Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Bob Dylans Reise durch die Südstaaten

27. Februar 2022

Auf seiner Frühjahrstour, die am 3. März beginnt, besucht er den „Birthplace Of American Music“ ebenso wie einen Landstrich, in dem noch immer Rassismus und Sklaverei allgegenwärtig sind

Photo Credits: Sony Music, William Claxton
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Von 2010 bis 2019 haben wir mehrmals die US-Südstaaten bereist. Stets auf den Spuren der Musik dieses Landstrichs: Blues, Country, Bluegrass, Gospel und Soul. Wir haben allerlei Musik-Museen besucht: Bluesmuseen entlang des Mississippi Deltas, das Country Hall Of Fame & Museum in Nashville, Sun Records and Stax in Memphis. Johnny Cashs Kindheitsort Dyess, Arkansas und das Earl Scruggs Museum in Shelby, North Carolina. Und wir haben die großen Musiktempel gesehen, die, jeder für sich, große Musikgeschichte geschrieben haben.

Aber gleichzeitig waren diese Touren auch Reisen zu dem Grauen, das auch untrennbar mit den US-Südstaaten verbunden ist: Sklaverei, Rassismus und Gewalt. In den Bluesmuseen wurde stets auch die Geschichte der schwarzen Baumwollpflücker:innen erzählt, die vor Rassismus, Armut und Gewalt über den Highway 61 gen Norden geflohen sind. Wir sahen die ärmlichen, windschiefen Cabins im Mississippi-Delta, sahen in Atlanta Martin Luther Kings Boyhood Home, in Memphis das Motel in dem er ermordet wurde und besuchten das Rosa Parks-Civil Rights Museum in Montgomery, Alabama.

An all das musste ich denken, als ich Bob Dylans aktuelle Tourpläne für März/April diesen Jahres sah. Denn Dylan hat sich für diese Tour, dem zweiten Abschnitt seiner Rough And Rowdy Ways- World Tour 2021-2024 wohl ganz bewusst die geschichtsträchtigen Orte im Süden ausgesucht. Er bereist die Orte der Bürgerrechtsbewegung und er bereist Städte, die wichtig für die Musikgeschichte waren. Ein klares Statement des „Historikers“ Dylan, der sich schon in jungen Jahren ausführlich mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigte, eng mit der afroamerikanischen Community und ihrer Kultur verbunden ist, und über die Jahre immer mehr in seinem Werk das zerrissene Amerika vereint.

Grund genug, sich verschiedene Stationen von Dylans-Südstaatenreise einmal anzusehen. Eine Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Lubbock

Nach den Auftaktkonzerten in Phoenix und Tucson, Arizona, und Albuquerque, New Mexico, startet die eigentliche klassische Südstaaten-Tour am 8. März in der Buddy Holly Hall in Lubbock, Texas. Buddy Holly war für Dylan ein wichtiger Einfluss. Ihn hatte er noch kurz vor dessen Unfalltod im Konzert in Duluth gesehen. Sein Geist soll schließlich, so Dylan, bei den Aufnahmen von „Time Out Of Mind“ anwesend gewesen sein.

San Antonio

Passend zu „Rough And Rowdy Ways“ – zieht die Karawane weiter nach San Antonio, Texas. Im dortigen legendären „Majestic Theater“ spielte 1929 Jimmie Rodgers, der Vater der Country Music („My Rough And Rowdy Ways“!) und kam erst nach 18 Vorhängen wieder von der Bühne. Wie sagte Dylan so schön über ihn: „His is the voice in the wilderness of your head“. Aber damit nicht genug, Jimmie Rodgers begegnen wir später noch eindringlicher. San Antonio bzw. mit seinem englischen Namen St. Antone findet Erwähnung in Dylans Rough And Rowdy Ways-Song „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“. Den alten Charley Pride-Hit „Is Anybody Goin‘ To San Antone“-Hit nahm Dylan übrigens 1972 zusammen mit Doug Sahm auf.

Shreveport

Von Texas geht es nach Louisiana. Das Municipial Auditorium war die Spielstätte der legendären Louisiana Hayride Show, die es für ein paar Jahre schaffte, in Sachen Bedeutung und Publikumszuspruch der Grand Ole Opry in Nashville auf den Fersen zu sein. Hier spielte Elvis vor seinem Durchbruch und Hank Williams nachdem ihn die Opry wegen seiner Trunksucht gefeuert hatte. Als wir vor gut 10 Jahren da waren, war das Auditorium nichts als ein trister Baukörper in einer verlassenen Ecke der Stadt. Nur eine Elvis-Statue erinnerte an die musikhistorisch enorme Bedeutung des Gebäudes. Shreveport war damals eine der wenigen Städte im Süden, die ihre Musikgeschichte nicht zelebrierten.

New Orleans

Weiter geht es an den Golf von Mexiko. Das Saenger Theatre in New Orleans ist das ehemalige Flaggschiff der Saenger Theater-Imperiums.  Julian und Abe Saenger waren deutschstämmige amerikanische Juden, deren Theater sowohl Vaudeville-Theaterstätten als auch Kinopaläste waren. Im pulsierenden New Orleans der 1920er Jahre war ihr Theater der Ankerpunkt. Sie waren die Prinzipale der feierwütigen Stadtgesellschaft. Doch Prohibition, Mafia und Weltwirtschaftskrise machten dem Imperium bereits Ende der 1920er wieder den Garaus.

Montgomery

In Montgomery, Alabama, wird sowohl Rosa Parks, als auch Hank Williams, gedacht. Der einen für ihren Mut, der den Montgomery Bus Boycott auslöste und Initialzündung für die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King Jr. wurde, dem anderen wegen seiner unvergleichlichen Bedeutung für die Country Music.

Nun verdient die Williams-Familie mit dem Nachlass von Hank Sen. sehr gutes Geld. Umso ärgerlicher, dass das Hank Williams Museum nicht anderes ist als eine lächerliche, ungeordnete Devotionaliensammlung. Es gibt so viele wunderbare Musikmuseen in den USA, dieses gehört ganz sicher nicht dazu.

Das Rosa Park Museum dagegen ist eine anschauliche Reise durch die afroamerikanische Geschichte. Didaktisch gut aufbereitet und ausstellungstechnisch auf der Höhe.

Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville

Natürlich das Ryman Auditorium, ehemaliger Sitz der Grand Ole Opry und Mother Church of Country Music. Nashville ist „Music City USA“. Und das nicht nur für Country Music. Heute wird alles Mögliche an Musik hier produziert, wenn auch öffentlich natürlich das Country Image mit Ryman, Opry, dem Country Hall Of Fame & Museum und den Honky Tonks am Broadway die Stadt prägt. Dass sie aber auch über lange Jahre eine Metropole der schwarzen Musik war, und dass den Begriff „Music City“ für Nashville erstmals Queen Victoria zu Ehren der schwarzen „Fisk Jubilee Singers“ verwendete, ist leider vergessen gegangen. Untergegangen zusammen dem schwarzen Viertel der Stadt, das voller Kultur und Musik war, aber einem gigantischen Straßenbauprojekt zum Opfer fiel. Die Eröffnung des National Museum Of African American Music mitten auf dem Broadway gegen Ryman Auditorium und Bridgestone Arena ist eine späte Genugtuung für schwarze Community der Stadt.

Atlanta
Auch hier in der Stadt Martin Luther Kings hat sich Dylan einen geschichtsträchtigen Auftrittsort ausgesucht. Das Fox Theatre ist ein weiterer der wenigen noch existierenden großen Filmpaläste der 1920er Jahre. Es steht unter Denkmalschutz und wird für verschiedene kulturelle Zwecke genutzt. Prince, neben Dylan der bedeutendste musikalische Sohn Minnesotas spielte hier 2016 sein letztes Konzert vor seinem Tod.

Savannah

Von Atlanta reist Dylan nach Savannah, Georgia und tritt dort im Johnny Mercer Theatre auf. Johnny Mercer war der Komponist von „Moon River“, seine Songs hatten sowohl Billie Holiday als auch Bing Crosby im Repertoire. Savannah spielte im Bürgerkrieg eine wichtige Rolle. Die Stadt war der Endpunkt von Nordstaaten-General Shermans „Marsch ans Meer“. Sein Feldzug durch Georgia war davon gekennzeichnet mit großer Härte eine Taktik der „verbrannten Erde“ anzuwenden, um die weiße Bevölkerung zu zermürben und ihren Widerstand zu brechen. Dylan erinnert an Sherman in seinem Rough And Rowdy Ways-Song „Mother Of Muses“:

„Sing of Sherman, Montgomery and Scott
And of Zhukov, and Patton, and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved the path for Martin Luther King“

Asheville

Am 2. April wird der Dylan-Tross dann Asheville, North Carolina erreichen. Gespielt wird im Thomas Wolfe Auditorium, benannt nach dem Autor des amerikanischen Buchklassikers „Schau Heimwärts Engel“.

Birmingham

Auch Birmingham, Alabama, steht stellvertretend die janusköpfigkeit des Südens. Es ist eine alte Stahlstadt, die auch schon als „Pittsburgh des Südens“ bezeichnet wurde. Sie ist aber auch in den 1950er und 1960er Jahren eine Metropole der Rassentrennung und des Ku Klux Klan. Zahlreiche Bombenattentate des rassistischen Geheimbunds brachten der Stadt den Spitznamen „Bombingham“ ein. Aber aus ihr stammen auch bedeutende Musiker:innen wie Sam Lay, Odetta oder Emmylou Harris. Letztere hat mit dem Song „Boulder To Birmingham“ der Stadt und dem Country-Rock-Pionier Gram Parsons ein Denkmal gesetzt. Dylan selber hat die Stadt in Songs mindestens zweimal erwähnt. In der Budokan-Version von Going Going Gone singt er

„Now from Boston to Birmingham
Is a two day ride
But I got to be going now
‘Cause I’m so dissatisfied“

Und auch Birmingham findet Erwähnung in „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“.

Meridian

Über Mobile, Alabama („To Be Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ ) geht es dann weiter nach Meridian, Mississippi. Heimatort von Jimmie Rodgers. Hier in Meridian, dem früheren Eisenbahnknotenpunkt und wichtigen Drehscheibe für den Warenumschlag der Farmer, lernte der „Singin‘ Brakeman als Eisenbahner von den schwarzen Bahnarbeitern den Blues. Hier gibt es ein Jimmie Rodgers Museum und ein jährliches Jimmie Rodgers-Festival. Auf seinem eigenen Plattenlabel „Egypt Records“ hat Dylan 1997 ein Tribute-Album für Jimmie Rodgers veröffentlicht. Mit „Rough And Rowdy Ways“ hat er sich direkt auf ihn bezogen. Auf dem Innenteil des Covers des Albums ist ein Foto zu sehen, das Rodgers zusammen mit der Carter Family am Rande der Louisville Sessions 1931 zeigt. Bei diesen Sessions entstand der legendäre Track „Jimmie Rodgers visits The Carter Family“, welcher das Vorbild für Dylans 2003er Aufnahme von „Gonna Change My Way Of Thinking“ mit Mavis Staples ist.

