Posts Tagged ‘Lil Nas X’

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (19)

11. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht’s nach Texas!

Aber weder in das Texas der Rinder- und Ölbarone oder des der Texas-Country-Singer-Songwriter, sondern es geht nach Ost-Texas. Das an der Staatsgrenze zu Louisiana und Arkansas gelegene Landesteil unterscheidet sich vom restlichen Teil von Texas doch beträchtlich. Sowohl die Landschaft als auch die regionale Kultur ähneln dem Deep South. Es ist waldiges, hügeliges Land, es sind die Piney Woods, die die Landschaft prägen. Auch die Kultur ist dem tiefen Süden näher als dem westlichen Teil von Texas. Die weiße Bevölkerung ist vorwiegend angelsächsischer Herkunft, die Kultur der Latinos spielt hier keine so große Rolle wie im Westen und Süden des Staates. Die Schwarzen sind die größte Minderheit und Ost-Texas spielte auch eine wichtige Rolle bei er Entwicklung des Blues. So stammen u.a. Blind Lemon Jefferson und T-Bone Walker hier her und Leadbelly, den wir unten mit einem Cowboysong hören, ist hier aufgewachsen. In einem der nächsten Einträge werde ich natürlich auch auf Bob Dylans Song „Blind Willie McTell“ und seinem Bezug zu Ost-Texas eingehen.

In diesem armen Landstrich spielen sowohl die Romane von Joe R. Lansdale, als auch die Krimis von Attica Locke. Während bei Lansdale insbesondere die beiden verkrachten Privatschnüffler Hap (weißer Kriegsdienstverweigerer) und Leonard (schwarzer, schwuler Vietnamveteran) bereits in etlichen Romanen und im TV für reichlich Furore sorgten, ist von Attila Locke mit „Heaven, My Home“ nun erst das zweite Buch mit ihrer Hauptfigur, dem schwarzen Texas Ranger Darren Matthews erschienen.

Beide, sowohl der weiße ältere Lansdale, als auch die schwarze, jüngere Locke zeichnen ein realistisches Bild dieser durch Armut und Rassismus gekennzeichneten Gegend. Doch während Lansdale gerne dem Affen Zucker gibt und manche Fälle heftig und die Dialoge oftmals hanebüchen komisch sind, gehen die Bücher von Locke eher in Richtung psychologisches Kammerspiel. Während Hap und Leonard wie im Comic scheinbar unkaputtbar sind, ist Darren innerlich zerrissen zwischen seiner Ehe und einer möglichen Affäre, zwischen der Solidarität der Schwarzen und seinen Pflichten als Texas Ranger und er ist getrieben von der belasteten Beziehung zu seiner Mutter. Er trinkt zuviel und er ist der Arischen Bruderschaft auf der Spur. Der Roman, den ich gerade begonnen haben zu lesen, verspricht schon wie sein Vorgänger Bluebird, Bluebird viel Spannung mit dem Lokalkolorit von Ost-Texas.

Wenn bei Lansdale der schwarze Leonard Ernest Tubbs‘ „Walking The Floor Over You singt, dann gehört das auch zum Lokalkolorit von Ost-Texas. Den wie überall im Süden mögen die Schwarzen die Musik, die angeblich ja so weiß ist. Erstens ist sie das natürlich, weil ihre Wurzeln auch in der schwarzen Old Time-, Hillbilly- und Bluesmusik liegt. Und zweitens schätzen sie die Erzählweise der Songs von armen Südstaatlern, die entweder arm und from sind – die Black Community im Süden ist genauso stark an ihre konservativen Kirchen angelehnt wie die weiße – oder aber liebeskrank. Und dabei aber immer züchtiger sind als die Songs der derben Bluesmen.

Allerdings hat dies den Chancen von schwarzen Countrymusikern nicht genutzt. Country ist weiß und viele Jahre haben die Farben das nur gestört. Charley Pride und Darius Rucker sind die beiden einzigen schwarzen Countrystars, die in die Grand Ole Opry aufgenommen wurden. Beide werden wir unten hören. Ein Achtusgserfolg und vielleicht eine Trendwende schien Lil Nas X im letzten Jahr mit seinem Country-Hip Hop-Hybriden Old Toen Road, der einer größten Hits überhaupt im Jahr 2019 wurde. Wie sich das nach der Corona-Krise entwickeln wird, an der natürlich die Schwarzen überproportional leiden, steht aber nun in den Sternen.

Leadbelly – When I Was A Cowboy

Charley Pride – Is Anybody Goin‘ To San Antone? (Marty Stuart Show)

Darius Rucker – Wagon Wheel

Lil Nas X – Old Town Road

Dieser überirdische Moment in Stuttgart

20. Dezember 2019

Das Dylan- und Americana-Jahr 2019 – eine Rückschau. Und eine Vorschau auf 2020

Die Dylan-Konzerte im Jahr 2019 gehören zu den Besten, die der Meister je gegeben hat. Ich falle hier also mal gleich mit der Tür ins Haus. Die Stimme großartig, die Musik inspirierend, die Performance cool und sensibel zugleich. Ob Augsburg im April oder Mainz und Stuttgart im Juli. Einfach stark. Und dann dieser überirdische Moment, als er „Girl From The North Country“ in Stuttgart spielt. Voller Wehmut, voller Schönheit. Gänsehaut! Auch die Erzählungen über die Konzerte in den Staaten im Herbst mit neuem Gitarristen und neuem Drummer hören sich sehr gut an. Dass er dann auch noch die Dylan-Cash-Sessions veröffentlichen lässt, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Wenn er doch nur endlich nochmal ein Album mit neuen Originalsongs veröffentlichen würde. Während Willie Nelson – noch älter und auch nicht mehr ganz gesund- fast ständig neue Songs herausbringt, herrscht bei Dylan-Fehlanzeige. Abwarten und „Heavens’s Door“-Whisley trinken scheint die Devise zu sein in diesen Tagen.

