Posts Tagged ‘Richard Nixon’

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (7)

30. März 2020

Bob & Abe

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
mit seinem neuen Song über die Ermordung John F. Kennedys hat Bob Dylan den Dylanologen wieder viel Stoff zum forschen, grübeln, deuten gegeben. Ich möchte den Song über die Ermordung eines US-Präsidenten an dieser Stelle noch einmal zum Anlass nehmen, auf Bob Dylans Verhältnis zu den Politikern und insbesondere zu den US-Präsidenten eingehen.

Dylan wuchs an der Iron Range in der bleiernen Eisenhower-Ära auf. Mehr Langeweile geht nicht. Kein Wunder, dass, wie für viele andere auch, John F. Kennedy für ihn ein Versprechen für eine positive Veränderung des Landes war. Wenn auch die Jugend – und so auch Dylan – kritisch auf die Außenpolitik, insbesondere in der Kubakrise schaute, so erwartete man sich von Kennedy doch eindeutig fortschrittliche gesellschaftliche Veränderungen.

Dylan schätzte Kennedy und war doch ungezwungen und frech im Umgang mit ihm. Unvergessen sein Witz in „I Shall Be Free“ von 1963 (unten zu hören):
„Well, my telephone rang it would not stop
It’s President Kennedy callin’ me up
He said, “My friend, Bob, what do we need to make the country grow?”
I said, “My friend, John, Brigitte Bardot
Anita Ekberg
Sophia Loren”

Umso mehr muss ihn der Tod und vor allem auch die Art des Todes und des Attentates berührt haben. Etwa drei Monate nach Kennedys Tod bereiste er Dallas und bekam gleich zwei wichtige Erkenntnisse geliefert. Erstens: Für manchen Südstaatler war Kennedy immer noch ein „Hurensohn“ und zweitens: Er hatte Zweifel am offiziellen Tathergang. Und auch ohne Verschwörungstheoretiker zu sein: Die Geschichte vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald, der dann noch im Gericht (!) vom zwielichtigen Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wird, ist schon schräg.

Der Tod Kennedys – so können wir seinen neuen Song durchaus lesen – erschütterte ihn immens und ließ ihn an der Politik zweifeln und Hoffnungen schwinden. Und als öffentliche Person merkte er plötzlich den Druck und seine Zweifel und die Ablehnung, ein politischer Führer zu sein, wuchs immer mehr.

Doch die herkömmlichen Mechanismen der Politik hatte Dylan schon früher kritisiert oder verspottet. Ein guter Kronzeuge hierfür war niemand anderes als Abraham Lincoln, einer der charismatischsten Präsidenten, die die Vereinigten Staaten je hatten. In „Talking World War III Blues“ vom „Freewheelin“-Album zitiert er ihn nach dessen Biograf Carl Sandburg so:
„You can fool some of the people all of the time,
and all of the people some of the time,
but you can’t fool ALL of the people ALL of the time.“

Lincoln ist bis heute für viele Amerikaner, so auch für Dylan, eine historische Identifikationsfigur. Er kämpfte gegen die Spaltung der Union, hob die Sklaverei auf und war ein volksnaher Mann. Neben dem oben erwähnten Zitat, gibt es noch weitere Fundstellen zu Lincoln in Dylans Werk.

Für Dylan ist genauso ein Märtyrer wie Martin Luther King oder eben John F. Kennedy. Daher hatte er auch eine Zeit lang den Titel „Abraham, Martin und John“ im Repertoire. Das wunderschöne Video mit ihm und Clydie King ist unten zu sehen.

In seinem 2003er Film „Masked & Anonymous“ tritt neben anderen geschichtsträchtigen Personen auch ein „Honest Abe“-Darsteller auf. Ein Film übrigens, der als amerikanische Dystopie aktueller denn je ist. Mal wieder anschauen!