Memphis

Die andere, große Musikmetropole in Tennessee, schon nahe am Mississippi-Delta. Sie steht für Blues und Beale Street, für Sun Records und Stax. Für Rock’n’Roll, für Soul. Aber auch für den Tod von Martin Luther King, der dort 1968 im Lorraine Motel auf dem Balkon erschossen wurde. Ausgerechnet dort, wo weiße und schwarze Musiker des Stax-Labels immer noch nach den Plattenaufnahmen zusammen kamen, was sonst im segregierten Süden schwer möglich war. Heute ist hier das National Civil Rights Museum. Bob Dylan tritt hier im Orpheum Theatre in der Main Street auf. Ebenfalls ein traditionsreiches Vaudeville und Lichtspiel-Theater.

Woody Guthrie Center in Tulsa, Oklahoma. Copyright: Cowboy Band Blog

Tulsa

Dass Dylan wenige Wochen vor Eröffnung des Bob Dylan Centers Tulsa, Oklahoma, besucht, lag wohl wirklich auf der Hand. Die philanthropische George Kaiser Family Foundation fördert seit Jahren für das Kultur- und Geistesleben des ansonsten verschlafenen Ortes. Im Tulsa Arts District finden sich in unmittelbarer Nähe zueinander künftig der Woody Guthrie Center, der Bob Dylan Center und Cain’s Ballroom, die Geburtsstätte des Western Swing. „Take Me Back To Tulsa“ heißt einer der großen Hits von Western Swing-Legende Bob Wills.

Nach dem Western Swing war es dann der Tulsa Sound von J.J.Cale, der die Stadt auf die musikalische Landkarte brachte. Der legendäre Schlagzeuger Jim Keltner, der immer wieder mit Dylan zusammengespielt hat, stammt aus Tulsa. Auch der Gitarrist Steve Ripley, der 1981 in Dylans-Tourband war, gehörte zur Musikszene von Tulsa.

Doch auch Tulsa ist eine Stadt des Südens, deren Geschichte vor rassistischer Gewalt überschattet ist. 1921 fand hier ein großes Massaker an der afroamerikanischen Bevölkerung statt. Ein ganzes Stadtviertel – der Greenwood District – wurde völlig vernichtet und 300 Menschen ermordet. Eine Katstrophe, die fast hundert Jahre verdrängt und aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen wurde.

Statement für ein vielfältiges Amerika

Über Little Rock geht die Tour dann weiter nach Oklahoma City, wo sie endet. Es ist eine ebenso denkwürdige wie logische Tour. Dylan nimmt nun scheinbar auf diese „World Tour“ alles nochmal in Angriff was liegen geblieben und ihm wichtig ist. Auch diese Reise kann durchaus als ein Statement für ein geeintes, vielfältiges Amerika verstanden werden.

Die Tourdaten

03/03/22   March 3 – Phoenix, Arizona @ Arizona Federal Theatre
March 4 – Tucson, Arizona @ Tucson Music Hall
March 6 – Albuquerque, New Mexico @ Kiva Auditorium
March 8 – Lubbock, Texas @ Buddy Holly Hall of Performing Arts & Sciences
March 10 – Irving, Texas @ Toyota Music Factory
March 11 – Sugar Land, Texas @ Smart Financial Centre
March 13 – San Antonio, Texas @ Majestic Theatre
March 14 – San Antonio, Texas @ Majestic Theatre
March 16 – Austin, Texas @ Bass Hall
March 18 – Shreveport, Louisiana @ Municipal Auditorium
March 19 – New Orleans, Louisiana @ Saenger Theatre
March 21 – Montgomery, Alabama @ Montgomery PAC
March 23 – Nashville, Tennessee @ Ryman Auditorium
March 24 – Atlanta, Georgia @ Fox Theatre
March 26 – Savannah, Georgia @ Johnny Mercer Theatre
March 27 – North Charleston, South Carolina @ North Charleston PAC
March 29 – Columbia, South Carolina @ Township Auditorium
March 30 – Charlotte, North Carolina @ Ovens Auditorium
April 1 – Greensboro, North Carolina @ Steven Tanger Center
April 2 – Asheville, North Carolina @ Thomas Wolfe Auditorium
April 4 – Chattanooga, Tennessee @ Tivoli Theatre
April 5 – Birmingham, Alabama @ BJCC Concert Hall
April 7 – Mobile, Alabama @ Saenger Theatre
April 8 – Meridian, Mississippi @ MSU Riley Center
April 9 – Memphis, Tennessee @ Orpheum Theatre
April 11 – Little Rock, Arkansas @ Robinson Center
April 13 – Tulsa, Oklahoma @ Brady Theatre
April 14 – Oklahoma City, Oklahoma @ Thelma Gaylord Performing Arts Theatre

Leadbelly & Bob Dylan

17. Februar 2022

Black History Month: Neben den schwarzen Bluesmen waren für Bob Dylan auch die afroamerikanischen Songster ein wichtiger Einfluss. Einer der wichtigsten von Dylans Afro American Folk Heroes war Leadbelly.

Leadbelly und Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Immer noch ist es weit verbreitet, dass Blues und Jazz alleine für die  afroamerikanische Musiktradition stehen würden. Dabei wird übersehen, dass es eine lange Tradition der afro-amerikanischen Songster gibt. Die Songster-Tradition ist älter als die der Blues-Musik. Sie beginnt kurz nach dem Ende der Sklaverei und dem Bürgerkrieg, als afroamerikanische Musiker in der Lage sind, zu reisen und Musik zu machen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die vorwiegend schwarzen, aber auch weißen Songster  teilen das gleiche Repertoire und spielen eine Vielzahl von Volksliedern, Balladen, Tanzmelodien, Reels und Songs aus Minstrel Shows.

Die Songster

Es gab Songster, die alleine spielten und sich an der Gitarre begleiteten, aber auch solche, die mit Banjo und Geige begleiten ließen. Die Übergange zu den String Bands der Old Time Music sind fließend. Oftmals spielten Songster zur Unterhaltung bei fahrenden Medicine Shows

Auch nachdem sich der Blues ab Anfang des 20. Jahrhunderts herausbildete und populär wurde, verschwand die Songster-Tradition nicht. Die Vorstellung des einsamen, archaischen Bluesmen ist eine romantisierende, mythisierende Legende. Viele Bluesmusiker waren Songster und Unterhaltungsmusiker und spielten sich durch viele Genres der Unterhaltungsmusik. Umherziehende, in den Westen abwandernde Sänger und singende Cowboys waren an der Entstehung der Cowboysongs beteiligt. Sie beeinflussten sowohl den frühen Blues als auch später die Songs der bekannten weißen Cowboysänger ab den 1930er Jahren.

Erst die durch die Plattenindustrie vorgenommene Segregation in weiße Country & Western Music und schwarze Race Records ließ die Songster-Tradition gegenüber Jazz und Blues in den Hintergrund treten. Der bekannteste und wichtigste Songster der klassischen Folk-Ära war ohne Zweifel der Musiker Hughie Ledbetter alias Leadbelly.

Leadbellys enormer musikalischer Einfluss in der Folkszene

Entdeckt von Folklorist John Lomax, brachte er viele wichtige Songs in die US-Folkszene ein, wie beispielweise „Good Night, Irene“, der durch die Weavers um Pete Seeger ein Hit wurde. Oder „Rock Island Line“, „Black Betty“ und Alberta. Allesamt wurden auch sie Hits in den Versionen weißer Musiker. Und er konservierte durch seine Aufnahmen eine ganze Reihe von schwarzen Cowboysongs, war der Missing Link von den realen schwarzen Cowboys zu den weißen singenden Cowboy wie Gene Autry, Will Rogers, Tex Ritter oder die „Sons Of The Pioneers“.

Er verbrachte seine frühen Jahre auf den schummrigen, gewaltbeladenen  Gassen der Rotlichtviertel von Shreveport und Dallas und war zweimal wegen Gewaltverbrechen im Gefängnis. John Lomax holte ihn aus der Gewaltspirale hinaus. Leadbelly ging mit ihm nach New York und lernte dort Woody Guthrie und Pete Seeger kennen. Er spielte mit ihnen, seine Songs fanden Eingang in den Folk-Song-Kanon, jedoch schlug sich das für Leadbelly finanziell nicht nieder. Ihm ging es wie vielen schwarzen Musikern seiner Zeit. Er versuchte Ende der 1940er Jahre sein Glück in Paris, erkrankte jedoch an einer unheilbaren Störung des motorischen Nervensystems und starb 1949 in New York.

Er erlebte das Folk-Revival der frühen 1960er, das auch schwarze Songster wie Mississippi John Hurt, Brownie McGhee oder Peg Leg Sam wieder einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein rückte, nicht mehr, hatte aber dennoch ungeheuren Einfluss auf deren wichtigen Vertreter wie eben Bob Dylan.

Leadbelly als wichtiger Einfluss auch für Bob Dylan

„Und jemand – jemand, den ich noch nie zuvor gesehen hatte – gab mir eine Leadbelly-Platte mit dem Song „Cottonfields“ darauf. Und diese Platte hat mein Leben auf der Stelle verändert. Versetzte mich in eine Welt, die ich nie gekannt hatte. Es war, als wäre eine Explosion losgegangen. Als wäre ich in der Dunkelheit gegangen und plötzlich wäre die Dunkelheit erleuchtet. Es war, als würde mich jemand anfassen. Ich muss diese Platte hundert Mal gespielt haben“, sagt Bob Dylan in seiner Nobelpreis-Vorlesung.

Was Dylan an diesem Song fasziniert haben mag? Das fragen sich viele Dylan-Fans. Sicher der Ausdruck, die Stimme und die Performance von Leadbelly. Das war etwas anderes als der Rock’n’Roll von Elvis oder Little Richard. Da klang archaisch, fröhlich und sentimental zugleich. Der Song hat auch nicht die Sklaverei zum Thema, sondern die Situation der „Sharecroppers“, die rechtlich gesehen als Kleinpflanzer und Baumwollpflücker nicht mehr versklavt waren, aber de facto in Abhängigkeit eines Großgrundbesitzers waren. Diese Situation, die zur Armut führte, prägte das Leben von Leadbellys Eltern und seine Jugend.

