Sechzig feinste Wort-Jonglagen

22. Oktober 2022

Wenn das neue Dylan-Buch in Gänze das Niveau der beiden soeben vorab veröffentlichten Essays erreicht, dann bekommen wir es bei „Die Philosophie des modernen Songs“ mit geistreichen und ganz-dylanesken Wortjonglagen voller wichtiger Einsichten zu tun

Back Cover von „The Philosophy Of Modern Song“, Copyright: Simon & Schuster

Also doch. Bereits vor dem Erscheinen des Buches am 2. November gibt es in der New York Times Auszüge aus „Die Philosophie des modernen Songs“ bzw. besser gesagt aus dem amerikanischen Original „The Philosophy Of Modern Song“ zu lesen. Und die Annahmen bestätigen sich. Es ist feinste Prosa des reifen Dylan, wie wir sie seit den Liner Notes zu „World Gone Wrong“ (1993) kennen. Im Beatrhythmus und -duktus, wort- und bildreich, humorvoll und immer wieder mit verblüffenden Schlüssen und Pointen.

Insbesondere in den „Riffs“, den Deutungsversuchen und Einordnungsversuchen, die vor den jeweiligen Essays stehen, ist Dylans wort- und bildreich, scheut kein erzählerisches Risiko, kommt zu halsbrecherischen Schlüssen und verführt uns mit seiner süffigen Prosa dazu, ihm zu glauben. In den Essays dann erzählt er etwas gezügelter, aber immer noch humorvoll, er die Geschichte des Songs und die Geschichten um ihn herum.

Strangers In The Night

Veröffentlicht wurden nun in der New York Times die Riffs und Essays zu „My Generation“ und „Strangers In The Night“. Und es ist eine Freude. Selten hat man so geistreich die Anbahnung eines One Night Stands beschrieben gesehen wie hier: „Zwei wurzellos entfremdete Menschen, zurückgezogen und isoliert, öffneten einander die Tür, sagten Aloha, Howdy, How you doing und Good Evening. Wie konntest du wissen, dass das Knutschen und Schmusen, Eros und Anbeten nur einen Schritt vom Mambo entfernt waren – ein seitenlanger Google-Augen-Blick und ein lüsternes Grinsen – dass du seit diesem Moment der Wahrheit unter Dampf stehst, Hals über Kopf, die Herzenswünsche des anderen“, dichtet Dylan.

Und dabei bekommt man von Dylan die Augen geöffnet. Wenn „Tangled Up In Blue“ Bob Dylans „Big River“ ist, dann ist „Simple Twist of Fate“ sein „Strangers In The Night“. Denn all das, was Dylan in seinem Riff für „Strangers Of The Night“ sagt, ließe sich auch über Dylans Song aus dem „Blood On Tracks“-Album sagen.

Das Essay dagegen mäandert plötzlich zu einer ganz anderen Geschichte. Der eigentliche Schöpfer der weltbekannten Melodie ist der armenische Musiker Avo Uvezian. Er schickt seine Melodie an Bert Kaempfert. Der legte den Song „Broken Guitar“ Frank Sinatra vor. Dem wiederum gefällt es nicht so sehr. Charles Singleton und Eddie Snyder werden hinzugezogen. Sie nehmen das melancholische Lied mit dem Titel „Broken Guitar“ und kehren eine Woche später mit „Strangers in the Night“ zurück. Der Rest ist Geschichte. Doch die Meriten für den Song bekommt bis heute Bert Kaempfert.

Aber die Geschichte endet nicht traurig, denn Avo Uvezian wurde später der Erfinder der Zigarre Avo XO aus feinem dominikanischen Tabak, die von Davidoff vermarktet wurde. Die verlorenen Tantiemen aus seiner Melodie wurden durch die Einnahmen aus der Zigarre mehr als vergolten.

Eine Geschichte, die zeigt wie sehr Bob Dylan mit 81 Jahren nun mit sich im reinen ist. Denn immer wieder hat man ihm vorgeworfen „gestohlen“ zu haben, ohne dass man das Prinzip „Diebstahl aus Liebe“ wirklich begriffen hätte. Und nun erzählt er diese Geschichte um Rechte und verlorenen Einnahmen. Dylan hat es immer noch drauf!

My Generation

Und so scheinen die Songs und die Geschichten hinter den Song durchaus etwas mit Dylan selbst zu tun zu haben. Wenn Dylan im zweiten veröffentlichten Essay sich mit einer der Hymnen der 1960er von The Who auseinandersetzt, dann ist das auch eine erneute Aussage, dass er mit dem Sixties-Ding eigentlich nicht viel zu tun hatte. Obwohl er immer noch von unverbesserlichen als „Protestsänger“ und „Stimme der Hippie-Generation“ bezeichnet wird, ist er der Protagonist dieser Generation, der einfach in seiner Entwicklung nie stillgestanden hat. Als sie noch aufgetreten sind, kamen The Who ohne „My Generation“ von keiner Bühne. Die Stones können keinen Gig ohne „Satisfaction“ spielen und Paul McCartney ist der ewige Beatles-Wiedergänger. Nur Bob Dylan kann es sich leisten, heutzutage im Konzert ohne einen seiner großen Hits „Blowin In The Wind“, „Like A Rolling Stone“, oder „Knockin‘ On Heaven’s Door auszukommen.

Und so wird die Scheidelinie zwischen Kunst, die nur in einem bestimmten Moment funktioniert und Kunst die universell ist und langfristig Bestand hat, bei „My Generation“ deutlich. „Wir alle schimpfen auf die vorherige Generation, wissen aber irgendwie, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir selbst sie werden“ schreibt Dylan an einer Stelle und an einer anderen „Jede Generation scheint die Arroganz der Ignoranz zu haben und sich dafür zu entscheiden, das Vergangene über Bord zu werfen, anstatt auf der Vergangenheit aufzubauen.“ Und so wird aus der vitalen, trotzigen, selbstüberzeugten Hymne ein Fall fürs Archiv oder gar fürs Altersheim: „In Wirklichkeit bist du ein 80-jähriger Mann, der in einem Altenheim herumgefahren wird, und die Krankenschwestern gehen dir auf die Nerven…“sie sprechen über Ihre Generation, predigen, halten einen Diskurs.“ Und obwohl jede junge Generation eine ähnliche selbstüberzeugte Haltung einnimmt, wird „My Generation“ keineswegs von einer neuen Generation entdeckt, sondern ist eine Oldie-Nummer geworden, die den Jugendwahn ihrer Generation bloßstellt, da sie heute alles andere als taufrisch daherkommt.

Der 81-jährige Dylan dagegen ist indes weit davon entfernt, sich im Altenheim von Krankenschwestern piesacken zu lassen. Er ist ein „Rolling Stone, der kein Moos ansetzt“. Im Gegensatz zu den Rolling Stones oder eben The Who, die krampfhaft die Haltung und die Gesten ihrer Jugend zu konservieren versuchen. Dylan ist einfach gealtert und seine Musik mit ihm gereift und daher ganz anders wie früher. Seine Musik ist entgegen falscher Annahmen keine Musik nur für eine Generation. Und so entscheidet er sich, für sein aktuelles Programm die Songs auszuwählen, die sich mitentwickelt haben bzw. weiterentwickelt werden können.

Und so zeigen die nun vorveröffentlichten Riffs und Essays, wie Songs generationenübergreifend funktionieren und universell sind und andere zeitgeistig und speziell. Dylan essayistische Reflexionen versprechen ein großer Lese- und Denkgenuss zu werden. Was ich mir bei den Berliner Konzerten schon gedacht habe, ist auf gutem Wege durch das Buch ebenfalls bestätigt zu werden. Gerade wenn man denkt, ein bisschen distanzierter und nüchterner mit dem Dylan-Ding umgehen zu können, packt einem der Kerl wieder aufs Neue!

