Eine rundum gelungene Geburtstagsfeier!

27. September 2020

40. Lahnsteiner Bluesfestival: Packendes Programm und starke Künstler sorgen für tolle Atmosphäre im „Bluesclub“ in der Stadthalle

Stadthalle Lahnstein: Wo sonst die Stuhlreihen dicht an dicht gebaut sind, damit viele, viele Zuschauer jedes Jahr beim Lahnsteiner Bluesfestival das Musikprogramm verfolgen können, da sind diesmal wegen der Corona-Lage in angemessenem Abstand kleine Tische aufgebaut, an denen stets 2-3 Personen sitzen. So sind es gerade mal schätzungsweise irgendwo zwischen 60 – 80 Zuschauer, die in den Genuss gekommen sind. live dabei zu sein. Die großen Zuschauerzahlen erreicht das Festival in diesem Jahr über die Ausstrahlungen im Internet und im Fernsehen. Doch die Organisatoren rund um den Spiritus Rector des Festivals, Tom Schroeder, sind einfach nur froh, dass die Jubiläumsausgabe, das 40. Lahnsteiner Bluesfestival überhaupt stattfinden kann.

Bluesclub-Atmosphäre in der Stadthalle
Und so wird das Festival mit seinem auch in diesem Jahr wieder qualitativ besonderen und vielfältigen Programm vom Publikum denn auch in den kommenden gut vier Stunden als Geschenk aufgenommen. Denn was da auf der mitten im Parkett der Stadthalle aufgebauten runden Bühne auftritt, gehört zum Besten, was die deutsche und europäische Bluesszene zu bieten hat.

Moderator Arnim Töpel bringt in seiner Begrüßung die Atmosphäre in der Halle auf den Punkt, als er sich einen Bluesclub versetzt fühlt. Nach seinem Beginn mit dem trotzigen A-Cappella-Stück „Blues bleibt“, führt er als diesjährigen Co-Moderator Rolf Hüffer ein. Seit dem Jahr 2000 produziert und moderiert Hüffer alljährlich den 90-minütigen TV-Film vom Lahnsteiner Bluesfestival. Gemeinsam werden sie an diesem Jubiläumsprogramm Abend moderieren und kurze Interviews mit den Künstlern führen.

Mike Andersen lässt die Betriebstemperatur spürbar steigen

Mike Andersen, Foto: Cowboy Band Blog


Den musikalischen Auftakt macht dann der Däne Mike Andersen mit seiner „Big Soul And Blues Revue“. Seine fünfköpfige Stammband ist extra für diesen Anlass um den Perkussionisten Mads Michelsen und den Tenorsaxophonisten Niels Mathiasen verstärkt worden. Und die sieben Musiker lassen von Anfang an keine Blueswünsche offen. Mike Andersen ließ sich schon in seiner Jugend von Bluesgrößen wie Otis Rush für diese Musik begeistern und so ist er auch mittlerweile auch schon gut dreißig Jahre im Geschäft. Der Songwriter und Bandleader wechselt stetig zwischen E-Gitarre und Akustik-Gitarre und spielt sowohl alte Songs-, u.a. den Radio-Hit „Who’s Cheating Who“, mit dem für ihn seine Musikkarriere so richtig begann – wie auch neue. „Brandneu“, so sagt er, ist „Midnight Coffee“, es ist im Lockdown entstanden. Gekrönt wird das Blues-Rock-Stück von einem überirdisch-wilden Bottleneck-Gitarren-Solo von Johannes Nørrelykke.

Dann kommen wieder leisere Töne. Mike Andersen tritt bei „One Million Miles“ alleine mit der Akustikgitarre auf die Bühne und fesselt das Publikum. Dann kommt wieder die Band und begeistert voller Spielfreude mit weiteren musikalisch packenden Stücken wie „I Was Wrong“ oder „I Wanna Go“. Andersen und seine Band haben den Bluesclub in der Stadthalle schon ordentlich auf Betriebstemperatur gebracht und werden mit Standing Ovations verabschiedet.

„Blues-Louis“ für Manfred Miller
Nun ist wieder „Blues-Louis“-Zeit. Alljährlich wird der Preis an Persönlichkeiten verliehen, die sich um den Blues in besonderer Weise verdient gemacht haben. Zum 40. Lahnsteiner Bluesfestival bekommt ihn Mitbegründer Manfred Miller. Der 1943 geborene Miller ist einer der legendären deutschen Musikjournalisten und Populärmusikforscher, der den Blues hierzulande sowohl populär gemacht, als ihn auch tiefergehend nach seinen gesellschaftlichen Ursprüngen hin beleuchtet hat. Sein Buch „Um Blues und Groove – Afroamerikanische Musik im 20. Jahrhundert“ ist eines der Standardwerke zu dieser Musik im deutschsprachigen Raum. In einem Einspielfilm wird gezeigt, wie ihn Tom Schroeder zu Hause besucht, eine ebenso geistreiche wie wertschätzende Laudatio hält, und ihm den Preis überreicht.

Rolf Hüffer und Arnim Töpel, Foto: Cowboy Band Blog

Danach ist erstmal eine 45-minütige Umbaupause, ehe wieder Arnim Töpel und Rolf Hüffer die Bühne betreten. Mit einem Video-Mitschnitt von Highlights der letzten 20 Jahre nimmt das Programm wieder Fahrt an und der Boden wird bereitet für den zweiten musikalischen Teil des Programms. Auf der Bühne entspannt sich in den folgenden gut anderthalb Stunden ein fulminanter Reigen großartiger Musik und Musiker: Die Kai Strauss Band & The Lahnstein Birthday All Stars feat. Inga Rumpf, Giorgina Kazungu-Hass, Tosho Todorovic, Tommy Schneller, Dieter Kuhlmann und Gary Winters. Kai Strauss, eher von kleinerer, schmaler und sehniger Statur, ist mit starker Stimme und kunstvollem Gitarrenspiel ganz klar der Chef im Ring. Er und seine Band sind die Idealbesetzung, um den Gaststars eine Bühne zu bereiten und einen verlässlichen musikalischen Rahmen zu bieten. „Hard Life“ heißt sein meisterhaft vorgetragener langsamer Soul-Blues, auf den der erste Gastauftritt folgt. Saxophonist Tommy Schneller, der mit Dieter Kuhlmann (Posaune) und Gary Winters (Trompete) den Bläsersatz bildet, tritt hinter der Plexiglasabtrennung hervor und intoniert mit wunderbarer Soulstimme „Put It Where You Want It“. Es folgt das erste Interview. Kai Strauss und Tommy Schneller werden zur Blues-Hochburg Osnabrück befragt. Dort entwickeln sich auf festen Session-Strukturen immer wieder große Bluestalente.

Kai Strauss Band & The Lahnstein Birthday All Stars- ein fulminanter musikalischer Reigen

Giorgina Kazungu-Haß, Foto: Cowboy Band Blog


Giorgina Kazungu-Haß, die dann die Bühne entert, hat schon mit 16 Jahren das Publikum auf der Lahnsteiner Festivalbühne begeistert. Mit einer großartigen Blues- und Soulstimme sowie einem überragenden Temperament ausgestattet, hat sie sich dennoch entschlossen, nicht von der Musik zu leben. Erst arbeitete sie als Lehrerin, jetzt vertritt sie als SPD-Landtagsabgeordnete den Wahlkreis Neustadt – Haßloch – Lambrechter Tal im Mainzer Landtag. Für dieses Jubiläum kehrte sie aber nochmals zum Lahnsteiner Bluesfestival zurück. Und wie!

