Hard Times (Come Again No More)

Wie ein Parlor Song zum Folksong wurde und Bob Dylan ihn aufgriff

„Let us pause in life’s pleasures and count its many tears
While we all sup sorrow with the poor
There’s a song that will linger forever in our ears
Oh, hard times, come again no more“

Stephen Foster, Hard Times (Come Again No More), 1854

Stephen Foster, Copyright: Wikimedia Commons

Kürzlich flatterte mir das Album „Smoke + Oakum“ der englischen Shanty-Folk-Band „The Longest Johns auf den Tisch. Feine Musik und mitten drin, da war ich überrascht – „Hard Times (Come Again No More)“.

Begegnung durch Dylan

„Hard Times (Come Again No More)“ ist mir – wie so vieles – zum ersten Mal über Bob Dylan begegnet. Durch sein 1992er Album „Good As I Been To You“, aber mehr noch durch seine Live-Darbietung beim TV-Special zum 60. Geburtstag von Willie Nelson 1993. Begleitet von seiner Tourband plus Marty Stuart an der Mandoline entstand dort ein wunderbares Stück Musik.

Hört man beide Dylan-Aufnahmen, so meint man dies sei ein uralter Folksong. Wenn man aber Folksongs als traditionelle Lieder des Volkes versteht, dessen Urheber nicht bekannt sind und durch die Zeiten mittels mündlicher Überlieferung gewandert sind und dadurch immer wieder Veränderung erfahren haben, dann ist „Hard Times“ eigentlich kein Folksong. Denn sein Urheber ist ganz genau bekannt. Es ist Stephen Foster, der auch gerne „Father Of American Music“ genannt wird. Er war so etwas wie der erste amerikanische Songwriter. Leider konnte er damals nicht davon leben. Die Zahlungen für Songrechte und Aufführungen waren lächerlich gering und Foster starb verarmt und krank 1864 im Alter von nur 38 Jahren.

Sein Schöpfer Stephen Foster

Foster stammte aus den Nordstaaten, hegte eine romantische Begeisterung für die Südstaaten und schrieb Lieder für die sogenannten Minstrel Shows, in denen oftmals Weiße sich das Gesicht schwärzten und sich mittels dumpf-rassistischer Späße über die Afroamerikaner lustig machten und erhoben. Fosters‘ Songs allerdings kamen ohne diese Ressentiments aus. Er war auch unter dem Einfluss von Harriet Beecher Stowe und ihrem Buch „Uncle Toms Cabin“ zu einem Gegner der Sklaverei geworden. Bekannte Minstrel Songs von ihm sind „My Old Kentucky Home“, aber auch „Camptown Races“ oder „Oh, Susanna!“. Songs, die zu wirklichen Volksliedern wurden.

Copyright: Victrola Records/ Archive.Org

Anders verhält es sich mit „Hard Times“, veröffentlicht erstmals 1854. Das Werk gehört zu den sogenannten „Parlor Songs“. Melodiös eigentlich ein Minstrel Song – Foster hatte die Melodie erstmals als Kind in einer afroamerikanischen Kirche gehört –  wurde es aber vor allem vorgetragen in musikalischen Salons und Soirees. Während die Minstrel Songs inmitten der Bespaßung breiter Bevölkerungsteile rasch Volksliedercharakter bekamen, nahm „Hard Times“ eine andere Wendung. Es wurde in den Salon der besser gestellten Kreise durchaus zu einem bekannten Lied. Es hat eine sehr schöne Melodie und beschwört inmitten einer wirtschaftlichen Rezession 1854 mit gesetzter Poesie die Empathie mit den Armen und die Hoffnung auf die Überwindung der Armut. Das war wie geschaffen für das sozial und karitativ engagierte Bürgertum und ebenso für tief religiöse Gemeinschaften.

Frühe Aufnahmen im Salon-Stil

Die erste Audioaufnahme des Stücks fand 1905 mittels eines Wachszylinders der Edison Company statt, es singt und spielt „The Edison Quartet“. Auch hier ganz im Stil des bürgerlichen Salons. Von 1916 (Victor Mixed Chorus), 1919 (Louise Homer), 1928 (Nat Shilkret and The Victor Salon Group) und 1932 (Graham Brothers) sind weitere Aufnahmen dokumentiert.  Auch hier Salonmusik. Wichtig: Der Song entstand ursprünglich inmitten einer wirtschaftlichen Rezession Mitte der 1850er Jahre, nun wird er 1932 inmitten der „Great Depression“ wieder aufgelegt. Und auch 1938 während des „New Deal“ wird der Song von Frank Luther and The Lyn Murray Quartet aufgenommen.

Aber obwohl er Empathie und Sympathie für die Armen ausdrückt schafft es der Song nicht in den Kanon der fortschrittlichen Folkmusik in den 1930er und 1940er Jahre. Der Chronist hat keine Aufnahme des Songs von Woody Guthrie oder Pete Seeger gefunden. Erst viele Jahrzehnte später im vergangenen Jahr hat Arlo Guthrie den Song veröffentlicht. Seine Aussage, Woody hätte diesen Song sicherlich goutiert, lässt darauf schließen, dass der Song im Hause Guthrie keine Rolle spielte. Im Gegensatz zu einem anderen alten Song über die dunklen Seiten Amerikas. „A Picture From Life’s Other Side“, den Woody von seiner Mutter lernte und später aufnahm. Ebenso übrigens wie Hank Williams, Vernon Dalhart und andere. Der Song war ein früher Country-Klassiker, erfährt dann aber die umgekehrte Geschichte wie „Hard Times“. Während letzteres dieser Tage immer wieder gecovert wird, ist „Pictures Of Life’s Other Side“ etwas in Vergessenheit geraten. Die letzte aktuelle Version sang Hank Williams III vor ein paar Jahren in der Marty Stuart Show. Doch das ist eine andere Geschichte.

Vom Hit bei den Mormonen zum Folksong

Copyright: Festival Records

Kommen wir zurück zu „Hard Times“. Das Lied wurde interessanterweise unter den Mormonen in Utah ein riesengroßer Hit. Mitte der 1850er begeisterte sich deren weltlicher und religiöser Führer Brigham Young für das Lied. Es hielt Einzug in den festen Kanon der Lieder dieser Glaubensgemeinschaft, auch in abgewandelter Form in zwei Versionen: „Ditches Break Again No More“ und „Brighter Days in Store“ auch bekannt als „Brigham’s Hard Times Come Again No More“.

Doch wie fand der Song dann doch Einzug in das moderne Folk-Repertoire? Die Recherche findet den „Missing Link“. Es ist die Folksängerin und Songsammlerin Rosalie Sorrels. Die lange Zeit in Salt Lake City, Utah, lebende Sorrels nahm den Song 1961 auf ihr Album „Rosalie Sorrels Sings Songs Of The Mormon Pioneers“. Sie findet Anschluss an die US-Folkszene und tritt u.a. 1966 in Newport auf.

Irgendwie logisch, dass auch der bekannte „Mormon Tabernacle Choir“ den Song 1968 aufnimmt. Sein Siegeszug aber in der Roots-, Folk- und Countrymusik  beginnt 1979 mit der Version von Jennifer Warnes. Sie veröffentlicht auf ihrem Album „Shot Trough The Heart“, auf dem sie übrigens auch Dylans „Sign On The Window“ covert,  eine wunderschöne A-Capella-Version des Songs. Und ab den 1980ern ist der plötzlich voll da, wird fast jährlich aufgenommen. 1991 sind es „Kate & Anna McGarrigle and Families“ die den Song für ein Album mit Songs aus dem amerikanischen Bürgerkrieg einspielen. Hier mit Akkordeon als melodieleitendes Instrument. 1992 veröffentlicht ihn schließlich Emmylou Harris in einer Live-Aufnahme aus dem Ryman Auditorium vom Vorjahr. Nun ist er mitten in der Americana-Welt angekommen und Bob Dylan covert ihn dann im November 1992.

Copyright: Columbia Records

Der Song entwickelt sich seitdem zum Roots Hit. Die Liste seiner Interpreten ist illuster. Wir finden darunter u.a. Johnny Cash, Mavis Staples, Bruce Springsteen und Joan Baez. Zudem wird er auch von den Chieftains für den Irish Folk adaptiert. Hierzulande gehört er in einer hörenswerten Version zum Live-Repertoire des Folk und Blues-Singer-Songwriters Biber Herrmann und seiner Partnerin, der Liedermacherin Anja Sachs.

Und nun hat er eben auch Aufnahme auf dem neuen Album der englischen Folk-Band „The Longest Johns“ gefunden, die das Tempo anziehen und den Song in die Nähe des tanzbaren Irish Folk bringen. Doch er wird nie zum „Wild Rover“ der Pubs dieser Welt werden, dazu ist er einfach zu zart und fragil und die Hoffnung in zu ernsten Worten vorgetragen.

Was er aber bleibt: Er ist einer der schönsten Folk Songs überhaupt. Einer der aus den Salons über die Mormonen in der Folkszene landete und zum Americana-Klassiker wurde. Und auch hier wieder war Bob Dylan mit im Spiel.

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