Cover der deutschen Ausgabe. Copyright: C.H. Beck

Talk und Musik rund um Dylans neues Buch am 18. November in Darmstadt

Langsam aber sicher geht es auf die Veröffentlichung des Buches zu, das hierzulande am 2. November erscheint. Mit einer Veranstaltung in Darmstadt, in der Bessunger Knabenschule, wollen wir am 18. November mit Talk und Musik dem neuen Dylan-Buch auf den Grund gehen. Mit dabei Buchübersetzerin Conny Lösch, der Dylan-Experte Heinrich Detering sowie Dan Dietrich, Martin Grieben und Four Chords & The Truth.

Mehr Infos uns Tickets gibt es hier: https://www.knabenschule.de/?id=1171

Es gibt noch Hoffnung

8. Oktober 2022

Berliner Bob Dylan-Tagebuch III: Bob Dylans drittes, wunderbares Berlin-Konzert (7. Oktober 2022)

Neue Plätze, neue Perspektiven. Nach Parkett Reihe 2 in den ersten beiden Konzerten nun Oberrang. Nun können wir Dylan das ganze Konzert übersehen und die Interaktion der Band und ihre Zusammenarbeit als Gesamtkunstwerk noch besser wahrnehmen. Negativ: Hier oben sitzen wohl die, die Dylan nicht so nahe sind. Noch mehr als dreißig Minuten nach Konzertbeginn irren die Nachzügler umher und suchen ihre Plätze. Nur um wenig später ein ständiges Kommen und Gehen zum Bierstand einzuläuten. Die Unruhe ist ein Ärgernis, das den Kunstgenuss stört. Doch egal. Ohren auf und Augen auf den Meister und man erlebt wieder einen Abend, der so anders ist als seine Vorgänger.

Dylan behält das Körperliche, Vitale, Präsente vom Donnerstag und hält auch das musikalische Niveau. So entsteht ein wunderbares, starkes Konzert, das Dylans performatives Konzept idealtypisch aufzeigt. Es gibt eine klare, nicht veränderbare Abfolge der Songs, die Arrangements sind durchgeplant, in diesem Rahmen sind wenige Soli der Musiker und vor allem die Stimmung des Meisters die variablen. Da wo am Mittwoch fatalistische Düsternis und am Donnerstag die Leiden daran herrschten, schimmerte am Freitag doch noch so etwas wie Hoffnung durch. „Key West“ – absoluter Höhepunkt und Auslöser von Standing Ovations – war der Gradmesser dafür. Da waren mehr idyllischere Töne, die mit den düsteren rangen. Key West, gelegen am grausam durch von Menschen gemachten Katastrophen malträtierten Golf von Mexiko, ist schon lange kein Paradies mehr. Nur noch in der Erinnerung, aber diese Erinnerung darf nicht sterben. Dylan nimmt uns in seinem Song mit auf die Reise zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Horror und Idylle und stemmt sich gegen das Schlechte. Eine großer, Hoffnung stiftender Moment in diesem Konzert.

Und so gehen auch die düsteren Töne diesmal Dylan scheinbar leichter von der Hand, aber er schafft es auch weitere Bedeutungsebenen zu geben. „I’ll Be Your Baby Tonight“ ergeht sich am gestrigen Abend in großartiger Ambivalenz zwischen sakraler Liebe und der Liebe zwischen Menschen. Es beginnt wie ein Gospelgottesdienst – die Liebe an Gott kommt zum Ausdruck- wird plötzlich ein ganz und gar fleischlicher Rhythm & Blues und kommt wieder zum Gospel zurück. Gott schafft Liebe, auch die körperliche, man kann Liebeslieder für Gott und für einen anderen Menschen singen und ein Unterschied besteht eigentlich gar nicht. Denn am Ende hat ja Gott die Liebe geschaffen.

So wie Dylan in diesen Tagen seinen Glauben in Worte und Strophen fasst, lässt mitfühlen und verstehen. Da ist kein missionarischer Eifer. Da will einer, dass man seine Beweggründe versteht, aber nicht, dass man ihm folgt. Und das wollte Dylan ja auch nicht, außer in diesen drei Jahren, als er scharf und unerbittlich predigte, als hätte er die absoluteste aller Wahrheiten gefunden.

Der heutige Dylan relativiert das schon früh, in dem er als dritten Song „I Contain Multitudes“ spielt, indem er endlich zugibt, was wir eh schon alles gewusst haben: Ich bestehe aus Vielheiten, ich bin widersprüchlich. Und so unterhält uns dieser Dylan am letzten Berliner Abend in sehr aufgeräumter Laune und mit manchem witzigen Spruch. Auch wenn er nicht mehr gut zu Fuß ist: Dieser 81-jährige Mann hat Kraft, Energie, Spielfreude und Lust an der Dichtkunst. Am Ende schickt er uns mit einem traumhaften „Every Grain Of Sand“ in die Berliner Nacht. Und wir haben wieder Hoffnung.

Ein genussreicher Abend für Kunstliebhaber

7. Oktober 2022

Berliner Bob Dylan-Tagebuch II: Bob Dylans zweites, phantastisches Berlin-Konzert (6. Oktober 2022)

„Thank You Art Lovers“! Dylans für viele überraschender, weil für seine Verhältnisse schon als Redeschwall durchgehender Ausruf, brachte es auf den Punkt. Bob Dylans gestrige Darbietung in Berlin hatte mit einem beiläufig zu konsumierenden Pop- oder Rock-Konzert nichts zu tun. Es war große Kunst, der man auf beim Entstehen auf offener Bühne zuschauen durfte. Was für ein Fest für alle, die sich darauf einlassen konnten. Und das war die überwältigende Mehrheit, viele begeisterte Standing Ovations zeigten das.

Dylan war im Gegensatz zum ersten Konzert viel wacher, präsenter, körperlicher. Mehrmals trat er vors Piano und zeigte sich, einmal sogar mit Show-Posing. Wo gestern statt Mienenspiel eine Art Maske zu sehen war, folgte nun Dylans Mimik der Musik und dem Text. Und der hatte es wieder in sich. „To Be Alone With You“ zeigte auf wie schnell Verlangen zur dunklen Begierde werden kann. „Gotta Serve Somebody“ brachte „Borderline“, Coast“ und „Zynical“ in einer Strophe zusammen und brachte damit den Umgang mit Flüchtenden auf den Punkt. Nur zwei Beispiele dafür, dass der 81-jährige Dylan noch sehr wach und klar die Dinge beobachtet und in Worte kleidet.

Zwar war auch dieser Abend von einer Art düsteren Dystopie geprägt, aber es war lebendiger und es war anteilnehmender. Da stemmte sich einer trotz allem den Zeitläufen, auch wenn er das schlimme Ende zu ahnen glaubt. Und wo beim ersten Konzert„Key West“ zum fatalistischen Abgesang auf jede Utopie war, wurde es gestern zu einem traurigen Bedauern.

Musikalisch war das Konzert auf hohem Niveau, einzig bei „Masterpiece“ hatte man den Eindruck, die Musikanten hätten das Arrangement in den ersten zwei Dritteln des Songs nicht so richtig im Griff. Aber dann um so mehr. Überhaupt: Es macht großen Spaß, diesen Musikern bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Tony Garnier ist zum freundlichen Stoiker geworden, der Drummer erledigt höchst aufmerksam seine Arbeit, wenn er zwischen Stöcken und Besen und Tambourin wechselt, wenn er die richtigen Rhythmusfolgen antizipiert. Don Herron ist zu einer wichtigen Säule geworden. Sehr oft kommuniziert Dylan direkt mit ihm und wenn die beiden ein tolles Riff gefunden haben, dann leben sie das aus. Einzig der zweite Gitarrist befremdet etwas, wenn er immer hinter Dylans Piano abtaucht, als wolle er hineinkriechen. Er scheint am meisten Schwierigkeiten mit Dylans oftmals unorthodoxen Wendungen zu haben. Aber insgesamt ist diese Band mit ihrem Chef zu einer Einheit verschmolzen, die mehrmalige Rhythmuswechsel in einem Stück spielerisch bewältigen und einen wunderbaren Kammermusikabend bereiteten.

So bot dieses Konzert für alle Kunstliebhaber mehr als genug und es hätte diesen trivialen Moment nicht gebraucht, als Dylan zweimal „Black Rider“ abbrach, um einen Fotografen zu maßregeln mit der Bitte man möge ihn entfernen. Nun sind die Vorgaben klar, nun kennt man Dylan über die Jahre. Da versteht er keinen Spaß. Wenn diese Aktion irgendeinen Sinn gemacht hat, dann vielleicht den, dass Dylan dann für den bösen „Black Rider“-Song auf der richtigen Betriebstemperatur war. Ja, große Kunst entsteht auch oftmals aus dem allzu trivialen.

Und so erlebten wir den Menschen und Künstler Bob Dylan an diesem noch lange unvergessenen Abend in Berlin mit großer Kunst. Und das Beste: Ein weiteres Konzert in der Hauptstadt folgt noch.

Dunkelgraue Dekonstruktionen

6. Oktober 2022

Berliner Bob Dylan-Tagebuch I (Konzert vom 5. Oktober 2022)

Dylans letzte vorherige Konzertreise durch Deutschland fand 2019 statt und wir erlebten einen aufgeräumten, spielfreudigen, bisweilen sogar sehr gut gelaunten Künstler. Drei Jahre später, eine Pandemie, eine Reihe apokalyptischer Naturkatastrophen infolge der Erderwärmung, und ein Krieg mitten in Europa mit Weltenbrand-Potential inklusive, ist wieder einmal – und jetzt erst recht – alles anders.

Dylan ist gebrechlicher, noch wackeliger geworden. Nur dreimal verlässt er beim ersten Berliner Konzert seine sitzende Position hinter dem Klavier, um sich zu zeigen und die Andeutung einer Verbeugung zu vollführen. Es dauert auch eine ganze Weile bis man ihn erstmals über sein sperriges Klavier lunsen sieht. Anfangs im sehr langen Instrumental-Intro von „Watching The River Flow“ fragt man sich sogar, ob er denn auf der Bühne ist, bis man seinen linken Arm erkennt, dessen Ende die Tasten bearbeitet.

Auch die Stimme ist am Anfang noch nicht richtig da, sowohl von ihm, als auch vom Soundingenieur scheint es da noch Anlaufschwierigkeiten zu geben. Doch irgendwann sind die alle überwunden und Dylans Kopf ist zumindest beim Singen sichtbar. Und dieses Singen ist dann einmal mehr und noch entschiedener zwischen deklamieren und predigen angesiedelt. Man versteht jedes Wort und erlebt die Texte voller Spannung mit, hört wie die Songs und Erzählungen sich entwickeln. Der Songwriter, der ein Bildermaler und kein Storyteller ist, hat uns einiges mit auf den Weg zu geben.

Die Stimmung der Songs ist dunkelgrau. Dylan 2022 hat seinen Songs von „Rough And Rowdy Ways“ auch noch den letzten optimistischen Ton ausgetrieben. Wo „Key West“ frische Seeluft und den Geist der Utopie atmete, wirkt es nun desillusioniert. Dylan glaubt seiner Utopie nicht mehr. In der Welt der „Zeitenwende“ absolut verständlich.

Aber Dylans Stimmung dieser Jahre ist ohne hin von Dunkelheit, Schatten und was dort geschieht, geprägt. Auch die alten Songs wie „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „To Be Alone With You“ – im Original von unbekümmerter Vitalität und Lebensfreude, werden von Dylan auf die dunkle, problematische Seite von Liebe und Begehren, und damit in die inhaltliche Nähe zu „Soon After Midnight“ von Tempest gerückt. Selbst „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ erlangt in Berlin eine gewisse Doppelbödigkeit. Alleine „Every Grain Of Sand“ scheint an diesem Abend ein positiver Ausdruck von Dylans Liebe und Glauben.

Musikalisch erleben wir also ein Kammerspiel in Moll, das mit einem Rock- oder Folk-Konzert nicht mehr viel zu tun hat. Denn Dylan dekonstruiert diese Musiken, indem er sie verlangsamt und sie Schritt für Schritt gut hörbar in ihre Einzelteile zerlegt. Er legt die Wurzeln frei: In dunklen, langsamen, schweren Bluestönen bei „Goodbye Jimmy Reed“. Er findet bei „Masterpiece“ ein musikalisches Gewand, das mit einem fernen Echo an Wiener Schrammel-Volksmusik erinnert. Die Baccharole von Offenbach bei „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“, und die Menuett-artigen Klaviertöne, die in ein paar Stücke eingestreut werden, zeigen ebenfalls die Verwandtschaft zur europäischen Unterhaltungsmusik auf. Und „Mother Of Muses“ wird zu einer Art „Parlor-Song“, dessen Klassiker wir „Hard Times“ von Stephen Foster ja zu Folksongs wurden.

Dylan bleibt bei allen dunklen Stimmungen ein Musikhistoriker. Seine derzeitigen Vorlesungen sind nicht leichtfüßig oder hip, sondern schwer und tiefgründig. Aber sie sind faszinierend und spannend. Nächste Lektion in der Verti Music Hall folgt.

Setlist Berlin, Verti Music Hall, 5. Oktober 2022

1.         Watching The River Flow

2.         Most Likely You Go Your Way (and I’ll Go Mine)

3.         I Contain Multitudes

4.         False Prophet

5.         When I Paint My Masterpiece

6.         Black Rider

7.         My Own Version of You

8.         I’ll Be Your Baby Tonight

9.         Crossing The Rubicon

10.       To Be Alone With You

11.       Key West (Philosopher Pirate)

12.       Gotta Serve Somebody

13.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

14.       That Old Black Magic

15.       Mother of Muses

16.       Goodbye Jimmy Reed

—         Band introductions

17.       Every Grain of Sand

Der Dylan über Berlin

2. Oktober 2022

Der Meister spielt dreimal in der Verti Music Hall und wir sind dabei

Dylan plus Band im Jahre 2012. Heute noch dabei: Tony Garnier und Don Herron (beide rechts zu sehen), Copyright: Wikimedia Commons

Wow, wie die Zeit vergeht. Fast schon wieder zehn Jahre ist es her, als wir im Oktober 2013 in Berlin zweimal hintereinander im Tempodrom gesehen haben. Er spielte die Songs von Tempest, wirkte an einen Abend fragil, am anderen Abend vital, und bellte und krächzte damals noch mehr, denn das war vor der Sinatra-Zeit. In der Reihe vor uns stand Wim Wenders und Dylan bereitete uns den „Himmel in Berlin“. Vor der Halle warben die obskuren Zwölf Stämme mit Dylan für ihre Pseudoreligion und die Never Ending Tour schien nie ein Ende zu nehmen.

World Tour 2021 – 2024

Nun im Jahre 2022 ist die Endlichkeit irgendwie näher gerückt. Zwar hatten sich die Befürchtungen nicht bestätigt, dass Dylan in der Corona-Pause sich zu Ruhe setzen würde, und ist seit Herbst 2021 ist wieder auf Tour. Aber die nun als „Rough And Rowdy Ways World Tour“ bezeichnete Konzertreise ist zeitlich beschränkt – 2021 bis 2024- und wer weiß was dann ist? Abgesehen davon, dass man doch auch angesichts des Weltgeschehens nicht so recht weiß, was in den nächsten Jahren möglich sein wird.

