Mally plays Dylan

Das österreichische Blues-Urgestein hat im letzten Jahr ein wunderbares Dylan-Album veröffentlicht

Copyright: Timezone Records

Ja, es ist manchmal schon irre. Da beschäftigt man sich irgendwie eigentlich schon fast täglich mit Bob Dylan und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mit „Mally plays Dylan“ ein sehr schönes Dylan-Cover-Album verpasst. Und dass ich es jetzt doch entdeckt habe, habe ich dem tollen Blues- und Folkmusiker Biber Herrmann zu verdanken. Denn der hat mich für ein Konzert in meiner Americana-Reihe mit dem österreichischen Blues-Urgestein „Sir“ Oliver Mally in Kontakt gebracht. Ein Musiker, der in seiner Heimat sehr geschätzt wird und dort als der „beste Blues-Sänger des Landes“ („Die Presse“) bezeichnet und sogar zu den Vertretern des „besten Blues Europas“ (Musikzeitschrift „Concerto“) gezählt wird.

Trotz aller Lobeshymnen ist der Mann auf dem Boden geblieben. Ein herzlicher, lebensbejahender Musiker, der erst den Blues für sich adaptiert, und in den letzten Jahren sich verstärkt in Richtung Singer-Songwriter entwickelt hat. Und so vereint er mittlerweile das Beste aus beiden Welten. Er hat den Blues, das Gefühl dafür und den Drive und er erzählt Geschichten, die hörenswert sind. Beeinflusst ist er in Sachen Singer-Songwriting von Größen wie Steve Earle, Townes van Zandt und natürlich Bob Dylan, dem er eben im letzten Jahr ein ganzes Album gewidmet hat.

Wagna, nicht Wien

Denkt man an Österreich und Bob Dylan, dann denkt man natürlich unwillkürlich an Wolfgang Ambros und die besondere österreichische, Wiener Dylan-Rezeption, Stichwort „Austro-Bob“.

Mally jedoch ist kein Wiener, sondern kommt aus der Steiermark und lebt dort auch immer noch in der 6000-Seelen-Marktgemeinde Wagna. Er hat seinen eigenen Zugang zu Dylan. Er versucht, Dylans Songs sich persönlich anzueignen, in ihnen quasi heimisch zu werden. Sein Album ist kein lautes, sondern ein kluges, leises, voller Gefühl und Verständnis für Dylans Songideen.

Wenn er mit „One Too Mornings“ beginnt, sich auf den Weg durch das Album und die Dylan-Welt zu machen, so nimmt man ihm die Einsamkeit ab, sieht ihn etwas stockend und stolpernd nach vorne gehen, dabei stets zu wissen, dass er diesen, seinen Weg, gehen muss. „Blind Willie McTell“ gewinnt durch die Reduktion und Sparsamkeit im Arrangement. Mit Peter Schneider an der zweiten Gitarre kommt eine feine Bluesstimmung auf und Dylans pralles Panoramabild der amerikanischen Südstaaten wird in feine Skizzen unterteilt und gewinnt damit nochmals Eindringlichkeit.

Schöne, hörenswerte und ganz eigene Versionen von Dylans Klassikern

Das vielleicht schönste Stück der Platte – das Album gibt es ausschließlich auf Vinyl – ist „I Want You“. Ganz zerbrechlich, voller ehrlicher Hingabe, mit ein bisschen Ängstlichkeit, ob die Liebste denn auch so empfindet. „Girl From The North Country“ ist dann ein weiterer Höhepunkt. Auch hier gelingt es Mally, dass sich die melancholische Stimmung des Originals hier wiederfindet, ohne eine bloße Kopie zu sein. Martin Burböcks Akkordeon unterstützt diese melancholischen Erinnerungen an das Mädchen aus dem kalten Norden kongenial.

Nah am Dylan-Original, das ja ein Cover der Mississippi Sheiks ist, gerät Mally dann „Blood In My Eyes“. Ebenfalls eines der stärksten Stücke des Albums. Das Album schließt dann mit einem von, wie ich finde, Bob Dylans schönsten Songs. „Simple Twist Of Fate“, die sentimentale Ballade über zufällige und schicksalhafte Liebe, über kurze Begegnungen und lebenslange Erinnerungen. Auch hier schafft es der großartige Musiker Mally dieses Lied so anrührend zu spielen, dass die Hörenden von all den eigenen Erinnerungen an ähnliche Erfahrungen eingeholt werden. Das beste was man von einer Interpretation dieses Dylan-Originals sagen kann. Großartig!

Ruhig, fesselnd, großartig

„Sir“ Oliver Mally, Copyright: Wikimedia Commons

Als Bonustrack kommt dann noch „Blowin‘ In The Wind“, dass „Sir“ Oliver eigentlich gar nicht aufnehmen wollte, das dann aber aufgrund der guten Stimmung im Studio dann doch noch gespielt wurde. Und siehe da, Mally meistert es fantastisch, dieses an den Lagerfeuern der Welt niedergeschrammelte Stück wieder zusammenzusetzen. In einer ganz reduzierten, unpathetischen, unsicheren, wirklich fragenden Form, legt er seinen Gehalt frei. Hörenswert.

Ich bin so froh, dieses Album doch noch entdeckt zu haben. Es steht ganz gleichberechtigt neben den Dylan-Cover-Alben von so unterschiedlichen Künstlern wie Willie Nile, Joan Osborne oder Betty LaVette. Es ist ein ruhiges, stets fesselndes, ein großartiges Singer-Songwriter-Album geworden. Dafür müsste man „Sir“ Oliver Mally glatt nochmal zum Ritter schlagen.

Trackliste:

Seite 1:

  1. One Too Many Mornings
  2. Blind Willie McTell
  3. Love Minus Zero/No Limit
  4. I Want You

Seite 2:

  1. Girl From The North Country
  2. All I Really Want To Do
  3. Blood In My Eyes
  4. Simple Twist Of Fate
    Bonus Track: Blowin In The Wind

Zu beziehen ist das Album u.a. hier: https://sir-oliver.com/music/

Mehr Infos zu „Sir“ Oliver Mally: https://sir-oliver.com/


Nicht auf dem Album, aber auch sehr schön – Shelter From The Storm:


%d Bloggern gefällt das: