Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

Sein ganz persönlicher Dylan

31. März 2019

Martin Grieben begeistert mit Bob Dylan-Programm im Frankfurter Theater Alte Brücke

Martin Grieben, Copyright Theater Alte Brücke Frankfurt

Wenn ein Künstler wie Bob Dylan über lange Zeit so viele Menschen bewegt, sie entweder begeistert oder aber abschreckt und trotzdem seit Jahrzehnten ein Weltstar und eine Musiklegende ist, dann muss was an ihm dran sein. Was, ist teilweise Common Sense – „der sprachgewaltige Songpoet“ – teilweise aber liegt es im Auge oder im Ohr (und dazwischen) des Betrachters, Hörers, Rezipienten. Daher sind subjektive Herangehensweisen an das Phänomen Bob Dylan wünschenswert und wichtig. Bloß kein Surfen auf der Erfolgswelle des US-Musikers, bloß keine Heldenverehrung, bloß kein Kleben an Klischees.

Schwerpunkt auf unbekannteren Songs
In diesem Sinne hat Martin Grieben an diesem Samstagabend im Theater Alter Brücke in Frankfurt-Sachsenhausen mit seinem Programm „Grieben singt Dylan“ alles richtig gemacht. Er spielt ganz bewusst nicht die großen Hits, sondern oftmals die unbekannten, unterschätzten Stücke aus Dylans riesigem Oeuvre. Und erzählt dazu ganz persönliche Geschichten über seinen Zugang zu Dylan. Und dies tut er sehr charmant und wenn er zum xten Male die falsche Mundharmonika greift, dann geht er damit so lässig, souverän und humorvoll um, dass das Publikum im vollbesetzten Theater sichtlich auch ein großes Vergnügen an den Pausen zwischen den Songs hat. Und wichtig ist, dass er schon ganz am Anfang des Abends all die natürlich auch zur Legende gehörenden schlechten Meinungen über Dylan auf heitere Art abräumt. Er lässt das Publikum die schwersten „Dylan-Verfehlungen“ aufzählen: „Dylan kann nicht singen“, „Dylan kann nicht Mundharmonika spielen“, „Dylan sagt nie ein Wort und ist unhöflich zum Publikum“. Sind die über die Jahre sich aufgebauten Vorwürfe erst einmal raus, lässt sich viel unbefangener und befreiter mit dem Werk des Rock-Zaren Zimmermann umgehen.

Auf der Setlist stehen an diesem Abend Songs aus allen Schaffensperioden der Songwriter-Papstes: Neben anderen hört man das Frühwerk „I Was Young When I Left Home“, aus der Mitsechziger-Phase „Queen Jane Approximately“ und von den Basement Tapes „Open The Door, Homer“. Von New Morning (1970) spielte Grieben „Went To See The Gipsy“ und interpretiert das als Dylans Referenz an einen nicht überlieferten Besuch bei Elvis Presley. Da Dylan ein großer Elvis-Fan ist, spielt Elvis-Fan Grieben natürlich auch einen Song des „King Of Rock’n’Roll“, nämlich Heartbreak Hotel. Und da Dylans Lieblingsbeatle George Harrison war, erklingt auch dessen „Here Comes The Sun“.

Starke Texte und wunderschöne Momente
Dass Dylan eben nicht nur der wortgewaltige über den Dingen stehende Songpoet ist, sondern auch seinen eigenen, selbst erfahrenen Schmerz zum Ausgangspunkt seiner Kunst macht, stellt Grieben an diesem Abend mit allein drei Songs von „Blood On The Tracks“ unter Beweis: „Meet Me In The Morning“, „If You See Her Say Hello“ und „Buckets Of Rain. Auch Dylans christliche Phase lässt Grieben in seinem Konzert nicht aus. Er spielt sowohl „When He Returns“, als auch das textlich heikle „Slow Train Coming“. Aus den 1980ern, zu denen Martin Grieben richtigerweise sagt, dass da Dylan irgendwie sein Gespür verloren hätte spielt er „Whas Was It You Wanted“ vom Album „Oh Mercy“ von 1989, als es schon wieder bergauf der Dylan’schen Kunst ging. Und es wird auch die jüngere Vergangenheit des musikalischen Outputs erreicht. Das nicht eben einfach zu spielende und zu singende „Po Boy“ vom 2001er Album „Love And Theft“ wird von Grieben bravourös gemeistert. Besonders stimmungsvoll wird es im Raum, als Melina Hepp, Griebens Ehefrau, zum Duett-Gesang bei „Abraham, Martin and John“ mit auf die Bühne kommt. Den Dick Holler-Song hatte Dylan Anfang der 1980er mit seiner damaligen Background-Sängerin Clydie King in seinen Konzerte vorgetragen. Da ergeben sich wunderschöne musikalische Momente im kleinen Frankfurter Theater.

Überzeugender musikalischer Vortrag
Überhaupt zeigt sich Martin Grieben in großer musikalischer Form. Sein Gitarrenspiel und sein Gesang sind stark, einprägsam und haben eine ganz eigene Note. Sein Mundharmonikaspiel – wenn er denn endlich die Richtige gefunden hat – ist fein und kraftvoll zugleich. Und nicht einmal tappt der Sänger in die Falle des Nachahmers oder gar Parodisten. Die großen Hits kommen dann auch erst ganz am Ende – „Blowin‘ In The Wind“ (1254-mal von Dylan live gespielt, erklärt Grieben augenzwinkernd dazu) beendet das Konzert, „Lay, Lady, Lay“, „Don’t Think Twice, It’s Alright“ und „Mr. Tambourine Man“ bilden den abschließenden Zugabenblock.

