10 Jahre Americana in Darmstadt, neues Buchprojekt, Reise in die USA und was macht eigentlich Bob Dylan? 2024 wird aus vielerlei Gründen ein spannendes Jahr

Die Stimmung im Land könnte schlechter nicht sein. Ein eigentlich von vorne herein mühsam gedrechselte Ampel-Koalition hat einfach keine gemeinsame gesellschaftliche Perspektive – im Gegenteil, die FDP steht in allen Zukunftsfragen den Partnern inhaltlich völlig entgegen – und bringt mit Kanzler-Scholzomat an der Spitze alle gegen sich auf. Und stärkt die AfD immer mehr, die Republik könnte am Ende des Jahres eine andere sein.
Die Stimmung in den USA könnte schlechter nicht sein. Der Kulturkampf tobt aller Orten und der zu alte demokratische Präsident wirkt leider weniger vital als der orangene Widersacher, der zusammen mit seiner Partei die amerikanische Demokratie gefährdet. Der Ausgang der Wahlen im November und die Folgen sind ungewisser denn je. Die USA könnte ein anderes Land werden.
Trotz alledem: Das „andere“ Amerika vermitteln
Und dennoch: Ich bleibe dabei, dass Deutschland und die USA einen neuen New Deal brauchen. In Deutschland mit dem Abschied von der Schuldenbremse und mit einer der höheren Besteuerung der Besserverdienenden, Millionenerben, Reichen, Superreichen, damit sie endlich ihren solidarischen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Damit der Staat in öffentliche Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, Digitalisierung, den ländlichen Raum und soziale Gerechtigkeit im gesamten Land investieren kann. Das wäre auch die beste antifaschistische Politik.
Und dennoch: Ich bleibe dabei, mich mit Amerika, seiner Kultur und seiner Musik zu beschäftigen. Amerikanische Tradition ist nicht nur Egoismus, Ausgrenzung, ungezügeltes Kapital und Kulturkampf. Von Walt Whitman über Mark Twain und Upton Sinclair bis zu Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan gibt es amerikanische Traditionslinien, die Vielfalt, Respekt, Toleranz, Gemeinsinn und Demokratie zum Inhalt haben. Das ist das „andere“ Amerika. Das will ich weiterhin mit Publikationen, Konzerten und Seminaren & Vorträgen vermitteln.
10 Jahre Americana in Darmstadt
Daher werden drei Aktivitäten dieses Jahr für mich entscheidend prägen. Seit 10 Jahren kuratiere ich die Darmstädter Americana-Reihe. Mit einer Reihe von Premieren im ersten Halbjahr und einer großen Jubiläumsgala mit Freunden und Weggefährten im Herbst möchte ich dieses Jubiläum würdig begehen. Die Reihe ist zu einer echten Marke in Darmstadt und Rhein-Main geworden. Darauf bin ich schon stolz. Auch wenn jedes Konzert Kraft kostet, besonders um Menschen dafür zu gewinnen, sich auf das Live-Erlebnis einzulassen. Um so schöner ist es, wenn das Programm gefällt und Publikum und Künstler:innen zusammen einen schönen Abend haben und nach dem Konzert sich noch anregende Gespräche ergeben. Daraus ziehe ich dann die Kraft für die nächsten Konzerte und mache immer weiter damit. Ende nicht absehbar. Infos und Tickets zu den Konzerten: http://www.knabenschule.de .
Reise in die USA
Im April werden wir erstmals seit 2019 wieder durch die USA reisen. Diesmal allerdings ohne Stationen im Deep South. Uns steht derzeit nicht der Sinn nach langen Autofahrten und Small Towns in den Südstaaten. Wir gehen vor den US-Wahlen bewusst auf die Spurensuche der progressiven amerikanischen Traditionslinien. Wir werden uns in New York City mit dem Thema Einwanderung (Ellis Island), afroamerikanischer Kultur (Harlem, Apollo Theater) und den Spuren von Bob Dylan und Woody Guthrie im „Big Apple“ beschäftigen.
Wir werden Letztere in Tulsa, Oklahoma, „wieder treffen“, wenn wir dort erstmals den Bob Dylan Center und ein zweites Mal den Woody Guthrie Center besuchen. Aber auch das Tulsa-Massaker von 1921 und die Morde im Osage County (siehe Scorseses Meisterwerk „Killers Of The Flower Moon“: https://cowboyband.blog/2023/10/29/die-um-das-olgeld-tanzen/) werden auf unserer Agenda stehen.
Und unsere dritte und letzte Station wird dann Woodstock, NY, sein. Und das weniger wegen des legendären Festivals, das gar nicht dort, sondern im 70 Meilen entfernten Bethel stattgefunden hat, sondern es seit jeher als Künstlerkolonie für das progressive Amerika steht. Dort hat Bob Dylan gewohnt und dort im legendären Big Pink haben er und „The Band Musikgeschichte“ geschrieben. Klar, dass wir das aufsuchen werden. Daneben haben Woodstock und die angrenzenden Orte eine hohe dichte an Musiklocations. So wie beispielsweise die Levon Helm Studios und das Bearsville Theater. Den ersten Musikevent haben wir schon gebucht. Am 14. April werden wir im nur 30 Autominuten entfernten Kingston die Old Crow Medicine Show sehen. Da die Jungs selten nach Europa und leider schon gar nicht nach Deutschland kommen, werden wir sie nach Amsterdam 2017 erst das zweite Mal sehen. Mal schauen, was wir in NYC, Tulsa und Woodstock noch an Konzerten sehen können.
Neues Buchprojekt
Und dann steht ein neues Buchprojekt an. Nachdem ich die Wurzeln von Bob Dylan in der Countrymusik und in der Musik der Black Community erforscht habe, möchte ich diesmal meine eigene Dylan-Geschichte mit der Zeitgeschichte verknüpfen. Es geht um Dylans Deutschland-Tour 1981. Da habe ich mein erstes Dylan-Konzert in Mannheim gesehen. Das war die Zeit der Rückkehr von Dylan aus bornierter Frömmelei hin zur Weltoffenheit früherer Tage. Die Setlists waren eine Mischung aus alten Songs, religiösen Songs und dem neuen, durchaus schon weltlicheren Material seines neuen Albums „Shot Of Love“. Ich werde den Zeithintergrund beleuchten, die künstlerische Situation Dylans 1981 schildern, an mein eigenes Konzerterlebnis erinnern und anhand der Recherchen im Lippmann+Rau-Musikarchiv (vielen Dank an meinen Freund und „Key West“-Mitherausgeber Richard Limbert!), damaligen Presseberichten und Zeitzeugen eine Chronik und Bewertung dieser Tour vornehmen.
Was macht Bob Dylan 2024?
Also schon einiges los in diesem Jahr. Und dazu noch die Fragen nach neuen Dylan-Konzertterminen oder gar einem neuen Album. Da wird wieder einmal an die Wand gemalt, dass Bob Dylan sich zur Ruhe setzen könnte. Ja, das könnte kommen, aber bestimmt nicht vor Ende der „Rough And Rowdy Ways Tour 2021-2024“. Einmal noch Dylan in Deutschland sehen, das sollte klappen. Ein neues Album? In den Dylan-Foren wird nach Hinweisen wie angeblichen Studiozeiten hier und dort geforscht, anonyme Quellen bemüht und und und. Dabei wissen wir doch: Am schönsten ist es doch, wenn uns der alte Verwirrkopf auf dem falschen Fuß erwischt und uns alle mit Neuigkeiten verblüfft, die wir nicht in der Lage waren, vorherzusehen. Ich denke da beispielsweise an die überraschende Veröffentlichung von „Murder Most Foul“.
Also bleiben wir gespannt und mein Americana-jahr 2024 wird eines der spannendsten werden, ganz getreu dem alten Motto „Keep On Keeping On!“
6. April 2024 um 7:22 am |
Spanender interessanter und kenntnisreicher Beitrag.
Danke dafür und viel Glück für die Projekte.
15. Januar 2024 um 5:33 am |
Ich finde den Artikel interessant, den Blick auf Dylans Gospel-Phase zu negativ. Es ist gute, ehrliche Musik entstanden. Dylan ist tief in die Gospelmusik eingetaucht. Ich bin dankbar, dass auch diese Art von Musik von ihm existiert.
15. Januar 2024 um 9:32 am
Hallo Stefan, Du hast recht, die Musik war gut und beseelt, das teile ich. Aber die inhaltlichen Aussagen, die Predigten, das Weltbild dieser Tage finde ich problematisch. Rückwirkend gesehen, kann ich als Phase damit leben, denn er hat ja wieder herausgefunden und hat später und bis heute ganz andere tolle Musik veröffentlicht.