Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (30)

22. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

alles hat einmal ein Ende!

Und da mir mein letzter Beitrag so gut gefallen hat, dass es kaum noch besser werden kann und zudem die Home Office-Zeit scheinbar bald zu der sich in aller Munde befindlichen „neuen Normalität“ gehören wird, werde ich mit dem heutigen letzten Beitrag mein Bickenbach, Texas Home Office Diary abschließen und zuklappen. Mit der Nummer 30 nach fast genau vier Wochen ist das, so denke ich, ein guter Zeitpunkt. Auf diesem Blog werde ich neue Beiträge künftig in der Regel mindestens jeden Freitag veröffentlichen, um eine für die Lesenden verlässliche Erscheinungsweise zu haben.

Also hinein in den letzten Beitrag. Also dreht sich heute alles einen Song, in denen um das Ende geht. Ein Song aus dem großen Ouvre des Meisters, der zu Recht etwas in Vergessenheit geraten ist. Auf dem ebenfalls zu Recht vergessenen Album „Down In The Groove“ von 1988 ist auch das Stück „Death Is Not Dead“ enthalten. Da „Down In The Groove“ ohnehin wie ein Flickenteppich der Resteverwertung daher kommt, wundert es einem auch nicht, dass dieser Song von den Infidels-Sessions 5 Jahre vorher liegen geblieben war.

Inhaltlich ist das natürlich wieder eine religiöse Aussage und ich bin mir da mit dem Dylanologen Tony Atwood völlig einig, dass es nicht zu den stärkeren poetischen Werken Dylans gehört. Es enthält zu viele abgedroschene Phrasen, Bilder und Formulierungen, die wir woanders in seinem Werk schon besser gehört haben. Was ich im Übrigen auch lange Zeit „Make You Feel My Love“ vorgeworfen habe, das ja mit dem Wort- und Bildreichtum des übrigen Werkes von „Time Out Of Mind“ in keiner Weise mithalten kann. Allerdings bin ich da auch schon wieder vom Live-Bob eines besseren belehrt worden. Denn seine atemberaubende Version von Stuttgart im letzten Jahr hat doch einiges an Atmosphäre zwischen vielleicht zu routiniert gesetzten Zeilen herausgeholt.

Aber vielleicht sind diese so sattsam bekannten Bilder und Formulierungen, die solche Songs für andere Künstler interessant machen. Schließlich haben Billy Joel, Garth Brooks und Adele „Make You Feel My Love“ gecovert. Und auch von „Death Is Not The End“ gibt es Coverversionen vom ohnehin stets morbiden Nick Cave, von Kylie Minogue und den Waterboys.

Und es gibt – ein Nachtrag zum Eintrag 28 – auch eine deutsche Version von den Kölschen „Black Föös“. „Ein Leben nach dem Tod“. Ein ziemlich dämlicher Stimmungsschlager. Aber ich bleibe dabei: „Gelobtes Land“ von Maffay ist viel schlimmer!

In diesem Sinne: Es gibt auch ein Leben nach dem Bickenbach, Texas Home Office Diary. Es war für mich eine interessante Erfahrung, jeden Tag an dieser Stelle irgendetwas Neues rund um Bob Dylan und Americana zu schreiben. Und tatsächlich fiel mir immer etwas Neues ein und was ich gehört habe, war das wohl durchaus auch ganz interessant für die Leute.

Also in diesem Sinne: Schaut immer freitagabends auf die Seite, da kommt was Neues. Zudem werden alle neuen Beiträge in der Regel auch über expectingrain.com, Facebook und meinen Newsletter beworben.

Also dann bis demnächst!

Best
Thomas


The Bickenbach, Texas Home Office Diary (29)

21. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

The old, weird America

Howdee Everone,

reden wir über das alte und das neue, gefährliche Amerika!

Mit dem Terminus „the old, weird America versuchte Popkritik-Papst Greil Marcus die Verbindung zu ziehen zwischen den Songs von Bob Dylan & The Band, die später die Basement Tapes genannt wurden, und der Anthologie Of American Folk Music von Harry Smith von 1952.

Die Anthology, das sind uralte Folksongs von obskuren alten Sängern über eine obskure alte Welt. Ein Amerika der düsteren Folk-Songs, der Shanties, der Hillbillies, der Minstrel-Shows, der Gunfighter, der Bürgerkriegssoldaten, der fliehenden Sklaven, das Amerika von Rassismus und Gewalt, Liebe, Mord und Totschlag. Die Aufnahmen stammen von 1926 bis 1933. Die Songs selber sind viel älter und in mehrfacher Hinsicht zeitlos.

Ja, die Anthology wurde zum Kult bei der jungen Folk-Bewegung Anfang der 1960er. Doch während diese Folk-Bewegung oftmals nur an der Oberfläche kratzte, weil ihre Protagonisten entweder einen zu cleanen weißen Mittelstandshintergrund hatten bzw. man das Folk-Idiom hauptsächlich – zu einer natürlich gerechtfertigten – politischen Protestmusik nutzte, gingen Dylan & The Band im 1967 im Keller von Big Pink viel weiter.

Während draußen die weiße Mittelstandsjugend den „Summer of Love“ verlebte, der nur kurze Zeit wirklich einen Gegenentwurf zum durchkapitalisierten Amerika darstellte, ehe sich in die emanzipatorische Bewegung mit Scott McKenzie und Woodstock eine kräftige Prise Kommerz mischte, gingen Dylan und die Jungs dahin, wo’s weh tut.

