Brief an ein zerrissenes Land

Eric Bibbs Album „Dear America“ erscheint in wenigen Tagen. Der in der Greenwich-Village Szene um Bob Dylan groß gewordene Sänger legt ein unter die Haut gehendes Album vor.

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„Von wegen der Delta-Blues ist eher eine ernste und traurige Angelegenheit. Da Eric Bibb ihn mit viel Gospel-Soul und spirituellem Optimismus anreichert, bringt er so fast jeden Blues zum fröhlichen Hüpfen. Somit ist die Betriebstemperatur des Konzerts am Mittwochabend im vollbesetzten Saal der Centralstation von Anfang an wohlig. Der Mann hat sein Publikum im Griff. Schon nach wenigen Augenblicken klatschen die Besucher im Saal der Centralstation mit und lassen sich von Eric Bibb auf eine Reise in die Welt des Folk, Blues und Gospel mitnehmen“. Dies schrieb ich in einer Konzertkritik über Eric Bibbs Gastspiel in Darmstadt im Dezember 2013.

In der Tat habe ich diesen Mann damals als optimistischen und fröhlichen Menschen wahrgenommen. Seit vielen Jahrzehnten begeistert er weltweit mit seinen Folk- und Bluessongs und ist mittlerweile in Europa heimisch geworden.

70 Jahre alt geworden

Nun ist dieser temperamentvolle Folk- und Bluessänger im vergangenen Monat siebzig Jahre alt geworden. Und am 10. September erscheint sein neues Album „Dear America“. Aufgenommen wurde es im New Yorker Stadtteil Brooklyn im November 2019, als Bibb aus seiner Wahlheimat Schweden in die alte Heimat Amerika zurückkam. Und „Dear America“ trägt denn auch das Gefühl einer Heimkehr in sich und gehört, und das kann man jetzt schon sagen, sicherlich zu den allerbesten Alben seiner Karriere.

Wurzeln im Greenwich Village

Bibb, die Geschichte ist bekannt, stammt aus der progressiven Künstlerszene des Greenich Village in New York. Sein Vater, Leon Bibb, war schon Folksänger und war u.a. mit Pete Seeger gut befreundet, Erics Patenonkel war der legendäre Paul Robeson. Der junge Bob Dylan ging in diesem Haus ein und aus. Wie die meisten progressiven Amerikaner ist Bibbs Beziehung zu seinem Heimatland nicht frei von Brüchen. Als Afro-Amerikaner hat er den Rassismus am eigenen Leibe kenngelernt und kennt die gesellschaftliche Entwicklung in den USA von Sklaverei über Bürgerkrieg und Befreiung, Ku Klux Klan und Bürgerrechtsbewegung bis hin zu Black Lives Matter nur zu gut. Trotzdem liebt er dieses Land für dessen Glück- und Freiheitsversprechen, für den Optimismus, für die Hoffnung für die Amerika auch immer stand.

Und so macht er sich auf seinem neuen Album „Dear America“, das am 10. September erscheinen wird, viele Gedanken über dieses zerrissene Land. Bibb steht dabei ganz klar in einer Folktradition, die auch von Bob Dylan geprägt ist. Nicht umsonst hat Bibb über die Jahre immer wieder Dylan-Titel eingespielt. Von der Jugend-Hymne der 1960er, „The Times They Are Changin'“ bis hin zum religiös verorteten „Gotta Serve Somebody“. Und so wie Dylan auch macht sich Bibb unerlässlich Gedanken über  dieses Amerika.

Amerika zwischen dunklen Befürchtungen und unerschütterlichem Optimismus

Er geht dabei zurück zu den dunklen Kapiteln dieses Landes, indem er in einem Song „Emmetts Ghost“ beschwört. Den Geist von Emmett Till, der 1955 im Alter von 14 Jahren von weißen Rassisten im Süden ermordet wurde. Bob Dylan hat darüber ebenso ein Lied geschrieben wie Emmylou Harris. Nun ist es Eric Bibb der dafür sorgt, dass dieser Mord nicht vergessen wird. Till wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden.

Zu dem düsteren „Whole World’s Got The Blues“ sagt: „Man braucht nur die Nachrichten einzuschalten, und schon sieht man einen Konflikt nach dem anderen. Ich spreche von gewaltsamen Konflikten, die man natürlich auch Global sehen kann.“

Aber es gibt auch leichtere Kost, denn Bibb ist einfach einer, der immer wieder Optimismus versprüht.  Da ist das froh vorwärtstreibende Tuckern des Lokomotiv-Themas „Talkin‘ ‚Bout A Train“ oder der Opener „Whole Lotta Lovin'“, eine Hommage an die amerikanische Roots-Musik. „Es ist liebevoll und verspielt“, sagt er über letzteres. Ich wollte, dass „Whole Lotta Lovin'“ das Album eröffnet, denn wenn ich eine Sache an Amerika auswählen müsste, die ich für ein ungetrübtes und strahlendes Geschenk halte – ist es die Musik.“

Die Quintessenz des Americana

Und so legt Bibb mit 70 Jahren ein Album vor, das die Quintessenz allen Americanas sein könnte: Der immer noch vorhandene Glaube an das Glück und die Freiheit in Amerika und das Wissen, um all die Kräfte, die dafür sorgen, dass dies immer wieder auf’s Neue in Frage gestellt wird. Und das mit allen Mitteln. „Dear America“ erscheint am 10. September.

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