘ To San Antone

29. November 2017

Als der Autor dieses Blogs ein Jugendlicher war, damals Ende der 1970er Jahre, da trieb er sich des Öfteren in der Fußgängerzone seiner Heimatstadt Darmstadt herum und lauschte einer Musikgruppe. Die Musik, die sie spielten, faszinierte ihn, es war Folk-Rock mit einem Schuss Country und die Truppe hieß Bernies Autobahn Band. Ein paar Jahre später wurden sie recht groß und ihre Musik gehörte zum Soundtrack der 1980er zwischen Anti-Starbahn- und Friedenbewegung und begleiteten den jungen Erwachsenen aus Darmstadt noch eine ganze Zeit lang. Ihr Chef Bernie Conrads sollte später nach Auflösung der Band 1989 ein anerkannter Songschreiber für Musiker wie Peter Maffay und Stefan Stoppok werden.

Damals jedoch in den ausgehenden Siebzigern hatte der Jugendliche gerade Bob Dylan für sich entdeckt und ein Song stach immer wieder bei den Auftritten von Bernie und seinen Kumpanen heraus: „Is Anybody Goin‘ To San Antone“. Das war ein echter Ohrwurm und so wurde es mir gesagt, er sei von Bob Dylan. Leider konnte ich ihn auf keiner meiner Dylan-Platten und auch nicht auf denen von Bernies Autobahn Band entdecken. Irgendwann hörte ich auf zu suchen. Im Ohr blieb er mir aber immer noch.

Als dann vor kurzem Darmstadt und San Antonio eine Städtepartnerschaft eingingen, da kam er mir natürlich wieder verstärkt in den Sinn. Und da es heute youtube gibt, recherchierte ich und siehe da – ich wurde fündig. 1973 hatte Dylan – vielleicht noch inspiriert durch den Ausflug in die Grenzregion der USA und Mexiko mit seiner Rolle und dem Soundtrack zu Patt Garrett & Billy The Kid – mit dem Texas-Country-Rocker Doug Sahm (Sir Douglas Quintet, The Texas Tornados, The Texas Mavericks) den Song aufgenommen. Er wurde im selben Jahr als Doug Sahm-Single veröffentlicht, auf eine LP kam er erst 1984. „Doug Sahm Live“ ist allerdings eine semi-offizielle Veröffentlichung.

Erst jetzt tackerte es wieder bei mir. Wo hatte ich den Song in den letzten Jahren schon mal gehört? Charley Pride! Richtig, Charlie Pride sang ihn in der Marty Stuart Show. Ich liebe diese kitschige, sentimentale aber immer lagerübergreifende All-American-Show. Bei Marty spielen die Oak Ridge Boys, Charlie Daniels oder Doug Kershaw genauso wie Roger McGuinn, Charley Pride oder die Carolina Chocolate Drops. Da ist Marty ganz der Tradition Johnny Cashs verpflichtet, der damals in seiner Show Ende der 1960er Jahre, als Amerika ähnlich politisch polarisiert war wie heute, auch Künstler wie Bob Dylan, Pete Seeger und Neil Young auftreten ließ, die allesamt dem konservativen Country-Stammpublikum nicht geheuer waren.

Doch zurück zu Charlie Pride, ihm wird im Allgemeinen der Sog zugerechnet. Mein großer country.de-Kollege Manfred Vogel hat vor wenigen Jahren sehr schön herausgearbeitet, wie es jedoch kam, dass 1970 fast zeitgleich zwei Versionen des Songs veröffentlicht wurden. Eine von Charley Pride, ihm hatte man das Exklusivrecht zugebilligt und eine von dem Ex-Footballspieler Richard „Bake“ Turner. Grund war dass der Musikverlag der Autoren Glenn Martin und Dave Kirby gerade von einem anderen Verlag aufgekauft wurde. Das Songschreiber-Duo hatte von den Vorgängen keine Ahnung. Charley Pride murrte, als er Turner mit dem Song im Fernsehen sah, und doch nahm er den Song auf. Richtige Entscheidung, es sollte sein dritter Nr. 1-Hit und ein Millionenseller werden. Beiden gebühren die Meriten. Blke Turner hatte den Song als erster bereits im April 1969 aufgenommen, doch Charlie Pride veröffentlichte ihn als erster im Februar 1970, während Turners Version erst im März desselben Jahres erschien. Prides Aufnahme toppte, Turners Platte floppte. Dumm gelaufen für den ehemaligen Texas-Footballstar. Doch die beiden lernten sich bald darauf kennen und wurden gute Freunde.

