Bob Dylan und die „Zeitenwenden“

Die Musiklegende stand stets mit dem passenden Soundtrack zu den gesellschaftlichen Entwicklungen parat

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„Zeitenwende“. In diesen Zeiten, die wissenschaftlich mal als Zeit der Transformation, mal als Zeit der multiplen Krisen bezeichnet werden, trendet jedoch der populäre Begriff der „Zeitenwende“. Mal füllt man ihn mit der Wiederherstellung der „Kriegstüchtigkeit“, mal wird er als Begriff für die weltweite Entwicklung zum Autoritarismus benutzt. Wie auch immer: Die Zeiten der nach dem 2. Weltkrieg errichteten Weltordnung, die auf Regeln, Verträgen und Grundwerten fußte, wird gerade an vielen Orten in der Welt – aktuell natürlich am deutlichsten und dramatischsten in den USA, geradezu pulverisiert. Da aktuelle Analysen ohne historische Betrachtungen sinnlos sind, möchte ich mit diesem Text an andere Zeitenwenden erinnern und daran, dass Bob Dylan immer den passenden Soundtrack dazu geliefert hat.

1961 bis 1965: „The Times They Are A-Changin'“. Bob Dylan und die Erfindung der Sixties

In der massenmedial verkürzten und daher doch allgemein bekannten Bob Dylan-Erzählung wird der Künstler immer noch zu aller erst mit den 1960er Jahren in Verbindung gebracht. Als hätte er in den sechzig Jahren danach nichts mehr gemacht. Dylan sagte selbst vor ein paar Jahren in einem Interview spöttisch-sarkastisch: „Wollte ich jemals die Sixties erwerben? Nein. Aber ich besitze die Sixties.“ Sprich: Er entkommt dem Image des Protest- und Gegenkulturpoeten einfach nicht, so sehr er es auch will. Und das Problem für Bob Dylan ist: Es stimmt ja auch. Dylan war der einflussreichste einzelne Folk-Rock-Künstler der 1960er Jahre. Weil er erst die Stimmung aufgriff und in geniale Musik umwandelte: Die Angst vor dem Atomtod, der Kampf gegen Rassismus und für Bürgerrechte, der Kampf gegen die Kriegstreiber gerannen zu „A Hard Rain’s A Gonna-Fall“, The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ und „Masters Of War“.

Und danach stellte er das autonome Individuum in einer veralteten, fremdbestimmten Welt in den Mittelpunkt seiner Songs: „Maggies Farm“, All Along The Watchtower“. So wurde er zur musikalischen Leitfigur erst für die alte, dann für die neue Linke und ihre Emanzipationsbewegungen. Und behielt Nimbus und Image auch, als er längst nur noch privatisierte und als braver amerikanischer Familienvater auf dem Land in Woodstock, New York, lebte.

Wegen ihm sollte das Festival 1969 in Woodstock stattfinden und behielt den Namen, auch wenn es dann später in Bethel seinen Platz fand. Er gab der Zeitenwende vom dumpfen, konsumistischen Eisenhower-Amerika zum Amerika des freiheitlichen Aufbruchs den passenden Soundtrack. Selten hatte sich Amerika binnen eines Jahrzehnts so verändert wie in den 1960ern. Und Dylan war mittendrin. Auch als er gar nicht mehr an der Oberfläche sichtbar war. Er wurde zum Kult, er wurde zum Mythos. Bob Dylan besitzt die Sixties bis heute.

1979-83: „Slow Train Coming“. Das konservative Roll-Back von Jimmy Carter zu Ronald Reagan

In der Tat, Amerika veränderte sich in den 1960er Jahren rasant. „Aber nicht zum Guten“, sagten sich die konservativ-reaktionären Think Tanks der Republikaner. Noch während der Amtszeit von Richard Nixon gegründet, suchte die Heritage Foundation intensiv nach Antworten, um die vermeintliche kulturell-gesellschaftlich-politische Vorherrschaft der Linken in Amerika zu beenden und eine neue konservative Ära einzuläuten. Mit gehörigem Einfluss auf die republikanische Partei, Teile der Wissenschaft und der Medien gelang es ihr eine gewisse Deutungshoheit in den Krisenjahren in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu erlangen. Sie munitionierte Reagans Politik des konservativen Neoliberalismus, der als erster Präsident nach fast 50 Jahren Hand an wichtigen Säulen des New Deal anlegte und den Grundstein für die heutzutage so verhängnisvolle gesellschaftliche Spaltung legte.

Während die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre nach den gewaltsamen Toden von Martin Luther King und Bobby Kennedy, dem „Kent State Massaker“ in Ohio 1970 und den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Ordnungskräften und Black Panter Party sich in den 1970ern immer mehr erschöpfte, wandten sich viele aus der ehemaligen Protestgeneration dem Eskapismus zu. Beschäftigten sich mit Gurus, Meditation oder schlossen sich fundamentalen christlichen „Born Again“-Gruppen an.