Americana wird immer politischer
Doch auch außer Dylan konnten wir noch weiteres interessantes beobachten. Z.B. dass das Americana immer politischer zu werden scheint. Mehr oder minder politische Bezüge zur Situation Amerikas hatten in diesem Jahr u.a. Songs und Alben von Trapper Schoepp, J.S. Ondara, Ryan Bingham, Son Volt, Our Native Daughters, Rhiannon Giddens, Eilen Jewell, The Felice Brothers und Tim Grimm. Der amerikanische Traum zerbröselt, die Nation ist sozial, politisch, kulturell und ethnisch gespalten, die Rassismus wuchert immer weiter und die Gewalt nimmt immer katastrophalere Ausmaße an. Und natürlich Trump. Viele singen dagegen an, wir werden sehen, was das Wahljahr 2020 bringt.

Country meets Hip Hop
Eine der vertracktesten Diskussionen im US-Musikjahr 2019 entzündete sich an dem Song „Old Town Road“ von Lil Nas X, einem eingängigen Country-Hip Hop-Hybriden, der just aus den Country-Charts gestrichen wurde, als er zum Höhenflug ansetzte. „Das ist kein Country“ sagen die einen, „Country war immer schon Fusion“, sagen die anderen. Aber es geht dabei letztlich um mehr, als um Geschmacksfragen. Hip Hop und Rap sind die musikalischen Ausdrucksformen einer aufmüpfigen jungen Black Community. Das hört der weiße Countryhörer nicht so gerne. Wenn dann nur in einer softeren Version von weißen Jungs und es als Mainstream-Country verkauft wird. Und wenn die Schwarzen dann auch noch das mit Countrymusik mischen, dann verbitten sich das viele weiße Musikhörer. Doch der Erfolg von Lil Nas X und auch von Blanco Brown gibt Hoffnung, dass hier endlich Grenzen fallen werden.

„Wir spielen unsere Americana-Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag.“

Dom Flemons sah das bei unserem Treffen im Juni in Chicago auch so. Einer der denkwürdigsten Momente in diesem Jahr bei unserer an Höhepunkten reichen USA-Reise. Ebenso wie der Besuch des Dylan-Kongresses in Tulsa, Oklahoma nebst Visite des Woody Guthrie Centers.

Von Newport nach Woodstock
2019 – Jahr der Jubiläen: Meine inhaltlichen Schwerpunktthemen waren in diesem Jahr „100 Jahre Pete Seeger“ und „50 Jahre Woodstock“. In Vorträgen in Tübingen, Malente, Darmstadt und Ingelheim habe ich über den Weg von Newport und Woodstock referiert und was die beiden Festivals mit Seeger und Dylan verbindet.

„Americana im Pädagog“
Zu Seeger konnte ich mich bei „Americana im Pädagog“ Anfang Mai über zwei ausverkaufte Pete Seeger Tribute-Konzerte freuen. Cuppatea und ich haben das Pete Seeger-Programm dann im Oktober nochmal in Münster aufgeführt.

Weitere Höhepunkte bei „Americana im Pädagog“ waren in diesem Jahr das ebenfalls ausverkaufte Konzert von Menna Mulugeta mit den Songs der schwarzen amerikanischen Sängerinnen im Februar und der genauso ausverkaufte Bob Dylan-Abend zum Abschluss des kleinen Jubiläums „5 Jahre Americana im Pädagog“ Ende November. Die Konzerte von „Americana im Pädagog“ sollen immer unterhalten, aber sie sollen auch durchaus zum Nachdenken anregen. Und wenn ich mir Programme zu Pete Seeger, Woody Guthrie oder Bob Dylan überlege, dann habe ich durchaus auch den Anspruch, Zusammenhänge zu erklären und auf gesellschaftliche Hintergründe hinzuweisen. „Wir spielen unsere Konzerte im Pädagog, das heißt, wir haben einen Bildungsauftrag, sage ich dann immer scherzhaft.

Wie gesagt, im kommenden Jahr sind US-Präsidentschaftswahlen und sie werden entscheidend sein für die Zukunft dieses Landes, auf das so viele Menschen ihre Träume gebaut haben. Ich werde dies in verschiedener Form aufgreifen. Bei meinen Seminaren, mit dem Themenmonat „Voices Of The Other America“ in meiner „Americana“-Reihe, einem literarisch-musikalischen Programm zum Thema USA und einem besonderen Konzertformat in der zweiten Jahreshälfte. Und möglicherweise gelingt es mir, meine publizistische Produktion zu diesem Thema in Richtung einer größeren Form zu lenken, aber das werden wir sehen.

Blick nach vorn
Es wird also ein aus vielerlei Hinsicht wichtiges Americana-Jahr, das Jahr 2020. Es geht um einiges, aber jetzt ist einfach die Zeit mit kulturellen Beiträgen in die politische Debatte einzugreifen. Mit guter Musik macht das besonders viel Freude!

Bleibt mir nun noch fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen! Auch in der Cowboy Band-Welt kehrt nun Ruhe ein, im Januar geht es hier wieder weiter. In diesem Sinne wie immer an dieser Stelle Santa Bobs Weihnachtsgruß!