Margo Price singt „Hurricane“ auf dem Album „Better Than Jail“
Vielleicht die größte Überraschung auf dem neuen Album „Better Than Jail“ – hier spielt eine illustre Musikerschar aus Country und Americana legendäre Gefängnissongs und setzt sich für Gefängnisreformen und Haftverbesserungen ein – ist Margo Prices Version von „Hurricane“. Countrysängerin Margo Price interpretiert hier Dylans legendären Protestsong gegen die Inhaftierung des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter. Und das ist mutig. Nur wenige und dazu noch kaum bekannte Musiker haben sich bislang an dieses Stück gewagt.
Selten gecoverter Dylan-Song
Bei der Recherche stießen wir auf Namen wie Middle Class Rut (schöne punkige Version) oder Andy B & The World (temporeicher Ska-Folk-Hybrid) oder Pedro Javier Gonzalez (Gitarrenstück rein instrumental). Dazu natürlich die eine oder andere Dylan-Coverband. Die ganz großen Namen sind da nicht dabei, sieht man mal von den Highwomen, Wolfgang Niedeckens BAP und Phil Lesh & Friends ab.
Umso höher ist die Courage von Margo Price zu wertschätzen, die sich den vielleicht am wenigsten gecoverten bekannten Dylan-Song ausgesucht hat. Der Song ist zu eng mit Bob Dylan und Hurricane Carter und der damaligen Dylan-Phase verbunden. Dylan hat ihn nach dem 1976, nach dem Ende der Rolling Thunder Revue nie mehr gespielt. Und wenn er gespielt wird, dann meist musikalisch recht nah am Original.
Eigene Gefängniserfahrungen
Nun also die Countrysängerin Margo Price. Dabei ist sie gar keine so typische Countrysängerin. Zwar wurde sie ganz standesgemäß in einer Kleinstadt im Mittleren Westen geboren, doch bevor sie in der Countryszene den großen Durchbruch hatte, spielte sie u.a. in der Band „Secret Handshake“ politische und sozialkritische Songs. Und ihre Leben hatte schon auch seine Tiefen, in dem auch eine Gefängniserfahrung gehört. So sagte im Interview mit dem Onlinemagazin „Fader“ zu ihrem Song „Weekender“: „Gefängnislieder sind in der Country-Musik ziemlich verbreitet, besonders in den alten Sachen. Aber ich glaube, es gibt nicht viele Frauen, die Gefängnislieder geschrieben haben. Ins Gefängnis zu gehen ist nicht sehr weiblich. Ich war einfach sehr deprimiert und habe viele schlechte Entscheidungen getroffen, und so endete es. Es war so etwas wie ein Wendepunkt. Ich wusste nicht, dass es so enden würde, aber ich wusste, dass ich so deprimiert war, dass etwas passieren würde, ob ich mich nun in eine psychiatrische Anstalt sperren lassen würde oder was auch immer, und so endete die Depression irgendwie. Es ist egal, wie süß und unschuldig du aussiehst. Wenn du schlechte Dinge tust, wirst du irgendwann erwischt. Versuche nicht, der Polizei davonzulaufen, ramme dein Auto nicht vor den Augen der Polizisten gegen Dinge.“
Margo ist Bob-Fan
Möglicherweise erklärt das ihre Teilnahme am Better Than Jail-Projekt. Aber warum Bob Dylans „Hurricane“? Nun, Bob Dylan hat für die Country- und Americanamusikerin tatsächlich eine besondere Bedeutung. Dem Magazin Pitchfork sagte sie 2020, kurz nach dem erscheinen von „Rough And Rowdy Ways: „Ich habe ihn schon in jungen Jahren gehört, aber erst mit 19 hat es bei mir richtig Klick gemacht. Damals begann ich, mich in Dylan zu verlieben, wollte so sein wie er und in seine Gedankenwelt eindringen. Ich war gerade nach Nashville gezogen und hatte von einem Ex-Freund „The Essential Bob Dylan“ bekommen – es ist das einzig Gute, was er mir hinterlassen hat. Ich war auf mich allein gestellt und jagte einem schwer fassbaren Traum nach; ich wusste nicht, ob er aufgehen würde, und es gab Leute in meinem Leben, die mir sagten, ich solle ihm nicht folgen. In diesem Alter wurde seine Musik wichtiger als alles andere. Und das blieb so. Er ist mein Songwriter Nr. 1 aller Zeiten.“ Im gleichen Interview schildert sie auch, wie sehr sie die Veröffentlichung von „Murder Most Foul“ berührt hätte und das sie gerne „Like A Rolling Stone“ geschrieben hätte. Ein echter Fan.
Dylans großer Einfluss
Also ist damit klar, dass sie bei der Vorgabe, einen legendären Gefängnissong neu aufzunehmen, bei Bob Dylans „Hurricane“ landen musste. „Das Lied handelt von der Inhaftierung des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter. Es fasst rassistische und kriminelle Handlungen gegen Carter zusammen, die zu einem falschen Prozess und einer falschen Verurteilung geführt haben. Meine Band und ich haben es aufgenommen, um das Bewusstsein und die Unterstützung für die dringende Notwendigkeit zu stärken, die Schäden des Strafrechtssystems zu reduzieren.“, sagte sie bei der Vorabveröffentlichung auf Instagramm.
Und wenn man ihre Worte zu ihrem aktuellen Album „Strays“ bedenkt, dann passen Price und Dylan von ihrem Selbstverständnis wirklich gut zusammen, scheint sie doch sehr von ihm beeinflusst zu sein: „Ich fühle diesen Drang immer weiterzugehen und dabei Neues zu schaffen. Ansonsten bleibt man immer an derselben Stelle stehen.“
Immer wieder Dylan-Songs im Repertoire
Und wenn man dann noch auf ihre Konzert-Setlisten und ihre Auftritte sieht: Coverversionen von Dylan-Songs sind immer wieder darauf. „Oh Sister“, „Things Have Changed“, „Rainy Day Women“ usw.
Und so singt sie mutig den bald 50 Jahre alten Klassiker voller Kraft und Überzeugung. Ihre Version ist gut hörbar und gewinnt dem Song durchaus neues ab. Wo Dylan rebellisch und dennoch cool war, da singt Margo Price mit weiblicher Empathie und kraftvollem Engagement. Eine der interessantesten und feinsten Dylan-Cover der letzten Jahre.
Wann kommt denn endlich das Dylan-Coveralbum, liebe Margo Price?



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