Bob Dylans Rolling Thunder Revue, die eigentlich dazu gedacht war, den Geist der Sixties neu entfachen, versandete bezeichnenderweise im Mai 1976 im Mittleren Westen. Doch trotz der Wahl von Jimmy Carter im November 1976 konnte das progressive Feuer nicht wieder erklimmen. Carters Präsidentschaft war gekennzeichnet von einer Wirtschaftskrise, die sich zu einer nationalen Depression auswuchs. Als „Retter“ stilisierte sich dann ausgerechnet Ronald Reagan, der Ende der 1960er als Gouveneur von Kalifornien Studentenproteste gewalttätig niederschlagen ließ. Der ehemalige Schauspieler und B-Movie-Westernheld und langjährige Konzernrepräsentant von General Electric war ein geschickter Kommunikator. Mit seiner unaufgeregten sonoren und geschulten Stimme sowie gut funktonierenden rhetorischen Figuren und Bildern konnte er rechtskonservative Inhalte an die Menschen bringen. So war seine Wirtschafts- und Sozialpolitik konservativ und neoliberal, der öffentliche Sektor und Sozialleistungen wurden deutlich beschnitten. Damit dies bei den einfachen Menschen verfing und diese sich nicht zur Wehr setzten, zielte er auf perfideste Weise auf die rassistische Spaltung. Sein Bild der schwarzen „Welfare Queen“ funktionierte und separierte die weiße Arbeiterklasse von der schwarzen. So entstanden die Reagan-Demokraten. Der Süden wurde republikanisch-rot statt demokratisch-blau. Und das Unheil nahm seinen Lauf.

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Bob Dylan war während der Anbahnungsphase des konservativen Roll-Backs ganz ein Kind seiner Zeit. Aufgrund von Erschöpfung und persönlichen Krisen fand er Halt in einer fundamental-christlichen Sekte in Südkalifornien. Das wäre nicht das Problem. Doch Dylan war ein überaus eifriger Konvertit. Das ließ sich in seinen Texten lesen, in seinen Konzerten hören. So predigte er während der Konzerte über den Gott der Strafe, der Verdammnis und warnte sogar in einem Konzert im 1980 in Hartford, Connecticut auch ausdrücklich Homosexuelle vor der göttlichen Strafe. Und „Slow Train Coming“ war das Lied zum heraufbrechenden neokonservativen und neopatriotischen Zeitalter in den USA. Ein Geraune darüber wie kaputt Amerika ist, aber dass sich der richtige Zug, der das Gute mit sich führt, schon ankündigt. Langsam, aber er kommt.

Doch Dylan wäre nicht Dylan, hätte er sich nicht auch aus dem fundamentalen Gedankengefängnis wieder befreit. Trotz der Tiraden: Er war weiter mit dem homosexuellen Beat-Poeten Allen Ginsberg befreundet. In einem Interview sagte er später, er wolle in diesen Dingen niemanden etwas vorschreiben, das sei ihm egal. Und sein 1981er Album „Shot of Love“ markiert dann auch seinen Wendepunkt. Er wendet sich wieder weltlichen Sichtweise an. Dass er sich ausgerechnet den anarchisch-öbszönen Comedian Lenny Bruce für ein musikalisches Porträt aussucht, zeigt Dylans wiedergewonnene künstlerische Autonomie.

Doch mehr noch. Hatte er 1979 den „Slow Train“ kommen sehen, so muss er 1983, nachdem Reagan gut zwei Jahre im Amt war, dann gemerkt haben, wohin die Reise geht. „Jokerman“ vom Album „Infidels“ ist, so lyrisch vertrackt er erscheint, auch eine Replik auf den „großen Kommunikator“.

“Well, the rifleman’s stalking the sick and the lame

Preacher man seeks the same, who’ll get there first is uncertain

Nightsticks and water cannons, tear gas, padlocks

Molotov’s cocktails and rocks behind every curtain

False-hearted judges dying in the webs that they spin

Only a matter of time ‚til night comes steppin‘ in’”

Der Rifleman und der Prediger – das ist Reagan. Er macht Politik gegen die Schwachen und versucht, sie kommunikativ zu manipulieren. Reagan war Held vieler B-Western und auch auf dem Titelbild des Titelbilds „American Rifleman“ zu sehen. Das uramerikanische Bild des bösen Predigers findet sich auf „Infidels“ auch im Song „Man Of Peace“.

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Während Reagan politisch die 1980er Jahre dominiert, Michael Jackson zum Superstar aufsteigt und Bruce Springsteen mit „Born In The USA“ mit gewisser Eigenschuld bewusst falsch verstanden wird, verliert Dylan in diesem Jahrzehnt seinen künstlerischen Kompass.