Trotzdem blickt Leadbelly sentimental darauf zurück. Er schrieb es 1940, als er in New York lebte und sich nach einigen Krisen im Verhältnis zu John Lomax – da waren schon Spannungen zwischen dem weißen Bildungsbürger und dem Afroamerikaner aus ärmlichen Verhältnissen – endgültig einen Namen in der dortigen Folkszene gemacht hatte. So wie ihm erging es nicht wenigen Afroamerikaner:innen in der Zeit der „Great Migration“. Man zog nach Norden, um vor Armut und Rassismus zu entfliehen und hing doch noch voller Sentimentalität am Süden.

Leadbelly mit Akkordeon, Copyright Wikimedia Commons

Leadbellys Spuren in Dylans Werk und Wirken

Dylan zollte Leadbelly in seinem „Song To Woody“ auf seinem Debütalbum 1962 Tribut, als er ihn als einen der Gefährten von Woody Guthrie erwähnte. Man kann davon ausgehen, dass Dylan zu der Zeit schon alles was es von Leadbelly auf Platte zu hören gab auch gehört hatte. Der Mann und vor allem auch sein Outlaw-Mythos als ehemaliger Strafhäftling fasziniert ihn. Er leiht sich – so wie es seine Art ist und in der Folkmusik selbstverständliche Tradition – Musik und Motive von Leadbellys „We Shall Be Free“ für sein „I Shall Be Free“ aus, sowie der es von einem Spiritual aus dem 19. Jahrhundert gemacht. Dylans lernt für seine Folkmusik viel vom Songster Leadbelly.

Und sieht sich selber in ihm. Als Dylan 1980 seine Fans mit Gospelmusik verschreckte, erzählte er wie zur eigenen Rechtfertigung über den in der linken Folkszene anerkannten Leadbelly, der sich vom Gefängnisinsassen zum Folkhero wandelte,  folgende Geschichte (zitiert aus der New York Times, 20. Februar 2015):

„Im Jahr 1980, als Bob Dylan einen Großteil seines Publikums mit dem Schreiben und Singen von Gospelsongs verblüffte, stand er auf der Bühne des Warfield Theatre in San Francisco und sprach über den als Lead Belly bekannten Folksänger. Er erklärte, Lead Belly sei ein Gefangener in Texas gewesen, der von einem Musikwissenschaftler entdeckt und nach New York gebracht worden sei.

‚Zuerst hat er nur Gefängnislieder und solche Sachen gemacht“, sagte Mr. Dylan. „Er war einige Zeit aus dem Gefängnis entlassen worden, als er beschloss, Kinderlieder zu machen, und die Leute sagten: ‚Oh, warum hat sich Lead Belly verändert?‘ Einige Leute mochten die alten. Einige Leute mochten die neuen. Einige Leute mochten beide Songs.‘

„Aber er hat sich nicht verändert“, schloss Mr. Dylan mit Nachdruck. „Er war derselbe Mann.“

Abseits aller obskuren Benutzung von Leadbelly für seine eigene Rechtfertigung, hat Dylan hier aber einfach Recht. Leadbelly war derselbe Mann. Nur hatte er jetzt die Möglichkeit, abseits des ewigen Kreislaufs von Armut, Rassismus und Verbrechen ein neues Leben aufzubauen.

Copyright: Folkways Recording

Direkte Coverversionen von Leadbelly-Songs lassen sich in Dylans Werk auch finden. Wie auch übrigens bei seinem Bruder im Geiste Johnny Cash mit „Rock Island Line“, „I’ve Got Stripes“ (Original „On A Monday“) und „Cotton Fields“. Angetan hat es Dylan wohl „In The Pines“ (aka „Where Did You Sleep Last Night“), das u.a. er bei seinem ersten großen Soloauftritt 1961 in der Carnegie Chapter Hall, 1969 an der Southern Illinois University in Edwardsville, IL sowie 1990 im Toad’s Place Concert spielt. 1967 sind bei den Basement Tapes-Aufnahmen auch Leadbelly-Songs mit dabei. 1988 nimmt er am Folkways-Album-Projekt „A Vision Shared. A Tribute To Woody Guthrie and Leadbelly“ teil, singt aber mit „Pretty Boyd Floyd“ einen Guthrie-Song. Aber schließlich schwebt auch Leadbellys Vermächtnis über den „Selbstverständigungs-Alben“ „Good As I Been To You“ und  „World Gone Wrong“.

Leadbelly- eine amerikanische Kulturgröße

In diesem Sinne erinnern wir an Leadbelly im Black History Month. An einen, der in einem Atemzug mit afroamerikanischen Kulturgrößen wie Louis Armstrong, Maya Angelou oder Aretha Franklin genannt werden muss und für eine weitere amerikanische Kulturgröße prägend war.

„Sometimes Satan Comes As A Man Of Peace In The Long Black Coat“

11. Februar 2022

Die ur-amerikanische Figur des bösen Predigers und (Massen-)Verführers im Werk Bob Dylans

Copyright: Süddeutsche Zeitung

Einer der faszinierendsten Filme Robert Mitchums ist die „Nacht des Jägers“. Ein Film Noir-Western voll von düsterem magischem Realismus. Mitchums „Reverend Harry Powell“ variiert auf besonders gekonnte Weise die ur-amerikanische Figur des bösen Predigers, Scharlatans und (Massen-)Verführers. Genauso gekonnt, aber viel realistischer macht dies auch „Elmer Gantry“, das Film-Meisterwerk nach dem Roman von Sinclair Lewis. Bob Dylan, der wie kein anderer lebender Künstler so stetig an seinem Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerikas und seiner populärer Mythen näht, kennt diese Figuren natürlich auch bestens und nimmt sie in seinem Werk immer Mal wieder in den Blick.

False Prophets

Zuletzt hat er dies auf seinem Album „Rough And Rowday Ways“ mit „False Prophet“ gemacht. Damals schrieb ich: „Auch „False Prophet“ ist nicht nur irgendwo zwischen Selbstporträt, Weltgeist und Teufel angesiedelt. Der „False Prophet“ steht auch für die in den USA wohlbekannte Figur des gefährlichen Predigers, des zur Gewalt anstiftenden Anführers. Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“, Andy Griffith in „A Face In The Crowd“ oder William Shatner in „Weißer Terror“ haben ihm Gesichter gegeben. Dylan hat ihn in Songs wie „Man Of Peace“ oder „Man In The Long Black Coat“ verewigt. Diesmal scheint der amtierende Präsident als falscher Prophet benannt zu werden:

„Hello stranger, hello and goodbye
You rule the land but so do I
You lusty old mule, you got a poisoned brain
I’ll marry you to a ball and chain.“

Dass der Schatten des gehängten Mannes auf dem Cover von „False Prophet“ dem Orangefarbenen ähnelt, scheint ein weiterer Beleg dafür zu sein.“

Elmer Gantry und Donald Trump

Copyright: Metro Goldwyn Mayer

In der Zwischenzeit ist Trump abgewählt worden, hat den Mob dazu angestiftet, das Kapitol zu stürmen und nimmt trotzdem wieder Anlauf auf das Präsidentenamt. Er begeistert weiterhin die Massen. Wenn ein Film das Selbstverständnis und die Mechanismen dieser Verführer einfängt, dann ist das ohne Zweifel „Elmer Gantry“. Unwillkürlich muss man an Trump oder Boris Johnson denken, wenn Burt Lancaster mit wilden Haaren und großem Sendungsbewusstsein die evangelikale Religion als bestes Fundament für seinen Plan entdeckt, reich, mächtig und berühmt zu werden. „He knows every song of love that ever has been sung“, wie Bob Dylan in „Man Of Peace“ singt. Eben hier jeden Song der Liebe zu Gott.

Und obwohl letztendlich nur in sich selbst verliebt, üben Gantry wie Trump den Schulterschluss mit den Evangelikalen. Da darf man gespannt sein, wie es dann wird, sollte Mike Pence sich dazu entschließen, seinen Hut als Präsidentschaftskandidat in den Ring zu werfen. Pence ist quasi der William L. Morgan der Republikaner. So wie die Figur im Gantry-Film verachtete er den bösen Prediger, doch freute sich über die Macht und das Geld, das er seiner Kirche zuführte. Nun könnte er die „gemäßigteren“ Evangelikalen zu sich herüberziehen. Doch mittlerweile sind die Reihen der christlichen Nationalisten immer dichter und immer radikaler. Und stehen weiterhin zu Trump.

Ob Radiomoderator (Andy Griffith), falscher Prediger (Robert Mitchum, Burt Lancaster) oder Volkstribun des Hasses (William Shatner): Die Mechanismen sind immer dieselben. Und immer kommt das Böse im Gewand des Friedens: „Could Be The Fuhrer, could be the local priest, sometimes Satan comes as a man of peace.“

Copyright: Sony Music, Foto: William Claxton

Eine weitere Verführer-Figur bringt Dylan 1989 mit „Man In The Long Black Coat“ in sein Werk ein. Der unbekannte Mann im langen schwarzen Mantel nimmt die Frau einfach mit. Sie folgt ihm einfach.

„Not a word of goodbye, not even a note
She gone with the man
In the long black coat“

Und weiter:

„Somebody seen him hanging around
At the old dance hall on the outskirts of town
He looked into her eyes when she stopped him to ask
If he wanted to dance, he had a face like a mask
Somebody said from the Bible he’d quote
There was dust on the man
In the long black coat“

Ein Bild von Hörigkeit. Mit entsprechenden sexuellem als auch religiösem Kontext zwischen den Zeilen. So wie auch die Frau dem falschen Prediger Robert Mitchum verfällt, Elmer Gantry seine Affären hat und der Erweckungspredigerin die Unschuld raubt. So wie William Shatner in „Weißer Terror“ Frauen nachstellt: Macht, Sex und Religion sind in ihrer toxischen Mischung gerade im prüden evangelikalen Amerika ein böses Kontinuum.

Dylan weiß ein Lied davon zu singen:

„He’s a great humanitarian, he’s a great philanthropist
He knows just where to touch you, honey, and how you like to be kissed
He’ll put both his arms around you
You can feel the tender touch of the beast
You know that sometimes Satan comes as a man of peace“

Rough And Rowdy Ways

Auch die Wege der bösen Massenverführer sind „Rough And Rowdy Ways“. Dylan weiß um die Brutalität der amerikanischen Gesellschaft. Und wie nah Liebe und Hass, Verführung und Hörigkeit, Vergeltung und Mord einander sind. Die dunklen, bösen Songs auf seinem Album von 2020 sind daher möglicherweise die treffendsten Beschreibungen des neuen, gefährlichen Amerikas. Weil sie die Kontinuitäten und die Strukturen aufzeigen. Und Dylan nicht davor zurückschreckt, diese auch bei sich selbst zu finden.

Hard Times (Come Again No More)

4. Februar 2022

Wie ein Parlor Song zum Folksong wurde und Bob Dylan ihn aufgriff

„Let us pause in life’s pleasures and count its many tears
While we all sup sorrow with the poor
There’s a song that will linger forever in our ears
Oh, hard times, come again no more“

Stephen Foster, Hard Times (Come Again No More), 1854

Stephen Foster, Copyright: Wikimedia Commons

Kürzlich flatterte mir das Album „Smoke + Oakum“ der englischen Shanty-Folk-Band „The Longest Johns auf den Tisch. Feine Musik und mitten drin, da war ich überrascht – „Hard Times (Come Again No More)“.

Begegnung durch Dylan

„Hard Times (Come Again No More)“ ist mir – wie so vieles – zum ersten Mal über Bob Dylan begegnet. Durch sein 1992er Album „Good As I Been To You“, aber mehr noch durch seine Live-Darbietung beim TV-Special zum 60. Geburtstag von Willie Nelson 1993. Begleitet von seiner Tourband plus Marty Stuart an der Mandoline entstand dort ein wunderbares Stück Musik.

Hört man beide Dylan-Aufnahmen, so meint man dies sei ein uralter Folksong. Wenn man aber Folksongs als traditionelle Lieder des Volkes versteht, dessen Urheber nicht bekannt sind und durch die Zeiten mittels mündlicher Überlieferung gewandert sind und dadurch immer wieder Veränderung erfahren haben, dann ist „Hard Times“ eigentlich kein Folksong. Denn sein Urheber ist ganz genau bekannt. Es ist Stephen Foster, der auch gerne „Father Of American Music“ genannt wird. Er war so etwas wie der erste amerikanische Songwriter. Leider konnte er damals nicht davon leben. Die Zahlungen für Songrechte und Aufführungen waren lächerlich gering und Foster starb verarmt und krank 1864 im Alter von nur 38 Jahren.

Sein Schöpfer Stephen Foster

Foster stammte aus den Nordstaaten, hegte eine romantische Begeisterung für die Südstaaten und schrieb Lieder für die sogenannten Minstrel Shows, in denen oftmals Weiße sich das Gesicht schwärzten und sich mittels dumpf-rassistischer Späße über die Afroamerikaner lustig machten und erhoben. Fosters‘ Songs allerdings kamen ohne diese Ressentiments aus. Er war auch unter dem Einfluss von Harriet Beecher Stowe und ihrem Buch „Uncle Toms Cabin“ zu einem Gegner der Sklaverei geworden. Bekannte Minstrel Songs von ihm sind „My Old Kentucky Home“, aber auch „Camptown Races“ oder „Oh, Susanna!“. Songs, die zu wirklichen Volksliedern wurden.

Copyright: Victrola Records/ Archive.Org

Anders verhält es sich mit „Hard Times“, veröffentlicht erstmals 1854. Das Werk gehört zu den sogenannten „Parlor Songs“. Melodiös eigentlich ein Minstrel Song – Foster hatte die Melodie erstmals als Kind in einer afroamerikanischen Kirche gehört –  wurde es aber vor allem vorgetragen in musikalischen Salons und Soirees. Während die Minstrel Songs inmitten der Bespaßung breiter Bevölkerungsteile rasch Volksliedercharakter bekamen, nahm „Hard Times“ eine andere Wendung. Es wurde in den Salon der besser gestellten Kreise durchaus zu einem bekannten Lied. Es hat eine sehr schöne Melodie und beschwört inmitten einer wirtschaftlichen Rezession 1854 mit gesetzter Poesie die Empathie mit den Armen und die Hoffnung auf die Überwindung der Armut. Das war wie geschaffen für das sozial und karitativ engagierte Bürgertum und ebenso für tief religiöse Gemeinschaften.

Frühe Aufnahmen im Salon-Stil

Die erste Audioaufnahme des Stücks fand 1905 mittels eines Wachszylinders der Edison Company statt, es singt und spielt „The Edison Quartet“. Auch hier ganz im Stil des bürgerlichen Salons. Von 1916 (Victor Mixed Chorus), 1919 (Louise Homer), 1928 (Nat Shilkret and The Victor Salon Group) und 1932 (Graham Brothers) sind weitere Aufnahmen dokumentiert.  Auch hier Salonmusik. Wichtig: Der Song entstand ursprünglich inmitten einer wirtschaftlichen Rezession Mitte der 1850er Jahre, nun wird er 1932 inmitten der „Great Depression“ wieder aufgelegt. Und auch 1938 während des „New Deal“ wird der Song von Frank Luther and The Lyn Murray Quartet aufgenommen.

Aber obwohl er Empathie und Sympathie für die Armen ausdrückt schafft es der Song nicht in den Kanon der fortschrittlichen Folkmusik in den 1930er und 1940er Jahre. Der Chronist hat keine Aufnahme des Songs von Woody Guthrie oder Pete Seeger gefunden. Erst viele Jahrzehnte später im vergangenen Jahr hat Arlo Guthrie den Song veröffentlicht. Seine Aussage, Woody hätte diesen Song sicherlich goutiert, lässt darauf schließen, dass der Song im Hause Guthrie keine Rolle spielte. Im Gegensatz zu einem anderen alten Song über die dunklen Seiten Amerikas. „A Picture From Life’s Other Side“, den Woody von seiner Mutter lernte und später aufnahm. Ebenso übrigens wie Hank Williams, Vernon Dalhart und andere. Der Song war ein früher Country-Klassiker, erfährt dann aber die umgekehrte Geschichte wie „Hard Times“. Während letzteres dieser Tage immer wieder gecovert wird, ist „Pictures Of Life’s Other Side“ etwas in Vergessenheit geraten. Die letzte aktuelle Version sang Hank Williams III vor ein paar Jahren in der Marty Stuart Show. Doch das ist eine andere Geschichte.

Vom Hit bei den Mormonen zum Folksong

Copyright: Festival Records

Kommen wir zurück zu „Hard Times“. Das Lied wurde interessanterweise unter den Mormonen in Utah ein riesengroßer Hit. Mitte der 1850er begeisterte sich deren weltlicher und religiöser Führer Brigham Young für das Lied. Es hielt Einzug in den festen Kanon der Lieder dieser Glaubensgemeinschaft, auch in abgewandelter Form in zwei Versionen: „Ditches Break Again No More“ und „Brighter Days in Store“ auch bekannt als „Brigham’s Hard Times Come Again No More“.

Doch wie fand der Song dann doch Einzug in das moderne Folk-Repertoire? Die Recherche findet den „Missing Link“. Es ist die Folksängerin und Songsammlerin Rosalie Sorrels. Die lange Zeit in Salt Lake City, Utah, lebende Sorrels nahm den Song 1961 auf ihr Album „Rosalie Sorrels Sings Songs Of The Mormon Pioneers“. Sie findet Anschluss an die US-Folkszene und tritt u.a. 1966 in Newport auf.

Irgendwie logisch, dass auch der bekannte „Mormon Tabernacle Choir“ den Song 1968 aufnimmt. Sein Siegeszug aber in der Roots-, Folk- und Countrymusik  beginnt 1979 mit der Version von Jennifer Warnes. Sie veröffentlicht auf ihrem Album „Shot Trough The Heart“, auf dem sie übrigens auch Dylans „Sign On The Window“ covert,  eine wunderschöne A-Capella-Version des Songs. Und ab den 1980ern ist der plötzlich voll da, wird fast jährlich aufgenommen. 1991 sind es „Kate & Anna McGarrigle and Families“ die den Song für ein Album mit Songs aus dem amerikanischen Bürgerkrieg einspielen. Hier mit Akkordeon als melodieleitendes Instrument. 1992 veröffentlicht ihn schließlich Emmylou Harris in einer Live-Aufnahme aus dem Ryman Auditorium vom Vorjahr. Nun ist er mitten in der Americana-Welt angekommen und Bob Dylan covert ihn dann im November 1992.

Copyright: Columbia Records

Der Song entwickelt sich seitdem zum Roots Hit. Die Liste seiner Interpreten ist illuster. Wir finden darunter u.a. Johnny Cash, Mavis Staples, Bruce Springsteen und Joan Baez. Zudem wird er auch von den Chieftains für den Irish Folk adaptiert. Hierzulande gehört er in einer hörenswerten Version zum Live-Repertoire des Folk und Blues-Singer-Songwriters Biber Herrmann und seiner Partnerin, der Liedermacherin Anja Sachs.

Und nun hat er eben auch Aufnahme auf dem neuen Album der englischen Folk-Band „The Longest Johns“ gefunden, die das Tempo anziehen und den Song in die Nähe des tanzbaren Irish Folk bringen. Doch er wird nie zum „Wild Rover“ der Pubs dieser Welt werden, dazu ist er einfach zu zart und fragil und die Hoffnung in zu ernsten Worten vorgetragen.

Was er aber bleibt: Er ist einer der schönsten Folk Songs überhaupt. Einer der aus den Salons über die Mormonen in der Folkszene landete und zum Americana-Klassiker wurde. Und auch hier wieder war Bob Dylan mit im Spiel.

Es ist alles im Fluss

21. Januar 2022

Lebensadern und Wasserstraßen: Der amerikanische Mythos „River“ hat auch in Bob Dylans Werk seinen Platz und wird von ihm vermischt mit der antiken Flusslehre

Copyright: Columbia Records

Ein weitere Folge zu den archetypischen Motiven der amerikanischen Folkmusik. Diesmal: Der „River“.

Flüsse sind Naturräume, die sich über unendliche Zeiten ihren Weg durchs Land gebahnt haben. Die Menschheit hat sie zu Kulturräumen gemacht. Wasserstraßen, die dem Transport von Menschen und Gütern dienen. Und die dann über diese profane alltägliche Nutzung hinaus wiederum in Kunst Eingang finden. Als Referenzobjekte und identitätsstiftende Merkmale bis hin zur mythischen Überhöhung. In der Volkskunst der populären amerikanischen Musik, insbesondere der Folk, Country- und Bluesmusik sind sie natürlich auch zu einem zentralen Bestandteil geworden. In Ablösung der Mythen der Native Americans, die als Naturvölker mit den Flüssen lebten.

Mythos Mississippi

Der größte amerikanische Mythos ist natürlich der Mississippi, der sich vom nördlichen Minnesota bis zum Golf von Mexiko erstreckt. Immer wieder besungen. Eines der bekanntesten Werke dürfte hier von Johnny Cash stammen. Dessen „Big River“ ist die Kulisse für eine Geschichte, in der Protagonist seiner großen Liebe entlang des Flusslaufs des Mississippi folgt. Die sehnsuchtsvolle und am Ende unglückliche Reise beginnt in St. Paul, Minnesota und führt über die Stationen Davenport (Iowa), St. Louis (Misssouri), Memphis (Tennessee), Baton Rouge (Louisana) schließlich nach New Orleans.

Wir nähern uns Dylans Flussgeschichten über die Verbindung zu Big River an. „Tangled Up In Blue“ ist auch eine unglückliche Verfolgungsjagd nach der großen Liebe (Siehe meinen letzten Betrag: https://cowboyband.blog/2022/01/07/bob-dylan-still-on-the-road-heading-on-a-train-riding-on-a-car/). Auch hier zieht der Sänger von Nord nach Süd, ist am Ende in Louisiana erst in Delacroix, dann in New Orleans angekommen. Der River spielt hier aber nur mittelbar eine Rolle. Aber wie er auch hier die amerikanische Landschaft und die traditionellen Folkmythen mit seiner ihm eigenen vertrackten Songmalerei – auch hier wird von Schauplatz zu Schauplatz gesprungen und die Erzählebenen und -perspektiven gewechselt – zusammenbringt ist faszinierend.

Der mächtige, unheilvolle Fluss

Zwei zentrale River-Motive spielen in seinen Songs eine Rolle. Da ist zum einen das immer wiederkehrende Bild des unheilbringenden unzähmbaren mächtigen Flusses. Vom 1967er „Crash On The Levee (Down In The Flood)“ über „High Water(For Charley Patton)“ von 2001 bis zu „The Levee’s Gonna Break“ von 2006 erzählt er von dieser Gefahr und orientiert sich dabei an den afroamerikanischen Songs dazu, die besonders voller Unheil waren, weil die Schwarzen ungleich mehr unter den Folgen solcher Flutkatastrophen leiden mussten. Siehe auch meinen Cowboy Band Blog-Eintrag „High Water Everywhere“: https://cowboyband.blog/2021/02/12/highwater-everywhere/

Der stoische Fluss

Und dann steht der Fluss bei ihm als Metapher für das stoische. Dylan interessiert nicht der Fluss als Wasserstraße, als Mittel, um unterwegs zu sein. Der Fluss ist da und er sitzt da und schaut ihm beim Fließen zu. Das ist das stärkste Bild dafür, nicht aktiv zu sein. Der Fluss ist aktiv. Aber ohne sich Gedanken zu machen – er fließt halt. Das ist seine Natur. Dylan selber ist reflexiv, ohne daraus unmittelbar Aktivität abzuleiten. Das scheint seine Natur.

Der Fluss steht in „Watching The River Flow“ aber auch für die Zeitläufte. 1971, als der Song geschrieben und aufgenommen wird, sind die Zeiten in Amerika hoch politisch. Alle wollen sie, dass Dylan wieder zum Anführer wird – was er ja nie sein wollte. Also verweigert er sich ein weiteres Mal. Er bleibt passiv und schaut den Dingen zu. Und erntet natürlich wieder Entrüstung.

Es ist so eine Art weiteres Manifest von Dylan, das dafür steht, sich vor keinen Karren spannen zu lassen. Ihn zu etwas zu zwingen, bringt nix. Er entscheidet wann und wofür er sich engagiert. Umso mehr erst die Überraschung über seinen Song „George Jackson“ 1971 und dann die Enttäuschung, dass wieder jahrelang kein politisches Engagement Dylans folgt. Erst 1975 sollte er sich für den schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter einsetzen.

Der Song vom „Big River“ durfte hier natürlich nicht fehlen. Copyright: Columbia Records

Panta Rhei

„Watching The River Flow“ ist über die Jahre immer wieder Teil des Live-Programms. In den jüngsten Konzerten – seit seinem großartigen „Shadow Kingdom“ spielt es auf der Bühne eine zentrale Rolle. Nicht mehr „Things Have Changed“ ist der programmatische Opener, sondern „Watching The River Flow“. Der alte Dylan sitzt wieder am Fluss. Er hat alles schon gesehen, Er macht sich nicht auf den Weg zu den Dingen, sondern wartet bis sie an ihm vorbeiziehen. Stoisch wie ein alter Häuptling der Native Americans. Dylan beobachtet, schwelgt in Erinnerungen an und den in Selbstverständigungen über seine „Rough And Rowdy Ways“, die das aktuelle Bühnenprogramm bestimmen.

Dylan weiß, dass alles im Fluss ist: „Panta Rhei“. Der alte Dylan mischt den Mythos River mit der Flusslehre Heraklits, Platons und Ovids. Dylan kennt seinen Ovid, der die Gedanken Heraklits als Fundament in seinen Metamorphosen darlegt. Er hat ihn in den letzten Jahren immer wieder in seinen Texten bemüht. Alles verändert sich, alles ist endlich. Auch Dylan selbst. Und das weiß er. Und kündigt uns gleich mal eine World Tour 2021 – 2024 an. Typisch Dylan!

Bob Dylan – Still On The Road, Heading On A Train, Riding On A Car

7. Januar 2022

Typisch amerikanisch ist auch Bob Dylan in seinem Werk immer unterwegs und würdigt Züge, Straßen und Autos

Copyright: Columbia Records

Es gibt eine Reihe von archetypischen Motiven im amerikanischen Folksong. Gott und Bibel, Mutter und Vater, die Range und die Ranch, die Liebe und die Eifersucht, Prediger und Mörder, Outlaws und Helden, Berge & Flüsse & Täler. In loser Folge gehe ich künftig den Spuren dieser Motive im Dylan’schen Werk nach. Heute geht es um das Grundmotiv des Unterwegs-seins.

Die Amerikaner sind immer unterwegs

In seinem wunderbaren Buch „Meine Reise mit Charly“ spießt John Steinbeck u.a. das „Nomadentum“ der Amerikaner auf, das „unterwegs-sein-wollen“: „In ihren Augen sah ich etwas, das ich wieder und wieder in allen Teilen Amerikas sehen sollte – ein brennendes Verlangen los­zu­ziehen, sich aufzumachen, egal wohin, nur weg. Sie sprachen leise darüber, wie gern sie eines Tages fort­gehen würden, los­ziehen, frei und ungebunden, nicht zu etwas hin, sondern einfach weg. Ich sah diesen Blick und spürte dieses Verlangen überall, egal wo ich hinkam, in jedem Staat. Fast jeder Amerikaner hungert danach, loszuziehen.“

Steinbecks Eindrücke sind nicht von der Hand zu weisen. Denn das Herumziehen, die Herumtreiber, aber auch die Verkehrswege und Transportmittel spielen seit jeher auch  eine große Rolle in der amerikanischen Folkmusik. Trails & Trecks, Cowboys & Hobos, Trains & Railroads, Cars & Trucks. Route 66 und Highway 61: Die Amerikaner sind seit der Pionierzeit immer unterwegs gewesen. Sie haben das Land erobert und die Vereinigten Staaten nicht nur mit Kriegen gegen die Ureinwohner, sondern auch mit Trecks, Rindertrails und Eisenbahnen immer weiter ausgedehnt. Die Sklaven sind mit der „Underground Railroad“ aus dem Sklavenhalter-Süden geflohen. Die durch die Sandstürme Entwurzelten der Dust Bowl Area der Great Plains zogen in den 1930er Jahren nach Kalifornien. Die Great Depression ließ viele Amerikaner auf die Suche nach Arbeit gehen. Der Highway 61 war für entlaufene schwarze Sklaven von Süd nach Nord der Weg in die Freiheit, mit dem Zug ging es später in der „Great Migration“ in den Norden zu einem besseren Leben.

Unterwegs auch weil sie müssen

Nach Jahrzehnten einer gewissen Domestizierung in der nivellierten Mittelstandgesellschaft der 1950er bis 1980er Jahre, haben die neoliberalen Exzesse in Politik und Wirtschaft in den letzten 40 Jahren zu einer Armut und Perspektivlosigkeit breiter Teile der Bevölkerung geführt. Aufgrund des Widerspruchs zwischen dem Streben nach dem eigenen Häuschen und der durch Hire und Fire-Kultur erzwungenen Mobilität sind „Mobile Homes“, Trailer und Wohnmobile zum fahrenden Domizil vieler Amerikaner geworden. Hobos und Wanderarbeiter sind wieder wie zu Zeiten der Great Depression eine nicht zu übersehende Realität in den USA geworden. Der Film „Nomadland“ zeigt dieses unstete Leben, immer auf der Suche nach dem nächsten Job. Die amerikanische DNA des Unterwegs-seins hat also klare ökonomische und gesellschaftliche Ursachen. Der American Folk Song modelliert daraus einen Mythos mit vielfältigen Ausprägungen.

Dylan ist auch immer unterwegs: Tangled Up in Blue

All dies findet sich auch im Werk Dylans wieder, der wie kein anderer die alten Folkversatzstücke mit Beatpoesie und -rhythmus vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre neu zusammensetzte. Von „Down The Highway“ bis „Tangled Up In Blue“ – auch Dylan ist immer unterwegs. Hat sich erst sein eigenes Nomadenleben ausgedacht, dann das Thema in sein Werk integriert und ist schließlich auf seiner Never Ending Tour zu einem Show- Business-Jet-Set-Hobo geworden.