Sicherlich weniger geschätzt hat Dylan wohl Richard Nixon. Als er auf seiner Comeback-Tour Angang 1974 den zu diesem Zeitpunkt gut 9 Jahre alten Song „It’s Alright Ma“ spielt, ist der Jubel einer Stelle besonders groß:
„But even the president of the United States
Sometimes must have to stand naked“

Klar, Nixon stand da schon in der Watergate-Affäre mit dem Rücken zur Wand, das passte einfach.

Genau während dieser Tour lernte Dylan dann auch Jimmy Carter, den damaligen Gouverneur von Georgia und späteren recht unglücklichen US-Präsidenten kennen, der ihn des Öfteren als „guten Freund“ bezeichnen sollte. Vor wenigen Jahren hielt Carter dann die Laudatio auf Dylan bei der MusiCares-Preisverleihung.
Ein einziges Mal spielte Bob Dylan auf der Inaugurationsfeier eines US-Präsidenten, und zwar der von Bill Clinton im Januar 1993. Sichtlich – so zeigen es die Fernsehbilder – machte das Ganze den Clintons mehr Spaß als Dylan.

Dylan will mittlerweile höchstmögliche Unabhängigkeit und Distanz zum Politikbetrieb. Die direkten Kontakte zur Politik lassen sich an einer Hand abzählen. Im Gegenteil, gern hat er in seinem Werk immer wieder mal derbe gegen Politiker ausgeteilt. Ob in „Political World“ von 1990 oder in „It’s All Good“ 2009.

In seiner legendären Theme Time Radio Hour jedoch widmete er den US-Präsidenten zum „Presidents Day“ eine ganze Sendung. Und eröffnete sie in seiner unnachahmlichen Art:
„Sie wissen, was an jedem Presidents Day passiert. Die Geschäfte haben große Umsätze. Sie müssen ihre Regale räumen und wir werden das Gleiche tun. Wir werden durch unser Theme Time Radio-Lage gehen und einige der alten Stücke und Songs herausholen, für die wir in unseren anderen Shows keine Zeit hatten, während wir all die Jahre die Präsidenten feierten.“ Mit auf der Playlist war u.a. auch der „White House Blues“ von Charlie Poole, in dem es auch um die Ermordung eines US-Präsidenten geht.

Obama mochte er dann öffentlich im Gegensatz zu anderen Musikern nicht lauthals unterstützen. Er sah wohl in ihm nicht denjenigen, der die US-Gesellschaft und die Welt. grundlegend verändern und verbessern konnte. Er war wohl auch mit der Clinton-Ära nicht so recht zufrieden. Hier zeigte sich Dylans Selbstverortung im alten New Deal und nicht in der auch für Obama konstitutionellen Clinton-Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ (Nancy Fraser). Dylan widerstand dem Obama-Hype. Der nun nach der Trump-Tragödie ohnehin nur eine finale Episode zu Ende des progressiven Neoliberalismus gewesen zu sein scheint.

Wie ich schon in der ersten Analyse von „Murder Most Foul“ geschrieben habe. Donald Trump kommt in Dylans Werk nicht vor. Das muss auch nicht sein. Denn dessen Verhalten, dessen Borniertheit und Rassismus, dessen fragwürdige Mentalität als Teil eines Amerika, das nie das von Bob Dylan war, durchzieht als Negativum ohnehin das gesamte Oeuvre des Mannes aus Minnesota.

Soweit für heute. Bleibt alle gesund!