Gute Freunde waren damals auch Bob Dylan und Doug Sahm. Bob, der Zeit seines Lebens immer neugierig war und alle möglichen musikalischen Einflüsse aufgesogen hatte, musste von dem gleichaltrigen Sahm begeistert gewesen sein. Denn der bewegte sich so sicher auf allen möglichen musikalischen Gefilden: Von Rock á la Jimi Hendrix über die klassische Countrymusik und den Western Swing bis hin zum Country- und Folk-Rock. Kein Wunder, das er den Nr. 1-Country-Hit im Repertoire hatte. So klingt dann auch die Sahm/Dylan- Version ganz entspannt und angenehm.

Es ist also streng genommen kein Dylan-Song, den die BAB damals gespielt hat. Im Gegensatz zu „Wenn es Nacht wird in der Stadt“, das ein Cover von „Just Like Tom Thumb’s Blues“ ist und Titelstück der 1978 erschienenen zweiten Platte der Band.

Von „Is Anybody Goin‘ To San Antone“ gibt es jedenfalls noch eine ganze Reihe von Coverversionen, die es im Gegensatz zum BAB-Cover auf eine Platte geschafft haben. Es gibt Versionen u.a. von Otis Willlams, Ray Price, Mel Tillis, Buck Owens, Tanya Tucker und Truck Stop.

Die Version von Bernies Autobahn Band aber habe ich auch nach 40 Jahren immer im Ohr. Eine neue Cover-Version höre ich dann morgen. Denn da spielt die „TeXas House Band“ bei „Americana im Pädagog“ und hat wegen der Städtepartnerschaft einige San Antonio-Songs im Gepäck. Unglaublich, wie sich manchmal der Kreis schließt.


Der Geist von Woody Guthrie

10. November 2017

Woody Guthrie

Gedanken anlässlich des 50. Todestages der Folk-Ikone/ von Thomas Waldherr

Dieser Tage beschäftigt sich „Americana im Pädagog“, die Darmstädter Konzert- und Veranstaltungsreihe intensiv mit Leben und Wirken Woody Guthries. Vergangenen Mittwoch hielt „Americana“-Kurator Thomas Waldherr auf einer Kooperationsveranstaltung von Volkshochschule Darmstadt und „Americana im Pädagog“ einen Vortrag zu Leben und Wirken der US-Folk-Ikone. Für den Januar ist dann ein großes Tribute-Konzert mit vielen Künstlern aus Darmstadt und Umgebung geplant.
Was aber macht Woody auch mehr als 50 Jahre nach seinem Tod (er verstarb am 3. Oktober 1967) noch so interessant? Nun für die bürgerlichen Mainstream-Medien scheinbar nichts. Denn die Hommagen oder Erinnerungen an den Polit-Hobo der 1930er und 40err Jahre waren rar gesät. Aber warum sollen auch Medien, die sich statt mit der Einkommensschere, der fehlenden sozialen Gerechtigkeit und der Altersarmut in diesem Land lieber mit einem Themenmix zwischen Überfremdungsängsten und Veganismus beschäftigen, sich für den linken Sänger Woody Guthrie interessieren, der für die Arbeiter, Tagelöhner, Kleinbauern und Obdachlosen gesungen hat?

