Bob Dylans nie gedrehter Western

Der Solitär auf Blood On The Tracks: Lily, Rosemary and the Jack of Hearts

The Jack of Hearts

Es liest sich wie die Vorlage für einen Western. Alle Zutaten sind drin. Ein Reicher, Big Jim, dem die Diamantenmine und damit die Stadt gehört. Seine traurige Ehefrau Rosemarie, seine langjährige Geliebte Lily und der gut aussehende Outlaw, der Jack of Hearts“, den beide Frauen anschmachten. Falsche Liebe, verzweifelte Liebe, vergangene Liebe. Ehe und Affäre – beides genauso traurig und verhängnisvoll. Alkohol und Gewalt. Saloon und Kartenspiel. Mord, Tod und Hinrichtung. Am Ende die Bank geknackt und der Jack of Hearts ist über alle Berge. Der Reiche ist tot, die Ehefrau hingerichtet und die Geliebte, die schon eine schwere Kindheit hatte, endgültig zerbrochen.

Wie ein Western von John Ford

„Lily, Rosemary and the Jack of Hearts“: Wow – was für ein Stoff. Daraus hätten John Ford oder Anthony Mann oder vielleicht auch Sergio Leone einen klassischen Western gemacht. Alle Figuren sind gebrochen und der erfolgreiche Minenbesitzer stirbt am Ende. Doch die Gerechtigkeit siegt nicht. Der Outlaw triumphiert und lässt die Frauen verloren zurück. Die eine zerbrochen, die andere tot.

Und tatsächlich geht es um Eigentum, Besitz und Recht. Auch eine Art Parabel. Der Reiche der sich Gefälligkeiten und Frauen kaufen kann. Der eine konventionelle Ehe vortäuscht, die aber nur als Bild nach außen funktioniert, nach innen ist sie ein Gefängnis für die Ehefrau im goldenen Käfig. Am Ende wird Recht gesprochen. Ob das Urteil die Richtige trifft, bleibt unklar.

Der Richter, der dafür bekannt ist, mit dem Aufhängen schnell zu sein, ist auch keine wirkliche Respektsperson. Er ist selber ein zwielichtiger Säufer. So bleibt das Gesetz des Westens ein Gesetz des Dschungels. Zwar sind formal alle Positionen eines angeblichen Rechtsstaates besetzt. Doch es herrscht das Recht des Stärkeren und so mancher Würdenträger ist eine nichtsnutzige Marionette.

Aber so sind die Sitten im wilden Westen. Wobei wenn man es sich recht überlegt, feiern diese Wild-West-Manieren in Amerika ja gerade wieder eine Renaissance.

Ein Song, der aus dem Rahmen fällt

Wie auch immer fällt dieser Song aus dem Rahmen von „Bood On The Tracks“. Dylans Trennungsalbum, Dylans Schmerzensalbum. Er ist eine fiktive Geschichte, der allwissende Erzähler ersetzt den Ich-Erzähler. Wobei Dylan ist ja eigentlich gar kein Storyteller, sondern ein Maler. Er malt die Geschichten. Es gibt Songs, die funktionieren wie Skizzen, ein paar andeutende Federstrich und jeder liest eine (andere) Geschichte daraus. Andere funktionieren wie ein großes Gemälde eines alten Meisters, ein Panoramabild, in dem unheimlich viel an allen Orten auf der Leinwand gleichzeitig passiert.

Zudem war er ja auf Blood On The Tracks ja noch direkt von Norman Raeben beeinflusst. „Tangled Up In Blue“ erzählt die Geschichte nicht straight forward. Schauplätze, Zeiten, Perspektiven wechseln und springen hin und her. Auf der nächsten Platte, „Desire“, da schuf er Songs, die straight forward erzählt werden und daher wie ein Filmplot wirken: „Hurricane“, „Joey“, „Black Diamond Bay“, „Romance In Durango“. „Lily, Rosemarie and the Jack of Hearts“ nimmt das schon vorweg. Ohne den Off Broadway-Regisseur Jaques Levy als Co-Texter.

Zwischen den vielen traurigen inneren Monologen auf „Blood On The Tracks“ wirkt unser Song wie ein Solitär. Irgendwie aus dem Rahmen gefallen. Engagierter, treibender Gesang, schmissige Musik. Vielleicht hält dieser Song, weil er aus dem Rahmen fällt, den Rest zusammen. Als Fixpunkt, als notwendiges Erholungsreservoir zwischen all dem aufwühlenden emotionalen, selbstbezogenem Songwriting der anderen Lieder. Für den Hörenden wie für den Sänger gleichermaßen. Gerade weil er quer zu den anderen Songs liegt, gehört er dazu. Ohne ihn wäre die Platte inhaltlich zugespitzter. Aber musikalisch ärmer.

50 Jahre Blood On The Tracks. Ein Bob Dylan-Abend, Copyright: PiPaPo

50 Jahre Blood On The Tracks – Ein Bob Dylan-Abend

Auch bei diesem Abend am 3. April im Bensheimer PiPaPo-Kellertheater mit Songs und Geschichten rund um das Album, gesungen, gespielt und erzählt von Martin Grieben, Frank Willi Schmidt und Thomas Waldherr kommt der Song oder besser gesagt die Geschichte, die darin erzählt wird und die Funktion, die der Song auf der Platte hat, natürlich vor.

Infos und Tickets: http://www.pipapo-kellertheater.de/bott-2/

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