Auf der Bühne ganz extrovertierte Power-Frau, singt sie mit „A Change Is Gonna Come“ aus aktuellem Anlass eine Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung. Der Sänger Sam Cooke ließ sich 1964 von Bob Dylans „Blowin‘ In The Wind“ zu diesem Song inspirieren. Cooke wurde im selben Jahr von einer Motelmanagerin erschossen, die genauen Todesumstände wurden nie geklärt. Bob Dylan sang eine Version des Liedes im Jahr 2004 zum 70-jährigen Bestehens des Apollo-Theaters in Harlem sicher auch zu Ehren von Cooke. Und genau diesen Song trägt Giorgina Kazungu-Haß vor und gibt ihm Tiefe, Raum und eine unbestechliche Botschaft. Gänsehautmomente!

Mit Tosho Todorovic folgt ein weiterer Vertreter der Osnabrücker Blues-Schule. Der Gitarrist und Bandleader der Blues Company spielt beeindruckende Blues-Stücke auf seiner elektrischen Gitarre. Dazwischen erzählt er launige Geschichten wie die von dem Song „Blue And Lonesome“, den Hollywood-Produzenten als Titelmelodie für einen Bluesfilm einsetzen wollten. Das klappte auch alles, jedoch kam der Film nie nach Europa. Sagt er und stürzt sich in eine ausgefeilte Version dieses Songs. Wieder Zeit für ein kurzes Interview: Diesmal fragen die beiden Moderatoren die ehemalige Lehrerin Kazungu-Haß und den aktiven Bluesdozenten Todorovic, ob man den Blues lernen könne. Klare Antwort: Die Technik ja, aber zum Blues gehört noch viel mehr.

Tosho Todorovic, Kai Strauss, Inga Rumpf, Giorgina Kazungu-Haß, Foto: Cowboy Band Blog

Inga Rumpf – die deutsche Rock- und Blueslegende begeistert
Nun ist es soweit! Der absolute Stargast des Abends betritt das Bühnenrund: die deutsche Musiklegende, Rock- und Blueskoryphäe Inga Rumpf. Seit 50 Jahren ist die im Geschäft, arbeitete u.a. mit ihrer Band „Frumpy“, mit Udo Lindenberg, Peter Herbolzheimer oder Joja Wendt. Drei Songs sang sie in ihrer unnachahmlichen Art und erntete stürmischen Beifall. Darunter die ganz starke Nummer „Slow Motion“. Und schließlich endet mit allen „Lahnstein Birthday All Stars“ gemeinsam auf der Bühne ein unvergessliches Jubiläumsprogramm. Und wieder stehende Ovationen! Es war großartig, so wie es war. Die Organisatoren haben angesichts der Corona-Bedingungen einen fantastischen Job gemacht.

Blues bleibt!
Und doch hofft man, im kommenden Jahr zur 41. Auflage wieder etwas mehr Normalität erfahren zu dürfen. Aber wie auch immer: Lahnstein zeigt – Blues bleibt!

Cheerio, Mr. Bob!

25. September 2020

Theme Time Radio Hour Revisited: Bob Dylans akustische Whiskey-Verkostung vermittelt in hörenswerter Form interessante Einblicke in die alten amerikanischen Exportschlager Populärmusik und Feuerwasser/ Schwerpunkt auf afroamerikanische Künstler gelegt

Foto: Heaven’s Door Whiskey

Das Fazit gleich vorweg: Es ist ein großartiges Hörvergnügen. So wie man es erhofft und insgeheim erwartet hatte. Und es war doch wieder ganz anders. Denn Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“ zum Thema „Whiskey“ war mehr als die übliche, ohnehin schon großartige Melange aus interessanter Musik, witzigen Späßen und unverhofften literarischen Zitaten, Erklärungen und Vergleichen.

Afroamerikanische Musikbeiträge
Denn schaut man sich die Playlist an, so sieht man: Dylan hat uns in ganz selbstverständlicher Beiläufigkeit erklärt, welch großen Beitrag zur amerikanischen Populärmusik die African American Community geleistet hat. Es geht schon los mit dem wunderbaren langsamen und ruhigen „Quiet Whiskey“ der Bluessängerin Wynonie Harris. Später lernen wir Edmund Tagoe & Frank Essien kennen, die in ghanaischer Sprache zu in London aufgenommener amerikanisch verwurzelter String Band Musik singen. Typisch Dylan der Musikhistoriker. Er zeigt uns auf, wie die Schallplatten-Aufnahmen zu einer ersten musikalischen Globalisierung führten. Denn die beiden Musiker haben sich von Aufnahmen von Bo Carter von den Mississippi Sheiks inspirieren lassen.

Mit Timmie Rogers‘ „Good Whiskey (And a Bad Woman)“ führt er den schwarzen Komödianten ein, der einer der ersten war, die direkt ein weißes Publikum ansprechen durften. Es war ein weiter Weg von den weißen Blackface Minstrels und ihrer „Dummen August“-Figur Jim Crow bis zu dem selbstbewussten afroamerikanischen Komiker der 1960er und 1970er Jahre. Der Bluessänger Jimmie Witherspoon besingt den „Corn Whiskey“ und der Reggaemusiker Alfred covert „One Scotch, One Bourbon, One Beer“ der Blues-Legende John Lee Hooker.

Und aus der Sendung begleiten uns dann die Jazzsängerin Miss Byllye Williams mit dem „Hangover Blues“ – nach dem Saufen kommt der Kater!- und R&B-Bandleader Tuff Green. Der und sein Orchester führen mit dem Titel „Let’s Go to the Liquor Store“ aber schon wieder in Versuchung. Es hört halt nie auf.

Ohne diesen Fakt herauszustellen, legt die Sendung einen Schwerpunkt auf afroamerikanische Musik und ihre Verbindungen zur Karibik und Westafrika. Dylan at its best: Seine Art von Kommentar zu den aktuellen politischen Auseinandersetzungen um den Rassismus in den USA.

Mit alten Freunden den Whiskey genießen
Und was noch? Ebenfalls viel Hörenswertes. Dylans alter Freund Charlie Poole ist wieder mit dabei. Denn der war nicht nur ein großer Old Time Musiker, sondern auch ein großer Trinker. Seine spezielle Banjotechnik eignete er sich notgedrungen nach einem „Getränkeunfall“ an. Von einem „Getränkeunfall“ ganz anderer Dimension erzählt uns Dylan dann in der Geschichte der Melassekatastrophe von Boston, als sich nach einer Tankexplosion ungeheure Mengen der Sirupmasse über die Straßen der Ostküstenstadt ergossen. 21 Menschen verloren dabei ihr Leben. Merke: Wer Rum liebt, lebt gefährlich, man greife besser zu einem Glas Whiskey!

Natürlich kommen in der Sendung noch weitere gute Freunde von Dylan vor. Frank Sinatra, dessen Vorliebe für Jack Daniel’s legendär ist, ist ebenso mit von der Partie wie der Vertreter einer anderen großen Whiskey-Nation, Van Morrison. Der (Nord-)Ire besingt den schwarzgebrannten, den „Moonshine Whiskey“ und Dylan zählt uns dazu einige Synonyme für den „illegalen“ Whiskey auf. „White Lightning“ war uns bekannt. Aber „Tiger Sweat“ und „Panther Piss“? Da muss sogar Dylan lachen.

Und natürlich passt da auch die Geschichte der NASCAR dazu. Kurz nach der Prohibition wurde privat gebrannter Moonshine-Whisky heimlich mit aufgemotzten Autos quer durch Amerika transportiert. Mit diesen Boliden wurden später dann Rennen veranstaltet. Dies führte wiederum zur Gründung der National Association for Stock Car Auto Racing, kurz NASCAR im Jahr 1947.

Dylan näht weiter am amerikanischen Patchwork-Quilt
Komplettiert wird das musikalische Programm im Übrigen durch zwei Musiker mit Cajun-Hintergrund. Die Cajuns sind ja bekanntermaßen die Nachfahren, der aus Kanada nach Lousiana geflohenen französisch-stämmigen Siedler. Dylan legt uns Bobby Charles und Harry Coates ans Herz. Letzterer wurde als „Fiddle King of Cajun Swing“ und „Godfather of Cajun music“ gerühmt. Ersterer hat den legendären Song „See you later, alligator“ geschrieben und war der einzige weiße Musiker auf dem „schwarzen“ Chess-Label. Er ging mit schwarzen Musikerkollegen wie Chuck Berry auf Tour und war dabei im Süden denselben Repressalien ausgesetzt wie diese.

Die beiden Stunden gehen vorbei wie im Flug. Gute Musik und starke Geschichten beleuchten die enge Verbindung der beiden amerikanischen Kulturgüter Populärmusik und Whiskey. Und es gibt eben eine wichtige Botschaft zwischen den Tracks und den Zeilen: Die amerikanische Populärkultur ist ohne die Einwanderung und Vermischung von Menschen verschiedenster Herkunft nicht denkbar. Bob Dylan bleibt sich auch mit dieser Nachzügler-Folge seiner Theme Time Radio Hour treu: Er näht weiter am großen, amerikanischen Patchwork-Quilt und straft damit die „Make America Great Again“- und „Othering“-Propagandisten von Spaltung, Eingrenzung, Isolationismus und Rassimus Lügen!

Playlist:
Quiet Whiskey – Wynonie Harris
If the River Was Whiskey – Charlie Poole and the North Carolina Ramblers
Whiskey River – Willie Nelson
Whiskey Sonn Onuo Da – Edmund Tagoe & Frank Essien
He’s Got All the Whiskey – Bobby Charles
Timmie Rogers – Good Whiskey (And a Bad Woman)
Laura Cantrell – The Whiskey Makes You Sweeter
Frank Sinatra – Drinking Again
Jimmy Witherspoon – Corn Whiskey
Billie Harbert – Ain’t That Whiskey Hot
One Scotch, One Bourbon, One Beer – Alfred Brown
Rye Whiskey – Harry Choates
Comin’ Thru the Rye – Julie London
Mountain Dew – The Stanley Brothers
Moonshine Whiskey – Van Morrison
Alabama Song – Lotte Lenya
Jockey Full of Bourbon – Tom Waits
Tennessee Whiskey – George Jones
Whiskey in the Jar – Thin Lizzy
The Parting Glass – The Clancy Brothers
Hangover Blues – Miss Byllye Williams
Let’s Go to the Liquor Store – Tuff Green and His Orchestra

Die Sendung zum nachhören:

Whiskey!

18. September 2020

Copyright: Heaven’s Door Whiskey

Und wieder meldet er sich zurück: Bob Dylans hochprozentige Neuauflage seiner Radio Show

Die Meldung von Radio Eins, deutschlandweit am 24. September exklusiv ein neues Special von Bob Dylans Theme Time Radio Hour zum Thema „Whiskey“ zu übertragen, entfachte einen großen Hype. Dylans Radio Show ist wieder da! Und wie! Sie ist Teil einer größeren Kampagne. Zu hören ist sie nämlich auch am 21. September beim Satelliten- und Streaming-Radiosender Sirius XM und ab dem 25. September u.a. auf Dylans Website http://www.bobdylan.com und auf verschiedenen Streamingportalen.

Trinken aus Philantropie
Bob Dylan macht wirklich nur noch das, was er will. Hat er vor ein paar Jahren sich sehr auf die Ausstellung seiner Zeichnungen und Malereien konzentriert, so liegt ihm nun seine Whiskey-Marke sehr am Herzen. Und was liegt da näher als verkaufsstrategisch eine Neuauflage seiner Radio Show mit dem Thema „Whiskey“ in den „Bourbon Heritage Month“ zu legen, der alljährlich im September stattfindet. Und Heaven’s Door führt just zu dieser Zeit wieder eine karitative Aktion im Rahmen seines „#ServeSomebody philanthropic program“ durch. Teile der Einnahmen des Whiskeyverkaufs von September und Oktober gehen in die Speisung von Bedürftigen. Trinken für einen guten Zweck und unser Bobby kurbelt das alles an. Großartig!

Beworben wird die Radiosendung ausführlich über die Medien der Marke „Heaven’s Door“. Für Dylan gibt die Sendung die Möglichkeit, über die unzähligen Verbindungen zwischen Whiskey und Gesellschaft, Kultur und Politik zu erzählen und viele, viele Titel zu spielen, die in Beziehung zu dem Kult-Getränk stehen und/oder dieses im Namen führen.

Wobei wir davon ausgehen können, dass er eigene Songs, in denen der Whiskey vorkommt, aussparen wird. Also werden auch nicht diese Zeilen erklingen:

„Might like to wear cotton, might like to wear silk
Might like to drink whiskey, might like to drink milk
You might like to eat caviar, you might like to eat bread
You may be sleeping on the floor, sleeping in a king-sized bed
But you’re gonna have to serve somebody, yes
Indeed you’re gonna have to serve somebody.“

Und wahrscheinlich auch nicht diese:

„I’ve been a moonshiner
For seventeen long years
I’ve spent all my money
On whiskey and beer.“

Copyright: Heaven’s Door Whiskey

Wer aber jetzt naheliegende Songs wie „One Bourbon, One Scotch, One Beer“ von John Lee Hooker oder „Whiskey In The Jar“ von „Thin Lizzy“ erwartet, der könnte enttäuscht werden. Vielleicht bekommt man eher „White Lightning“ von George Jones zu hören oder – ganz anspielungsreich – „With Whiskey on My Breath“ von der Gruppe „Love and Theft“.

Mit der Leiter zur Himmelstür
Wie auch immer, ich werde mir die Sendung mit einem schönen Glas „Heaven’s Door“ anhören. Die erste Begegnung mit Dylans Whiskeys am Gaumen und in der Kehle war auf unserer letztjährigen USA-Reise ausgerechnet im Bourbon-Mekka Bardstown. Dreimal schickten unser amerikanischer Freund und ich den Barkeeper auf die Leiter, denn der Bourbon, der Rye und der Double Barrel waren ganz oben auf dem Barschrank platziert. Also ganz stilecht mit der Leiter zur Himmelstür.

Der Bourbon war mein Favorit, leider war aber davon kein Mitbringsel möglich, so dass der ganz ordentliche Rye (in St. Louis hatte ich vorher den bis heute besten Rye meines Lebens, den dort heimischen Rally Point getrunken) meine Hausbar ziert. Geöffnet wurde die Flasche Heaven’s Door Rye – wie es sich gehört – erst zur Feier des neuen Albums in diesem Jahr.

Und was auch ganz klar ist: Sollte es irgendwann wieder möglich sein, in die USA zu reisen, dann steht natürlich der Besuch der dann hoffentlich endlich eröffneten „Heaven’s Door Distillery“ in Nashville auf dem Programm.

Whiskey und Musik
Der amerikanische Whiskey begleitet die amerikanische Populärmusik seit es beide gibt. Da kann Dylan einiges erzählen. In der Tat: Von Moonshine-Whiskey und Folksongs in den Wäldern Tennessees über Prohibition und Jazz in Chicago bis hin zu Frank Sinatras Vorliebe für zwei Finger breit Jack Daniels Whiskey, mit vier Eiswürfeln und einem Schuss Wasser. Die Verbundenheit von Sinatra zu diesem Bourbon ist so legendär, dass es mittlerweile schon eine Sinatra Selection des berühmten Tennessee-Whiskeys gibt.

Vielleicht erzählt uns Bob aber auch die Geschichte von Uncle Nearest, dem afroamerikanischen Brennmeister, der der eigentliche Erfinder des Jack Daniels Whiskey ist. Lange wurde er in der Firmengeschichte verschwiegen, heute wird er in den Führungen erwähnt. Es ist aber einer engagierten und schwarzen Schriftstellerin zu verdanken, dass es mittlerweile eine eigene Brennerei gibt, die den Uncle Nearest Whiskey auf dem Markt eingeführt hat und damit den afroamerikanischen Beitrag auch zu diesem amerikanischen Kulturgut würdigt.