Dylan wichtigstes Werk zum Thema „Unterwegs-sein“ ist natürlich besagtes „Tangled Up In Blue“. Die Road Movie-Geschichte von zwei Menschen, die sich stets anziehen, aber doch nie zusammenbleiben können und daher für immer gezwungen sind, auf Wanderschaft zu gehen. Und sich dabei in allerlei Jobs verdingen müssen. Der Sänger arbeitet erst im Norden bei den Holzfällern als Koch, dann heuert er im Süden auf einem Fischkutter an, er trifft sie wieder, als sie in einer „Oben-ohne-Bar“ arbeitet. Die Romanze ohne Happy End ist hier der Antriebsgrund, nicht ohne Eigenheiten der amerikanischen Geschichte und Gesellschaft aufzuspießen wie Sklaverei im Süden, Fischerei in Lousiana, Holzwirtschaft im Norden, Stimmungen in New Orleans. Und er geht auf seine Generation ein, die sich Mitte der 1970er doch von der Protestgeneration, die etwas Neues schaffen wollte zum gut verdienenden sesshaften Mittelstand gewandelt hat:

„All the people we used to know
They’re an illusion to me now
Some are mathematicians
Some are carpenter’s wives
Don’t know how it all got started
I don’t what they do with their lives“

Aber der Sänger tut dies nicht, er ist weiter „On The Road“:

„But me, I’m still on the road
Heading for another joint“

Copyright: Columbia Records

Dieser Zug hat’s in sich: Slow Train Coming

Doch auch die Züge und die Straßen hat Dylan besungen. In „It Takes Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ fährt der Sänger im Postzug und singt sein Lied zur Angebeteten. Und so wie der Zug im amerikanischen Folksong immer auch ein Synonym für politische Entwicklungen und Bewegungen war – vom abolitionistischen „Get Off The Track“ der Hutchinson Family bis zu Woody Guthries „Farmer Labor Train“ – so ist auch Dylans „Slow Train Coming“ eine amerikanische Zustandsbeschreibung. „Da kommt was Böses auf uns zu“. Eine recht dunkle Gesellschaftssicht, die suggeriert, es stehe nicht gut um Amerika. Für mich ist der Song in Anbetracht seiner damaligen evangelikalen Konversion und dem sich ankündigenden gesellschaftlichen Roll-back Reagans recht ambivalent. Er hat durchaus starke Bilder, greift durchaus reale Probleme auf, schlägt aber auch recht derbe nationalistische Töne an. Die Zeilen

„Sheiks walkin‘ around like kings, wearing fancy jewels and nose rings
Deciding America’s future from Amsterdam and to Paris“

sind nationalistisch, nicht patriotisch, da sie sich über andere Nationalitäten erheben und recht ruppig den angeblichen Verlust der Souveränität Amerikas beklagen. Auch ein Bob Dylan liegt mal daneben und der Song ist auch über die Jahre für mich keinesfalls besser geworden.

Vom Highway 61 auf die Desolation Row

Und natürlich besingt er auch immer wieder mal die Straßen. Ob puristisch-klassisch in „Down The Highway“ oder ausladend bildstark in „Highway 61“. Hier hat er den Blues-Highway, eine der „Schicksalsstraßen Amerikas“ zum Schauplatz der absurden Moderne auserkoren. Auch ein schönes Spiegelbild der Zeiten. Auch „Desolation Row“ ist eine Straße, die für Dylan zum Kristallisationspunkt der zivilisatorischen Widersprüche des 20. Jahrhundert wird, wenn er sowohl von Einstein und Robin Hood als auch von rassistischen Lynchmorden erzählt.

Der späte Dylan: Unterwegs in Cadillac und Chrysler

Dylan reichert also die alten amerikanischen Themen an, in dem er ihnen neue Wendungen gibt, die zu seinen Zwecken nutzt. Der späte Dylan schafft dies gemäß seiner Arbeit am idealtypischen Amerika vor allem durch Historisierung. Seine Theme Time Radio Hour von 2006 bis 2009 hat natürlich Episoden, in denen es um „Cars“, „Trains“ und „More Trains“ geht. Sogar dem Cadillac hat er eine eigene Sendung gewidmet, spielt das Gefährt, in dem Hank Williams starb, doch eine nahezu mystische Rolle in der Popkultur. Und er hat sogar Werbung für die Automarke gemacht. Ebenso wie für Chrysler.

Copyright: Sony Music Promo

Der alte Dylan: Watching The River Flow und „Like A Rolling Stone“

Der alte Dylan macht dagegen nur noch die allernotwendigsten Wege. Der sitzt eher wieder am Ufer: „Watching The River Flow“. Der Song war feste Säule seiner Herbstkonzerte 2021. Er macht sich nicht auf den Weg zu den Dingen, sondern wartet bis sie an ihm vorbeiziehen. Er erinnert sich dann an „Jimmie Reed“ und die Great Migration, an den Weg Caesars über den Rubicon und sinniert ansonsten über die letzten Wege des Menschen.

Dass er aber als Performer weiterhin vorhat, unterwegs zu sein, hat ja die Ankündigung der Herbsttournee gezeigt: „World Wide Tour / 2021-2024“ heißt es da. Seine Freude am Live-Auftritt scheint ja gemäß dem, was man von den jüngsten Konzerten hört, größer denn je.

Auch im hohen Alter bleibt Dylan immer noch „Like A Rolling Stone“.

Er malt sein Meisterwerk

29. Dezember 2021

Von Shadow Kingdom zur Rough And Rowdy Ways World Tour 2021-24: Innerhalb weniger Monate zeigt der 80-jährige Musik-Großmeister zwei ganz unterschiedliche Gesichter und schafft auf seinen Konzerten weiter große Kunst

Official Announcement, Copyright: http://www.bobdylan.com

Manchmal braucht es seine Zeit. Da ist man mit so vielen wichtigen Dingen im Alltag beschäftigt, da ist man nicht in der Lage, sich wirklich in Ruhe und ausführlich anderen wichtigen Dingen zu widmen. Mit Bob Dylans Herbsttour ging es mir so. Ich vernahm die Kunde, hörte in die Musik rein und war einfach erfreut, dass er wieder auf Konzertreise ging. Zu einer systematischen Beschäftigung aber kam ich erst jetzt, in den ruhigen Tagen zwischen den Jahren.

Aber kaum hörte ich wieder seine aktuelle Musik, las und hörte Konzerteindrücke und Musik der Auftritte in Milwaukee, Bloomington, Chicago, New York und Washington, da waren das alte Gefühl und vor allem die Einsicht wieder da: Er ist und bleibt für immer der bedeutendste Musiker in meinem Leben. Die Auseinandersetzung mit ihm als Person der Zeitgeschichte und mit seinem künstlerischen Werk ist unvermindert spannend und lohnend. Also hilft es nichts. Ich muss mich mit seinen aktuellen öffentlich konzertanten Leistungen auseinandersetzen und darüber schreiben.

Shadow Kingdom

Das Konzertevent kam für mich 2021 ungefähr genauso überraschend wie 2020 „Murder Most Foul“. Wer hatte damit gerechnet, dass Bob Dylan, während die meisten anderen schon wieder von Stream-Konzerten Abstand genommen hatten, nun plötzlich ein Online-Konzert ankündigte? Und streng genommen tat er es ja auch nicht. Denn das, was wir im Juli dieses Jahres sehen konnten, war die Mischung aus einem überlangen Video und einem kurzen Konzertfilm. Zu den typisch dylanesken Versatzstücken dieses durch und durch Sehens- und hörenswerten Werks – Schatten, Masken, Juke Joint, Zeitlosigkeit, Vielfältigkeit – habe ich in zeitlicher Nähe zur Ausstrahlung schon einiges bemerkt:
https://cowboyband.blog/2021/07/20/wo-viel-rauch-ist-ist-auch-viel-schatten/

Dann machten irgendwann im Spätsommer Gerüchte die Runde, Dylan würde zur Herbsttour aufbrechen. Es ploppten Termine auf, die wieder verschwanden, und just als die meisten die Hoffnung begraben hatten, war sie plötzlich da: Die Herbsttour. 21 Termine in knapp vier Wochen an 17 Orten. An Dylans langjährigen ausschweifenden Tour-Eskapaden gemessen ist das kurz und kompakt, für einen 80-jährigen jedoch absolut stark.

Rough And Rowdy Ways World Tour 2021-24

Und auch wenn ich bei keinem Konzert persönlich anwesend war. Was ich gelesen und vor allem gehört habe, reicht, um mir nach gut 45 Jahren eigener Bob-Geschichte, eine Meinung zu dieser „Rough And Rowdy Ways World-Tour“ zu bilden. Also dann!

Ich kann es mir nicht verkneifen, es zu fragen: Wird Dylan altersmilde? Selten war er so gesprächig wie heute. Stellt alle Musiker vor, reagiert schlagfertig auf Zuschauer und hat für jeden Konzertort ein Sprüchlein und nette Worte parat. Noch dazu ist die Bühne hell erleuchtet – sogar vom Boden aus – und damit  bieten die Konzerte visuell durchaus ein Kontrastprogramm zu Shadow Kingdom. Wird Dylan jetzt zum lieben Onkel Bob, zum verbindlichen Entertainer? Keine Sorge, die Performance, die Musik und die Texte sprechen immer noch eine andere Sprache.

„Rough And Rowdy Ways“ ist ein Album zu dem Dylan so sehr steht wie er schon lange nicht mehr zu einem Album gestanden hat. Wahrscheinlich so sehr wie seit der kontroversen Gospel-Phase nicht mehr. Also zelebriert er dieses Album mit acht Songs davon, dazu ein paar ältere Juwelen wie „Every Grain Of Sand“ oder „When I Paint My Masterpiece“, ein Sinatrastück. Es fehlen aber genau die, worauf er immer noch oftmals reduziert wird: die Protestsongs.

Bilanzierende Selbstverständigung und idealtypisches Amerika

Stattdessen webt Dylan seit Anfang dieses Jahrtausends stetig am Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerikas. Und wenn es bei „Rough And Rowdy Ways“ auch um vielerorts um Alterseinsichten, Selbstbesinnung und sein Verhältnis zu Gott geht, so ist auch diese Dimension voll da. Sei es mit „Key West“ als Sehnsuchtsort der amerikanischen Freiheit und Toleranz oder mit „Goodbye Jimmy Reed“ als Song, der amerikanische Themen wie Religion, Rassismus und populäre Musik verhandelt. An letzterem hat er auch mit der Song- und Künstlerauswahl seines „Theme Time Radio Hour“-Nachklapps zum Thema „Whiskey“ angeknüpft. Der überwiegende Anteil afroamerikanischer Künstler war sein Kommentar zum Rassismus in den USA und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nach der Ermordung George Floyds im Frühjahr 2020 in Minneapolis.

Bob Dylan live on stage 2021, Copyright: Wikimedia Commons

Beide Songs sind ebenso im Live-Programm wie „False Prophet“, sein „It Ain’t Me Babe“ des neuen Jahrtausends, oder „My Own Version Of You“, dessen absurd überspitzte Darstellung von Marx und Freud ja nur eine ironische sein kann, weiß Dylan doch genau, warum gerade die Mächtigen vor den Einsichten der beiden jüdischen Intellektuellen schon immer so vehement warnen.

Songs wie „I Contain Multidudes“ und „Mother Of Muses“ von RARW haben aber das Terrain vorgegeben, das Dylan nun auch in seinen Konzerten beackert: Selbstverständigungen, Erklärungen, Bilanzen. Was man im Spätherbst seiner Karriere wohl eben so macht. Aber natürlich macht das keiner so gut wie Dylan.

Textrevisionen

Martin Schäfer hat in seinem lesenswerten Aufsatz für „Key West“ im Frühling diesen Jahres auf die Textrevisionen Dylans sowohl auf www.bobdylan.com als auch in den letzten Buchausgaben dessen „Lyrics“ hingewiesen: https://keywestmagazin.com/2021/05/13/dylaneske-poetologie/ .