Also haben wir uns es erlaubt, alle drei Berliner Konzerte zu buchen. Diesmal spielt er in der bei bestuhltem Parkett etwa 2.250 Zuschauer fassenden Verti Music Hall. Die noch recht junge Halle hat ihren Namen von einer Autoversicherung und passt damit bestens zur großen Mercedes Benz Arena in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir sind gespannt!

Ungebrochen Vital und kreativ – und jetzt auch gesprächig!

Was man von den Konzerten in Skandinavien hören konnte, macht richtig Lust. Das Programm stellt weiter die Songs des aktuellen Albums in den Mittelpunkt und dazu noch ein paar, die er auch im Konzertfilm „Shadow Kingdom“ gespielt hat. Plus ein Great American Songbook-Standard plus „Gotta Serve Somebody“ plus „Every Grain Of Sand“. Dies klingt alles doch sehr nach Bilanz und Vermächtnis. Wird dabei aber deutlich kontrastiert von Dylans Vitalität, seiner kraftvollen Performance, seiner stimmlichen Qualität und seinem weiterhin sehr kreativen Umgang mit dem eigenen Material. Dass er dabei mehr denn je etwas schlecht zu Fuß wirkt, ist für einen 81-jährigen verschmerzbar. Es führt zwar zu weniger stehenden und tänzelnden Crooner-Einlagen in der Bühnenmitte, aber nicht zu einer abnehmenden Dynamik der Konzerte. Und er ist auch für seine Verhältnisse ausgesprochen kommunikativ. Hier und da ein „Thank You“ und eine deutlich zu verstehende humorvolle Bandvorstellung. Da scheint einer im Herbst seiner Lebensreise mit sich im Reinen zu sein.

Berichterstattung aus Berlin

Ich werde natürlich an dieser Stelle über die drei Konzerte berichten. Es wird eine Art Berliner Dylan-Tagebuch werden.

Das Cover der amerikanischen Originalausgabe, Copyright: Simon & Schuster

Das Dylan-Jahr nimmt nun mit den Europa-Konzerten an Fahrt auf. Am 2. November erscheint sein begeistert erwartetes neues Buch „Die Philosophie des modernen Songs“. Wir freuen uns auf gut 60 Essays über wichtige Songs der Populärmusik. Und im Dezember soll dann die Bootleg Series Vol. 17 veröffentlicht werden, die sich rund um „Time Out Of Mind“ dreht.

Talk und Musik rund um Dylans neues Buch am 18. November in Darmstadt

Wenn wir dann aus Berlin zurück sind geht es dann langsam aber sicher auf die Veranstaltung in Darmstadt in der Bessunger Knabenschule zu, bei der wir am 18. November mit Talk und Musik dem neuen Dylan-Buch auf den Grund gehen wollen. Mit dabei Buchübersetzerin Conny Lösch, der Dylan-Experte Heinrich Detering sowie Dan Dietrich, Martin Grieben und Four Chords & The Truth.

Mehr Infos uns Tickets gibt es hier: https://www.knabenschule.de/?id=1171

Stephen Foster: Nelly Was A Lady

27. August 2022

Bob Dylan nimmt den Song in seine Essay-Sammlung „Die Philosophie des modernen Songs“ auf

Stephen Foster, Copyright: Wikimedia Commons

Klar, dass das irgendwann passieren musste. Die Inhaltsangabe des mit Spannung erwarteten Dylan-Buches „Die Philosophie des modernen Songs“ wurde „geleakt“. Und die Dylan-Welt hat wieder einiges zu diskutieren. Und die Bandbereite der ausgewählten Songs ist typisch Dylan und erinnert uns an seine „Theme Time Radio Hour“.

Es geht quer durch alle Genres. Von Country zu Blues, von Bluegrass zu Swing. Johnny Cash und Waylon Jennings sind genauso vertreten wie Ray Charles, Little Richard und die Temptations. Auch alte Folksongs sind dabei. Und „Nelly Was A Lady“ von Stephen Foster. Einem wirklich wichtigen Stück amerikanischer Musikgeschichte. Das Dylan sicher ganz bewusst aus Fosters Fundus ausgewählt hat.

Nelly Was A Lady

Down on de Mississippi floating,
Long time I trabble on de way,
All night de cottonwood a toting,
Sing for my true lub all de day.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Now I’m unhappy, and I’m weeping,
Can’t tote de cottonwood no more;
Last night, while Nelly was a sleeping,
Death came a knockin‘ at de door.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

When I saw my Nelly in de morning,
Smile till she open’d up her eyes,
Seem’d like de light ob day a dawning,
Jist ‚fore de sun begin to rise.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Close by de margin ob de water,
Whar de lone weeping willow grows,
Dar lib’d Virginny’s lubly daughter;
Dar she in death may find repose.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Down in de meadow, ‚mong de clober,
Walk wid my Nelly by my side;
Now all dem happy days am ober,
Farewell, my dark Virginny bride.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Dylan verehrt Stephen Foster, der als erster US-amerikanischer populärer Songwriter gilt. Foster hat Songs für Minstrel Shows geschrieben, aber bald – unter dem Einfluss von Harriet Beecher Stowe („Onkel Toms Hütte) – entwickelte sich Foster zu einem Gegner der Sklaverei- und schrieb Lieder, die in den Minstrel Show nicht zu Rassismus, sondern zum Mitgefühl mit den versklavten Schwarzen führen sollten.

Foster schreibt Minstrel Songs voller Mitgefühl für die Schwarzen

Der von Dylan ausgewählte Song zeigt dies deutlich auf. Ken Emerson schreibt in „Doo-Dah! Stephen Foster and the Rise of American Popular Culture“: „‚Nelly was a Lady‘ war ein Meilenstein in Stephen Fosters Entwicklung … Indem er das Minstrel-Liedchen mit der Parlor-Ballade verschmolz, überwand und löste er nicht nur einige seiner eigenen musikalischen Ambivalenzen und Konflikte – das Hin und Her zwischen Seriosität und Rebellion, das Bourgeoisie und das Derbe – er versöhnte auch Schwarz und Weiß und rettete Blackface vor dem offenkundigen Rassismus, der es von Anfang an geprägt hatte.“ Abgesehen, dass Blackface trotz Fosters Wirken weiterhin rassistisch war, und die „Versöhnung“ hier eine übertriebene und falsche Kategorie ist, war des Komponisten Haltung zur Sklaverei von Ablehnung und zur Lage der Schwarzen in den USA von Mitgefühl geprägt.

Denn Foster macht in diesem 1849 veröffentlichten Song schwarze Menschen zu Subjekten, zu liebenden Ehemännern und Ehefrauen. Er bezeichnet eine schwarze Frau gar als „Lady“. Bis dahin undenkbar, gerade in den US-Südstaaten.  Zwar war er auch Kind seiner Zeit – er veröffentlichte den Song in der Sammlung „Foster’s Ethiopian Melodies“ und die Christy Minstrels machten ihn zum Hit. Aber die Haltung von Foster zu den Afroamerikanern ist eine andere, als die herabwürdigende, rassistische vieler seiner Kollegen in den Minstrel Shows.

Klagesong für eine schwarze Frau

Der Song ist der Klagesong eines alten schwarzen Sklaven, dessen Ehefrau im Schlaf gestorben ist. Die kenntnisreiche Website www.secondhandsongs.com zählt zehn Versionen des Songs auf Tonträgern. Von den frühesten Aufnahmen – Frank Coombs 1910 und Alma Gluck 1919 bis zur jüngsten Aufnahme von Norma Waterson und Eliza Carthy aus dem Jahr 2018. Nicht dabei ist sie schöne Version der Gruppe River Wheel von 2010, die den Song folkig anlegt, während die meisten anderen ihn als Parlor (Salon)-Song interpretieren. So wie das Dylan selbst mit Fosters „Hard Times“ 1992/93 so faszinierend gemacht hat. Interessanterweise gibt es mit Alvin Youngblood Harts Fassung von 2004 auch eine Version, die von einem Afroamerikaner und Bluesmusiker aufgenommen wurde. Aber auch er bleibt beim Parlor Song.

