Auf der Suche nach Bob Dylan und Amerika

New York, Tulsa, Woodstock – ein Reisebericht

Dieser Trip musste jetzt sein. Wir wollten vor dem November- es besteht tatsächlich die Gefahr, dass infolge der Wahlen Trump wieder Präsident wird – auf alle Fälle noch einmal in die USA. Hatten wir in den letzten Jahren vor allem den Süden und die Geburts- und Heimstätten der amerikanischen Roots Music besucht – Memphis und Clarksdale (Blues, Rock’n’Roll & Soul), Nashville & Bristol (Country) New Orleans (Jazz) sowie das Cajun County und die Appalachen (Mountain Music & Bluegrass) besucht – so war diese Reise explizit Bob Dylan und dem fortschrittlichen Amerika gewidmet. Wieder einmal New York, wieder einmal Tulsa, denn mittlerweile ist der Bob Dylan Center eröffnet und erstmals Woodstock, wo sich mit „Big Pink“ die Wiege des Americana befindet.

Greenwich Village und Sonnenfinsternis

Für New York hatten wir uns viel vorgenommen, von dem wir einiges auch nicht geschafft haben. Was nicht nur an uns liegt. Manhattan ist als Touristenmagnet mittlerweile einfach zu groß und zu voll. Der Massenandrang am Schiffsanleger nach Ellis Island und Freiheitsstatue ist einfach der Wahnsinn. Ohne dem heutzutage oftmals obligatorischen vorher gebuchten Online-Ticket wäre die Wartezeit immens groß gewesen. Aber wir wollten uns nicht schon vorher binden. Mittlerweile wird man fast dazu gezwungen, seine Urlaubsausflüge schon weit vorher digital zu buchen. Darauf hatten wir keine Lust und dementsprechend verabschiedeten wir uns vom Vorhaben, Ellis Island und das Museum zur Einwanderung zu besuchen. Dafür sind wir einige Stunden im Stadtteil Harlem mitgeschwommen, haben das legendäre Apollo-Theater bestaunt und die Szenerie auf uns einwirken lassen. Und interessante Eindrücke von einer mehrheitlich afroamerikanischen Community gewinnen können.

Natürlich waren wie wieder im Greenwich Village im Washington Square Hotel untergebracht. Dort wo schon Bob Dylan und Joan Baez genächtigt haben. Im alten Boheme- und Szeneviertel – hier haben schon Woody Guthrie und Pete Seeger gewirkt und später wurde hier Bob Dylan zum Fixpunkt der Folkszene – ist heute das Feierpublikum unterwegs. Es gibt noch Musikclubs wie das Cafe Wha?, wo wir den Countrysänger Gabe Lee in einem wunderschönen Konzert gesehen haben, und ein paar Comedytheater, aber einfach auch viele reine Amüsier- und teure Szeneschuppen. So ist das Village in seinem Herzen zum Vergnügungsviertel mutiert und hat viel von seinem Charme verloren.

„American Way of Sonnenfinsternis“

Und New York ist an einigen Stellen marode bzw. bekommt die Folgen jahrelanger staatlicher Enthaltsamkeit in Sachen Erneuerung der Infrastruktur zu spüren. Irgendwie passiert jetzt alles auf einmal. Auf der breiten Avenue de Americanas (6. Avenue) ist in Greenwich Village der Bodenbelag völlig abgefräst und keiner weiß, wann das wieder in Ordnung kommt. Überall wird gebaut. Auch nachts in der U-Bahn. Es gibt schöneres, als nachts nach dem tollen Alicia Keys-Musical „Hells Kitchen“ im Untergrund kilometerlang zum verlegten Abfahrtsort der Subway zu irren.

Dafür aber immer wieder schöne Erlebnisse wie die Sonnenfinsternis im Central Park, die von den New Yorkern ebenso unaufgeregt zur Kenntnis genommen wird wie das Erdbeben zwei Tage vorher. Auch wenn die Medien aus einem leichten Zittern, wie wir es auch im Hotel wahrgenommen haben, ein großes Drama machen. Ebenso symptomatisch wie spaßig war daher das Interview auf dem Times Square, in dem ich einer TV-Reporterin meine Erdbebeneindrücke schildern durfte.

Tulsa: Dylan, Guthrie und ein lang verdrängtes Massaker

Kaum einer schafft es so wie Bob Dylan in einer Liedzeile komplexe geschichtliche, gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen zu verdichten. „Take me back to Tulsa to the scene of the crime” heißt es in seinem langen Song-Epos „Murder Most Foul”. Zwei Dinge bringt er hier zusammen: Den Song “Take Me Back To Tulsa“, einer der großen Hits für Bob Wills, dem Vater des Western Swing. Der wirkte ja einige Jahre in Tulsa und machte den heute noch bestehenden „Cain’s Ballroom“ zur Geburtsstätte dieser Musikrichtung. Und Dylan erwähnt damit das „Black Wall Street Massacre“ von 1921, als der afroamerikanische Stadtteil Greenwood von einem rassistischen Mob bis auf die Grundfesten niedergebrannt und zerstört wurde und das Inferno bis zu 300 Menschen das Leben kostete. Bob Wills selber, der, wie es der afroamerikanische Bandleader Ernie Fields in seine Erinnerungen schildert, kein Rassist war und Fields Karriere gefördert hat, bringt den Rassismus und die Situation in Tulsa in seinem Song zusammen. In den Lyrics heißt es:

“Little bee sucks the blossom, big bee gets the honey/ Darkie raise the cotton, white man gets the money” und an anderer Stelle “Would I like to go to Tulsa? Boy I sure would/ Well, let me off at Archer, and I’ll walk down to Greenwood”. Wills schildert hier die Rassen- und Klassenverhältnisse und dass er auch keine Scheu hat, die Rassengrenzen zu überwinden.