Die Vorfreude wächst und innerlich der Gedanke: Es wird ja doch wieder ganz anders werden, als man denkt.

Ein paar Whiskey-Songs:

„Hard Rain“ Forever!

12. September 2020

Bob Dylans Live-Album von 1976 bleibt für mich immer etwas besonderes und ist definitiv eines seiner aufwühlendsten Werke

In Großbritannien war der Musikjournalismus schon immer ein bisschen anders. Schräger, lauter und oftmals recht nahe an dem Boulevard für den „The Sun“ steht, deren Niveau zu Recht berüchtigt ist. Jetzt durch die Online-Welt kann ja jeder sich seine Homepage basteln und seinen Unsinn in die Welt hinausblasen (So auch der Schreiber dieser Zeilen). Sollen sie doch. Oft liest man auch interessante und fundierte Darstellungen.

Problematisch wird es aber, wenn wie jetzt bei „Far Out“ geschehen, schon mal Geschriebenes, eine stramme Zahl von Klischees und eine gesunde Halbbildung ordentlich faschiert, pürriert und dann nochmals aufbereitet werden. Das Stück über „Hard Rain“ im „Far Out Magazine“ ist wie ich finde so ein problematischer Beitrag. Das ist kein Journalismus, sondern Ergebnis eines seelenlosen, hingehuddelten Content Managements. Man halte der Musik-Ikone einfach mal zwei, drei Nullnummern aus dem Back-Katalog vor, schreibe hier und da ab und fertig ist die Laube. „Self Portrait“ hat man sich als die eine Nullnummer – wie originell, gähn! – herausgepickt.

Aber vor allem hat man sich „Hard Rain“ ausgesucht. Und tatsächlich: Die Tournee von der die Live-Aufnahme stammt – die zweite Rolling Thunder Revue von 1976 (RTR II) – war in der Abwärtsbewegung, irgendwo gestrandet im mittleren Westen. Die künstlerische Kraft hatte sie verloren, das magische Band zwischen den Musikern war dünn geworden. Auch die Verfilmung des Konzerts war vergleichsweise dünn und uninspiriert.

Ohne Maske
Ganz anders aber ist der Eindruck, den das dazugehörige Live-Album hinterlässt. Wenn ich mir jetzt wieder das Album anhöre, so ergreift mich das Ding immer noch so stark wie damals. Dylans Schwarz-Weiß-Bild auf dem Cover ist eines der stärksten und berührendsten von ihm, dass ich kenne. Der Maskenmann scheint uns hier tatsächlich ungeschützt anzusehen. Na, ja, vielleicht ein bisschen viel Mascara unter den Augen, aber das verstärkt den traurigen und nachdenklichen Ausdruck. Und tatsächlich: Dylan weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wo es hingehen soll. Beschwingt vom Rolling Thunder-Erlebnis schaute er auf dem „Desire-Cover“ noch optimistisch nach vorne. Jetzt scheint er ratlos zu sein. Die Tour, die so triumphal begonnen hat, ist versandet. Seine Ehe und die „Menage Aux Trois“ mit Sara und Joanie im Film auf der Tour zu Ende. Was nun? Also stürzt er sich in sein Filmprojekt und wirft wohlüberlegt und absichtsvoll produziert diese Platte noch auf den Markt.

Dylan ist darauf verletzt und wütender denn je. „Hard Rain“ knüpft daher fast unmittelbar an „Blood on The Tracks“ an. Drei Songs alleine von dem Album, insgesamt sieben Songs von neun, die man in Relation zu seinen Beziehungsproblemen stellen könnte. Doch war „Blood On The Tracks“ noch die Auseinandersetzung mit künstlerisch geschliffener Feder, so haut uns Dylan jetzt die Worte scheinbar mit dickem, fettem Textmarker um die Ohren. Und jault und greint und faucht und schreit und wütet: „Like a cork ccrew in my heaaart!“ oder „You’re an idiot, babe, It’s a wonder that you still know how to breathe“ – Hahaha!

Agressiv, Wütend, Verstört
Dazu die Musik: Roh und ungeschliffen und laut und mitreißend, mancher sagt Dylan hätte hier Punkmusik gemacht. Und tatsächlich – Dylans Musik, die auf „Desire“ und „Rolling Thunder“ noch von Folk-Rock und Melodik geprägt war – ist hier ein ziemlicher „hau drauf“. Dylans Haltung ist aggressiv, empört, verstört – voller zorniger Trauer und selbstgerechter Anklage. So spielt er auch „Maggies Farm“ und „Stuck Inside Of Mobile“, die zwei, die in keiner Beziehung zum Liebesleid zu stehen scheinen. Aber auch die sind Ausdruck von der Unzufriedenheit mit der Welt.

„Hard Rain“ ist Dylan’scher Existenzialismus in Höchstform. Ist auch ein bisschen nihilistisch, erzählt aber vor allem von einem Verlorenen in einer bedrohlichen Welt. Und Dylan weiß momentan keinen Ausweg. Wo er in jungen Jahren altersweise schien, oder einfach hoffnungsvoll, voller Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten war, scheint er jetzt tatsächlich angeschlagen. Private und künstlerische Misserfolge – RTR II – zehren an ihm. Er reagiert wie ein angeschlagener Boxer.

Heute wissen wir natürlich wie Dylan das auflöste. Erst mit einem großartigen Mummenschanz und der Schubidu-Welttournee 1978, dann voller Hoffnung im freien Fall unter die Gottesanbeterinnen und fundamentalen evangelikalen Prediger. Es folgen die Selbstbefreiung, ein Jahrzehnt in künstlerischer Krise und dann das Comeback wie Phoenix aus der Asche.

Damals aber, im September 1976, legte er eines seiner eindringlichsten, aufwühlendsten und stärksten Alben vor: „Hard Rain“. Ich höre mir es mir gleich nochmal an. Und nicht vergessen: „Play It Fucking Loud!“

Hard Rain – Trackliste:
„Maggie’s Farm“
„One Too Many Mornings“
„Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“
„Oh, Sister“ (Dylan, Jacques Levy)
„Lay Lady Lay“
„Shelter from the Storm“
„You’re a Big Girl Now“
„I Threw It All Away“
„Idiot Wind“

Yes, Left Wing Dylanogy!

4. September 2020

Noch was zur Selbstverständigung

Für den Left Wing-Dylanologen ist Woody Guthrie natürlich ebenfalls eine wichtige Konstante

Da legt ein nunmehr 80 Jahre alter Künstler, der wie kein anderer im Laufe seiner Karriere Haken geschlagen hat, Masken auf- und wieder abgesetzt hat und chamäleongleich uns immer wieder vor Rätsel gestellt hat, ein weiteres Alterswerk vor und plötzlich beginnen einige der Dylan-Deuter damit, aus den in den Texten dargestellten Befindlichkeiten und Beschreibungen Schlüsse ziehen zu wollen, die als universelle Wahrheiten über eine lebenslange gesellschaftspolitische Verortung Dylans taugen sollen. Die lauten dann in etwa so: „Dylan war nie ein Linker“, „Dylan war nie politisch“, „Dylan war immer schon tief religiös“, „Dylan war immer schon fatalistisch“, „Dylan hat nie Protestsongs geschrieben“. Hoppla, da müssen wir jetzt aber mal kräftig auf die Bremse treten!

Vereinnahmungsversuche
Wir kannten das ja schon einige Jahre durch Blogs wie „Right Wing Bob“. Und natürlich versuchen auch immer wieder Evangelikale oder Libertäre, Dylan für sich zu vereinnahmen. Klar, denn Dylan war ja mal ein paar Jahre Mitglied einer evangelikalen Sekte. Und man kann – wenn man will – in seinem Riesen-Opus auch hier und da Gedanken finden, die sich als „libertär“ auslegen lassen. Eine Frage stellt sich dabei allerdings: Warum soll der Rechten im Jahr 2020 eine Vereinnahmung gelingen, die der Linken 1964 nicht gelang?

Nun, es gibt Zeitgenossen auf der Linken, die Dylan heute immer noch und wieder und wieder abstrafen, weil er keine aktuellen Protestsongs mehr schreibt. Schon vor geraumer Zeit habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Dylan im Grunde bereits die universellen Wahrheiten über die Mechanismen der US-Gesellschaft in Songs wie „Only A Pawn In Their Game“, „With God On Our Side“; „The Ballad Of Hollis Brown“, „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“, „Masters Of War“ oder „Hurricane“ dargelegt hat. „Sie gelten alle weiterhin. Sie müssen nur andere Namen einsetzen“, sagte Dylan vor wenigen Jahren dazu. Warum soll er über Donald Trump schreiben, „because somestimes even the president oft he United States must to have stand naked“? Weil er es schon geschrieben hat. Oder warum über Fake News? Nun: „Propaganda, all is phony.“

Aus der Mitte der Dylanologie: Der Versuch, Dylan die Widersprüche austreiben
Der derzeitige Versuch aus der Mitte der Dylanologie, den Protestsongs den Protest, also ihren kritischen Impetus abzusprechen (vgl. Untold Dylan, 28. August 2020, „With God on our Side versus Mother of Muses: the puzzling politics of Bob Dylan“) ist interessengeleitet. Man will mit dem alten, über den konkreten Dingen stehenden Dylan, eine Kirche des unpolitischen, fatalistischen Dylan gründen. Aber dafür taugt Dylan nicht. Dylan selber war und ist ein Freigeist, der für keine Kirche, Sekte oder Partei taugt. Weder als Mitglied noch als Stifterfigur.

Als Dylan seine Protestsongs geschrieben hat, war er mitten drin im linken Boheme von Greenwicch Village, war erst mit Suze Rotolo zusammen, dann mit Joan Baez, beide politisch bewusste linke Frauen. Als er George Jackson geschrieben hat, als er Hurricane geschrieben hat, hat er sich e n g a g i e r t! Nur um gleich wieder auf Landleben oder Frömmelei zu machen. Aber das sind die Widersprüche eines Freigeistes. Bob Dylan ist kein Politiker, er ist Humanist, Existenzialist und er glaubt an Gott. Er swingt zwischen Christentum und Judentum und führt auf seiner neuen Platte in Grunde alle Weltreligionen auf. Er ist spirituell und er ist realistisch. Er hat Träume und er ist Mahner. Er hat Dystopien und hofft dennoch, dass sie nicht wahr werden. Er mokiert sich über Marx („Change My Way Of Thinking“ 1979) und schreibt an anderer Stelle „The buyin power of the proletariat is goin‘ down („Workingman’s Blues“ 2006). Er ist zeitlebens der lebende Widerspruch. In sich selbst und gegen das was ist. Genau darum eignet er sich für keine Kirche.

Dylan taugt nicht als rechte Leitfigur
Wer Dylans Schriften liest, „Chronicles“, vor allem aber auch die Liner Notes zu „World Gone Wrong“, der entdeckt den Rhythmus der Beat-Poeten, die gegen die dumpfe Eisenhower-Ära angeschrieben haben. Wer seine Nobelpreisvorlesung studiert, erfährt viel über Homers „Odyssee“, Melvilles „Moby Dick“ und Remarques „Im Westen nichts Neues“. Das ist alles, aber kein Kanon evangelikaler Literatur. Alles dreht sich hier um das Individuum in der Welt, das sein Schicksal nicht in der Hand hat, aber immer wieder auf’s Neue darum kämpft. Und ließ Dylan nicht in „Tempest“ die Erfolgreichen, die Reichen und Schönen mit der Titanic untergehen. Eigentlich müsste doch ein evangelikaler Sänger sich die Holzklasse vornehmen, die zu weit weg von Gott ist und daher die ganz große Überfahrt ins Verderben antritt. Und suchte er nicht in „All Along The Watchtower“ den Ausweg aus dem Spätkapitalismus, der verwalteten Welt (Adorno)? “There must be some way out of here,” said the joker to the thief/ There’s too much confusion, I can’t get no relief/ Businessmen, they drink my wine, plowmen dig my earth/ None of them along the line know what any of it is worth”. Apropos Adorno: Für mich als Left Wing-Dylanologen und kritischen Gesellschaftstheoretiker verhält sich der frühe zum alten Dylan wie Marcuse zu Adorno. Wo der eine für Rebellion und Aufbegehren gegen die Widersprüche steht, steht der andere eher für die Ausweglosigkeit, dafür, die Widersprüche aushalten zu müssen. Von „The Times They Are A-Changin'“ zu „I used to care, but things have changed“.

Lieblingsmusikerund lebenslanges Forschungsobjekt – kein Messias!
Bob Dylan war schon immer eine große Projektionsfläche für vieles gewesen. Das ist ein Grund, warum er von so vielen unterschiedlichen Menschen geschätzt wird. Er ist vielseitig interpretierbar. Man kann ihn unterschiedlich auslegen. Ich lege ihn aus linker, fortschrittlicher und freier Perspektive aus.

Man sollte sich aber davor hüten, ihn als Komplizen, Parteigänger, Kronzeugen von irgendetwas benutzen zu wollen. Wie schon vormals gesagt: Er ist weder mein Freund, noch mein großer Bruder oder mein Messias. Er ist und bleibt für mich ein verdammt interessanter, weil widersprüchlicher Künstler, der mich ihn loben und an ihm verzweifeln lässt. Aber er lässt mich vor allem nie kalt. Und bleibt ein lebenslanges, lohnendes Forschungsobjekt. Und vor dem allem einfach mein Lieblingsmusiker!

Country, Kapitalismuskritik und Bob Dylan

28. August 2020

Die Berliner Americana-Band Rodeo FM spannt einen interessanten Bogen

Americana aus Berlin: Rodeo FM, Foto Rodeo FM Promo

„Wenn es Country klingt, ist es das, es ist ein Country-Song. Das hat Kris Kristofferson gesagt. Der Schriftsteller, der über die einfachen Leute sprach, als die einfachen Leute noch nicht von 40 Jahren Neoliberalismus niedergeschlagen wurden.“ Das schreibt die Berliner Band Rodeo FM und zeigt damit sehr deutlich auf wohin sie will: Countrymusik mit politischer Haltung und klaren Aussagen. Und, um das deutlich zu sagen: Rodeo FM macht „Left Wing Countrymusik“.

In ihren Texten zielen sie auf die Widersprüche des Kapitalismus und die Hoffnung auf eine andere, gerechte Gesellschaft. Und nicht einen kleinen Moment lang geraten sie in Gefahr, Agit Prop zu machen. Da sind ihre Songwriter-Vorbilder schon vor. Der schon erwähnten Kristofferson und Bob Dylan haben die Band gelehrt, dass Gesellschaftskritik im Song am besten über die Songpoesie subjektiver Betrachtungen geht und nicht über das Deklamieren sogenannter objektiven Wahrheiten.

Zu Bob Dylan sagt Leadsänger und Songwriter Patrick: „Seine Art zu mäandern und Gedanken schweben zu lassen, hat mich sicher schon beeinflusst, siehe auch „Summer Rain“… eine abgeschlossene Story zu präsentieren, das ist schon ziemlich advanced. Ich arbeite da eher oft wie „Stuck inside of mobile“ (auch ein bisschen der Summer Rain-Ansatz), mit kleinen Episoden, die aber irgendwie auf ein gemeinsames Thema einzahlen. Also geprägt auf jeden Fall, andere Texter und Komponisten sind aber sicher zugänglicher…“

Kein Wunder, dass daher auch Bob Dylan-Songs in ihrem Repertoire sind. Das von Patrick erwähnte textlich-atmosphärische wilde „Stuck Inside of Mobile“ passt ebenso bestens in ihr Oeuvre wie das verliebte „I Want You“.