Dylan als Kenner amerikanischer Populärmusik

Dylan zeigt uns mit seiner Songauswahl, so wie auch beim jüngsten „Whiskey Special“ seiner Radio Show ganz selbstverständlich auf, dass es die amerikanische Populärmusik ohne ihre afroamerikanischen Beiträge gar nicht geben würde. Ebenso wenig wie ohne kulturelle Aneignung. Doch dazu hatten wir ja gerade erst an dieser Stelle den Versuch einer differenzierten Betrachtung gemacht.

Es bleibt die sich steigernde Vorfreude auf das Dylan’sche Buch. Denn Dylan ist nicht nur einer der größten Künstler unserer Zeit. Er ist auch einer der größten Kenner der amerikanischen Populärmusik und hat dazu immer etwas erhellendes zu sagen. Und das meist auch noch sehr kurzweilig, wie seine MusiCares Speech von 2015 bewiesen hat: Ach, wäre es nur schon November…

Alvin Youngblood Harts Version von Nelly Was A Lady:

https://sonichits.com/video/Stephen_Foster/Nelly_Was_A_Lady-Alvin_Youngblood_Hart?track=1

Diebstahl aus Liebe

29. Juli 2022

Ohne „kulturelle Aneignung“ kein Fortschritt und keine Popmusik. Und auch kein Bob Dylan. Ein Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung

Auch sie begeisterten sich für die afroamerikanische Musik: Joan Baez und Bob Dylan beim „March On Washington“ 1963, Copyright: Wikimedia Commons

Der wegen angeblicher negativer kultureller Aneignung abgebrochene Auftritt der Schweizer Reggae-Band „Lauwarm“ ist einer der viralen Aufreger der Woche. Ist das „die Unterdrückung verlängernde Besitzergreifung fremder Kultur“ durch den weißen Mann? Dürfen weiße Musiker keinen Reggae spielen und Rasta-Locken tragen?

Klar, dass das wieder die altbekannten Wutbürger auf die Palme bringt. „Man darf ja gar nix mehr. Scheiß Political Correctness. Freiheit!“ usw. Und auf der anderen Seite drängen diejenigen nach vorne, die sagen, wer sich rassistisch beleidigt fühlt, ist im Recht, und dann muss die ihn empörende Handlung/Aussage auch rassistisch gewesen sein. Und wieder andere Zeitgenossen der Generation, die mit Reggae, Rock und Blues aufgewachsen ist, sind einfach nur ratlos und genervt, ob solcher aktuellen Konflikte.

Abgesehen davon, dass reine Subjektivierung von Problemen noch nie etwas gebracht hat, sind wir hier bei der Band „Lauwarm“ genau wieder beim Problem der Identitätsdebatten. Den Schweizer Musikern gefällt scheinbar die Reggae-Kultur so sehr, dass sie diese auch als Weiße zumindest musikalisch und im Outfit übernehmen.

In Kostüme schlüpfen

Nachahmung, Übernahme von Kleidung, Haltung und Verhalten anderer ist eine wichtige Kulturtechnik. Die spielt in Bildung und Erziehung und Schauspiel eine Rolle, denn durch Nachahmung lernt der Mensch, probiert sich aus und lernt Identitäten kennen. Wenn Kinder Cowboy und Indianer spielen, dann sind die Kostüme nicht das schlimme, sondern die Geschichten, die dabei gespielt werden. Wenn also nur das böse Klischee der einfältigen und/oder gefährlichen Rothaut und des wackeren und tapferen Cowboys gespielt würden, wäre das grausam. Aber welches Kind, das Anerkennung sucht, schlüpft freiwillig in die Rolle des Prügelknaben und Bösewichts? Als ich Anfang der 1970er Jahre in der Schule zur Fastnacht als Indianer ging, da orientierte ich mich an den guten Vorbildern der edlen Indianer, dem Comic-Held Silberpfeil und natürlich an unserem liebsten deutschen Winnetou und referierte wie selbstverständlich meine angebliche Stammesherkunft. Unsere Grundschullehrerin, der ich viel zu verdanken habe, griff dies sehr gut auf und wies auch hier ganz selbstverständlich darauf hin, dass alle Menschen gleich sind. Von ihr lernten ihr Toleranz und Demokratie. Und wir lernten aus Comics und Büchern das Interesse an den Indianern. Bis heute sind in Massen abgeschossene Indianer in Filmen für mich schwer erträglich. Gerade weil ich in ihr Kostüm schlüpfte?

Das alles ist nicht zu verwechseln mit „Blackfacing“, das dazu diente schwarze Menschen zu verspotten und zu verhöhnen. Diese Technik ist zurecht ausgestorben und es gibt an Theatern oder Oper gar keinen Grund schwarze Rollen mit weißen Schaupieler:innen oder Sänger:innen zu besetzen. Wer das immer noch macht, hat den Schlag nicht gehört.

Bot afroamerikanischen Musiker:innen eine Bühne: Das Newport Folk Festival 1963, Copyright: Vanguard Records

Eine Bühne für afroamerikanische Musiker

Zeitsprung: Anfang der 1960er war der Höhepunkt des Folk Revivals. Die junge, weiße urbane Studentengeneration entdeckte die kulturelle Ausdrucksform der armen afroamerikanischen Südstaatler für sich. Sie sah sich selber unverstanden und fremd in einer Welt von Konsumismus, Konformismus und Kriegen und hörte da eine Musik, die ebenfalls vom Leid erzählte. Sie eignete sie sich an und gleichzeitig brachte sie die schwarzen Bluesmusikerinnen und -musiker wieder oder auch erstmals in die Öffentlichkeit. Aus der Musik einer Community wurde erst eine schichtenübergreifende und später eine globale Musikkultur. Die Rolling Stones, Alexis Korner und Eric Burdon entdeckten Rythm & Blues für sich. Doch neben ihnen hatten jetzt auch Muddy Waters, Howlin Wolf oder Sister Rosetta Tharpe die Möglichkeit eine breite Öffentlichkeit für ihre Musik zu finden. Horst Lippmann und Fritz Rau brachten die schwarzen Künstler:innen nach Europa und die fühlten sich dort wohler als in den US-Südstaaten.

Auch Bob Dylan begeisterte sich früh für die afroamerikanische Musik. Er hörte Little Richard und Chuck Berry und besuchte den einzigen schwarzen Radio-DJ der Gegend voller Ehrfurcht. Später brachte ihn die schwarze Sängerin Odetta zur Folkmusik. Und dort in der Folkszene ging er ganz selbstverständlich mit den schwarzen Kolleginnen und Kollegen um. Von Harry Belafonte bis Mavis Staples. Er spielte und schrieb Bluessongs und Protestsongs. Er setzte Emmett Till, Medgar Evers, Hattie Caroll, George Jackson, Rubin „Hurricane“ Carter – allesamt Opfer des rassistischen Amerikas – Songdenkmäler. Kulturelle Appropriation? Sicher nicht. Eher Diebstahl aus Liebe. Was ohnehin das Wesen des Folk wie jeder populären Musik ist. Und Bob Dylan stand und steht an der Seite der Schwarzen.