Auf der Bühne ist Dylan stets frei mit seinen Texten umgegangen, hielt sich aber im Großen und Ganzen an die Vorgaben. In jüngster Zeit hat er jedoch ziemliche Textrevisionen unternommen. So bei „To Be Alone With You“ oder auch „When I Pain’t My Masterpiece“. Und „Gotta Serve Somebody“ hat außer den ersten beiden Zeilen einen gänzlich neuen Text bekommen. Hier hat wiederum Laura Tenschert in ihrem spannenden Konzertbericht vom Dezemberkonzert in Washington auf ihrem Podcast „Definitely Dylan“ herausgearbeitet, dass die dichotomische Message bei GSS sich nicht geändert hat – „Entweder bist Du auf der Seite des Guten oder des Bösen“ – während „To Be Alone With You“ von einem lieblichen Liebessong zu einem düsteren (Alb-)Traum geworden ist und sich in eine Reihe, so Tenschert mit „Early Roman Kings“ und „My Own Version Of You“ einfügt. Wobei ich hier den Vergleich mit „Soon After Midnight“ noch passender finden würde, dessen Zeilen wirklich die „dünne Linie zwischen Liebessong und Mörderballade“ (Tenschert) beschreiten.

Oberthema: „Rough And Rowdy“

Dylan ist also keineswegs der harmlose joviale Unterhalter, wie die Äußerlichkeiten der Herbstkonzerte suggerieren. Nein, Dylan verfolgt auch hier ein klares künstlerisches Konzept. Seine „Rough And Rody Ways Tour“ versammelt eine ganze Menge „Rough And Rowdy Way-Songs“. Vielschichtige düstere Balladen wie „Black Rider“, My Own Version Of You“ oder „False Prophet“. Dazu kommen jüngere Songs, die schon zu diesem Label passen wie „Early Roman Kings“ oder eben den textlich völlig veränderten Song „To Be Alone With You“.

Selbst „When I Paint My Masterpiece“ – es gehört schon immer zu seinen „Selbstverständigungs-Songs – ist verändert. Jetzt lässt er kein Mädchen aus Griechenland mehr bei sich sein – nein er kehrt der Welt den Rücken, wenn er sein Meisterwerk malt. Und er muss vorher gründlich seine Kleider waschen und alles Fett abkratzen. Sprich: sich völlig von der Welt lösen. Dylan ist mit 80 Jahren entschiedener denn je.

Denn mit 80 Jahren bekennt er sich nochmal neu zu seinem Selbstverständnis als Künstlerpersönlichkeit: „I Contain Multitudes“, „False Prophet“, „Mother Of Muses“. Und zu seinem idealtypischen Amerika: „Key West“, „Goodbye Jimmie Reed“. Und zu seinem Glauben: „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“, Gotta Serve Somebody“, Every Grain Of Sand“.

Die Setlist als Summe der künstlerischen Einsichten und Bekenntnisse

Dylan zeigt uns als Summe seiner Karriere keine Setlist der größten Charterfolge, sondern eine Setlist, die seine künstlerischen und möglicherweise auch ein paar menschliche Einsichten sowie seine grundlegenden Bekenntnisse wiederspiegelt. Das kann nur Bob Dylan. Denn welcher Künstler außer Dylan würde es sich wagen, keinen einzigen seiner großen Hits zu spielen. Stattdessen nimmt er uns mit auf die Reise in sein künstlerisches „Hier und Jetzt“. Nicht der Entertainer als „Hit-Jukebox“, sondern der unvermindert kreative wie künstlerisch-potente Song-Bildhauer und Textmaler tritt da auf die Bühne nimmt uns jeden Abend mit in seine Werkstatt.

Im Spätherbst seiner Karriere ist Dylan mehr denn je ein Gesamtkunstwerk und seine eigene Erfindung. Ob der Maler, der Schöpfer von kunstvollen Gartentoren, der Whiskey Blendmaster Supervisor, der Radiomacher, der Songpoet und Live-Performer- alles nur verschiedene Aggregatzustände eines Elements: des großen Jahrhundertkünstlers Bob Dylan und seiner unstillbaren Kreativität, die fast nicht zu stoppen ist – „Sometimes I feel like my cup is running over“ (Masterpiece 2019/2021).

Musikjournalist, Blogger, Konzert-Kurator: Thomas Waldherr. Copyright: Cowboy Band Blog

All dies bekommt noch einmal eine besondere Qualität dadurch, dass Dylan mit 80 Jahren weitaus besser singt als mit 50. Und dass er sein Können als Arrangeur und Veränderer seiner Songs mittlerweile so perfektioniert hat, dass jeder neue Tourabschnitt große musikalische Überraschungen bietet. Und die Konzerte heute unterhaltsamer denn je sind.

Es ist daher nur zu hoffen, dass es die pandemische Entwicklung im Jahr 2022 ermöglicht, dass dieser Bob Dylan, dieser immer wieder aufs Neue großartige Künstler, weiter auf Tour geht. Wenn nicht, wäre das ein großer Verlust. Wir hoffen unvermindert das Beste!

Guten Rutsch und auf Wiederlesen in 2022!

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr. Auch wenn die pandemische und die politische Weltlage nicht unbedingt ein tolles und friedliches neues Jahr versprechen: Die Hoffnung bleibt!

Für das Interesse an diesem Blog bedanke ich mich sehr. Auch 2022 werde ich weiter an dieser Stelle meine Gedanken rund um Bob Dylan und Americana veröffentlichen. Es bleibt spannend!

Herzliche Grüße
Thomas Waldherr

John Mellencamp – immer noch unermüdlich, kreativ und engagiert

17. Dezember 2021

Der Heartland-Rocker wurde im Oktober 70 Jahre alt, hat eine starke Bindung zu Bob Dylan und bringt Anfang nächsten Jahres ein neues Album heraus

John Mellencamp, Copyright Wikimedia Commons

Er ist neben Bob Dylan, Bruce Springsteen und Neil Young der wichtigste lebende Vertreter der amerikanischen Rockmusik. Während Dylan dem Rock zu Hirn verhalf und den Rockstar als Maskenmann kreierte, Springsteen einen Sound erfand, der wie die gut geölten Maschinen des amerikanischen Arbeiters klang und Texte über die Underdogs singt und Neil Young immer wieder Folk mit Hippieträumen und Garagen-Grunge-Rock zusammenbringt, ist John Mellencamp der Heartland-Rocker. Aus dem mittleren Westen, irgendwo in Indiana, stammend, hat er sich über die Jahre vom Radio-Hit-Rocker – „Jack & Diane“, „Hurts So Good“, „Pink Houses“, „White Nights“ zum Folk- und Americana-Künstler entwickelt. Zwar hatte er immer schon Folk-und Roots-Einsprengsel mit Violine in seiner Musik, doch spätestens ab Ende der 1990er Jahre wird das zu seiner bestimmenden musikalischen Ausdrucksform.

Americana mit politischen Botschaften

2003 erscheint sein sinnstiftendes, stil- und genreprägendes Roots-Album „Trouble No More“ mit neu aufgenommenen und neu interpretierten klassischen Songs von Woody Guthrie bis Robert Johnson. Doch überstrahlt wird das Ganze von dem Skandal um seine Version des alten Charlie Poole-Klassikers „From Baltimore To Washington“, die eine Abrechnung mit Präsident George W. Bush darstellt. Die Folge: Viele konservative Country-Radiostationen boykottieren ihn. Doch dies ficht den überzeugten Demokraten nicht an. Mit Alben wie „Freedom’s Road“ und Songs wie „Our Country“ versucht er unermüdlich, das gute, das andere Amerika zum Leben zu erwecken.

Doch wo „Our Country“ 2007 noch wie der Song zum Optimismus der frühen Obama-Ära klang, so ist seine Musik in den letzten Jahren deutlich dunkler und ernüchterter geworden. Mit seinem Song „Easy Target“ kritisierte John Mellencamp zum Amtsantritt von Donald Trumps 2017 die gesellschaftlichen Zustände in den USA und geißelte unter anderem Waffengewalt, ethnische Ungerechtigkeit und Armut uns sagte im Interview:  „Das Land verändert sich langsam durch die Männer, die wir an die Spitze stellen, und ich habe Angst davor. Das Land hat sich verändert, durch das was passiert ist.“ 2020 auf dem Höhepunkt der Black Lives Matter-Proteste schließlich veröffentlichte er mit „A Pawn in the White Man’s Game“ einen Anti-Rassismus-Song in Anlehnung an Bob Dylans Klassiker „Only A Pawn In Their Game“.

Enge Beziehung zu Bob Dylan

Überhaupt hat Mellencamp eine starke Verbindung zu Bob Dylan. Denn er hat in jungen Jahren als „Bob Dylan-Jukebox“ angefangen. „Ich konnte jeden Bob Dylan-Song“ hat er mal in einem Interview gesagt. Heute ist der Mann aus Midwest mit dem großen Bob, der in diesem Jahr 80 geworden ist, befreundet. Und der sagt ihm schon mal unangenehme Wahrheiten wie „diese Aufnahme ist Scheiße, John“, wie Mellencamp in einem Interview zugab.

Dass Dylan aber trotzdem große Stücke auf John hält, beweist die exponierte Erwähnung in Dylans berühmter Musicares Speech 2015: „Und so wie mein Freund John Mellencamp singen würde – weil John heute etwas Wahres gesungen hat – eines Tages wirst Du krank und es geht Dir nicht besser.“

Neues Album – erstes Alterswerk?

Und nun also sein neues Album „Strictly One Eyed Jack“. Als Auskopplungen aus dem Album sind bislang „Chasing Rainbows“ und „Wasted Years“ erschienen. Letzteres ist eins von drei Duetten mit Bruce Springsteen, die auf der Platte sind. Der Song ist schon ein etwas resignativer Rückblick aufs Leben. Klar, wer für solche Ideale wie die beiden alten Knaben lebt, der kann nicht frohgemut sein ob der Zustände auf dieser Welt. Und besonders Bruce, der im September bereits 72 Jahre wurde sieht irgendwie alt aus. Auch „Chasing Rainbows“ ist ein altersweiser Song und erklärt Wahrheiten  über die Suche nach dem Glück. Man darf gespannt sein auf die anderen Songs, im Moment sieht es so aus, als wäre das neue Album die erste wirkliche Altersplatte des ehemaligen „Cougar“.