Best
Thomas

Elvis & Nixon, Johnny & Tricky Dicky, Bobby & Jimmy

27. Dezember 2016

Seltsame Duos der amerikanischen Musikgeschichte

elvis-pic-2Ich muss es zugeben, Elvis war nie mein Mann. Als ich begann, bewusst Musik zu hören, da entdeckte ich das coole und rebellische in einem Dylan, der „Hurricane“ sang und zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt war. Seine Performance, sein Vortrag war voller Spannung, ein einziges Versprechen des Nonkonformismus. Was ich von Elvis damals sah, war ein sehr dicker Typ im peinlichen Glitzeranzug. Und zig Imitatoren. Echt peinlich.
Erst später habe ich gelernt, ihn zu respektieren. Als wichtige Figur für den Rock’n’Roll. Dabei war er nicht mehr und nicht weniger als der von Sam Philipps lang ersehnte weiße Junge, der den schwarzen Rhythm & Blues zum Rock’n’Roll für die weiße Käuferschicht machen konnte. Wirklich erfunden hatten den Rock’n’Roll schwarze Musiker wie Sister Rosetta Tharpe oder Chuck Berry. Und der genialste weiße Rock’n’Roller, der das rebellische, widerspenstige auch wirklich lebte, war und ist Jerry Lee Lewis. Als wir dann das erste Mal im Süden unterwegs waren, haben wir uns Elvis‘ Geburtshaus in Tupelo angeschaut, uns Graceland aber gespart.

Dennoch bin ich in den Film „Elvis und Nixon“ gegangen. Weil ich mir durchaus ein paar interessante popkulturelle Dialoge zwischen den Protagonisten erhoffte. Doch was kam wer leider zu wenig, der Film blieb unter den Möglichkeiten des vorgegebenen Themas. Daher hier von mir ein paar Anmerkungen zu diesem Film über diese ungewöhnliche Begegnung im Jahr 1970 und weiteren Interaktionen zwischen US-Präsidenten und Musikstars.

Presley schmeißt sich mit Antikommunismus ran
Klar, Nixon (Jahrgang 1913), konnte mit Elvis (Jahrgang 1935) nicht viel anfangen. Neben dem Alter und dem Rock’n’Roll trennte die beiden auch sonst viel. Während Nixon Sohn kalifornischer Quäker war, die Tanzen und Spielen ablehnten, war Elvis Südstaatler und von der Assembly of God Church geprägt, einer Pfingstler-Sekte, in der Musik und ekstatische Performance im Gottesdienst eine wichtige Rolle spielten. Einige frühe Rock’n’Roller, so auch Jerry Lee Lewis, waren Pfingstler. Nixon war ein durch und durch rationaler Politiker, ein Vertreter der alten republikanischen Partei, Presley dagegen vom irrationalen Moment des Sektenglaubens des armen Südens geprägt. Sehr viel konnten sie nicht miteinander anfangen. Die Wandlung der Republikaner zu Mehrheitspartei im Süden war erst am Anfang. Noch war sie die Partei des reichen Nordens und der Küsten. Doch Nixon war klar, dass ein Foto mit Elvis ein guter PR-Gag für ihn sein würde. Nixon ging also taktisch mit Elvis um.

Der wiederum wollte wiederum auch seinen persönlichen Vorteil aus dem Treffen ziehen. Er wollte ein Abzeichen des „Büros für Narkotika und gefährliche Drogen“. Während er seine Bitte an Nixon in einem Schreiben mit allerlei reaktionärer Paranoia gegen Hippies, Black Panther und Gegenkultur sowie einem Waffengeschenk würzte, ging es ihm im Grunde nur darum, so seine Witwe Priscilla, mit dem Abzeichen die ultimative Macht zu bekommen, ganz legal in jedem Land Waffen zu tragen und alle Drogen zu nehmen, die er wollte. Wow, ganz schön abgedreht, der „King Of Rock’n’Roll“. Das ganze Thema hätte der Film aber weitaus tiefer, rasanter und virtuoser ausspielen können. Schade.