Vermischung trotz Jim Crow

Wenn die frühen Countrystars wie A.P. Carter, Jimmie Rodgers, Bill Monroe oder Hank Williams in den 1930er und 1940er Jahren ihre auch kommerziell erfolgreiche Musik spielten, so war das ohne die direkten oder mittelbaren Einflüsse afroamerikanischer Musiker gar nicht denkbar. Von ihnen lernten sie fast alles. Doch diese Generation von weißen Südstaatlern war noch gefangen im Jim Crow-System. Als der frühe afroamerikanische Countrystar DeFord Bailey starb, da kam auch Bill Monroe zur Beerdigung. Den rassistisch motivierten Rausschmiss von Bailey aus der Grand Ole Opry verhinderten er und seine weißen Kollegen aber auch nicht. Ihre Karrieren gründeten sich objektiv gesehen auf der Besitzaneignung afroamerikanischer musikalischer Stile und Fertigkeiten ohne eine wirklich entsprechende Gegenleistung für die weiterhin einer repressiven weißen Gesellschaft unterworfenen schwarzen Musiker. Auch wenn die weißen Musiker subjektiv gesehen oftmals mit diesen befreundet waren. Schwierige Zeiten und es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Trotzdem ist diese Musik absolut hörenswert und hat eine Daseinsberechtigung.

Ausbeutung durch die Discomaschine

Denke ich an kulturelle Appropriation, also repressive, besitzergreifende kulturelle Ausbeutung, dann denke ich an Boney M. Die 1970er Disco-Pop-Gruppe wurde von dem weißen deutschen Musikproduzenten Frank Farian so zusammengestellt, dass sie alle Klischeevorstellungen von Weißen über Schwarze erfüllte. Drei junge, attraktive dunkelhäutige Frauen umgarnen einen schwarzen, potenten Macker. Dabei wird unverhohlen karibisches, westafrikanisches oder afroamerikanisches Liedgut in Farians Disco-Maschine so verwurstet, dass scheinbar internationale deutsche Popmusik entsteht. „Daddy Cool“, „Ma Baker“ oder „Rivers Of Babylon“ waren nicht der Ausdruck selbstbewusster schwarzer Erzählungen, sondern die von Farian so zusammengedrechselten Versatzstücke schwarzer Überlieferung, dass uns die Schwarzen als Puffmütter, umtriebige Gauner, lustige Gesellen oder arme Hascherl nahegebracht wurden. Farian nahm für den schönen Schein und für die Abhängigkeiten der Künstler ihm gegenüber dabei in Kauf, dass nur wenige wirklich singen konnten und ihre Gesangsparts von anderen eingesungen wurden. Er verdiente prächtig, die Künstler:innen mäßig dabei.

Absichten und Umstände von kultureller Aneignung

Es ist also nicht die Verwendung von Kostümen, Kultur und Musik per se das Problem von kultureller Appropriation, sondern Absicht und Umstände. Wenn auf Folk- und Bluesfestivals weiße wie schwarze Musiker:innen ganz selbstverständlich miteinander musizieren, Weiße Bluesmusik spielen und Schwarze Countrymusik, dann steht das Verbindende von Musik im Mittelpunkt. Denn über die Grenzen der repressiven Jim Crow-Gesellschaft hinweg mischten sich Musikstile und Genres. So entstand große Popmusik. Wenn aber aus kommerziellen Gründen afroamerikanische Ausdrucksformen in für weißes Empfinden gängig gemachten Formen und Erzählungen präsentiert werden, dass ist das in der Tat eine verwerfliche Form von Besitzaneignung, Ausbeutung und Rassismus.

Vereint in der Liebe zum Blues: Taj Mahal und Ry Cooder, Copyright: Nonesuch Records

Es gibt aber auch die Grautöne. Ich habe hier vor kurzem über den neuen Elvis-Film berichtet. Er rückt die afroamerikanischen Vorbilder und Einflüsse von Elvis wie Big Mama Thornton, Arthur Crudup oder B.B. King stärker in den Fokus. Selbstbewusste und meinungsstarke schwarze Künstler:innen wie Yola oder Gary Clark Jr. haben deswegen aus Überzeugung mitgemacht. Elvis ging ganz selbstverständlich mit den Schwarzen um, begeisterte sich für ihre Musik. Und trotzdem: Die von Colonel Parker aufgebaute Geldmaschine Presley war auch eine Form der Besitzaneignung und in Presleys Hofstaat waren nur weiße Menschen zu sehen. Und gleichzeitig arbeitete er mit schwarzen Musiker:innen auf der Bühne zusammen. Elvis Presley – ein Leben voller Widersprüche. Ein Förderer schwarzer Musik und ein Nutznießer gleichermaßen.

Fazit

Merke: Das Thema „Kulturelle Aneignung und die Ereignisse um „Lauwarm“ taugen nicht für pseudo-kulturelle Grabenkriege. Sie sollten aber der Auftakt für eine differenzierte und dialogische Betrachtung des Phänomens sein, dass Menschen sich für fremde Kulturen begeistern und in Kostüme schlüpfen und sich fremde musikalische Ausdrucksformen aneignen. Wie sollen Menschen zueinander finden, wenn sie nicht auch mal in andere Rollen schlüpfen? Wenn dabei jemand übers Ziel hinausschießt, dann sollte man lieber miteinander reden als verbieten. Das Einende sollte immer im Mittelpunkt stehen.

So richtig und wichtig Anti-Rassismus ist, er darf aber nicht zu einer Symbol-Politik werden, die die wirklichen rassistischen Verhältnisse und die daraus abgeleiteten Macht- und Wirtschaftsverhältnisse ausblendet und unangetastet lässt. Es ist halt leider schwieriger gegen kapitalistische und rassistische Ausbeutungsverhältnisse im hiesigen Niedriglohnsektor und in der Dritten Welt vorzugehen, als eine weiße Reggae-Band von der Bühne zu verweisen. Es macht aber sicher mehr Sinn, oder?

Bob Dylan wieder in Deutschland

15. Juli 2022

Sechs Konzerte im Oktober

Copyright: Live Nation Deutschland

In den letzten beiden Jahren hatten wir doch erhebliche Zweifel, ob uns der gute Bob nochmal hier in Deutschland besucht. Die Pandemie hätte zum Tour-Ruhestand führen können. Doch hätte, hätte – Fahrradkette! Bob Dylan ist seit Herbst letzten Jahres auf seiner „Rough And Rowdy Ways World Tour 2021 – 2024 und kommt nun in diesem Rahmen erstmals wieder nach Europa und spielt sechs Konzerte in Deutschland: Flensburg (2.10.), Magdeburg (3.10.), dreimal Berlin (5./6./7.10.) und Krefeld (9.10.).

Da Dylan in der Regel ja ständig auf Tour ist, gibt es im Gegensatz zu anderen Acts keinen großen Vorlauf. Hier nur knapp zweieinhalb Monate. D.h. auch die Organisation der Tour wird zeitnah abgearbeitet. Und das hat in Deutschland zu diesem Tourverlauf geführt. Berlin war sicher keine kurzfristige Entscheidung. Aber dass er statt in Hamburg nun in Flensburg, statt Hannover nun in Magdeburg und statt Düsseldorf/Köln in Krefeld spielt, dürfte auch damit zu tun haben, dass die Event- und Musikbranche in Deutschland außer im United Kingdom in Europa am größten ist und die Hallen wegen der vielen Corona-Verschiebungen schon ziemlich ausgebucht sind.

In Flensburg sahen wir ihn 2014 im Konzert, danach folgte in der Halle die Live-Übertragung des 7:1-Jahrhundertspiels Deutschland gegen Brasilien. In Berlin waren wir 2013 bei seinem Gastspiel im Tempodrom und sahen zwei von drei Konzerten und vor uns stand Wim Wenders. Nun also die „Verti Music Hall“. Die nach einem Autoversicherer benannte Halle befindet sich ganz passend direkt neben der Mercedes Benz-Arena. Sie ist kleiner als diese und fast 4.500 Zuschauer unbestuhlt und 2.250 bestuhlt. Jetzt fehlt daneben eigentlich noch der Sixt-Club mit einer Kapazität mit rund 1000 Personen unbestuhlt und 600 bestuhlt.

