27 mal 74

Bob Dylans 1974er Tour wird von Sony Music mit einer aufwändigen CD-Retrospektive im Umfang von 27 CDs gewürdigt

Copyright: Sony Music

Inhaltlich hatte ich bereits am 5. Januar an dieser Stelle anlässlich des 50-jährigen Jubiläums an Bob Dylans 1974er Tour erinnert:

www.cowboyband.blog/2024/01/05/vor-50-jahren-bob-dylans-zwiespaltiger-triumphzug/

Zwiespältiger Triumphzug

Es war wirklich ein zwiespältiger Triumphzug. Die Akteure konnten sich aufgrund der bis dahin im Rock-Business nicht dagewesenen Kartennachfrage ihres Status sicher sein und wurden auf Händen getragen. Dafür ließen sie sich aber künstlerisch auf zu viele Kompromisse ein, indem sie die erwarteten Rollen spielten. Levon Helm erinnerte sich später: „Manchmal hatte ich das komische Gefühl, dass wir die Rollen von Bob Dylan und The Band spielten und das Publikum dafür bezahlte, um zu sehen, was es vor vielen Jahren verpasst hatte.“ Auch Dylan hatte Probleme mit der Rolle, die er in dieser Tour spielte, und sagte nachdenklich 1980 in einem Interview: „Als Elvis 1955 ‚That’s All Right, Mama‘ spielte, war es Sensibilität und Kraft. 1969 war es einfach pure Kraft. Dahinter steckte nichts anderes als nur Gewalt. Ich bin auch in diese Falle getappt. Nehmen Sie die Tour von 1974. Es ist ein sehr schmaler Grat, den man beschreiten muss, um mit etwas in Kontakt zu bleiben, wenn man es einmal erschaffen hat … Entweder es hält einem stand oder nicht.“

Nichtsdestotrotz: Ein einziger Dylan-Rausch

Nichtsdestotrotz war es ein riesiger Dylan-Rausch, der mit „Before The Flood“ bislang auf offiziellen Tonträgern nur unzureichend dokumentiert wurde. Nun wird am 20. September mit der neuen 27-CD-Box „The 1974 Live Recordings“ alles veröffentlicht, das damals professionell mitgeschnitten wurde. Und damit wohl auch das Copyright für diese Musik gewahrt. Da aber viele Dylan-Fans ohnehin alles schon haben, stellten sich die Fragen: „Braucht man das? Und für diesen Preis?“.  Der Preis, der bei den führenden Anbietern derzeit 119 Euro für die 27 CDs beträgt, ist, gegenüber dem zwischen 89 und 109 Euro rangierenden Preis für die fünf „Fragments“ CDs, allerdings geradezu ein Schnäppchen. Noch dazu gibt es viele Fotos und neue Liner Notes der Journalistin Elisabeth Nelson. Und in der Box stecken dann folgende Konzerte:

Disc 1: January 3, 1974 – Chicago Stadium, Chicago, IL

Disc 2: January 4, 1974 – Chicago Stadium, Chicago, IL

Disc 3: January 6, 1974 (Afternoon) – The Spectrum, Philadelphia, PA

Disc 4: January 6, 1974 (Evening) – The Spectrum, Philadelphia, PA

Disc 5: January 7, 1974 – The Spectrum, Philadelphia, PA

Disc 6: January 9, 1974 – Maple Leaf Gardens, Toronto, Canada

Disc 7: January 11, 1974 – Montreal Forum, Montreal, Canada

Disc 8: January 14, 1974 (Afternoon) – Boston Gardens, Boston, MA

Disc 9: January 15, 1974 – Capital Centre, Largo, MD

Disc 10: January 16, 1974 – Capital Centre, Largo, MD

Disc 11: January 17, 1974 – Coliseum, Charlotte, NC

Disc 12: January 19, 1974 (Afternoon) – Hollywood Sportatorium, Hollywood, FL

Disc 13: January 21, 1974 – The Omni, Atlanta, GA

Disc 14: January 22, 1974 – The Omni, Atlanta, GA

Disc 15: January 26, 1974 (Afternoon) – Hofheinz Pavilion, Houston, TX

Disc 16: January 26, 1974 (Evening) – Hofheinz Pavilion, Houston, TX

Disc 17: January 30, 1974 – Madison Square Garden, New York City, NY

Disc 18: January 31, 1974 (Afternoon) – Madison Square Garden, New York City, NY

Disc 19: January 31, 1974 (Evening) – Madison Square Garden, New York City, NY

Disc 20: February 9, 1974 (Afternoon) – Seattle Center Coliseum, Seattle, WA

Disc 21: February 9, 1974 (Evening) – Seattle Center Coliseum, Seattle, WA

Disc 22: February 11, 1974 (Afternoon) – Alameda County Coliseum, Oakland, CA

Disc 23: February 11, 1974 (Evening) – Alameda County Coliseum, Oakland, CA

Disc 24: February 13, 1974 – The Forum, Inglewood, CA

Disc 25: February 14, 1974 (Afternoon) – The Forum, Inglewood, CA

Disc 26: February 14, 1974 (Evening) – The Forum, Inglewood, CA (Pt. 1)