Martin Grieben hat sich mit seinem Dylan-Abend einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Dass er damit bei seinem Publikum im kleinen Sachsenhäuser Theater Alte Brücke offene Türen eingerannt und sie auf eine erfolgreiche Reise mitgenommen hat, beweist der begeisterte, lautstarke, lang anhaltende Applaus und die Bravorufe. Das Programm verdient unbedingt weitere Aufführungen.

Tulsa 1: „The World of Bob Dylan Conference“

23. März 2019

Copyright: Univerity of Tulsa, Institute for Bob Dylan Studies

Als wir unsere nächste USA-Rundreise planten war klar, dass der Weg über Tulsa/Oklahoma führen sollte. Denn hier ist sowohl das Woody Guthrie-Archiv, als auch das Bob Dylan-Archiv sowie das Phil Och-Archiv beheimatet.

Aber wie das bei uns so ist, erleben wir meist auf unseren Amerika-Fahrten ganz besondere Events. 2010 erlebten wir mit, wie das Grand Ole Opry-Haus in Nashville nach monatelanger Schließung nach schweren Flutschäden mit einer großen Sondershow – inkl. Fernseh-Schaltung und Obama-Grußwort – wieder eröffnet wurde. 2012 wurden wir Zeuge wie dort mit Darius Rucker, der erst dritte Afroamerikaner in der Geschichte der Grand Ole Opry in diese Musikergilde berufen wurde. Und 2015 waren wir just in Bristol Tennessee/Virginia, als dort in der Nähe in Hiltons/Virginia im Anwesen der Carter Family ein Stück über die „First Family of Country Music“ aufgeführt wurde. So etwas vergisst man nie.

Und nun ergab der Zufall, dass genau in dem Zeitfenster, indem wir in den USA weilen, in Tulsa die große Bob Dylan-Konferenz stattfindet. Vom 30. Mai bis 2. Juni wird auf der „World of Bob Dylan Conference“ über alle Aspekte von Dylans Werk diskutiert und beratschlagt. Von „Dylan und der Western“ bis zu „Dylan und die Justiz“. „Dylan und die Beatles“, „Dylan und der Blues“, Dylan und und und… .

Wir werden der Konferenz zweieinhalb Tage folgen. Dann wollen wir weiterziehen und ich denke, das reicht auch. Wir freuen uns, Greil Marcus wiederzusehen, den wir Ende der 1990er in Frankfurt gehört hatten, als es dort noch das Amerika-Haus gab. Und dann ist er uns – Ehrenwort – 2009 in New York, im Greenwich Village, am Waverly Restaurant über den Weg gelaufen. Wir werden an den unterschiedlichsten Vortragsveranstaltungen und Panels teilnehmen, vielleicht auch das eine oder andere weitere bekannte Gesicht treffen und viel wissens- und nachdenkenswertes über Bob Dylan erfahren. Aber wir freuen uns auch darauf, noch mehr von Tulsa zu sehen. Denn auch unabhängig von den Archiven hat Tulsa musikgeschichtlich einiges zu bieten. Doch dazu in Kürze an dieser Stelle mehr.

Zum Programm der „World of Bob Dylan Conference“:
https://dylan.utulsa.edu/world-bob-dylan-symposium/program-2/

Grieben singt Dylan – Ein Abend mit Songs von & rund um Bob Dylan

11. März 2019

Martin Grieben, Copyright Theater Alte Brücke Frankfurt

Samstag, 30. März, Theater Alte Brücke, Frankfurt-Sachsenhausen, 19.30 Uhr

Wenn in den 1990er Jahren das Thema auf Bob Dylan kam, wurde ich meist mitleidig belächelt. Lebt der denn noch, kann der denn noch singen? Veranstaltungen zu Bob Dylan waren selten, dafür dann aber von großer Sachkenntnis geprägt. Bis heute faszinieren mich die damals gehörten Lesungen von Paul Williams, Greil Marcus und Günther Amendt, die geistreich über Bob Dylan erzählten und dies in einen ästhetischen, historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang stellten.

Als dann Dylan in den 200oern eine wahre Schaffensexplosion hinlegte mit hochkarätigen Alben, Film und Buch und Malerei und Radio-Show, da wurden die Veranstaltungen über Dylan dann immer mehr. Und nach dem Nobelpreis erst recht. Es gab und gibt Theaterstücke in Heidelberg und Lübeck, Ausstellungen in Fulda und Liederabende in Saarbrücken und und und…

Und wie überall gibt es solche und solche. Veranstaltungen bei denen man merkt, dass es den Leuten ernst ist, und solche, die sich einfach an den Ruhm anhängen. Ich habe mal einen Dylan-Abend vorzeitig verlassen, weil da mit Halbwissen und Klischees nur so um sich geworfen wurde, und die deutschen Übersetzungen das Niveau von Jugend-Gottesdiensten beim Kirchentag hatten. Sowas brauche ich nicht.

