Gaslight Rag – Die Folkclubs von Greenwich Village in den 60er Jahren

von Richard Limbert

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Die Künstler von Greenwich Village, „the Coney Island of the Soul“
Als ein junger Bob Dylan 1960 die Folk-Szene von Greenwich Village in New York betrat, war er mit weitaus mehr bewaffnet als nur Gitarre und Mundharmonika-Halter: Dylan hatte einen Heißhunger auf die Bühne, andere Musiker und neue Inspiration. Glücklicherweise lief Dylan geradewegs in eine seit kurzem erblühende Landschaft aus Musikern, Netzwerken und Auftrittsmöglichkeiten hinein. Ein guter Start für den jungen Bob Zimmermann, der sich erst seit kurzem „Dylan“ nannte. Dieser fruchtbare Boden lieferte perfekte Startbedingungen für nach Aufmerksamkeit und Bewegung lechzende Folkmusiker, wie Simon & Garfunkel, Phil Ochs und eben Bob Dylan. Hier gab es als junger Musiker alles was man brauchte: Zusammenkunft, Austausch, Musik und vor allem: ein Publikum. Besonders Greenwich Village war schon seit einigen Jahren als die Künstlerhochburg New Yorks bekannt. Der Schriftsteller Maxwell Bodenheim, der als König der Bohème von Greenwich Village galt, betitelte das Viertel schon in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als „Coney Island of the Soul“. Die Jazz- und Beat-Szene war hier schon seit den 50er Jahren sehr aktiv. Doch sprossen im Village ab den 50ern auch die Stätten für Folk Music wie Pilze aus dem Boden.

Die Anfänge der Folk-Auftrittsorte wie Bars und Cafés haben sich erst nach und nach gezeigt. Nachdem durch Musiker wie Pete Seeger und dem Kingston Trio in den 50er schon die ersten kommerziellen Folk Hits in die US-Charts stiegen, stieg auch die Zahl der Folkmusiker im Künstlerviertel an. Anfangs herrschte eine recht zwiegespaltene Atmosphäre aus gegenseitiger Hilfe, dem Verschaffen von Gigs und knallharter Konkurrenz. Klar ist, dass die Zahl der Folkmusiker im Greenwich Village ab den 50er Jahren rasant anstieg. Von nur einem Coffeehouse im Village in den 50er Jahren, stieg die Zahl der Folk Coffeehouses bis in die 60er Jahre auf 20 bis 25 an.

Erste Schritte des kommerziellen Folk: Das Café Bizarre
Das erste Coffeehouse, das als Ort für Folkmusik geplant war, war das Café Bizarre, das 1957 öffnete. Das Café Bizarre war jedoch eher ein touristisch geprägtes Café, in dem die junge Beat-Kultur und Hipster-Bewegung im alternativen Greenwich Village förmlich zur Schau gestellt wurde. An den Decken hingen Plastikspinnweben und die Mitarbeiter waren als Monster verkleidet. Ein seriöser Ort für Folkmusiker war das also definitiv nicht. Dave van Ronk, eine leitende Figur der Szene, beschreibt das Interieur und die Atmosphäre im Café Bizarre in seiner Semi-Biographie so:

Café Bizarre, Bildrechte: Musitron

„Was Konzept und Aufmachung betraf, war der Laden die reinste Touristenfalle, der den Besucher ein Greenwich Village verkaufte, das es so nie gegeben hat, höchstens in dem Film ‚Meine Braut ist

übersinnlich‘. Das Ambiente erinnerte an die Addams Family: düster, mit Kerzenlicht, und überall hingen künstliche Spinnweben. Die Kellnerinnen verkleideten sich als Morticia, mit Netzstrümpfen, langen, glatten Haaren und so viel Mascara, dass sie wie Waschbären aussahen. Ich schwöre, einmal habe ich dort sogar einen armen Clown im Frankenstein-Kostüm herumspazieren

sehen.“

Doch für Touristen war das Café Bizarre ein Ort, an dem sich die Beatnik Kultur bestaunen lassen ließ. In den Augen der meisten Touristen waren Beatniks und Folkmusiker der neuen, jungen Generation außergewöhnlich. Sie konsumierten Drogen, hatten ihre eigenen, für Touristen

unverständliche, Kunstformen und ihre eigene Subkultur. Kurzum: Sie waren Freaks für den normalen US-Touristen vom Lande der sich in seinem Urlaub New York ansehen wollte. Der Brückenschlag zur mystischen Horror-Symbolik lag damit für die Gründer des Café Bizarre

auf der Hand. Elijah Wald, Musikhistoriker, Musiker und Schüler von Dave van Ronk, beschrieb die touristische Nutzung des Café Bizarre im Interview mit mir wie folgt:

„There were literally tour buses going to New York with tourists. You’d go see a Broadway show and you’d go see the Statue of Liberty and you’d go to Greenwich Village and see the freaks. And that was a huge part of the audience.“

Hier traten auch die experimentellen Acts der Szene auf. Andy Wahrol traf hier zum ersten Mal auf the Velvet Underground, die er später protegieren sollte. Doch schnell zog der Erfolg der Folk Konzerte im Café Bizarre neue Gründungen von Folk-Auftrittsorten nach sich.

Die schummrige Kultstätte: Das Gaslight Café
Gleich auf der MacDougal Street neben dem Campus der New Yorker Universität – quasi im Herzen von Greenwich Village – wurde 1958 das Gaslight Café gegründet und erlangte schnell Kultstatus. Im Gaslight traten durchaus bereits bekannte Folkmusiker auf und Tom Paxton beschreibt es als einen der zwei wichtigsten Orte für Folkmusiker im New York der 60er. Als Bob Dylan in New York ankam, fand sein erster Auftritt zwar im Café Wha? gleich auf der anderen Straßenseite statt, aber seine Augen hatte er schnell auf das Gaslight Café als bereits etablierten Folk-Schuppen geworfen. So sagte er 1961 über das Gaslight „It was the Club I wanted to play. I needed to.“ Eigentlich nur als verlotterter Lagerraum voller Heizungsrohre im Keller eines normalen Reihenhauses gekauft, wurde kurzerhand der lehmige Boden eigenhändig ausgeschaufelt und ein Coffeehouse aus dem Ort gemacht. Suze Rotolo, Bob Dylans damalige Freundin und Mitglied der Folk-Szene in Greenwich Village beschreibt es so: „The Gaslight was down a short flight of stairs from street level, in a basement with exposed pipes and a low ceiling.“ Das gemütliche aber auch verlotterte Interieur des Gaslight Cafes wurde von Dave van Ronk sogar in seinem Song Gaslight Rag kommentiert: „I had a dream that the Gaslight was clean/ And the rats were all scrubbed down./ The coffee was great and the waitresses straight,/ And Partick Sky left town.“

Washington Square Arch, Bildrechte: Wikimedia Commons

Anfangs war das Gaslight Cafe jedoch nicht für Folkmusiker, sondern für Beatniks konzipiert, die dort ihre Gedichtlesungen hielten. Nur 110 Plätze hatte das Gaslight Café, trotzdem wurde es schnell zum Hot Spot. Bob Dylan spielte hier oft und die Aufnahmen von einem seiner Gaslight-Auftritte im Jahr 1962 kamen später sogar als „The Gaslight Tapes“ heraus. Geklatscht wurde hier nicht. Die Lüftungsschächte der oben liegenden Wohnungen liefen direkt ins Gaslight, so dass nach Songs geschnippt wurde, um die Anwohner nicht zu stören. Ein wichtiger Faktor ist auch, dass das Gaslight Café nur ein Café und eben keine Bar war. Im New York der 60er Jahre mussten Orte mit Alkoholausschank kurz nach Mitternacht schließen, so dass aus allen umliegenden Kneipen ab Mitternacht alle Folkmusiker ins Gaslight strömten um Folk Music zu machen und zu hören. Für den kleinen Durst zwischendurch war direkt neben dem Gaslight eine waschechte Bar. Das Kettle of Fish. Hier konnte man sich schnell auf ein Bierchen treffen bevor es zum Folk Gig in den Keller ins Gaslight ging. Dave van Ronk lief als inoffizieller Türsteher des Gaslight im Laufe des Abends also stetig zwischen Gaslight und Kettle of Fish hin und her. Seinen typischen Abend im New York der frühen 60er beschreibt er als:

„[Normalerweise] verbrachte ich diese Abende meist nebenan im Kettle of Fish. Die Atmosphäre war dort um einiges entspannter [als im Gaslight Café], und ich hing dort zusammen mit meinen Freunden ab, stolperte hin und wieder die Treppe hinunter und warf einen Blick ins Gaslight, um nachzuschauen, ob nicht irgendjemand vor die Tür gesetzt werden musste.“

1971 schloss das Gaslight Café. Die Nähe zwischen Bar und Coffeehouse machten es von Anfang an aber schnell um wahren Anlaufpunkt für alle Folkmusiker im Village. Die Szene konnte hier wirklich Szene sein und sich gegenseitig beschnuppern. Doch schnell bekamen auch die größeren Institutionen Wind vom Folk Boom und bauten sich ihre eigenen Paläste.

Folk goes mainstream: The Bitter End
Am 6. Juni 1961 öffnete ein neuer Club in town. Nur zwei Blöcke weiter vom Gaslight Café öffnete das Bitter End seine Pforten. Der Fernsehproduzent Fred Weintraub kaufte die Bar The Cock and  Bull an und machte daraus einen Laden, der den Folk aufpolieren sollte. Das Bitter End war zwar auch eine Bar in der man Billard spielen und die Welt vergessen konnte, doch war alles darauf ausgelegt ein neuer, hipper Auftrittsort zu werden. Im Gegensatz zum dunklen, verstaubten Gaslight Café, in dem man dicht gedrängt bei Kerzenschein zwischen den Rauschwaden einem Folkmusiker lauschte, war das Bitter End eine recht geräumige Bar mit trendy Backsteinmauer als Kulisse der groß angelegten Bühne. Den Eingang säumten Balustraden wie am Ritz-Carlton Hotel und für die Zuschauer wurden Kirchenbänke bereitgestellt. Im Gegensatz zur legeren Kluft, die man in der Folk-Szene im Village normalerweise bei Auftritten anlegte, spielten die Musiker hier grundsätzlich im Anzug. Alles war von Weintraub so konzipiert, dass ein größeres Publikum nun in den Genuss von Live Folk Music kommen sollte. Das Bitter End wurde zum Haupt-Auftrittsort für das Folk-Trio Peter, Paul & Mary, die das Album-Cover ihres Debütalbums vor der roten Backsteinwand des Bitter Ends schossen. Im Laufe der 60er und 70er wurde das Bitter End zu einem der bekanntesten Orte für Musiker in Greenwich Village. Damals wie auch heute traten hier nicht nur Folkmusiker, sondern Musiker aus diversen Genres auf. Von Stevie Wonder über Randy Newman zu Lady Gaga. Van Ronk beschreibt Peter, Paul & Mary Anfang der 60er, wie sie in einem noch neuen Club spielten „namens Bitter End, der so etwas wie New Yorks Mainstream-Folk Bühne werden sollte.“ Nachdem Bob Dylan nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit in den 70ern wieder seine Nächte in den Clubs von New York verbrachte, sah man ihn hier oft. Auch zur Vorbereitung seiner Rolling Thunder Revue gabelte er seine Tourmusiker meist hier auf und spielte auch gern nach einer Billard Partie spontan einen seiner neuen Songs für Desire vor der Backsteinmauer.

The Bitter End, Bildrechte: Wikimedia Commons

Bar, Park und Café: Folk-Räume und Freiräume
Folk Music war im New York der 60er Jahre praktisch überall. Bob Dylan fügte sich hier perfekt in die Szene ein und wurde quasi vom ersten Tag von den Musikergruppen adoptiert. Die Räume für diese Szene waren aber mehr als vielfältig. Diese drei Orte: Das Café Bizarre, das Gaslight Café und das Bitter End, sind nur eine kleine Auswahl an Orten, an denen man sich hier als Folk Musiker in den frühen 60ern präsentieren konnte. Hier zeigte sich die Entwicklung der Folk Musik in New York im Laufe der späten 50er in die 60er hinein: von Freak-Musik der hippen Beatniks über die Musik einer neuen Welle junger Studenten, die die Tiefgründigkeit in den alten Liedern und neuen Songwritern zu schätzen wissen zur Musik mit der man schnell die Charts stürmen konnte. Viele wichtige Orte, wie Gerde’s Folk City, das van Ronk als „erster wirklich echter Folkclub im Village“ bezeichnete oder das Café Wha?, in dem Dylan und Jimi Hendrix ihre ersten Auftritte in New York hatten, wurden hier dabei noch gar nicht genannt. Es gab für Folk Musiker im New York der frühen 60er Jahre eine immens große Auswahl zwischen Bars, Coffeehouses und anderen Clubs für seine Abendgestaltung. Die Musiker kannten sich untereinander, liefen sich mit Gitarrenkoffern in der Hand auf den Wegen zu Gigs gegenseitig entgegen und wenn man selbst gerade keinen Auftritt hatte, ging man an diesem Abend eben ins Gaslight und hörte Joni Mitchell oder Dave van Ronk zu, während man zwischendurch sein Bier im Kettle of Fish trank. Die Szene war absolut natürlich gewachsen und Orte für Musik bilden hier die schon vorhandenen engen Beziehungen zwischen den Musikern ab.

Ein großer Teil der Folk Music im Village fand auch schon vor den 60ern unter freiem Himmel statt. Wer in dieser Zeit über die MacDougall oder Bleecker Street ging, hörte oft an jeder Straßenecke einen Musiker spielen und am Washington Square Park unter dem großen Triumphbogen jammten mit Banjo, Gitarre und Kontrabass beinahe täglich Folkmusiker. Die Szene war im Village bereits vorhanden, die Folkclubs präsentierten sie nur. Und genau das war es, das der junge Bob Dylan nicht in Minnesota und nur in New York finden konnte.

Bob Dylan – Live At The Gaslight Cafè:

Dave van Ronk – Gaslight Rag:


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