Aber genau das was Woody gemacht hat, und wie es Woody gemacht hat, macht ihn so interessant. Woody ging dort hin, wo die Menschen waren, sprach ihre Sprache. Er war einer der ihren. Er hatte menschliches Elend, Armut, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit selbst erlebt. Er war glaubwürdig. Er sang Melodien, die jeder kannte und setzte Texte darauf, die jeder verstand, weil sie vom Leben der Menschen handelten. Da war Woody ganz Hillbillymusiker: „Three Chords And The Truth!“

Aber dabei blieb Woody nicht stehen. und das unterscheidet Folk von Country: Er versuchte in den Liedern auch Ursachen für das Elend und Perspektiven für eine Veränderung und Verbesserung aufzuzeigen. Und das alles ohne vertonte Parteiprogramme und hohlem Agitprop. Dazu war er zu sehr eigenständig denkender, kreativer Künstler. Deswegen wollte er auch nie eingeschriebenes Mitglied einer Partei sein.

Heute scheint die politische Linke nicht mehr nah genug bei den Menschen zu sein. Sie ist nicht mehr in der Lage, die einfachen Leute anzusprechen. Ihre Sprache ist entweder zu technokratisch oder zu akademisch. „Volksnah“ ist zum Schimpfwort geworden, seit es alleine mit Bierzelt und Stammtisch und Karnevalssitzung verbunden wird.

In den 1930er und 40er Jahren hatte progressive Politik in den USA eine emotionale Erzählung. Präsident Roosevelt formulierte es so: „Diese große Nation wird weiter bestehen wie bisher, wird wieder aufblühen und gedeihen. So lassen sie mich denn als Allererstes meine feste Überzeugung bekunden, dass das Einzige, was wir zu fürchten haben, die Furcht selbst ist – die namenlose, unvernünftige, unbegründete panische Angst, die die so nötige Anstrengung lähmt, den Rückzug in einen Vormarsch zu verwandeln…

…Vor unserer Türschwelle liegt so vieles, doch auch wenn wir die Vorräte vor Augen haben, schaffen wir es nicht, sie uns nutzbar zu machen. Das liegt in erster Linie an der Verbohrtheit und Unfähigkeit derer, die den Austausch der Menschheitsgüter zu regeln hatten. Sie haben versagt…Das Glück besteht nicht im bloßen Geldbesitz. Es besteht im Stolz auf das Geleistete, in der Freude an kreativer Tätigkeit. Die Freude und der moralische Antrieb der Arbeit dürfen nicht länger über der hektischen Jagd nach vergänglichem Gewinn vernachlässigt werden.”

Thomas Waldherr (Foto: Volker Herms)

Und Woody und seine Freunde, Kollegen und Genossen sorgten dafür, dass Roosevelts Ideen auch wirklich in die Tat umgesetzt wurden, denn so mancher Fabrikbesitzer oder Eigentümer einer großen Farm irgendwo mitten im Land interessierte das Geschwätz aus Washington nicht. Das Recht, sich gewerkschaftlich zu betätigen und zu streiken war zwar von der neuen Regierung nun gebilligt worden, aber in der Realität beschwor man damit oftmals enorme Brutalität seitens der Besitzenden und ihrer Schergen herauf. Auch davon konnte Woody ein Lied singen. Auch darin war Woody ein Vorbild, er ging im wahrsten Sinne des Wortes dahin, wo es weh tat.

Vor 50 Jahren starb Woody. Doch seine Musik und sein Leben ist durch Ramblin‘ Jack Elliott, Pete Seeger, Bob Dylan, Joan Baez, seinem Sohn Arlo und bis heute vielen weiteren Musikern, die sich auf ihn beziehen, sowie wegen seiner Tochter Noras kluger Nachlassverwaltung, immer noch präsent. So präsent, dass man ihn in den Zeiten von Trump schmerzlicher denn je vermisst.

Denn wie sang Steve Earle so treffend in seinem Lied Christmas in Washington:

„So come back Woody Guthrie
Come back to us now
Tear your eyes from paradise
And rise again somehow
If you run into Jesus
Maybe he can help you out
Come back Woody Guthrie to us now“