Ganz anders aber bei Martin Griebens Bob Dylan-Programm. „Martin Grieben verfolgt die verschlungenen Wege der Karriere des Bob Dylan seit 40 Jahren mit wachsender Faszination. Währenddessen war er Leader von Rock’n’Roll Bands, Sänger und Gitarrist, Komponist und verhinderter Popstar, Produzent, Tonstudiobetreiber und überzeugt inzwischen als „Mein-Mann“-Band in der Theater-Talkshow „Melli redet mit“ – nur Stimme, Gitarren, Ukulele und dunkle Sonnenbrille. „Grieben singt Dylan“ – ein Abend mit Songs von und rund um Dylan aus beinahe sechs Jahrzehnten. Keine gerührte Nostalgie-Veranstaltung, sondern die schräge Welt des Bob Dylan als unterhaltsamer, musikalischer Trip.“

Soweit der Pressetext. Hier und in der Korrespondenz mit ihm wurde mir die Ernsthaftigkeit seines Anliegens klar. Und wenn ich die Liste seiner Dylan-Songs anschaue, die er so Repertoire hat – z.B. „Po‘ Boy“, „Abraham, Martin und John“ oder „Meet Me In The Morning“, so sind das Songs, die der Spezialist des Abends, den ich dringend verlassen musste, wahrscheinlich überhaupt nicht kennt.
Und so verlässt Martin Grieben die ausgetrampelten Dylan-Pfade. Etwas, dass auch die DoubleDylans und ich immer wieder versuchen.

Sehr schön beschreibt Grieben, was alles in Dylan steckt: „Denn in Dylans Songs ist so viel Spaß, Weh, Ironie, Traurigkeit, Verzicht, Irrsinn, Blut, Liebe, Horror, Herzschmerz, Verwirrung, Weisheit, Vertrauen, Bescheidenheit, Märchenhaftes, Blödsinn, Blues, Sinnsuche, Selbstzerfleischung, Hoffnung, Verzweiflung, Betrug, Gier, Kitsch, Ablehnung, Sehnsucht, Hybris und was nicht noch alles drin.“

So sehe ich das auch! Und deswegen freue ich mich, Martin Griebens Programm hier anzukündigen und es auch zu besuchen. Tun Sie’s einfach auch!

https://theater-alte-bruecke.reservix.de/tickets-grieben-singt-dylan-ein-abend-mit-songs-von-rund-um-bob-dylan-in-frankfurt-am-main-theater-alte-bruecke-am-30-3-2019/e1357167

Bob Dylan wird 78 Jahre alt, die DoubleDylans feiern ihr 20-jähriges

21. Februar 2019

Save The Date: Am 24. Mai große Doppelgeburtstagsfeier im Frankfurter Salon

Wer dabei im letzten Herbst bei der großen DoubleDylan-Filmpreisverleihung, der hat heute noch ein Glänzen in den Augen. Es war ein legendärer Abend im Frankfurter Salon, mitten im Herzen der Mainmepropole. Schon damals war man sich sicher, dass dies die richtige

Die DoubleDylans

Location für eine weitere große Sause wäre. Jetzt ist es soweit, jetzt ist es offiziell: Die DoubleDylans und der Darmstädter Bob Dylan-Experte Thomas Waldherr laden ein zur Doppelgeburtstagsfeier am Freitag, 24. Mai. Just an Bob Dylans Geburtstag feiern sie dessen 78. und gleichzeitig das 20-jährige Bestehen der DDDs.

Thomas Waldherr

Was an diesem Abend genau passiert, wird noch nicht verraten, da werden gerade noch ein paar Ideen gewälzt. Ziemlich sicher werden aber eine ganze Reihe von Lobeshymnen für den Rockpoet und Nobelpreisträger aus den USA, als auch für die Frankfurter Lokalmatadoren erklingen.

Dies alles wird aber im DDD-üblichen Rahmen geschehen und daher nicht allzu ernsthaft, sondern hintergründig und humorvoll sein. Ein stimmungsvoller Abend mit Freunden. Mehr dazu in den nächsten Wochen.

Auf rastloser Dienstreise zur Arbeit am eigenen Werk

1. Januar 2019


Auch 2019 tourt Bob Dylan ausgiebig durch die deutschen Lande/ Der Sänger und seine Lieder verändern sich stetig

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind sondern mittlerweile auch Bob Dylan nach Deutschland. War er 2017 zu fünf Konzerten in Deutschland – darunter Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Hannover – 2018 zu sechs Konzerten (u.a. Krefeld, Nürnberg, Baden-Baden), so kommt er im Frühjahr und Sommer 2018 erneut zu neun (!) Aufritten über den Teich. Diesmal führt ihn sein Weg nach Düsseldorf, Würzburg, Berlin, Magdeburg, Augsburg, Hamburg, Braunschweig, Mainz, Erfurt und Stuttgart.

Seit 2012 kein Album mit neuen Songs mehr veröffentlicht
Das ausgiebige Touren steht mittlerweile in Diskrepanz zu seinem musikalischen künstlerischen Output. Seit 2012 hat er keine Platte mit neuen Songs mehr veröffentlicht. Sollte er auch 2019 keine veröffentlichen, dann hat er seinen eigenen „Rekord“ eingestellt. Von 1990 bis 1997 dauerte seine letzte dermaßen lange Enthaltsamkeit in Sachen Neuveröffentlichungen. Stattdessen pflegt er heutzutage den Nachlass. Jedes Jahr erscheint eine neue Ausgabe seiner Bootleg Series und legt den Fokus auf vergangene Schaffensperioden. Und er arbeitet sich in seinen Konzerten an seinen älteren Songs ab, strickt ihnen immer wieder neue musikalische Gewänder, revidiert sie mitunter textlich oder erschließt ihnen mittels der Vortragsart neue Bedeutungsebenen.

