“I hope we played something that you came to hear”

Von Nr. 50 zu Nr.1: Erinnerungen an Bob Dylan in Mannheim 1981

Das Plakat: Mannheim 1981

Nachdem klar ist, dass ich in Brüssel im Herbst meine Dylan-Konzerte Nr. 49 und Nr. 50 erleben werde, da denke ich angesichts des Jubiläums schon immer mal wieder zurück auf mein allerstes Bob-Konzert am 18. Juli im Mannheimer Eisstadion.

Ich hatte Dylan mit „Desire“ kennengelernt, „Hard Rain“ im Fernsehen und „Renaldo & Clara“ und „The Last Waltz“ im Kino gesehen, „Street Legal“ und „Budokan“ gehört, dann kam „Slow Train Coming“, da war ja Mark Knopfler dabei, das fand ich damals musikalisch klasse. Inhaltlich stöhnte ich damals auf wegen der vielen Jesus-Songs. Also erklärte ich kurzerhand Jesus zur Frau und sang bei „I Believe In You“ und Precious Angel lauthals mit. Mit „Saved“ konnte ich dann noch weniger anfangen und das Mitsingen bei „Convenant Woman“ und „What Can I Do For You“ machte auch nur noch leidlich Spaß.

Bob Dylan wieder in Deutschland

Und dann die Nachricht: Dylan spielt wieder in Deutschland! Die 1978er Konzerte waren für mich zu früh gekommen, jetzt aber wollte ich die Chance nutzen. Also fuhr ich mit Freunden nach Mannheim. Am 18. Juli 1981. Am Nachmittag beim Treffen vor der Abfahrt hörten wir dann noch „Heart Of Mine“, das gerade als Singleauskopplung erschienen war, bevor das neue Album dann im August veröffentlicht wurde. Das hörte sich musikalisch besser an als „Saved“, war aber nicht so perfekt produziert wie die Songs von „Slow Train Coming“. Und dann ging es los!

Mittlerweile war das Konzert – war es das Wetter, das zu geringe Zuschauerinteresse? – verlegt worden vom Mannheimer Rhein-Neckar-Stadion ins Eisstadion. Dort angekommen, standen wir gefühlt stundenlang davor, um uns gute Stehplätze sichern zu können. Es regnete ein bisschen und wenn man den Gesprächen der anderen Wartenden lauschte, dann war das eine Mischung aus Vorfreude, stoischer Haltung zu Dylans Jesus-Ding und spöttischen Kommentaren zu den angeblich immer kleiner werdenden Hallen.

Dann öffneten sich die Tore und es wurde ein bisschen drängelig, aber wir fanden gute Stehplätze im vorderen Hallendrittel. Drinnen angekommen, konnte man das Publikum richtig wahrnehmen. Eine Mischung aus Normalos, Hippies und US-Soldaten. Die waren damals noch in West-Deutschland stationiert und füllten hierzulande so manches Konzert der US-Stars. Durch die Halle waberten mir unbekannte Gerüche, die sich aus Rauchschwaden speisten. Wow, das war spannend!

Schwarze Lederjacke, schwarzes T-Shirt

Irgendwann kam Dylan auf die Bühne. Sein Auftritt war souverän, wie ich fand. Ohne große Show. Er trug eine einfache schwarze Lederjacke und ein schwarzes T-Shirt. Er machte nur wenige Ansagen und predigte in keinerlei Weise. Und ob er in Bad Segeberg wirklich gesagt hat „Wer meine neuen Songs nicht mag ist vom Teufel besessen“ wie sich der Radio Eins-Kollege in einem Radiospecial erinnern wollte, ist höchst zweifelhaft. Denn Bei Olof Björners Bob Talk-Mitschriften der Bad Segeberger Konzerte und aller anderen Deutschland-Konzerte ist dergleichen nicht zu finden: https://bobserve.com/olof/DSN06290%20-%201981%20Europe%20Summer%20Tour.htm#DSN06480

Es würde auch gar nicht passen. Solch ein Satz hätte Dylan im Konzert als frisch konvertierter 1979 gesagt, aber nicht mehr 1981, als er längst wieder alte Songs spielte. Doch ein großer Teil der Presse wollte nicht differenziert urteilen und so wurde Dylan alles Mögliche unterstellt.

Anyway, Bob spielte ein sehr schönes „I Believe In You“, bei „Mr. Tambourine Man“ war der Song „wieder voll da“, wie ein Freund von mir bemerkte, und bei „Ballad Of A Thin Man“ überraschte Dylan mit einer wilden, ausladenden Gestik. Irgendwie strange. So habe ich nachher von Dylan nie mehr gesehen.

Das Ticket: Mannheim 1981

Leichte Unruhe wegen der Gospelfrauen

Natürlich war bei „Like A Rolling Stone“ beste Stimmung, aber den Chorfrauen stand das Publikum doch relativ reserviert gegenüber. Es kam schon ein bisschen Unruhe auf, als eine der Chorfrauen dann solo einen Gospel sang, aber es blieb nach meiner Erinnerung alles im Rahmen. Von Dylans Duett mit Clydie King bei „Let’s Begin“ war ich überrascht und konnte es auch nicht richtig einordnen. Das passte irgendwie nicht zu meinem damaligen Bob-Bild. Und so erging es wohl vielen. Nach dem „großen Schubidu“ 1978 nun also 1981 Gospelsongs und Duette. Viele deutschen Dylan-Fans ärgerten sich einfach, dass der klassische Dylan der frühen und mittleren 1960er Jahre hier in Deutschland einfach nicht live zu hören war, sondern nun Lichtjahre davon entfernt schien. Also klammerte man sich an die alten Hits fest, die Dylan dem Publikum mittlerweile auch wieder gab. Ohne allerdings seine Weiterentwicklung zu verbergen.

Bei „Heart Of Mine“ – kurz vor Ende des regulären Sets – stellte sich Bob ans E-Piano und ihm wurde ein Handtuch umgehängt. Bei „In The Garden“ stellte Bob Dylan seine Band vor und sagte den Satz, der zeigte, dass er durchaus wusste, welche Wirkung seine Setlists entfalten konnten: “I hope we played something that you came to hear”. Mit „In The Garden“ schloss das Konzert auch erstmal. Und da waren wir schon bei 24 Songs!

Dann die Zugaben. Völlig strange dann auch hier der Beginn: Der Background-Chor singt gefühlt schon mal dreiviertel von „Blowin‘ In The Wind“, ehe Dylan nur mit dem Mikro wie ein Schlagersänger aus dem Bühnenhintergrund tritt. Uff, da mussten wir doch schlucken. Am Ende dann eine feine Version von „Knockin‘ On Heaven’s Door“ und die Stimmung war versöhnlich.

Wir verließen Mannheim und ich war zufrieden. Und mit „Infidels“, das im Herbst 1983 erschien, hatte er mich ja dann wieder mit einer offeneren Geisteshaltung endgültig wieder für sich eingenommen. Live sollte ich ihn erst 1987 in Frankfurt bei einem wirklich grauslichen Konzert wieder sehen. Doch der Anfang war gemacht und zehn Jahre später in Offenbach ging es mit meinen Dylan-Live Experiences ja erst so richtig los.

Thomas Waldherr wird nächstes Jahr sein drittes Buch über Bob Dylan veröffentlichen, das den Arbeitstitel „Bob Dylan 1981“ hat und u.a. auch aus verschiedenen Perspektiven auf dessen damalige Deutschland-Tour blicken wird.

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