Bob Dylans „Chimes Of Freedom“ – aktueller denn je!

Der Songklassiker könnte auch programmatisch für das neue Amerika sein

Es werden schon Wünsche und Wetten geäußert, ob Bob Dylan bei der Inauguration von Joe Biden und Kamala Harris auftritt. Ich glaube nicht daran. Einmal – 1993 für Clinton – hat er bei einer Inauguration gespielt, sich aber ansonsten bemüht, der politischen Sphäre nicht zu nahe zu kommen.

1993 hat er in einer nicht so ganz überzeugenden Version „Chimes Of Freedom“ gespielt. Ein Song, der aber eigentlich prädestiniert ist als programmatischer Song für die Präsidentschaft Biden/Harris. Die „Chimes Of Freedom“ stehen natürlich in Bezug zur „Bell Of Liberty“, der „Freiheitsglocke“, die in Philadelphia den Unabhängigkeitskrieg einläutete. An dessen Ende stand das Land in dessen Verfassung zu lesen ist: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“

Dylan läutet hier das Glockenspiel der Freiheit. In songpoetisch anspruchsvoller Art führt er die auf, für die das Glockenspiel läutet: Für die Flüchtlinge. Für die Rebellen, für die Glücklosen, die Misshandelten, die Außenseiter. Dylan führt hier alle die auf, für die Amerika nicht nur der Sehnsuchtsort sein sollte, sondern eine wirkliche, friedliche Heimstatt der Freiheit.

Man spürt schon bei der Aufzählung, dass diese bunte Truppe garantiert nicht die weißen, meist angelsächsischen Protestanten sind – manche sollen auch Vorfahren aus der Pfalz haben – die so gerne die USA für sich vereinnahmen. Für Dylan war Amerika schon immer das vielfältige, multiethnische Land, für das heute wieder gekämpft werden muss. Und für die die Demokraten mit Joe Biden (irischer Abstammung), Kamala Harris (indisch-jamaikanisch) oder Alexandria Occasio-Cortez (puerto-ricanisch) stehen.

Der Song stammt vom Album „Another Side Of Bob Dylan“. Dem Album mit dem er seinen Abschied von der politischen Folkbewegung dokumentierte. In der Textkonstruktion nähert er sich schon der surrealen Songpoesie der Mittsechziger Jahre an, inhaltlich ist die Aussage jedoch so eindeutig, dass er als politischer Protestsong verstanden werden kann. Der Song enthält eine klare, humane Botschaft.

Nicht umsonst wurde der Song 1998 für den Soundtrack einer Miniserie zu den 1960er Jahren ausgewählt – Dylan sang ihn mit Joan Osborne neu ein – und gab 2012 einem Album zu „50 Jahre Amnesty International“ den Titel, das 76 Coverversionen von Dylan-Songs enthält, eingespielt von prominenten Musikern wie  Adele, Patti Smith, Pete Townshend, The Gaslight Anthem, Sting, Jackson Browne, Elvis Costello und viele andere.

Bob Dylan spielte den Song 1964 zur Zeit seines Entstehens und dann erst wieder 1987, danach wieder jahrelang nicht. Die Darbietung in Washington 1993 blieb eine Ausnahme bis zum Jahr 2000. In den 200ern und 2010ern hat er es dann in bescheidener Regelmäßigkeit gespielt. Das letzte Mal stand „Chimes Of Freedom am 21. November 2012 auf einer Setlist von Bob Dylan.

Für mich ist und bleibt es eines seiner wichtigsten, zentralen Werke und einer meiner ewigen Dylan-Lieblingssongs.

Mit Joan Osborne 1998
Bei Clintons Inauguration 1993
Version von 2007
Version von 2012

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