Cash kontert mit Protestsongs
Von ganz anderem Kaliber – guter Übergang! – war dagegen Johnny Cash. Der hatte bei seinem Treffen mit Richard Nixon im Juli 1972 ein klares inhaltliches Anliegen. Es ging um eine Reform des Justizvollzuges und da war für Cash, der selber schon damit in Berührung gekommen war und natürlich bekannt war für seine Gefängniskonzerte in Folsom Prison und San Quentin, die Humanisierung der Haftbedingungen ein wichtiges Thema. Doch das Treffen verlief anders als gedacht. Nixon wünschte sich zu Beginn des Gesprächs von Cash zwei Songs. Allerdings nicht dessen eigene, sondern zwei wahre Hymnen der Konservativen: Merle Haggards „Okie from Muskogee“ und Guy Drakes „Welfare Cadillac“. Songs gegen die Hippies und gegen die Integrität von Sozialhilfeempfängern.
Doch Cash verweigerte die Songs, er kenne sie nicht, er wolle lieber seine eigenen Songs spielen. Soweit so gut, doch wer jetzt „I Walk The Line“ oder „Ring Of Fire“ erwartet hatte, der täuschte sich. Denn Cash spielte drei eigene Protestsongs: „What Is Truth?“, „Man In Black“ und „The Ballad Of Ira Hayes“. Songs mit Sympathie für die kritische Jugend, Songs gegen den Krieg und für die Armen, Songs für die Indianer. US-Präsident „Tricky Dicky“ Nixon hatte im Baptistensohn aus Arkansas seinen Meister gefunden. Nixon war sichtlich angefressen und der Rest war ein höflicher Austausch von Standpunkten.

Dylan geht auf Distanz
Während sich also Elvis an Nixon alleine wegen niedriger Beweggründe ranschmiss, und Cash ganz ernsthaft mit einem Anliegen und einer klaren Haltung dem Präsidenten gegenüber saß, so ist es typisch Dylan, dass er nie von sich aus das Treffen mit einem US-Präsidenten suchte. 1974 war es Jimmy Carter, damals noch Gouverneur von Georgia, der auf Dylans Comeback-Tour den Kontakt suchte, ihn und den Tournee-Tross zu sich nach Hause einlud, und fortan von seinem „guten Freund“ Bob Dylan sprach. Erst langsam kam die Gegenkultur beim Polit-Establishment an. Zumindest bei dem der Demokraten. Denn so blieb es dem nächsten Demokraten im Weißen Haus, dem ersten Baby-Boomer-Präsidenten, George Clinton, vorbehalten, Bob Dylan bei seiner Inaugurationsfeier spielen hören zu können und zu einer Ordensverleihung einzuladen. Doch Dylan leistete hier nicht mehr als Dienst nach Vorschrift. Keine gemeinsamen Statements, nur Spurenelemente von Small Talk.

Auch vom Obama-Hype ließ sich Dylan nicht von seiner distanzierten Umgang mit den Politgrößen abbringen. Im Gegenteil, er weigerte sich in Interviews hartnäckig Obama überschwänglich zu loben und legte den Schwerpunkt eher darauf, etwas verklausuliert, die wirkliche Macht der Präsidenten in Frage zu stellen. Dennoch sagte er Obamas deutlichen Sieg 2012 in einem Konzert voraus, spielte bei einem Konzert im Weißen Haus Protestsong-Klassiker und ließ sich auch von Obama einen Orden umhängen. Einen kurzen Diener und ein freundliches Schulterklopfen – mehr hatte er allerdings auch da nicht für Obama übrig.

Keiner will zu Donald Trump
Im Übrigen bekommt der 45. Präsident der vereinigten Staaten, Donald Trump, wenigstens die Musiker, die er wirklich verdient. Hatte er allen Ernstes Bruce Springsteen für seine Inauguriation angefragt und sich natürlich einen Korb geholt, so kristallisieren sich als Top Acts auf der Trump-Sause der Tabernakelchor der Mormonen und die Sängerin und Castingshow-Teilnehmerin, Jackie Evancho, heraus. Scheinbar wollen sich noch nicht mal seine Unterstützer Kid Rock und Ted Nugent sehen lassen.

Schade nur, dass dies nichts über die wirklichen Zuspruch von Trumps Politik in der Bevölkerung und seine Erfolgsaussichten als Präsident aussagt. Schließlich hat das Staraufgebot in Clintons Wahlkampf ihr auch nichts genutzt.