Mittlerweile gibt es eine hervorragende Ausstellung zum Tulsa Massaker, die wir uns natürlich angeschaut haben. Eine Entschädigung der letzten noch lebenden Hinterbliebenen der Opfer wurde aber erst jüngst von einer konservativen Richterin abgelehnt. Die USA im Jahr 2024 – voller Widersprüche.

Der Bob Dylan Center und der Woody Guthrie Center liegen fast unmittelbar nebeneinander im Tulsa Arts District, dem kulturellen Herz der Stadt. Nur wenige Blocks entfernt von Cain’s Ballroom haben sich hier Theater und andere Kultureinrichtungen angesiedelt. Vieles hier wird der philantropischen Kaiser Foundation finanziert, so auch die beiden Archiv- und Ausstellungshäuser der Folk-Ikonen. Der Dylan Center beherbergt eine großartige Ausstellung zu Werk und Wirken Dylans, in der man viele Stunden verbringen kann. Absolut sehenswert!

Neu entdeckt haben wir beim Besuch in Tulsa den Buchladen Magic City Books. Hier habe ich das Buch „My Black Country“, der schwarzen Nashville Songwiterin und Schriftstellerin Alice Randall am Erscheinungstag erwerben können. Die Autorin wird im Mai dort lesen, die Veranstaltung findet in Kooperation mit Dylan- und Guthrie-Center statt. Auch ein wichtiges Indiz dafür, wo sich der Bob Dylan Center verortet. Und bei aller Zurückhaltung bei direkten politischen Ansagen des Meisters: Bob Dylan selbst ist und bleibt Teil des fortschrittlichen Amerikas.

Woodstock – Künstlerkolonie und Wiege des Americanas

Mit dem Woodstock Festival hatte unser Besuch in Woodstock rein gar nichts zu tun. Ich habe keine besondere emotionale Beziehung zu diesem als Ausdruck und Höhepunkt der Hippie-Kultur gehypten Musikfestivals. Erstens war das in Wirklichkeit der „Summer of Love“ 1967 in San Francisco, zweitens fand es gar nicht in Woodstock, sondern im 60 Meilen entfernten Bethels statt und drittens war Bob Dylan gar nicht dabei. Der war damals treusorgender Familienvater und weder mit den Hippies noch mit den zahlreichen Dylan-Pilgern etwas am Hut. Daher floh er vor dem Festival und spielte lieber mit The Band auf der britischen Isle Of Wight. Obwohl oder gerade weil der Name des Festival wegen Dylans Wohnort gewählt wurde.

Für uns ist Woodstock, das schon lange vor dem Festival Künstlerkolonie war, die Wiege des Americana. Hier im Haus Big Pink spielten sich Bob Dylan und The Band von Frühjahr bis Herbst 1967 durch die alten Klassiker aus Blues, Country, Folk und Gospel. Und wenn neue Musik entstand, dann wirkte sie uralt. Im psychedelischen Summer of Love gingen Bob und seine Freunde zu den Wurzeln der amerikanischen Musik zurück. Es entstanden die legendären Basement Tapes, die rudimentär acht Jahre später und vollständig erst fast fünfzig Jahre später offiziell veröffentlicht wurden. Nach den Aufnahmen der Basement Tapes brachte The Band „Music From Big Pink“ heraus und Dylan „John Wesley Harding“. Und der Kurs der amerikanischen Populärmusik war neu bestimmt.

Big Pink!

In Woodstock haben wir Big Pink und die Levon Helm Studios gefunden. Wir hatten eine wunderbare Bed & Breakfast-Unterkunft bei einer reizenden Familie und konnten so richtig relaxen. Der Ort ist voller Musik, wir genossen Soul und Funkonzerte, eine Open Mic Night und im nahen Kingston haben wir die Old Crow Medicine Show in einem fantastischen Konzert gesehen. Wir haben in Gesprächen mit typischen Woodstock Residents- hier haben viele liberale New Yorker ihren Wochenend- und Alterssitz- die Furcht vor Trump gespürt aber auch gemerkt, dass es sich hier vor allem um eine mehrheitlich weiße Community handelt. Aber es ist trotzdem ein Ort des fortschrittlichen Amerikas. Mit dem Wohnsitz von Franklin D. Roosevelt im unweit gelegenen Hyde Park und dem angeschlossenen Roosevelt Museum, in dem es vor allem auch um die Geschichte des New Deal geht, haben wir auch eine seiner weiteren Pilgerstätten besucht. Ebenfalls nicht weit von Woodstock liegt Beacon, wo Pete Seeger gewohnt hat und von wo aus er sein Hudson River-Umweltschutzprojekt in Angriff genommen hat. Wir haben also tatsächlich einen wichtigen Landstrich des fortschrittlichen Amerikas gefunden.

Die USA vor der Wahl

Die Stimmung im Land schwankt derzeit zwischen Verdrängung und Furcht. Man lebt den Alltag, Bidens Wirtschaftspolitik funktioniert und trotzdem zweifelt man am scheinbar greisen Präsidenten. So verdrängt man oftmals die bevorstehende Richtungswahl, denn der Wahlkampf hat noch nicht begonnen. Zudem sind New York City und der Bundesstaat New York einfach keine republikanischen Hochburgen. Vieles scheint hier weit weg.

Es war also wieder einmal eine sehr interessante, erlebnisreiche, spannende und musikalische Reise, die in ihrem New Yorker Teil – gerade auch auf der letzten Etappe mit dem Weg zum Flughafen- auch sehr anstrengend war. Wir schauen gebannt was im November passieren wird. Auch davon wird abhängen wie schnell wir wieder in die USA reisen werden.

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