Disc 27: February 14, 1974 (Evening) – The Forum, Inglewood, CA (Pt. 2)

Copyright: Sony Music

Der Chronist freut sich daher vor allem auch auf die Version von Mr. Tambourine Man vom Abendkonzert in Los Angeles am 14. Februar, bei der Garth Hudson Akkordeon spielte, in bester Tonqualität.

In Verbindung mit „The 1974 Live Recordings“ hat Jack Whites Third Man Records übrigens die Veröffentlichung von „The 1974 Live Recordings – The Missing Songs From Before the Flood“ für September angekündigt, ein 3-LP-Set, das handverlesene Versionen aller Songs enthält, die Bob Dylan damals aufgenommen hat und die nicht auf dem Original-Livealbum von 1974 enthalten waren. Das Set ist ausschließlich auf farbigem Vinyl gepresst und wird über The Vault erhältlich sein, Third Mans Direktversandservice.

417 bislang unveröffentlichte Live-Tracks

Für die 27-CD-Box verspricht die Plattenfirma: „‘The 1974 Live Recordings‘ bietet den Fans 417 bisher unveröffentlichte Bob-Dylan-Live-Tracks – darunter 133 neu abgemischte Aufnahmen von 16-Spur-Bändern und jede einzelne überlebende Soundboard-Aufnahme.“ Und weiter: „Bob Dylan und The Band traten zum ersten Mal in Arenen auf und spielten 30 Konzerte in 42 Tagen (oft mit zwei Sets pro Tag) vor durchschnittlich 18.500 Zuschauern – und setzten damit neue Maßstäbe dafür, wie Rockkonzerte aussehen und klingen können.“

Der Rolling Stone lobte damals die Energie, die Dylan & The Band auf die Bühne brachten. Doch bei Dylan machten sich am Ende doch Zweifel breit. Danach sollte er damit beginnen, die Erwartungen des Publikums immer mehr zu unterlaufen. Dieser Rausch, diese „Dylan-Mania“ kam in dieser Form nicht mehr auf. Doch die Rolling Thunder Review oder die 1978er-Tour begeisterten auf ganz andere Art. Abgesehen von den späteren Touren wie die „Rough And Rowdy Ways-Tour“, wo er sich im Grunde vollständig vom Greatest Hits-Konzept distanziert.

Und doch ein Meilenstein in Dylans Karriere

Die 1974er-Tour bleibt aber trotz all dieser Widersprüchlichkeiten als Comeback-Tour ein Meilenstein in Dylans Karriere. Gut, dass nun so viele Konzerte und Songversionen zugänglich gemacht worden sind. Der Chronist freut sich und wird über das Hör-Erlebnis berichten.

Eine Antwort to “27 mal 74”

  1. Avatar von maddin61 maddin61 Says:

    Vielen Dank für den Artikel!

    27CDs, das dürften mehr als 30 Stunden „Dylan Live 1974“ sein. Aus Copyright-Gründen kann ich die Veröffentlichung verstehen, die Gerüchte stammten ja schon aus dem letzten Jahr.

    Für mich boten 1975/1976 und 1978 mehr „Variation“, aber scheinbar sind von 1978 einige SBDs nicht mehr zu rekonstruieren, jedenfalls aus meiner Erinnerung des Gelesenen. Die Hoffnung für 2026 und 2028 bleibt aber wach! 🙂

    Besonders 1976 verdient eine umfangreichere Veröffentlichung als „nur“ Hard Rain. 1978 sowieso.

    Das Problem ist die „Zeit“, die „Zeit“ ist immer das Problem, vor allem.bei 27CDs von 1974. 🙂

    Ich habe längst bei zwei Anbietern bestellt, aber ob ich alles *hören* kann und will, das steht in den Sternen.

    Vermutlich bastele ich mit ein 4CD-Set aus den 27CDs mit den selten gespielten Songs und nach Empfehlungen von Hörtipps von anderen. Das werde ich mit Freude hören, sonst erschlägt mich die Masse.

    Wie bei Grass. 🙂

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