Ja, sie haben viel von ihren Leitfiguren gelernt und ihre neue Single zeigt dies exemplarisch und die Band beweist dabei Bestform. „Summer Rain“ erinnert im elegischen Intro an Dylans „Workingman’s Blues #2 (wir bleiben beim Thema!) und gewinnt dann aber eine eigene starke Form. „Summer Rain“ ist ein wunderbar melancholischer Song, der recht drastisch davon erzählt, wie es ist, in dieser Gesellschaft einen eigenen kritischen Weg zu gehen. Einen Weg, der die Probleme und Ungerechtigkeiten klar benennt und wie schwer es ist, dies auszuhalten. Doch immer wieder findet man die Liebe und damit Kraft, diesen schweren Weg weiterzugehen.

Die Musik von „Rodeo FM“ ist Neo-Folk-Country-Americana mit Einflüssen von Tom Petty und Gram Parsons und damit absolut radiotauglich. Denn die Jungs von Rodeo FM wollen auch immer unterhalten und wie sie auf ihre Website schreiben: „immer, immer Leute auf die Tanzfläche ziehen.“

Im Dezember erscheint ihr neues neues Album „Upgrade To Truth“. Das wird ein frohes Fest!

Ja, ich bin Dylanologe!

21. August 2020

Mal wieder eine Art Selbstverständigung

Im Anbetracht mancher aktueller Buchveröffentlichung, mancher Diskussion unter Dylan-Freunden, Dylans neuestem Werk Rough And Rowdy Ways und meines eigenen Dylan-bezogenen Outputs, kam ich wieder mal ins Grübeln. Während ich früher durchaus schon einmal das dicke Etikett „Dylanologe“ von mir wies, während ich Dylan-Kenner immer anmaßend fand – Wer kennt schon Dylan? – und Dylan-Fan im Grunde ein umgangssprachlicher kleiner gemeinsamer Nenner mit so Vielen darstellte, bekenne ich mich jetzt endlich dazu: Ja, ich bin Dylanologe!

Denn so wie ich den Terminus verstehe, hat der Dylanologe eine ausreichende Distanz zum Forschungsgegenstand. D.h. ich beschäftige mich mit Dylan ausführlich in kritischer Sympathie, weil ich ihn für einen der bedeutendsten lebenden Künstler der Welt und für den größten amerikanischen Künstler der Gegenwart überhaupt halte. Sein Werk hat mich zu einem bestimmten Zeitpunkt eine wichtige persönliche und gesellschaftliche Erfahrung machen lassen. Seine öffentliche Persönlichkeit und sein Werk haben mich danach nie wieder losgelassen.

Und das heißt nicht, dass ich bis heute alle seine Schaffensphasen mit Inbrunst billige. Nein, ich finde seine Born Again-Phase bis heute grässlich. Starke Performance und starker Spirit des Musikers können letztendlich die fundamentalistische, reaktionäre Weltsicht des Texters und Bühnenpredigers nicht wettmachen. Denn Dylan ist als Freigeist und Verwirrkopf faszinierend und am besten, nicht als Parteisoldat eines hermetisch abgeriegelten fundamentalistischen Denkgebäudes.

Ich verstehe Dylanologie tatsächlich als Wissenschaft – sympathisch finde ich in diesem Zusammenhang das Bonmot, das Dylanologie eine „ironische Wissenschaft“ sein müsse. Ja, das muss sie. Und humorvoll und respektlos gleichermaßen. Denn es geht hier nicht um Heldenverklärung. Und Dylan ist auch nicht mein großer Freund. Für mich ist er noch nicht einmal „the brother that you never had“. Und schon gar nicht finde ich es erstrebenswert, wenn Leute Dylan romantisieren, oder ihr Verhältnis zu ihm messianisch aufgeladen ist. Für die würde eher das Wort „Dylanianer“ oder „Dylan-Jünger“ passen. Den auf Dylan bezogenen Begriff „Meister“ verstehe ich daher ironisch. Andere doch wohl auch?

Nein, als Dylanologe verzweifele ich auch mal an Dylan. Sei es, wenn er uns mit 5 Sinatra-Silberlingen nervt, zum x-ten Mal wagt, uns einen neuen Song mit einem schon tausendmal gehörten Blues-Schema anzubieten oder uns bestimmte Pretiosen – Livematerial der letzten Jahre! – weiterhin in großem Stil vorenthält. Oder wenn er sich vorzugsweise mit Boxern oder Models ablichten lässt, und eine feiste Piloten-Sonnenbrille dabei trägt.

Jede Wissenschaft hat verschiedene Denkschulen und Richtungen. Da im Moment gerne die religiös-motivierte Dylan-Deutung auf dem Vormarsch ist und die Right Wing-Bob-Bewegung in den USA recht offensiv auftritt, sage ich, der von Greil Marcus, Günter Amendt, Klaus Theweleit und der kritischen Theorie geprägt wurde: Ich bin ein Left Wing-Dylanologe! Dylan ist meiner Meinung nach nur zu verstehen, wenn man stets die Verschränkung von gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründen und Wirkungen seiner Musik miteinbezieht.

Meine Meinung: Reine Text-Exegese – bringt nix! Nur Bibel und sämtliche Weltreligionen durchforsten – bringt nix! Nur im biographischen Erklärungen finden wollen – bringt nix. Aus Setlists, Tracklists, Outtakes und Statistiken sein Denken und Handeln verstehen zu wollen – fleißig! Und Transfigurationsphantasien durchspielen – viel Spaß damit!

Das kulturell-gesellschaftliche Phänomen Bob Dylan ist für mich persönlich nur auf der Basis einer kritischen Theorie der Gesellschaft möglich. Und vor allem: Immer schön über den Tellerrand blicken. Dylan hat so viele musikalische Einflüsse und Wurzeln. Auch ohne die kann man gar nicht sinnvoll über Dylan nachdenken.

Ich bin weder religiös, noch spirituell. Und trotzdem faszinieren mich der Künstler und sein Werk seit mehr als 40 Jahren. Es lädt sein, sich kritisch mit dem Hier und Jetzt und wie es dazu gekommen ist, auseinanderzusetzen. Und immer wieder den Schein nicht für bare Münze zu nehmen. Dylan ist selber ein cleverer Trickser. Das macht ihn zum idealen Forschungsgegenstand für eine ebenso kritisch-historische wie spekulative Dylan-Forschung.

Und mich zu einem begeisterten Dylanologen.

Drei wichtige Songs zum Thema:

Endlich wieder ein Buch über Bob Dylan!

14. August 2020

Stefan Kutzenberger kluges und lustiges Buch „Jokerman“ ist eine Statement zur Lage zwischen Verschwörungstheorien und der US-Präsidentschaftswahl

Wenn ich ehrlich bin, bin ich ein bisschen müde geworden über all die vielen Dylan-Bücher. Immer wieder erscheinen Biographien, die das altbekannte in ewig alten Phrasen wiederkäuen. Dann gibt es die fleißigen Vielschreiber, die zu jedem Dylan-Song ein Buch herausbringen und solche, denen vor Begeisterung ganz klar die Distanz zum Forschungsgegenstand fehlt. Das sind dann Dylanianer, keine Dylanologen.