Bei allen Konzerten ist die Smartphone-Nutzung untersagt, es wird „Yondr Bags“ geben, in denen das Gerät während des Konzerts eingeschlossen ist. Das hat einen störungsfreien Konzertgenuss – mich nerven die Dauerfilmer bei Konzerten zusehends – aber auch so gut wie keine Konzert-Schnappschüsse und -Bewegtbilder zur Folge. Die Ereignisse bei der letzten Tour 2019 mit dem Foto-Eklat in Wien haben ihre Nachwehen.

Es ist – sollte sie nicht noch erweitert werden – eine recht kompakte Tour. Vom 25. September bis 31. Oktober, 25 Termine. Kein Österreich, keine Schweiz, kein Italien, kein Spanien – all das könnte dann nächstes Jahr wieder Ziel sein. Dylan tourt auch mit 81 Jahren unerschütterlich. Aber die Termine innerhalb eines Tour-Zeitraums werden weniger und er bleibt auch gerne mal für mehrere Konzerte an einem Ort.

Musikalisch können wir uns auf ein in Hinsicht auf die US-Konzerte wenig verändertes Programm freuen und die deutschen Live-Premieren der RARWs-Songs miterleben. Die Konzerte in den USA müssen wahrhaft majestätisch gewesen sein, Dylan weiterhin großartig bei Stimme, sitzt bis auf wenige Ausnahmen am Piano, dass aber nicht mehr am Rande, sondern mittendrin steht, so dass Dylan frontal zu sehen ist. Zudem ist er gut aufgelegt und hat zu jeder Stadt, in der er spielt immer auch einen passenden Spruch parat. Mal schauen, was ihm zu Krefeld einfällt.

Das alles muss man einfach nochmal gesehen und gehört haben. Die letzten beiden Jahre ohne Dylan-Live waren zu lang. Welcome Back, Mr. Bob Dylan!

Die schwarzen Wurzeln des „King Of Rock’n‘Roll“

1. Juli 2022

Baz Luhrmanns Film „Elvis“ ist nicht nur ein rasanter Ritt durch Presleys Leben, der in opulenten Bildern schwelgt, er nimmt auch die afroamerikanischen Wurzeln dessen Werkes so ernst wie kein anderer Film vorher.

Copyright: Warner Bros. Pictures

Wenn selbstbewusste, gesellschaftskritische afroamerikanische Roots-Musiker wie Gary Clark Jr. und Yola im neuen Elvis-Biopic mitspielen, dann tun sie das, weil sie die Rolle der afroamerikanischen Musiker für die Entstehung des Rock’n’Rolls und die Karriere dessen Königs, Elvis Presley, in diesem Film endlich hinreichend gewürdigt sehen. Und tatsächlich: Selten wurden so klar diese Voraussetzungen für die Entstehung des Musikers Elvis Presley gezeigt wie hier.

Zwischen Juke Joint und Zeltgottesdienst

Nachdem sein Vater ins Gefängnis kommt, ist die Familie finanziell notleidend und gezwungen, als weiße Familie in eine schwarze Gegend zu ziehen. Auf die andere Seite der Gleise sozusagen. Und hier im Schwarzen-Viertel lernt der kleine Elvis Blues und Gospel kennen. Feiner Kniff des Regisseurs, die Nähe von Blues und Gospel bildlich durch die räumliche Nähe von Juke Joint und Zeltgottesdienst darzustellen. Und beides fasziniert Elvis. Die laszive, körperlich befreiende Kraft des Blues (hier singt Gary Clark Jr. als Arthur Crudup) und die spirituelle Extase im Gospel-Gottesdienst. Wenn dort auch noch „I’ll Fly Away“ gesungen wird, das ja auch von den Weißen als Country-Gospel gesungen wird, dann wird endgültig klar, wie durch die Vermischung von weißen und schwarzen musikalischen Traditionen der Rock’n’Roll geboren wurde. Und nebenbei wird klar, dass Erweckungsgottesdienste und religiöse Extase der Südstaatenkirchen, den Baptisten und den Pfingstlern, ebenfalls Wurzeln des Rock’n’Roll sind.

„Musikalischer Direktor“ des Films ist Dave Cobb, Produzenten-Wunderkind aus Nashville (Chris Stapleton, Brandi Carlile, Jason Isbell), der hier absolut gute Arbeit geleistet hat. Zu den faszinierendsten Szenen des Films gehören Elvis‘ Eintauchen in die afroamerikanische Kultur in der Beale Street. Hier singen Big Mama Thornton, Sister Rosetta Tharpe und Little Richard und B.B. King ist für Elvis eine Art Freund und Lotse durch diese Welt. Der Rock’n’Roll kam aus dem Rythm & Blues und der war afroamerikanisch und auch weiblich. Insofern ist dieser Film starke Musikgeschichtsschreibung.

Der „Einseifer“

Nicht so gut kommt im Film die Welt der Countrymusik weg. Hank Snow wird als bornierter, weißer Südstaatler dargestellt, während sein Sohn Jimmie Rodgers (!) Snow schnell merkt, welch musikalische Revolution sich da mit Elvis ankündigt. Der merkt, dass da auch Country-Wurzeln drin sind, während Vater Snow das trennende, die Farben der Akteure, betont. Im richtigen Leben wurde übrigens Sohn Snow nach einer kurzen Musikkarriere evangelikaler Prediger. Dass aber auch Afroamerikaner Countrymusik mögen und Elvis immer wieder auch Countrysongs spielte, kommt im Film leider nicht vor, schmälert aber die wichtige Musikgeschichtsschreibung des Streifens nicht.

Die zentrale Rolle des Erzählers nimmt im Film Elvis‘ Manager Colonel Tom Parker alias Andreas Cornelius van Kuijk ein. Er ist ein schmieriger Geschäftemacher, der vom „Einseifer“ auf dem Jahrmarkt zum Countrymusikmanager wird und erst Hank Snow managt und ihn dann zugunsten von Elvis fallenlässt. Er merkt sofort, welche monetären Chancen ein weißer Junge bietet, der die schwarze Musik für ein großes, weißes Publikum marktförmig macht. Dass dies auch zur Folge hat, dass die weißen Kids bei Elvis‘ Musik die Körperlichkeit und die sexuelle Extase für sich entdecken und damit die reaktionäre Obrigkeit der Südstaaten auf den Plan gerufen wird, kann dem einst illegal eingewanderten Holländer nicht gefallen. Seine Existenz steht auf dem Spiel. Also nimmt er Elvis aus dem Spiel und schickt ihn zum Militär nach Deutschland.

Das Establishment schlägt zurück

Was dieser Film ebenfalls deutlich macht, ist dass das was heute so selbstverständlich als Mainstream und Konsens angesehen wird, nämlich der Rock’n’Roll, in den 1950er Jahren auf erbitterten Widerstand des Establishments traf. Rassismus, Prüderie und Menschenfeindlichkeit führten dazu, dass die erste Rock’n’Roll-Generation abdanken musste. Elvis ging zur Army, Chuck Berry und Jerry Lee Lewis wurden wegen Unzucht mit Minderjährigen belangt. Daran gibt es natürlich nichts zu beschönigen. Allerdings muss man auch davon ausgehen, dass FBI und weiße Sheriffs den Rock’n’Rollern systematisch auf den Fersen gewesen waren.

Ganz wichtig für alle, die hierzulande mit amerikanischer Kultur aufgewachsen sind: Rock’n’Roll, Blues und Jazz sind hier immer als Synonyme für amerikanische Kultur gesehen worden. Das idealtypische Amerika-Bild eines vielfältigen „Melting Pots“, dem auch ein Bob Dylan in seiner Kunst folgt, entsprach – wenn überhaupt – nur phasenweise den wirklichen Verhältnissen in den USA. Was ab den 1980er Jahren folgte, war eine Symbiose von reaktionären, angelsächsischen, rassistischen Republikanern mit evangelikalen Eiferern seit der Präsidentschaft Ronald Reagans und eine Veränderung der Grand Old Party von der Honoratiorenpartei in eine semi-faschistische Partei wildgewordener weißer Wutbürger unter der Führung von Donald Trump. Diese Leute sind Feinde dieses vielfältigen Amerikas, das Blues, Jazz und Rock’n’Roll hervorgebracht hat.

Leben und Karriere nie selbst im Griff gehabt

Doch zurück zu Elvis. Der spielte nach seinem Militärdienst in seichten Filmen, während erst der Limonaden-Rock die Musik verwässerte, dann das Folk Revival, Bob Dylan und die Beatles ihn alt aussehen ließen. 1968 war das letzte Mal, dass Presley aus den Fängen Parkers ausbrechen wollte. Doch es sollte nur beim Zucken eines erfolgreichen TV-Specials bleiben, das Parker am Ende auch noch für sich reklamierte.

Presley war ein großartiger Musiker, aber hatte weder sein Leben noch seine Karriere wirklich selbst im Griff. Ihm fehlten die intellektuellen Möglichkeiten und die charakterliche Stärke. Sein Vater war schwach, seine Mutter dominant. Er war ein Muttersöhnchen, der von seiner Mutter leider die Disposition für Suchtprobleme geerbt hatte. Sie war alkoholkrank, Colonel Parker, eine Art Vaterfigur für ihn, trieb ihn in die Medikamentenabhängigkeit.

All diese Facetten eines tragischen Künstlerlebens spiegelt Luhrmanns Film wieder. Ein Biopic, das zum Besten gehört, das es in diesem Genre gibt.

Prädikat: Sehenswert!

Patti sings Bob

13. Juni 2022

Bei ihrem Konzert in Frankfurt zeigt sich Patti Smith unverändert kraftvoll und voller Lust an der Performance und an der Verbreitung ihrer Botschaft. Und sie zollt mit zwei Songs ihrem Freund Bob Dylan Tribut.

Patti Smith auf der Bühne der Jahrhunderthalle Frankfurt, Foto: Cowboy Band Blog

Da ist sie wieder: Die Punk-Poetin, Rock-Schamanin, Schriftstellerin, Lyrikerin und Fotografin Patti Smith. Nun 75 Jahre alt. Aber kein bisschen müde. Wieder auf Tour. Und Kritik und Publikum sind begeistert. Auch an diesem Sonntagabend in der Frankfurter Jahrhunderthalle ist sie voller Lust am Singen, Tanzen, performen. Sie singt sich durch alle Stationen ihrer Karriere und wird nie müde, ihre Botschaft, ihr Anliegen zu verbreiten: „Ihr habt die Kraft etwas zu verändern. Seid mutig und geht an gegen an die großen Konzerne, gegen Umweltzerstörung und anderes Unrecht.“

Zwei Dylan-Songs

Mit im Gepäck hat sie auch zwei Dylan-Songs. „The Wicked Messenger“, den sie auf ihrem Comeback-Album „Gone Again“ 1996 erstmals aufnahm. Ende 1995 hatte ihr Dylan nach Fred „Sonic“ Smiths Tod geholfen, den Weg zurück ins Musikbusiness zu finden. Sie spielte als Support Act bei seinen Konzerten und sie sangen ein wunderschönes Duett von Dylans „Dark Eyes“.

„Wicked Messenger“ wird zu einem der Höhepunkte des Konzerts. Er kommt in einem Arrangement daher, dass die apokalyptische Stimmung des Liedes betont. Man möchte die schlechte Botschaft nicht hören. Daraus folgt, dass die Warnung nicht befolgt wird. Wie aktuell das ist, hat ja erst kürzlich der großartige Film „Don’t Look Up“ auf böse und gleichzeitig humorvolle Art gezeigt. Hier bei Patti stehen die tragischen Töne im Mittelpunkt. Man will sich nicht stören lassen, einfach so weiter machen. Und so wird aus dem Song ein Gewitter mit Endzeitstimmung.

Man möchte die schlechte Nachricht nicht hören

Ja, man will sich nicht stören lassen. So wie man es in Sachen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit seit langem tut. Trotz massiver Warnungen von Experten, NGOs, Betroffen-Organisationen: Die politische Klasse ist in ihrer Eingefahrenheit, Phantasielosigkeit und Beschränktheit nicht in der Lage gegenzusteuern, obwohl die Probleme sichtbar sind. Ein von Menschen gemachtes Wirtschaftssystem das auf massenhafter Produktion und privater Profitaneignung beruht, wird von ihnen als natürlich und unveränderbar angesehen. Auch von denen, die es sozial etwas erträglicher machen wollen, oder denen, die als Partei sich Umwelt und Klima auf die Fahnen geschrieben haben. Ganz zu schweigen von den Parteien, die seit jeher die Interessen der Profiteure vertritt. Wenn sich da nichts dran ändert, schlittern die westlichen Gesellschaften in die Klimakatastrophe und es kommt gleichzeitig zu schweren sozialen Verwerfungen. Die Folgen sind große Legitimationskrisen der Demokratien und die Gefahr des Autoritarismus.

„The Wicked Messenger“ ist denn auch ein zentraler Song für Pattis Botschaft des Abends. „Kämpft, mischt Euch ein!“ Auch wenn erstmal keiner zuhören will.

Einer der Höhepunkte: Patti rezitiert Allen Ginsberg, Foto: Cowboy Band Blog

Neue Kraft für eine alte, traurige Geschichte

Der zweite Dylan-Song ist das traurige „One Too Many Mornings“ über das Ende einer Liebe. Über Zwei, die sich geliebt haben, aber jetzt einfach nicht mehr zusammenkommen. Pattis kraftvolle, ausdrucksvolle, aber eben nicht im herkömmlichen Sinne „schöne“ Stimme ist genau das richtige für die ungeschönte Geschichte, die hier erzählt wird. Als Dylan-Fan hat man den Song schon so oft gehört, aber Patti schafft es, ihm neue Kraft zu geben. Der Song erreicht die Herzen des Publikums. Zweimal nennt sie danach den Namen des Songwriters, als wollte sie sagen, „hört gut hin, wer solche großartigen Lieder schreibt“.

Patti lässt auf Bob nichts kommen, die beiden stehen sich sehr nah, das hat ja spätestens auch ihre Vertretung für Bob beim Nobelpreis 2016 gezeigt. Seine Kunst ist ein wichtiger Einfluss, ein wichtiger Antrieb. Wunderschön die Szenen, die im Scorsese Film über die Rolling Thunder Revue zu sehen sind, als Bob und Patti in einem Club im Greenwich Village unter der Treppe sich ganz intensiv im Gespräch austauschen. Man sich vorstellen, wie die beiden wichtigen Songwriter-Größen über Musik und Lyrik parlieren, diskutieren, debattieren. Bob wollte Patti gerne bei der Rolling Thunder Revue dabei haben, aber irgendwie klappte das nicht. Sie wäre genau richtig dort gewesen und hätte der Tour gleichzeitig diesen leider vorhandenen Hauch der 1960er-Nostalgie genommen.

Zwei Ausnahmekünstler

Mit Nostalgie haben aber anno 2022 weder Dylans noch Smiths Konzerte irgendetwas zu tun. Auch wenn Patti bei der Songauswahl bei den Greatest Hits bleibt, während Bob nur die neuesten Songs spielt. Beide beweisen Zeitlosigkeit. Dylan, indem er sie ohnehin zum Thema macht, weil er die zentralen Menschheitsfragen immer wieder neu verschlüsselt zum Gegenstand seiner Songs werden lässt. Smith, indem sie die Überlebensfragen der Menschheit immer wieder klar an- und ausspricht und dabei stets human und voller Achtsamkeit gegenüber dem Individuum bleibt.

Patti Smith und Bob Dylan: Zwei Ausnahmekünstler voller Respekt füreinander.