Abschiede ins Unbekannte

28. November 2021

„Gone“, das aktuelle Album von Tim Grimm, US-Folksänger aus Indiana, ist ein ruhiges, schönes Werk über Träume und Verluste

Copyright: Cavalier Recordings

Eigentlich wollte Tim Grimm – einer der wichtigsten zeitgenössischen Folksänger Amerikas, der auch schon Gast der Darmstädter Americana-Reihe war – in diesem Jahr gar kein Album veröffentlichen. Doch das Jahr 2020 mit Corona-Pandemie und einer immer größer werdenden sozialen Spaltung in der US-Gesellschaft, mit rassistischer Polizeigewalt und der Präsidentschaft Trumps ließen Songideen sprießen und ein Album wollte aufgenommen werden.

„Dieses Album ist … ernst, melancholisch und manchmal düster…. Aber ich betrachte diese Beschreibungen durch eine Linse, die auch das „Licht“ zulässt. Einer folgt dem anderen. Ich bin mit traurigen Liedern aufgewachsen – das waren die Lieder, die mir im Gedächtnis geblieben sind, die mich dazu bringen konnten, etwas zu „fühlen“. Das ist jetzt auch Teil meines Ziels als Songwriter“, beschreibt Tim die Grundstimmung seines Albums.

Was der USA verloren gegangen ist

Der Titelsong „Gone“ erzählt in bitterschönen, stimmigen Bildern davon, was in den USA verloren gegangen ist. Der Zusammenhalt, das Gefühl, ungeachtet der Herkunft, es zu etwas bringen zu können. Der amerikanische Optimismus, der Zusammenhalt – alles weg. Wegen Corona, wegen der immensen sozialen Ungleichheit, wegen des Rassismus, wegen Trump. Gegangen ist auch mit Tim Grimms Vorbild und Freund John Prine, einer der größten Songwriter Amerikas.

Tim veröffentlichte den Titeltrack im vergangenen Herbst als Single und er stieg schnell zum Nummer-Eins-Song des Jahres 2020 in den Folk-DJ-Charts auf. „Gone“ wurde auch als Song des Jahres bei den International Folk Alliance Awards 2021 nominiert. Der Titeltrack gibt die Richtung dieses melancholischen Albums vor, in dessen Zentrum neben „Gone“ zwei Abschiedssongs für verstorbene Menschen stehen. Für die junge Laura Pearl aus der Perpektive der Eltern gesungen und für den alten native American Joseph Cross, geschrieben vom ebenfalls 2020 verstorbenen Songwriter Eric Taylor.

Träume und Wehmut

Neben den Verlusten stehen die Träume in Mittelpunkt des Albums. „A Dream“ heißt denn auch der erste Song. Der Traum von einem Kind, das es nicht gibt. Vielleicht das Kind, das man wollte und das dann nie kam oder aber eine Vorahnung von dem was noch kommen kann. Tims Song schwebt hier über den klaren Antworten. Danach folgt „Carry Us Away“. Eigentlich ein klassisches amerikanisches Bild des Aufbruchs um es an einem Ort besser zu haben. Ein Weg, der im heutigen Amerika verbaut scheint,  in dem es entweder keinen Aufbruch mehr geben kann, zu hoffnungslos erscheint die Situation überall im Land, oder kein Ankommen mehr, wie der Film Nomadland über die Wanderarbeiter eindrucksvoll aufzeigt. So wird der Film eine Art wehmütiger Rückgriff. 

Zwei Songs fallen aus dem melancholischen Grundton des Albums heraus. Da ist zum einen „25 Trees“. Ein leichtfüßiger Song über das Auflisten von Buch- und Baumbeständen als stoische Antwort auf die Einsamkeit der Pandemie. Völlig ausgelassen aber ist der Talking Blues „Cadillac Hearse“. Eine Geschichte aus der Jugendzeit in den 1960ern, an dessen Ende der15-jährige einer Frau bei der Geburt geholfen hat. Sicher steht auch dieser Song für das Vergangene, aus dem aber Neues entstehen kann, und wie einen das überfordern kann.

Wohin geht die Reise?

Das Album ist mit seinen Erzählungen über Verluste und Träume ein Album, dass gut in diese Zeit passt. Es eine Zeit der Veränderungen, in der man von vielem Abschied nehmen muss, ohne konkret zu wissen wohin die Reise geht. Dies führt dazu, dass Träume und Albträume sich abwechseln und das Album stets in der Schwebe bleibt. Tim Grimm ist einfach ein großartiger Beobachter und feinsinniger Storyteller, der stimmige Metaphern ausbreitet. Begleitet wird er auf diesem feinen Folk-Album wieder von seiner Familie sowie zusätzlich von Susan Lindfors, der Witwe von Eric Taylor und seinen Freunden James Gilmer (Percussion) und Marco Feccio (E-Gitarre), die beide mit Eric spielten und Aufnahmen machten.

Ein Album mit dem Tim Grimm wieder einmal mehr seinen Status als einer der bedeutendsten Folksänger der USA unterstreicht. Ein melancholisches, manchmal leises, aber stets weises und sehr menschliches Album.

Tim Grimm: Gone

Erscheinungsdatum: 10. September 2021

Label: ‎Cavalier Recordings (Broken Silence)

Trackliste:

A Dream                                

Carry Us Away                     

Cadillac Hearse                   

25 Trees                               

Laurel Pearl                          

Joseph Cross                       

Gone                                     

Dreaming of King Lear     

A Dream (Reprise)            

What A Wonderful World…

26. November 2021

SONiA disappear fears wohltuendes und wärmendes Konzert beendete den diesjährigen Konzertreigen von „Thomas Waldherr präsentiert Americana“. Bei dem war Bob Dylan irgendwie immer auch dabei.

SONiA diappear fear beim Americana-Konzert in Darmstadt am 25. November, Copyright: Thomas Waldherr präsentiert Americana

Wundervoll. Wohltuend. Wärmend. Sonia Rutsteins (aka SONiA disappear fear) Konzert war genau das richtige zur richtigen Zeit. Wenn die Pandemie wieder anzieht und die Menschen sich wieder sorgen, da war SONiAs Konzert der Lichtblick, der Hoffnungsschimmer und die Ablenkung, die wir alle brauchen, um durch diese Zeiten zu kommen.

Allein ihre wundervolle Klavierversion des Klassikers „What A Wonderful World“ berührte schon die Herzen. Ebenso wie ihr zärtliches „The Princess & The Honeybee“. Sie ist eine wunderbare Menschenfreundin und Menschenfischerin, schnell hatte sie das Publikum in ihrem Bann und wechselte stets zwischen gefühlvollem und engagiertem Liedgut. Kaum einer beherrscht das so wie die mehrfach Grammy-nominierte US-Singer-Songwriterin, deren Cousin Bob Dylan und ihr wichtigster Einfluss Phil Ochs ist. Und so spielte sie John Lennons „Imagine“ ebenso wie ihren eigenen Protestsong „The Banker“, streute politische Mahnungen wie „By My Silence“ (nach Martin Niemöller) ebenso ein wie Songs über die eigene Identität („Me Too“).

Immer wieder kommt sie gerne nach Deutschland und so sang sie selbstverständlich auch in Darmstadt „Wandering Jew“, ihr Lied über ihre starke Beziehung zu Deutschland und vor allem zu den Menschen, die sie dort kennengelernt hat. Nachdem dann auch der Kurator der Konzert-Reihe zum Gesangsauftritt auf die Bühne gerufen wurde und SONiA ihn zu Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“ begleitete, endete das Konzert dann mit der Zugabe und den Klängen von Leonard Cohens „Hallelujah“. Es folgten Jubel und Applaus und einige wollten gar nicht nach Hause. Wir sehen uns wieder, liebe Sonia, wir freuen uns sehr darauf!

„Wenn wir spielen können, spielen wir“

Mit diesem Konzert geht also die Herbstsaison 2021 zu Ende. Wir sind froh, dass wir dieses Konzert noch stattfinden konnte. Oder wie ich zur Begrüßung gestern sagte: „Solange wir spielen können, spielen wir auch“. Möglicherweise kommen demnächst doch noch mal ein Lockdown oder schärfere Kontaktbeschränkungen. Dennoch bleibt die Hoffnung bestehen, dass wir Ende Januar ins Programm 2022 starten können. Absagen kann man, wenn es sein muss, immer noch. Aber dem Publikum und den Künstlern zu zeigen, wir haben was vor, wir wollen was bieten, wir planen was, das ist uns schon wichtig. Daher liegt der Programmflyer für das 1. Halbjahr 2022 auch schon vor und wird verteilt.

2022 etwas weniger Dylan im Programm

Bob Dylan ist eine der Stifterfiguren der Darmstädter Americana-Reihe. Neben Woody Guthrie, Pete Seeger oder Johnny Cash. Darum war es auch sehr passend, dass alle Künstler der Veranstaltungen im Jahr seines 80. Geburtstages eine Beziehung zu Dylan hatten bzw. aufbauten. So wie Romie mit ihrem wunderschönen Cover von „Don’t Think Twice“. Oder die Woog Riots mit ihrem Bob Dylan-Song und Hannah & Falco, die neben Künstlern wie Dan Dietrich, Wolf Schubert-K. oder Martin Grieben – allesamt bekannt als Dylan-Afficionados – sich Dylan wunderbar annäherten. Von Oliver Mally mit seinem Dylan-Cover-Album oder Sonia Rutstein als Cousine des großen Songpoeten ganz abgesehen.

SONiA am Flügel auf der Bühne der Bessunger Knabenschule, Copyright: Thomas Waldherr präsentiert Americana

2022 werden wir uns erst einmal etwas von Dylan entfernen. Wobei ein Dylan-Song eigentlich für jeden Künstler, der in der Americana-Reihe auftritt „Pflicht“ ist. Na, ja, jedenfalls wünscht sich das der Kurator immer. Mal schauen. Wir werden mit Sofia Talvik und Menna Mulugeta starke Frauen erleben, Hannah & Falco, das junge Folk-Duo aus Würzburg, bekommt einen eigenen Abend und wir werden mit einem musikalischen Vortragsabend mit Cuppatea und Steffen Lehndorff zum „New Deal“ in den USA auch wieder einmal eine etwas politischere Veranstaltung durchführen. Um dann doch mit Dylan das Halbjahr zu beschließen. Aber mit einer etwas anderen Perspektive. Martin Grieben und ich gehen mit einem Bühnenabend dem komplexen Verhältnis zwischen John Lennon und Bob Dylan auf den Grund.

Mehr zu alldem zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt verschnaufen wir erstmal und schauen, was die nächsten Tage bringen. Aber wie auch immer: Die Musik bleibt und wir stehen bereit, sie auf die Bühne zu bringen.

Zwei Videos von SONiAs Darmstädter Konzert: