Mehr denn je „Piano Man“

Ein Blick auf den ersten Abschnitt der Outlaw-Tour und darauf, was im Herbst kommt

Just als die Outlaw Festival-Tour losgehen sollte, fehlte der Hauptakteuer. Willie Nelson, Countrylegende und heuer 91 Jahre alt geworden, war krank und von seinen Ärzten aus dem Verkehr gezogen worden. So gingen die ersten acht Termine dieses am 21. Juni gestarteten Americana-Gipfeltreffens – auf dem Programm stehen in den insgesamt drei Tourabschnitten Bob Dylan, Robert Plant und Alison Krauss, John Mellencamp, Celisse, Brittney Spencer und Southern Avenue, für einen Termin auch Billy Strings – ohne den Initiator und Spiritus Rektor dieser Konzertreise über die Bühne. Erst am 4. Juli, bei seinem traditionellen Konzerttermin am amerikanischen Unabhängigkeitstag konnte er zu seinen Freunden dazustoßen und auf die Bühne zurückkehren. Währen seiner Abwesenheit vertrat ihn sein Sohn mit einem „Willie-Best Of“, unterstützt von Gast-Stars wie Susan Tedeschi und Derek Trucks.

Dylans neues Konzertformat

Bei so viel Zusammentreffen alter Helden, fühlte sich dann wohl auch Dylan bemüßigt, für diese Tour auf seinen alten, auch schon 81-jährigen, Freund Jim Keltner als Drummer zu berufen. John Pentecost war damit gerade mal etwa ein Jahr an den Stöcken der Bob Dylan-Band. Überraschenderweise wurde dagegen Donnie Herron, der in der Band fast 20 Jahre für Pedal Steel, Mandoline, Banjo und Trompete zuständig, ersatzlos gestrichen. Eine ungewöhnliche Maßnahme, die nicht alle Dylan-Fans goutierten.

Und als dann die ersten Setlists und die Ton- und Bilddokumente auftauchten, da stand zweierlei fest:

  1. Die Rough And Rowdy Ways-Tour ist vorerst zu Ende oder ausgesetzt
  2. Herr Dylan spielt wieder einmal was er will

Aber hat er auch einen Plan oder würfelt er einfach? Schnell wurde klar, dass wir eine Art Tempest-Revival-Tour erlebten. Zwei bis drei Songs alleine vom vorletzten Album von 2012 (Und ein „Tempest“-Shirt unter den Tour-Devotionalien!). Dazu zwei von Highway 61 Revisited, zwei von „Time Out Of mind“, völlig kam überraschend „Under The Red Sky“ wieder zu Konzert-Ehren, daneben wenige Songs, die schon im RARW-Programm waren wie „I’ll Be Your Baby Tonight“ und einige Rückkehrer wie „Simple Twist Of Fate“ oder „Ballad Of A Thin Man“.

Viele Coverversionen

Vor allem aber fielen auch hier die vielen Cover-Songs auf. „Little Queenie“ von Chuck Berry und „Mr. Blue“ des fast vergessenen Gesangsrios „The Fleetwoods“ wurden bald zu Regulars der Konzerte. So formte sich im Laufe dieses Tourabschnitts eine Setlist heraus. Aber was sein künstlerisches Konzept dahinter ist, das harrt der Dechiffrierung. Oder braucht man gar nicht da hineinzugeheimnissen?

Der Sound der Dylan-Konzerte war sicher minimalistischer als in den letzten Jahren. Gitarren, Drums und Dylans Piano – das muss reichen. Er ist momentan mehr denn je „Piano Man“. Die Arrangements waren durchaus richtig gut, sie hätten aber auch opulenter instrumentiert sein können.

Doch das alles tat der Begeisterung keinen Abbruch wie Augen- und Ohrenzeugen berichten. „Robert Plant und Alison Krauss waren stimmlich super, aber Stimmung kam erst bei Dylan auf. Aber er schlurfte mit Handtuch überm Kopf auf die Bühne, verschwand hinter dem Klavier, sprach nichts, sang, das aber fantastisch, und ging“, erinnert sich eine gute Freundin, die beim Konzert am Jones Beach in Wantagh, NY am 29. Juni vor Ort war. Also typisch Dylan.

Der war musikalisch gut aufgelegt, wie berichtet wird.  Er und sein Piano standen im Mittelpunkt der Konzerte. Am Ende des ersten Tourabschnitts kam dann jeden Abend Micky Raphael, Willie Nelsons legendärer Mundharmonika-Virtuose und begleitete Dylan bei „Simple Twist Of Fate“. Herzerweichend schön!

Viele Fragen

Nun schauen alle auf den nächsten Abschnitt der Tour. Wird Willie alle Konzerte spielen? Verändert Bob sein Konzertformat und seine Band erneut? Fragen über Fragen.

Dahinter wabern weitere Fragen. Nach dem nun für den 20. September die 27-CD-Box zur 1974er Tour angekündigt worden ist, stellt sich dennoch die Frage nach einem neuen Album mit Originalsongs. Ein Indiz dafür könnte die Setlist sein. Ein Zeugnis des Übergang von Rough And Rowdy Way to some completely different? Ein Indiz dagegen, dass belastbare Quellen von Herbstkonzerten in Europa sprechen. London und Edinburgh wurden gerüchteweise schon als mögliche Spielorte genannt.

Also bleibt es bei den immerwährenden Dylan-Themen Album und Tour wieder einmal dabei: „Something is happening here and we don’t know what it is“

Hinterlasse einen Kommentar