Die dunkle Seele Amerikas
Eben nicht zu den wohlfeilen Wahrheiten, sondern in die dunklen und grauen Bereiche der amerikanischen Seele. Dylan war vom Motorrad gefallen und nutzte das, um dem von seinem Manager Albert Grossman veranstalteten Rattenrennen zu entfliehen. Er war nun erneut ein anderer als vorher. Er war nun ein Familienvater. Aber die Bilder von der Familienidylle mit der hübschen Sara und den süßen Kindern waren nur die eine Seite des Dylan’schen Wirken dieser Zeit.

Die andere Seite gehörte der Suche nach dem „alten, gefährlichen Amerika“ mit The Band im Keller von Big Pink. Seine enormen Kenntnisse des Folk fanden zusammen mit der „Street Credibility“ der Band, die zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre auf den Bühnen, in den Kaschemmen, den Clubs und Spelunken gespielt hatten. Sie kannten die dunkle Seite des amerikanischen Traums aus eigener Erfahrung wo es Dylan nur mit Instinkt, Verständnis und Empathie versuchen konnte. Aber dass er dies konnte, zeigt auch hier nochmal seine Ausnahmestellung.

Sie spielten alte Country, Folk, Blues- und Gospelstandards und ganz viel wirklich obskures und fragewürdiges Zug. Und Dylan schrie Songs und am Ende wusste keiner mehr, sind dies alte oder neue Songs. Dylans Songs dieser Zeit stammten nicht nur aus dem Keller. Nein, er holte sie noch viel tiefer hervor. Die Grundlage für Americana war gelegt, die losen Enden Jahre wurden Jahre zu Wurzeln aus denen auch das dunkle Alternative Country spross.

Dylan hat diese dunklen, grauen Stimmungen dieser amerikanischen Musik seitdem immer wieder in seiner Musik zum Ausdruck gebracht. Wir denken an den „Man In The Long Black Coat“ auf „Oh Mercy“ von 1989 oder die Alben und Songs seines Spätwerks. Ob Long And Wasted Years oder Scarlett Town – sie sind könnten, nein sie sind uralte Songs, weil durch den Sänger Bob Dylan die uralten Folk-, Blues- und Minstrelsänger singen.

Dallas: Aus diesem Haus heraus wurden die tödlichen Schüsse auf John F. Kennedy abgegeben.

Dylan sagt uns, was Amerika im 21. Jahrhundert verloren hat
Mit seinen beiden neu veröffentlichten Songs „Murder Most Foul“ und „I Contain Multitudes“ setzt Dylan nun im Jahr 2020 die Schnittstelle an, die zwischen dem alten, gefährlichen Amerika und dem neuen gefährlichen Amerika liegt. Er vertraut seiner Collage- und Zitate-Technik und schildert Kultur und Politik des amerikanischen 20. Jahrhunderts, die auch ein Gesamtkunstwerk wie Dylan selbst schufen. Gerade weil dieses Amerika der Welt so zugewandt war – was auch negative Folgen für die Welt mit sich brachte, weil sich die Außenpolitik überwiegend weniger demokratischen Werten, denn geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen verpflichtet fühlte – schienen die dunklen Dämonen der Nation im Inneren – Rassismus, Profitgier, Gewalt – gezähmt werden zu können. Von Roosevelts New Deal über die Bürgerrechtsbewegung und die Great Society schien sich in Amerika etwas zum positiven verändern zu können.“

Doch erst der Mord an John F. Kennedy – „Murder Most Foul“! – und die Morde an Bobby Kennedy und Martin Luther King nahmen der positiven progressiven Entwicklung die Spitze. Es folgte Stagnation bis der militärisch-industrielle Komplex und die Wirtschaftsschule der „Chicago Boys“ den Roll Back und schließlich den Siegeszug des Neoliberalismus einleiteten.

Fortan war dieser angebliche uramerikanische Egoismus – es gibt ja auch die andere Seite des nachbarschaftlichen Kümmerns und der Solidarität – wieder voll da. Die Evangelikalen Schaumschläger und Menschenfeinde individualisierten wieder die sozialen Unterschiede. „Wer wirtschaftlichen Erfolg hat, der liebt Gott besonders und der auch ihn. Wer arm ist, der ist selber schuld. Und wer arm und schwarz ist, der liegt uns guten, weißen und erfolgreichen Christen nur auf der Tasche. Und wir wollen keine Almosen für schwarze Faulenzer bezahlen. Wir brauchen keine staatliche Sozialsysteme und keine Gesundheitsversicherung für alle, weil wir freie, fleißige amerikanische Christenmenschen sind, die von ihrer Arbeit leben wollen und können!“ Das war das rassistisch-kapitalistische Evangelium des Ronald Reagan.

Und so wuchsen die Armut und die Gewalt. Und weil private Firmen in den USA an Gefängnissen verdienen können und struktureller Rassismus die Gesellschaft und die Justiz beherrscht, ist der Anteil der Schwarzen an den Gefängnisinsassen so überproportional groß.

Das neue, gefährliche Amerika
Trotz Clinton und Obama-Care: An der Herrschaft des Neoliberalismus rüttelten die Demokraten nicht. Und als die Bankenkrise im Sinne der Wall Street und nicht der Menschen gelöst wurde, da vermischten sich die soziale Verzweiflung der ärmeren und abstiegsbedrohten Weißen mit der Anti-Haltung gegen das Establishment der Küstenstreifen, gegen die Bundesregierung und gegen den schwarzen Präsidenten. Mit der „Tea Party“ war die Keimzelle für den späteren Erfolg von Trump und seinem weltabgewandten „America First“ auf die politische Bühne getreten.

2020 ist Amerika bedroht. Von der Corona-Krise, ab er vor allem auch von seinem Präsidenten, der sich auf gewaltbereite Anhänger stützt, deren Grenzen zu den White Supremacy-Leuten fließend sind.

Das ist das neue, gefährliche Amerika. Bob Dylan singt darüber, was Amerika verloren hat im 21. Jahrhundert. Das was kommen wird müssen wir zwischen den Zeilen lesen.

Die dunklen Folksongs genauso wie die politischen Protestsongs über einen wahnwitzigen Präsidenten aber und die bevorstehende Gewaltausbrüche müssen andere singen. Singt sie laut!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (28)

20. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute beschäftigen wir uns mal mit Mr. Zimmermann auf Deutsch!

Vor zwei Jahren durfte ich mit Norbert Saßmannshausen und Ilja Kamphues eine schöne Sendung bei Radio X in Frankfurt zum Thema „Dylan auf Deutsch“ machen. Da habe ich gerade dieser Tage dran denken müssen. Ein schönes Thema, um es hier nochmal ein bisschen zu beleuchten.

1960er
Wir gehen einfach mal die Jahrzehnte durch. Den Anfang von Dylan auf Deutsch machten Marlene Dietrich mit „Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind“ sowie Christopher & Michael. Während die erstere weiterhin Legendenstatus hat, sind die beiden anderen leider mittlerweile vergessen. Die beiden Frankfurter Liedermacher Christopher und Michael haben auch Dylan-Songs auf Deutsch gesungen. Aber das war alles noch voller Pathetik, noch waren Blues, Beatpoesie und die entsprechend lässige Haltung in Deutschland nicht richtig angekommen.

1970er
Zwei Songs gehören hier unbedingt genannt, weil sie nämlich zeigen, wie gut Dylan funktioniert, wenn man ihn frisch und ohne falschen Respekt auf sein eigenes Umfeld, Milieu und Idiom überträgt. Sowohl der Wiener Wolfgang Ambros (Allan Wia Stan), als auch die hessische Bernies Autobahn Band (Wenn es Nacht ist in der Stadt) haben hier bahnbrechendes geleistet. Und lässiger Folk-Blues und treibender Rock sind endlich im deutschsprachigen Raum angekommen.

1980er
Eine echte „Zeitgeist-Perle“ ist Paolas Version von „Mr. Tambourine Man“. Elf Jahre nach Woodstock erinnert die Sängerin in einer Schlagerversion des Songs die jetzt im bundesrepublikanischen Hier und Jetzt angekommene Protest- und Hippie-Generation an ihre wilde Zeit. Doch die tragen jetzt Sakko zum Turnschuh und sind Lehrer oder werden bald Minister sein. Ende des Jahrzehnts ist es schließlich Georg Ringsgwandl, der wieder das oben gesagte bestätigt, und auf bayerisch mit „Nix Mitnehma“ eine Version von „Gotta Serve Somebody“ einspielt, die dem so fatalistisch-autoritätsgläubigen Original in seiner Subversivität deutlich überlegen ist.

1990er
Es war die Lichterkettenzeit, als nach den Morden von Mölln und Solingen, sich diese Bewegung sich etwas zu gutmeinend und staatstragend verhielt, während die Asylgesetze verschärft wurden. Der leider viel zu früh verstorbene ebenso geniale wie gnadenlose Satiriker (und Bob Dylan-Freund!) Wiglaf Droste schrieb zu seiner Version „Musse Feife Inne Wind“ im „Neuen Deutschland“: „…abgesehen von diesen und diversen schon zuvor geäußerten Einwänden gegen auf links gestrickten Kitsch, Gratishumanismus und Gesinnungshuberei in Form von Lichterketten oder welchem sonstigen Gewürge auch immer, ist es mir unbegreiflich, warum, wenn man schon dergleichen veranstaltet, dann nicht auch die lagerfeuertaugliche und kerzenkompatible Hymne aller Tugutheinis dieser Welt ertönt, die Internationale der Fortschrittlichkeitsflachpfeiferei, Blowin‘ in the Wind von Bob Dylan, allerdings passend in der von Herrn Gerhard Henschel, Frau Kathrin Passig und mir besorgten Übersetzung ins Pidgindeutsche…“

2000er
Wieder kam gutes in Sachen „Dylan auf Deusch“ aus Hessen. Denn mitten aus dem „echten“ Frankfurt, im Gallus kamen die DoubleDylans. Mit ihrem Album „RettichRetter“ im Jahr 2007 leisteten sie etwas bislang nie dagewesenes: Sie überführten die Dylan’schen Songmotive in einen Gemüsekosmos und damit auf eine Stufe des höheren, doppelbödigen Blödsinns, die bis heute nicht wieder erreicht wurde.

2010- heute
Ich mag diesen Beitrag heute mal schräg enden lassen. Denn was rauskommt, wenn ein deutscher Rocksänger – (ich meine ja ein Rock-Schlagersänger) sich an dem wieder erstarkten Interesse an Dylan dranhängen will, aber einfach nicht von seinem eingefahrenen deutschen Stadion-Rock mit verschwurbelten Texten runterkommt, ist Peter Maffays „Gelobtes Land“, das überall mit beschwörender Stimme als Coverversion von Dylans „Girl From The North Country“ bezeichnet wurde. Von wegen: Es ist eine penetrante Pseudo-Springsteen-Mucke mit Maffays bekannten ziel- und sinnlosen Bildern zwischen Rock-Bombast und Religions-Brimborium. Für mich ein musikalisches Verbrechen und das mieseste deutsche „Dylan-Cover“ aller Zeiten. Noch schlechter als Mike Krügers „Nackig an der Himmelstür“ und „Komm’ doch rei, komm’ doch rinn“ von Malepartus. Denn dieser Mist von Maffay nimmt sich auch noch ernst.

Aber was soll’s: Eh isch misch uffreesch, is mers egal. Und nein, das ist nicht Bob Dylan auf hessisch…

Unten könnt Ihr die Radiosendung nachhören und für die ganz Harten habe ich auch den Maffay im Angebot!

Bis Morgen!
Best
Thomas

22. Mai 2018: Denknomaden im Radio X

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (26)

18. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

armes Amerika!

Jetzt hat er sein Vehikel gefunden, um ganz unverblümt dem Bürgerkrieg das Wort zu reden. „Befreit Minnesota!“,“Befreit Michigan!“, „Befreit Virginia!“ Selbst der ungebildete Trump weiß, welche Geister er hier herauf beschwört und an welches amerikanische Trauma er hier anknüpft. Die Trump-Jünger und Alt-Right-Aktivisten warten inmitten ihrer Waffenarsenale schon lange auf den günstigen Augenblick zum Losschlagen und führen eine neue Sezession im Schilde.

Bob Dylan kennt seinen Bürgerkrieg ganz genau. Seiner „Biographie“, den „Chronicles“ zufolge hat er Monate lang in der Bibliothek auf Mikrofilmen die Zeitungen der Jahrgänge 1855 bis 1865 studiert. Er hat die Sklaverei einmal als immerwährende Wunde der amerikanischen Nation bezeichnet, hat aber auch in seinen Studien festgestellt, dass es in dieser Auseinandersetzung auch um verschiedene Wirtschaftssysteme, Wertvorstellungen und kulturelle Normen geht, die immer mehr auseinanderstreben. Dylan ist Zeit seines Lebens in seiner Musik auf diesen Krieg und seine Umstände zurückgekommen. Von „John Brown“ über den jungen Soldaten, der als Krüppel nach Hause kommt, über „Blind Willie McTell“ als Gemälde des tiefen Südens bis zu „Cross‘ The Green Mountain“, den Song, der aus den Briefen der Soldaten erzählt.

Dylan webt den traumatischen Konflikt hinein in seinen Patchwork-Quilt seines Amerikas. Er weiß, dass er ungelöst ist. Die Sklaverei und Rassismus findet ihre Fortsetzung in den Köpfen, Strukturen und Machtverhältnissen bis heute. Das Land ist heute zudem gespalten nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen den Küstenstreifen in West und Ost und dem vielen Land dazwischen. Und gerade diese Menschen haben die Demokraten seit Bill Clinton vergessen. Die arbeitenden Menschen, die dem Strukturwandel des Rust Belt, der Perspektivlosigkeit in den Appalachen oder den ökologischen Katastrophen am Golf von Mexiko zum Opfer gefallen sind, wurden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Dylan, der gerne dem linksliberalen Lager zugeordnet wird, obwohl er sich doch stets nie zu einer Gruppe gehören wollte, hat von „Masters Of War“ bis „Murder Most Foul“ stets den militärisch-industriellen Komplex und seine Macht als Ursache vieler Fehlentwicklungen gesehen. Er hat mit „Only A Pawn In Their Game“ auf die herrschaftssichernde Funktion des Rassismus der armen Weißen aufmerksam gemacht, bei Live Aid den Überlebenskampf der US-Farmer gegen die Banken erwähnt und mit Workingman’s Blues #2 den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse in den Zeiten der Globalisierung beschrieben. Er hat für Bill Clinton bei dessen Inauguration gespielt. Bei der von Obamas war er nicht mehr zugegen. Die beiden Demokraten hätten seinen Liedern nur richtig zuhören müssen, da hätten sie ahnen können, was da kommt.

„Murder Most Foul“ ist nicht nur die Schilderung eines historischen Vorganges und „I Contain Multitudes“ ist mehr als ein weiteres Selbstporträt des Künstlers. Sie sind auch Zeugnisse für das heutige Amerika. Allein durch die Präsentation eines Präsidenten wie Kennedy und der Vielfalt der amerikanischen Populärkultur bei „Murder“ sowie der expliziten Darstellung, dass der amerikanische Künstler ein Ergebnis der Vielfalt und der Widersprüche des Landes sind, ist eine klatschende Ohrfeige für alle Anhänger des Othering, für alle angelsächsischen White Supremacy-Fans und Alt-Right-Schergen.
Den Namen des Präsidenten, der gerade dem Bürgerkrieg das Wort redet, muss Dylan gar nicht nennen, dass er diese Songs jetzt zu diesem Zeitpunkt, in dem einer bedrohlichen Krankheit vom US-Präsidenten mit Hohlheit, Eitelkeit, Spaltung und Aufwiegelei begegnet wird und damit die Katastrophe immer größer macht, sagt genug.

Bob Dylan – Only A Pawn In Thei Game

Bob Dylan – John Brown

Bob Dylan – Workingman’s Blues #2

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (25)

17. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

today: Anne Frank meets Indiana Jones!

Dylans neuer Song ist ein Selbstporträt des Dichters als Summe vieler Stimmen und Persönlichkeiten – vielfältig und wiedersprüchlich.

Wow! Wieder fährt man morgens den Computer hoch, scannt mit einem Auge als erstes im Netz die Dylan-Seite expectingrain.com und was passiert? Schon wieder hat der alte Kerl über Nacht einen neuen Song veröffentlicht! „I Contain Multitudes“ heißt das neue Werk.

Das Ding ist mit diesmal knapp viereinhalb Minuten deutlich kürzer als „Murder Most Foul“, aber kein bisschen weniger textlich anspruchsvoll. Dylans Song ist eine Art Selbstporträt. Der Dichter als lebender Widerspruch. Das ist er ganz persönlich, aber auch als Projektionsfläche der Hoffnung mehr als einer US-Generation. Denn wie viele Stimmen, wie viele Persönlichkeiten, wie viele künstlerische Ansätze hat er verfolgt, nur um sie gleich wieder einzureißen und neue zu beginnen. Und das nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig.

Dabei hat sich Dylan des Titels diesmal beim großen amerikanischen Dichterfürsten Walt Whitman bedient. Bei dessen Poem „Songs of Myself, 51“:

Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)

Vielfalt
Dieser Whitman empfand sich von sich, er bestünde aus vielen Teilen, er sei vielfältig. Und damit meinte Whitman auch wie später auch Woody Guthrie oder die Beatniks – die allesamt Dylan prägten – sagen, dass sein Amerika ein vielfältiges Amerika sei. This Land Is Your Land This Land Is My Land“, sang Woody. Vielfältig landschaftlich wie ethnisch, religiös wie politisch. Vielfältig, aber auch so widersprüchlich. Der Süden hat Sklaverei und Rassismus ebenso hervorgebracht wie Blues, Country und Jazz. Zu den USA gehören demokratischer Pluralismus und Gewaltenteilung ebenso wie menschenfeindlicher Radikal-Kapitalismus. Zusammenhalt in den Communities ebenso wie Einzelkämpfertum und Egoismus.

Gegensatzpaare
Nicht diese, aber andere Gegensatzpaare, spielen eine große Rolle in dem Song. Anne Frank und Indiana Jones in einen Vers zu bringen, ist genial. Im Netz suchen sie nach verbindendem zwischen den beiden. Aber ist denn der Gegensatz nicht der, der zählt? Dass man konträre Eigenschaften hat und trotzdem Teil eines Ganzen ist? Anne Frank, das jüdische Mädchen, das sich vor den Nazis in Amsterdam verstecken musste, und ihnen zum Opfer fiel und Indiana Jones, der Abenteurer, der sich immer wieder Kämpfe mit den Nazis lieferte, aber stets die Oberhand behielt. Dylan bietet uns noch weitere Gegensatzpaare an, nennt uns aber auch weitere Vorbilder, die quasi prägend sind: William Blake oder Edgar Allan Poe.

Kollektivwesen
In seiner Radio Show webte Dylan über mehrere Jahre an einem idealtypischen musikalischen Gewand für Amerika. Die USA sind so vielfältig, das Gewand konnte nur ein Patchwork-Quilt werden. Dylan greift hier bei „I Contain Multidudes“ das Motiv der vielen Persönlichkeiten, der vielen Stimme nochmals auf und reklamiert dieses Prinzip für seine Person. Er als amerikanischer Poet kann gar nicht anders als vielstimmig sein. Aus seinem Kopf, aus seinem Mund spricht quasi das amerikanische Kollektivwesen. Heinrich Detering hat einmal diesen Vergleich zu Goethe gezogen, der sein Werk als Werk eines Kollektivwesens verstand, das nur zufällig Goethe hieß.

Amerikanisches Gesamtkunstwerk
Bob Dylan ist längst ein amerikanisches idealtypisches Gesamtkunstwerk. Er vereinigt in sich Folk, Blues, Country, Gospel, Soul. Woody Guthrie und Sinatra. Johnny Cash und Sam Cooke.

Schlaumeier könnten jetzt sagen, das klingt jetzt aber doch ganz schön nach Finale und Vermächtnis. Der erste Song über das amerikanische Trauma im amerikanischen Jahrhundert, der zweite ein Selbstporträt orientiert an einem amerikanischen Dichterfürsten. Doch Dylan – der uns schon seit vielen Jahren auf der Bühne vorspielt, er sei ein alter gebrechlicher Mann und sich auch bewusst eine verbrauchte Stimme gab und der im Kurpark gut zu Fuß unterwegs war und heutzutage so gut singt, wie seit 35 Jahren nicht mehr und der mit dem Rücken zum Publikum mit der Band scherzt, aber den Zuschauern gegenüber keine Miene verzieht – der kann uns jetzt auch ganz einfach nochmal seine Stilmittel und sein Selbstverständnis erklären, um dann wieder ganz anders weiter zu machen.

Bob Dylan nutzt die Zeit, die durch Corona still steht, um unseren Blick auf Amerika – sein Amerika ist ein anderes, als das von Trump – und auf sich selbst zu schärfen. Was weiter passiert, hängt auch davon ab, wie es auf der Welt weitergeht.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (24)

16. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute beschäftigen wir uns einmal mit Dylans Film „Masked & Anonymous“.

Wir haben ja Zeit. Also haben wir uns „Masked and Anonymous“ nochmal angeschaut. Natürlich war der Film ein Flop an den Kinokassen und bei den Kritikern. Denn als Film ist er böse missglückt. Und auch bei der erneuten Ansicht wird er nicht besser. Die Kulissen wirken unecht, so entsteht keinesfalls die Magie, aus der für eine Spielfilmlänge aus Fiktion Wirklichkeit wird. Im Filmformat wirken die Dialoge seltsam überladen, da raschelt das Papier. Und der hochkarätige Cast stolpert ohne wirkliche Bindung zum Stoff, zu den Figuren, zum Konzept, durch die Kulissen.

Auch Dylans Rolling Thunder-Epos „Renaldo & Clara“ war schon nicht so einfach zugänglich. Aber er lohnt sich, weil die Erzählidee trägt, die Figuren einem interessieren, der Film Witz hat, und die Musik gut ist. Bei „Masked & Anonymous“ so wissen wir von Heinrich Detering – gibt es ein Skript, das anders ist als der Film, das stimmig ist und ein Mysterienspiel, ein Theaterstück vorgibt. Doch das Problem, so Detering, ist, dass man einen Film daraus gemacht habe.

Für den Film habe man zudem etliche Szenen gestrichen, die die Handlung einleuchtender gemacht hätten. Wenn also die literarische Vorlage gar nicht zur umgesetzten Gattung passt, wenn der Film in seiner Plausibilität durch Drehbuchkürzungen leidet, wenn genauso naturalistisch wie psychologisierend geschauspielert wird, und nicht episch und maskenhaft typisierend wie es dem Stück angemessen wäre – man sieht dies doch schon an den sprechenden Namen: Jack Fate, Tom Friend! – wenn die Schauspieler sich wie beim Method Acting-Kurs benehmen und nicht geführt werden und sowohl Kamera als auch Kulisse auf dürftigem Niveau sind, dann kann das nur krachend schief gehen.

Wer jetzt daran Schuld ist, ein überforderter Regisseur oder ein nicht genug um seine Vorstellung kämpfenden Ideengeber Dylan ist letztlich nicht zu klären. Aber klar ist eins: Da ist dem Shakespeare-Liebhaber Dylan, der Filmliebhaber Dylan in die Quere gekommen. Das Stück hätte besser ins Globe Theatre oder eine Freilichtbühne gepasst, doch als Film in den Lagerhallen-Kulissen ergeht es dem Projekt als filmischer Nachfolger eines Albums noch schlimmer als Renaldo & Clara, das Desire folgte.

Doch Dylans stolpernde Präsenz und die Minimalmimik seiner Schauspielerfigur, die wie eine Mischung aus Buster Keaton und Charlie Chaplin daherkommt, einigen wenigen gelungenen Szenen sowie die auch hier gute Musik – unten zu hören – lassen den Film für Dylan-Fans zu einem „den musst Du gesehen haben“ werden.

Aber einmal, zweimal gesehen haben reicht eigentlich auch für den Film. Wenn man verstehen will, was Dylan vorhatte, und in welcher Beziehung sein Stück zu „Love And Theft“ steht – nämlich als Weiterführung und Weiterentwicklung seiner beim 2001er Album gefundenen neuen Form der Songpoesie – dann sollte man das Skript gelesen haben. Oder zumindest Heinrich Deterings Abhandlung in Kapitel 5 seines großartigen Buches „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“.

Film-Trailer:

Cold Irons Bound:

Drifters Escape:

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (23)

15. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Sláinte everyone,

heute geht’s nach Irland!

Ja, die amerikanische Folkmusik ist geprägt auch von der Musik der irischen Einwanderer. Auch Bob Dylan wurde natürlich von irischen Quellen und Wurzeln gespeist und beeinflusst.

Also bei Dylan und irischer Folkmusik fallen einem natürlich sofort die Clancy Brothers ein, frühe Freunde und Weggefährten Dylans Anfang der 1960 in Greenwich Village im New York. Dylan war begeistert von ihrer Musik und Liam Clancy und Dylan waren gut befreundet. Dylan soll ihn als „the best ballad singer I’d ever heard in my life“ genannt haben.

Die Clancy Brothers erfanden die irische Folkmusik quasi neu, indem sie die oftmals langsamen und schwermütigen Balladen ein hohes Tempo, starke Rhythmik und kraftvollen Gesang und Pub-Atmosphäre gaben. Sie weckten in den USA wieder das Interesse an irischer Folkmusik und befeuerten auch in Irland selbst eine Folk-Renaissance. Ohne Clancy Brothers keine Dubliners und keine Chieftains.

Dylan hat wahrscheinlich von ihnen in den frühen Jahren in Greenwich Village den Song Eileen Aroon erlernt. In seinen frühen Jahren hatte er immer wieder mal irische Songs aufgenommen, doch nie welche in öffentlichen Konzerten gespielt. Eileen Aroon aber spielte er dann fast 30 Jahre später elfmal 1988 und 1989 in Konzerten. Darunter auch in Dublin. Bei dem Konzert war auch Liam Clancy anwesend. Laut Sean Wilentz beklagte sich Dylan später bei Clancy, das noch nicht einmal in Irland jemand diese Songs noch kenne.

Bei dem engen Verhältnis ist es kein Wunder, dass die Clancy Brothers 1992 bei Dylans 30-jährigem Plattenjubiläum im Madison Square Garden auftraten und eine rauschende Irish Folkversion von „When The Ship Comes In“ anstimmten.

Ein weiterer (nord-)irischer Freund von Dylan ist der mindestens ebenso mysteriöse Van Morrison. Von beiden zusammen gibt es ein schönes Video, in dem die beiden Brüder im Geiste Vans „Irish Rover“ zum Besten geben. Ja die irischen Sagen und Mythen sowie die Geschichte der irischen Einwanderer nach Amerika haben beide beeinflusst und ein spätes Echo mag auch die irische Melodielinie sein, die Dylan dem sagenhaften Tempest von 2012 unterlegt hat. Auch hier waren viele irische Auswanderer in der dritten Klasse an Bord, die aber nicht das gelobte Land, sondern den Tod fanden.

Und noch eine Anekdote am Rande. Mitte der 1980er Jahre sahen wir zweimal den schottisch-irischen Folkmusiker Tony Ireland, der einen lustigen Spottsong von Eric Bogle sang, in dem der sich beklagt, dass immer wieder Bob Dylan-Songs von ihm gewünscht würden.

Soweit für heute, morgen geht’s um Bob Dylans „Masked & Anonymous“ und was uns dieser Film heute zu sagen hat.

Best
Thomas

Bob Dylan – Eileen Aroon

The Clancy Brothers feat. Tommy Makem: When The Ship Comes In

Van & Bob: One Irish Rover

Eric Bogle: Do You Sing Any Dylan

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (21)

13. April 2020

The Church Tower of Sand Rabbit Town

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,

läutet die Glocken!

Was Ihr hier auf dem Bild seht, ist mein Fensterblick aus dem Home Office. Deutlich zu erkennen der Kirchturm. Von dort läuten die Glocken in unserer beschaulichen Gemeinde. Die Glocken sind ja schon lange ein Symbol für die christliche Religion. Und passen damit inhaltlich bestens zum heutigen letzten Osterfeiertag. Sie sind aber auch immer wieder für die Verkündung von Nachrichten benutzt worden.

Quasi beides vereint der traurige Song „The Bells Of Rhymney“, den Pete Seeger auf der Basis des traurigen Gedichts des Walisen Idries Davis geschriieben hat. Davis dichtete den Text nach einem großen Grubenunglück und einem erfolglosen Generalstreik. Die Glocken der verschiedenen walisischen Orte verkünden traurige Wahrheiten bezüglich den Gründen schlechter Arbeits- und Lebensbedingungen.

Eine echte gnadenlose Countryschnulze ist der Song „The Three Bells“ von „The Browns“. Das Leben eines gottesfürchtigen Menschen in einem abgelegenen Tal wird anhand der Anlässe zum Glockenläuten erzählt: Geburt, Heirat, Tod. Schwere Kost, aber eine schöne Melodie. Die ist jedoch von Edith Piaf ausgeborgt. Sie hatte mit „Les Trois Cloches“ 1945 schon Erfolg. In Deutschland machte Gerhard Wendland 1949 „Wenn die Glocken hell erklingen“ daraus. Die Version der Browns stammt von 1959, die Aufnahme hier von 1965. Wir konnten 2012 Jim Ed Brown mit dem Song in der Grand Ole Opry hören.

Ein Glockenspiel-Kontrastprogramm dazu lieferte Bob Dylan 1964 mit „Chimes Of Freedom“. Seine Glocken sind metaphorisch, sie sind die Donnerschläge eines Gewitters, die für ihn die Glocken der Freiheit sind, die für die Unterdrückten geläutet werden. Die Version, die wir unten hören, hat Dylan 1998 mit Joan Osborne für den Soundtrack einer Dokumentation über die Sixties eingesungen.

Und zu guter Letzt dann doch ein Song, der offenbar religiöse Bezüge hat, aber von einigen Dylan-Deutern auch als „update“ von „The Times They Are A-Changin'“ und Chimes Of Freedom“ gesehen wird. „Nichts ist wirklich besser geworden für die Schwachen und Unterdrückten, also läutet die Glocken umso kräftiger“, könnte die Botschaft von Dylans „Ring Them Bells“ sein. Eine Botschaft, der man sich nur anschließen kann. Hier unten ist der Song zu hören in der Version von 1994 bei „The Great Music Experience“.

In diesem Sinne, schließen wir das Osterfest hier und melden uns morgen wieder aus dem weltlichen Alltag im Home Office.

Best
Thomas

Pete Seeger: The Bells Of Rhymney

The Browns:The Three Bells

Bob Dylan & Joan Osborne: Chimes Of Freedom

Bob Dylan: Ring Them Bells

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (20)

12. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht es auf eine Zeitreise mit Bernies Autobahn Band!

Ich habe hier schon anderer Stelle davon erzählt, dass ich zur gleichen Zeit Mitte/Ende der 1970er als ich Bob Dylan für mich entdeckte, in der Darmstädter Fußgängerzone immer wieder mal Bernies Autobahn Band (BAB) spielen sah. Sie spielten schönen schmissigen Folkrock, der mich tatsächlich an die Desire erinnerte. Die beiden Songs, die von diesen Begegnungen mir im Ohr blieben, waren ihre Eigenkomposition „Uli mit seinem 40-Tonner“ und der Song „Is Anybody Going To San Antone“, den ich fälschlicherweise damals für einen Dylan-Titel hielt. Aber dass sie ihn spielten, hatte natürlich mit Dylan zu tun. Der hatte den Song nämlich wenige Jahre vorher mit Doug Sahm in Texas eingesungen.

Und Bernie und seine Freunde waren Dylan-affin und Bernie hat in seiner Karriere einige Dylan-Songs eingedeutscht. „Long Ago, Far Way“ heißt bei ihm „Weit weg, lange her“, „Just Like Tom Thumb’s Blues“ wurde zu „Wenn es Nacht wird in der Stadt“ und vor wenigen Jahren hat er nochmal „Simpel Twist Of Fate“ mit „Schicksal“ übersetzt. Er hat bahnbrechendes für Dylan auf Deutsch geleistet.

BAB wurde zu meiner Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener in den 1980er Jahren zu einer hessischen Kultband mit bundesweiter Ausstrahlung. Die Mitglieder lebten teilweise im Odenwald oder an der Bergstraße, hatten Bezug ins Rhein-Main-Gebiet, Bernie selbst lebt seit Mitte der 1980er in Franken. Ich sah sie nach ihrer Fußgängerzonen-Zeit u.a. noch beim Darmstädter Folkfest im Schlosshof und bei einem ihrer letzten Konzerte, einem Privatauftritt im Rahmen der Bundeskonferenz der SJD-Die Falken in Darmstadt.

Da es leider keine CDs mehr der Band auf dem Markt gibt, habe ich mir heute Nachmittag einfach alles angehört was es von ihnen und Bernie auf youtube gibt. Und es war großartig. Sicher, manches ist typisch Zeitgeist – gegen Atomkrieg und Atomwaffen, gegen die Umweltverschmutzung („Sind wir noch zu retten“). Und vieles kulturell auch vom damaligen typischen undogmatisch-linken Milieu geprägt. Aber vieles ist auch erschreckend aktuell angesichts globaler Krisen, Erderwärmung und Corona-Pandemie.

Aber das wichtigste ist die Menschlichkeit in der Stimme und in der Lyrik von Bernie Conrads. Da merkt man, der singt zutiefst menschlich und anhand von Alltagsbeobachtungen von den Möglichkeiten der Reichen und der Ohnmacht der kleinen Leute („Fabrikantenwalzer“, „Seit ich denken kann“, „Es ist schon wieder Montag“). Er ist voller Empathie. Und das gilt auch für die nachdenklichen Songs („HR3 wünscht Guten Morgen“) wie auch für die Liebeslieder („Die Art wie sie mich gängelt“).

Und auch wenn Bernie zwischenzeitlich für Maffay das Hitalbum „Maffay 96“ schrieb, so ist diese, seine eigene persönliche Note bei seinen Songs auch heute noch präsent. Sei es die Geschichte von der Verkäuferin an der Edeka-Wursttheke („Mauerblümchen“) oder eben seine Dylan-Adaption „Schicksal“. Es war ein ebenso wehmütiges wie freudiges Wiederhören.

Der große Radiomann Tom Schroeder hat Recht, wenn er sagt, „Bernie ist einer unserer Größten“. Am kommenden Samstag hätte Bernie mit seinem alten Bandmate Bernhard Schumacher zusammen beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 auftreten sollen. Der ist nun aufs nächste Jahr verschoben. Spätestens dann freuen wir uns, dass sich der Kreis schließt und wir Bernie im Pädagogkeller hören können. Nur unweit von der Fußgängerzone gelegen, in der damals für mich alles anfing.

Bernie und Bernhard – wir warten und freuen uns auf Euch in 2021!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (17)

9. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
hol‘ die Fiddle und das Banjo, wir machen Old Time Music!

Gut 20 Jahre ist es her, dass in den USA die Old Time Musik, der Bluegrass und der Folk eine erneute Renaissance erlebten. Diesmal war es der Film „O Brother Where Art Thou?“, der diese Musik wieder in Erinnerung rief. Man erinnerte sich plötzlich wieder an Bluegrass-Veteranen wie Ralph Stanley, der im Soundtrack mitmischte. Und es gab eine ganze Reihe von jüngeren Künstlern, die dadurch eine größere Aufmerksamkeit erfuhren wie Gillian Welch oder Alison Krauss. Von den letzten beiden werden wir etwas aus dem Film hören. Ebenso wie von George Clooney bzw. natürlich Dan Tyminski, der ihm bei „Man Of Constant Sorrow“ die Stimme lieh.

Der Film ist bis heute mein Lieblingsfilm und hat mir nach der musikalischen Prägung durch Dylan mit seinem Soundtrack eine zweite Prägung mit Old Time, Bluegrass und Americana gegeben. Über den Film werde ich im Herbst mehr schreiben, wenn sein Kinostart sich zum 20. Mal jährt. Dylan übrigens war hier wieder einmal einen Schritt voraus. Ende der 1990er hatte er u.a. mit Ralph Stanley zusammen eine Aufnahme des Stückes „Lonesome River“ eingespielt und seine damaligen Konzerte begannen cis Anfang der 2000er mit einem akustischen Set, in dem er alte Bluegrass- und Country-Standards spielte. Auch hierzu ist unten ein Beispiel zu hören.

Mit Dylan wiederum begann für Ketch Secor und Critter Fuqua sowohl ihre musikalische Sozialisation, als auch ihr großer Durchbruch mit ihrer Band Old Crow Medicine Show. Sie hatten großen Erfolg bei jungen Leuten, weil sie die Old Time Music mit Tempo und Energie von Punk-Rock verbanden. Und als sie dann Dylans Songfragment „Rock Me Mama“ zu „Wagon Wheel“ ausbauten, wurde das ein Riesenhit. Ketch Secor und Dylan teilten sich die Autorenschaft und der Song lieferte auch noch Hits für den Iren Nathan Carter und für Darius Rucker. Wir hören und sehen unten dann natürlich Wagon Wheel mit der Old Crow Medicine Show. Leider sind sie heute als Grand Ole Opry Member etwas zu zahm wie ich meine, aber sie sind immer noch in der Lage tolle Dinge rauszuhauen wie vor wenigen Jahren die Veröffentlichung von Dylans „Blonde On Blonde“ in ihrer musikalischen Bearbeitung. Das Konzert dazu, das wir in Amsterdam sahen, ist bis heute für mich eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe.

Soweit für heute, Ostern rückt unaufhaltsam näher und wird mich an dieser Stelle auf die eine oder Weise in den nächsten Tagen beschäftigen.

Also dann bis Morgen!
Best
Thomas

Gillian Welch & Alison Krauss

The Soggy Bottom Boys

Bob Dylan: Hallelujah I’m Ready To Go

Old Crow Medicine Show