2006 – heute: „I Feel A Change Comin‘ On“. Von der Finanzkrise zu Trump

Doch 1997 kommt das Comeback und Dylan legt schon 2003 mit „Masked & Anonymous“ eine dystopische Prophezeiung als Film vor. Ein dysfunktionales, gewalttätiges Amerika wird von eine Diktatorenfamilie regiert.

2006 erscheint „Modern Times“ mit dem Song „Workingman’s Blues“, das den Abstieg der Arbeiterklasse in der globalen Welt mit ihren Produktionsverlagerungen, Standortkonkurrenzen und Lohndrückereien beschreibt.

 “There’s an evenin‘ haze settlin‘ over the town

Starlight by the edge of the creek

The buyin‘ power of the proletariat’s gone down

Money’s gettin‘ shallow and weak

Where the place I love best is a sweet memory

It’s a new path that we trod

They say low wages are reality

If we want to compete abroad”

2008 wird Barack Obama zum Präsidenten gewählt. Auch Dylan unterstützt ihn Anfangs. Doch bereits in der ersten Krise, der Finanzkrise von 2009, handelt Obama nicht für die Menschen, sondern für den Erhalt der Banken. Er lässt sich von Wall Street Bankern beraten. Während unzählige Menschen ihr Erspartes und ihr Eigenheim verlieren, werden die Banken gerettet. Die „Wolfs of Wall Street“ sollen die Schafherde beschützen. Oder: Den Bock zum Gärtner gemacht. Für viele Amerikaner ist der erste schwarze Präsident, derjenige, der ihnen ihr Häuschen genommen hat. Auch Dylan nimmt in den kommenden Jahren Abstand von Obama. Bei Begegnungen ist er aufreizend zurückhaltend und vor der Wiederwahl 2012 lässt er sich im Interview kein positives Statement zu Obama abringen.

Auch „I Feel A Change Comin’ On” vom Album “Together Through Life” wirkt nicht wie ein positiver Song für eine neue Zeit, sondern eher wie ein stoisches Statement zur Endlichkeit. Zwar musikalisch schmissig, aber textlich nüchtern beobachtend das Ende sehend.

2012 erscheint „Tempest“ und Dylan füllt das Album mit Dystopie, Gewalt und Tod. Vom Abgesang auf den Rust Belt (Duquesne Whistle) über das gescheiterte Leben (Long And Wasted Years), dem Serienmörder (Soon After Midnight) bin hin zum Massensterben in „Tin Angel“ und „Tempest“.

2020 dann, am Ende der ersten Trump-Herrschaft und mitten in der Corona-Krise bringt Dylan erst drei Singles und dann Album „Rough And Rowdy Ways“ heraus. „Murder Most Foul“, das Lied über den Kennedy Mord, ist der Schwanengesang auf das amerikanische Jahrhundert.

Diese düstere Stimmung, gepaart mit Selbsteinsichten (I Contain Multitudes) und Liebeserklärungen an Gott (I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You), der Toleranz für andere Glaubensrichtungen und der Erinnerung an die Great Migration (Goodbye Jimmie Reed) und an die Liberalität von „Key West“ als Utopie ist Dylans grundlegendes Werk zu seinem Verständnis unserer Zeit.

Bob Dylans Soundtrack kennzeichnet den Untergang von Gerechtigkeit und Demokratie in den USA. Die Vereinigten Staaten werden bereits jetzt diktatorisch, manipulativ und gewalttätig regiert. Es gibt noch die Hoffnung auf Veränderung, aber sie ist leise und schwelgt in der Erinnerung an Früher und weniger in Vorstellungen einer guten Zukunft.

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Bob Dylan hat auch die kommenden Zeiten beschrieben, siehe „Masked & Anonymous“. Trumps Faschismus ist eine pervertierte Form der bürgerlichen Herrschaft. Der Kapitalismus und die Interessen der Reichen müssen vor den Ansprüchen des Volkes auf soziale Gerechtigkeit, Bildung und intakte Umwelt geschützt werden. Es ist dies mit demokratischen, parlamentarischen Mitteln nicht mehr möglich, dann entledigen sich diese Reichen der Demokratie, indem sie sich auf ein desperates, manipuliertes, gewaltbereites Fußvolk, einen gekauften Supreme Court und viel, viel Geldmacht stützen.

Wird Dylan noch einen Soundtrack zu einer Überwindung dieser Diktatur beisteuern können?

2 Antworten to “Bob Dylan und die „Zeitenwenden“”

  1. Avatar von Max Max Says:

    TOGETHER THROUGH LIFE

    nicht

    Together from ….

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