Lesen über Dylan
Im Moment sind eigentlich die einzigen, die ich wirklich mit Erkenntnisgewinn zu Bob Dylan lese, die Herren Greil Marcus und Elijah Wald. Und am überdrüssigsten bin ich eigentlich Clinton Heylin, der uns Zeile für Zeile wichtig zuzuraunen scheint; „schaut mal her, was ich über Dylan weiß, das weiß nur ich“ und mit dieser Methode ganze Schaffensperioden so zuschneiden will, dass sie stromlinienförmig und widerspruchslos sich ins Werk des großen Künstlers einfügen. Als würde das zum „Unstimmigsten aller Menschen“ (der kluge Günter Amendt) passen, geschweige denn ihm angemessen sein.

Und dann gibt es in den letzten Jahren den Hang, Dylan-Romane herauszubringen. Zum Buch „Catfish“ Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeyer schrieb ich seinerzeit, nachdem ich ihn gelobt hatte für seinen Respekt vor Dylan und seinen Kenntnisreichtum: „Seitenlang gießt er Songtexte, Interviewpassagen und sonstige Dylan-Zitate in Dialogform. Was am Anfang noch interessant, vielversprechend und frisch wirkt, wird mit der Zeit überstrapaziert. Dylan-Fans kennen diese Zitate, andere nicht. Die wundern sich nur. Und die Dialoge sind nur selten lebendig, am Ende wirken sie durchaus auch mitunter gezwungen und ermüdend, hat der Autor den Bogen überspannt.“ Oder ich denke an Liaty Pisanis bizarres Werk „Der Spion und der Rockstar“.

Positiver stimmte mich dagegen Markus Berges‘ „Die Köchin von Bob Dylan“. Ich urteilte:“…Berges führt Dylan als netten, sonderlichen alten Herrn in den Roman ein, ohne ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Der Respekt des Songwriters Berges vor einem Säulenheiligen seiner Zunft und viel echte Empathie für die unermüdlich tourende bald 75-jährige Musiklegende lässt Berges Schilderungen von Dylan und seinem Leben auf der Tour zu kleinen, wunderbaren Miniaturen werden, die einen guten Kontrast zum tragischen Leben von Jasmin Nickenigs Großvater Florentinius Malsam abgeben…Berges gelingt hier das Kunststück, in einer Sprache, die in ihrer Menschlichkeit und Wärme für die Figuren an den großen Joseph Roth erinnert, das tragische Leben des deutschstämmigen Ukrainers Florentinius zwischen Stalinismus, Nazismus und Krieg so zu erzählen, dass es realistisch und berührend ist, dass es Grausamkeiten nicht ausspart, aber auch sich nicht daran weidet.“

„Jokerman“…
Nun also eine neue fiktive Erzählung rund um Bob Dylan. „Jokerman“ von Stefan KutzenbergerUnd sie funktioniert gut. Weil sie eben das Dylan-Universum nur zum Ausgangspunkt einer klugen und lustigen Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und dem orangefarbenen Bewohner des Weißen Hauses nimmt. Und spielerisch und ohne falschen Respekt mit den großen Dylan-Mythen jongliert. Mit seiner Dichtkunst und der Textauslegung mit ihren oftmals bildungsbeflissenen Querverweisen, mit seinen Fans und mit deren-„Geheimgesellschaften“. Kutzenberger tut dies so erfrischend, so gescheit und lustig, dass dieser Roman ein einziges großes Lesevergnügen ist.

Zum Inhalt lesen wir auf der Seite des Piper-Verlages: „Sein Name ist Kutzenberger, Stefan Kutzenberger. Der melancholische Österreicher hat den Auftrag, die Welt zu retten, denn er ist der Jokerman. Schuld daran ist kein Geringerer als Bob Dylan, auch wenn der gar nichts davon weiß. All die Menschen, die das Werk des Musikers und Literaturnobelpreisträgers seit Jahrzehnten wie eine heilige Schrift deuten, haben den Jokerman auserkoren, die Wiederwahl eines der bizarrsten Tyrannen unserer Tage ins Weiße Haus zu verhindern. Mit Verve und Witz zeigt dieser Roman, wie Verschwörungsszenarien entstehen und sich so gut wie alles erklären lässt mit einer „wahren“ Lehre. Ein entlarvender Spiegel der Gegenwart, eine literarische Entdeckung und ein Riesenspaß – weit über die schicksalhaften US-Wahlen am 3. November hinaus.“

…sticht Trump?
Und mit einem bizarren Showdown, denn am Ende steht Kutzenberger Trump mit einer Giftspritze in der Hand gegenüber.“ Dies verriet bereits Ende letzten Jahres die Wiener Zeitung. Denn da war der Roman wohl schon in weiten Teilen fertig gestellt. Ob Dylan davon wusste, als er das Bild vom Skelett mit Spritze und Trump-Schatten zu seiner Album-Auskopplung „False Prophet“ veröffentlichte? Die Bob Dylan-Geheimgesellschaft wird es wissen…

Mehr wird hier aber nicht verraten, denn dieser Roman verdient viele Leser. Man geht aus diesem Buch fröhlicher und (lebens-)klüger hinaus, als man hineingegangen ist. Was man eben heutzutage nicht von vielen Bob Dylan-Büchern sagen kann…

Piper-Verlag, 22 Euro, ISBN-13: 978-3827014245

„The Man in Me“ und „The Big Lebowski“

7. August 2020

Notizen zu Song und Film

Gestern Abend bin ich mal wieder beim Zappen reingerutscht. „The Big Lebowski“. Der geniale Film der Coen-Brüder. Diese einzigartige, funkensprühende Mischung aus Buddy-Kino, Schwarzer Reihe und absurdem Trash-Movie ist Outstanding. Und dabei gefallen mir die Filme der Coen-Brüder gar nicht immer. Mir gefallen „O Brother Where Art Thou“, „Fargo“, „True Grit“ und „Inside Llewyn Davis“. Sehr oft fehlt diesen postmodernen Filmemachern aber die wirkliche Empathie für die Figuren. Sie verraten und verkaufen sie. So wie bei „Burn After Reading“ oder „No Country For Old Men“. Dann wird mitunter ein Wettrennen in skurriler Brutalität entfacht und die Firme werden zum „posen“ missbraucht. Schicksal der Figuren, Sinnhaftigkeit der Handlung? „Nö, interessiert uns nicht, wir machen lieber knall, bumm, beng!Und warum? Weil wir es können!“

„The Big Lebowski“ ist aber von Anfang an ein empathischer Film. Der „Dude“ ist ein sympathisch-harmloser Looser, genial von Jeff Bridges gespielt. Er hält sich über Wasser und ihn und seine Freunde meint man wirklich zu kennen. Die Leute, die versuchen noch den letzten Zipfel des amerikanischen Traums zu erwischen. Kohle machen, auch wenn man nicht so schlau ist und Skrupel unterdrückt. Dass sie es letztendlich doch nicht schaffen und zu Flipperkugeln zwischen verschiedenen kriminellen Gruppen werden, macht sie um so sympathischer.

Und die Coens schaffen das, indem sie aus vertrauten Versatzstücken amerikanischer Populärkultur etwas ganz neues schaffen. Bowlingbahn und Porno-Business, Los Angeles und Cowboy-Kultur sowie die multi-ethnische Zusammensetzung der amerikanischen Gesellschaft rollen den Teppich ausm auf dem die Handlung ihren Lauf nehmen kann.

Ein 50 Jahre alter programmatischer Song
Dass dann „The Man in Me“, dieses nun 50 Jahre alte Stück von Bob Dylans Album „New Morning“ der quasi-Titeltrack des Films ist, ist ebenso passend wie große Ironie. Denn wie singt Bobby so schön: „The man in me will do nearly any task/ And as for compensation, there’s little he would ask/ Take a woman like you/ To get through to the man in me.“

Und genau so einer ist der „Dude“ eigentlich nicht. Vielleicht war er es mal. Aber jetzt will er keine Verantwortung mehr übernehmen und keine Arbeiten erledigen. Er ist so desillusioniert, nur das „Bowlen“ gibt ihm einen Halt. Eine ruhige Kugel schieben, seine Freunde treffen und einen „White Russian“ trinken – das strukturiert ihm den Tag. Man könnte darüber lamentieren, man könnte zornig die Ungerechtigkeit anprangern – aber ganz postmodern enthalten sich die Coen-Brüder der Bewertung und zeigen stattdessen, das was ist. Die von mir aufgeführten schlechten Filmbeispiele aber zeigen, was aus postmodernem „Anything Goes“, das ja auch das kulturelle Gegenstück zur neoliberalen Politik- und Wirtschaftssphäre ist, werden kann.

Wärme und Menschlichkeit als universelle Werte
Hier aber liegt der Fall anders. Denn der „Dude“ zeigt in dieser aufregenden Episode seines ansonsten doch ziemlich ereignisarmen Lebens, dass er doch noch so einige menschlich Reflexe beherrscht. Verpeilt, aber letztendlich dann doch empathisch und auf seine Art verantwortungsvoll.

Wie singt doch Bobby: „The man in me will hide sometimes to keep from bein’ seen/ But that’s just because he doesn’t want to turn into some machine/ Took a woman like you/ To get through to the man in me.“ Ja, auch der Dude möchte nicht auffallen, kein großes Aufheben machen, gar nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. John Waynes konservativ-knorriges „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“ werden hier von Dylan und dem Dude zweifach gebrochen, um viel selbstverständlicher, gleichberechtigter und wärmer neu zusammengesetzt zu werden.

Für Bob Dylan war es 1970 in der Hochphase seines Rückzugs ins Familienleben ein programmatisches Lied. Er will keine Maschine werden, der auf Knopfdruck seriell funktioniert. Der Lieder am Fließband schreibt, Konzerte gibt und auf Künstlerparties abhängt. Er will nur sein Leben führen, ohne allzu große Aufregung und Öffentlichkeit. Das will der „Dude“ auch.
Die verschränkte Ironie des Gebrauchs dieses Bob Dylan-Songs für diesen Film ist aber nun die: Für Dylan war die Ruhe in familiärem Rückzug nur eine kleine Insel in einem Meer von „stardom“. Für den „Dude“ war die aufregende Kriminalgeschichte nur eine Insel in einem Meer von Langeweile und Bedeutungslosigkeit.

Dass der Song aber so wunderbar funktioniert zeigt wieder einmal mehr die Qualität von Dylans zeitlosem Songwriting. „The Man In Me“ – ein Klassiker voller Wärme und Menschlichkeit. Und auch wenn es nicht typisch für die Coen Brüder sein mag: Auch beim „Dude“ sind – aller Antriebslosigkeit, Verpeiltheit und Erfolglosigkeit zum Trotz – diese positiven universellen Werte zu spüren.

Drei Versionen von „The Man In Me“

„Could be the Fuhrer, could be the local priest“

1. August 2020

Die ungebrochen Aktualität des Werkes von Bob Dylan und was es uns zum heutigen Amerika zu sagen hat

Es gibt eine ganze Reihe von Dylan-Afficionados, die meinen, Dylan wäre auf einem höherwertigen moralischen und intellektuellen Level als zu früheren Zeiten, da er sich heutzutage nicht in seinen Songs oder mit anderen Aussagen tagespolitisch zu Wort meldet. Ich sehe das profaner: Es ist halt so und er darf das. Kein Künstler ist verpflichtet, politischer Aktivist zu sein. Sein kritisches Denken, seine Subversivität wirkt zu allererst durch seine Kunst.

Aber das heißt andersherum auch, dass Kunst und Künstler nicht per se besser sind, wenn sie sich tagespolitisch enthalten. Und auch nicht, dass die Kunst von Künstlern, die politische Aktivisten sind, per se schlechter ist. Es gibt gute und schlechte Kunst – ob sie nun direkt politisch ist oder nicht.
Was Dylan allerdings vielen anderen Künstlern Voraus hat, und was ihn so einzigartig macht, ist sein Niveau der Beschäftigung mit den universellen Fragen, die seine Songs zu zeitlosen Klassikern werden lassen, da sie Gültigkeit haben, solange unsere Welt so ist wie sie ist.

In Dylans Werk Amerika studieren
Und daher funktionieren auch seine Protestsong-Klassiker auch heute unvermindert gut. Denn die USA waren in den 1960er Jahren ähnlich gespalten wie heute. Und die Brutalität der White Supremacy, denen sowohl ein Medgar Evers, als auch die vier Mädchen in Birmingham Four schließlich auch Martin Luther King zum Opfer fielen, war noch offener und spektakulärer. Den Unterschied macht heute ein protofaschistischer Präsident aus, der einen positiven Resonanzboden von höchster Stelle aus für menschenverachtendes Denken, Rassismus und gefährlichen Irrsinn bietet.

Dylan äußert sich nicht dezidiert tagespolitisch zur aktuellen Lage. Aber wer sein Werk aufmerksam studiert – gerne auch einmal rückwärts von „Rough And Rowdy Ways“ bis zu seinen Anfängen – der kann sehr viel darüber herauslesen, warum Amerika heute so ist wie es ist. Ob er in „Who Killed Davey Moore“ oder „Union Sundown“ oder „Workingmans Blues #2“ die kapitalistische Leistungs- und Gewinnmaximierung sichtbar macht, in „With God On Our Side“, „Masters Of War“ oder „Murder Most Foul“ die politische Klasse und den Einfluss des militärisch-industriellen Komplex auf die Geschicke des Landes anspricht, in „Only A Pawn In Their Game“ oder „Hurricane“ die Mechanismen einer rassistischen Klassengesellschaft offenlegt oder in „Jokerman“, „Man Of Peace“, „Man In The Long Black Coat“ oder „TV Talking Song“ die Führerhörigkeit und die Verführbarkeit der Massen durch Autokraten und Medien zum Thema macht. Diese gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen Strukturen haben in den USA bis heute ihre Gültigkeit und sind ursächlich für das aktuelle Chaos und den Niedergang.

The Times They Are A-Changin‘
Und daher muss Dylan dem auch nichts grundlegend Neues hinzufügen. Und deswegen sind seine Klassiker auch heute noch immer wieder der Soundtrack jeder Bewegung und jeden Amerikaners gegen den nicht enden wollenden amerikanischen Alptraum. Von den Jugendlichen, die sich seinerseits nach dem ixten Schulmassaker mit „The Times They Are A-Changin‘ gegen den Waffenwahn gewandt haben bis zu Neil Young, der soeben neben seinem eigenen nun neu getexteten „Looking For A Leader“ (gegen Trump und für Biden) ebenfalls nun dieses unverwüstliche „Times'“ anstimmt.

Denn auch die Bewegung, die unter dem Banner von „Black Lives Matter“ auf die Straße geht ist jung wie damals die Kids in den 1960ern. Aber sie ist auch bunter, diverser und weiblicher. Und gibt uns die Hoffnung, dass das Diktat der alten weißen Männer, der Trumps und ihrer menschenfeindlichen Gesinnung, die im Schoß des Hire und Fire-Kapitalismus gewachsen ist, endlich gebrochen wird.

Dass man dafür jetzt erstmal wieder den alten weißen Mann Biden braucht, ist eine Notwendigkeit die sich nicht ändern lässt. Hinter ihm aber kann eine neue hoffnungsvolle Generation kommen. Es ist das Entscheidungsspiel für Amerika. Mit Biden die Hoffnung und vor allem die Ausgangsbedingungen für eine progressive Umgestaltung Amerikas erhalten und erweitern oder mit Trump in die die brutale Diktatur des Chaos abrutschen.

Bob Dylan – Only A Pawn In Their Game:

D.C. choir sings with Jennifer Hudson, ‚The Times They Are A Changin‘ at March For Our Lives Rally:

Neil Young – The Times They Are A Changin‘ 2020: