Posts Tagged ‘Wolfgang Ambros’

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (28)

20. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute beschäftigen wir uns mal mit Mr. Zimmermann auf Deutsch!

Vor zwei Jahren durfte ich mit Norbert Saßmannshausen und Ilja Kamphues eine schöne Sendung bei Radio X in Frankfurt zum Thema „Dylan auf Deutsch“ machen. Da habe ich gerade dieser Tage dran denken müssen. Ein schönes Thema, um es hier nochmal ein bisschen zu beleuchten.

1960er
Wir gehen einfach mal die Jahrzehnte durch. Den Anfang von Dylan auf Deutsch machten Marlene Dietrich mit „Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind“ sowie Christopher & Michael. Während die erstere weiterhin Legendenstatus hat, sind die beiden anderen leider mittlerweile vergessen. Die beiden Frankfurter Liedermacher Christopher und Michael haben auch Dylan-Songs auf Deutsch gesungen. Aber das war alles noch voller Pathetik, noch waren Blues, Beatpoesie und die entsprechend lässige Haltung in Deutschland nicht richtig angekommen.

1970er
Zwei Songs gehören hier unbedingt genannt, weil sie nämlich zeigen, wie gut Dylan funktioniert, wenn man ihn frisch und ohne falschen Respekt auf sein eigenes Umfeld, Milieu und Idiom überträgt. Sowohl der Wiener Wolfgang Ambros (Allan Wia Stan), als auch die hessische Bernies Autobahn Band (Wenn es Nacht ist in der Stadt) haben hier bahnbrechendes geleistet. Und lässiger Folk-Blues und treibender Rock sind endlich im deutschsprachigen Raum angekommen.

1980er
Eine echte „Zeitgeist-Perle“ ist Paolas Version von „Mr. Tambourine Man“. Elf Jahre nach Woodstock erinnert die Sängerin in einer Schlagerversion des Songs die jetzt im bundesrepublikanischen Hier und Jetzt angekommene Protest- und Hippie-Generation an ihre wilde Zeit. Doch die tragen jetzt Sakko zum Turnschuh und sind Lehrer oder werden bald Minister sein. Ende des Jahrzehnts ist es schließlich Georg Ringsgwandl, der wieder das oben gesagte bestätigt, und auf bayerisch mit „Nix Mitnehma“ eine Version von „Gotta Serve Somebody“ einspielt, die dem so fatalistisch-autoritätsgläubigen Original in seiner Subversivität deutlich überlegen ist.

1990er
Es war die Lichterkettenzeit, als nach den Morden von Mölln und Solingen, sich diese Bewegung sich etwas zu gutmeinend und staatstragend verhielt, während die Asylgesetze verschärft wurden. Der leider viel zu früh verstorbene ebenso geniale wie gnadenlose Satiriker (und Bob Dylan-Freund!) Wiglaf Droste schrieb zu seiner Version „Musse Feife Inne Wind“ im „Neuen Deutschland“: „…abgesehen von diesen und diversen schon zuvor geäußerten Einwänden gegen auf links gestrickten Kitsch, Gratishumanismus und Gesinnungshuberei in Form von Lichterketten oder welchem sonstigen Gewürge auch immer, ist es mir unbegreiflich, warum, wenn man schon dergleichen veranstaltet, dann nicht auch die lagerfeuertaugliche und kerzenkompatible Hymne aller Tugutheinis dieser Welt ertönt, die Internationale der Fortschrittlichkeitsflachpfeiferei, Blowin‘ in the Wind von Bob Dylan, allerdings passend in der von Herrn Gerhard Henschel, Frau Kathrin Passig und mir besorgten Übersetzung ins Pidgindeutsche…“

2000er
Wieder kam gutes in Sachen „Dylan auf Deusch“ aus Hessen. Denn mitten aus dem „echten“ Frankfurt, im Gallus kamen die DoubleDylans. Mit ihrem Album „RettichRetter“ im Jahr 2007 leisteten sie etwas bislang nie dagewesenes: Sie überführten die Dylan’schen Songmotive in einen Gemüsekosmos und damit auf eine Stufe des höheren, doppelbödigen Blödsinns, die bis heute nicht wieder erreicht wurde.

2010- heute
Ich mag diesen Beitrag heute mal schräg enden lassen. Denn was rauskommt, wenn ein deutscher Rocksänger – (ich meine ja ein Rock-Schlagersänger) sich an dem wieder erstarkten Interesse an Dylan dranhängen will, aber einfach nicht von seinem eingefahrenen deutschen Stadion-Rock mit verschwurbelten Texten runterkommt, ist Peter Maffays „Gelobtes Land“, das überall mit beschwörender Stimme als Coverversion von Dylans „Girl From The North Country“ bezeichnet wurde. Von wegen: Es ist eine penetrante Pseudo-Springsteen-Mucke mit Maffays bekannten ziel- und sinnlosen Bildern zwischen Rock-Bombast und Religions-Brimborium. Für mich ein musikalisches Verbrechen und das mieseste deutsche „Dylan-Cover“ aller Zeiten. Noch schlechter als Mike Krügers „Nackig an der Himmelstür“ und „Komm’ doch rei, komm’ doch rinn“ von Malepartus. Denn dieser Mist von Maffay nimmt sich auch noch ernst.

Aber was soll’s: Eh isch misch uffreesch, is mers egal. Und nein, das ist nicht Bob Dylan auf hessisch…

Unten könnt Ihr die Radiosendung nachhören und für die ganz Harten habe ich auch den Maffay im Angebot!

Bis Morgen!
Best
Thomas

22. Mai 2018: Denknomaden im Radio X

AustroBob

23. April 2015

AustrobobJa, auch ich hatte einmal Berührungspunkte mit dem Wiener Kreis der österreichischen Dylan-Freunde. Wobei Wiener Kreisel auch keine schlechte Bezeichnung wäre, ob der spielerischen Leichtigkeit, der Eleganz und dem Schmäh, mit dem sie ihre Dylan-Thesen zirkulieren ließen und ihre gekonnten intellektuellen Steilvorlagen stets treffsicher einnetzten.

1998 schrieb ich einen Artikel für die Zeitschrift „Parking Meter“ – auf den ich sehr stolz war und für dessen Veröffentlichung ich den „Parking Meter“-Leuten immer noch dankbar bin – und verbrachte ein Dylan-Wochenende auf der berühmten Burg Plankenstein. Mir war dort damals die permanente Beschäftigung mit Dylan, das permanente Reden über Dylan dann aber irgendwann zu viel. Ich wurde etwas mitleidig angeschaut, weil ich vorzeitig abreiste, und lieber den Meister bei Rock im Park in Nürnberg sehen und hören wollte. Aber damals fand ich einfach keine rechte Bindung zum Spiel des Wiener Dylan-Teams. Schade, aber die Zeit war wohl einfach nicht danach, man kann es nicht mehr ändern.

Nun – viele Jahre, viele Dylan-Konzerte, viele eigene Dylan-Artikel, die Erfahrung des Frankfurter Dylan-Symposiums, eine Reihe eigener Dylan-Abende, einen eigenen Blog und eine eigene Buchveröffentlichung weiter – ist nun AustroBob erschienen. Das ultimative Buch über die österreichische Dylan Rezeption. Und siehe da, die Lektüre war ein großes Vergnügen.

Auf kluge Art und Weise erzählt der Band die verspätete Entdeckung Dylans in Österreich. Stellt die vielen bekannte Dylan-Platte von Wolfgang Ambros in diesen Zusammenhang. Literaten, Musiker und Intellektuelle wie Michael Köhlmeier, Ilse Aichinger, Andreas Spechtl und eben Wolfgang Ambros schreiben teils in sehr persönlichen Geschichten und Beiträgen über ihre Beziehung zum Bob und dessen Bedeutung für sie. Es ist ein teilweise brillantes, teilweise anrührendes und teilweise einfach unterhaltsames Buch. Ein Muss für jeden Dylan-Freund, der sich ernsthaft mit der Wirkung und der Bedeutung des Künstlers auseinandersetzt.

Und am Ende entdeckte ich auch den Beitrag zu „Parking Meter“ und die Abbildung des Titelbilds, auf dem mein Name und mein Artikel aufgeführt war. Die Zeitung gibt es nicht mehr, aber die Protagonisten sind weiterhin aktiv. Die Wiener Traditionsmannschaft spielt also noch. Gut so, denn vielleicht kann ich ja doch nochmal irgendwann eingewechselt werden.

AustroBob, Falter Verlag Wien, 216 Seiten, EUR 29,90.