Seine Produktivität in den 2010er Jahren ist nicht vergleichbar mit den 2000ern. Damals erschienen die Alben „Love And Theft“, „Modern Times“, „Together Through Life“ und „Christmas In The Heart“. Zudem der Film „Masked & Anonymous“, das Buch „Chronicles“ und die vielen Folgen seiner Radio Show. Nun scheint er seine Produktivität auf anderen Gebieten auszuleben. Immer wieder stellt er neue Teile seines malerischen und zeichnerischen Werkes aus. Daneben schweißt er künstlerisch wertvolle Gartentore und gibt eine eigene Whiskey-Linie heraus. Das er inmitten dieser „Schweigeperiode“ 2016 den Literatur-Nobelpreis bekommt, passt so richtig zur unendlich widersprüchlichen Dylan-Geschichte.

Warum er so oft nach Deutschland kommt, darüber kann man nur mutmaßen. Zuletzt gelang es ihm, regelmäßig auch die größeren Hallen zu füllen. Ob das auch dieses Jahr so sein wird, ist eigentlich egal. Denn wo Dylan die Muse küsst weiß man ohnehin nie. Oftmals blieben in früheren Jahren die großen Momente in manch wunderschöner Location aus, während der Künstler sich in halbleeren Stadthallen wie beispielsweise in Aschaffenburg in ungeahnte Höhen schwang.

Dylan verfremdet immer wieder das Bekannte
Dylans musikalischer Beitrag besteht also heute mehr denn je im Hervorrufen von Verwunderung, Entzückung oder Enttäuschung und gar Verärgerung über die Neu-Interpretation mancher Klassiker. Kaum ein anderer Künstler macht sich Abend für Abend so angreifbar, weil er das doch scheinbar bekannte immer wieder verfremdet. Das ist große Kunst. Andere sind da Kunsthandwerker.
Und dennoch oder gerade deswegen: Weil Dylan Jahr für Jahr hierzulande verlässlich seine Kreise zieht, sind dann auch ebenso verlässlich die immer gleichen Ressentiments zu lesen. Er kann nicht singen, er sagt auf der Bühne kein Wort, noch nicht mal „Danke“, er spielt noch nicht mal ganze zwei Stunden.

Gleichzeitig singt man ihm hohe Lieder des Unangepassten, der immer wieder Erwartungen unterlaufen und sich neu erfunden hat. Hätte Dylan in seiner Karriere stets das gemacht, was man von ihm erwartet und erhofft hat, er wäre heute ein Fall für Konzerte im evangelischen Gemeindesaal oder für Oldie-Festivals. Dylan wollte sich nie vor einen Karren spannen lassen, sei die Sache auch noch so richtig. Was für Journalisten zum Arbeitsethos gehört – und trotzdem oft genug verletzt wird – macht sich auch für Bob Dylan als Chronisten und Beobachter der Zeitläufte bestens. Immer dabei sein, nie dazugehören, viel in sich aufsaugen, über vieles singen, aber sich nie instrumentalisieren lassen. So hat er sich seine Unabhängigkeit und seine Bedeutung bewahrt.

Wichtig sind die Songs – aber Dylan ist auch ein großer Sänger
Wichtig sind die Songs. Was sie sagen und welche Haltung aus ihnen spricht. Daran erkennt man die Haltung des Künstlers und was er uns zu sagen hat und womit wir uns beschäftigen müssen. Das ist das entscheidende. Nicht, wieviel Aufrufe er unterschrieben hat, und auf wie vielen politischen Konzerten er gespielt hat. Wenn er das macht, auch gut, aber er muss es nicht, um Denkanstöße zu liefern und eine politische Wirkung zu entfalten.

Und ich sage hier ganz entschieden, mag ich auch von vielen dafür belächelt werden: Dylan ist ein großer Sänger. Denn nicht die Schönheit der Stimme ist entscheidend, sondern dass man ihr glaubt, dass sie berührt, dass man aus ihr die Wahrheit hört. Und genau das hört man bei Bob Dylan. Im Zusammenspiel mit seiner Musik ergibt sich durch Dylans Gesang ein Vortrag, der oftmals erfreut, unterhält, aber eben stets auch tiefer geht. In Dir selbst etwas auslöst, das vorher nicht da war oder Gedanken befördert, die irgendwie vielleicht da waren, aber nun erst eine Richtung bekommen haben. Und dann sind diese Augenblicke letztendlich so viel wichtiger, als dass der Sänger nach drei Stunden verschwitzt zur Bühnenrampe kommt und so tut als wäre er einer für uns. Was in kleinen Clubs, von „normalen“ Musikern gelebt, noch authentisch sein mag, ist in großen Hallen, von Superstars durchgeführt, einfach nur Showgeschäft. Das erspart uns Dylan. Und das ist gut so. Denn ich will nicht, dass der Sänger im richtigen Leben mein Freund ist, sondern dass seine Kunst mir neue Welten erschließt, die mir helfen die Realität zu begreifen, oder wenigstens auszuhalten, und/oder die mir die Hoffnung geben, sie verbessern zu können.

Und diese Augenblicke können sich auch nur ergeben, wenn man Songs nicht als etwas Fertiges versteht, das man immer gleich reproduziert. Wenn das so ist, dann bleibt auch das eingeengt, was der Song in einem auslöst. Dann ist „I Can’t Get No Satisfaction“ im immer selben Gewand eben nur noch eine Attitüde der Erinnerung an frühere wildere Zeiten. Ohne Beziehung dazu, wo der Sänger und sein Publikum heute stehen. Mick Jagger ist eingefroren in den Mittsechzigern, gleichsam mumifiziert. Dylan führt uns dagegen vor, wie ein Sänger altert und wie er heute mit seinen Liedern umgeht. Manche spielt er nicht mehr, andere verändern sich mit ihm. Das ist ein großartiger Kosmos für Entdeckungen durch aufmerksame Zuhörer.

Und daher ist jeder neue Tour-Abschnitt – und mögen sich die Setlists mittlerweile Abend für Abend gleichen – eine neue spannende Installation des eigenen Werkes. Miterleben wie Kunst entsteht und kein seliges Schunkeln in Erinnerungen – gerade auch den allzu eindimensionalen Rückblicken auf 50 Jahre Woodstock und die ganze Hippie-Seligkeit wird Dylan inmitten des Jubiläumsjahres diesmal ein Stachel sein.

Alle deutschen Konzerttermine 2019:

31. März: Düsseldorf, Germany – Mitsubishi Electric Halle
02. April: Würzburg – S.Oliver Arena
04. April: Berlin – Mercedes-Benz Arena
05. April: Magdeburg – GETEC Arena
20. April: Augsburg – Schwabenhalle
05. Juli: Hamburg – Barclaycard Arena
06. Juli: Braunschweig – Volkswagen Halle
07. Juli: Mainz – Volkspark (Open Air)
09. Juli: Erfurt – Messehalle
10. Juli: Stuttgart – Jazzopen

Die 1960er mal zwei

23. November 2018

2019: Pete Seeger wird hundert – Woodstock wird fünfzig

Zum 100. Geburtstag von Pete Seeger veranstaltet „Americana im Pädagog“ ein großes Tribute-Konzert

Kommendes Jahr fallen zwei Jubiläen an. Beide haben zu tun mit dem „anderen Amerika“. Und doch könnte das, wofür sie stehen, unterschiedlicher nicht sein.

Pete Seeger soll das Stromkabel mit der Axt zu durchtrennen versucht haben, so die Legende. Doch wenn Bob Dylan nicht bei Newport 1965 eingestöpselt hätte, wären die E-Gitarrengewitter von Jimi Hendrix‘ Fassung von „Star Spangled Banner“ bei Woodstock 1969 möglich gewesen? Wäre Woodstock überhaupt möglich gewesen?

Legenden der Sixties
Beide – Seeger und Woodstock – sind Legenden der Sixties. Doch während Seeger aus der alten linken amerikanischen Arbeiterbewegung kam und das politische Folk Revival Anfang der 1960er entscheidend beeinflusste, steht Woodstock für ein recht luftiges Love & Peace der Rock-Generation. Dylan schrottete höchst selbst 1965 mit seiner E-Gitarre das Folk-Revival. Am Ende des Jahrzehnts war das große Rock-Hippie-Spektakel Woodstock und Dylan war nicht dabei. Während Seeger zwei Jahre zuvor plötzlich sich von einer elektrischen Band begleiten ließ.

Wie hängt das zusammen und wofür stehen diese Jubiläen? Ich will dies kurz hier anreißen, weil mich diese beiden Jubiläen das ganze nächste Jahr bei meinen Seminaren und Konzerten beschäftigen werden.

Zwei Seiten des „anderen Amerika“
In seinem klugen Buch „Dylan Goes Electric! Newport, Seeger, Dylan And The Night That Split The Sixties“ arbeitet Elijah Wald sehr schön heraus, wofür die beiden Personen Seeger und Dylan stehen. Während Pete die große Depression miterlebte, in der Solidarität eine Tugend war, wuchs Bob als Baby-Boomer inmitten der prosperierenden 1950er Jahre auf. Beide stehen, laut Wald beide für zwei Seiten des anderen Amerika: Seeger für den solidarisch-politischen, Dylan für den individualistischen Gegenentwurf. Beide können analytisch sein und die Ursachen der Probleme benennen, aber Dylan wird ab 1964 den Teufel tun, für irgendeine Organisation oder Bewegung öffentlich einzutreten. Wenn er ab da noch Protestsongs schreibt, so sind sie 1965 nicht mehr tagespolitisch, sondern befassen sich mit der Autonomie des Individuums in der verwalteten Welt („Maggies Farm“), oder haben später in den 1970ern das Unrecht im Blick, das konkreten Personen wie „George Jackson“ oder „Hurricane“ Carter widerfahren ist.

1965 machte Dylan ein Fenster auf und eine Generation folgte ihm. Die Rock-Generation, die zu den herrschenden Zuständen opponierte, und größere Massen erreichte als die Folk-Generation. Mit dem Preis, weniger Präzise in der Kritik zu sein. Die Rock-Generation war heterogener als die Folk-Generation. Es gab politischen Underground, Sit- ins und neue Lebensformen, aber auch reines Partyfeeling, Pop und psychedelischen Spuk.

Woodstock ohne Dylan
Da war Dylan aber schon nicht mehr dabei. Er wurde Familienvater, spielte Countrymusik, und war entsetzt über die Pilgertourten der Freaks zu seinem Haus nach Woodstock. Sein individualistischer Protest richtete sich nun gegen den Love & Peace-Zeitgeist. Denn wenn er sich mit den gesellschaftlichen Zuständen wirklich beschäftigte, dann war er oftmals immer noch klarer als mancher Teilzeit-Hippie. Daher floh er regelrecht vor dem Massenereignis. Zwar hatte Woodstock seine klaren politischen Botschaften – man denke an Hendrix‘ Luftangriffsgewitter-Version von „Star Spangled Banner“, Joan Baez „Truck Drivin‘ Man“ und ihre Widmung des Liedes für Ronald Reagan sowie Country Joe McDonalds „I Feel Like I’m Fixin‘ To Die Rag“ – aber insgesamt überwogen Friede, Freude, Eierkuchen (der wackere Richie Havens mit „Freedom“) oder die Pose wie sie beispielsweise Janis „Rebel‘ Without a Cause“ Joplin zelebrierte.

Da war die ebenso bittere, wie fast schon logische Pointe, dass dem fröhlichen Woodstock-Spektakel die Katastrophe von Altamont mit den tödlichen Messerstichen der Hells Angels folgen musste, die diese Generation wieder in die Wirklichkeit führte.

Seeger und Baez bleiben politische Aktivisten
Während all dem aber machte Pete Seeger unerschütterlich weiter. Er schrieb Songs, protegierte Talente, leitete Singalongs an. Und das stets mit einer politischen Intention. Auf ihre Weise führte Joan Baez die Arbeit als Aktivistin und Musikerin in der großen Öffentlichkeit fort. Wie bezeichnend, dass Dylan und sie sich wenige Woche vor Newport trennten. Aber Dylan hatte beide verändert. Seeger akzeptierte die musikalische Ausdrucksform, auch wenn sie nicht die seine wurde, Baez stimmte sogar immer wieder sanfte Folk-Rock-Tönen an. Und ging mit Dylan 1975 sogar auf die rockig-rumpelnde Rolling Thunder Review, die ein allerletzter Abgesang auf die Sixties wurde. Da war Dylan – der lebende Widerspruch – wieder ganz engagiert.

Musikgeschichte verstehen, um Möglichkeiten für linke Politik zu beurteilen
Woodstock und Seeger stehen also für die alte und die neuere Linke in den 1960er Jahren. Während Seeger zwar persönlich als Symbol für ein linkes Amerika berühmt wurde, war er politisch marginalisiert. Die Generation Woodstock marschierte dagegen durch die Institutionen und verlor sich in ihnen, ein Teil begünstigte gar die neoliberalen Veränderungen der Gesellschaft. Beide, Seeger und die Generation „Woodstock“, sind mittlerweile Geschichte, doch sich mit ihrem Werdegang und ihrer Wirkung zu beschäftigen ist nicht nur ein spannendes Stück Musikgeschichte, sondern auch eine lohnende Auseinandersetzung, will man die Möglichkeiten linker Politik in den USA heute auf der Basis der Analyse früherer politisch-historischer Entwicklungen ausloten. Das ist letztendlich die kulturelle und politische Dimension und der Erkenntniswert der Gegenüberstellung dieser zwei Phänomene.

Jetzt, in den Zeiten von Trump, gibt es eine neue, junge Linke in den USA. Eines ihrer Gesichter ist Alexandria Ocasio-Cortez. Wie diese junge Linke im Verhältnis zu alter und alter neuer Linken in der USA steht, und welche Möglichkeiten zu einer linken Politik sie eröffnet- auch dies wird daher Thema in meinen Veranstaltungen im nächsten Jahr sein.

Die Schwester, die uns den Rock’n’Roll gab

14. November 2018

Vor 45 Jahren starb Sister Rosetta Tharpe, Gospel-Sängerin und zugleich Pionierin des Rock’n’Roll

Nein, ich glaube ich muss hier nicht mehr erklären, dass weder Elvis noch Jerry Lee den Rock’n’Roll erfunden haben. Nein, der Rock’n’Roll war schon vorher da, wurde u.a. von Chuck Berry gespielt, hieß da aber noch Rhythm & Blues. Die weißen Jungs waren dafür gut, diesem Musikstil ein zahlungskräftiges, weißes Publikum zuzuführen. Die wirklichen musikhistorischen Leistungen haben dagegen Chuck Berry und eine ganz besondere Frau erbracht.

Sister Rosetta Tharpe, geboren 1915 als Rosetta Nubin im armen Arkansas, kam mit sechs Jahren nach Chicago. Zeit ihres Lebens blieb sie eine Grenzgängerin zwischen dem Gospel und der schwarzen weltlichen Musik. Sie trat schon früh als Sängerin und Gitarristin in kirchlichen Zusammenhängen auf – ihre schwarze Pfingstlergemeinde erlaubte den expressive musikalischen Ausdruck und dass Frauen sangen und lehrten – und nahm mit 23 den Bühnennamen Sister Rosetta Tharpe an, eine Variation des Namens ihres geschiedenen Mannes, mit dem sie nur wenige Jahre zusammen war. „Rock Me“ und andere Songs, die sie 1938 einspielte, machten sie über Nacht zum Star und beeinflussten alle wichtigen weiteren Rhythm & Blues und Rock’n’Roll-Pioniere.

Ihre Einzigartigkeit bestand im expressiven Gesangsvortrag gepaart mit dem Spiel der elektrischen Gitarre, der sie oftmals im Slide-Stil die Töne hervorlockte. Zwar waren es oftmals inhaltlich Gospel, die sie sang, die aber waren mit einer solchen weltlichen musikalischen Wucht vorgetragen, dass sie das religiöse Publikum ebenso schockierten wie das weltliche Publikum elektrisierten. So wurde sie in den 1940er zu einer Künstlerin, die die Grenzen überwand. die Grenzen zwischen schwarzer religiöser und weltlicher Musik ebenso wie die die Rassenschranken, in dem sie schwarze Gospel vor einem größeren weißen Publikum spielte.

In den 1950ern war sie eine Sensation, spielte in ausverkauften Arenen und beeinflusste direkt die weißen Rock’n’Roller. Just als sie wegen deren Erfolg in den Hintergrund gerückt war, wurde sie durch das europäische Interesse am Blues wiederentdeckt und sie trat auf einer Tour durch den alten Kontinent auf.

1970 erlitt sie einen Schlaganfall und beendete deswegen ihre Konzertaktivitäten. Sie hatte Diabetes und verstarb am 9. Oktober 1973 an den Folgen eines erneuten Schlaganfalles.

In den vergangenen Jahren wurde ihr enormer Beitrag zur Geschichte von Rock und Blues durch die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall Of Fame und die Blues Hall Of Fame gewürdigt. Eine BBC-Dokumentation nannte sie „The Godmother Of Rock’n’Roll“. Ihre Einflüsse reichen heutzutage bis hin zu so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Rosanne Cash, Mary Chapin-Carpenter oder Rhiannon Giddens. Und Bob Dylan sagte über sie: „Schwester Rosetta Tharpe war alles andere als gewöhnlich und schlicht. Sie war eine große, gutaussehende Frau und göttlich, ganz zu schweigen von der Erhabenheit und Pracht. Sie war eine mächtige Naturgewalt. Eine Gitarre spielende, singende Evangelistin.“

Es lohnt sich also mit der Musik dieser großen Künstlerin zu beschäftigen. In einer besseren Welt hätte sie die Lorbeeren und die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die andere einheimsten. Daher ist es nur gerecht an sie und ihre Musik zu erinnern.

Zwei Videos. Sister Rosetta Tharpe 1964 bei einem Konzert auf einem Bahnhof in Manchester und Rhiannon Giddens mit Sister Rosetta Tharpes „Up Above My Head“:


Die DoubleDylans ganz groß auf der Leinwand!

6. Oktober 2018

Vorführung von sechs Videofilmen mit anschließendem Konzert/ Thomas Waldherr präsentiert die DDD-Filmpreise

Die Frankfurter „DoubleDylans“ begeistern immer wieder aufs Neue mit ihrer frechen und humorvollen Adaption der Musik von Bob Dylan für den eigenen Mikrokosmos zwischen Taunus, Main und Marrakesch. Bereits im Sommer 2017 begannen die Planungen, das aktuelle Projekt der „DoubleDylans“, „DDD rappen Dylan“, nicht als Audio-CD, sondern in Form von Videoclips zu veröffentlichen. Dafür wurden in Windeseile Regisseure, Kameraleute, Ausstatter und Darsteller gesucht und gecastet. Es entstanden 6 Videos und ein Animationsfilm.

Jetzt ist es an der Zeit, den Mitwirkenden zu danken! Im Rahmen der ersten öffentlichen Filmvorführung soll der kreativen Input der verschiedenen Künstler gewürdigt werden. Daher werden am Samstag, 20. Oktober, 20 Uhr, im Frankfurter Salon (Braubachstraße 32, 60311 Frankfurt am Main) die DDD Filmpreise in neun verschiedenen Kategorien verliehen. So werden neben anderen auch die beste Kamerafahrt, der besten Jungfilmer und der beste Trickfilm ausgezeichnet. Moderiert wird die Veranstaltung von dem Musikjournalisten und Bob Dylan-Kenner Thomas Waldherr.

Im Anschluss an Vorführung und Verleihung spielen die DoubleDylans noch ein kleines Set mit Gästen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht!

„Wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“

21. September 2018

In „More Blood, More Tracks“, der 14. Ausgabe der „Bootleg Series“ von Bob Dylan, dreht sich alles um die Aufnahmesessions zum 1974/75er Album „Blood On The Tracks“

Für die einen ist es lapidar Dylans „Trennungsalbum“, für die anderen ein komplexes Werk, das Dylans Standortbestimmung als Ehemann, Künstler und Familienvater in einer Zeit ist, als er Veränderungen aufziehen kommt, als die Familienphase zu Ende geht und der unstete, immer sich auf Reisen befindende Künstler wieder aus ihm herausbricht: Bob Dylans 1974 entstandenes und Anfang 1975 veröffentlichtes Album „Blood on The Tracks“.

Die Veränderungen gehen einher mit Verwerfungen. Die schöne Zeit mit Sara scheint vorbei und wo steht er als 33-jähriger Mann eigentlich? Und die Veränderungen und Verwerfungen sind schmerzhaft. Und selten leidet man so persönlich mit, wie bei diesem Album. Der Verlust der Liebe von/für Sara, der Verlust von Sara, die Trennung von Sara – all das tut höllisch weh. „Wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“, singt er in „You’re Big Girl Now“. Der Song gehört mit „If You See Her, Say Hello“ und „You Gonna Make Me Lomesome When You Go“ zu den offensichtlichsten und persönlichsten Trauerverarbeitungen des Albums, während „Tangled Up In Blue, „Simple Twist Of Fate“ und „Idiot Wind“ dann wieder Geschichten erzählen, die nicht unbedingt immer für bare Münze genommen und auf den Sänger bezogen werden müssen. Denn auch wenn persönlicher Trennungsschmerz die Triebfeder dieses Albums ist, so versteht Dylan es auch hier, die Perspektiven zu wechseln, mit Verfremdungen zu arbeiten und einfach sich gute Stories auszudenken. So wie „Lily, Rosemary And The Jack Of Hearts“, das wieder einmal die Vorlage für einen Western abgeben könnte.

All diese Songs werden wir auf „More Blood; More Tracks“, das am 2. November erscheint, in ihrem Entstehen kennenlernen. Denn die Platte entstand ja bekanntermaßen auf Sessions im September 1974 in New York und Dezember 1974 in Minneapolis. Auf der DeLuxe-Version werden auf 6 CDs alle bis heute erhaltenen Tracks zu hören sein.

Ein großes Werk von Bob Dylan wird somit nach gut 45 Jahren vielleicht erst jetzt seiner Vollendung zugeführt.

The Kilkennys: Blowin‘ In The Wind

8. September 2018

Unter den Alben, die bei mir über den Schreibtisch gehen, sind immer mal welche über die ich wundere. Warum sind die bei mir angekommen? Ich schreibe über Bob Dylan, Americana, Country und Folk. Anderes lege ich in der Regel zur Seite. Bei der irischen Folkmusik der Kilkennys ging das nicht. Zum einen ist der Titel des Albums der Bob Dylan-Klassiker überhaupt, zweitens wurde dieser Dylan und die amerikanische Folkmusik natürlich von irischen Quellen und Wurzeln gespeist und beeinflusst. Und drittens stehe ich noch ganz unter den schönen Eindrücken unserer Dublin-Reise.

Also bei Dylan und irischer Folkmusik fallen einem natürlich sofort die Clancy Brothers ein, frühe Freunde und Weggefährten Dylans Anfang der 1960 in Greenwich Village im New York. Dylan war begeistert von ihrer Musik und Liam Clancy und Dylan waren gut befreundet. Dylan soll ihn als „the best ballad singer I’d ever heard in my life“ genannt haben. Kein Wunder, dass die Clancy Brothers 1992 bei Dylans 30-jährigem Plattenjubiläum im Madison Square Garden auftraten.

Die Clancy Brothers erfanden die irische Folkmusik quasi neu, indem sie die oftmals langsamen und schwermütigen Balladen ein hohes Tempo, starke Rhythmik und kraftvollen Gesang und Pub-Atmosphäre gaben. Sie weckten in den USA wieder das Interesse an irischer Folkmusik und befeuerten auch in Irland selbst eine Folk-Renaissance. Ohne Clancy Brothers keine Dubliners und keine Chieftains.

Und genau in der Tradition der Clancy Brothers und Dubliners stehen The Kilkennys. Nach Riverdance-Spuk und der Musik verwirrter Elfen, besinnt man sich wieder auf kraftvolle, lebenszugewandte Musik. Nathan Carter, der schon nahe am Rock-Pop ist und die traditionelleren Kilkennys stehen dafür. Und das Liedgut, dass letztere auf ihrem Album „Blowin‘ In The Wind“ präsentieren ist denn auch gut abgehangen. „The Molly MaGuires“, „Farwell To Carlingford“ oder „A Nation Once Again“ ist vertrautes Material, dem sie aber auch die nötige Frische für eine neue Generation von Hörern irischer Folkmusik verleihen.

Ihre Version von „Blowin‘ In The Wind“ ist fein und absolut hörbar. Wer weiß, vielleicht höre ich mir die Jungs auf ihrer Deutschland-Tournee im Oktober doch mal live an.

The Kilkennys live in Deutschland
Bielefeld,Ringlokschuppen, Fr, 12.10.18 – 20 Uhr
Münster, Jovel Music Hall, Sa, 13.10.18 – 20 Uhr
Düsseldorf, Savoy Theater, So, 14.10.18 – 19 Uhr
Stuttgart, Universum, Di, 16.10.18 – 20 Uhr
München, Ampere, Mi, 17.10.18 – 20:30 Uhr
Freiburg, Jazzhaus, Fr, 19.10.18 – 20 Uhr
Mannheim, Alte Feuerwache, Sa, 20.10.18 – 20 Uhr
Merzig, Zeltpalast, So, 21.10.18 – 18 Uhr
Hanau, Comoedienhaus Wilhelmsbad, Di, 23.10.18 – 20 Uhr
Berlin, Columbia Theater, Mi, 24.10.18 – 20 Uhr
Osterholz-Scharmbeck, Stadthalle, Do, 25.10.18 – 20 Uhr
Hamburg, Fabrik, Fr, 26.10.18 – 20 Uhr
Aurich, Stadthalle, Sa, 27.10.18 – 20 Uhr
Kiel, Pumpe, So, 28.10.18 – 20 Uhr