“You Can’t Judge a Book by the Cover”

“A Complete Unknown”: Bitte erst den fertigen Film schauen, dann urteilen

Die aufgeregten News über die Dreharbeiten mit Timothée Chalamet als Bob Dylan führten in den vergangenen Monaten zu ebenso aufgeregten Reaktionen. Da wollten doch tatsächlich einige den Film und die Qualität der Dylan-Darstellung von Chalamet an den Stills der Dreharbeiten festmachen. „Nein, der passt doch nicht!“ oder „Der sieht Dylan ja gar nicht ähnlich!“ Auch bei dem soeben veröffentlichten ersten Trailer waren die Reaktionen ähnlich. Denen sei mit dem guten alten Willie Dixon Songtitel geantwortet: „You Can’t Judge a Book by the Cover“!

Kein Ähnlichkeits-Wettbewerb

Schauspielerei ist kein Impersonator-Contest und auch kein modeln. Dass jemand in die Rolle eines anderen schlüpft und man es ihm abnimmt, hat viel damit zu tun, ob das Innere und das Äußere passt. Natürlich kann Dylan nicht von einem blonden Hünen gespielt werden. Aber ein paar Zentimeter Körpergröße, eine andere Augen- oder Mundpartie geben nicht darüber Aufschluss, ob die Darstellung am Ende passt. Es müssen der Charakter der Person durch das Spiel erkennbar sein, der Tonfall, die Bewegungen, die Präsenz, die Formulierungen müssen sitzen. Best Practise: Joaquin Phoenix als Johnny Cash.

Andere Kritikaster finden Biopics per se überflüssig oder anmaßend. Okay, Ihr müsst es ja auch nicht anschauen. Und ja: Ich bin immer für Popularisierung zu haben. Keiner muss Bob Dylan-Fan werden. Keiner soll und muss sich so tiefschürfend wie wir „Dylanologen“ in Werk und Wirken des Meisters hineinfressen. Aber die Bedeutung, die dieser Künstler hat, welche musikhistorischen Augenblicke mit ihm verbunden sind – das sollten so viele Menschen wie möglich wissen. Und wenn am Ende ein gutgemachtes, unterhaltsames Biopic wie bei Johnny Cash herauskommt, ist alles Gut.

Der Regisseur versteht sein Metier

Dafür steht James Mangold. Mangold ist als Regisseur eher Kunsthandwerker denn Künstler, aber er versteht sein Metier. Das war bei „Walk The Line“ so, das wird bei „A Complete Unknown“ hoffentlich auch so sein. Beim Blick auf den Cast war und ist Chamalet einfach erste Wahl. Sowohl vom schauspielerischen Können, als auch von seiner Bekanntheit. Wenn junge Menschen über ihn Bob Dylan, kennenlernen – why not?

Gespannt darf man auf die weiteren Hauptfiguren sein. So gerne hätte ich Benedict Cumberbatch als Pete Seeger gesehen, doch da das Filmprojekt erst wegen Corona und dann wegen der Hollywood-Streiks immer wieder verschoben werden musste, konnte der Sherlock Holmes-Darsteller nicht in die Rolle des Folk-Mentors schlüpfen. Edward Norton hat ihn ersetzt. Ellen Fanning spielt Suze Rotolo, die in dem Film nicht so heißen darf, sondern hier Sylvie Russo heißt. Joan Baez wird von Monica Barbaro gespielt und Johnny Cash von Boyd Holbrook. Hier heißt es abwarten, ob die Figuren den realen Vorbildern entsprechen. Sylvie Russo (Suze Rotolo) beispielsweise darf dann natürlich kein Prinzesschen sein, sondern muss eine junge, gebildete, engagierte Aktivistin sein, die mit ihren politischen Ansichten sowie ihren Kunst- und Literaturkenntnisse entscheidenden Einfluss auf Dylans damaliges Songwriting hatte.

Stimmen die Figuren, wird die richtige Geschichte erzählt?

Das Drehbuch basiert auf Elija Walds großartigem Buch „Going Electric“. Das lässt hoffen, dass der Film plausibel ist und historisch sowohl die Verhältnisse als auch die damaligen Protagonisten richtig einordnet. Geschrieben haben es James Mangold und Jay Cocks. Cocks war als Drehbuchautor u.a. an so unterschiedlichen Filmen wie Martin Scorseses „Gangs Of New“ und „De-Lovely“, dem Cole Porter-Biopic von Irwin Winkler beteiligt. Wir haben es hier also hier mit einem erfahrenen und renommierten Autor zu tun.

Als Co-Produzenten zeichnen u.a. Dylans Manager Jeff Rosen und Dylan selbst verantwortlich. Da Dylan bekanntermaßen nie wirklich großen inhaltlichen Einfluss auf solche Projekte nimmt – siehe das Musical „Girl From The North Country“ oder die Ausstellungen und Veranstaltungen des Bob Dylan Centers in Tulsa – sollten wir uns vor einer Seligsprechung oder reiner Lobhudelei nicht fürchten müssen.

Der Film soll in den USA im Dezember, in Großbritannien und Irland im Januar starten und ist dann vorerst nur in Kinos zu sehen. Ein deutscher Starttermin ist noch nicht bekannt.

Ich freue mich auf den Film!

2 Antworten to ““You Can’t Judge a Book by the Cover””

  1. Avatar von maddin61 maddin61 Says:

    Danke, schöner Artikel! Freue mich sehr auf den Film! Überhaupt eine tolle Seite! Glückwunsch!

    … einziges „Manko“ für mich, dass mein Kommentar zu 1974 nicht ‚genehmigt’wurde. Es waren eher Ergänzungen und persönliche Sichtweisen, keine „Kritik“.

    • Avatar von bobby1963 bobby1963 Says:

      Danke für die lieben Worte. Ich hatte Deinen Kommentar übrigens genehmigt. Sorry, manchmal bin ich leider ein paar Tage hinterher. Ich habe Deinen Beitrag schon so verstanden wie Du sagst. Alles gut!

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